Montag, 16. November 2015

Ein Kommentar zu den Terroranschlägen in Paris

Mein Kommentar zum aktuellen Terroranschlag in Paris nimmt Bezug auf zwei Artikel in der Onlineausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Der Politologe und Terrorismusforscher Asiem El Difraoui sagte aktuell in einem Interview mit der faz über die europäischen Dschihadisten:
Man weiß nicht viel über sie, außer, dass ihre Radikalisierung wohl weniger mit Ideologie und Religion zu tun hat als mit psychologischen, familiären Traumata und mit ganz allgemeiner Sinnsuche, mit dem Finden einer neuen Gemeinde. Wobei das Erstaunliche ist, dass die spirituellen Elemente dabei nicht so wichtig scheinen: Es geht gar nicht darum, Muslim zu werden und in der Spiritualität des Islams auf Sinnsuche zu gehen. Sondern man wird gleich Dschihadist.“
(faz.net, 16.11.2015, „Warum gerade Frankreich angegriffen wurde“)

El Difraoui beschreibt hier ganz selbstverständlich, dass „familiäre Traumata“, wie er es nennt, eine psychische Grundlage oder Antriebskraft für islamische Extremisten sind. Erstaunlich ist es entsprechend eigentlich nicht, dass Religion oder „spirituelle Elemente“ kaum oder keine Rolle spielen. Es sind Menschen, die bereits voller (Selbst)Hass sind, die von Hass-Gruppen angezogen werden.

Einen Tag vor diesem Interview las ich ebenfalls in der faz einen Kommentar unter dem Titel "Im Weltkrieg" des faz-Herausgebers Berthold Kohler. Der Kommentar hat mich sehr aufgeschreckt. Er ist durchzogen von einem Bild, dass deMause regelmäßig in Zusammenhang mit Kriegen psychohistorisch analysiert hat: Einem Ungeheuer mit Tentakeln, gepaart mit einer Fantasie von der Geburt dieses Wesens. Diese Bilder drücken – nach deMause – ein Aufflammen traumatischer Kindheitserlebnisse (auch des Fötus) aus und legen den Grund, für kriegerische Aktionen (siehe dazu etwas ausführlicher hier). Sie zeigen vor allem auch auf, dass der verortete Feind ein legitimes Ziel ist, den man bedingungslos bekämpfen kann. Gut und Böse ist klar definiert, wenn man den Feind als „Ungeheuer“ ähnlich der Medusa oder einer Meeresbestie sieht. Der Autor schreibt:
In der muslimischen Welt ist ein Ungeheuer herangewachsen, das seine Tentakel um die ganze Welt schlingen möchte. Man kann kontrovers darüber diskutieren, aus welchem Schoß es kroch, wer es gezeugt hat und wer es immer noch füttert. Doch sollte man nicht glauben, es zöge sich friedlich zurück in seine Höhle, wenn man es nur nicht mehr reizte – es also nicht mehr mit Waffengewalt daran zu hindern suchte, ganze Volksgruppen zu massakrieren, Städte zu zerstören und Kulturen auszulöschen. Das Ungeheuer hat viele Köpfe und Arme, die immerfort nachzuwachsen scheinen, wenn man sie abschlägt. Es trägt wechselnde Namen.“ (faz.net, 15.11.2015, "Im Weltkrieg")
Im weiteren Textverlauf fällt dann auch noch nachfolgender Satz (der ursprünglich übrigens im Untertitel bzw. der dickgedruckten Kopfzeile des Artikels stand, die nachträglich verändert wurde) „Ohne Opfer wird dieser epochale Kampf nicht zu bestehen sein.“

Glücklicherweise sind die Berichte in den Medien nach den Anschlägen extrem vielschichtig (auch wenn hier und da von Krieg die Rede ist). Europa ist emotional nicht mehr das Europa, dass es Anfang des 20. Jahrhunderts war. Traumatische Kindheitserfahrungen nahmen stetig ab. Insofern bin ich zuversichtlich, dass Europa sich emotional nicht den Bildern anpasst, die im benannten Artikel heraufbeschworen wurden. Denn das wäre fatal, man würde kaum noch rational agieren, sondern in große Gefahr geraten, selbst zum Täter zu werden.

Kommentare:

Sven Fuchs hat gesagt…

Titel eines aktuellen Artikels der Berliner Zeitung: "Es reicht nicht, der Hydra die Köpfe abzuschlagen" und der Untertitel. "Die Terrorkommandos, die ISIS-Kalif Abu Bakr al-Baghdadi schickt, sind wie die Köpfe einer Hydra: man mag sie abschlagen und sie werden doch immer wieder wachsen."
http://www.bz-berlin.de/welt/es-reicht-nicht-der-medusa-die-koepfe-abzuschlagen

Im Handelsblatt:

"Amerika hat zwei Kriege geführt, der Westen insgesamt hat mit viel Geld, Militär, Opfern und politischem Druck versucht, die Hydra des Terrors zu besiegen. Doch immer wieder sind ihm neue Köpfe gewachsen, hat sich das Gesicht des Terrors verändert." http://www.handelsblatt.com/politik/international/analyse-nach-paris-anschlaegen-das-neue-muster-des-terrors/12588526.html

Michael Kumpmann hat gesagt…

Ich muss zugeben, beim Wort Hydra im Zusammenhang mit Terrorismus denke Ich mitlerweile direkt an den Film Captain America The Winter Soldier, wo am Ende der "Anti Terror Geheimdienst" SHIELD, während er für die Terrorbekämpfung massiv Bürgerrechte bricht, am Ende unbemerkt von "Neonazis" von Innen heraus übernommen wird.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Ich bin da etwas zwiegespalten. Natürlich, wir dürfen nicht in blanken Aktionismus verfallen. Es wäre auch fatal, jetzt komplett die Grenzen DIcht zu machen.

Wo Ich allerdings dafür bin, ist die Grenzen in soweit "Dichter" zu machen, dass wir ein besseres Bild über die Lage erlangen und unsere Polizei nicht mehr vollends überfordert ist. Auch wenn das bedeuten würde, dass ein kleiner Teil der Flüchtlinge etwas länger an der Grenze warten muss. Aber auch Flüchtlinge haben was davon, wenn wir besser verhindern können, dass ISIS Leute sich als Flüchtlinge tarnen.

Zum Thema ISIS selbst. Ich denke, das Hauptproblem ist, unsere westliche Strategie hat total versagt. Wir haben uns damals von der Euphorie des arabischen Frühlings blenden lassen und nicht darauf geachtet, mit wem wir kooperieren.

Das Ganze mit der Unterstützung moderater Islamisten war kompletter Schwachsinn. Es gibt genau so wenig moderate Islamisten, wie es moderate Neonazis gibt. Und von diesen moderaten Islamisten sind dann viele zu ISIS gegangen.

(Abgesehen davon halte Ich es sowieso für blödsinnig, die liberale Demokratie mit Gewalt exportieren zu wollen, so wie es die Neocons fordern. Zu einer Demokratie gehören psychologische Vorraussetzungen und eine bestimmte Art des Denkens. Und viele Länder, wo es als unhöflich gilt, einem Gegenüber durch Kritik "das Gesicht zu nehmen" erfüllen die Vorraussetzung für eine funktionierende Demokratie nicht.

Siehe auch: Die UN sagen, Japan sei das demokratischste Land Asiens. De Facto war aber Japan der einzige "demokratische Einparteienstaat", weil das Volk, obwohl es die LDP hasste, die immer an die Macht wählte. Japan ist zwar ein cooles Land, aber unter einer gut funktionierenden Demokratie stelle Ich mir was Anderes vor. (Wie Niklas Luhmann sagte, Demokratie bedeutet, dass nicht immer die selben an die Macht kommen) Und das hat meiner Meinung nach sehr mit der Psyche und Mentalität der Asiaten zu tun, dass aus dem demokratischsten Land dort de Facto ein Einparteienstaat wurde.)

Deshalb sehe Ich den IS als hausgemachten Unfall westlicher Politik an, weshalb wir im Westen auch dafür verantwortlich sind, den zu beseitigen. Und Diplomatie schön und gut, aber ich glaube, der IS würde auf keine Verhandlungen hören. Der hat durch sein Verhalten mental die rote Linie zum absoluten Krieg überschritten und diese Leute werden, so lange sie existieren, leider alles tun, um unsere Existenz zu beenden.

Ich sehe auch ISIS stark im Sinne von Oswald Sprenglers Cäsarismus, muss Ich sagen. ISIS ist quasi der maximalstmögliche Kulturverfall. (Was nach Oswald Sprengler in verfehlten demokratischen Revolutionen und einer Diktatur, die riesige Eroberungsfeldzüge startet, mündet.) Für manche Kulturen kann so eine Katastrophe eine Wiedergeburt sein, aber ISIS sehe ich eher als den großen Zerstörer der arabischen Kultur, ähnlich wie es Hitler für Deutschland war. Und durch unsere Versuche, das Land zu demokratisieren, haben wir im Westen diesen neuen Hitler erst erschaffen.

Anonym hat gesagt…

Kindheit einer Terroristin:

http://www.faz.net/aktuell/politik/islamistischer-terror/hasna-ait-boulahcen-die-terroristin-mit-den-vielen-gesichtern-13922865.html

Gruß Heike

Sven Fuchs hat gesagt…

Danke für diesen wichtigen Hinweis, Heike :-)!