Montag, 22. Dezember 2014

IS-Terroristen: "Biografien der Vorhölle"

DER SPIEGEL hat in seiner Ausgabe Nr 49/2014 (vom 01.12.2014) unter dem Titel „Biografien der Vorhölle“ ein Interview mit dem Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Andreas Krüger veröffentlicht. Das Interview war äußerst erstaunlich. Erstaunlich gut. Ich kann mich im Grunde nicht wirklich erinnern, wann ich zuletzt ein so klares Statement bzgl. den Ursachen von Gewalt in einem großen deutschen Blatt gelesen habe. Noch dazu bzgl. „politischer Gewalt“, denn Krüger bezieht sich im Interview auf den Terror durch IS-Kämpfer.
Er sagte u.a. folgenden für mich bedeutsamen Satz: "Die dauerhafte Erfahrung von traumatischer Ohnmacht ist letztlich die Essenz, aus der heraus es einem Menschen erst möglich wird, sadistisch gewalttätig zu werden." Der Psychiater spricht davon, dass Kinder von Natur aus die Anlage haben, Empathie und Mitleid zu entwickeln. Dieses "natürliche Programm" käme aber zum Erliegen, wenn das Leben von Kindern (und deren wichtige Beziehungen) unerträglich ist und schwer beschädigt wird. Bzgl. den IS-Kämpfern und deren Gewaltverhalten meint er, dass i.d.R. dahinter eine "frühe, hochkomplexe Traumatisierung" stecke: "Misshandlungen, Vernachlässigung, Demütigungen, Ausgrenzung - in der Familie, der Schule, der Peergroup, einem ganzen Land." Die Erfahrungen, Konflikte friedlich zu lösen, würden schlicht fehlen.

Und jetzt mein Weihnachtswunsch für dieses und die kommenden Jahr(e): Große Medien wie der SPIEGEL sollten solche Ansätze wie genannt einmal mit ausführlichen Recherchen ergänzen. Zahlen zum Ausmaß der Gewalt gegen Kinder in Kriegsgebieten und gescheiterten Staaten, Interview mit Arno Gruen, Studien bzgl. der Kindheiten von Terroristen und Gewalttätern, bis hin zu den Kindheiten der NS-Generation.  Daraus ließe sich ein mehrseitiges Titelthema gestalten und ich bin sicher: Dann wäre aber was los hier im Land!

Montag, 1. Dezember 2014

Forschungsprojekt im Libanon: Islamistische Terroristen hatten furchtbare Kindheiten

Die beiden Schwestern Nancy und Maya Yamout haben im Roumieh-Gefängnis von Beirut 20 verurteilte Terroristen (darunter auch Mitglieder der IS, Nusra-Front und der syrischen Qaida) innerhalb von zwei Jahren interviewt, um herauszubekommen, warum sie sich radikalisierten.

Auffällige Gemeinsamkeiten der Terroristen waren:

- Keiner kannte sich mit Religion aus. Sie hatten oberflächliche Kenntnisse über den Islam.

- „Große Ähnlichkeit gab es bei den Kindheitsgeschichten. Keiner der 20 Terroristen kam aus einem normalen Elternhaus. Ihre Väter prügelten, demütigten und instrumentalisierten sie. Der Vater eines Terroristen drückte Zigaretten auf seinem Sohn aus. Die kreisrunden Narben auf dem Arm des Häftlings zeugen immer noch davon. Ein anderer Vater war Kämpfer im libanesischen Bürgerkrieg. Für seine Kinder war er nicht da. Die mussten schon als Achtjährige mithelfen - Waffen reinigen und Leichenteile einsammeln. (…) In Terrorgruppen fanden die verstörten Jugendlichen und jungen Männer ein neues Zuhause.“ (Spiegel-Online, 01.12.2014, "Interviewreihe mit Dschihadisten: Besuch im Terroristenknast" (von Raniah Salloum) )



(Die Ergebnisse von diesem Projekt gleichen denen der BKA-Studie "Die Sicht der Anderen".)

Samstag, 29. November 2014

Kindheit von André Stern. Oder: Der fehlende Schulbesuch war nicht der bedeutendste Faktor

Ich bin schon mal auf André Stern und dessen Kindheit durch Blogleser aufmerksam gemacht worden. Zudem tauchen Hinweise auf ihn und seine Kindheit auch hin und wieder in Onlinediskussionen bzw. Kommentaren von Medienartikeln  auf, die ich hier und da verfolgt habe.

Ich habe mir dann Vorträge von André Stern - er spricht auch deutsch - online (u.a. auch auf seiner Homepage) angeschaut, um ein genaueres Bild zu bekommen. Und jetzt habe ich auch das Buch „Mein Vater mein Freund“ (Meine Ausgabe 2014, veröffentlicht im Verlag Zabert Sandmann), das André zusammen mit seinem Vater Arno Stern geschrieben hat, durchgesehen.

André Stern scheint für viele Menschen und auch Medien vor allem  interessant zu sein, weil er als Kind nie zur Schule ging und offensichtlich trotzdem ein sehr intelligenter, kreativer, selbstbewusster, konstruktiver und vielseitiger Mensch geworden ist. (In Frankreich gibt es keine Schulpflicht und André blieb zu Hause bei den Eltern und empfindet dies als reines Glück.) Wobei Viele, die ihn interviewen oder gar von ihm schwärmen Tendenzen in die Richtung zeigen, dass André sich gerade weil er nicht zur Schule ging besonders gut entwickeln konnte.
Für mich persönlich ist die Tatsache, dass André nie zur Schule gegangen ist (und durch die er öffentlich bekannt wurde), nicht der wesentliche Punkt, warum ich mich für seine Biografie interessiere. Noch neugieriger war ich auf den Umgang der Eltern mit ihm. Denn André wirkt auf mich derart lebensbejahend, ungefährlich und wach, dass rein die Tatsache, dass er nie zur Schule ging, da meiner Auffassung nach nicht der entscheidende Punkt war. Liesst man das o.g. Buch, bestätigt sich schnell, dass André in keiner gewöhnlichen Familie aufgewachsen ist.
Der Vater, Arno Stern, ist Forscher, Künstler und Pädagoge und die ganze Familie scheint in einem sehr kreativen, intellektuellen Milieu gelebt zu haben. Zudem scheinen die finanziellen Mittel derart aufgestellt gewesen zu sein, dass die Eltern im Prinzip Leben und Arbeit verbinden konnten und somit für ihre Kinder beständig zu Hause da sein konnten. Leben, Arbeit und Freizeit waren eins, so ähnlich hat André das auch einmal bzgl. seines jetzigen Lebens ausgedrückt.
Insofern halte ich André Stern nicht für ein gutes Beispiel dafür, wie gut es Kindern tun könnte, nicht zur Schule zu gehen. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland wie auch in Frankreich hat alleine schon was die berufliche und finanzielle Situation angeht überhaupt nicht die Voraussetzungen, Kindern die Aufmerksamkeit, Zeit und Unterstützung zukommen zu lassen, die sie bräuchten, wenn sie nicht zur Schule gehen würden. Zudem scheinen die Eltern von André auch von ihrer Persönlichkeit (Intellekt, Empathie, Kreativität) her über Ressourcen zu verfügen, die nicht dem Schnitt entsprechen. Und sie verfügten über ein kreatives, zugewandtes Umfeld. Ein Auszug aus dem Buch: „Wir waren sehr viel unterwegs, oft mit Papa und/oder Maman, oft mit Freunden oder Familienmitgliedern, die vorbeikamen und sagten: Ich geh zu einer Ausstellung oder ins Theater oder ins Kino oder zu einer Lesung, soll ich die Kinder oder eines der Kinder mitnehmen? Und schon sehr früh haben wir angefangen, Kurse zu besuchen, die natürlich weder mit den Eltern noch zu Hause stattfanden.“ (S. 133) André  bechrieb in einem Interview, was für Kurse er im Alter von 12 Jahren innerhalb einer typischen Woche besuchte. „im Malort malen, Kurse in den verschiedensten Bereichen; 2 x 3 Stunden Metalltreiben, 4 Stunden Fotografie (Technik, Labor), 2 x 2 Stunden Tanz, 2 Stunden Kampfsport (Kalarripayat), weitere Kurse in Textilkunst, Töpferei, Algebra; Lesungen im Collège de France über Ägyptologie, Mittelalter und Soziologie – und vieles mehr.“  Das ganze ohne jeden Leistungsdrang oder Stress, sondern vor allem auch auf Grund eigener Begeisterung. Ein solches Programm muss sich eine Familie erst einmal leisten können.

Ich glaube André aufs Wort, dass er eine glückliche Kindheit hatte und in einem enorm anregenden Umfeld aufgewachsen ist. Aber es wird für mich ganz klar deutlich, dass die Abwesenheit von Schule nicht DIE Voraussetzung für die gute und besonders kreative Entwicklung eines Menschen ist, weil die Sterns nun einem außergewöhnlich waren. Ich persönlich glaube eher daran, dass sich in Zukunft die Schule immer mehr verändern und den Bedürfnissen von Kindern anpassen wird. Schon heute erlebe ich durch den Schulbesuch meines Sohnes, dass Schule ganz anders und viel besser ist, als ich sie bei meinem Schuleintritt Anfang der 80er Jahre erlebt habe. Aber das nur nebenbei.  

Ich möchte jetzt noch einiges aus dem o.g. Buch zusammenfassen:

André betont, dass es zu Hause bei ihm Regeln gab und diese nicht im Widerspruch zu einem Leben in Freiheit standen. „Das Gefühl der Sicherheit wurzelte in diesem Gerüst und in dem totalen Vertrauen, das wir in unsere Eltern hatten. Sie versuchten nie, uns zu überlisten oder uns etwas vorzumachen. Sie feilschten nicht. Wenn einer Nein sagte, wussten wir, dass es einen guten Grund dafür gab, selbst wenn er für uns vielleicht nicht auf Anhieb deutlich war. Ein Nein bewirkte keine Tränen und kein Toben, und unser Gehorsam war kein Akt der Unterwerfung, sondern eine natürliche Folge unseres großen, gegenseitigen Vertrauens.“ (S. 133)
Er spricht bzgl. seines Sohnes von einem Familiengefühl bestehend aus „Verbindung, Geborgenheit, Sicherheit und Freiheit“ (S. 138) und bringt damit offensichtlich das zum Ausdruck, was er selbst als Kind erlebt hat. An anderer Stelle schreibt er, dass er mit seinem Vater in "Liebe, Vertrauen und Aufmerksamkeit" (S. 119) zusammenlebe, bis heute. Und: "Vertrauen, Offenheit, Respekt, Kreativität, Miteinanderleben, Bereicherung durch Verschiedenartigkeit; das sind Dinge, die mein Vater mir vorgelebt hat." (S. 120) André schreibt auch, dass er - wenn er nicht mit seinem Vater zusammen ist - fast immer täglich mit ihm telefoniere. (S. 130) Bis heute lebt der Vater total mit seinem Sohn und interessiert sich für dessen Erlebnisse und Gedanken. .
Interessant ist auch, das bei den Sterns klassische Geschlechterrollen nicht existierten oder anders besetzt waren: „Und auch die übliche Unterteilung zwischen „männlich“ und „weiblich“ gehörte nicht zu den Paradigmen, unter denen ich aufgewachsen bin. Mein Vater war keine Versorgungsstelle für männliche Verhaltensmuster, Virilität oder Autorität, er war kein Bestrafer, kein Konfliktpartner und kein Gegenpol zu meiner Mutter, sondern genau wie sie ein unentbehrlicher Teil unserer Konstellation: Ich kann mir bis heute meinen Vater nicht ohne meine Mutter vorstellen.“ (S. 143)

Wichtig finde ich auch die Info, dass Arno Stern "ein glücklicher Sohn" (S. 113) war und seinen Vater (Andrés Großvater) offensichtlich sehr positiv erlebt hat. Hier zeigt sich die starke Wirkung der Evolution von Kindheit und wie positive Erfahrungen weitergegeben und natürlich auch weiter entwickelt und verbessert werden.

Ich möchte mich jetzt nicht in weitere Details verlieren. Es dürfte, denke ich, deutlich geworden sein, dass André Stern in einem liebevollen, sehr bindungsstarken Elternhaus aufgewachsen ist und alles darauf angelegt war, dass er sich so entwickeln konnte, wie er es wollte und wie es seiner Persönlichkeit entsprach. Und ich denke, dass dieser Mensch und seine Kindheit sehr gut in meine Reihe von Beispielen für positive Kindheiten passt.

Wie würde die Welt nur aussehen, wenn die Mehrheit der Kinder auf der Welt ähnlich engagierte und positive Eltern hätten; ähnlich auch wie die von Astrid Lindgren, die von den Geschwister Scholl oder von Reinhard Mey? Dabei sollen alle Eltern in ihrer Einzigartigkeit und ihrer Verschiedenartigkeit stehen, natürlich. Aber dieses Grundgerüst: Echte Geborgenheit, bedingungslose Liebe, starke Bindung, Freiheit und niemals Gewalt, wenn dies die Mehrheit der Eltern erfüllte (und eines Tages wird dies so weit sein) wird die Menscheit Sprünge in ihrer Entwicklung erleben, die heute noch kaum vorstellbar sind.

Donnerstag, 27. November 2014

Je grausamer die Taten, desto deutlicher werden ihre Ursachen

Ich habe momentan etwas wenig Zeit, um „Zwischengedanken“ in Textbeiträge umzusetzen. Für diesen Zwischengedanken nehme ich mir jetzt aber doch die Zeit.

Gestern hörte ich auf NDR Info einen Sendebeitrag anlässlich der Verleihung des Sacharow-Preises an den Arzt Denis Mukwege, der sich seit Jahren um Opfer von Vergewaltigungen im Kongo kümmert.
In dem Beitrag berichtete eine Frau aus dem Kongo von einer erlebten Vergewaltigung (wobei diesen Wort nicht ausreicht, um das zu beschreiben, was ihr angetan worden ist.). Die Frau wurde an ein Kreuz auf einem Platz gefesselt, die Beine gespreizt. Eine Menge von Menschen (wohl auch Frauen) tanzte um dieses Kreuz herum, jubelte, schrie. Währenddessen wurde sie immer wieder von diversen Männern, die gerade wollten, vergewaltigt…

Ich habe schon bei dem Thema Kindesmisshandlung lernen müssen, dass es im Grunde keine Grenze der Gewalt gibt. Immer wieder stieß ich in der Vergangenheit auf Berichte, die mich absolut fassungslos machten, weil sie alles übertrafen, was ich zuvor über Kindesmisshandlung gehört und gelesen hatte. Die o.g. Gewaltszene zwischen Erwachsenen gehört für mich zu einer Kategorie von extremer Gewalt, die im Grunde unvorstellbar ist. Unvorstellbar für Menschen, die etwas fühlen.

Trotzdem mich solche Berichte sehr erschüttern, gleichzeitig lassen sie mich nicht ohne ein Verstehen zurück (Verstehen heißt niemals entschuldigen). Und mein Verstehen steigt im Grunde mit der Steigerung von Taten und Grausamkeiten an, auch wenn es vielleicht für manchen ungewöhnlich klingt, so etwas zu lesen, weil die routinemäßige Reaktion stets ein großes Fragezeichen ist. Je grausamer menschliche Taten sind, desto deutlicher wird für mich, warum sie stattfinden können.

Nur Menschen, die innerlich absolut tot sind, können so handeln, wie die Täter in der o.g. Vergewaltigungsszene. Und jede weitere Tat mehr, entfernt sie mehr von dem, was wir „Leben“ nennen. Sie werden durch ihre weiteren Taten letztlich zu innerlichen „Superzombies“, die erst im körperlichen Tod Erlösung finden.  Das bedeutet nicht, dass diese Täter nicht wie Menschen wirken können, am Imbiss etwas essen gehen, sich unterhalten, Karten spielen, einem Kind über den Kopf streicheln, über einen Witz lachen usw. Aber eines ist klar: Solche Täter fühlen gar nichts mehr, auch in ihrem privaten Leben, in Gesprächen, letztlich in jeder Sekunde ihres Lebens. Sie sind innerlich absolut kalt und erleben somit bereits die Hölle auf Erden.

In dem o.g. Bericht war die Rede von Vergewaltigungen als Kriegswaffe und dem Zugang zu Rohstoffen im Kongo. Ich glaube mittlerweile, dass eines der Grundprobleme bzgl. des Verstehens/ dem Erklären von grausamer Gewalt ist, dass viele Menschen wirklich glauben, grausame Gewalt gehöre zum angeborenen Verhaltensrepertoire von Menschen und nur die äußeren Umstände müssten entsprechend eingestellt sein, um solche Gewaltexzesse möglich zu machen...
Solchen Berichten wie o.g. gehört dagegen meiner Ansicht nach routinemäßig angehängt: Solche Täter fühlen nichts mehr, sie sind innerlich gestorben, sonst wären ihre Taten nicht möglich. Und wenn dies einmal verstanden würde, müsste die nächste Frage lauten: Ja und wie kam es denn, dass diese Menschen innerlich verstorben sind, was hat sie „getötet“? Und erst wenn diese Frage umfassend beantwortet ist, stößt man auf die eigentlichen Ursachen der Gewaltexzesse.

Warum befragen Forscher und Journalisten nicht Täter wie die aus der o.g. Szene konkreter? Die gesamte Kindheit müsste abgefragt werden; kümmerte sich jemand um das Kind, welche Gewalterfahrungen gab es, wie oft kam Gewalt vor und in welcher Form, durch welche TäterInnen? Gab es ergänzend traumatische Kriegserfahrungen, existenzielle, extreme Erfahrungen von Hunger und Elend? Wurden Menschen, vielleicht Angehörige vor den Augen des Kindes getötet? Wurde evtl. das Kind/der Jugendliche gezwungen, Anderen Gewalt anzutun usw. ? Würden diese Fragen umfassend beantwortet werden können (sofern sich die Täter konkret erinnern), würde sich auch das „Verstehen“ einstellen. Den LeserInnen dieses Blogs dürfte klar sein, von welcher Art Antwort ich ausgehe: Dem genauen Gegenteil von einem geborgenen, glücklichen Aufwachsen, sondern eher von Grausamkeiten, die jenen ähnlich sind, welche die erwachsenen Täter selbst verübten.
Kürzlich las ich aus Interesse den Wikipediabeitrag über  den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace. In dem Beitrag wird auch die Hinrichtung (am 23.08.1305)  wegen Verrats am König besprochen.  Ich zitiere wie folgt. „An ein Pferd angebunden musste er mehrere Stunden lang nackt durch die Straßen Londons laufen, während die Bewohner ihn mit Steinen bewarfen. Anschließend wurde Wallace zuerst fast bis zum Tode gehängt, dann noch lebend kastriert und ausgeweidet – die entfernten Körperteile und Innereien wurden vor den Augen des Verurteilten und der Zuschauer verbrannt (…).“
Vor noch längerer Zeit las ich, wie es u.a. „römische Art“ war, Gefangene hinzurichten. Der Kopf des Gefangenen wurde zwischen zwei Balken gesperrt, der Körper dann so lange ausgepeitscht, bis der Gefangene tot war. Dies tat man u.a. gerne vor den Augen von Führern unterworfener Völker.

Gewaltexzesse wie heute im Kongo waren in historischen Zeiten „normal“. Steven Pinker hat darüber ausführlich in seinem Buch „Eine neue Geschichte der Menschheit“ berichtet. Ein Beispiel aus Pinkers Buch blieb mir in Erinnerung. Ein historischer Fund von einem Folterwerkzeug zeugte von der möglichen Grausamkeit. Ein metallener Ochse wurde gefunden, in dem Menschen lebendig verbrannt worden waren. Zur Belustigung der Anwesenden kamen die Schreie dann aus dem Mund des Ochsen.

Diese drei Beispiele geben - in unserer heutigen Wortwahl -die Möglichkeiten institutioneller Gewalt wieder. Von den Regierenden gewünscht und verordnet, als normale Praxis gewollt, zur Belustigung und Erheiterung, zur Abschreckung, sicher, aber letztlich immer auch um kurz etwas zu fühlen. Denn nur „innerliche Zombies“ fühlen kurz etwas, wenn andere Menschen gequält werden. Und nur Menschen die innerlich tot sind, können solche Taten - wie schon gesagt - vollbringen. Wie innerlich tot waren denn nun also unsere Vorfahren?
Wenn man sich die Erkenntnisse der Psychohistorie anschaut, dann müssen breite Schichten der Bevölkerung in historischen Zeiten innerlich tot gewesen sein; einfach, weil sie von Geburt an ständig Gewalt und Ablehnung ausgesetzt waren. So etwas überleben die meisten Menschen nicht, zumindest nicht in ihrem Inneren. (Heute gibt es da schon andere Möglichkeiten und andere Hilfsangebote für Menschen, die grausames als Kind durchmachen mussten. Aber früher?)

Um diesen Zwischengedanken zum Thema ein Schlusswort zu geben. Wer grausame Taten verstehen will, muss sich mit den Ursachen des innerlichen, emotionalen Absterbens von Tätern befassen. Dann kann auch präventiv besser gehandelt werden. Wer sich nicht mit dem Fühlen und Nicht-Fühlen befasst, muss zwangsläufig blind bzgl. den eigentlichen Ursachen bleiben und wird stets mit einem großen Fragezeichen vor den Dingen stehen.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Vater von Malala Yousafzai: "Ich habe ihre Flügel nicht abgeschnitten."

Gestern sah ich online die Sendung von Markus Lanz vom 08.10.2014. In der Sendung wurde ein aufgezeichnetes Gespräch mit  Malala Yousafzai und ihren Vater gezeigt. Lanz hat sich leider in dem Gespräch weitgehend mehr für das Attentat auf Malala interessiert, als für andere wichtige Dinge... Die Sendung ergab allerding trotzdem einen wichtigen Höhepunkt!
Nachdem (um die 20. Minute herum) in dem Gespräch kurz auf die extrem schwierige Situation von Frauen und Mädchen in Pakistan eingegangen wurde, sagte der Vater von Malala folgende zentralen Sätze:  
Viele Menschen fragen mich, wie hast Du Deine Tochter erzogen? Was Besonderes hast Du mit Deiner Tochter gemacht? Und dann sage ich immer, die sollten mich fragen, was ich nicht getan habe. Ich habe gar nichts Besonderes gemacht. Das Einzige, was ich nicht getan habe, ist, dass ich sie nicht gestutzt habe, nicht eingesperrt habe. Ich habe ihre Flügel nicht abgeschnitten. Der Himmel ist die Grenze und sie darf fliegen, sie soll fliegen, bis zu den Sternen, wenn sie möchte. Aber nur sie darf das und soll das entscheiden.„ Diese Worte bekommen ihr Gewicht ergänzend auch, wenn mann darum weiß, wie Väter und Männer in Pakistan im Allgemeinen mit Frauen und Mädchen umgehen.

Ergänzend bietet die Biografie (Yousafzai, M. / Lamb, C. (2013). Ich bin Malala: Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft. München: Droemer Verlag.) von Malala Einblicke in diese außergewöhnliche Familie. Ihr Vater war bei ihrer Geburt – entgegen der Tradition in seinem Umfeld -  glücklich über die Geburt seiner Tochter. (Yousafzai / Lamb 2013, S. 19+20) Ihre Eltern bekamen insgesamt drei Kinder, auch dies war ungewöhnlich, wie Malala berichtet. In ihrem Umfeld bekamen die meisten Familien zwischen 7 und 8 Kinder. (ebd., S. 28) (Entsprechend waren vermutlich wohl auch mehr Kapazitäten da, um diese Kinder zu versorgen und ihnen Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.)
Auch das Verhältnis zwischen Vater und Mutter war außergewöhnlich. Der Vater besprach alles mit seiner Frau, auch Probleme. „Die meisten Paschtunen tun so etwas nie, denn es gilt als Schwäche, Probleme mit seiner Frau zu besprechen.“ (ebd., S. 30)
Und Malala ergänzt: „(…) ich sehe, dass meine Eltern glücklich sind und viel lachen. Die Menschen, die uns kennen, meinen, wir seien eine nette Familie.“ (ebd.)
Der Vater hat offensichtlich ein sehr modernes Frauenbild, dass komplett entgegen den Traditionen steht. Malala hat nach eigenen Aussagen im Buch schon sehr früh beschlossen, nicht den traditionellen Weg für Mädchen/Frauen zu gehen, der ihre Bindung an Haus, männliche Verwandte und Kinder vorsieht und nur Jungen/Männern alle Freiheiten lässt. Dazu zitiert sie ihren Vater: „Malala wird frei wie ein Vogel sein.“ (ebd., S. 34)
Allerdings war auch in Malalas Familie hauptsächlich die Mutter für die Kindererziehung zuständig, während der Vater oft abwesend war. (ebd., S. 31)
Insgesamt betrachtet ist der politische, freiheitliche Weg von Malala kein Zufall. Er begründet sich aus den liberalen Erziehungsansichten und Menschenbildern in ihrer Familie.
Malala Yousafzai  wird oft mit einem Satz aus ihrer Rede vor der UN zitiert: „Ein Kind, eine Lehrkraft, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern.“ Der Satz ist richtig und wichtig. Nachdem ich die Sendung von Lanz gesehen habe, muss man die Dinge zusammenfügen. Ihr berühmter Satz müsste – gerade auf Grund ihres eigenen familiären Hintergrundes – ergänzt werden um den Satz: „Eltern, die ihren Kindern nicht die Flügel stutzen, können die Welt verändern.“

(In Pakistan ist es übrigens legal, Kinder in den Familien und auch in der Schule zu schlagen. Einzelne Studien zeigen, dass die große Mehrheit der Kinder vor Ort von Gewalt betroffen ist. Siehe dazu u.a. hier

Samstag, 27. September 2014

Das Märchen von der schlechten Kindheit in Deutschland

Heute habe ich mit Freude einen Artikel entdeckt, der mir aus dem Herzen spricht: "Wir sind keine Sorgenkinder!", ZEIT-Online, 26.09.2014. Wider der öffentlichen Wahrnehmung wird endlich mal umfassend auf die sehr positiven Entwicklungen von Kindheit in Deutschland hingewiesen. Das Buch "Die Modernisierung der Seele", das diesem Artikel u.a. zu Grunde liegt, ist ganz oben auf meiner Wunschliste von zu lesenden Büchern. Ich will aus dem Artikel gar nicht zitieren. Mensch lese ihn einfach selbst. Nur soviel: Alle Pessimisten und Kritiker von Kindheit in Deutschland stehen auf sehr dünnem Eis, denn nie zuvor war Kindheit besser, glücklicher und gewaltloser als heute.

Freitag, 19. September 2014

Breiviks Vater veröffentlicht ein Buch

Breiviks Vater hat ein Buch veröffentlicht (übersetzter Titel "Meine Schuld? Die Geschichte eines Vaters") und seine Sicht auf die Dinge geschildert. In den (Online-)Medien wurde das Buch hier und da erwähnt. Am ausführlichsten war wohl ein Bericht bei Welt-Online ("Breiviks Vater bricht sein Schweigen").
An Hand des Berichtes zeichnet sich ab, dass Breiviks Vater bestätigt, was Aage Borchgrevink in seinem Buch ausgeführt hat. "Das war ganz neu für mich. Ich konnte nicht glauben, was da stand.", wird der Vater zitiert, als er von dem psychiatrischen Gutachten erfuhr (siehe Hintergründe in dem vorgenannten Link) Der 79-jährige Ex-Diplomat berichtet, laut Welt-Online, in dem Buch "vor allem aus einem dysfunktionalen Familienleben, das seinen Sohn prägte."

Ich habe heute auch ein Interview mit Aage Borchgrevink gefunden, in dem er in etwas mehr als 5 Minuten die Dinge klar und rational (und dabei auch emotional anwesend und klar) auf den Punkt bringt. Ich finde die Art und Weise wie der Autor die Dinge so klar und kurz beschreibt sehr eindrucksvoll. Letztlich ist es eben ein ganz logischer und rationaler Prozess, die Ursachen von Terror von Anfang an zu denken. Und am Anfang war nun einmal Erziehung/Kindheit. Das Interview steht bereits seit Ende 2013 online und ist bisher keine 900 mal angeklickt worden. Dass diese Kindheits-Hintergründe so wenig Beachtung finden, ist tragisch und fahrlässig zu gleich...

Donnerstag, 11. September 2014

Krieg als kurzfristige Transformation der Gewalt, die eh schon da ist?

Bereits 2012 habe ich einen Beitrag (Elterliche Gewalt als Gradmesser für den seelischen Entwicklungsstand einer Gesellschaft) geschrieben, den ich heute wieder aufgreife und gedanklich etwas ergänze.

Mir scheint es so zu sein, dass Kriege letztlich nur eine Art kurzfristige Transformation von Gewalt sind, ein öffentlich und in Gruppen Ausleben dessen, was eh schon da ist. Wenn kein Krieg herrscht, bedeutet dies nicht, dass im Privaten Frieden ist.

Für mich gibt es zwei große Anhaltspunkte dafür, in wie weit innerhalb von Gesellschaften große Gewalt- und Destruktionspotentiale vorhanden sind (oder auch nicht), die sich bei Gelegenheit und unter Umständen in Kriege  transformieren können: Vergewaltigungsraten und Gewaltraten gegen Kinder. Zu Letzteren habe ich in dem eingangs verlinkten Beitrag bereits ausführlich etwas in diesem Zusammenhang geschrieben.

Kürzlich habe ich eine große UN Studie über Vergewaltiger in Asien besprochen. Zwischen einem von fünf (ca. 20 %) und einem von acht Männern(ca. 12,5 %) hat in den befragten asiatischen Ländern jemals eine Vergewaltigung begangen. Innerhalb dieser Studie wurde zudem auch auf Daten aus Südafrika hingewiesen, wo 37 % der Männer bereits eine Frau vergewaltigt haben.
In diversen afrikanischen Staaten erleben nach aktuellen Studien (hier und hier) bereits ca. 30 % der unter 18 Jahr alten Mädchen, dass sie zum Geschlechtsverkehr gezwungen werden. Gedanklich hinzu kommen noch die (sexuellen) Gewalterfahrungen ab dem Alter von 18. In dieser Region finden sich weitergedacht natürlich entsprechend auch sehr hohe Täterraten.

Zahlen über Vergewaltiger in Europa sind mir nicht bekannt. Die bislang größte Studie zum Gewalterleben von Frauen (über 42.000 Befragte) in Europa ergab, dass in Europa 1 von 20 Frauen (5 %) mindestens eine Vergewaltigung erlebt haben. (European Union Agency for Fundamental Rights (2014): Violence against women: an EU-wide survey. Wien. S. 3)  Da Vergewaltigungen oft durch Mehrfachtäter ausgeübt werden, stehen diesen 5 % der Frauen wohl eher nicht 5 % der Männer gegenüber. Die Rate von Vergewaltigern in Europa liegt demnach unter 5 %.

In den USA sieht es wiederum schon etwas anders aus, als in Europa.  18,3 % der US-Frauen (über 9.000 Befragte) wurden bezogen auf lebenslange Erfahrungen nach aktuellen Daten vergewaltigt. (National Center for Injury Prevention & Control of the Centers for Disease Control and Prevention (2011): National Intimate Partner and Sexual Violence Survey. 2010 Summary Report. Atlanta, S. 18) Entsprechend ist auch der Anteil von Vergewaltigern an der männlichen Bevölkerung höher, als in Europa.

Alleine auf Grund dieser Zahlen lassen sich Gesellschaften in sehr destruktive, destruktive und weniger destruktive einteilen. Europa ist ohne Zweifel der friedlichste Kontinent und der am meisten sozial, kulturell und ökonomisch entwickelte. In Europa finden sich auch die niedrigsten Raten von Vergewaltigern/Vergewaltigungen und Kindesmisshandlung. D.h. auch im Kleinen und Privaten ist Europa weniger destruktiv, als der Rest der Welt. Das Weniger an Destruktivität im Privaten/Kleinen findet seinen Wiederhall im Großen, in Politik und sozialen Prozessen. Eine kurzfristige Transformation in einen großen Krieg wird schwer möglich, weil das tiefergehende Destruktionspotential nicht dafür ausreicht. Noch reicht das Destruktionspotential allerdings auch in Europa für „kleinere“ militärische Aktionen und Konflikte oder verdeckte Beteiligungen durch Waffenlieferungen usw.

Wenn ich mir jetzt noch einmal die Zahlen und Daten vor Augen führe, die die kürzlich veröffentlichte, bisher größte Studie zum Ausmaß der Gewalt gegen Kinder erfasst hat, wird mir klar, dass in vielen Teilen der Welt die Mehrheit der erwachsenen Menschen "Täter im Verborgenen" sind (an Kindern) und in sofern auch zu anderen destruktiven Aktionen (u.a. auf der politischen Bühne) grundsätzlich fähig sind. Die Länder mit den höchsten Gewaltraten gegen Kinder müssen besonders beäugt werden. Naja, im Grunde sind diese Länder bereits DIE Sorgenkinder der Welt: Zu ihnen zählen u.a. Syrien, Irak, Afghanistan, beide Kongos, Ägypten und Palästina. In diesen Ländern scheint Krieg und gewaltvolle politische Prozesse fast mehr zu sein als eine reine Transformation der Gewalt. Gewaltlose Konfliktlösungen und politische Prozesse auf Augenhöhe können gar nicht wirklich gedacht werden, weil bereits das Private überall von Gewalt durchzogen ist. (Und auch Kriegsverbrechen wie Vergewaltigungen durch Soldaten oder Folter und Mord an Kindern sind dann letztlich nur eine Fortführung der "Taten im Verborgenen" auf der öffentlichen Bühne.) Solchen Ländern kann man keine Demokratie geben, indem man ihnen einen aufgezwungenen demokratischen Überbau überstülpt. Die gewaltvollen Beziehungen des Alltags müssen bearbeitet werden. Und dies vor allem gegenüber Kindern. Ohne weit verbreitete Alltagsdestruktivität im Privaten/Verborgenen fehlt auch der politischen Destruktivität der Nährboden.

Um es noch einmal anders auszudrücken: Kriege sind also keine Zufälle, durch einzelne Ereignisse (Sturz eines Diktators, Attentat auf einen Thronfolger) herbeigeführte oder durch Armut und Gier erzeugte Taten. Sie sind einfach eine andere Ausdrucksweise von Destruktivität und Hass; von Destruktivität und Hass, die eh schon da sind. Diese Ausdrucksweise wird allerdings sicherlich durch Zufälle, einzelne Ereignisse und soziale Umstände mit geformt, das ist nicht der Punkt.
Dieses „Huch, die Deutschen waren mit für zwei Weltkriege verantwortlich, obwohl sie das Volk der Dichter und Denker sind.“ lasse ich längst nicht mehr gelten. Dieses „Huch“ gilt genauso für viele andere Nationen. Es gibt bei großen Kriegen kein „Huch“. Es gibt mehr ein „Natürlich sind diese Nationen zu allen erdenklichen Grausamkeiten und extremer Destruktivität fähig, haben Sie sich denn nicht mal den Alltag, die Gewalt im Verborgenen dort angeschaut? Wie unzählige Kinder von ihren Eltern misshandelt werden? Wie Frauen vergewaltigt werden? Wie sehr im Alltag Machtmissbrauch stattfindet? Usw. Natürlich können solche Nationen Kriege führen, jederzeit, wenn sie es denn wollen, wenn sie gereizt werden und/oder wenn die Umstände es ermöglichen.“

Mittwoch, 10. September 2014

Weltweit größte Studie zum Ausmaß der Gewalt gegen Kinder: Vor aller Augen erleidet die Mehrheit aller Kinder Gewalt.

UNICEF hat vor Kurzem die bisher größte Studie zum Ausmaß der Gewalt gegen Kinder in der Welt veröffentlicht: United Nations Children’s Fund (2014): Hidden in PlainSight: A statistical analysis of violence against children. New York.

Erfasst wurde körperliche (inkl. Kindestötungen), sexuelle und psychische Gewalt. Das Thema Vernachlässigung wurde besprochen, aber weniger aussagekräftig und zahlenbasiert. Zunächst einmal muss ich schreiben, dass eine solch umfassende Studie überfällig war. Dass weltweit eine Mehrheit der Kinder Gewalt erlebt, ist spätestens jetzt umfassend  in einem einzigen Papier ersichtlich. Gewalt gegen Kinder ist somit auch der häufigste Gewaltakt von Menschen gegen Menschen an sich.

Die Studie wurde in allen großen deutschen Medien besprochen. Allerdings wurden dabei selten tiefgehender die Zahlen besprochen, obwohl es ja gerade diese Zahlen sind, die uns alle aufschrecken sollten. Insofern halten die Medien sich auf eine Art an die Linie, die UNICEF mit dem Titel „Hidden in Plain Sight“ (in etwa „Verborgen vor aller Augen“) eigentlich angeprangert hat. Und einzig Caroline Fetscher vom Tagesspiegel  hat auch die politischen Dimensionen erfasst, die das gewaltige Ausmaß der Gewalt gegen Kinder bedeutet. Am Schluss ihres Textes schreibt sie: „Waren Kinder es gewohnt, die Blitzableiter der Eltern zu sein, machen sie auch ihre Kinder zu Blitzableitern, und ganze Gruppen suchen sich für solche Funktionen „die Juden“, „die Zigeuner“, „die Ungläubigen“. Wo Gewalt gegen Kinder am meisten toleriert wird, gibt es Krisen und Kriege. Schon deshalb müsste die Präventionsrendite Politiker brennend interessieren.

Auch ich kann nicht alle Punkte der Studie besprechen, ziehe aber die – wie ich meine – wichtigsten nachfolgend heraus:

- 6 von 10 Kindern (fast eine Milliarde Kinder) werden der Studie folgend  regelmäßig von Erziehungspersonen geschlagen. (Dies ist der Durchschnittswert für alle tabellarisch aufgeführten Länder. Die meisten Kinder werden in Afrika und  im Nahen Osten geschlagen.)

- Die meisten Kinder erleben zusätzlich psychische Gewalt. Überhaupt ist die psychische Gewalt in fast allen Ländern, die tabellarisch (S. 196ff) miteinander verglichen wurden, die häufigste Form von Gewalt gegen Kinder überhaupt. (Die meiste psychische Gewalt erleben Kinder in Afrika und in arabischen Staaten mit Werten ab ca. 80 % mit in der Spitze bis zu ca. 90 %; der Durchschnitt für alle erfassten Staaten beträgt ca. 7 von 10 Kindern)

- In 58 Ländern erleben 17 % der Kinder regelmäßig schwere körperliche Gewalt (Schläge gegen den Kopf, Ohren oder ins Gesicht oder harte wiederholte Schläge) durch Eltern/Pflegepersonen. In 23 Ländern (dazu unten mehr) erleben  mindestens 20 % der  Kinder schwere körperliche Gewalt; mit bis an die Spitze Werten von über 40 % bei einzelnen Ländern.

- Mit einem Gegenstand werden fast 30 % aller Kinder in den tabellarisch erfassten Ländern geschlagen.

- 120 Millionen Mädchen weltweit (mehr als eine von zehn) wurden vergewaltigt oder zu anderen sexuellen Handlungen gezwungen. Das größte Ausmaß an  sexueller Gewalt gegen Mädchen findet  sich in afrikanischen Ländern (mit mehr als 10 %), das geringste Ausmaß (weniger als 1 %) in Europa und den sogenannten CIS-Staaten (Russland und umliegende Staaten). Jungen werden ebenfalls Opfer von sexueller Gewalt, aber in einem deutlich geringeren Ausmaß. Nur in wenigen Ländern (z.B. Uganda mit 7 %) finden sich hohe Opferraten entsprechend der selben Definition, die bei Mädchen angesetzt wurde.
(Ich  muss an dieser Stelle gleich anmerken, dass ich die Zahlen zur sexuellen Gewalt  in diesem Fall etwas anzweifle. Methodik und Definitionen – vielleicht auch der Anspruch, Studien vergleichbar zu machen - scheinen hier stark zu wirken. Einzelstudien zeigen deutlich höhere Raten von sexueller Gewaltbetroffenheit. Was die UNICEF Studie allerdings bestätigt ist das starke regionale Gefälle. In Europa sind Mädchen am Sichersten vor sexueller Gewalt, in vielen afrikanischen Ländern ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sexuelle Gewalt erleben, am größten; das zeigen auch andere Studien. )

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Die UNICEF Studie hat leider einige Schwachstellen. Eine wesentliche Schwachstelle ist in meinen Augen, dass für viele Länder, für die statistisch vergleichbare Daten vorliegen, nur das Gewaltverhalten innerhalb eines Monats vor der Befragung (Befragung von Erziehungspersonen) erfasst wurde. Die Zahlen sagen demnach nichts über die Gewalterfahrungen in der gesamten Kindheit aus. Es ist allerdings klar zu sagen, dass die Studie entsprechend vor allem routinemäßig widerkehrendes Gewaltverhalten erfasst hat. Entsprechend zeigen nachfolgend von mir beispielhaft aufgeführte Zahlen grundsätzliches Erziehungsverhalten auf.
Ein weiterer Kritikpunkt meinerseits ist, dass nicht die Häufigkeit der Gewalt abgefragt wurde (täglich, wöchentlich oder einmal im Monat?) Dabei ist doch gerade die Häufigkeit von erlebter Gewalt auschlaggebend bzgl. der Schwere der Folgeschäden.
Zudem wurden Erziehungspersonen zum Gewaltverhalten befragt, die Kinder im Alter zwischen 2 und 14 Jahren haben. Wenn beispielsweise Eltern mit vielleicht 2 Jahre alten Kindern angeben, dass sie keine Gewalt angewendet haben, heißt dies nicht, dass das Kind gewaltfrei aufwächst. Vielleicht wird es erst ab 5 Jahren geschlagen. Zumindest wurden in der Studie auf Seite 103 drei Altersgruppen aufgestellt (2 -4, 5 – 9 und 10 – 14 Jahre) und Zahlen bzgl. körperlicher und /oder psychischer Gewalt aufgeführt. Diese Tabelle legt nahe, dass die im restlichen Teil der Studie oft genannten Durchschnittswerte nicht das reale Ausmaß an Gewalterfahrungen von Kindern angeben. Große Unterschiede in den Altersgruppen gibt es z.B. in Costa Rica, wo 56 % der 2 – 4 Jährigen Gewalt erlebten, aber nur 38 % der 10 – 14 Jährigen. Der Durchschnittswert für Costa Rica liegt entsprechend bei 46 %. In den meisten anderen Ländern sind die Zahlen nicht ganz so weit auseinander, aber auch dann gibt es statistische Einflüsse.  In Afghanistan z.B. erlebten 63 % der 2 – 4 Jährigen Gewalt, die beiden anderen Altersgruppen waren jeweils zu 78 % betroffen. Der Durchschnittswert für Afghanistan beträgt in der Studie  entsprechend 74 %.

Nachfolgend habe ich einmal die Zahlen zu den 23 Ländern zusammengestellt, die die höchsten Raten an schwerer körperlicher Gewalt aufweisen. Die meisten dieser Länder weisen auch ansonsten die mit höchsten Raten an körperlicher und psychischer Gewalt auf. (Und die meisten dieser Länder stehen für Krisen, schwere Konflikte und soziale Probleme) Vor allem ein besonders krisengeplagtes Land fällt dabei etwas heraus und besonders auf: Afghanistan. Bzgl. allgemeiner Raten von körperlicher und psychischer Gewalt liegt das Land eher im unteren Drittel. Mit ca. 38 % von (regelmäßiger) schwerer körperlichen Gewalt betroffenen Kindern gehört Afghanistan allerdings zu den Spitzenreitern an brutaler Gewalt gegen Kinder. Da die Folgeschäden für Kinder u.a. besonders vom Schweregrad der Gewalt abhängen, sind es gerade diese Zahlen, die bei der Bewertung von Ländern und der Situation der Kinder betont werden müssen.

Hier nun die ausgesuchten Zahlen (kategorisiert nach den Prozentsätzen zur schweren körperlichen Gewalt innerhalb eines Monats vor der Befragung; entnommen Tabelle 5.2 auf Seite 97, Tabelle 5.4 auf Seite 99 und Tabelle ab Seite 196)

Yemen,
körperliche und/oder psychische Gewalt: 95 %
körperliche Gewalt:  86 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 43 %
psychische Gewalt: 92 %

Ägypten
körperliche und/oder psychische Gewalt: 91 %
körperliche Gewalt:  82 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 42 %
psychische Gewalt: 83 %

Chad
körperliche und/oder psychische Gewalt: 84 %
körperliche Gewalt:  77 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 41 %
psychische Gewalt: 71 %

Afghanistan
körperliche und/oder psychische Gewalt: 74 %
körperliche Gewalt:  69 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 38 %
psychische Gewalt: 62 %

Demokratische Republik Kongo
körperliche und/oder psychische Gewalt: 92 %
körperliche Gewalt:  80 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 37 %
psychische Gewalt: 82 %

Zentralafrika
körperliche und/oder psychische Gewalt: 92 %
körperliche Gewalt:  81 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 36 %
psychische Gewalt: 84 %

Vanuatu
körperliche und/oder psychische Gewalt: 84 %
körperliche Gewalt:  72 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 35 %
psychische Gewalt: 77 %

Nigeria
körperliche und/oder psychische Gewalt: 91 %
körperliche Gewalt:  79 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 34 %
psychische Gewalt: 81 %

Tunesien
körperliche und/oder psychische Gewalt: 93 %
körperliche Gewalt:  74 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 32 %
psychische Gewalt: 90 %

Niger
körperliche und/oder psychische Gewalt: 82 %
körperliche Gewalt:  66 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 31 %
psychische Gewalt: 77 %

Guinea-Bissau
körperliche und/oder psychische Gewalt: 82 %
körperliche Gewalt:  74 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 29 %
psychische Gewalt: 68 %

Liberia
körperliche und/oder psychische Gewalt: 74 %
körperliche Gewalt:  69 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 28 %
psychische Gewalt: 62 %

Mauretanien
körperliche und/oder psychische Gewalt: 87 %
körperliche Gewalt:  78 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 28 %
psychische Gewalt: 82 %

Kamerun
körperliche und/oder psychische Gewalt: 93 %
körperliche Gewalt:  78 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 28 %
psychische Gewalt: 87 %

Irak
körperliche und/oder psychische Gewalt: 79 %
körperliche Gewalt:  63 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 27 %
psychische Gewalt: 75 %

Kongo
körperliche und/oder psychische Gewalt: 87 %
körperliche Gewalt:  69 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 27 %
psychische Gewalt: 80 %

Staat Palästina
körperliche und/oder psychische Gewalt: 93 %
körperliche Gewalt:  76 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 27 %
psychische Gewalt: 90 %

Algerien
körperliche und/oder psychische Gewalt: 88 %
körperliche Gewalt:  75 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 25 %
psychische Gewalt: 84 %

Marokko
körperliche und/oder psychische Gewalt: 91 %
körperliche Gewalt:  67 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: Ca. 24 %
psychische Gewalt: 89 %

Syrien
körperliche und/oder psychische Gewalt: 89 %
körperliche Gewalt:  78 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: Ca. 24 %
psychische Gewalt: 84 %

Elfenbeinküste
körperliche und/oder psychische Gewalt: 91 %
körperliche Gewalt:  73 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 23 %
psychische Gewalt: 88 %

Dschibuti
körperliche und/oder psychische Gewalt: 72 %
körperliche Gewalt:  67 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 22 %
psychische Gewalt: 57 %

Jordanien
körperliche und/oder psychische Gewalt: 90 %
körperliche Gewalt:  67 % 
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 22 %
psychische Gewalt: 88 %

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Ab Seite 106 in der UNICEF Studie wurden ergänzend einzelne Studien besprochen, die Zahlen zu europäischen Ländern wie u.a. Italien, Deutschland, Frankreich, Schweden, Großbritannien, aber auch Canada, USA oder China beinhalten. Die dort aufgeführten Daten sind nur bedingt mit den Daten über Schwellenländer vergleichbar, da letztere methodisch ganz anders aufgebaut sind. Grundsätzlich deutet sich klar an, dass körperliche Gewalt, dabei vor allem auch schwerere Formen, in Schwellenländern häufiger vorkommt, als z.B. in West-/Nordeuropa.
Die von UNICEF aufgeführten Studien zeigen eine eher etwas geringe Gewaltbetroffenheit von Kindern in den USA (demnach wird ca. jedes dritte Kind in den USA geschlagen). In Anbetracht dessen, dass ich diverse Studien für die USA zusammengestellt habe, die deutlich höhere Raten zeigen, halte ich die vorgestellten Zahlen für die USA nicht für allgemein gültig und wundere mich etwas über die Auswahl.
Auch für Kenia wurden Daten in diesem Anhang aufgestellt, die den Zahlen in den tabellarischen Aufstellungen für Schwellenländer entgegenstehen. In Kenia erleben demnach über 60 % der Kinder schwere körperliche Gewalt (eine Zahl fern ab der oben besprochenen Daten); 82 % der Mädchen und 97 % erleben leichtere Formen von körperlicher Gewalt. Diese Zahlen entsprechen auch dem, was ich hier im Blog über afrikanische Länder zusammengestellt habe (dabei vor allem zwei Studien vom "African Child Policy Forum"), wenn junge Erwachsene nach Gewalterfahrungen in der gesamten Kindheit befragt werden.
Dies läßt mich zum Schluss noch einmal wiederholen, dass die oben besprochenen Zahlen der UNICEF Studie (zum Gewalterleben innerhalb eines Monats vor der Befragung) die absolute Untergrenze an Gewalterfahrungen von Kindern weltweit angeben.

Samstag, 23. August 2014

Krisen in der Welt. Wie derzeit das Opfer in den Menschen erwacht.

Die derzeitigen Krisen in der Welt und die politischen wie auch medialen Reaktionen darauf in der westlichen Welt erscheinen vordergründig sehr komplex, so dass sie mich zunächst einmal gedanklich überfordert haben. An einigen Eckpunkten wird für mich jetzt allerdings deutlich, wie sehr emotionale Prozesse die Dinge steuern. Und gerade deshalb ist es richtig, die Dinge als das zu sehen, was sie im Grunde sind: Irrational und Wahnsinn. 

Für den Stern hat der Fotograf Dmitry Beliakov mehrere Wochen Separatisten im Osten der Ukraine begleitet. Er sagt: „Diese Leute haben nichts zu verlieren. Die meisten waren nie im Ausland, hatten nie eine Karriere, nie eine glückliche Familie. Dieser Krieg ist ihr Moment. Jetzt haben sie Waffen. Und Macht. Sie können dir dein Auto nehmen, dein haus, dein leben. Sie haben zum ersten Mal das Gefühl, etwas wert zu sein.“ (Stern, Nr. 33, 07.08.2014, „An der Front“ (von Andreas Albes), S. 40)

Mir kommt es so vor, als habe Beliakov mit dieser Passage im Grunde die eigentlichen Motivationen der Kämpfer in allen aktuellen Krisengebieten beschrieben. Ich erinnere mich, dass wir früher in der Schule über Neonazis in Deutschland deren Parole „Hasste was, bist Du was“ besprochen haben. Dies fällt mir heute wieder ein. Wenn das Leben und eigene Fühlen nur aus Leere besteht, dann neigen Menschen dazu, im Hass kurzfristig Lebendigkeit, Fühlen, Sinn und Identität zu suchen. Wenn aus dem Hass dann realer Kampf wird, kommt auch noch hinzu, dass man eigentlich sterben will oder der eigene Tod kein bedeutender Faktor ist. Wenn man innerlich bereits tot ist, dann ist der körperliche Tod nur noch Erlösung.

Um Kriege zu verhindern, müssen wir weit aus früher beginnen. Wir müssen zusehen, dass Menschen emotional am Leben bleiben. Extremes Elend und Kriegserlebnisse sind eine Sache, die Menschen innerlich abtöten können. Noch gewichtiger scheint mir der Umgang mit Kindern. Wenn Kinder in ihrer Lebendigkeit durch ihre Bezugspersonen anerkannt und gestärkt werden, wenn sie liebevoll begleitet werden, dann entwickeln sie ein starkes emotionales Gerüst, das so schnell nicht einstürzt, selbst wenn sie einmal äußeres Leid, Elend und Krisen erleben. Solche Menschen suchen dann keine Erlösung in Hass und Mord, sondern versuchen das Beste aus der Situation zu machen.

Ich bin sicher, dass wir derzeit den Aufbruch der als Kind gequälten, der als Kind seelisch ermordeten erleben. Der enorme Druck durch schnelle Veränderungen, Fortschritt, Digitalisierung, Reformen, Wirtschafswachstum, Frauenrechten usw. lässt ergänzend das Opfer in den Menschen erwachen. Dieses Opfer fordert wiederum Opfer, um sich zu erleichtern.

Mitglieder der Hamas haben aktuell ca. 18 angebliche palästinensische „Spione“ exekutiert, einige von ihnen direkt nach dem Freitagsgebet vor einer Moschee. „Das sind Verräter und Spione.“, wird ein Hamasmitglied zitiert.  „Wir müssen uns von ihnen säubern. Sie sind genauso schlimm, wie die Drohnen. Wir säubern unser Gebiet von ihnen bevor wir es von den Juden reinigen."  (Bericht von Torsten Teichmann für den Bayrischen Rundfunk vom 22.08.14)

Präsident Obama sprach bzgl. dem Kampf gegen IS (Islamischer Staat) folgendes:
Es muss eine gemeinsame Anstrengung geben, den Krebs zu entfernen, damit er sich nicht ausbreitet.“ (Handelblatt, 20.08.2014, Obama will „unnachgiebig den Krebs entfernen“)
Diese Sprache von „Säuberungen“, „Reinigungen“ oder entfernen von Krebsgeschwüren in Bezug auf Menschen verrät die eigentlichen emotionalen Motive. Menschen, die als Kind nicht geliebt wurden, denen sogar etwas angetan wurde, die fühlen sich in der Tat vergiftet. Das Gefühl an sich ist echt und begründet. Anstatt sich davon z.B. durch Psychotherapie zu lösen, werden Außen Menschen als „Giftcontainer“ missbraucht.

Der Staat des Bösen“ nennt der SPIEGEL aktuell (18.08.2014, Nr. 34) in seinem Titelbild den „Islamischen Staat“. Der Titel hat mich aufgeschreckt. Nachdem Russland zum neuen Bösen wurde, jetzt auch der „Islamische Staat“. Ertragen wir es immer noch nicht, ohne große Feindbilder zu leben, ohne ein Bild von einem ganz besonders Bösen? Um nicht missverstanden zu werden. Natürlich agiert Russland destruktiv, vielleicht auch mörderisch in der Ukraine und natürlich sind die IS Kämpfer grausame Mörder. Ich sehe aber eine besondere Gefahr darin, diese Entwicklungen als die Machenschaften des reinen Bösen zu betiteln. Denn dies macht blind bzgl. eigener Verstrickungen in destruktive politische Entwicklungen und es birgt die Gefahr, selbst zum Schlächter zu werden, der „das Böse“ wie einen Krebstumor bekämpft.

In diesen Tagen tat mir persönlich ein Artikel von Jokob Augstein bei SPIEGEL-Online (21.08.2014, "Deutsche Waffenlieferungen: Bekämpfen, was wir selber schaffen") sehr gut. Der Artikel ist durchzogen von Rationalität und echtem Fühlen. Etwas, das mir in den letzten Wochen oft fehlte in der öffentlichen Debatte.
Wir bekämpfen, was wir selber schaffen.“ ist sein Schlusswort. Und in der Tat hat der Westen wohl vieles dafür getan, dass die Dinge derart aus dem Ruder gelaufen sind. Wenn man darum weiß, dass als Kind durch vor allem Eltern traumatisierte Menschen oftmals einen äußeren Feind herbeisehnen, um sich von der inneren Misere zu befreien und Politiker ebenfalls Menschen sind, die einst Kinder waren, dann macht vieles Sinn, was auf den ersten Blick unsinnig und Wahnsinn ist. Z.B. war der letzte große Irakfeldzug der USA bereits das Fundament für anhaltende Konflikte und neue Feindbilder. Dieses Ziel steht auf keiner politischen Agenda. Es schleicht unbewusst in den Reihen der politischen Führer, aber auch in Teilen des Volkes und der Wirtschaft.

Mir scheint, dass Kinderschützer und PsychotherapeutInnen im Grunde diejenigen sind, die, sofern sie erfolgreich arbeiten können, die Geschicke der Nationen zukünftig am besten in Richtung Frieden lenken können. Die USA wird dies früher oder später stark verändern, da dort stetige Kinderschutzaktivitäten zu verzeichnen sind (wenn auch nicht auf West-EU Niveau). Der Nahe Osten ist derzeit mit Afrika zusammen das Gebiet, das die wohl denkbar schlechtesten Kindererziehungspraktiken aufweist. Aber auch dort sind Veränderungen möglich, wenn sie denn gewollt sind und mit Hilfe von Außen unterstützt würden.

Samstag, 9. August 2014

Kindliche Gewalterfahrungen von Sexualstraftätern (und von asiatischen Männern im Allgemeinen)

Ich habe kürzlich zwei interessante Studien gefunden, die ich nachfolgend besprechen möchte.

10.178 Männer im Alter zwischen 18 und 49 Jahren wurden für eine große Studie in den Ländern Bangladesch, China, Kambodscha, Indonesien, Papua Neuguinea und Sri Lanka repräsentativ befragt:
Jewkes, Rachel;   Fulu, Emma;  Roselli, Tim;  Garcia-Moreno, Claudia (2013): Prevalence of and factors associated with non-partner rape perpetration: findings from the UN Multi-country Cross-sectional Study on Men and Violence in Asia and the Pacific. In: The Lancet Global Health, Volume 1, Issue 4, Pages e208 - e218, doi:10.1016/S2214-109X(13)70069-X

Ziel der Studie war es vordergründig, etwas über männliche Täter speziell bzgl. dem  Sexualdelikt Vergewaltigung herauszufinden. Dies an sich ist bereits interessant und mir ist bisher keine Studie bekannt, die bzgl. der Fragestellung ähnlich ausführlich und groß gestaltet wurde. Die Studie hat allerdings weit mehr erfasst, u.a. auch Angaben zu eigenen Opfererfahrungen in der Kindheit und sonstigem destruktivem Verhalten, was sie für mich besonders interessant macht. 

Ausgewählte Ergebnisse:

Zwischen einem von fünf (ca. 20 %) und einem von acht Männern(ca. 12,5 %) hat in den befragten asiatischen Ländern jemals eine Vergewaltigung begangen. Papua Neuguinea stach dabei deutlich heraus, hier waren weit mehr Männer Täter, als vorgenannt. Fast jeder Zweite (bezogen auf alle Befragten der Stichprobe, die Vergewaltigungen eingeräumt haben) hat mehr als eine Frau vergewaltigt.
In der Studie wurden zwei Kategorien von Vergewaltigern unterschieden: Solche, die alleine Vergewaltigungen begangen haben und solche, die zusammen mit anderen Männern Vergewaltigungen (also Gruppenvergewaltigung) oder manchmal zusätzlich auch alleine begangen haben.
Ich fand an der zitierten Studie folgendes besonders interessant (Tabelle 3):

- 35,3 % der Vergewaltiger und 36,1 % der Gruppenvergewaltiger hatten Alkoholprobleme (nur 8 % der Nicht-Vergewaltiger)

- 50,9 % der Vergewaltiger und 52,9 % der Gruppenvergewaltiger übten häusliche Gewalt gegen Frauen aus (23,8 % der Nicht-Vergewaltiger)

- 64 % der Vergewaltiger und 77 % der Gruppenvergewaltiger waren Freier (30,8 % der Nicht-Vergewaltiger)

- 35,3 % der Vergewaltiger und 36,7 % der Gruppenvergewaltiger waren in Kämpfe mit Waffen außerhalb ihres Zuhauses verwickelt (9,2 % der Nicht-Vergewaltiger)

- 26,6 % der Vergewaltiger und 40,8 % der Gruppenvergewaltiger waren in Gangs verwickelt(6,1  % der Nicht-Vergewaltiger)

- 19 % der Vergewaltiger und 30 % der Gruppenvergewaltiger hatten innerhalb eines Jahres Drogen genommen (7,9 % der Nicht-Vergewaltiger)

(Ergänzend fand ich interessant, dass die Vergewaltiger deutlich häufiger von mehr freiwilligen Sexualpartnern berichteten, als die Nicht-Vergewaltiger. 68,5 % der Nicht-Vergewaltiger hatten keinen oder einen Sexualpartner, 19,7 % zwei bis drei. 11,8 % mehr als vier. Von den Vergewaltigern hatte nur ca. jeder 4. (ca. 25 %) keinen oder einen Sexualpartner; ca. jeder Dritte hatte zwei bis drei und fast 40 % der Vergewaltiger hatten vier und mehr Sexualpartner. Jedem, der sich mit sexueller Gewalt befasst, ist klar, dass sexuelle Gewalt nichts mit Sex zu tun hat. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass Vergewaltiger meist keinen Mangel an Sex haben. Ihnen geht es offensichtlich viel mehr um Machtdemonstration und Demütigungen eines Menschen.)

Dies alles deutet darauf hin, dass man so etwas wie „Vergewaltigung“ nicht isoliert- als quasi als eine einzige destruktive Eigenschaft des entsprechenden Mannes – sehen kann. Solche Männer scheinen vielmehr von Destruktivität durchzogen zu sein. Ich finde es sehr wichtig, dass diese Feststellung einmal wissenschaftlich nachweisbar ist. Natürlich kommen viele Vergewaltiger auch aus der Mitte der Gesellschaft, sie sind Nachbarn, Verwandte, Freunde, Partner, Dorfvorsteher usw. Aber es sind – das zeigt diese Studie eindrücklich – im Grunde keine „ganz normalen Männer“ (im Sinne von psychisch gesund, nicht-selbst-schädigend, lebensbejahend und liebevoll). Ich hatte dies kürzlich auf eine andere Art in einem Beitrag bzgl. NS-Tätern und deren Verhalten im Privaten/in der Familie beschrieben, das sich offensichtlich häufig extrem destruktiv gestaltete. Im Grund ist es sehr wahrscheinlich, dass sich die o.g. Vergewaltiger auch bzgl. des Umgangs mit Kinder (sofern sie eigene haben) deutlich von den Nicht-Vergewaltigern unterscheiden. Leider wurde dieser Bereich nicht abgefragt. Es entspricht auch meiner Lebenserfahrung und Berichten über das Leben von grausamen Menschen: Destruktivität kommt selten alleine. Ab bestimmten destruktiven Verhaltensweisen (Vergewaltigung, Mord, (schwere) Misshandlung von Kindern usw.) kann mensch fast sicher sein, dass entsprechende Akteure/TäterInnen in vielerlei Hinsicht daran arbeiten, sich und/oder andere zu zerstören (auch wenn dies manchmal nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist.)

Zurück zu den Ergebnissen der Studie:

Es wurden zudem starke Zusammenhänge bzgl. Vergewaltigern und eigenen diversen (schweren) Gewalterfahrungen in der Kindheit gefunden. Leider wurde nicht ausgewiesen, wie viel Prozent der Vergewaltiger als Kind nicht Opfer von (schwerer) Gewalt wurden. (Das ist leider ein Fehler von vielen derart angelegten Studien, kaum eine geht der Frage nach, ob Täter gänzlich ohne Gewalterfahrungen als Kind aufgewachsen sind.) Zudem wurden keine Abstufungen aufgeführt (auch dies ist ein typischer Mangel solcher Studien). Es macht einen Unterschied, ob ein Kind zwei oder drei Mal z.B. körperlich misshandelt wird oder ob dies wöchentlich oder gar täglich geschieht. Auch ein nicht unwesentlicher Teil der Nicht-Vergewaltiger hat Gewalt erfahren. Hier wäre es z.B. interessant zu vergleichen, ob es Unterschiede zu Vergewaltigern bzgl. der Häufigkeit und Intensität der Gewalt gibt, was ich stark vermute. Zudem fehlt in der Studie auch eine Aufstellung bzgl. multipler Gewaltbetroffenheit. Je mehr verschiedene Formen von Gewalt als Kind erlitten wurden, desto schwerwiegender sind die Folgen. Eine Aufgliederung bzgl. dem Anteil, der alle vier, alle drei, zwei oder nur eine Form abgefragter Gewalt erlitten hat, wäre sicher aufschlussreich gewesen. (Die selbe Kritik trifft im Übrigen auf die weiter unten besprochene Studie zu.)

Gewalterfahrungen in der Kindheit von Vergewaltigern und Nicht-Vergewaltigern im Vergleich:

- 58,7  % der Vergewaltiger und 60,5 % der Gruppenvergewaltiger hatten als Kind körperliche Misshandlungen (also schwere Gewalt gegen das Kind) erlebt  (dagegen 31,4 % der Nicht-Vergewaltiger)

- 31,3 % der Vergewaltiger und 36,6 % der Gruppenvergewaltiger  wurden als Kind sexuell missbraucht (16 % der Nicht-Vergewaltiger)

- 51,9 % der Vergewaltiger und 59,7 % der Gruppenvergewaltiger erlebten emotionale Misshandlungen oder Vernachlässigung (30 % der Nicht-Vergewaltiger)

- 9,9 % der Vergewaltiger und 18,4 % der Gruppenvergewaltiger  wurden durch einen Mann als Kind vergewaltigt  oder sexuell genötigt (3,3 % der Nicht-Vergewaltiger)


Allgemeine Gewaltbetroffenheit in der Kindheit von Männern im asiatischen Raum

Die Studie erlaubt es zusätzlich, die Daten bzgl. (schweren) Gewalterfahrungen zusammenzuzählen (also Nicht-Vergewaltiger + Vergewaltiger) und auf die gesamten befragten Männer zu beziehen. Da die Stichprobe repräsentativ war kann man also sagen, dass die Männer in den befragten asiatischen Ländern allgemein wie folgt von (schwerer) Gewalt in der Kindheit betroffen waren.

- 34,44 % (3425 von 9946) erlebten körperliche Misshandlung (schwere körperliche Gewalt)

- 32,71 % (3253 von 9946) erlebten emotionale Misshandlungen oder Vernachlässigung

- 17,84 % (1774 von 9946) erlebten sexuellen Missbrauch

-  4,33 % (427 von 9869) wurden durch einen Mann als Kind vergewaltigt  oder sexuell genötigt

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Deutsche Studie bzgl. inhaftierten Sexualstraf- und Gewalttätern

Ich möchte dem Beitrag hier eine weitere Studie anhängen, die ich kürzlich gefunden habe. Für die Studie wurden inhaftierte Kindesmissbraucher, allgemeine Gewaltstraftäter und  Sexualstraftäter (nur sexuelle Gewalt gegen Erwachsene) miteinander verglichen: 
Urban, Dieter &  Fiebig, Joachim (2011): Pädosexueller Missbrauch: wenn Opfer zu Tätern werden. Eine empirische Studie. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 40, Heft 1, Februar 2011, S. 42–61
Ausgewählte Ergebnisse:

Sexuellen Missbrauch in der eigenen Kindheit
(bis zum Alter von 14. Jahren mit Körperkontakt) erlebten:

Kindesmissbraucher (N = 130) = 48,5 %

Sexualstraftäter - nicht gewalttätig gegen Kinder (N = 67) = 28,4 %

nicht sex. Gewalttäter (N = 157) = 15,9 %

Bzgl. der nachfolgenden Gewalterfahrungen muss erwähnt werden, dass nur solche in den Zahlen aufgenommen wurden, die häufiger bzw. erheblicher waren. Insofern geben die Zahlen nicht einen absoluten Wert sämtlicher Gewalterfahrungen wieder. (Anders beim sexuellen Missbrauch, hier wurden alle Gewalterfahrungen mit Körperkontakt erfasst.)

Erlittene körperliche Gewalt in der Kindheit (u.a. geohrfeigt, mit der Faust geschlagen)

Kindesmissbraucher (N = 130) = 50,8 %

Sexualstraftäter - nicht gewalttätig gegen Kinder (N = 67) = 40,3 %

nicht sex. Gewalttäter (N = 157) = 47,1 %

Erlittene psychische Gewalt in der Kindheit (u.a. Nichtbeachtung, Erniedrigung, Bedrohung)

Kindesmissbraucher (N = 130) = 47,7 %

Sexualstraftäter - nicht gewalttätig gegen Kinder (N = 67) = 43,3 %

nicht sex. Gewalttäter (N = 157) = 42,7 %

Beobachtete körperliche Gewalt in der Familie

Kindesmissbraucher (N = 130) = 46,2 %

Sexualstraftäter - nicht gewalttätig gegen Kinder (N = 67) = 49,3 %

nicht sex. Gewalttäter (N = 157) = 50,3 %

Die Studie konnte deutlich nachweisen, dass eigene sexuelle Opfererfahrungen deutlich das Risiko erhöhen, selbst sexuelle Gewalt gegen Kinder auszuüben (fast jeder Zweite Kindesmissbraucher ist selbst sexuell missbraucht worden.) Leider wurde auch bei dieser Studie versäumt aufzuführen, wie viel Prozent der Straftäter keine der vier abgefragten verschiedenen Opfererfahrungen in der Kindheit erlitten haben. Insgesamt zeigen die aufgeführten Zahlen eine sehr hohe Rate von Opfererfahrungen bei allen drei Straftätertypen, wobei die Kindesmissbraucher bzgl. sexueller Gewalterfahrungen überdurchschnittlich hervorstechen. Die Studie ist nicht direkt mit Gewaltstudien bzgl. der allgemeinen Bevölkerung vergleichbar, da jede Studie anders aufgebaut wird. Sie zeigt aber deutliche Tendenzen. So stellte das KFN (http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/fob118.pdf, S. 22) in einer großen repräsentativen aktuellen Befragung fest, dass nur 1,1 % der Männer in Deutschland sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt vor dem 14. Lebensjahr erlebt haben. Selbst wenn man Exhibitionismus (1,3 %) und „sonstige sexuelle Handlungen“ (0,3%) hinzuziehen würde, käme man nicht annähernd an die Opferraten der drei Straftätertypen! Auch von den drei  anderen  Opfererfahrungen (psychische Gewalt, beobachtete körperliche Gewalt, erlebte körperliche Gewalt) sind die Straftäter sehr häufig betroffen. Die Studie ergänzt u.a. die oben besprochene Studie bzgl. Vergewaltigern. Sexualstraftäter (aber auch nicht-sexuelle Gewalttäter) scheinen in hohem Maße von Gewalt in der Kindheit betroffen zu sein.



Freitag, 18. Juli 2014

Gewalt gegen Kinder in Israel und Palästina. Ein Zusammenhang zur irrationalen politischen Gewalt?

Zu letzt habe ich mich Anfang 2009  mit der psychischen Situation in Israel und auch einigen Daten über Kindesmisshandlung befasst, nachdem die israelische Armee in Gaza einmarschiert war. Aus aktuellem Anlass habe ich erneut etwas recherchiert und erstmalig aussagekräftige neue Zahlen über Kindesmisshandlung in Israel gefunden.

10.513 Kinder und Jugendliche (8.239 als Juden und 2.274 als Araber kategorisierte) im Alter zwischen 12 und 16 Jahren (Geburtsjahrgänge ca. 1995-2001) wurden im Zeitraum zwischen September 2011 und September 2013 in Israel bzgl. Gewalterfahrungen befragt. Die Studie wurde von der „Society at the University of Haifa“ unter der Leitung von Prof. Zvi Eisikovits und Prof. Rachel Lev-Wiesel durchgeführt. Dies ist die erste große und repräsentative (Dunkelfeld-)Studie in Israel, die sich mit Kindesmisshandlung befasst.  Sie liegt mir nicht direkt vor (bisher nur in hebräisch online ), wurde aber in Onlinequellen (siehe unten) in englisch ausführlich besprochen. Das Grundziel der Studie ist wohl (folgt man den Angaben auf der Onlineseite der Forschenden), über 15.000 Kinder zu befragen . Die Studie läuft noch bis ca. 2015, so dass die hier vorgestellten Ergebnisse wohl als erster großer Zwischenbericht verstanden werden müssen. Da ich kein hebräisch verstehe, ist dies zumindest das, was ich den englisch sprachigen Texten entnehme.

Ergebnisse:

48,5 % aller Befragten berichteten über mindestens eine Form von erlittener Misshandlung (also schwerer Gewalt). (Die arabischen Kinder und Jugendlichen waren dabei mit 67,7 % deutlicher häufiger  von Misshandlungen betroffen)

27,8 % wurden emotional misshandelt (40,1 % der arabischen Befragten)

17,6 % sexuell misshandelt (16.9 % der Jungen und18.3% der Mädchen bezogen auf alle Befragten;  22,3 % der arabischen befragten Mädchen und Jungen)

15,2 % emotional vernachlässigt

14,3 % körperlich vernachlässigt (33,4 % der arabischen Befragten)

14,1  % körperlich misshandelt

8,6  % wurden Zeugen körperlicher Misshandlungen in der Familie

Die Studie definierte Misshandlungen als “ongoing, systematic and deliberate cruelty that causes pain and suffering to the victim. Physical abuse is ongoing, systematic and deliberate cruelty that causes pain and suffering to the victim and is related to physical harm. Emotional abuse is parental cruelty that is systematically repetitive and distorts the sense of identity and esteem of the child.” (ynetnews.com, 11.12.2013: Study: Half of Israeli children experienced abuse or neglect; siehe ergänzende Infos zu der Studie auch hier)

Es geht also um häufige, systematische und vorsätzliche schwerere Gewalt gegen Kinder. Leichtere Gewaltformen wurden demnach nicht erfasst. Die o.g. Daten beziehen sich auf die aktuelle Kindergeneration in Israel. Dies ist besonders wichtig zu erwähnen, weil Gewalt gegen Kinder im historischen Rückblick überall auf der Welt ansteigt, vor allem auch bei den schweren Formen. Wichtige politische und militärische Führungspersonen in Israel gehören i.d.R. einer älteren Generation an, die noch mehr Gewalt erlebt haben wird, als die aktuelle Kindergeneration!

Diesen Informationen möchte ich jetzt noch einmal Daten über die besetzen palästinensischen Gebiete anhängen.

Laut UNICEF erleben in den besetzen palästinensischen Gebieten nur 5 % der Kinder keine Gewalt in der Familie (damit ist dieses Land "Spitzenreiter" in diesem vergleichenden UNICEF Report, der 36 Länder erfasst), 70 % erleben psychische und körperliche Gewalt, 23 % erleben nur psychische Gewalt und 2 % nur körperliche Gewalt. (vgl. UNICEF, September 2009: Progress for Children - A Report Card on Child Protection, S. 8) Befragten wurden Mütter/ hauptsächliche Pflegepersonen, die Kinder im Alter zwischen 2 und 14 Jahren haben, zum Strafverhalten in der Familie innerhalb eines Monats vor der Befragung. Die o.g. bereits sehr hohen Zahlen sagen also nichts aus über die Gewalterfahrungen während der gesamten Kindheit! Während für andere Länder des mittleren Ostens und Nordafrika in dieser Studie auch Daten bzgl. besonders schwerer körperlichen Gewalt vorliegen, ist dies für die besetzten palästinensischen Gebiete leider nicht der Fall. Es ist zu vermuten, dass auch für dieses Gebiet der Durchschnittswert für diese Region von 34 % (vgl. ebd., S. 29) schwer körperlich misshandelter Kinder innerhalb eines Monats vor der Befragung ein reeller Richtwert ist. 

Ich habe in meinem oben eingangs verlinkten Text aus dem Jahr 2009 bereits viel über die irrationalen Ursachen des Konfliktes in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten geschrieben. Ich halte hiermit noch einmal fest, dass sowohl auf israelischer als auch auf der palästinensischen Seite hohe Raten von Gewalt gegen Kinder festzustellen sind, dabei auch hohe Raten schwerer Gewalt (sprich Misshandlungen), die besonders schädliche Folgen für die betroffenen Kinder bedeuten. Zudem ist eindeutig festzuhalten, dass auf der palästinensischen Seite (wie auch im sonstigen arabischen Raum) im Verhältnis zu Israel bzw. den jüdischen Kindern deutlich höhere Raten von Kindesmisshandlung festzustellen sind und somit die arabischen Kinder deutlich häufiger im Elternhaus traumatisiert wurden und werden. Die jüdische Seite trägt zudem das kollektive Trauma des Holocaust auf die eine oder andere Art in sich (dazu habe ich bereits ansatzweise etwas hier geschrieben), das sich mit der Gewalt im Elternhaus zu einer sehr belastenden Gesamtmasse vermischt.

In diesen Tagen erleben wir erneut die Irrationalität kriegerischer Gewalt in der Region, die mich mal wieder derart fassungslos macht, dass ich mir weitere Kommentare spare. Allerdings bin ich mir sicher, dass der Konflikt vor Ort langfristig nur gelöst werden kann, wenn in der Region flächendeckende Kinderschutzprogramme ins Leben gerufen werden und zusätzlich bereits traumatisierte Menschen psychologisch betreut werden. Israel hat 2000 sämtliche Formen körperlicher Gewalt gegen Kinder gesetzlich verboten, ein (vor allem symbolischer) Schritt in die richtige Richtung. Die Ergebnisse der aktuellen oben besprochenen Studie aus Israel wurden zudem 12.11.2013 in der Knesset vorgetragen, was hoffen läßt, das entsprechende Maßnahmen erfolgen. Die Region muss vor allem emotional entwaffnet werden und dies geht nur, wenn man – um es mit Astrid Lindgrens Worten zu sagen – von Grund auf beginnt: bei den Kindern.



Dienstag, 10. Juni 2014

Die Welt von Morgen. Was sind die Folgen von Gewaltlosigkeit und Liebe gegenüber Kindern?

Gut 12 Jahre ist es mittlerweile her, dass ich – damals noch als Student - in das Thema Kindesmisshandlung sehr bewusst und mit sehr viel Elan eingestiegen bin. In der Zwischenzeit habe ich sehr viel erlebt und sehr viel gelernt. Und obwohl das Thema so viele Abgründe hat, ist meine Sicht auf die Zukunft immer optimistischer geworden. Vor 12 Jahren sah das noch ganz anders aus, weil mich die damals vorliegenden Zahlen über das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder quasi umgehauen haben. In dem nun 300. Beitrag in diesem Blog möchte ich diesem sich bei mir entwickelten Optimismus treu bleiben und einmal weit über das Jahr 2014 hinaus schauen.

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Über 150 Studien konnten nachweisen, dass körperliche Gewalt gegen Kindern diverse schädliche Folgen für die Kinder, die späteren Erwachsenen und letztlich die Gesellschaft bedeuten. Keine einzige Studie konnte irgendwelche Vorteile von Körperstrafen nachweisen. (Global Initiative to End All Corporal Punishment of Children (2013). Summary of research on the effects of corporal punishment. S. 6+7)

Es gibt sicherlich mittlerweile einige tausend Studien, die sich mit den negativen Folgen von Kindesmisshandlung (sprich körperliche, psychische und sexuelle Gewalt sowie Vernachlässigung) befassen (Ich habe Dutzende davon gelesen). Mir ist allerdings keine große Studie bekannt, die im Grunde einmal die Fragestellung von Beginn an umdreht:
- Was für Folgen hat es eigentlich, wenn Kinder keine (elterliche) Gewalt erfahren und wenn sie nicht vernachlässigt werden?
- Was für Folgen hat es, wenn Kinder  sogar ganz im Gegenteil besonders viel Fürsorge und Liebe erleben und ihre Eltern ihnen Sicherheit, Zusammenhalt, emotionale Verbundenheit, Interesse und Geborgenheit bieten?
Die Antworten auf diese Fragen leiten sich aus den vorhandenen Studien im Grunde dahingehend ab, dass man die beobachteten negativen Folgen von Kindesmisshandlung weitgehend streichen könnte (oder wissenschaftlicher ausgedrückt: Die negativen Folgen würden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich abmildern.)

Schaut man sich beispielsweise die Ergebnisse der großen amerikanischen "ACE Studie" an. kann man ohne Zweifel zusammenfassen, dass eine deutliche Reduzierung von belastenden Kindheitserfahrungen eine enorme Reduzierung von menschlichen Phänomenen und Gesundheitsbelastungen wie Depressionen, Selbstmord(versuchen), Halluzinationen, undeutlichen Kindheitserinnerungen, unerklärlichen (Krankheits-) Symptomen, Rauchen, Alkoholismus, Drogenkonsum, ernsthaften Problemen im Arbeitsleben und mit den eigenen Finanzen, Lebererkrankungen, Lungenerkrankungen, häufig wechselnde Sexualpartner, Übergewicht u.a. zur Folge hätte. (Siehe z.B. „The Relationship of Adverse Childhood Experiences to Adult Medical Disease, Psychiatric Disorders, and Sexual Behavior: Implications for Healthcare.“ In dem Buch: Lanius, R. & Vermetten E. (2009): The Hidden Epidemic: The Impact of Early Life Trauma on Health and Disease. Cambridge University Press.  Oder gesammelte Artikel unter www.acestudy.org)

Beobachtete mögliche Folgen (auf diese wird auch in der oben erwähnten Übersicht über 150 Studien hingewiesen) wie geringere Empathie, erhöhte Aggressivität, antisoziales Verhalten, Gewalthandeln/Kriminalität, geringere kognitive Entwicklung, psychische und körperliche Schäden usw. oder wie in diesem Blog vor allem besprochen Krieg und Terror (verstanden als Folge von vor allem Kindesmisshandlung bzw. fehlender Liebe in der Kindheit) oder auch selbstschädigendes Verhalten wie Prostitution oder Umweltzerstörung usw. usf. all dies muss letztlich zu einem großen Gesamtkomplex gedacht werden. Wenn man sich diesen Gesamtkomplex an möglichen Folgeschäden anschaut, dann sind zukünftig sehr positive Effekte bzgl. der menschlichen Zivilisation zu erwarten, wenn es Kindern Stück für Stück immer besser ergeht und sie immer weniger Gewalt erleiden. (Ich stelle mir bildlich eine Entwicklung in diversen Bereichen vor, wie ich sie hier exemplarisch besprochen habe; nur dass die Kurven mit fortschreitender Zeit und dem damit verbundenen Gewaltrückgang gegen Kinder stets nach Unten zeigen.)

Eine positive, konstruktive, gewaltfreie und liebevolle Elternschaft ist allem Anschein nach eine recht neue „Erfindung“ (letztlich wohl des 20. Jahrhunderts, wenn man dem Psychohistoriker Lloyd deMause folgt) und es werden wohl immer mehr Eltern, die sich diesem Ideal annähern oder es sogar erfüllen. Die so behandelten Kinder werden logischer Weise ihrerseits an ihrer Kinder weitergeben, was sie selbst erlebt haben.

Eine glückliche Kindheit ist natürlich mehr als die Abwesenheit von (elterlicher) Gewalt, aber die Abwesenheit der Gewalt ist der halbe Weg zu einer glücklichen Kindheit. Diese elterliche Gewalt geht nachweisbar in vielen Regionen auf der Welt Stück für Stück zurück. Und auch die Staaten, die jegliche körperliche Gewalt – teils auch seelische - gegen Kinder gesetzlich verbieten, nehmen Stück für Stück zu. In Deutschland ist die körperliche Gewalt gegen Kinder in den letzten Jahrzehnten bahnbrechend rückläufig, in Schweden (siehe z.B. hier) wird sie sogar in absehbarerer Zeit in einem ein-prozentigen Bereich liegen, in Finnland zeichnen sich ähnliche Entwicklungen ab. Es ist parallel und/oder in der Folge dieses Gewaltrückganges damit zu rechnen, dass sich auch die allgemeinen Eltern-Kind-Beziehungen immer positiver gestalten und sich Eltern und Kinder emotional immer weiter annähern.

Erstmalig in der Geschichte der Menschheit erleben wir (beginnend in Nordeuropa), dass die große Mehrheit einzelner Gesellschaften ihre Kinder ohne körperliche Gewalt erzieht. Ebenfalls ist der sexuelle Missbrauch von Kindern in Deutschland stark rückläufig. Auch die Sorge um Kinder nimmt allem Anschein nach immer mehr zu. Da dies ein ganz neuer Gesellschaftszustand ist, wissen wir im Grunde gar nicht, was da eigentlich auf uns zukommt. Was bedeutet es, wenn die große Mehrheit der Kinder eines Landes nicht mehr unter den schädlichen Folgen der (vor allem elterlichen) Gewalt leidet? Anders gedacht und gefragt: Denken wir einmal 50 oder 100 Jahre weiter. Die Entwicklung der Kindererziehungspraxis scheint sich immer mehr zu beschleunigen (im Westen vor allem ab den 1970er Jahren). Eine Frage, die bisher utopisch schien, wird immer dringlicher: Was kommt auf Europa zu, wenn Elterngewalt nahezu ausgestorben sein wird und auch die Kindesvernachlässigung rapide abnimmt? Wir müssen sogar fragen, was auf die Welt zukommt, wenn vielleicht in 200 oder 300 Jahren weltweit nur noch eine Minderheit der Kinder Gewalt durch ihre Eltern erlebt. Was ist in 500 Jahren, wenn sogar eine Mehrheit aller Kinder nicht nur keine Gewalt erlebt, sondern sogar besonders viel Liebe und elterliche Fürsorge?

Der Psychohistoriker Lloyd deMause hat unterschiedliche Kindererziehungspraktiken idealtypisch aufgestellt. Am Ende steht in diesem Modell der „Helfende Modus“, den ich hier verkürzt wiedergebe:
Helfender Modus (Individualisierte Psychoklasse); Zeit: Postmoderne, ab 20. Jh.:
Die hauptsächliche Rolle der Eltern besteht in der Hilfestellung für das Kind in jeder Altersstufe, was viel Aufwand, Zeit und Energie bedeutet; das erste mal sind Kinder für die Eltern keine schwierige Aufgabe mehr, sondern eine Freude; sowohl Mutter als auch Vater sind vom Säuglingsalter an gleichwertig mit dem Kind befasst und helfen diesem, eine autonome, selbstbestimmte Person zu werden; die Kinder werden bedingungslos geliebt und werden nicht geschlagen; wenn Eltern unter Stress Fehler begehen und ihre Kinder z.B. anbrüllen, entschuldigen sie sich danach bei ihnen; diese so behandelten Kinder sind wesentlich empathischer gegenüber anderen Menschen in der Gesellschaft als frühere Generationen.
"Es ist keine Frage, dass, würde die Welt Kinder nach dem helfenden Modus großziehen, Kriege und alle anderen selbstdestruktiven sozialen Bedingungen, unter denen wir im 21.Jahrhundert immer noch leiden, getilgt sein würden, weil die Welt einfach mit individualisierten Persönlichkeiten gefüllt sein würde, die empathisch gegenüber anderen und nicht selbstdestruktiv wären." (deMause, 2005, S. 305)

Als ich zum ersten Mal bei deMause diese Stelle gelesen habe, konnte ich dies sofort nachvollziehen, fand es vor allem mutig und dabei auch irgendwie ungewöhnlich. Aber ein Teil von mir zweifelte immer noch etwas. „Ist dies nicht doch zu vereinfacht gedacht?“ Heute stimme ich deMause in diesem Punkt komplett zu: Ja, es ist so einfach. Wenn man heute diese Vorstellung von der zukünftigen menschlichen  Entwicklung propagiert, wird man oftmals Kopfschütteln ernten. Dabei wird – davon bin ich überzeugt – ganz einfach die Zeit (vor allem auch die kommenden 50 Jahre in Europa, die ich hoffentlich noch miterlebe und mich schon im Jahr 2064 an diesen Text zurückdenken sehe.) zeigen, dass die menschliche Destruktivität auf allen denkbaren Gebieten auf Grund der sich entwickelnden Kindererziehungspraxis extrem rückläufig sein wird. Schon heute fällt es den Forschenden schwer zu verstehen, warum die menschliche Gewalt vor allem über einen längeren Zeitpunkt betrachtetet derart rückläufig ist. (siehe dazu z.B. Steven Pinker)

Der 1905 geborene deutsche Volkskundler Walter Hävernick mahnte noch 1970 in seiner Studie über die „Sitte“ des Schlagens von Kindern in seinem Schlusswort, man solle diese Sitte nicht als autoritär beschimpfen und die Einführung einer „freiheitlichen  Gesinnung“  würde zu einer  „Verwahrlosung und Verelendung des hilflosen Nachwuchses führen“ . “Darum“, so der Forscher weiter – offensichtlich mit Blick auf die aufkommenden Tendenzen der 68er Generation, das Schlagen von Kindern kritisch zu sehen – „ist es reine Theorie, wenn man sich vorzustellen versucht, was geschehen würde, wenn es wirklich zu einem schnellen und gänzlichen Erlöschen der Sitte käme, ohne dass eine ähnliche Kraft an ihre Stelle träte. Ein solcher schrankenloser Individualismus würde für den Menschen (…) eine Katastrophe unbegrenzten Ausmaßes sein: ohne Rückhalt in einer Gemeinschaft seinesgleichen würde er im Kampf aller gegen alle sich gegenseitig ausrotten.“ Hävernick vermutet sogar einen Zusammenhang zwischen dem Rückgang von Körperstrafen gegen Kinder und Jugendlichen und einem gewissen Anstieg der Jugendkriminalität im damaligen Deutschland, was er in seinem Buch bespricht.
Im Kapitel „Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie“ des Buches „Deutschland misshandelt seine Kinder“  (2014 erschienen) beschreiben die beiden Rechtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Guddat folgende Begebenheit:
"Am Institut für Rechtsmedizin der Charité werden häufig ägyptische Gastärzte geschult. Wenn sie unsere Vorträge über Kindesmisshandlung hören, zeigen sich viele von ihnen verwundert, dass Körperstrafen in Deutschland als Mittel der Kindererziehung verboten sind.  «Bei uns darf man seine Kinder ja auch nicht totschlagen», sagte einmal ein ägyptischer junger Arzt zu uns. «Aber wie erzieht ihr eure Kinder denn, wenn ihr sie nicht schlagt?» und ein Kollege von ihm fügt hinzu: «Das ist doch schließlich mein Kind, das ich schlage, nicht das Kind meines Nachbar.» " (In Ägypten ist weiterhin ein extrem hohes Ausmaß an Gewalt gegen Kinder festzustellen.) Die Aussagen von Walter Hävernick machen exemplarisch für seine Generation deutlich, dass die Aussagen der ägyptischen Ärzte so oder so ähnlich auch noch im Deutschland der 50er und 60er Jahre zu finden waren. Was für einen gewaltigen Sprung haben doch die Väter und Mütter seitdem gemacht!
Diesen Sprung sehe ich auch in meiner eigenen Familie, angefangen bei meinen Großeltern über meine Eltern bis hin zu meinen Kindern bzw. mich als Vater. Jede Generation hatte es als Kind besser, als die davor. Ich selbst bin der Erste in meiner Familie, der z.B. nicht geschlagen wurde. Und meine Kinder haben einfach nur Glück mit mir und meiner Frau als Eltern (was nicht heißt, dass wir keine Fehler machen.). Wenn ich noch mal Kind sein dürfte, ich würde mir mich und meine Frau als Eltern wünschen. (Ich hoffe, dass unsere Kinder das dann später auch so sehen :-) .)

Freitag, 23. Mai 2014

Dr. Navid Kermani über Deutschland


"Dies ist ein gutes Deutschland, das beste, das wir kennen, sagte vor kurzem der Bundespräsident. Ich kann dem nicht widersprechen. Welchen Abschnitt der deutschen Geschichte ich mir auch vor Augen halte, in keinem ging es freier, friedlicher, toleranter zu als in unserer Zeit."
(Zitat aus der unten besprochenen Rede von Dr. Navid Kermani)


Eigentlich hatte ich an dieser Stelle (dem Beitrag Nr. 299) einen anderen Beitrag geplant, da der nächste (Nr. 300) für mich symbolische Bedeutung hat. Aber irgendwie gibt es wohl kaum einen besseren Zeitpunkt dafür, mit Beitrag Nr. 299 auf die Festrede zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes (ergänzend als Video hier) des deutschen und iranischen Staatsbürgers Dr. Navid Kermani - gehalten heute im Deutschen Bundestag - hinzuweisen.

Die Rede hat mich sehr berührt. Vor allem aber teile ich seinen Optimismus und sein positives Bild über die Entwicklungen in Deutschland seit 1949. Und natürlich war es trotzdem auch richtig und wichtig auf aktuelle Schwachstellen und Schattenseiten hinzuweisen.

In der ZEIT wurde die Rede u.a. mit folgendem Satz kommentiert: „Er hat keine weichgespülte Rede gehalten, die niemandem wehtut in Deutschland, sondern eine erwachsene Rede für ein erwachsenes Land.“ Besser könnte man es nicht ausdrücken.
Ich sehe ebenfalls, wie unser Land immer erwachsener wird. Und natürlich habe ich da meine spezielle Sichtweise, warum diese Entwicklungen so bahnbrechend möglich waren: Nämlich in der Tiefe, weil sich Kindheit in Deutschland so bahnbrechend entwickelt hat. Eine gewaltfrei und gesunde (oder gesundere und gewaltfreiere) Kindheit produziert tendenziell Erwachsene, die auch wirklich emotional erwachsen (oder erwachsener) sind. Und dies wirkt sich natürlich auf allen gesellschaftlichen Ebenen aus.

Kermani sagte, nachdem er einzelne Artikel des Grundgesetztes besprochen hat: „(…) das waren, als das Grundgesetz vor 65 Jahren verkündet wurde, eher Bekenntnisse, als dass sie die Wirklichkeit in Deutschland beschrieben hätten. Und es sah zunächst keineswegs danach aus, als würde der Appell, der in diesen so schlichten wie eindringlichen Glaubenssätzen lag, von den Deutschen gehört.
Das Interesse der Öffentlichkeit am Grundgesetz war aus heutiger Sicht beschämend gering, die Zustimmung innerhalb der Bevölkerung marginal. Befragt, wann für sie die beste Zeit gewesen sei, entschieden sich noch 1951 in einer repräsentativen Umfrage 45 Prozent der Deutschen für das Kaiserreich, 7 Prozent für die Weimarer Republik, 42 Prozent für die Zeit des Nationalsozialismus und nur 2 Prozent für die Bundesrepublik. 2 Prozent! Wie froh müssen wir sein, dass am Anfang der Bundesrepublik Politiker standen, die ihr Handeln nicht nach Umfragen, sondern nach ihren Überzeugungen ausrichteten.


Dieser Hinweis auf die bahnbrechenden Entwicklungen in Deutschland (und letztlich auch im gesamten Europa) könnte keine bessere Einleitung zu dem Beitrag sein, der in diesem Blog die Nr. 300 haben wird und an dem ich derzeit noch arbeite.

Freitag, 25. April 2014

Die Kinder der NS-Täter und die Kindheit der NS-Täter

(aktualisiert am 28.01.2015)

"Ich frage mich, wen hat er da in Gestalt des Juden eigentlich umgebracht, mit der unterdrückten Wut gegen den Vater erscheint mir die Tat wie ein Ventil
."

(Margit N. über ihren Nazi-Vater - siehe auch unten)


Kürzlich hat der SPIEGEL unter dem Titelthema „Mein Vater, der Mörder“ (Nr. 16, 14.04.2014) - siehe online dazu u.a. hier - die Recherchen des SPIEGEL Journalisten Cordt Schnibben über seine Nazi-Eltern veröffentlicht und dieses Thema auch in der Folge unter "Einestages" schwerpunktmäßig bei SPIEGEL-Online fortgesetzt. Ich selbst habe schon seit einiger Zeit vor, erneut etwas über die Kinder der Täter zu schreiben. In meinem „Grundlagentext“ hatte ich das Thema kurz angerissen („Nazi-Täter und ihre Familien“).  Kein Anderer hat derart deutlich formuliert, um was es mir in diesem Beitrag geht, wie Jürgen Müller-Hohagen (in seinem Beitrag Müller-Hohagen, J. (1996). Tradierung von Gewalterfahrungen: Sexueller Missbrauch im Schnittpunkt des „Politischen“ und „Privaten“. In: Hentschel, G. (Hrsg.): Skandal und Alltag: sexueller Missbrauch und Gegenstrategien. Orlanda Frauenverlag, Berlin.; Hinweis: Er ist auch Leiter des Dachau Instituts und befasst sich dort mit der Thematik)
Er schrieb folgenden zentralen Satz: „Viele Täter und Tatbeteiligte haben nach der `Stunde Null` weitergemacht, haben weiterhin Schwächere und Wehrlose `fertiggemacht`, vorausgesetzt, sie liefen dabei keine Gefahr, entdeckt oder bestraft zu werden. Der Missbrauch der `eigenen` Kinder war die optimale Gelegenheit für solchen Terror, denn wo sonst, außer in der Folter, sind Menschen so schutzlos ausgeliefert? Und wo sonst ist die Gefahr des Entdecktwerdens geringer?“ (Müller-Hohagen, 1996, S. 37)
Das „Fertigmachen“ der eigenen Kinder ist allerdings nicht nur ein Beleg dafür, wie sich menschenverachtendes Denken/mörderische Ideologie und Abgestumpftheit durch Kriegserfahrungen und eigene Täterschaft fortführte. Meine hier im Blog verfolgte Grundthese ist bekanntlich, dass destruktive Kindheitserfahrungen das Fundament für Kriege und erst Recht die Ereignisse in Nazi-Deutschland bilden. Mittlerweile ist es auch kein großes Geheimnis mehr, dass Eltern, die ihre eigenen Kinder misshandeln und/oder vernachlässigen nur das weitergeben, was sie selbst einst als Kind erlitten haben. Wenn also Nazi-Täter oft, vielleicht sogar sehr oft (leider gibt es dazu meines Wissens nach bisher kaum Forschungsarbeiten) ihre eigenen Kinder gequält haben und/oder sonst wie destruktiv agierten (durch Verlassen der Familie, Abwesenheit, emotionale Kälte, Suchtverhalten usw.), dann wäre dies ein deutlicher Hinweis auf ihre eigene Kindheit und eigene leidvolle Erfahrungen, die an den eigenen Kindern auf die eine oder andere Art wiederaufgeführt wurden.
Um mich noch deutlicher auszudrücken: Das Leid oder die Kälte, die die Kinder von NS-TäterInnen in ihrer eigenen Familie erfuhren, wäre (sofern man dies einmal repräsentativ abfragen würde) ein Beleg dafür, dass eben diese NS-Eltern eine destruktive Kindheiten hatten und dies wäre wiederum ein Beleg dafür, dass dies den Weg in die NS-Täterschaft stark begünstigte (denn es gilt für mich der Satz, dass als Kind geliebte Menschen keine Kriege anfangen und erst recht keine Nazis werden). Dass die Kriegsgeneration mehrheitlich Gewalt im Elternhaus erfuhr und autoritär erzogen wurde, ist gut nachweisbar. Meine Vermutung ist allerdings, dass NS-TäterInnnen aus ganz besonders hasserfüllten und emotional kalten Familien stammen (je grausamer ihre Taten und je fanatischer ihr politisches Denken, desto grausamer die eigene Kindheit) und sich somit von dem Durchschnitt unterscheiden.

Aber kommen wir zurück zu dem o.g. SPIEGEL Titelthema. Cordt Schnibben deutet nebenbei an, das seine eigene Kindheit alles andere als glücklich war. Er schreibt z.B. auf Seite 68: „Ich kann nicht genau sagen, ob es die sexuellen Übergriffe im Wikinglager waren oder die Enttäuschung darüber, dass mein Vater schnell nach dem Tod meiner Mutter eine trinkende Stiefmutter ins Haus holte. Ich jedenfalls bin kein Nazi geworden. Aber da ist diese Angst, die aus den Knochen kommt und die mich seit Jahrzehnten um fünf Uhr morgens nicht mehr schlafen lässt.“ Seine Mutter starb, als Cordt 12 Jahre alt war. Sie war wie der Vater von der NS-Ideologie überzeugt. Dass der Vater sich dann eine destruktive, suchtkranke Frau aussuchte, erzählt bereits etwas über seine eigene Persönlichkeit, wie ich finde.  Schnibben schreibt an anderer Stelle auf Seite 72: „Viele der Täterkinder sind zu Erben des Schweigens geworden. Weil über den Krieg nicht geredet wurde, wurde über nichts von Belang mehr geredet zwischen Eltern und Kindern, jedes Treffen war ein ritualisierter Austausch von nichts, bei uns war es so, bei vielen meiner Freunde ist es auch so.“ Der Autor schreibt diese fehlende Kommunikationskultur oder besser gesagt fehlende Emotionalität und echte Begegnung im Gespräch rein den Kriegsereignisse zu. Aber ist es nicht auch so, dass, wenn man sich mit der deutschen Kindheit um 1900 befasst, wo die Eltern häufig mit „Herr Vater“ und „Frau Mutter“ angesprochen wurden, klar wird, dass die Eltern von Cordt Schnibben wahrscheinlich nie eine innige Eltern-Kind-Beziehung und einen emotionalen Austausch in der eigenen Familie erlebt haben? Wie sollten sie also innige Gespräche mit den eigenen Kindern hinbekommen, wo sie doch – vermutlich - gar nie gelernt haben, wie dies geht?
Der SPIEGEL Journalist berichtet auch von den Briefen seiner Eltern, die er durchgearbeitet hat. Er schreibt: „In den Briefen treten mir zwei fremde Menschen entgegen, fremd in doppeltem Sinne: So zärtlich und einfühlsam habe ich sie nie erlebt, so kaltblütig und berechnend auch nicht.“
Alles in allem entsteht bei mir das Bild einer emotional kalten Familie. Worüber der Autor nicht berichtet ist, ob er auch direkt Gewalt und Demütigungen erlebt hat.
An einer Stelle in seinem Text wurde - das noch zur erhellenden Ergänzung im Sinne dieses gesamten Beitrages -  sichtbar, dass der Autor sehr genau sieht, wie grausam NS-Täter gegen ihre eigenen Kinder vorgehen konnten.  Er beschreibt zunächst Selbsthilfebemühungen der Kinder und Kindeskinder von NS-Tätern und fügt dann auf Seite 73 an: „Und wenn dann eine junge Frau – die Enkelin eines hohen SS-Mannes – während des Treffens in Neuengamme aufsteht und erzählt von einem Großvater, der aus dem Krieg nach Hause kam und dort weitermachte, wo er in Polen aufgehört hatte, der seine Tochter und seine Enkelin über Jahre vergewaltigte, spätestens dann wird deutlich, wie groß das Leid von Täterkindern sein kann.

In zwei Einzelberichten auf Einestages, die dem SPIEGEL-Titel folgten, sind mir ebenfalls die oben skizzierten Zusammenhänge aufgefallen: 
Der Bericht („Er hatte auch eine verbrecherische Seite“) von Hans-Jürgen Brennecke (Jahrgang 1944) über seinen NS-Vater enthält eine sehr deutliche Passage:
 „Ich habe meinen Vater acht Jahre lang erlebt, bis er sich 1953 das Leben nahm. In Erinnerung habe ich einen humorvollen, fürsorglichen, "normalen" Vater. Der zwar sehr streng war und hart geschlagen hat, wie das in dieser Zeit üblich war, den ich aber trotzdem liebte.
Strenge und harte Schläge (wahrscheinlich Misshandlungen) zeichneten diesen NS-Vater aus. Der Suizid ist ein überdeutlicher Beleg für eine gescheiterte Persönlichkeit.  Die Idealisierung durch den Sohn um die Schilderungen von Gewalterlebnissen und Suizid herum sind klassisch und machen einmal mehr deutlich, wie schwierig es oftmals ist, destruktive Kindheitserfahrungen aufzudecken, da es für die verletzten Kinder oft unaushaltbar ist, destruktive Eltern als solche auch zu erkennen und zu benennen.

Folke Schimanski (Jahrgang 1936) berichtet auf Einestages unter dem Titel „Keine Reue“ über „einen Mann, den ich nicht besonders liebte, weder als private noch als politische Person.“, seinen Vater.
1945 ging die schwedische Mutter mit Folke und seiner Schwester zurück nach Schweden. Der Vater blieb in Deutschland. Die Eltern ließen sich bald scheiden und Folke sah seinen – ihn ablehnenden - Vater erst 30 Jahre später das erste mal wieder. Über den Umgang des Vaters mit seinem Sohn berichtet Schimanski nichts, wohl aber über den Umgang mit seiner Schwester: „Ganz anders meine Schwester. Sie wurde schon in jungen Jahren fanatische Anhängerin der NS-Bewegung. Während sie zu Hause wenig Liebe erfuhr, besonders von meinem Vater übel behandelt wurde und daraufhin in der Schule immer weiter abfiel, blühte sie als Zehnjährige bei einer Kinderlandverschickung in Schlesien regelrecht auf.“ Bis heute ist die Schwester weiterhin in rechtsextremen Kreisen aktiv.
Was sich alles an Gewalt und Demütigungen hinter den Worten „wenig Liebe“ und „übel behandelt“ verbirgt, lässt sich nur erahnen.  Man ahnt aber nichts Gutes, und ein solcher Vater wird auch mit dem Sohn nicht besonders herzlich umgegangen sein.

Vor einiger Zeit habe ich das Buch „Die Kinder der Täter. Das Dritte Reich und die Generation danach“ (erschienen im Kösel-Verlag, München, 1987) von Dörte von Westernhagen durchgearbeitet. Sie berichtet darin von ihrem Großvater und ihrem Vater und hat diesem Bericht 13 weitere Fallbeispiele von Täterkindern angefügt. Bei den meisten finden sich deutliche Hinweise auf destruktive Familienverhältnisse und psychische Probleme.

Über Viktor P. (Jahrgang 1945) z.B. schreibt die Autorin: „Der Vater betrank sich regelmäßig. Einmal sah Viktor ihn besoffen in einer Pfütze liegen, Leute um ihn herum, die ihn auslachten. Er prügelte die Kinder mit dem Knieriemen. Viktor wehrte sich mit Provokationen, ob er das jetzt so mache, wie er es früher auch immer gemacht habe. Der Vater wurde dadurch noch wilder.“ (von Westernhagen 1987, S. 103) Dieser NS-Vater wird weiterhin als „brüllender, schreiender Vater“ (ebd., S. 107) beschrieben.

Über Inge T. (Jahrgang 1947) wird berichtet: „Inge wuchs in einer Atmosphäre versteckter und offener Gewalttätigkeit auf, in die in chaotischer weise ein Großteil des gesamten Familienclans verstrickt war.“ (ebd., S. 115) Ihr Vater hatte eine Frau, die ihn nach Kriegsende drohte, an die Engländer zu verraten, umgebracht (Er war während der NS-Zeit u.a. an Plünderungen, Brandschatzung und Massenerschießungen beteiligt). Die Leiche wurde von ihm zusammen mit dem Großvater (ebenfalls ein Nazi)  verscharrt. Morddrohungen gab es aber auch zwischen ihrem Vater und dem Großvater, ebenfalls zwischen ihren Eltern. Inges Vater traf sich wohl auch mit anderen Frauen, ihre Mutter drohte sich daraufhin umzubringen. 1963 starb ihre Mutter, Inge war da ca. 16 Jahre alt. Kurz danach nahm sich ihr Vater das Leben.

Auch in den Berichten von Thilo S. (Jahrgang 1949) findet sich viel Destruktivität. Sein Vater hatte als Arzt an Menschenversuchen an KZ-Häftlingen  teilgenommen. Über den Erziehungsstil erfährt man nichts. Es fällt allerdings der Satz: „Mein Vater ist eigentlich kalt.“ (ebd., S. 124) Sein Vater sei in den 50er Jahren zu einer Art „Einsiedler“ geworden, „menschenscheu, keine Freunde, keine Reisen, eine selbstverhängte Haft.“ (ebd., S. 123+124) Thilos Mutter war seit Ende des Krieges mehrmals wegen depressiver oder manischer Zustände in psychiatrischer Behandlung, Thilo selbst erlebte ebenfalls Depressionen und Manie. Sein mittlerer Bruder hat zwei Selbstmordversuche unternommen. Alles in allem klingt dies nach einer sehr pathologischen Familienstruktur.

Erika U. (Jahrgang 1953) berichtet, dass ihr Vater – SS-Mitglied und einst Leiter eines kleineren Vernichtungslagers im Osten – sich sehr um sie gekümmert, sie verwöhnt hätte. Er habe sie nicht geschlagen und sei auch nicht streng gewesen. (ebd., S. 127) Trotzdem ist ihr Bericht von enormer Destruktivität durchzogen. Erikas Bruder hatte sich von seinem Vater – mit dem er schon vorher ein gestörtes Verhältnis hatte – abgewandt, nachdem sich die Mutter 1959 umgebracht hatte. Viele in der Familie glaubten, dass Erikas Vater seine Frau auf dem Gewissen hatte. Den Bruder hielt der Vater für zu weich und schwächlich und konzentrierte sich voll auf seine Tochter Erika, vor allem mit hohen Leistungsansprüchen, die sie zunächst auch erfüllte. 1963 nahm der Vater dann seine Haushälterin zur Frau. Die zu der Zeit ca. 10jährige Erika hasste die neue Frau, bekam Angstzustände, versagte in der Schule, zog sich zurück und wurde prompt vom Vater zu zwei ledigen Schwestern ihrer Mutter gegeben (was nicht gerade auf echte Vaterliebe schließen lässt). Mit der einen Tante kommt sie zurecht, die andere setzt den Leistungsdruck des Vaters fort.  Irgendwann beging Erika schließlich einen Suizid-Versuch.

Der Vater von Margit N. (Jahrgang 1952) hat in der „Reichskristallnacht“ einen Juden erschossen. Margit berichtet auch direkt von der Kindheit des Vaters. Ihr Großvater müsse „ein unglaublich autoritärer Kerl gewesen sein.“ Ihr Vater verehrte ihn, „obwohl er von ihm gequält wurde.“ (ebd., S. 132) Ihr Vater habe als Jugendlicher ein „Nervenfieber“ gehabt und sie erinnert sich, dass er sich damals „gespalten gefühlt“ habe. (ebd., S. 136)
Margit sagt über ihren Vater u.a. folgendes: „(…) und dann der Knebel durch seinen Vater, wodurch er nie eine moralische Instanz in sich selber ausbilden konnte, um zu sagen: da mach ich nicht mehr mit, da ist Schluss. Wahrscheinlich hat er gegen den Menschen, den er umgebrachte, nichts gehabt. Aber in dieser aufgeputschten Stimmung, angefeuert von den anderen, ist er dann dazu fähig gewesen. Und ich frage mich, wen hat er da in Gestalt des Juden eigentlich umgebracht, mit der unterdrückten Wut gegen den Vater erscheint mir die Tat wie ein Ventil.“ (ebd., S. 133)
Margits Mutter sei zu der Zeit, wo sie ihren Vater kennengelernt hat, sehr depressiv gewesen. Auch Margit hatte psychische Probleme. Ihr Verhältnis zum Vater verschlechterte sich zudem, je älter sie wurde. Kurz nach dem Abitur wurde sie magersüchtig. Auch der Rest der Familie scheint schwer belastet. „Alle meine Geschwister haben mit Ex-Fixern zu tun. Ein Schwager hat sich den Goldenen Schuss gesetzt, ein Bruder ist asthmakrank und Frührentner. Aber bei uns zuhause galt als oberste Regel `Harmonie wahren`  und als nächste `Du darfst nicht merken`, und wenn doch, fällst du aus dem Familienhimmel.“ (ebd., S. 135)

Der Vater von Rainer C. (Jahrgang 1943) war als SS-Mann u.a. in dem  KZ  Maidanek stationiert. Auf Rainer wirkte der Vater verlässlich und er wäre viel auf den Nachwuchs eingegangen. Gleichzeitig beschreibt Rainer aber auch, dass er „eine fast neutrale Beziehung“ zu ihm gehabt habe. (ebd., S. 140) Rainer wuchs allerdings auch hauptsächlich bei seiner Großmutter auf, denn seine Mutter war kurz nach dem Krieg gestorben. Er beschreibt seine Großmutter als „beinharte Frau, die härteste, die ich je kennengelernt habe, als Patriarchin, die die Sippe beherrschte, als die Alte, die ganz oben sitzt und die alle in der Hand hat.“ (ebd., S. 140) Es ist insofern sehr wahrscheinlich, dass diese Frau, die Mutter von Rainers Vater,  ihren Sohn nicht gerade liebevoll erzogen hat.

Der Vater von Heidrun L. (Jahrgang 1934) war als Arzt an der Euthanasie, Zwangssterilisierungen und der Vertreibung von Juden aus dem Arztberuf beteiligt. Sie beschreibt ihren Vater als strengen Ordnungsfanatiker. Bei Tisch durfte nicht gesprochen werden; vor dem Schlafengehen ging der Vater durch die Zimmer und kontrollierte, ob alle die Hände auf der Bettdecke hatten. „Er war ein trockener Brocken, lobte nie, immer nur Kritik.“ (ebd., S. 173) Zu Heidruns frühsten Erinnerungen gehören Uniformen und der fanatische Hass des Vater (seine Reden von "Untermenschen" und der Ausrottung von Juden).  Heidrun erfuhr den Hass des Vaters an sich selbst, als sie mit vier Jahren in einem Anfall von Jähzorn die Glasscheibe der Praxistür zertrümmerte. „Das war mein letzter Jähzorn. Den hat er mir jämmerlichst ausgetrieben. Nach dieser Prügelei hab ich im Bett gelegen. Ab da hat sich das Bild verändert. Er hatte diesen hassverzerrten Mund, als er mich schlug, noch schlimmer als bei seinen Judentriaden. Das war kein Vater mehr, der mich aufs Dreirad hob. Das war ein Sadist. Von da an habe ich sehr viel Angst vor ihm gehabt.“ (ebd., S. 174)

Diese von mir ausgewählten Fallbeispiele von insgesamt 13 zeigen am deutlichsten auf, um was es mir hier im Text geht. (die anderen Fallbeispiele im Buch enthalten entweder Andeutungen in die selbe Richtung, die ich hier aber zu weit ausführen müsste oder sparen sich Berichte über die Familienatmosphäre und Erziehungsstile aus.) Ich glaube nicht, dass diese Schilderungen Zufälle oder Einzelfälle sind, wenn es um NS-Täter und ihre Familien geht. Immer wieder ist bzgl. der Analyse von NS-Tätern von den „ganz normalen Deutschen“ zu hören. Eine tiefere Analyse und Berichte der Kinder der Täter zeigt ein anderes Bild. Nach Außen hin wurden sicherlich manches Mal Scheinfassenden aufgebaut, aber innen, in den Familien, herrschte nach den o.g. Schilderungen enorm viel Destruktivität und diese ist alles andere als normal, sondern eher pathologisch. Jürgen Müller-Hohagen schreibt dazu passend: "Ich halte inzwischen die verbreitete Vorstellung von den `bestialischen SS-Männern`, die zu Hause die vorbildlichen Familienväter gewesen wären, zumindest in der Allgemeinheit dieser Aussage für eine Legende. Ich habe viel erfahren über massive Gewaltausübung in solchen Familien, eine Gewalt allerdings, die meist nicht an das Licht der Öffentlichkeit kam. "

Ergänzend erhellend war für mich die Fernseh-Dokumentation „Meine Familie, die Nazis und Ich“ (von Chanoch Ze'evi, produziert 2011), innerhalb der fünf Nachkommen von NS-Verbrechern zu Wort kommen. Bei der Großnichte (Katrin Himmler) von Heinrich Himmler erfährt man nichts von den Erziehungsstilen in der Familien (allerdings berichtete sie an anderer Stelle, dass Himmler ein harter und gefühlskalter Erzieher sein konnte, "der eine klare Vorstellung davon hatte, wie seine Kinder zu funktionieren hatten. War das nicht der Fall, wurden sie auch schon einmal mit Prügel oder Liebesentzug gestraft." - Focus-Online, 28.01.2014, "Himmler verstand sich selbst als allmächtige Vaterfigur", von Lisa Kleine und Lara Schwenner), ebenso bei  der Großnichte (Bettina Göring) von Herman Göring (siehe über letzt genannten die “Kindheit von Herman Göring“). Allerdings geben die anderen drei Nachkommen in der Doku sehr deutliche Hinweise auf destruktive Erziehungsstile und Familienverhältnisse.

Niklas Frank, Sohn von Hans Frank (NS-Generalgouverneur der besetzten polnischen Gebiete):
Unsere Mutter hat sich überhaupt nicht um uns gekümmert (…) Ich habe auch gerade neulich mal mit meinem Bruder gesprochen (…) Kannst Du Dich erinnern an irgendeine liebevolle Umarmung, an einen Kuss von Deinen Eltern, von der Mutti insbesondere. Da sagt er: Nein, das hat es nie gegeben.“ Sein Glück, so sagt er, war während seiner Kindheit eine junge, bayrische Bäuerin, die sich hauptsächlich um ihn gekümmert hat; alles an Menschlichkeit und Humor habe er von dieser Frau. Am 30.04.2014 war Niklas Frank bei Markus Lanz im ZDF zu Gast. Seine „Rettung war wohl“, so antwortete er auf die Frage, wie denn sein Vater zu ihm war, „dass er nicht glaubte, dass ich sein Sohn bin, sondern der Sohn seines besten Freundes.“ Er beschreibt dann den ersten Bruch mit seinem Vater. Er lief als Kind um einen Tisch herum und wollte in die Arme des Vater. Dieser sagte: „Was willst Du denn? Du gehörst doch gar nicht zu uns, Du bist doch ein Fremdi.“. Er sei dann als Kind auf Distanz zu seinem Vater gegangen, was er heute als sein Glück bezeichnet. Zudem berichtet er stolz, dass er seinem Vater die Brille vor dessen Augen zerstört habe (um ihm zu zeigen, dass er ihn nicht mag), woraufhin der Vater ihn schlug. Die Geschwister von Niklas Frank gingen übrigens nicht so aufklärerisch und offen mit den Taten ihres Vaters um. Eine Schwester siedelte sogar bewusst nach Südafrika um, weil ihr die Apartheid so gut gefiel, wie Frank in der o.g. Doku sagt. Er selbst hat ja wie oben bereits beschrieben die Antwort dafür gefunden, warum er anders mit den Taten seines Vaters umging. Niklas Frank hat auch Bücher über seine Familie geschrieben, die bei genauer Durchsicht das destruktive Bild über diese Familie und den Umgang mit Kindern sicherlich noch weiter erhellen würden

Rainer Höß, Enkel des Lagerkommandanten von Auschwitz Rudolf Höß: „Diese Kälte, die hat mein Vater genauso gehabt (…) Da war für uns nie die Diskussion auf dem Schoß zu sitzen wie ich es erlebe bei meinen Kindern, wie die Beziehung zwischen mir und meinen Kindern ist, eine familiäre Beziehung, ne Wärme. Die Wärme zwischen meinem Vater und uns, die gab es nicht, nie.“
Der ganze Tagesablauf des Vaters sei stark ritualisiert gewesen, bis in kleinste Details, die immer gleich ablaufen mussten. Zudem: „Es gab das Gehorchen und das Umsetzen. Er machte die Vorgaben und wir haben sie umzusetzen. Wir sollten also auch nie auf Grund von meinem Vater Schwächen zeigen, Emotionen zeigen.  Er hasste dies bis auf den Tod. Wenn wir weinten, ich denke mal, bekamen wir noch mehr Schläge, nur fürs Weinen, nicht für die Tat, die wir begangen hatten.“ Sein Vater sei außerdem der NS-Ideologie weiter treu geblieben und er, Rainer, habe den Kontakt später zu ihm abgebrochen. Dieser Vater wird sicherlich ähnliches als Kind erlebt haben und führte diese emotionale Kälte an seinem Sohn wieder auf.

Monika Hertwig, die Tochter von Amon Göth (dem sadistischen Lagerkommandanten des Konzentrationslagers Płaszów bei Krakau):  „Er hat doch den Juden nichts getan“, erinnert sich die Tochter, wie sie ihre Mutter über ihren Vater (den sie nie kennengelernt hat) und das Lager ausfragte. Die Mutter antwortete in der Erinnerung ihrer Tochter: „Ja also ein paar hat er dann schon mal umgelegt.“ „Ein paar? Ja hab ich zu ihr gesagt, was meinst Du denn mit ein paar? Zwei oder drei oder vier oder was? Keine Antwort. (…) Und dann sagte ich immer zu ihr: Wie viel sind denn ein paar Ruth? 3, 4, 5, 6, 7, 8 und ich lächelte sie nur so dabei an. Und dann wurde die, ich weiß nicht, die war wie eine Wahnsinnige, die rannte dann in die Kammer und holte immer ein langes Kabel und schlug auf mich ein, immer diesen Stecker auf den Kopf ich hatte immer die Hände am Kopf, ich hatte immer blaue Knöchel am Montag in der Früh (…).“ Diese Misshandlungen scheinen häufig vorgekommen zu sein, wenn man den Schilderungen folgt.
In einem FAZ Artikel (25.03.2005, „Den charmanten Sadisten entlarven“, von Simone Kaiser) wurde ebenfalls die Mutter-Tochter-Beziehung besprochen. Dem schwarzen Pudel und Rhett Butler habe die Mutter -  Irene Göth - mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als ihrer eigenen Tochter. "Ich war für meine Mutter ein permanenter Störfaktor - nicht so sehr, was Männer, sondern vielmehr, was das Leben insgesamt betrifft.", so die Tochter. Mit dreizehn Jahren floh Monika in ein Internat. 1965 ließ die Mutter ihre Tochter nach einem heftigen Streit für drei Monate in eine geschlossen Anstalt wegschließen – unter dem Hinweis eines angeblichen Selbstmordversuches. „Ein Denkzettel“, so die schlichte Antwort der Mutter. Diese Mutter sagte einmal rückblickend über ihre Zeit im KZ und ihren Mann: „Es war eine schöne Zeit. Mein Göth war König. Ich war Königin. Wer würde sich das nicht gefallen lassen?" (sueddeutsche.de, 25.09.2013, „Mein Opa, der Massenmörder“, von Alex Rühle, Seite 2) 1983 nahm sich Irene Göth das Leben, einen Tag, nachdem die BBC sie unerwartet über ihrem Mann ausgefragt hatte. Irene Göth und ihre extrem destruktive Persönlichkeit erzählen uns indirekt auch etwas über die psychische Struktur ihres Mannes. Denn Menschen, gerade auch Paare, finden nicht ohne Grund zueinander. Ihr kaltes und liebloses Verhältnis zu ihrer Tochter spricht Bände, auch – so vermute ich – über ihre eigene Kindheit. Ihr Mann, der ca. 500 Menschen eigenhändig und oft sadistisch umgebracht hat, wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit zu noch mehr Gewalt gegen die Tochter fähig gewesen.

Der Entertainer und Journalist Herbert Feuerstein (Jahrgang 1937) sagte in der Sendung von Markus Lanz vom 04.12.2014 vieles, was hier zu diesem Beitrag passt.
Ich bin vor Neid grün geworden (…) als sie von ihrer behüteten Kindheit gesprochen haben.“, sagte er gerichtet an den Moderator Ulrich Meyer, da dieser zuvor schwärmerisch von seiner Kindheit berichtet hatte.  „Da wird man erst einmal bösartig neidisch. Ich komme eher von der anderen Ecke her. Beide Elternteile waren überzeugte Nazis, Nationalsozialisten und haben vom „guten Zweck“ geschwärmt. (…)“ Lanz geht dazwischen und spricht Feuerstein auf dessen Biografie an, wo der Satz seiner Mutter stünde:  „Mensch, wenn Du bloß nicht wärst!“ Feuersteins Antwort: „Das war, wenn sie nett war. Ich hatte tatsächlich keine intakte Mutterbeziehung. Ich erinnere mich nie an irgendetwas, wo sie mich mal umarmt hätte. Als ich gesehen habe, dass die Nachbarskinder als sie nach Hause kamen von der Mutter umarmt wurden, da dachte ich: Was ist denn da los? (…)“ Feuerstein sagt noch, dass es nach dem Krieg gegen seinen Vater einen Prozess gab, sein Vater interniert wurde und aber „aus Gründen die ich nicht nachvollziehen konnte“ freigesprochen wurde.

Welt-Online (26.01.2015, "Mein Vater war SS-Mann in Dachau") berichtete folgendes:
Der Vater (Jahrgang 1922) von Gertrud B. war einst SS-Mann in Dachau. Zu Hause, nach dem Krieg, tyrannisierte er seine Kinder. Gertrud (Jahrgang 1954) und ihr Bruder wurden eine Treppe immer wieder bis zur Erschöpfung rauf und runter gehetzt, der Vater gab dabei Kommandos oder pfiff auf einer Trillerpfeife. „Das war demütigend. Ich musste es tun, sonst hätte es Schläge gegeben. Es war ein Befehl, den wir auszuführen hatten.", so Gertrud. Sie erinnert sich weiter an die Erziehung durch den Vater: "Da gab es keine Gefühle, da gab es nur Verbote und Befehle." Beide Geschwister lebten in ständiger Angst. Wenn der Vater in Rage war, dann setzte es Schläge bis zur Erschöpfung, „Wohl gemerkt: Bis zu seiner Erschöpfung!“ hängt die Tochter an. Später dachte Gertrud oft an Selbstmord oder hatte Angstattacken.


Zum Schluss noch ein paar Worte in eigener Sache. Ich selbst bin bei diesem Thema kein neutraler Beobachter, aber vielleicht gerade deswegen spüre ich, dass die o.g. Berichte auf viele, wenn nicht gar die meisten NS-Täter Familien auf die eine oder andere Art zutreffen. Drei meiner Großeltern  waren unpolitische Mit- oder Durchläufer, die das taten, was man ihnen vorgab und nicht widersprachen oder sich groß Gedanken machten. „Man konnte ja eh nichts machen“. Ein Großvater war überzeugter Nazi, wenn auch nicht in führender Rolle. Meine Oma sagte einmal, dass er ihr gesagt hätte, er habe „damals nichts gemacht“. Ihr Blick verriet mir, dass sie ihm nicht glaubte. Diesen Großvater erlebte ich als Kind eher neutral, ohne große Gefühlsausbrüche in jegliche Richtungen und sehr in sich gekehrt. Nur kurz vor seinem Tod erlebte ich ihn weicher und auch sehr ängstlich. Sein Sohn, mein Vater und auch seine Tochter hatten es wohl schwer in dieser Familie.  Mein Vater wurde geschlagen und die damalige Familienatmosphäre war wohl alles andere als emotional und herzlich. Ich bin mir sicher, dass mein Großvater seinerseits in einem sehr autoritären, emotionslosen Elternhaus aufgewachsen ist und weitergab, was er selbst erlebte. Und natürlich sehe ich dabei einen Zusammenhang zu seiner Anfälligkeit für die NS-Ideologie. Und natürlich wird dieser Nazi-Großvater auch mein Interesse an der Kriegsursachenforschung auf eine Art mit ausgelöst haben.


- siehe ergänzend einen Beitrag über die Kindheit von SPD-Chef Sigmar Gabriel und dessen gewalttätigen NS-Vater