Dienstag, 14. Januar 2020

Jungenbeschneidung in den USA und das "Traumagesamtpaket"


Dank einer kritischen Stimme bin ich auf das Thema Jungenbeschneidung in den USA aufmerksam geworden. Thematisch habe ich das Thema bisher hin und wieder gestreift, mich aber nicht vertiefend damit befasst. Und in meinem Blog habe ich bisher auch nichts dazu geschrieben. Meine Einstellung zur - medizinisch nicht notwendigen - Jugenbeschneidung war und ist ganz klar: Sie verstößt gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit!

Ich werde auch in diesem Beitrag nicht vertiefend auf das Thema eingehen können, weil ich mich immer noch zu wenig mit der Materie befasst habe. Mir geht es hier um folgendes: Die kritische Stimme, die mich kürzlich angeschrieben hat, stellte die These auf, dass die Jungenbeschneidung auch politische Folgen haben kann. Außerdem verwies Sie auf den aktuell hohen Anteil von als Kind beschnitten Männern in den USA (und historisch auch etwas weiter zurückgeblickt in Großbritannien). Für den muslimischen und auch afrikanischen Raum und die jüdischen Lebenswelten war mir natürlich bewusst, dass die Jungen dort entsprechend belastet werden. Mein erster Reflex auf das Anschreiben war, dass ich das Ausmaß in den USA anzweifelte. Keinesfalls konnte ich glauben, dass in diesem westlichen Land die Mehrheit der Männer - ohne religiöse Begründung - als Kind beschnitten wurden.

Nun, ich wurde eines Besseren belehrt.

Zwei seriöse Medienberichte haben das Ausmaß der Jungenbeschneidung in den USA thematisiert.

Der erste von mir gefundene Artikel ( DIE ZEIT, 19.11.1998: "Mit Geduld und Stahl") wurde Ende 1998 verfasst. Darin heißt es, dass an sechs von zehn männlichen Neugeborenen (also 60%) in den USA dieser operative Eingriff durchgeführt wurde. Dies betrifft also die heutige Erwachsenengeneration in den USA ab dem 22. Lebensjahr aufwärts. Ursprünglich, so im Artikel weiter, waren christliche Prediger Ende des 19. Jahrhunderts für die Verbreitung der Praxis in den USA verantwortlich. Moralapostel des Viktorianischen Zeitalters begrüßten damals die Jungenbeschneidung als "Präventivmaßnahme gegen Masturbation"...
In dem Artikel wird ergänzend auch folgendes geschrieben: „In einer im Juli veröffentlichten Studie der Healthpartners Medical Group in Minneapolis gaben 55 Prozent von 1769 befragten Ärzten an, bei diesem Eingriff keine Schmerzmittel zu benutzen.“ Neben den Belastungen, die eine Beschneidung an sich schon für den Säugling oder das Kind bedeuten, kommt also noch in ca. der Hälfte der Fälle ein massives Trauma durch den betäubungsmittelfreien Eingriff dazu.

In einem Artikel im Tagesspiegel wurde geschrieben, dass die Weltgesundheitsorganisation für die USA von einer Beschneidungsrate von Jungen und Männern von rund 70 % ausgeht (Tagesspiegel, 28.06.2012: "Beschneidung. In den USA ist es Routine").

Ich muss gestehen, dass diese Zahlen mich wirklich erstaunt haben. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass in den USA die Mehrheit der Jungen beschnitten werden. Dazu oftmals noch ohne Betäubung.

Dieser Sachverhalt sollte gedanklich zum bekannten Ausmaß der Gewalt gegen Kinder in den USA hinzuaddiert werden. Bzgl. der Analyse einer Gesellschaft geht es immer darum, das "Traumagesamtpaket" zu erfassen. Kinder können Verletzungen oft gut verarbeiten, wenn sie in einem gesunden Umfeld aufwachsen. Wenn sich Verletzungen allerdings anhäufen und zu einem "Traumapaket" kumulieren, dann wird es kritisch. Die Jungenbeschneidung in den USA muss hier ebenso in den Blick genommen werden, wie all die anderen Belastungen, die Kinder in diesem Land erleben. Nur mit Blick auf das Gesamtpaket wird ersichtlich, warum diese Nation so häufig durch politische Destruktivität und Irrationalitäten auffällt.



Montag, 6. Januar 2020

Islamistische Radikalisierung: Kindheit von Oliver N.


Oliver N. konvertierte als Jugendlicher zum Islam und hatte sich dann in relativ kurzer Zeit der Terrorgruppe „Islamischen Staat“ angeschlossen. Es existiert u.a. ein Video, in dem Oliver N. in der syrischen Stadt Rakka sagte: "Ich lade alle ein, hierherzukommen, um die Ungläubigen zu schlachten wie die Schafe“.
Später stellte er sich und kehrte zurück nach Österreich. Dort wurde er zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Über seine Erlebnisse hat er ein Buch veröffentlicht:
N., Oliver & Christ, Sebastian (2017): Meine falschen Brüder: Wie ich mich als 16-Jähriger dem Islamischen Staat anschloss. Kiepenheuer & Witsch, Köln.

Zudem gab es kürzlich eine sehr interessante Doku über ihn und sein Leben:
Panorama - die Reporter (2019, 03. Dez.): „Der IS-Rückkehrer“

In der Doku sagte er an zwei Stellen etwas, das ich hier unbedingt zitieren muss:
Als ich 16 Jahre alt war, bin ich zum Islam konvertiert, durch einen Schulfreund. Das Gefühl, das ich dann erlebt habe, das war unglaublich schön. Ich war da ein Teil einer Gemeinschaft, die so eng miteinander verbunden waren (…). Warum ich mich dem so leicht hingegeben habe? Ich war einfach verloren. Familie, das hat mir gefehlt. Und danach habe ich gesucht. Und wäre da damals eine rechtsradikale Gruppe zu mir gekommen, die mir genau das geboten hätte, dann wäre ich Nazi geworden.“
Und: „Aus meiner Ideologie, aus meiner kranken Ideologie heraus habe ich mir nur gedacht, ich töte ja nur die bösen Menschen: Die Unterdrücker, die Vergewaltiger, die Mörder (…). Du rechtfertigst es mit dem Gedanken, dass sie das Selbe mit Deiner Familie gemacht haben. Ab dem Zeitpunkt, wo ich Muslim wurde, wurde mir beigebracht, dass jeder Mann im Islam mein Bruder ist und jede Frau im Islam meine Schwester ist. Also war es ganz egal, wo die Person ist. Wenn ihr geschadet wird, dann ist das meine Familie, der geschadet wird.“

Wie sehr seine destruktive Kindheit, seine Suche nach Halt und Familie seinen Weg hin zum Terror bedingt haben, wird durch die zitierten Zeilen deutlich. Ebenfalls wird deutlich, wie zufällig und austauschbar die Gruppe und Ideologie im Grunde ist. Das verlorene Opfer von einst fand plötzlich eine „Pseudofamilie“, die ihn „pseudowärmte“, die ihm "eine Bedeutung" gab und die vorgab, angegriffen zu werden und viele Opfer zu beklagen. Seine neue „Familie“ galt es zu schützen und das ging – der kranken Ideologie folgend – nur im IS in Syrien.

Über seine Kindheit spricht Oliver N. nicht gerne. Trotzdem sind einige Eckdaten öffentlich geworden. 

Seine Eltern trennen sich, als er 5 Jahre alt ist, er bleibt zunächst bei der Mutter  (N. & Christ 2017, S. 12) „Ich kam zu meiner Mutter. Es entbrannte ein hässlicher Kleinkrieg zwischen ihr und meinem Vater. Eines Tages standen dann Angestellte des Amts bei uns auf der Matte, meiner Mutter wurde das Sorgerecht entzogen. Mein Vater beantragte das Sorgerecht, doch meine Mutter manipulierte mich so, dass ich nicht zu meinem Vater zurückwollte, und ich war von diesem Tag an ein Heimkind. Später, als ich älter war, tingelte ich von einer Wohngruppe des Jugendamtes zur nächsten“ (N. & Christ 2017, S. 12).

In dem o.g. Panorama Beitrag wurde ergänzend folgendes über seine Kindheit berichtet:
- Im Alter von 6 Jahren kommt er in ein Kinderheim
- Er ist 11 Jahre alt, als sich sein Bruder erhängt

In einem ZEIT-Artikel fand ich ergänzend die Info, dass seine Mutter Alkoholikerin war.

In vielerlei Hinsicht ist der Fall Oliver N. ein Paradebeispiel dafür, was das Fundament für Terror und Extremismus bildet. Aus seinem Fall können wir auch Präventionsmaßnahmen ablesen:

1. Natürlich und zu aller erst Kinderschutz und Elternförderung

2. Es braucht gerade für solche „verlorenen Kinder“ konstruktive Gruppenangebote, in denen sie sich Zuhause fühlen können und in denen sie wirklich Verbundenheit und Anerkennung finden. Wenn sie einmal fest verbunden sind, werden sie – trotz ihrer destruktiven Kindheit – nicht so leicht auf Anwerber destruktiver (politischer oder religiöser) Gruppen hereinfallen.

3. Psychotherapeutische Angebote müssen nicht nur gefördert werden und gut aufgestellt sein, sondern es muss auch mehr "Werbung" dafür geben. Sprich: Jeder Jugendliche, der in Deutschland das Schulsystem durchläuft, sollte innerhalb einen allgemeinen Bildungsplans darüber aufgeklärt werden, dass es psychotherapeutische Angebote gibt und diese besonders von den Menschen angelaufen werden sollten, die in ihrer Kindheit viel Destruktivität erlitten haben. Psychotherapien sind - neben vielen anderen Vorteilen - Extremismusprävention!