Donnerstag, 10. April 2014

Ursachen der Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik und wie man daran vorbeisehen kann

Es gibt etwas, das mich meist auf eine Art noch mehr erstaunt, als das Ausblenden von kindlichen Gewalt-/vernachlässigungserfahrungen als gewichtiger Ursache von (politischer) Gewalt: Das haarscharf an den Ursachen Vorbeischauen.

Unter dem Titel „Die Angst herrscht“  (22.03.2014) hat die in der Zentralafrikanischen Republik aufgewachsene Autorin Silvia Kuntz kürzlich für die ZEIT ihre Sicht auf die Ursachen der aktuellen gewaltvollen Konflikte in dem Land beschrieben. Sie stellt aus ihrer Innenansicht heraus zunächst einmal fest, dass die Gewalt nichts mit Religion zu tun hat. Diese oberflächliche Sicht auf die Religion ist eher etwas, das im Westen gerne als Erklärung dient. Die Hauptursachen sieht sie in zwei Dingen begründet: Mit dem gewaltvollen Tod eines Menschen wird – so glaubt man vor Ort – „das Böse“ ausgelöscht, als Wiedergutmachung sozusagen. (Wobei sie nicht sagt, um welche „Wiedergutmachung“ es geht, die ja - so meine ich - auch eher emotional zu fassen ist). Zum Anderen sieht sie die pure Angst als Ursache. Angst würde den Kindern schon von klein auf eingeredet, Angst vor „Monstern“, Fremden, Neuem usw.

Aber auch diese Erklärungen bleiben letztlich oberflächlich, sie beschreiben eher einen Ist-Zustand und klären nicht die Folgen, die sich aus dieser Feststellung ergeben. Dabei sind schon in dem zweiten Ursachenansatz wichtige Informationen enthalten. Kindern wird schon früh und ständig Angst eingeflößt. Das spricht nicht für ein gesundes Aufwachsen, sondern bereits für etliche traumatische Erfahrungen, je nachdem wie diese Angst unter Kindern verbreitet wird.
Gleich zu Beginn des Artikels schreibt die Autorin. „Ich wuchs als Missionarskind in Zentralafrika auf. Als Kinder spielten wir im Busch, aßen heute bei der einen Mutter, morgen bei der anderen. Wir hockten in verrußten Küchen und tunkten Maniok in Soße. Das klingt ganz romantisch, war es aber nicht. Kinder wurden geschlagen, einmal ging ein Ehemann mit einer Machete auf seinen Rivalen los. Meine Eltern machten den Krankentransport.“

Sie beschreibt deutlich die weit verbreitete häusliche Gewalt und deutet auch das an, was ich „afrikanische Vernachlässigung“ nenne; denn Tanten und Onkels gelten in Afrika als Mütter und Väter, so dass die Kinder mal hier mal da aufwachsen, es gibt keine beständige Kernfamilie. Anschließend beschreibt sie noch, wie die älter werdende Mädchen irgendwann an den Haushalt gebunden werden und viele schon früh – auch im Kindesalter – eigene Kinder bekommen. Hier ist das Fundament dafür beschrieben, dass Säuglinge nicht optimal versorgt werden. Wie auch, wenn die Mütter selbst noch Kinder oder fast Kinder sind? Und zu Recht beschreibt sie noch die Armut und Hoffnungslosigkeit in dem Land.

Kommen wir zurück zu meinem Erstaunen. In dem Artikel wird deutlich beschrieben, dass Kindheit in der Zentralafrikanischen Republik wenig mit Glück und Freude zu tun hat, um es einmal vorsichtig auszurücken. Ich vermute, dass die Autorin sich nie wirklich mit den Folgen von Kindesmisshandlung und-vernachlässigung befasst hat. Ansonsten ist es kaum zu erklären, warum sie die Dinge benennt, aber nicht in einen deutlichen Zusammenhang zu gewaltvollen Konflikten sieht.

Übrigens: UNICEF (siehe Tabelle auf Seite 86) hat repräsentativ festgestellt, dass in der Zentralafrikanischen Republik 89 %  aller Kinder (2-14 Jahre alt) psychische und/oder körperliche Gewalt durch Erziehungspersonen erleben. 78 % erleben körperliche Gewalt. 34 % der Kinder erleben dort sogar besonders schwere körperliche Gewalt. (hierunter wurde verstanden: Schläge oder Tritte ins Gesicht, gegen den Kopf oder Ohren und/oder Schläge mit einem Gegenstand, immer und immer wieder und so hart ausgeführt, wie es geht.) .Nur 4 % der Kinder erleben überhaupt keine erzieherischen Sanktionen oder Gewalt! Diese Zahlen gelten für das Gewalterleben vier Wochen vor der Befragung und nicht für die Gewalterfahrungen in der gesamten Kindheit. Zudem wurden nur Mütter oder - falls diese nicht in der Familie anwesend waren - andere Erziehungspersonen zum Erziehungsverhalten und Gewalthandlungen in der entsprechenden Familie befragt. Vermutlich würden also Befragungen von jungen Erwachsenen zu eigenen Gewalterfahrungen in der Kindheit weit aus höhere Raten ergeben, als die hier festgestellten! Allerdings läßt die Studie folgenden deutlichen Schluss zu:
Von den 33 in der UNICEF-Studie ausgewerteten Ländern fanden sich nur im Yemen noch höhere Raten von Gewalt, besonders auch schwerer Art. In der Zentralafrikanischen Republik finden sich also international verglichen die mit höchsten Raten von Kindesmisshandlung (und übrigens auch extrem hohe Raten bei der Kindersterblichkeit)
Auch die Schule scheint ebenfalls ein für Kinder sehr gefährlicher Ort in dem Land zu sein. 52 % der Lehrkräfte in zentralafrikanischen Grundschulen üben jeden Tag Körperstrafen gegen Kinder aus.  (UNICEF, Plan West Africa, Save the Children Sweden West Africa and ActionAid (2010). Too often in Silence. A report on school –based violence in west and Central Africa. S. 19) 42,2 % der männlichen Schüler in Bangui gaben an, sexuelle Gewalt gegen weibliche Schülerinnen in oder um die Schule herum ausgeübt zu haben. Die selbe zitierte Studie ergab, dass männliche Lehrkräfte Haupttäter von sexueller Gewalt gegen Grundschülerinnen waren, was in Anbetracht der vorgenannten Zahl auf enorm viele Übergriffe schließen lässt. (ebd., S. 23) Die Hälfte der Schüler gab außerdem an, dass körperliche Gewalt die häufigste Form von Gewalt von Schülern gegen Schüler in Grundschulen darstellt. (ebd., S. 31) Die Kinder scheinen ihre selbst erlittene Lektion verinnerlicht zu haben und lösen ihre Konflikte wiederum mit Gewalt.

Mittwoch, 9. April 2014

Kindheit von Iwan IV., genannt "der Schreckliche"

(Nachträglicher Hinweis: Deutlich ausführlicher und unter Verwendung anderer Quellen habe ich die Kindheit von Iwan IV.  in meinem Buch besprochen.)


Dank einer Leserin bekam ich den Hinweis auf eine Dokumentation über Iwan IV. (genannt der Schreckliche), Zar von Russland, der zwischen 1530 und 1584 lebte: Titel: „Iwan der Schreckliche“ von Peter Moers, gesendet auf ARTE am 05.04.2014.
Iwan IV. galt als besonders grausamer Herrscher mit einer Neigung zum Sadismus. Diese Dokumentation ist sehr ungewöhnlich (im Vergleich zu anderen Dokus, die sich mit historischen Persönlichkeiten befassen), denn sie zieht eine sehr deutliche Verbindungslinie zwischen Iwans traumatischer Kindheit und seinem späteren politisch-gewaltvollem Handeln und auch seiner gestörten Persönlichkeit mit einer Neigung zu Depressionen und zum Jähzorn (was ihn am Ende seiner Tage auch dazu brachte, seinen Sohn umzubringen).  Der gesamte erste Teil widmet sich der Kindheit und Deutungen durch eine Psychiaterin, einem Profiler und einem Historiker. Mehrmals wird in der Doku die traumatische Kindheit aufgegriffen und in den entsprechenden Kontext gesetzt.
Diese Kindheit ist schnell skizziert: Als Iwan  drei Jahre alt war, starb sein Vater, seine Mutter starb einige Jahre später - vermutlich an Gift -, da ist der Junge gerade einmal acht Jahre alt. Von nun an ist er dem Adel am Hofe – den Bojaren - schutzlos ausgeliefert. Zitat aus der Doku:
Sie machten Iwans Kindheit zur Hölle. Täglich muss der Thronerbe um sein Essen kämpfen, er wird ständig gedemütigt, grundlos eingesperrt, aus Spaß geschlagen. Iwan ist den Bojaren ein Dorn im Auge, sie wollen ihn langsam vernichten. Doch Iwan überlebt. Später wird er diese Zeit immer wieder zur Rechtfertigung von Grausamkeit und Terror anführen. (…) Mit 13  Jahren verwandelt sich Iwans Ohnmacht in blanke Wut. Jetzt ist er sich seiner Macht bewusst und schlägt zurück. Er hetzt ein Rudel scharf gemachter Hunde auf den Anführer der Bojaren-Clique, die Hunde reißen seinen Peiniger in Stücke. Zum ersten Mal gelingt es dem Gedemütigten um sich herum Angst zu verbreiten. Ein Gefühl, das ihn süchtig machen wird. “

Auch in einzelnen Artikeln, die ich online gelesen habe, wird Iwans traumatische Kindheit erwähnt. Ich vermute, dass es leichter fällt, Zusammenhänge zwischen traumatischer Kindheit und gewaltvollem Handeln von solchen Herrschern zu sehen, wenn diese Gewalt gegen das Kind vordergründig nicht von den Eltern ausging, so wie dies im Fall Iwans zutraf (wobei wir nicht wissen, in wie weit seine Eltern Gewalt zu Lebzeiten gegen das Kind ausübten oder anordneten, was für die damalige Zeit sehr wahrscheinlich ist.). Dokus über z.B. Stalin, Hitler und ähnliche Akteure haben - so weit ich dies bisher wahrgenommen habe - nie derart deutlich Zusammenhänge zu den traumatischen Erfahrungen im Elternhaus und dem späteren Handeln ausgemacht.

Montag, 7. April 2014

Martin Luther. Eine Kindheit voller Gewalt.

Unter dem Untertitel „Ein Reformator mit gnadenlosen Parolen“ hat sich die Journalistin Ingrid Müller-Münch (2012) innerhalb ihres Buches „Die geprügelte Generation“ kurz mit Martin Luther befasst. Dieser plädierte, so schreibt sie, stets für eine harte Hand und Prügel im Umgang mit Kindern und zitierte gerne den Spruch Salomons „Wer seine Rute schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn bald.“ (Ergänzene Anmerkung: Der Wissenschaftsjournalist Jörg Zittlau (2010, S.22) zitiert Luther mit den Worten: „Man muss Kinder stäuben und strafen, aber gleichwohl soll man sie auch lieb haben.“ und Dieterich (2013, S. 18) meint, dass Luther für Körperstrafen gegen Kinder war, allerdings zu harte Prügel ablehnte.) Müller-Münch schreibt, dass Luthers Erziehungsanweisungen Gewicht im Umgang mit Kindern hatten und sich über Generationen auswirkten. Ob diese nachfolgenden Elterngenerationen unbedingt Luthers Anweisungen brauchten, um ihre Kinder zu schlagen, bezweifle ich. Die Anweisungen hatten sicher eine stützende Funktion. Aber vornehmlich gab jede neue Elterngeneration nur das weiter, was selbst als Kind erlitten wurde.

Auch Martin Luther wurde als Kind schwer misshandelt.  O-Ton Luther: „Meine Eltern haben mich hart gehalten, dass ich auch darüber gar schüchtern wurde; und ihr ernst und gestreng Leben, das sie mit mir führten, war eine Ursache dafür , dass ich hernach in ein Kloster lief und ein Mönch wurde. Die Mutter stäupte mich einmal um einer geringen Nuss willen, dass das Blut danach floss. Aber sie meinten`s herzlich gut.“  (Aus einer Predigt – die durchzogen ist von der Forderung zum Gehorsam der Kinder und der Pflicht der Eltern, diesen zu erzwingen - von Martin Luther (1973, S. 118) vom 20.08.1535.  Luther sagte u.a. in seiner voran zitierten Predigt: „Man soll die Kinder und Schüler also strafen, dass allewege der Apfel neben der Ruten ist. Es ist ein bös Ding, wenn Kinder und Schüler ihren Eltern und Lehrern gram werden.“  (ebd., S. 118)
Ähnliche Erziehungsmethoden wie die Mutter praktizierte auch sein Vater. "Mein Vater stäupte mich einmal so sehr, dass ich vor ihm floh und dass ihm bange war, bis er mich wieder zu sich gewöhnt hatte." (Dieterich 2013, S. 18) Unter „stäuben“ verstand man damals das festzurren oder festhalten, um dann Körperstrafen in Form von Stock- oder Rutenhieben zu verabreichen. (Zittlau 2010, S 21+22)

Gleichzeitig belegen seine Aussagen die starke Identifikation mit dem Aggressor. Schläge werden mit Liebe gleichgesetzt und die destruktiven Eltern weiterhin geehrt. Dieser ursprüngliche psychische Schutzmechanismus des hilflosen Kindes führte bei Luther später dazu, dass er selbst vom Opfer zum Täter oder Täterunterstützer wurde.
Über Luthers Kindheit erfährt man bei Zittlau ansonsten noch, dass der Vater als Erzieher kaum auftrat und abwesend war. Ab dem Alter von ca. 14 Jahren besuchte Martin die Domschule in Magdeburg und wohnte in einem Schülerheim. Dort wurden ähnliche Erziehungsmethoden praktiziert wie zu Hause. „Einmal bezog er an einem einzigen Vormittag fünfzehn Mal Schläge, weil er nicht richtig konjugieren und deklinieren konnte – dabei hatte man es ihm noch gar nicht beigebracht.“ (Zigglau 2010, S. 23) Manche Lehrer, folgerte Luther später, sind Einpeitscher und "grausam wie die Henker". (Dieterich 2013, S. 18)

Ich muss gestehen, dass ich mich bisher wenig mit Martin Luther befasst habe (und wahrscheinlich auch bis heute noch zu wenig). Mein Wissen über ihn bestand weitgehend aus aufgeschnappten Infohäppchen meist aus Ausführungen im Alltag, Schule oder Fernsehen oder vor allem auch  aus einer filmischen Dokumentation, die ich einst sah. Für mich mit meinem Halbwissen über Luther war er ein Mensch, der für die damalige Zeit ungewöhnlich war, der den Mut hatte, die Kirche und deren Autorität  in ihren Grundfesten zu kritisieren, der ein besseres Menschenbild und ein besseres, menschlicheres Gottesbild wollte und der auch ungewöhnlich emanzipiert mit seiner Frau umging und dieser sehr viele Freiheiten zugestand. Irgendwie hatte ich ein Bild von Luther im Hinterkopf, das sicher auch zum Teil daher rührt, da die evangelische Kirche und auch die Geschichtsschreibung dieses Bild - so mein Eindruck - stets fördert.  Dieses Bild von Luther und das Wissen um seine besonders schwere Kindheit passten bisher nicht für mich zusammen. Ich traue Menschen mit schweren Kindheitserfahrungen natürlich grundsätzlich zu, sich für Menschlichkeit und Emanzipation einzusetzen und Autoritäten zu hinterfragen.  Aber dies vor allem eher in der heutigen Zeit, mit ihren diversen Vorbildern, vermittelten Werten und auch Möglichkeiten der psychischen Gesundung. Aber Anfang des 16. Jahrhunderts? Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich damals ein schwer misshandeltes Kind zu jemandem entwickeln konnte, der meinem Bild von Luther entsprach, das ging nicht zusammen. Es machte sozusagen psychisch keinen Sinn. Ich fragte mich: Wo blieb Luthers (Selbst)Hass? Bei solch schweren Gewalterfahrungen durch beide Elternteile ist es unmöglich, unbeschadet zu bleiben.

Kürzlich las ich dann einen Artikel auf Welt-Online (31.03.2014) mit dem Titel „Neuneinhalb Thesen gegen Martin Luther„, der für mich die Dinge passend machte, die vorher keinen Sinn ergaben. Gleich in der Titelunterschrift ist zu lesen: „Deutschland plant das Lutherjahr 1517 – und übersieht gern die dunkle Seite des Reformators: Fundamentalismus, Judenhass, Hexenwahn, Apokalyptik.“  Ich will den Text gar nicht zu viel zitieren, mensch lese ihn bitte selbst! Zwei  Luther-Zitate übernehme ich allerdings hier, zum einen Luthers „antisemitisches Aktionsprogramm“ und sein Denken vor allem im Angesicht des damaligen Bauernaufstandes:
Erstlich, dass man ihre Synagoga oder Schulen mit Feuer anstecke ... Zum anderen, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre ... Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein ... Zum vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren ... Zum fünften, dass man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe ... Zum sechsten, dass man ... nehme ihnen alle Barschaft und Kleinod an Silber und Gold und lege es beiseite zum Verwahren ... Zum siebten, dass man den jungen starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nasen ... " und
 „Der Esel will Schläge haben, und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein. Das wusste Gott wohl; drum gab er der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand."

Die im Artikel benannten Details sind zum Teil auch auf Wikipedia zu lesen. Ergänzend beschreibt Wikipedia auch, dass Luther sich für die Tötung von Behinderten einsetzte. Ein geistig schwer behindertes Kind beschrieb er als „Fleischmasse“, das keine Seele besitze. In ihm habe der Teufel den Platz der Seele eingenommen.

Luther mag eine große Reformbewegung angestoßen haben. Sein Selbst- und sein Menschenbild war allem Anschein nach durchzogen von Hass und Destruktivität. Als Vorbild für Menschlichkeit dient Martin Luther in meinen Augen nicht. Seine extrem traumatische Kindheit kann - so meine ich - diese persönliche Entwicklung gut erklären.


Quellen:

Dieterich, Veit-Jakobus (2013). Martin Luther. Sein Leben und seine Zeit. (3. Auflage). Deutscher Taschenbuch Verlag, München.

Luther, Martin (1973). Luthers Epistel-Auslegung: Bd. Die Briefe an die Epheser, Philipper und Kolosser. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. (von mir online entnommen hier)

Müller-Münch,  Ingrid  (2012). Die geprügelte Generation. Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen. Klett-Catta Verlag, Stuttgart.

Welt-Online, 31.03.2014, „Neuneinhalb Thesen gegen Martin Luther„ (von Alan Posener)

Zittlau. Jörg (2010).  Sie meinten`s herzlich gut. Berühmte Leute und ihre schrecklichen Eltern. List Verlag, Berlin

Donnerstag, 3. April 2014

Kindheit in Russland

Ich habe vor geraumer Zeit schon einmal versucht, etwas über das Ausmaß von Kindesmisshandlung in Russland herauszufinden. Aktuell bin ich erneut auf die Suche gegangen und habe weiterhin nicht wirklich repräsentative Daten gefunden. Auch UNICEF (Ein Länderbericht aus dem Jahr 2007 z.B. konnte bzgl. Gewalt gegen Kinder nur auf Hellfeldzahlen zurückgreifen und erwähnte keine weiteren Zahlen, vgl. ab S. 72 im Bericht), WHO oder die Initiative „End all Corporal Punishment“ (siehe entsprechenden Länderbericht) verfügen bisher über keine aussagekräftigen Zahlen.

Insofern beginne ich damit, die historische Entwicklung von Kindheit in Russland kurz zu beschreiben, da diese bereits Mittelpunkt psychohistorischer Forschungen war. Unter dem aussagekräftigen Titel
»Der Feind ist das Kind«: Kindheit im zaristischen Russland“ hat Patrick P. Dunn  in dem Buch deMause, L. (1980). Hört ihr die Kinder weinen. Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main. die Kindheit zwischen ca. 1760 und 1860 beschrieben, wobei er anmerkt, dass die von ihm beschriebenen Methoden der Kindererziehung natürlich auch vor 1760 und auch noch lange nach 1860 bestanden. (Dunn 1980, S. 536). Der Autor fasst gleich am Anfang zusammen: „In der Zeit von 1760 bis 1860 in Russland ein Kind zu sein, war eine Qual, ein ungesichertes Dasein voll von Hindernissen für die körperliche wie die seelische Entwicklung. Vielleicht weniger als die Hälfte der Kinder erreichte das Erwachsenenalter. (…) Nur wenige von denen, die trotz allem körperlich überlebten, wurden in unserem heutigen Sinn erwachsen, nämlich autonome eigenverantwortliche Persönlichkeiten.“ (ebd., S. 537)
Eine hohe Säuglingssterblichkeit kam, dem Autor folgend, zwar auch durch Bedingungen wie unzureichende Ernährung und medizinische Versorgung, klimatische Bedingungen etc. zu Stande. Aber: „Wichtig ist meiner Meinung nach die Tatsache, dass russische Eltern Kinder und Kinderaufzucht für unwichtig hielten. Zwar musste man sich um die Kinder kümmern, doch im Grunde genommen vernachlässigten die Eltern ihre Kinder, ja, waren ihnen gegenüber sogar feindlich gesonnen.“ (ebd.,S. 537)
Desweiteren beschreibt Dunn die Methoden des strafen Wickelns, Abhärtungsrituale wie dem Aussetzen von starker Hitze oder Kälte, Fehlen von warmherzigen Eltern-Kind-Beziehungen und die Routine des Schlagens von Kindern. Vor allem sollte das Kind gehorsam sein und sich nicht zu einer selbstbestimmten Person entwickeln. „Die russische Kindheit kann verstanden werden als Versuch der Eltern, die Entwicklung ihrer Kinder zur Selbstständigkeit zu verhindern. (…) Auf individuelle Autonomie wurde in der russischen Gesellschaft üblicherweise kein Wert gelegt, und bereits in der Familie wurde die Selbstständigkeit des einzelnen zukünftigen Staatsbürgers unterdrückt.“ (ebd.,S. 551+552) )
Im letzten Kapitel beschreibt Dunn allerdings auch, wie sich die Vorstellungen von der Kindererziehung bei einer Minderheit (im Adel und bei der Bildungsschicht) im 18. Und 19. Jahrhundert langsam veränderten und Kindern mehr Autonomie zugestanden wurde.

Übrigens trafen Abhärtungsrituale auch  z.B. den 1777 geborenen Zar Alexander I.
Er durfte nicht verhätschelt werden: Seine Matratzen wurden mit Stroh gefüllt; selbst im kalten russischen Winter musste in seinem Zimmer immer ein Fenster offenstehen. Er schlief in einem Flügel des Winterpalais, der neben der Admiralität lag, so dass sein Ohr sich an die Kanonenschüsse gewöhnte.“  (Palmer, Alan (1994). Alexander I. Der rätselhafte Zar. Ulstein Verlag, Frankfurt am Main/Berlin. S. 21+22) Allerdings zeigt sich auch in diesem Beispiel, dass sich beim Adel etwas veränderte. Vor allem seine Großmutter Kaiserin Katharina II.wollte eine modernere Erziehung für ihren Enkel (und scheint dies auch teils durchgesetzt zu haben) und die Entwicklung des Kindes fördern. Allerdings herrschte am Hofe von Alexanders Eltern ein Ton, „der im krassen Widerspruch zu der aufklärerischen Erziehung stand“. (ebd., S. 24)

Lloyd deMause hat in seinem Buch „Was ist Psychohistorie? Eine Grundlegung“ erschienen 2000 im Psychosozial-Verlag, Gießen den Aufsatz „Die sanfte Revolution: Die Wurzeln der russischen und osteuropäischen Demokratiebewegung in der Kindheit“ (der ursprünglich 1990 erschien; online in englisch auch hier) veröffentlicht. DeMause meint mit Blick auf bis ins 20. Jahrhundert praktizierten „Abhärtungsrituale“ von Säuglingen (die es früher auch in Westeuropas gab), dass sich Reformen der Kindererziehung in Russland im Vergleich zu Westeuropa um ca. 200 Jahre verzögerte. (deMause 2000, S. 455) Er formuliert: „Die politischen Alpträume des zaristischen und stalinistischen Russlands waren exakte Abbilder der Alpträume einer gewöhnlichen russischen Kindheit. Weitverbreiteter Kindesmord, heftige Schläge und andere Arten physischer Misshandlung waren Vorbilder für physische Gewalt des Kremls, das KGB und des Gulag. Was Nathan Leites als traditionelle russische Charaktereigenschaften anführt – Furcht vor Unabhängigkeit, Wankelmut und Wunsch nach externer Kontrolle -, all das war Resultat der bis vor kurzem weitverbreiteten Praktiken des langen Wickelns der Kinder (pers. Anmerkung: deMause meint mit Wickeln vor allem Methoden, die im Deutschen eher mit „Einschnüren“ bezeichnet werden), der emotionalen Weglegung und der Gefühlskälte der Eltern gegenüber ihren Kindern.“ (ebd., S. 455+456)
Erst ab den 1930er Jahren begann die Kindheit in Russland jener in der übrigen modernen Welt immer mehr zu ähneln. (ebd., S. 458) Vor allem die Gebildeten wickelten ihre Säuglinge nicht mehr straff, das Auspeitschen wurde inakzeptabel und elterliche Wärme begann sich langsam auszubreiten. (ebd., S. 460) Der Fortschritt der Kindererziehung ist allerdings, so deMause (ebd., S. 462), nicht flächendeckend in den Gebieten der früheren Sowjetunion verlaufen, was seiner Meinung nach auf Dauer den Erfolg von Demokratiebewegungen gefährden könnte. (wir erinnern uns an dieser Stelle, dass sein Text aus dem Jahr 1990 stammt! Gemessen an den unterschiedlichen Säuglingssterblichkeitsraten versprach z.B. die DDR die friedlichsten Entwicklungen – was sich bestätigte – und die Gebiete des früheren Jugoslawien genau das Gegenteil davon – was sich auch im Laufe der 1990er Jahre bestätigte. Rumänien und die Staaten der früheren UDSSR liegen eher in der Mitte dieser beiden Pole.)

So viel zu den historischen Entwicklungen. Wie aber sieht Kindheit heute in Russland aus? Wie war die Kindheit der jungen Generation, die heute 20 bis 30 Jahre alt ist und die zukünftig Russland gestalten werden? Darüber habe ich, wie anfangs schon geschrieben, fast nichts gefunden.

Eine kleinere Studie mit 375 Schülern in einer sibirischen Stadt, wurde öfter zitiert. Misshandlungen erlebten 28,9 % der Befragten, . von diesen 3.8% derart stark, dass sie medizinisch versorgt werden mussten. (Berrien FB, Aprelkov G, Ivanova T, Zhmurov V, Buzhicheeva V. (1995) Child abuse prevalence in Russian urban population: a preliminary report. In: Child Abuse Negl. ;19(2):261-4.)

Ein noch kleinere (250 Schulkinder und182 Eltern), aber aktuellere Studie - Volkova, Olga Alexandrovna & Besschetnova, Oksana Vladimirovna (2013). Child Abuse in Russia as a Cause of Social Orphanhood. In: World Applied Sciences Journal 26 (12): 1588-1594. – fand, dass 50 % der Eltern meinen, das Verhalten ihrer Kinder durch psychische oder körperliche Gewalt kontrollieren zu müssen.  86% der Kinder sagten, dass ältere Familienmitglieder sie bestrafen würden, wobei die meisten Strafen eher psychisch sind. 20,6 % berichteten von leichter körperlichen Gewalt und 12,6 % von schwerer körperlichen Gewalt. Die Eltern berichteten sogar von noch weniger körperlichen Gewalt: Leichte Formen: 15,4 % und schwere Formen 1,7 %. (ebd., S. 1591) Dies sind auf den ersten Blick verhältnismäßig recht fortschrittliche Zahlen. Sie passen nicht ins Bild, wenn man sich vor Augen führt, dass die Autorin in der Einleitung ihres Artikels eine Quelle zitiert (ebd., S. 1588), nach der Gewalt in der Familie in Russland 45-70 mal höher verbreitete sei als in Frankreich und 7 mal höher als in Pakistan. (Diese Zahlen halte übrigens ebenfalls nicht für realistisch und deutlich zu hoch geschätzt)
Interessant ist noch, dass die Autorin das Hellfeld von Misshandlungen erwähnt und dies ist rückläufig.2006 gab es 3.881 Fälle, 2008 3.012 Fälle, 2009 3.211 und 2011 2.495 (ebd., S. 1589) Diese Zahlen legen nahe, dass auch im Dunkelfeld ein rückläufiger Trend zu vermuten ist.

Da es so wenig verlässliche Zahlen aus Russland gibt, muss ich auf andere Zahlen zurückgreifen:  14.301 westdeutsche Jugendliche (Durchschnittsalter 15 Jahre, insofern Geburtsjahrgang ca. 1990) wurden Anfang 2005 befragt, siehe Studie Baier, D. / Pfeiffer, C. 2007: Gewalttätigkeit bei deutschen und nichtdeutschen Jugendlichen – Befunde der Schülerbefragung 2005 und Folgerungen für die Prävention. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V., Hannover.   5,4 % (ca. 772 Schüler) der Befragten waren russischer Herkunft, was insofern eine aussagekräftige Stichprobe für die in Deutschland lebenden russisch-stämmigen Jugendlichen darstellt.
16,4 % der russisch-stämmigen jugendlichen haben leichte körperliche Züchtigungen (sehr eingeschränkt definiert als: selten eine Ohrfeige, hartes Anpacken oder Werfen mit einem Gegenstand) in der Familie erlebt (die deutschen Jugendlichen mit 23,8 % deutlich mehr) Schwerere Gewalt definiert als häufiges Erleben von einer Ohrfeige, hartem Anpacken oder Werfen mit einem Gegenstand bzw. Misshandlung (Verprügeln, mit der Faust schlagen) erlebten die russisch-stämmigen Jugendlichen dagegen deutlich mehr (25,4 %) als die Deutschen (17 %). 40,7 % der russisch-stämmigen jugendlichen berichteten von geringer elterlichen Kontrolle (definiert als elterliche Sorge wie Interesse mit wem sie draußen gespielt hätten oder wo sie sich aufgehalten haben) , bei den Deutschen berichteten dagegen 31,7 % davon. (ebd., S. 28) Ich persönlich vermute, dass Auswanderer aus Russland sogar bzgl. der Kindererziehung etwas fortschrittlicher und modernder orientiert sein könnten, als der Durschnitt in Russland. Egal, ob diese Mutmaßung stimmt, auch so zeigen die Zahlen bereits signifikante Unterschiede bzgl. der Gewalt und der elterlichen Sorge.

Repräsentative Zahlen bzgl. der Gewalt gegen Kinder  gibt es ansonsten nur für Länder, die an Russland grenzen und früher zur Sowjetunion gehörten: UNICEF (2010): Child Disciplinary Practices at Home: Evidence from a Range of Low-and Middle-Income Countries. New York, die u.g. Zahlen stammen aus einer Tabelle auf S. 86
Die verfügbaren Zahlen sind mit Sicherheit nicht eins zu eins auf Russland übertragbar, aber sie lassen zumindest die Vermutung  zu, ähnliche Zahlen auch in Russland zu finden. 
Wichtige Hinweise vorweg: Es wurde nur nach Gewalt innerhalb eines Monats vor der Befragung gefragt. Somit wurden nicht die Gewalterfahrungen in der gesamten Kindheit erfasst! Es ist vermutlich davon auszugehen, dass die Zahlen vor allem den Anteil der Kinder wiedergeben, die eher regelmäßig Gewalt erleben. In der Studie wurde auch gesondert schwere körperliche Gewalt erfasst. Hierunter wurde verstanden: Schläge oder Tritte ins Gesicht, gegen den Kopf oder Ohren und/oder Schläge mit einem Gegenstand, immer und immer wieder und so hart ausgeführt, wie es geht.  Schläge gegen andere Körperteile oder Schläge mit einem Gegenstand, die nicht den erwähnten Zusatzbedingungen entsprachen ("immer und immer wieder" und "so hart es geht"), wurden - um Kategorien zu bilden - nicht als schwere Formen gewertet. Insofern ist – meiner Meinung nach - davon auszugehen, dass weit aus mehr Kinder auch schwere und besonders folgenreiche Gewalt erlebt haben, als die unter „schwere Gewalt“ erfassten Zahlen preis geben.

In Weißrussland wurde repräsentativ nach körperlicher und/oder psychischer gegen Kinder (Alter 2 bis 14 Jahren) innerhalb eines  Monats vor der Befragung  gefragt. 84 % der Kinder erlebten irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 51 % erlebten körperliche Gewalt. 2  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 78 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen.

In Aserbaidschan erlebten 76 % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 48 % erlebten körperliche Gewalt. 17 %besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 73 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen. 

In Georgien erlebten 67  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 50 % erlebten körperliche Gewalt. 20  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 59 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen. 

In Kirgistan erlebten 54  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 37 % erlebten körperliche Gewalt. 3  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 43 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen. 

In Kasachstan erlebten 54  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 24 % erlebten körperliche Gewalt. 1  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 50 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen. 

In Tadschikistan erlebten 78  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 60 % erlebten körperliche Gewalt. 18  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 73 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen

In der Ukraine erlebten 70  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 37 % erlebten körperliche Gewalt. 2  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 66 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen

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Schließlich habe ich noch einige aufschlussreiche Informationen gefunden, die ich nachfolgend zitiere: 

Eine Umfrage aus dem Jahr 2004 hat ergeben, dass sich Eltern in Russland auch heute im Großen und Ganzen bei der Kindererziehung an sogenannten traditionellen Werten orientieren. Dennoch ist ein kontinuierlicher Wandel zu erkennen und »moderne« Werte gewinnen an Bedeutung. Rang 1 bis 4
der Eigenschaften, die man Kindern vermitteln sollte nehmen die folgenden ein: 50 % der Befragten
nennen Arbeitsliebe, 46 % Ehrlichkeit und Anständigkeit, 37 % Ordnung und Reinlichkeit, 34 % Wohlerzogenheit und Höflichkeit. Zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion nahm die Achtung vor den Eltern noch den ersten Platz ein (68,5 % der Befragten). Moderne Werte wie Selbstständigkeit und Unabhängigkeit stehen heute weiter unten auf der Werteskala und werden nur von 24 % der Befragten genannt, Neugier und umfassendes Denken von 19 %, Gehorsam von 14 %, Achtung vor Autoritäten von 9 %, Individualität von 6 % und Phantasie von 4 %
.“
(Kuhr-Korolev, Corinna (2008). Aufwachsen in Moskau. Impressionen aus distanzierter Nähe. In: kultura. Russland-Kulturanalysen. 5/2008.  Generation 21. Jahrhundert: Neue Kindheit in Russland. S. 5)

Nach wie vor wird bei russischen Kindern die Ausbildung einer eigenen Meinung wenig gefördert. Ein gutes Kind ist ein posluschny rebjonok, ein braves Kind, das gehorcht.“ (ebd., S. 8)

Die Zahl der obdachlosen Kinder (besprizornye) wird auf 1 Million geschätzt. Diese Zahl steigt auf statistisch nicht gesicherte 2–4 Millionen, wenn die weitaus größere Gruppe der unbeaufsichtigten Kinder (beznadzornye) hinzugezählt wird. Dabei handelt es sich um Kinder, die wenigstens ein lebendes Elternteil haben, aber sich selbst überlassen sind.

In landesweit 2100 Kinderheimen und 150 Internaten werden 94.000 Kinder betreut. Ihre Zukunftsaussichten sind düster: Nach der Entlassung aus dem Heim werden der Statistik zufolge 40 % der ehemaligen Zöglinge alkohol- oder drogenabhängig, 40 % rutschen ins kriminelle Milieu ab, 10 % verüben Selbstmord und nur 10 % schaffen den Sprung in ein mehr oder weniger normales Leben.“

1,5 Millionen Kinder entziehen sich der Schulpflicht. Jedes Jahr werden 330.000 Straftaten von Jugendlichen verübt, 28.000 Heranwachsende befinden sich in Kolonien für jugendliche Straftäter. 2000  Jugendliche begehen jährlich Selbstmord. Allein in Moskauer Krankenhäusern werden jährlich 1800 Jugendliche wegen versuchten Selbstmords behandelt.“ 

Großen Anlass zur Sorge gibt der Alkohol- und Drogenkonsum unter Kindern und Jugendlichen. Von den 14–18-Jährigen trinken 88 % der Jungen und 93 % der Mädchen regelmäßig Alkohol. Andere Drogen werden von 56 % der Jungen und 20 % der Mädchen konsumiert.“
(Mélat,  Hélène (2008). »Am Strand des weit entfernten Koktebel...«. In: kultura. Russland-Kulturanalysen. 5/2008.  Generation 21. Jahrhundert: Neue Kindheit in Russland. S. 18)

In der selben Quelle findet sich auch ein Beitrag, der deutlich macht, dass sich Kindheit in Russland stetig verändert und modernisiert. Dies gilt vor allem für die neue Mittelschicht. (Gölz, Christine (2008). Kindheit – die Zukunft Russlands. In: kultura. Russland-Kulturanalysen. 5/2008.  Generation 21. Jahrhundert: Neue Kindheit in Russland. S. 2-3)

Zum Schluss möchte ich auf einen SPIEGEL Artikel (DER SPIEGEL, 12.05.1997, 20/1997, „Moskaus böse Buben“ ) hinweisen, den man online lesen kann. Es geht um ca. 1 Millionen obdachloser Kinder Ende der 90erjahre, deren Schicksal und oft auch kriminelle Laufbahn. Im Artikel findet sich auch folgende Info:
Jährlich werden zwei Millionen Kinder Opfer anhaltender Vernachlässigung im Elternhaus, 1995 starben 17 000 von ihnen an den Folgen häuslicher Gewalt.“


Mittwoch, 2. April 2014

Technischer Hinweis / Kommentare

Nachdem blogger.com vor längerer Zeit das "Gadget" "Neuste Kommentare anzeigen" eingestellt hat, habe ich - als Technikdussel - jetzt doch die Möglichkeit gefunden, die 10 neusten Kommentare anzeigen zu lassen. Und zwar rechts unten in der Blogleiste unter dem Bereich "Mitglieder", für alle, die an den neusten Kommentaren der LeserInnen interessiert sind.

Mittwoch, 26. März 2014

Zwischengedanken über die Auswirkungen von Traumatisierungen im Kindesalter

Auf den Seiten des Projektes "DISSOZIATION UND TRAUMA" wurden diverse Folgen von Traumatisierungen in Kindheit und Jugend zusammengefasst. Besonders interessant fand ich, wie folgendes beschrieben wurde:
"Narzißtische Störungen entstehen, wenn Überlebende von schlimmen Lebensbedingungen in der Kindheit gelernt haben, alle seelischen Kräfte in den Aufbau einer „Schutzmauer“ zu investieren, die fast um jeden Preis aufrecht erhalten wird. Dabei können verschiedenste Mechanismen Schutzfunktion bekommen, z.B. perfektionistisches Funktionieren im Arbeitsleben bzw. im Haushalt - oder Verbalattacken und Wutausbrüche oder eine besonders stilisierte Selbstdarstellung (Kleidung, Makeup, Sprache) oder soziale Grenzüberschreitungen und unsoziales/egoistisches Verhalten oder intellektuelle Besserwisserei oder besonders unterdrückerische Formen des sogenannten „Helfer Syndroms“ (auch elterliche Überbehütung) oder körperliche Gewalt oder eine herausragende öffentliche Funktion
."

Diese Art der Definition von Narzißtischer Störung ist schon etwas ungewöhnlich. Sie trifft aber exakt meine Wahrnehmung. Ich persönlich verzweifle manches Mal im Umgang mit schwierigen Menschen (obwohl ich ja im Grunde um die Ursachen weiß). Diese "Schutzmauern" bedingen vor allem auch Unechtheit und damit komme ich persönlich nur schwer klar und werde auch dadurch verunsichert. Um so mehr freue ich mich immer, wenn Gespräche mit Menschen einfach so fließen, weil das Gegenüber echt ist. Naja, dies mal als persönlicher Gedankengang.

Ich gebe zu, dass ich ein etwas unordentlicher Mensch bin. Ordnung hat daher für mich - wohl auf Grund dieser Charaktereigenschaft - immer etwas leicht Abschreckendes :-). "Perfektionistisches Funktionieren im Arbeitsleben bzw. im Haushalt" als Folge von Traumatisierungen zu begreifen, finde ich treffend. Ich werde nie vergessen, wie ich als damaliger Student der (etwas chaotisch strukturierten) Hamburger UNI einmal die Bibliothek der Hamburger Bundeswehr UNI aufsuchen musste. Die Ordnung aller Räume war ein krasser Gegensatz und selbst auf den Toiletten war alles akkurat und es gab nicht eine einzige Schmiererei an den Wänden (Man besuche dagegen mal die Toiletten der Hamburger UNI). Es ist, denke ich, kein Zufall, dass bei der Bundeswehr (wie in allen Armeen) besonderer Wert auf perfektionistische Ordnung gelegt wird. Wie hier im Blog beschrieben gibt es kleinere Studien und Gedanken, die nahelegen, dass vor allem als Kind verletzte Menschen Soldaten werden. (Gerade heute fand ich wieder einen Medienbeitrag über einen Ex-Elitesoldaten, der als Kind in einem Heim aufwuchs, was im Artikel nebenbei erwähnt wurde) Mich persönlich machen vor allem auch perfekte Gärten und Haushalte misstrauisch, wo alles seinen Platz hat und nichts „Unstrukturiertes“ zu finden ist. Um nicht falsch verstanden zu werden: ich finde Ordnung grundsätzlich gut und nützlich (und bemühe mich täglich darum). Es geht aber um diese übertriebene Ordnung, um diese Konzentration auf die schöne Fassade. Meine Lebenserfahrung mit Menschen bestätigt mir leider oft, dass hinter den schönsten Fassaden große Abgründe lauern. Entsprechende Menschen können meist nicht locker sein, verfügen über keinen spontanen Humor, können sich nicht über Glückserfahrungen Anderer freuen, geben nichts von sich preis und zeigen vor allem keine menschlichen Schwächen und Gefühle. Da dies derart verbreitete ist, fühle ich mich manchmal als der „Merkwürdige“. Der o.g. Textauszug tat mir heute einfach mal gut. Man weiß auch nicht ob man lachen oder weinen soll, wenn unter der Traumafolge „Narzißtische Störung“ steht „eine herausragende öffentliche Funktion“.

Montag, 24. März 2014

Kindheit von Wladimir Wladimirowitsch Putin

Der Politologe Dmitri Oreschkin  sagte für eine ARD Dokumentation vom 13.03.2014 mit dem Titel „Psychogramm Putin“ (Autor Udo Lielischkies):
 „Das Phänomen Putin liegt darin, dass seine Minderwertigkeits-Probleme gut zu denen seiner Bevölkerung passen. Auch die leidet noch unter dem Zusammenbruch der Sowjetunion.“
Es macht auf Grund dieses Satzes Sinn, die Kindheit von Putin und auch Kindheit in Russland allgemein (was ich noch gesondert darstellen werde) zusammen zu betrachten, denn Minderwertigkeitsgefühle entstehen vor allem durch destruktive Kindheitserfahrungen.

Über Putins Kindheit ist wenig bekannt. Es gibt Berichte, er sei gar nicht von seiner offiziell benannten Mutter geboren worden, die aktuell vor allem von dem Autor Stanislaw Belkowski (Buch „Wladimir - Die ganze Wahrheit über Putin“, Ende 2013 erschienen) aufgefrischt wurden.  „Schon die offizielle Version, dass Putin am 7. Oktober 1952 im heutigen Sankt Petersburg in die Familie eines Arbeiters geboren wurde, bezweifelt Belkowski. Putin sei vielmehr zwei Jahre früher in der Gegend von Perm auf die Welt gekommen, Vater Säufer und Mutter lieblos. Weil der neue Mann von Mutter Putin das Kind nicht gemocht habe, sei dieses schließlich bei einem Verwandten der Mutter im fernen Leningrad aufgewachsen.“ (Wiener Zeitung, 20.01.2014,  „Der ungeschminkte Putin“ ) Das Hamburger Abendblatt schrieb bereits am 17.08.2008 (unter dem Titel „Nazisymbole und Gerüchte um Putins Kindheitstrauma“) davon, dass sich eine Frau namens Vera Putina (über die sogar ein Wikipedia Artikel besteht) ) als Putins leibliche Mutter ausgibt. Der Stiefvater hätte Putin nicht anerkannt und viel geschlagen, weswegen sie ihn zu Verwandten gab.
Diese Version von Putins Kindheit scheint allerdings nicht eindeutig beweisbar zu sein. Allerdings zeigen auch die nachgewiesenen Details deutlich auf, dass Putin eine traurige Kindheit hatte. Seine offiziellen Leningrader Eltern waren psychisch schwer belastet. „Beide hatten die deutsche Belagerung Leningrads traumatisiert überlebt." (3Sat, 27.02.2012 „Putin ganz nah“)  Sein Vater hatte gegen die Deutschen gekämpft und  war Kriegsinvalide.
Putins Bruder überlebte die Leningrader Hungersnot nicht. (ZEIT-Online, 20.03.2014, „“Der Partisan“ (von Adam Soboczynski) ) Über seine Kindheit und Eltern sagte Putin wörtlich in der Doku „Ich, Putin“ von Hubert Seipel: „Ich kann nicht behaupten dass wir eine sehr emotionale Familie waren. Dass wir uns alle gegenseitig irgendetwas erzählten, uns austauschten. Nein. Jeder lebte irgendwie in sich selbst.“ (zitiert nach " 3Sat, 27.02.2012 „Putin ganz nah“) Das genannte Zitat wie auch weitere Aussagen von Putin für diese Doku sind auch online zu sehen. Putin verbrachte demnach seine Kindheit in armen Verhältnissen meist von Morgens bis Abends, manchmal auch bis in die Nacht im Hofgelände mit anderen Kindern seiner Umgebung, „dann kamen die Eltern nach Hause und riefen uns herein“. (Man fragt sich entsprechend, in wie weit die Eltern tagsüber überhaupt für ihn da waren?) Während dieser Zeit war Putin nach eigenen Worten ein „Schlägertyp“. (Handelsblatt, 02.03.2012, Wladimir Putin, der „starke Führer“, S. 2)
Ein Jugendfreund berichtet in der Doku, dass Putins Vater immer etwas an seinen Sohn auszusetzen hatte. Er sei eben ein echter Proletarier gewesen (dabei ballt der Jugendfreund die Faust). Putins Mutter sei dagegen „die Güte in Person“ gewesen deren Hauptziel war, bloß keine Konflikte zu haben. (der Jugendfreund hat die Hände dabei offen; Anmerkung: allerdings hat Putin in seinen oben zitierten Äußerungen seine Mutter nicht ausgeschlossen, als er von der sehr wenig emotionalen Familie berichtet). „Sein Vater war da schon ganz anders, Arbeiterklasse eben.“ (dabei ballt er wieder die Faust)
Was der Jugendfreund andeutet, beschreibt eine andere Quelle deutlicher. Putins Vater – der als streng und dominant beschrieben wird - schlug seinen Sohn mit einem Gürtel. (Ihanus, Juhani (2011). Putin and Medvedev: Double Leadership in Russia. In: The Journal of Psychohistory, Vol. 38, No. 3, S. 254) Ihanus berichtet zudem, dass Putin als Schüler auf Grund seiner körperlichen Statur gemobbt und verhöhnt wurde. (ebd., S. 255)

Montag, 3. März 2014

„Was, wenn es dein Kind gewesen wäre, Cate Blanchett?“

Was, wenn es dein Kind gewesen wäre, Cate Blanchett?“ schrieb Woody Allens Atoptivtochter Dylan Farrow u.a. in ihrem Offenen Brief in der New York Times, in dem sie den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater anklagt. (Ich hatte über ihre Missbrauchsvorwürfe gegen Allen bereits kurz berichtet.) Allen reagierte seinerseits mit einem Offenen Brief und stritt alle Vorwürfe ab.  Dylan sei von ihrer Mutter Mia Farrow dazu gebracht worden, ihn zu hassen.
Nun hat Cate Blanchett tatsächlich einen Oscar gewonnen, als beste Hauptdarstellerin in dem Woody Allen Film „Blue Jasmine“, der den sozialen und psychischen Abstieg einer gefallenen „High-Society-Dame“ nachzeichnet (Übrigens mal wieder ein Allen Film, der offenbar psychisch gestörte Menschen zum Inhalt hat, was Bände über Allen selbst spricht, wie ich finde.)
For so long, Woody Allen’s acceptance silenced me. It felt like a personal rebuke, like the awards and accolades were a way to tell me to shut up and go away.”, schrieb Dylan in ihrem Brief. Der Oscar für Cate Blanchett muss für sie ein weiterer großer Schlag gewesen sein. Ihr Brief vor der Oscarverleihung entstand wohl u.a. auch auf Grund der Hoffnung, dass Hollywood sich endlich positioniert und die Vorwürfe wegen Missbrauchs ernst nimmt. Es kam anders.
Cate Blanchett hätte bei der Verleihung zur echten Heldin werden können. Sie hätte den Brief von Dylan in ihrer Rede ansprechen und ihre Gefühle dazu ausführen können. Wenn ich mich in die Situation von Blanchett einfühle, dann bleibt als gesunde Reaktion auf einen Oscar eigentlich nur der Ausdruck des Unwohlseins damit, dem Misstrauen gegenüber Allen, Mitgefühl für Dylan und dem Gefühl, zukünftig nicht mehr mit Allen arbeiten zu wollen. Stattdessen kam eine sichtlich erfreute Blanchett, die Woody Allen dafür dankte, sie gecastet zu haben. Solche Abläufe machen mal wieder deutlich, wie ungemein tief die Identifikation mit Tätern geht.