Sonntag, 29. April 2012

Walter Hävenick: "Schläge" als Strafe. (Ein Stück deutsche Kindheitsgeschichte)


Der Volkskundler Walter Hävernick hat in den 60er Jahren die wohl bis dahin erste relativ umfassende Studie zum Ausmaß der elterlichen Gewalt gegen Kinder in Deutschland durchgeführt:
Hävernick, Walter (1970): „Schläge“ als Strafe. Ein Bestandteil der heutigen Familiensitte in volkskundlicher Sicht. Museum für Hamburgische Geschichte. Hamburg. 
Wer im Internet sucht, wird über diese Studie nicht wirklich viele Details finden. Insofern möchte ich hiermit dieser wichtigen Arbeit ihren Raum geben und Interessierten die Ergebnisse ausführlich vorstellen. Das Besondere an der Arbeit ist, dass auch eine Befragung von 97 Familien stattfand, die das Gewalterleben  1910/1937 erfasste. Für die gesamte Studie liegen insgesamt Daten von 668 Hamburger Familien vor, die sich wie folgt aufschlüsseln:


Hävernick Erhebung A
97 Familien für die Zeit 1910/1939

Hävernick Erhebung B
78 Familien für die Zeit 1945-1962

Hävernick Erhebung C
22 Familien befragt beim St. Pauli Bürgerverein 1962

Hävernick Erhebung D
237 Familien; Befragung bei den Maschinenbauerlehrlingen (Alter 15,5 bis 20 Jahre) der Firma Heidenreich & Harbeck in Hamburg; 04. Oktober 1961

Burwick Erhebung E1
108 Familien; Befragung in der Hamburger Schule Holstenwall 14 Oktober 1960; nur Jungen

Burwick Erhebung E2
126 Familien; wie E1 aber Datum November 1962; Jungen und Mädchen


Zwei wichtige Hinweise bzgl. der Begriffe:

Der Autor spricht in seiner Studie vor allem von den Gewalterfahrungen der „Jugend“. Darunter fasst er vor allem die jungen Menschen ab dem 10. Lebensjahr bis zur damaligen Mündigkeit von 21 Jahren. Die Altersjahrgänge 6-9 wurden je nach Möglichkeiten mit einbezogen (Anmerkung: Wobei ich in dem Buch keine Angaben unter 8 Jahren gefunden habe!). Die Lebensphase vor dem 6. Lebensjahr wird in der Studie gezielt und komplett außen vor gelassen.
Definition „Schläge“ als Strafe: Hierunter versteht der Autor ausschließlich „planmäßig vollzogene Bestrafungen durch Schläge auf das Hinterteil, vollzogen sowohl mittels der flachen Hand als auch durch bestimmte Instrumente. Absolut ausgeschlossen bleiben jedoch alle Arten der einzelnen, schnellen Schläge ins Gesicht, an den Kopf oder an andere Körperstellen (…)“, da dies – so der Autor – „schnelle, fast unbewusste Reaktionen“ darstellen würden, die nicht planmäßige Strafen wären. (vgl. S. 16) Hävernick meint, dass „Schläge als Strafe“ (als Erziehungsstrafe) und „Kindesmisshandlung“ (die „roh und quälerisch“ und nach damaligen StGB § 223b verboten ist) klar voneinander zu unterscheiden sind. (vgl. S. 41f) Demnach betrachtet er – dem Zeitgeist entsprechend -  die in seiner Untersuchung festgestellten Gewalterfahrungen nicht als schädlich, gesetzeswidrig oder als schwere Formen, die der Kindesmisshandlung entsprechen, was aus unserer heutigen Sicht sicher deutlich anders zu betrachten wäre.
Der Autor hat außerdem bzgl. der Befragungen A und B versucht, die „planlosen Züchtigungen“ zu ermitteln:  4 % (A) und 5 % (B). (vgl. S. 63) Diese wurden laut Definition von „Schlägen“ also nicht in die Statistik aufgenommen, insofern werde ich sie in Klammern unten ergänzen.

Ergebnisse bzgl. des Gewaltverhaltens:

Erhebung A (1910/1939):
11 % erlebten nie Schläge in ihrer Familie
89 % erlebten Schläge (+ 4 % „planlose Züchtigungen“ würde 93 % ergeben)
49 % erlebten Schläge mit dem Rohrstock

Erhebung B (1945-1962):
20 % erlebten nie Schläge in ihrer Familie
80 % erlebten Schläge (+ 5 % „planlose Züchtigungen“ würde 85 % ergeben)
35 % erlebten Schläge mit dem Rohrstock

Erhebung C
14 % erlebten nie Schläge in ihrer Familie
86 % erlebten Schläge
22 % aller Züchtigungen erfolgten mit dem Rohrstock (Achtung: Nicht 22 % aller Befragten erlebten dies, die Angaben des Autors sind hier anders als unter A und B)

Erhebung D (Alter 15,5 bis 20 Jahre)
Falls sie mal „etwas ausfressen“ müssen 13 % damit rechnen, Schläge auf den Hosenboden zu bekommen, 14 % gaben keine Antwort, 73 %rechneten nicht mit Schlägen
82 % meinten, dass Schläge „unter vier Augen“ nicht entehrend wären
71 % hielten elterliche Strenge in der Erziehung für notwendig.
36 % meinten, dass – im Ausnahmefall – Schläge richtig und wirksam sind (die meiste Zustimmung kam dabei von denjenigen, die selbst zu Hause mit Schlägen rechneten oder in deren Familie ein Rohrstock breitgehalten wurde.)

Erhebung E1
80 % der 8 Jahre alten Jungen erlebten Schläge
80 % der 11 Jahre alten Jungen erlebten Schläge
52 % der 14 Jahre alten Jungen erlebten Schläge
Die 16 Jährigen Jungen schwiegen sich über aktuelle Gewalterfahrungen aus, insofern kamen nur frühere Erfahrungen zur Sprache:
98 % erlebten Schläge im Alter von 10 Jahren (Anmerkung: Diese Zahl hält Hävernick auf Grund des „mitreißenden Gruppengeistes“ nicht für glaubhaft.)
60 % erlebten Schläge im Alter von 12 Jahren
44 % erlebten Schläge im Alter von 14 Jahren
(Nach Angaben der Lehrer waren die 16Jährigen bei den Angaben zu den Gewalterfahrungen im Alter von 14 Jahren sehr zurückhaltend, insofern werden hier höhere Zahlen vermutet. )

 Erhebung E2
62 % der 8 Jahre alten Jungen und Mädchen  erlebten Schläge 
72 % der 9 Jahre alten Jungen und Mädchen  erlebten Schläge
80 % der 11 Jahre alten Jungen und Mädchen erlebten Schläge
32 % der 14 Jahre alten Jungen und Mädchen erlebten Schläge
(Anmerkung: Wie wir heute wissen werden Jungen i.d.R. häufiger körperlich bestraft als Mädchen, dies erklärt wohl auch die im Vergleich zu E1 etwas anderen Zahlen für E2, da hier auch Mädchen in der Klasse saßen. Außerdem werden Befragungen in Klassen mit beiden Geschlechtern aus Schamgefühlen heraus evtl. andere Ergebnisse bringen.)
Von allen Züchtigungen wurden mit dem Rohrstock vollzogen (Zahlen nur für die Jungen):
40 % bei den 8 Jahre alten Jungen
54 % bei den 9 Jahre alten Jungen
13 % bei den 11 Jahre alten Jungen
11 % bei den 14 Jahre alten Jungen

Hävernick hat zusätzlich zu den „Schlägen“ (allgemein) und dem Schlagen mit einem Rohrstock andere „Züchtigungsgegenstände“ aufgeführt;  z.B.:
Ein „Ausklopfer“ wurde in 3 % (Erhebung A), 7 % (Erhebung B) und in 6 % (Erhebung E2) der Fälle von erfassten Züchtigungen benutzt.
Eine Peitsche wurde in 16 % (Erhebung A), 6 % (Erhebung B) und in 1,3 % (Erhebung E2) der Fälle von erfassten Züchtigungen benutzt.
Ein Riemen wurde in 1 % (Erhebung A), 7 % (Erhebung B) und in 1,3 % (Erhebung E2) der Fälle von erfassten Züchtigungen benutzt
Ein Kochlöffel wurde in 0 % (Erhebung A), 7 % (Erhebung B) und in 37 % (Erhebung E2) der Fälle von erfassten Züchtigungen benutzt

Verteilung: Väter und Mütter als Strafende:
Erhebung A: Väter: 39 % / Mütter: 61 %
Erhebung B: Väter: 31 % / Mütter: 69 %
Erhebung C: Väter: 40 % / Mütter: 60 %
Erhebung D:  ?
Erhebung E1: Väter: 34 % / Mütter: 66 %
Erhebung E2: Väter: 39 % / Mütter: 61 %


Analyse der Karikaturen in den „Fliegenden Blätter“
Für die Zeit vor 1910 konnte Hävernick logischerweise keine Daten mehr erfragen. Insofern wertete er Karikaturen aus den sogenannten „Fliegenden Blättern“ aus.  Da diese Blätter überall in Deutschland gelesen wurden und „deshalb in vielem auf die Psyche aller deutschen Stämme Rücksicht nahmen, können die daran zu machenden Beobachtungen ungefähr für die Verhältnisse in ganz Deutschland von Wert sein.“ (S. 58) Züchtigungen in den Bildern kamen in einem Spitzenwert im Jahr 1879 vor, der Wert sank dann bis 1899 stetig ab, um danach wieder leicht auf ca. das Niveau von 1869 anzusteigen. In seinem Buch hat der Autor hinten etliche dieser Bilder aufgeführt, die einen wirklich erschauern lassen (was der Autor übrigens nicht in dieser Hinsicht kommentiert, da ihn einfach nur die "Sitte" interessiert). Dass diese gewaltvollen Bilder, in denen Erwachsene hilflose Kinder durchprügelten,  damals offensichtlich als  belustigende Satire und Unterhaltung (und wohl auch Normvorgabe) gesehen wurden, lässt meiner Meinung nach Rückschlüsse auf das damalige emotionale Leben zu.
Besonders interessant ist, dass die Karikaturen, in denen Züchtigungen von Lehrlingen vorkamen, ab 1899 komplett verschwanden. Dazu passen reale gesellschaftliche Entwicklungen, wie das am 1. Januar 1900  im Bürgerlichen Gesetzbuch ausgesprochene Verbot von Züchtigungen des Dienstherrn gegenüber dem Gesinde. (vgl. wikipedia, „Körperstrafen“ ). Obwohl Lehrlinge noch bis 1951 dem Züchtigungsrecht des Lehrherren unterworfen waren, zeugen die gesetzlichen Entwicklungen von einer abnehmenden Toleranz und Praxis bzgl. der Züchtigung von Untergebenen in der Arbeitswelt, was wohl auch seinen Ausdruck im Verschwinden der Karikaturen fand.

Zustimmung der Eltern zu Körperstrafen durch Lehrer:
Hävernick hat dazu nicht selbst geforscht, er zitiert allerdings Umfragen, die er in seine Analyse miteinbezieht (und er fand diese offensichtlich so wichtig, dass die regionalen Unterschiede sogar in einem SPIEGEL Artikel, in dem die Studie vorgsetllt wurde, mit erwähnt wurden; vgl. DER SPIEGEL, 22.04.1964, „Züchtigung durch Mutter“). Eine Umfrage aus dem Jahr 1960 ergab, dass sich die Eltern in Westberlin zu 68 % für das Züchtigungsrecht des Lehrers bzw. die Prügelstrafe aussprachen, in Süddeutschland 57 %, in Westdeutschland 43 % und in Norddeutschland 41%. (vgl. S. 55) Er zitiert zusätzlich eine Umfrage aus dem Jahr 1955 in Westberlin, die – wohl auch auf Grund der Fragestellung - noch einmal höhere Zustimmungsraten ergab. Z.B. wollten 85 % der Berliner dem Lehrer die Züchtigung zwar nicht als regelmäßiges Erziehungsmittel, aber als ultima ratio zugestehen.
Wenn man von einem Zusammenhang zwischen elterlicher Züchtigung und der Zustimmung zur schulischen Züchtigung ausgeht, dann wäre Norddeutschland bzw. Hamburg auch im häuslichen Bereich damals die gewaltfreiste deutsche Region gewesen. Demnach wären die oben festgestellten – bereits erschütternden - Ergebnisse zum häuslichen Gewaltvorkommen in Hamburg die niedrigsten deutschen Werte und in anderen Regionen – vor allem in Berlin – wäre am meisten geschlagen worden! Dies ist natürlich Spekulation, allerdings wird deutlich, dass die ermittelten Werte aus den Hamburger Befragungen zumindest die realen Mindestwerte auch für den Rest Deutschlands nachweisen.

Besprechung und Kritik 

Für mich am interessantesten sind die Zahlen der Erhebung A (1910/1939), da diese Generation am Krieg beteiligt war. Diese Generation verzeichnet auch die meisten Schläge (89 %; + 4 % „planlose Züchtigungen“) und die heftigsten Formen (49 % erlebten Schläge mit dem Rohrstock; eine Peitsche wurde in 16 % der Fälle bezogen auf alle Züchtigungen angewandt) In dem o.g. SPIEGEL Artikel, der sich mit dieser Studie befasste, wurde zudem auf folgenden Punkt hingewiesen: „Die Qualität des beliebtesten Hilfsmittels, des Rohrstocks, hat mit der konservativen Schlag-Tradition nicht Schritt gehalten: Hävernick fand heraus, dass seit 1939 nur noch sogenanntes Halbglanzrohr verfügbar ist, dessen "durchziehende Wirkung" und Lebensdauer im Gegensatz zum früher benutzten Vollglanzrohr geringer ist.“ Entsprechend schmerzhafter waren die Schläge mit dem Rohrstock, der vor 1939 verwendet wurde. Diese Studie stützt also die Arbeit von Lloyd deMause (und er hat sie in seinen Arbeiten auch zitiert), der ein hohes Ausmaß diverser Formen von Gewalt gegen Kinder im Deutschen Reich um 1900 nachgewiesen hat, um daraufhin die späteren kriegerischen Entwicklungen und vor allem auch die NS-Zeit zu erklären.

Dementgegen lässt sich ein Trend des Gewaltrückgangs in den 60er Jahren feststellen und noch deutlicher ein Trend bzgl. der Abnahme der Strafen mit einem Rohrstock oder einer Peitsche. Historisch ist dies ein wichtiger Punkt im Verlauf der langsamen, „leisen“ Revolution, deren Ziel die komplett körperstraffreie Kindheit in Deutschland ist. Kurz nach Veröffentlichung der besprochenen Studie erfolgte Anfang der 70er Jahre der nächste bahnbrechende Schritt: Das Verbot jeglicher Züchtigungen von Schülern an Schulen.
Hävernick wird im SPIEGEL zitiert, wie er auf die Ergebnisse seiner Studie reagiert: "Wir waren platterdings plattgewalzt." Ich dachte daraufhin, dass dieser Forscher ein Herz für Kinder hatte und dass sein Buch eine Anregung dafür sein sollte, Kinder vor Gewalt zu schützen. Wer sein Buch ließt wird eines Besseren belehrt. Schon im Klapptext ist zu lesen: „Hier geht es um das, was Sitte ist – und wie im Rahmen dieser Sitte das häusliche Strafrecht „unter vier Augen“ gehandhabt wird. (…) Was die „Sitte“ den Eltern rät, kann normalerweise niemals den jungen Menschen in seiner Gefühlswelt oder in seiner Stellung zur Umwelt schädigen.“ Diesem Grundsatz bleibt der Autor im Buch treu. Er sieht keinen schädlichen Einfluss der Schläge (außer wenn sie als Kindesmisshandlung vorkommen, was er für selten hält;  Schläge inkl. mit Rohrstock sind für ihn ja auch keine Misshandlungen...) Ganz im Gegenteil: Hävernick vermutet sogar einen Zusammenhang zwischen dem Rückgang von Körperstrafen und einem gewissen Anstieg der Jugendkriminalität. (vgl. u.a. S. 58)
 
In seinem Schlusswort wird er noch mal deutlich: „Wenn man in Unkenntnis die „Munt“ (Anmerkung: Althochdeutsch für Vormund) im menschlichen Bereich als „autoritär“ beschimpft und darauf abzielt, auch hier „freiheitliche“ Gesinnung einzuführen, so würde das zu einer Verwahrlosung und Verelendung des hilflosen Nachwuchses führen. (…) Darum ist es reine Theorie, wenn man sich vorzustellen versucht, was geschehen würde, wenn es wirklich zu einem schnellen und gänzlichen Erlöschen der Sitte käme, ohne dass eine ähnliche Kraft an ihre Stelle träte. Ein solcher schrankenloser Individualismus würde für den Menschen (…) eine Katastrophe unbegrenzten Ausmaßes sein: ohne Rückhalt in einer Gemeinschaft seinesgleichen würde er im Kampf aller gegen alle sich gegenseitig ausrotten.“ (S. 159) Nun, nachdem die „Sitte“ der Gewalt gegen Kinder immer mehr zurückging und weiterhin zurückgeht, ist Deutschland immer friedlicher geworden, und wir sind weit davon entfernt, hierzulande einen Kampf aller gegen aller zu führen oder gar auf dem erneuten Weg zum totalitären Staat zu sein. Hävernicks Sicht auf die "Sitte" des Schlagens, die sicherlich viele Menschen seines Jahrgangs (er wurde 1905 geboren) geteilt haben, ist auf eine Art auch ein wichtiges zu analysierendes Detail dieser Studie. Sein fehlendes Mitgefühl für die geprügelten Kinder spricht Bände. Auch Brävernick wird wohl einst ein geschlagenes Kind gewesen sein, das seine Eltern idealisierte und dieser Idealisierung auch noch im hohen Altern treu blieb. Ein ganz klein wenig tauchte die Wut und Empörung bei ihm an einer Stelle des Buches auf, die gleichzeitig auch belegt, dass seine Mutter sicher nicht unbedingt herzlich mit ihm umgegangen war. Er behandelte zunächst die Frage, ob man vor 1910 überhaubt verlässliche Daten hätte bekommen können, da die Erinnerungen der Alten nicht mehr ganz zuverlässig und objektiv seien. In der Fußnote hängt Hävernick dann an: "Aus Unterhaltungen mit meiner Mutter, die fast 92 Jahre alt ist, weiß ich, wie weitgehend alles Unangenehme und Schwierige aus den frühen Erinnerungen weggewischt worden ist. Sie sieht die Jugendzeit ihrer Söhne nur noch als Idealbild." (S. 57)



 
 
 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das scheint eine sehr detaillierte Studie zu sein. Mich würde interessieren, ob sie auch Auskunft darüber gibt, wie häufig und wie intensiv solche Strafen ausgeführt wurden.

Sven Fuchs hat gesagt…

So weit ich mich an das Buch erinnere, wurde die Häufigkeit nicht extra ermittelt (sonst hätte ich das aufgenommen). Allerdings hat der Autor nur die Schläge aufgenommen, die er als der Sitte entsprechend bzw. als selbstverständliches "natürliches" Erziehungsmittel ansah. Insofern gehe ich nicht davon aus, dass die ermittelte Gewalt i.d.R. selten oder nur in Ausnahmen stattfand.

Bzgl. der Schwere der Gewalt hat er ja Schläge mit Gegenständen gesondert aufgeführt (siehe im Text). Dies ist auf jeden Fall eine schwere Form von Gewalt. Ansonsten entspricht die Studie nicht den Ansprüchen der Gewaltforschung von heute mit ihren genauen Unterteilungen von verschiedenen Gewaltstufen und Häufigkeiten.

Andreas hat gesagt…

Die Untersuchung zeigt, wie sehr sich im sozio-kulturellen Kontext die Bewertung körperlicher Züchtigung wandelt. D.h. auch, wenn heutzutage Kinder körperlich gezüchtigt werden, bewerten sie selbst das in viel höherem Maße als Mißhandlung, somit als unzulässigen Übergriff und leiden sehr viel stärker darunter als in den vorangegangenen Jahrzehnten, als eine solche Erziehungsmethode praktisch alle betraf und in diesem Zusammenhang "gewöhnlich" war.

In den 50er und frühen 60er Jahren waren Schläge gemeinhin noch sittlich akzeptiert und damit gesellschaftlich auch normiert und nicht als Mißhandlung eingeschätzt.

Die Interpretation erzieherischer Aktivität hängt somit immer vom jeweiligen Zeitgeist und den damit zusammenhängenden Wertekontext ab.

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo Andreas,

grundsätzlich richtige Anmerkung, mit einer Einschränkung, wie ich finde.

Wenn wir uns heute ein kind vorstellen und eiens, das in den 50er jahren lebte, beide erleben das gleiche Ausmaß der Gewalt, dann hat dies für beide die gleichen negativen Folgen, es erzeugt die gleichen Ängste und Schamgefühle usw.

Dem Kind aus den 50er jahren wird es aber leichter fallen, die Gewalt umzudeuten oder das Erlebte innerlich zu verschließen, weil die Gewalt als "normal" galt.

Will sagen: kindliche Psychen sind immer gleich, ob heute, in den 50ern oder vor 300 jahren. Alle Kinder erwarten von Eltern Liebe, Fürsorge und Schutz und nicht das Gegenteil. Für alle Kinder aller Zeiten ist Gewalt schädlich.

Anonym hat gesagt…

Klaus Horn beschäftigt sich in seinem Buch "Dressur oder Erziehung" intensiv mit diesem Werk und analysiert die Folgen der gewaltsamen Erziehung, die sich auf eine mythische Sitte beruft, wie bei Hävernick. Interessante Lektüre, so mein Eindruck.

Sven Fuchs hat gesagt…

Danke für den Hinweis :-)