Donnerstag, 16. Januar 2014

Gewaltvolle Kindheiten von Helmut Schmidt, Sigmar Gabriel, den Klitschkos und Arnold Schwarzenegger.

In der ARD-Dokumentation „Helmut Schmidt. Lebensfragen“ (am 23.12.2013 gesendet) hat der Altkanzler im hohen Alter Rede und Antwort über sein Leben gestanden. Dabei sagte er auch ein wenig etwas über seine Kindheit. (onine derzeit noch auf youtube)

Meine Verbindung mit den Eltern war damals nicht sonderlich eng.“, so Schmidt im Laufe der Doku.  (Was somit auch die Mutter einschließt, über die Schmidt in der Doku wenig berichtet.) Die Sendung beginnt gleich zu Anfang mit einer Szene zwischen Vater und Sohn. Der Vater will Helmut Fahrradfahren beibringen. Dabei ist er sehr streng,  nimmt keine Rücksicht auf Verletzungen durch einen Sturz und sagt zu dem verletzten am Boden liegenden Helmut „Was sagen wir da, was sagen wir? Da lach ich drüber! Aufstehen und weiter!
Seinen Vater beschreibt Schmidt so (und über sich selbst spricht er dabei in der dritten Person): „Abweisend, kühl, Schmusereien hat es nicht gegeben zwischen ihm und seinen beiden Söhnen.“
Nach der Frage des Interviewers, ob Schmidt sich an klassische Kinderängste erinnern könne, antwortet er zunächst mit einem bestimmten „Nein“. Der Interviewer hakt nach und zählt einige mögliche Ängste auf, am Ende auch Zornesausbrüche des Vaters. Schmidt hält kurz inne. „Bisweilen hatte ich Angst vor meinem Vater, vor den Prügeln, die ich kriegte.“ Der 1918 geborene Helmut Schmidt hatte allem Anschein nach eine damals  klassische deutsche Kindheit, was einen autoritären Erziehungsstil bedeutete.

Für mich war zudem auch aufschlussreich, was über die Kriegsjahre berichtete wurde. Nach der Frage, warum er sich Freiwillig für Einsatz zur Ostfront gemeldet hatte, antwortetet Schmidt, dass er nicht „als Feigling durch die Gegend laufen“ wollte, „Alle jungen Soldaten hatten inzwischen das Eiserne Kreuz  (…) und ich hatte das nicht, das war das ganze Motiv.“ Er äußert er sich anschließend  auch kurz selbstkritisch über seine damalige Verrücktheit.
Auf Nachfrage gibt Schmidt sofort zu, dass er Menschen im Krieg getötet hat, diese habe er aber nicht gesehen. Er habe Flugzeuge abgeschossen und Dörfer in Brand geschossen.  „Man hat den Feind selber kaum gesehen, man hat ihn nur geahnt.“  „Wenn man Dörfer in Brand geschossen hat, wusste man dann auch, dass Frauen und Kinder sterben würden.?“ fragt der Interviewer. Schmidt: „Das war einem nicht bewusst. Im Kriege ist in vielen Situationen das eigene Denken ausgeschaltet.
Ich will mir hier kein Urteil über Schmidt und dessen Taten im Krieg erlauben. Mir geht es um etwas anderes. Schmidt ist ein vielschichtiger Mensch, ein hochintelligenter Mann und ein echter Demokrat. In diesem Blog bin ich schon mal durch einen Leser aufgefordert worden, mich auch mit den Lebenswegen von (politischen)  Menschen zu befassen, die keine glückliche Kindheit hatten und trotzdem politisch konstruktiv (oder zumindest nicht zerstörerisch/kriegerisch) handelten. Ich denke, dass für einen solchen Lebensweg Helmut Schmidt ein gutes Beispiel ist, zumindest nach 1945.
Ich weiß nicht, wie es anderen Menschen geht, wenn sie Helmut Schmidt sehen und hören. Ich persönlich schätze sein weitschichtiges Denken und seine klare Sprache. Außerdem fährt er eine klare Linie und steht zu dem, was er denkt. Und er hat auch eine gewisse und sehr feste Moral, so scheint es mir. Aber mir fällt auch immer wieder auf, wie er sich emotionale Regungen verbietet, wie er diese zurückhält. Irgendetwas fehlt, denke ich immer, wenn ich ihn reden hören. Man ahnt immer, dass er emotional dabei ist, aber man sieht es nicht. Diese fehlende Emotionalität ist sicher zu einem nicht unwesentlichen Teil das Resultat von elterlicher Gewalt und der Distanz zum Kind, die Schmidt beschrieb, wie auch ergänzend den Kriegserfahrungen.  Zudem ist auch sein Kettenrauchen eine mögliche klassische Folge von solch traumatischen Erfahrungen.

Helmut Schmidt ging im Nachkriegsdeutschland demokratische Wege und verdient sicherlich für vieles Respekt.  Aber trotzdem erfüllt sein Handeln und Denken während der Kriegsjahre Grundannahmen dieses Blogs. Als junger Mensch wollte er freiwillig ganz Vorne an der Front dabei sein. Ihm fehlte ganz offensichtlich die emotionale Vorstellungskraft dafür, was Krieg bedeutet.  Diese emotionale Lücke ist eine klassische Folge von destruktiver Erziehung.

Kein Mensch geht ohne Folgen aus einer lieblosen Kindheit heraus. Gerade auch direkte elterliche Gewalt, die Schmidt erfuhr, hat immer Auswirkungen auf das Leben des heranwachsenden Menschen. Diese Folgen können wir, denke ich, auch bei Helmut Schmidt sehen. Wir sehen aber auch, dass Menschen immer Individuen sind und dass sie ihren Lebensweg je nach Möglichkeiten mitgestalten. Gewalterfahrungen in der Kindheit führen nicht automatisch zu  einem politisch (oder sonstigen) verbrecherischen Verhalten, das die entsprechende Persönlichkeit lebenslang durchzieht. Helmut Schmidt hat viel für Deutschland und die demokratischen Entwicklungen im Lande getan. Politisch war er alles andere als eine Gefahr für den Frieden oder die Demokratie. 

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Ein weiterer Politiker und dessen Kindheit machte vor kurzem Schlagzeilen: Sigmar Gabriel (derzeit Vizekanzler).

Als Sigmar drei Jahre alt war, trennten sich seine Eltern und er musste gegen seinen Willen bei seinem Vater bleiben, einem überzeugten Nazi, der seinen Sohn oft verprügelte und ihn mit diversen Sanktionen und Strafen überzog. Beispielsweise verschenkte der Vater Sigmars gesamtes Spielzeug, nachdem der Sohn mit schlechten Noten nach Hause gekommen war. Erst als Sigmar 10 Jahre alt war, erstritt seine Mutter erfolgreich das Sorgerecht und Sigmar fühlte sich von ihr gerettet. (Allerdings entführte der Vater den Sohn zunächst und zwang diesen, seiner Mutter am Telefon zu sagen, er wolle beim Vater bleiben) Als Heranwachsender klaute Sigmar und zerstach Reifen, seine Mutter brachte ihn mit großer Mühe wieder in die richtige Bahn.  (verwendete Quellen Bild, 10.01.2013, "SPD-Chef Sigmar Gabriel. Die Geschichte seiner schweren Kindheit" und Tagesspiegel, 11.01.2013, "Mein Vater, der Nazi") Und auch an anderer Stelle werden die Folgen der Misshandlung sichtbar. Der Focus schreibt: „Der Sozialdemokrat hat seine Vergangenheit bewältigt, eines jedoch kann er nicht abschütteln – seinen Jähzorn, den ihm laut „Zeit“ auch enge Freunde nachsagen.“
Sigmar Gabriel war als Kleinkrimineller durchaus gefährdet, weiter abzurutschen und ganz andere Wege zu gehen. Er hatte das Glück, eine Mutter zu haben, die ihm half.

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Vitali Klitschko hat sich nach seinem Rückzug aus dem Boxsport stark politisch in der Ukraine engagiert und ist dort derzeit ein wichtiger Oppositionspolitiker.  Sein Bruder Wladimir Klitschko berichtete einst in einem Interview über seine Kindheit: „Als ich mal was ganz Schlimmes getan hatte, wusste ich, dass mir der Po versohlt wird. Also dachte ich: Wenn der Vater abends kommt, wird es hart. Aber ich dachte auch: Wenn die Mutter das schon geklärt hat, wird Vater gnädig sein. Dann habe ich den Gürtel aus einer Hose meines Vaters genommen und bin damit zur Mutter gegangen. Ich sagte ihr, dass ich etwas Schlimmes gemacht habe, und dass es nicht richtig war. Ich gab ihr den Gürtel in die Hand, guckte in ihre Augen und sagte: So, und jetzt schlag zu. Und dann habe ich ihr noch mit Tränen in den Augen gesagt: Komm, schlag! Mach es! Und dann ist unsere Mutter eingeknickt.“ (Tagesspiegel Online, 15.06.2011, "Politik ist ein Kampf ohne Regeln" ) Dieses Beispiel bracht er beiläufig, um zu erklären, wie er seine Mutter zum Mitwirken an den Dreharbeiten für den Film „Die Klitschkos“ überzeugen konnte. Die Interviewer gingen darauf nicht weiter ein. Mit dem Gürtel durch den Vater verprügelt zu werden, ist schwere körperliche Gewalt, ähnliches hat ganz sicher auch Vitali erlebt, der seinem Bruder auch nicht ins Wort fiel.
Die Klitschko Brüder haben beide einen Weg gewählt, um legal und in einem sportlichen Rahmen Gewalt auszuüben. Beide haben sich dabei eine sehr traditionelle Männlichkeit gebastelt, bei der Stärke und Dominanz zählt und Schwäche oder gar Ohnmacht nicht erwünscht ist. Wie Vitali sich politisch entwickelt, ist bisher nicht eindeutig vorhersehbar. Beide Brüder stehen eindeutig nicht für Gewalt (außerhalb des Ringes) und politischen Wahn.

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Arnold Schwarzenegger – berühmter Schauspieler, Bodybuilder und ehemaliger Gouverneur -  von Kalifornien berichtete über seine Kindheit in Österreich erschütterndes:  „„Ich wurde an den Haaren gezogen. Ich wurde mit einem Gürtel verprügelt. (…) Damals wurde der Willen von vielen Kindern gebrochen. Das war die österreichisch-deutsche Mentalität.“ Immer, wenn er geschlagen worden sei, so im Artikel weiter, habe er sich gesagt: „Hier bleibe ich nicht mehr lange. Ich will hier weg. Ich will reich sein. Ich will jemand werden.“ (schwaebische.de, 05.08.2004, "Arnold Schwarzenegger spricht über Prügel-Vater")
Auch bei Schwarzenegger kann man – so meine Wahrnehmung – deutlich die Folgen der Kindesmisshandlung sehen.  Er bastelte sich eine harte und männliche körperliche Hülle und trat auf der Leinwand als gewaltvoller Actionheld auf, eine legale Art, Gewalt zu inszenieren. Als Gouverneur war er sehr umstritten, u.a.  weil er für die Todesstrafe stand und Gnadengesuche ablehnte.

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Alle vier vorgestellten Politiker sind sehr unterschiedliche Menschen und gingen sehr individuelle Wege.  Alle vier stehen im ersten Moment, wo man sich mit ihnen befasst, nicht für Gewalttäter oder gar politischen Wahn. Trotzdem lassen sich bei allen deutliche Folgen der Kindheitserfahrungen erkennen, bei jedem auf seine Weise und auch in unterschiedlichen Lebensabschnitten. (Um über weitere mögliche Folgen etwas sagen zu können, müsste man diese Menschen näher kennen.)  

Kindesmisshandlung hat immer (destruktive) Folgen, die sich von Mensch zu Mensch unterschiedlich gestalten.  Die Folgen hängen dabei vor allem auch von dem Ausmaß und dem erlitten „Gewaltmix“ ab.  Die unterschiedlichen Ausformungen und Ausdrucksformen dieser Folgen sind ein wichtiger Grund dafür, warum stets argumentiert wird, dass die meisten Menschen, die als Kind misshandelt wurden, nicht zu Amokläufern, Massenmördern oder Gewalttätern werden. Auf Grund dieser  Feststellung wird dann routinemäßig angezweifelt, dass die Kindheit von Gewalttätern eine bedeutsame Rolle spielt.  Das Ausblenden der komplexen Folgen von Kindesmisshandlung und der Komplexität von menschlichen Lebenswegen ist etwas, dem ich demnächst einen eigenen Beitrag widmen werde.

Noch ein Nachgedanke: Eines ist bisher unbeantwortet. Entsprechen die Kindheiten von PolitikerInnen denen der Normalbevölkerung (was in vielen Teil der Welt auch heute noch bedeutet, dass die Mehrheit der politschen Klasse als Kind Gewalt erfuhr) oder gibt es Unterschiede, vielleicht sogar in der Hinsicht, dass einst ungeliebte Kinder besonders häufig nach politischer Macht streben? Aussagenkräftige Befragungen von Parlamentsangehörigen in diesem Sinne sind mir bisher nicht bekannt, aber vielleicht kommt ja mal ein Forschender darauf, dahingehend eine Befragung durchzuführen.  

Kommentare:

heikophilo hat gesagt…

Ich bin überzeugt, dass Politiker überdurchschnittlich durch Bezugspersonen traumatisiert sind. Ihr Streben nach Macht, danach, zu gestalten, wer zu sein, mag auf bewusster Ebene ein Dienst am Lande sein, aber ich würde wetten, dass es auch unbewusst durch das Bedürfnis angetrieben ist, nie wieder klein und ausgeliefert zu sein, nie wieder nah und verletzlich zu sein, also unbewusst eine der Traumaszene ähnliche Situation zu vermeiden und die Erinnerung an den eigenen gefühlten Untergang niederzuhalten. Wenn es stimmt, dass diese Kräfte unbewusst wirken, wird auch eine Befragung nichts Konkretes finden, meine Vermutung ist also schwer zu prüfen.

Sven Fuchs hat gesagt…

Ich sehe dies auch so, kann es aber wissenschaftlich nicht nachweisen, weil Studien fehlen.

Zudem kommt auch, dass Berufspoltiker emotional sehr viel aushalten müssen. Kann ein emotional offener Mensch dies auf Dauer überhaupt aushalten? Ist es nicht geradezu hilfreich in der Politik, wenn man emotional nicht all zu empfindlich ist?

Anonym hat gesagt…

Die Klitschkos sind keine Zwillinge.

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo "Anonym",

danke für den Hinweis, ich habe das im Text geändert. Die unterschiedlichen geburtsdaten habe ich glatt übersehen und meinem Auge vertraut, beide sehen fast gleich aus.

Anonym hat gesagt…

Hi Sven,
guter Artikel wie immer. Zur Person Helmut Schmidt: Ich sehe ihn recht kritisch und frage mich bei dem Kult um ihn, ob nicht bei vielen Medienschaffenden und großen Teilen der Bevölkerung ein Reflex bedient wird. "Wer Visionen hat soll zum Arzt" hört sich nicht sonderlich lebensbejahend an und es ist wohl überliefert, dass HS in einem Interview meinte, er hätte Genscher mal einen aussenpolitischen Erfolg "gegönnt", (obwohl es sein eigener gewesen wäre). Das ist jetzt ein Spruch der kindisch anmutet, und der einem "elder statesman" doch eher unwürdig ist. Es gibt noch einige andere Beispiele.

Wer weiss, ob nicht viele Menschen in Schmidt unbewusst den eigenen Vater sehen, der bedingungslosen Gehorsam forderte, der immer recht behalten musste und keinen Widerspruch duldete, und dessen Narzissmus befriedigt werden musste, weil es sonst für das Kind gefährlich wurde...Schmidt sagt Steinbrück kann Bundeskanzler, also gilt es. Schmidt sagt, das 21. Jahrhundert wird viel schlimmer als das 20., es bleibt unwidersprochen. In seinen statements gibt es eigentlich nie Grautöne und das ist ja bei der Komplexität der (geo)politischen Lage eher unpassend IMHO.

Absolut zustimmen muss ich dir, dass HS mit seiner persönlichen Geschichte und dem was man über verdrängte Gefühle, Traumata, etc. inzwischen weiss eine deutlich destruktivere Politik hätte machen können. Neben wie du schreibst Kindheit, Kriegserfahrung als sehr junger Mensch, sind ja auch leider noch der sehr frühe Tod seines schwerbehinderten Sohnens und die vielen Fehlgeburten seiner Frau, was sicher auch "spaltungsfördernd" wirkt...Neulich ging mal die Nachricht um, dass HS während seiner Zeit als Bundeskanzler ca. 100 mal ohnmächtig geworden sei, soweit ich gelesen habe ohne dass dafür eine medizinische Ursache gefunden werden konnte. Das spricht ja auch deutlich für Abspaltungen, die dann mit Macht an die Oberfläche kommen. Auch soll er wohl oft "Todesahnungen" während seiner Amtszeit gehabt haben.


So long erstmal von mir,
viele Grüße und weiter so!

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo,

ichsehe das ähnlich. Schmidt strahlt aus, dass er alles besser weiß und ist davon überzeugt. Das wollen gant viele Menschen so, dass jemand die Dinge vorgibt usw.

Naja. ich erinnere mich aber auch an ein Interview mit seiner Frau. Darin sagte sie z.B. dass sie körperliche Gewalt gegen kinder ablehnt und ihr eigenes Kind auch nie geschlagen hätte. Überhaupt klang sie sehr liberal was Erziehung angeht. Das nur nebenbei