Mittwoch, 31. Mai 2017

Manuel Noriega. Heimkind ohne familiäre Prägung + intelligent = "gelungene" Diktatoren-Karriere

Unter dem Titel „Acht Merksätze für eine gelungene Diktatoren-Karriere“ wurde aktuell auf Welt-Online (30.05.2017 von Florian Stark) ein Artikel auf Grund des Todes von Manuel Noriega  (Ex- Militärmachthaber bzw. Diktator in Panama) veröffentlicht. Der Titel an sich hat es in sich, wenn man sich gleich den ersten „Merksatz“ durchliest: „1. Komme aus dem Nichts“.

Im Artikel heißt es dann weiter: „Manuel Antonio Noriega Moreno wurde um das Jahr 1934 herum in Panama-Stadt geboren. Als unehelich geborenes Kind wuchs er in einem katholischen Heim auf, das ihm einen Schulabschluss ermöglichte.“

Etwas weiter im Artikel steht dann noch folgender eindrücklicher Satz: „Als intelligenter Mann ohne familiäre Prägung war der aufstrebende Noriega der ideale Gehilfe für ehrgeizige Generäle.“
Wir finden hier also in wenigen Sätzen in der Tat eine klassische Grundlage für „gelungene" Diktatoren-Karrieren: Eine extrem destruktive Kindheit + eine hohe Intelligenz.

Wie die Realität in einem katholischen Kinderheim in den 1930er Jahren in Panama aussah, ist mir nicht bekannt. Man ahnt allerdings nichts Gutes… Grundsätzlich ist alleine die Tatsache, dass Manuel Noriega als Kind von seinen Eltern verlassen und in ein Heim gegeben wurde, ein Hinweis auf eine sehr traumatische Kindheit. Auf Wikipedia steht, dass er im Alter von fünf Jahren in ein Heim kam. Insofern steht ergänzend die Frage im Raum, wie denn seine Eltern in diesen ersten fünf Jahren mit ihm umgegangen sind? Ich habe bisher nur herausgefunden, dass seine Eltern sehr arm waren. Unter dem Titel „America's Prisoner: The Memoirs of Manuel Noriega“ gibt es ein Buch, das vielleicht etwas zur Klärung dieser Fragen beitragen könnte. Ich weiß allerdings nicht, wann ich es schaffe, dass Buch zu besorgen und zu lesen. Anlässlich seines Todes war es mir wichtig, bereits jetzt einen Hinweis auf eine offensichtlich sehr destruktive Kindheit dieses Ex-Diktators zu geben.

Donnerstag, 4. Mai 2017

Fallbeispiel Beate Zschäpe: Opfer vom Opfer = kein Täter?

SPIEGEL-Online hat aktuell in einen Artikel (03.05.2017, "NSU-Prozess.Das zweite Gesicht der Beate Zschäpe", von Beate Lakotta) über Beate Zschäpe die Frage ihrer Schuldfähigkeit und ein neues Gutachten von dem Psychiater Joachim Bauer besprochen. Der Artikel an sich ist bereits ungewöhnlich, wenn man sich die ansonsten verbreitete Berichterstattung über TäterInnen anschaut.
Der Artikel beginnt so: „Es gibt Situationen in frühester Kindheit, die so zerstörerisch sein können, dass sie einen Menschen immer wieder einholen im Leben. Dauerhafte Vernachlässigung zum Beispiel. Der Mensch kann sich dann später im Leben womöglich nicht wehren, wenn die alte Verlassenheitspanik in ihm hochsteigt, die er als Säugling erlebte oder als Kleinkind. Schon die Vorstellung, allein zu sein, bringt Todesangst hervor.“ Es geht um die Kindheit von Beate Zschäpe, so die SPIEGEL-Autorin.
Im Artikel wird auch über die Vernachlässigung und häufige Wechsel von Erziehungspersonen in Zschäpes Kindheit berichtet. Ebenso wird auf den Alkoholismus von Zschäpes Mutter eingegangen. Zschäpes Mutter „habe oft volltrunken auf dem Fußboden in der Wohnung gelegen, manchmal im eigenen Erbrochenen. Sie habe sich geschämt und Angst gehabt, Freundinnen mit nach Hause zu bringen.“ (In Bauers Gutachten kam ergänzend  auch krasse häusliche Gewalt durch Böhnhardt gegen Zschäpe zur Sprache.) Eine solche direkte Berichterstattung über destruktive Kindheitshintergründe und Opfererfahrungen von TäterInnen finde ich natürlich vom Grundsatz her erfreulich und fortschrittlich.
Joachim Bauer diagnostiziert nun in seinem Gutachten nach vorherigen 14 Gesprächsstunden mit Zschäpe eine „abhängige Persönlichkeitsstörung“. Sie sei entsprechend „vermindert schuldfähig“.

Ich nutzte diesen Bericht heute einmal, um mich nochmal deutlich zu positionieren. Beate Zschäpe ist eindeutig ein Opfer. Als Kind Opfer von destruktiven Erwachsenen, die Macht über sie hatten. Als Frau Opfer von (schwerer) häuslicher Gewalt durch Böhnhardt. Aber bedeutet dies jetzt, dass die Opfer des NSU-Trios einem Opfer gegenüberstehen? Nein, das bedeutet es nicht! Die Opfer der NSU und deren Hinterbliebenen sind Opfer von Tätern geworden! Und Beate Zschäpe war Teil dieses Tätertrios. Punkt.
Die Opfererfahrungen dieser Täter sind nur bzgl. der Erklärungen nützlich, wie es zu den Taten kommen konnte. Die Opfererfahrungen der Täter und das Reden darüber sind desweiteren nützlich, weil so zukünftig Taten präventiv verhindert werden können; weil wir heute wissen, wie bedeutsam Kindheitserfahrungen bei der Genese von Gewalt und Hass sind. Die Opfererfahrungen der Täter wären für diese „Täter-Opfer“ ansonsten noch eine eigene Anklage an ihre Täter (vor allem die Eltern) wert oder ein wichtiger Teil in einer Therapie. Dies wäre aber persönliche Sache von Zschäpe und hat die Opfer des NSU-Trios herzlich wenig zu interessieren.

Opfer eines Opfers zu werden bedeutet immer, dass es eine Tat und einen Täter / eine Täterin gibt. Opfer eines Opfers zu werden, entlässt das Opfer, das zum Täter/Mittäter wurde, nicht aus seiner Verantwortung und befreit nicht von Schuld.

Ich persönlich hoffe sehr auf ein ausgewogenes, gerechtes Urteil der zuständigen Strafkammer.