Montag, 29. Februar 2016

Die Farben der Gewaltfolgen: Kinderbuchautor Janosch.


SPIEGEL-Online (26.02.2016, Janosch-Biografie: "Lieblingsuhrzeit? Nachts, bis vier" - von Kristin Haug) berichtete kürzlich von dem Kinderbuchautor "Janosch". Dieser hatte eine grauenvolle Kindheit. Sein Vater war Alkoholiker und verprügelte seinen Sohn und auch seine Ehefrau u.a. mit einer Lederpeitsche. Aber auch die Mutter schlägt wiederum ihren Sohn. „Daheim schlägt nicht nur der Vater den Sohn, sondern auch die Mutter, die immer grimmig aussieht, weil sie keine Zähne mehr hat. Sie ist ständig gereizt und prügelt so lange auf den Jungen ein, bis er keine Luft mehr bekommt und bewusstlos zusammensackt.“ (ebd.)  Die Mutter habe er lange „wie ein Welt-Unheil“ gehasst, berichtet Janosch.

In einem Interview mit Janosch (welt.de, 24.02.2016, „Kein Gott und kein Schnaps, alles vorbei“ - von Angela Bajorek) las ich folgendes:
Ein Großteil in meinem Gehirn wurde in dieser Kindheit durch den Suff meine Vaters, die Quälerei in der Hitlerjugend und in der Kirche so zerstört, dass es wie ein Ballast tot ist. Mit grenzenloser Furcht zerstört und in diesem Teil immer noch tot. Wie ein Holzbein. Wenn man lange auf seine Hand schlägt, wird sie taub. Und tot. Und stört nur. Ich glaube, das ist eine Notwehr der Natur, damit man den Schmerz nicht mehr fühlt. Furcht vor dem Gott und seiner Hölle. Vor dem Suff des Vaters, der meistens brüllte oder lallte: ´Ich schlag Euch alle tot.`“
Ich habe selten eine solch krasse und offene Aussage von jemandem gelesen, der auf sich selbst und  seine Kindheit schaut...
Dominierend ist ja eher dieses klassische „es hat mir nicht geschadet“ oder das komplette Ausblenden der eigenen Kindheit und deren Folgen. Janosch hat, nach dem was ich las, von beiden Elternteilen (und ergänzend auch in anderen Kontexten) derart massive Gewalt erfahren , dass er auch locker ein Massenmörder hätte werden können. Die meisten als Kind misshandelten Menschen werden allerdings nicht zu Massenmördern. Ich möchte erneut noch einmal deutlich darauf hinweisen, dass ich ganz und gar hinter diesem letzten Satz stehe! Denn mir wurde schon so einige Male vorgeworfen, ich würde durch meine Gedanken der Annahme anhängen, alle misshandelten Kinder würden später zu Gewalttätern. Dem ist aber nicht so.

- Massenmord ist nur eine von vielen möglichen Folgen von Kindesmisshandlung.
- Kindesmisshandlung ist aber die grundlegende Voraussetzung für Massenmord. 
- Und Massenmord an sich ist auch innerhalb eines Menschen nur eine Facette seines Hasses. Ich glaube nicht, dass es Massenmörder gibt, die nicht auch in manch anderer Hinsicht destruktiv gegen sich und andere agieren.

An Janoschs Biografie lässt sich bereits ablesen, dass auch seine Misshandlungsgeschichte nicht ohne Folgen blieb. Er sagte z.B. in dem o.g. welt.de Interview „Ich konnte 40 Jahre lang keinen Tag ohne Alkohol leben.“ Dazu kommen andere Details, die ich hier nicht weiter bewerten möchte. Der zitierte Satz reicht, denke ich, schon aus. Ergänzend half dem Autor vielleicht auch das Schreiben dabei, etwas aus der realen Welt auszusteigen.

Bei der Besprechung der Folgen von Kindesmisshandlung muss man immer komplex sehen und denken.  Menschen sind komplex und verschieden. Die Folgen von Kindesmisshandlung sind komplex und verschieden. Ich finde es mittlerweile fast lächerlich oder auch unaufgeklärt oder sogar naiv, wenn Kritik geübt wird gegenüber der Analyse der Kindheiten von Mördern oder Terroristen. Denn ihre Taten sind nur eine mögliche Farbe der Folgen der Gewalt gegenüber Kindern. Man muss das ganze Bild im Auge haben. Der Autor Janosch ist eines von vielen Beispielen dafür, wie Menschen mit so einer Kindheitsgeschichte umgehen können.


Kommentare:

Michael Kumpmann hat gesagt…

Cool, dass Du Dich jetzt nicht nur mit Politikern, sondern auch mit Autoren auseinandersetzt. Ich kann Dir nur wieder die Empfehlung geben, mal nach Lovecraft zu suchen. Der wurde als Kind misshandelt, und weil das so schlimm war, wurde er seinen Eltern weggenommen (und das Ende 19. Jahrhundert, wo man viel Toleranter gegenüber der Prügelstrafe war, als heutzutage) und zeigte de Facto die selben Fantasien, die de Mause beschrieb.

Und Lovecraft hatte auch bezeichnenderweise sinngemäß gesagt: "Die meisten Menschen wollen die Wahrheit über ihre Herkunft und Vergangenheit nicht erfahren und wenn sie die Wahrheit über ihre eigene Existenz kennen würden, würden sie durchdrehen, weil diese so schrecklich ist."

Michael Kumpmann hat gesagt…

Dass, was Janosch beschreibt, kenne ich leider auch. Muss Ich ehrlich zugeben. Ich hab auch schon lange das Gefühl, seitdem ich 15 war wären Teile meines Hirns abgestorben und man hätte mich lobotomiert. Und seitdem würde eine Art Nekrose in meinem Gehirn mir unsägliche Schmerzen bereiten. (Manchmal habe Ich den Eindruck, den Ich hatte auch als cerebrale sklerose bezeichnet, dass in meinem Hirn buchstäblich etwas verhärtet sei.) Irgendwie ist mein Eindruck, vor diesem Lebensjahr konnte Ich intensiver Freude erleben und mich für Dinge begeistern. Seit diesem Lebensjahr seien positive Gefühle in meinem Hirn irgendwie gedämpft.

Mit 15/16 hatte Ich sogar das Gefühl, Ich sei bereits tot und hätte quasi nur noch eine Art Chip in Kopf, der meinen leblosen Körper bewegt.

Und Ich hatte auch das Gefühl, ich bin nicht der Einzige. Ungefähr 80 Prozent der Passanten, die mir in deutschen Straßen begegneten, wirkten auf mich irgendwie abgestumpft und Kalt. Mir kam das fast so vor, wie bei John Carpenters "Sie Leben", so als ob Ich fast der einzige wäre, der sehen könnte, was in meinem Umfeld los ist. Ich hatte immer Angst, wenn Ich 18 bin werde Ich genau so. (Hatte auch mal einen Alptraum, wo man mir sagte, jeder Mensch in Deutschland würde bevor er 18 wird heimlich lobotomiert. )


Hab das immer versucht, mit existenzphilosophischen Begriffen wie existenzielle Verzweiflung und Seinsvergessenheit zu erklären. Und das schien mir auch mehr als einleuchtend, dass 99% der Bürger buchstäblich vergessen haben, wer sie eigentlich sind und was sie eigentlich wollen. Stattdessen versuchen sie nur irgendwie bis zum nächsten Tag zu leben.

Ich hatte das Gefühl, eigentlich sind fast nur ganz junge Kinder noch Menschen, da diese auch Spontan denken und das Leben in vollen Zügen genießen können etc.

Sven Fuchs hat gesagt…

Die gespürten Folgen der Gewalt die Du und Janosch beschreiben, sind in der Tat nicht selten und es gibt dabei ja auch noch Abstufungen/Grautöne, je nach dem wie viel Leid erlebt wurde. Denn Kinder müssen sich irgendwann abschalten, wenn das Leid zu groß wird. Es ist für jeden Einzelnen dann die Frage, wie viel man sich später, wenn man nicht mehr von den Eltern abhängig ist, wieder zurückholen kann von dem Fühlen, was einst verloren ging.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Dachte zuerst, ich würde so ziemlich als Einziger so fühlen. Hab mir zwar philosophisch gedacht, das müsste bestimmt auch anderen so ergangen sein. Als Ich dann auf Autismus Untersucht wurde, hat einer der 3 Psychiarter die mich untersuchten, mir gesagt, das sei sogar extrem häufig und typisch.

Bei mir war das dann so, dass am Ende meines 16. Lebensjahres einige Sinneseindrücke (meistens optischer Natur) dazu führten, dass es mir kurz besser ging. Ich hab auch versucht, mich dann häufiger diesen Sinnesreizen auszusetzen.

Irgendwann habe Ich dann für mehrere Monate täglich nur geweint, aber komischerweise fühlte sich das dann besser an. Es war gut, wieder überhaupt was fühlen zu können und meine Trauer war für mich eine Bestätigung dafür, dass Ich da war.

Ich verstand aber nicht, warum Ich traurig war. Ich musste wirklich auch wieder lernen, meine Emotionen in Worte zu fassen. Das ist ein Grund, warum Ich mich überhaupt erst mit Philosophie und Psychologie befasste. Ich wollte damit verstehen lernen, was Ich bin.

Sven Fuchs hat gesagt…

O-Ton Janosch: "Ich bin wirklich Autist. Am liebsten wäre ich unsichtbar." (https://de.wikipedia.org/wiki/Janosch)

Sven Fuchs hat gesagt…

Die ARD brachte aktuell eine Doku über Janosch: "Da wo ich bin ist Panama - die Lebensreise des Herrn Janosch" (http://www.ardmediathek.de/tv/kulturmatin%C3%A9e/Da-wo-ich-bin-ist-Panama-die-Lebensrei/SWR-Fernsehen/Video?bcastId=19396202&documentId=33897530)

Darin sagte er ab ca. Minute 36 : "Ich möchte bloß kein Kind sein, weil ich Euch Eltern nicht ertragen kann. Ich will keine Eltern haben. Nicht noch einmal. Man müsste die Eltern abschaffen."

Diese Stelle sagt alles über das Leid, das erfuhr....

Michael Kumpmann hat gesagt…

Sowas Ähnliches habe Ich auch bei Friedrich Engels vermutet, so wie der über Familien sprach. (Dessen Familienbild finde Ich sehr gruselig, muss Ich sagen.) Über den US Autoren Stefan Molyneux sagt man sowas ähnliches, um dessen Elternfeindlichkeit zu erklären: http://recentr.com/2014/08/die-sekte-fdr-von-stefan-molyneux-fuhrt-krieg-gegen-eltern/

(Anmerkung: Du hast Dich mal über Videos aufgeregt, wo es hieß, Schule sei ein Gefängnis. Diese Videos kommen aus dem Umfeld von dem Molyneux.)

(Ironischerweise ist Julius Evola, der Traditionalist ist und zu den Rechten gehört, fast der einzige mir bekannte Philosoph des 19. und 20. Jahrhunderts, der nette, freundliche Familien beschrieb. Keine Ahnung, wie man das nun interpretieren kann.)


Bei mir ist das so, dass ich mich bei meiner Sozialarbeiterin mehr als Wohl fühlte und mir wünschte, sie wäre meine Mutter und würde mich adoptieren. Beim Gedanken, auch noch wieder einen Vater zu haben, wird es mir in Gedanken komischerweise aber sehr unwohl. Irgendwie kann ich mir einfach nicht mehr vorstellen, es sei für mich gut, in einer Kernfamilie zu leben.

(Das englische Wort Nuclear Family finde Ich aber irgendwie lustig und cool. Erinnert mich ein wenig an die Jetsons.)

Ich akzeptiere die Ehe als einen Wert und halte Familien für ein schützenswertes Konstrukt und finde es negativ, dass die Moderne vor Allem Familien zerstört. Trotzdem finde ich den Gedanken komisch, selbst in einer Kernfamilie aufzuwachsen, obwohl Ich in einer Kernfamilie aufwuchs.

In einem riesigen Adelshaus zu leben, stelle Ich mir verdammt cool vor, aber irgendwas in mir lässt mich die Vorstellung der bürgerlichen Familie als extrem Gruselig empfinden.

(OK. Das Bürgertum verabscheue Ich sowieso, weil dies quasi Pseudo Adlige waren, die sich total verstellten und ihr ganzes Leben damit verbrachten, etwas zu spielen, was sie nicht wirklich waren, wo dann am Ende ihre eigene Menschlichkeit zu Gunsten der Fassade und des schönen Scheins zerrissen wurde. Dieses Bürgertum gibt es aber de Facto seit 1918 sowieso nicht mehr. )

Bianca Wessely hat gesagt…

Ich lese ja Ihren Blog schon seit drei Jahren. Vorher hatte ich mich zwei Jahre lang mit Alice Miller befasst und hatte nicht wenige Schlüsselerkenntnisse.
Dass Sie Ihre Texte mal an Zeitungen schicken oder anderweitig publizieren sollten, bei der Meinung bin ich geblieben. ^^
Na ja, ich wollte nur ein Buch empfehlen, welches ich momentan lese: Resilienz von Christina Berndt. Es war eine Zeit lang Spiegel-Bestseller. Da wird auch Epigenetik thematisiert.
Gene und Kindheitserfahrungen stehen demnach sogar miteinander in Wechselwirkung.
Also das Buch ist echt gut. Es haben hoffentlich auch viele Menschen gelesen.