Samstag, 27. März 2010

Francisco Franco. Geliebte Kinder werden zu Diktatoren

Wer war Francisco Franco? Genauer, was trieb diesen Tyrannen an? Mindestens 30.000 politische Gefangene wurden unter Francos Regime zwischen 1939 und 1945 nach Informationen des SPIEGEL in Spanien hingerichtet. Über eine Viertelmillion Republikaner wurde eingekerkert und gefoltert, eine halbe Million musste ins Exil fliehen. Noch 1946 befand Franco: "Es gibt keine Erlösung ohne Blut." (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13682558.html)
Wie ein Mensch dazu kommt, solche Verbrechen zu begehen, zeigen neuste Enthüllungen über Francos Kindheit, die seine persönliche Entwicklung offensichtlich stark bestimmte.

Franco wuchs mit vier Geschwistern in einer liberalen Familie auf. Sein Vater Nicolás Franco und dessen Frau Pilar führten eine liebevolle Ehe. Bei den Francos herrschte gegenseitiger Respekt. Jedem Familienmitglied wurde große Bewegungsfreiheit und Ausdrucksfähigkeit zugestanden. Keines der Kinder wurde geschlagen oder gedemütigt. Innerhalb der Familie gab es oft lebhafte, vielseitige und gefühlsbetonte Kommunikation. Auch das Zusammengehörigkeitsgefühl war allgemein sehr stark bei den Francos. In einer solch großen Familie blieb es auch nicht aus, dass Aufgaben des Alltags an die Kinder delegiert wurden. Schon früh lernte Franco so schon die Übernahme von Verantwortung. Franco selbst sagte einmal rückblickend gegenüber seinem offiziellen Biografen: „Es war schön, Kind dieser Eltern zu sein.“ Und im nächsten Satz berichtete er von den „tollen Gute-Nacht-Geschichten“, die ihm seine Mutter als Kind oft vorgelesen hatte.

Willkür, Brutalität und Gefühlskälte kennzeichneten den späteren Diktator Spaniens, der sich im Militär schnell nach oben gearbeitet und nach dem blutigen Bürgerkrieg die Macht übernommen hatte. Offensichtlich führt Liebe und Geborgenheit in der Kindheit zu politischen Wahn und Terror! Geliebte Kinder werden zu Diktatoren.

Liebe Leserin, lieber Leser, ich kann dich beruhigen und du wirst schon ahnen, dass ich die Wahrheit hier etwas verdreht habe. Verzeihe mir, falls ich dir einen Schrecken eingejagt haben sollte. Francisco Francos Kindheit war ein Albtraum! Sie war beherrscht von Gewalt, Wutausbrüchen des Vaters gegen Kinder und Frau, Hohn und Spott, Trunksucht, Ehebruch, Trennung der Eltern, Vernachlässigung, emotionalen Missbrauch und dem krankheitsbedingten Tod von seiner kleinen Schwester Paz. (siehe dazu und auch zur Kindheit anderer Diktatoren hier http://kriegsursachen.blogspot.com/2008/10/31-ein-kurzer-abriss-ber-diktatoren-und.html) Seit einigen Jahren befasse ich mich u.a. mit der Kindheit von Diktatoren und Kriegstreibern. Bei keinem einzigen fand ich eine liebevolle Kindheit. Ob Wilhelm II, Napoleon Bonaparte, Mussolini, Ceauşescu, Slobodan Milosevic, Hitler, Stalin, Saddam Hussein oder George W. Bush (um einige zu nennen), sie alle zeichnet eines aus: Sie hatten eine traurige Kindheit, die von erheblicher Gewalt und Entbehrungen bestimmt war.

„Zu einfach, diese Erklärungen sind zu vereinfacht!“, magst du jetzt denken. Erinnere dich daran, was du beim Lesen meiner kleinen Schwindelei oben gedacht und gefühlt hast. Glaubst du ernsthaft, dass geliebte Kinder zu Diktatoren werden?

Freitag, 26. März 2010

Kriegsheimkehrer: Militarisierung des Zivilen

"Schätzungsweise 300.000 US-Veteranen leiden an PTBS. (Anmerkung: Posttraumatischer Belastungsstörung) (...) Im Jahr 2009 starben mehr US-Soldaten durch Suizid (334) als auf dem Schlachtfeld im Irak (149). Schon 2008 stellten Militärärzte fest, dass jeden Monat 1000 Veteranen versuchen, sich das Leben zu nehmen. Weit über 100 Ex-Kämpfer aus dem Irak und aus Afghanistan sind durchgedreht und haben Menschen getötet; ein Drittel der Opfer waren Freundinnen, Ehefrauen oder andere Familienmitglieder."
(SPIEGEL-Online, 25.03.2010, "Dämonen im Kopf")

siehe zu diesem Thema in diesem blog: "(demoralisierte) Soldaten und ihre Familien"

Dienstag, 23. März 2010

katholische Kirche, Kindesmissbrauch & eigene emotionale Verstrickungen

Kindesmissbrauch und Kirche. Merkwürdiges geht da vor in den Medien. Wie so oft, wenn es um das Thema Kindesmissbrauch geht. In den letzten Wochen flutete eine Welle von Artikeln und medialen Beiträgen durch die Öffentlichkeit, oftmals mit sehr viel Wortgewalt. Worum geht es? „Heilige“ katholische Kirchenmitglieder missbrauchten und missbrauchen Kinder. Und die Kirche verdrängte, wehrte ab, schwieg, schützte Täter. Das erhitzt zu Recht die Gemüter.

Was bei der Diskussion vordergründig auffällt ist das Thema Sex und Zölibat. Und genau das hat hier so gar überhaupt nichts zu suchen! In jedem vernünftigen Fachbuch über Kindesmissbrauch steht: „Kindesmissbrauch ist eine sexuelle Form von Gewalt“. Oder wie es einmal eine Betroffene ausdrückte: "Vergewaltigung ist nicht Sex; denn wenn Dir einer mit 'ner Bratpfanne eines überzieht, würdest Du das auch nicht als Kochen bezeichnen." Sehr deutliche Worte findet auch der amerikanische Psychoanalytiker Robert J. Stoller in seinem Buch mit dem bereits alles sagenden Titel: „Perversion: Die erotische Form von Hass“. Die „Pädophilen“ lieben also keine Kinder, wie diese Bezeichnung an sich es vermittelt, sondern sie hassen Kinder, sie wollen sie zerstören, sie entmenschlichen, sie demütigen, ihr Leid und ihre Angst sehen. Kindesmissbrauch als „Sex“ oder „Liebe“ zu bezeichnen ist übrigens wortgleich die Sprache der Täter, eine Sprache, die die Wahrnehmung der Opfer oft auf Dauer verzerrt, da sie selbst die Handlungen nicht einordnen können, sind sie doch Kinder, wenn es geschieht. Diese Sprache findet sich jetzt leider all zu oft in der Besprechung des Themas wieder.

Die Wurzeln dieses Hasses liegen wiederum in der Kindheit der Täter selbst, schreibt Stoller. Prof. Dr. med. Peter Riedesser - der leider verstorbene, ehemalige Inhaber des Lehrstuhls für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und Direktor der Klinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf - sagte während einer Rede am 09.10.2000. „Die misshandelnden Eltern von heute sind die misshandelten Kinder von gestern, die traumatisierten Kinder von heute sind die potentiellen Täter von morgen.“ (http://www.uke.de/kliniken/kinderpsychiatrie/index_4899.php) Auch andere Kindheitsforscher wie die Bestsellerautoren Alice Miller, Arno Gruen oder Lloyd deMause weisen seit Jahren auf diese Zusammenhänge hin. Also gilt auch: Die missbrauchenden Priester sind die missbrauchten Kinder von gestern. Nicht das Zölibat oder die „Liebe“ zu Kindern treiben sie, es ist der angestaute (oft abgespaltene) Hass aus ihrer eigenen Kindheit, der sich an den Kindern von heute entlädt und wiederaufgeführt wird.

Mich stört diese Vermischung von Sex und Gewalt in den Medien, einfach weil diese Vermischung falsch ist, viel von Unaufgeklärtheit zeugt und auch die Blindheit der Gesellschaft bzgl. dieses Themas an sich deutlich macht. Mich stört noch viel mehr, dass kaum jemand die tieferen Ursachen solcher Taten in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert. Man hält sich mit Oberflächlichkeiten auf, lenkt den Blick auf Dinge, die nebensächlich sind und in ein paar Wochen wird ja sowieso wieder alles in Vergessenheit geraten (ähnliches findet regelmäßig nach Amokläufen statt).
Der SPIEGEL hat aktuell 250 Verdachtsfälle sexueller Übergriffe durch Geistliche in Deutschland dokumentiert. (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,684769,00.html) Die Dokumentation beginnt dabei Ende der 60er Jahre. Der Vatikan hat nach eigenen Angaben seit 2001 von rund 3000 Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche aus den vergangenen 50 Jahren erfahren, schreibt die Süddeutsche Zeitung. (http://www.sueddeutsche.de/politik/682/505869/text/3/) Diese Zahl gilt wohlgemerkt nicht für Deutschland, sondern für die gesamte katholische Kirche.

Mir scheint im Angesicht dieser „relativ“ niedrigen Zahlen die ganze Diskussion mächtig überladen und überhitzt zu sein. Natürlich wird es hinter diesen Zahlen ein erheblich größeres Dunkelfeld geben. Natürlich sollte den Opfern zugehört und beigestanden werden. Das alles ist keine Frage.
Fest steht jedenfalls nach dem aktuellen Forschungsstand, dass der sexuelle Missbrauch ein sehr weit verbreitetes Phänomen ist, das in allen Gesellschaftsschichten vorkommt. Die Vermutung liegt demnach nahe, dass auf dem Sonderfeld „Missbrauch in der Kirche“ viel in der Öffentlichkeit ausagiert wird, was eigentlich mit eigenen Kindheitserfahrungen zusammenhängt. Denn die bisherigen Zahlen rechtfertigen keine groß angelegte, wochenlange Medienkampagne, welche somit emotionale Gründe haben muss.

Gewalt gegen Kinder speziell innerhalb von Familien ist das größte Gewaltproblem weltweit, noch vor Kriegen und allem anderen. Doch trotz dieser Tatsache gab es in der Vergangenheit keine wochenlange ausführliche Berichterstattung mit Titelthemen und Schlagzeilen, die sich diesem Problem in seiner ganzen Dimension und Vielschichtigkeit annahm. Zu tief scheint die Angst davor, die eigenen Eltern anzuklagen. Zu viele Wunden wollen vergessen und nicht angerührt werden. Wenn dann aber über Missbrauch in der Kirche gesprochen wird, kann man seine Emotionen für ein kleines Zeitfenster lang heraus lassen. Das öffentliche Entsetzten und Schimpfen, das Anklagen, teils die Hysterie um den Missbrauch in der Kirche hat viel mit dem zu tun, was wir als Kind selbst an Leid erfahren haben, davon bin ich überzeugt. Dies verschafft uns kurzweilig eine Erleichterung, ohne etwas auf uns selbst beziehen zu müssen und ohne den Deckel zu weit zu öffnen, der auf dem inneren, emotionalen Abgrund liegt.
Es wird Zeit, dass über Kindesmissbrauch, Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung ausführlich und vernünftig in den Medien gesprochen wird. Es wird Zeit, diese Dinge nicht in einem Außenfeld (z.B. irgendwo im Vatikan) fest zu machen, sondern auf uns selbst zu schauen. Dies könnte vielleicht helfen, eine ganze Menge in Bewegung zu setzen. Ein hysterischer Zeigefinger auf die „scheinheilige“ Kirche ist dagegen wenig hilfreich.