Dienstag, 24. März 2015

Eine arabische Kindheit: "Wenn ich ihnen erzählt hätte, dass ich mir die Knochen gebrochen habe, hätten sie mich totgeschlagen"

Am 09.03.2015 berichteten fast alle großen deutschen Medien kurz über einen Fall von Kindestötung in Ägypten. Ein Lehrer hatte einen Schüler so heftig misshandelt, dass dieser starb.  Die meisten Medien übernahmen in ihrer Berichterstattung über den Fall vorgefertigte Pressemitteilungen. In keinem einzigen Bericht wurden Zahlen zum Ausmaß der alltäglichen Gewalt gegen Kinder in diesem Land benannt. Dabei ist Ägypten bzgl. des Umgangs mit Kindern eines der gewalttätigsten Länder der Welt!  Nur merkt das die Öffentlichkeit hierzulande nicht. Naja…

Die Kindheit in der arabischen Welt lässt mich derzeit nicht los. Heute muss ich ein privates Erlebnis schildern, was ich sonst vermeide, vor allem wenn Dritte beteiligt sind. Aber es ist einfach wichtig und ich bin derart schockiert, dass ich es los werden muss.

Ein arabisch stämmiger Bekannter von mir berichtete heute, dass er in seinem Heimatland einst als Kind aus dem 3. Stock eines Hauses gefallen sei und sich Knochenbrüche zugezogen habe. Er sei heute immer noch ganz schief. Außerdem sei er einmal als Kind angeschossen worden. Gegenüber seinen Eltern hätte er aber nichts gesagt, sich zusammengerissen und seine sichtbaren Verletzungen heruntergespielt. Denn, so meinte er weiter, hätte er seinen Eltern erzählt, was ihm passiert sei, hätten sie ihn totgeschlagen… Es sei in seiner Kultur halt anders, als hier bei uns in Deutschland. Man solle seinen Eltern keine Sorge und Schande bereiten, es gehe um Respekt.
Wenn ich mich nur ansatzweise in die Situation eines Kinder hineinversetze, das solche Verletzungen aus Angst vor seinen Eltern verschweigt, dann kommt mir das pure Grauen. Warum werden diese Kindheiten in arabischen Ländern nicht ausführlich recherchiert und öffentlich gemacht? Sehr viele Fragen würden dadurch beantwortet, vor allem die, warum diese Regionen politisch derart instabil sind.

Der Bericht meines Bekannten hatte aber auch eine Seite, die Hoffnung macht. Sein  Sohn hatte sich nämlich kürzlich ein Bein sehr schlimm gebrochen und musste wochenlang ins Krankhaus. Mutter und Vater organsierten sich um das Kind herum, die Mutter war die ganze Zeit im Krankenhaus und sie waren schwer in Sorge um ihr Kind. Es ging nur darum, dass das Kind wieder gesund wird, nicht darum, Vorwürfe auszusprechen oder Strafen auszuführen. Das nenne ich eine schnelle Evolution von Kindheit! Die Frage ist, ob diese Eltern ähnlich hätten handeln können, wenn sie noch in ihrem Heimatland leben würden.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Denn in den syrischen Flüchtlingslagern im Libanon, in Jordanien, im Irak und in der Türkei schmort das nächste Problem: eine verlorene Generation von Millionen Kindern und Jugendlichen, die keine Schule mehr besuchen und keine Perspektive im Leben sehen. Sie sind leichte Opfer für die Extremisten, die längst in den Flüchtlingslagern aktiv geworden sind, um dort weitere Rekruten für ihren wahnhaften Kampf für das IS-Kalifat anzuwerben. Hier kommt auch wieder Katar ins Spiel. Wenn nötig, soll der Emir gesagt haben, werde sein Staat mehr Geld für die verlorene Generation geben als alle anderen."

http://www.n-tv.de/politik/Angst-vor-IS-eint-die-Golf-Monarchien-article14689591.html

kontemplationen hat gesagt…

Ein Fall von vielen, bei dem die banale Gleichung: Erst Opfer, dann Täter!, nicht aufgeht.

Die Entscheidung, Täter zu werden, trifft jeder Täter selbst. Sie steht nur insoweit im Zusammenhang für vorangegangene Misshandlung, als dass das Opfer mit seiner Entscheidung, Täter zu werden, sein Leid verdrängt und sich Mächtigkeit in diesem Geschehen illusioniert.