Samstag, 5. Juni 2010

"Du weinst doch nicht?"

Auf der Suche nach aktuellen Zahlen zu weiblichen Täterinnen bei sexuellem Missbrauch bin ich auch auf einen erschütternden Bericht gestoßen. Betroffenenbericht von „Mona“:
„Das Gesicht meiner Mutter ist ganz nah. ‚Du weinst doch nicht?‘ Sie schlägt meinen Kopf auf den Boden und wiederholt freundlich: ‚Du weinst doch nicht, oder?‘ Es ging ihr nicht darum, mir das Weinen zu verbieten. Sie wollte, dass ich Schmerzen litt und nicht mehr wusste, dass es mir weh tat. Ich sollte lachen, während sie mich quälte. Ich sollte verrückt werden. Das ist ein Stück aus dem Alltag mit meiner grossen Feindin, meiner Mutter. Das ist Teil der sexuellen Ausbeutung. Vor niemandem hatte ich so maßlose Angst wie vor meiner Mutter. Sie kannte mich viel besser. Sie besaß mehr Druckmittel. Sie konnte viel weiter gehen. Sie gab mir zu essen oder verweigerte es mir. Sie wusch mich oder tauchte mir den Kopf ins Wasser. Sie brachte mich ins Bett oder sperrte mich aus der Wohnung. Darüber hinaus war sie den ganzen Tag mit mir allein. Sie konnte mich schlagen, mir Brandwunden zufügen, mich in den Schrank sperren, mich zwingen, stundenlang still zu stehen, und sie konnte mich jederzeit berühren. Sie hatte Zeit. Sie hatte Zeit, zu warten bis meine Kraft nachliess; Zeit ihre Drohungen auszukosten. Ich fühlte mich wie ein Tier auf dem Sprung. Der Tag war eine graue Masse: warten auf den Mittag, warten auf den Abend, warten auf den Morgen, warten bis jemand hereinkam, dann war ich sicher.“ http://www.dgfpi.de/tl_files/bundesverein/praevention/2004_02.pdf (Seite 9)

Ich suche solche Erfahrungsberichte schon länger nicht mehr gezielt, da es der eigenen Psyche nicht gut tut, so etwas zu oft zu lesen. Meine Erfahrung mit dem Thema Gewalt gegen Kinder ist, dass es keine Grenze an Schrecklichkeiten gibt, keinerlei Grenzen nach oben. Immer wieder bin ich in den letzten Jahren auf Berichte gestoßen, die mich sehr erschüttert haben. Die eigene Vorstellungskraft reicht nicht aus, um sich das ausdenken zu können, was die Realität an Grausamkeiten bietet. Der oben beschriebene Fall ist ein extremer Fall. Kaum jemand kann sich allerdings vorstellen, dass auch solche extremen Fälle keine Einzelfälle sind, auch heute noch, hier in Deutschland. Je weiter man den Blick in die Geschichte wagt, desto mehr „Extremfälle“ findet man in der breiten Masse der Betroffenen von Gewalt, das hat mir Lloyd deMause in seinen Beiträgen deutlich vor Augen geführt. Umso mehr verwundert es auch nicht, dass parallel dazu die politischen Grausamkeiten und der Wahnsinn sich, je weiter man in die Geschichte zurückblickt, steigert.

Ich kann mir über „Mona“ kein Bild machen, da ich diese Frau nicht kenne. Jedem muss aber klar sein, dass solche Erfahrungen tiefe Spuren hinterlassen. Mona hat offensichtlich Hilfe gesucht und spricht über ihre leidvollen Erfahrungen. Das ist der Weg, um wieder ins Leben zu finden und Destruktivität zu reduzieren. Viele suchen keine Hilfe, viele reden nicht über ihre Erfahrungen, sondern schließen diese hinter sich zu. Gerade auch in früheren Zeiten gab es so etwas wie Therapie oder psychosoziale Betreuungsangebote gar nicht. Selbst wenn die Menschen reden wollten, gab es gar keinen Rahmen dafür. Wen wundert es da, dass die Gewalterfahrungen auf anderen Bahnen wiederaufgeführt wurden und werden, z.B. in Kriegen. Das Verhalten der Menschen erzählt uns etwas über das Ausmass des Terrors, den sie einst als Kind erlebt haben müssen. (Z.B. Amokläufer, Selbstmörder, Drogenabhängige usw. usf.) Wir befinden uns letztlich immer noch in einem Prozess, in dem die Gesellschaft Stück für Stück die Augen öffnet, öffnen muss. Der unverstellte Blick ohne Scheuklappen zurück auf das, was unsere Vorfahren und wir selbst an Gewalt erfahren haben, ist notwendig, um zu verarbeiten und um Zukunft konstruktiv und friedlich zu gestalten.

Das o.g. Beispiel zeigt auch eindrucksvoll den fatalen psychischen Prozess, der durch Gewalt gegen Kinder erzeugt wird und werden soll. „Du weinst doch nicht?“, sagt die misshandelnden Mutter. Will heißen: „Du fühlst doch keinen Schmerz, wenn ich Dir Gewalt antue. Ich bin doch Deine Mutter, ich liebe Dich und Du liebst mich. Das, was ich mit Dir tue, ist keine Gewalt und Du fühlst auch keinen Schmerz.“
Kinder können solch eine Situation nur aushalten, wenn sie ihre Gefühle abspalten. Dieser Moment ist die Keimzelle der meisten menschlichen destruktiven Verhaltensweisen, die wir auf unserem Planeten vorfinden. Wir erinnern uns auch: Gewalt gegen Kinder ist das häufigste Gewaltdelikt, das in menschlichen Gesellschaften existiert.


Ich erwähnte oben, dass ich nach aktuellen Zahlen suchte. Wie würden die meisten Menschen antworten, wenn sie gefragt würden, wie viel Prozent der TäterInnen bei häuslicher Gewalt ihrer Einschätzung nach männlich und weiblich sind? Ich vermute, die meisten würden hohe Prozentzahlen bei den Männern angeben. Dabei zeigen die Zahlen, dass mindestens über 50 % der TäterInnen bei der körperlichen Kindesmisshandlung Frauen sind. Beim sexuellen Missbrauch schwanken die Zahlen zwischen 1,5 % und 30 % weibliche Täterinnen, je nachdem ob man vom Hellfeld ausgeht oder verschiedene Dunkelfeldstudien und ExpertInneneinschätzungen berücksichtigt. Die Frauenbewegung hat große und notwendige Fortschritte erzielt, was die Wahrnehmung von männlicher, häuslicher Gewalt angeht. Die Berichte, die auch weibliche Täterinnen fokussieren, häufen sich langsam in den letzten Jahren (Ein aktuelles Beispiel: "Wenn Mütter sich an ihren Kindern vergehen."). Auch hier stehen wir vor einem notwendigen Aufklärungs- und Bewusstseinsprozess. Erst wenn alles auf dem Tisch ist, kann die Gesellschaft nachhaltig verarbeiten, aufarbeiten und umfassende Präventionsarbeit leisten.

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