Montag, 5. Januar 2015

Kindheiten von RAF-Terroristen

Nachträglicher Hinweis: Die Kindheiten von Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Inge Viett, Horst Mahler, Stefan Wisniewski, Peter-Jürgen Boock, Lutz Taufer und Astrid Proll habe ich  in meinem Buch besprochen und dabei Infos und Quellen eingebracht, die ich zum Zeitpunkt dieses Blogbeitrages noch nicht vorliegen hatte. Irgendwann werde ich auch den Blog bzw. diesen Beitrag hier dahingehend aktualisieren. 

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Gleich Anfang des Jahres 2015 hatte ich ein „Aha-Erlebnis“. Ich googelte etwas über die Kindheit von RAF Terroristen. U.a. auch über Peter-Jürgen Boock. Ich fand die Information, dass Boock im Alter von 16 Jahren von seinen Eltern in ein Kinderheim (zur damaligen Zeit sehr strenge und gewaltvolle Orte für Kinder, wie wir heute wissen)  gesperrt wurde. Das Schicksal wollte es, dass Boock gerade dort die RAF-Gründer Andreas Baader und Gudrun Ensslin kennenlernte (diese engagierten sich damals für Heimkinder) bzw. diese ihn quasi aus dem Heim heraus rekrutierten. Er habe Baader geliebt, gestand Boock in einem Interview. „Da gab es einen Grad von Verlässlichkeit, wie er mir vorher in meinem Leben nicht begegnet war.“ (Kölner Stadtanzeiger, 23.04.2007, „ Boock hat nicht den besten Leumund“)
Während ich nach weiteren Informationen über Boocks Kindheit suchte (und keine fand) stieß ich - zu meinem eigenen Erstaunen - auf meinen Blog. Und zwar auf mein Nachwort zum „Grundlagentext“, in dem ich 2008 folgendes geschrieben hatte:
Am 18.10.07 gab es auf dem Sender N-TV eine Dokumentation über den „Terror der RAF“, in der auch der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock interviewt wurde. Er sagte dort aus, dass der Moment der Schleyer Entführung (damals kamen während der Entführung auch Begleiter von Schleyer ums Leben; Schleyer selbst wurde später umgebracht) und nachdem alles so „glatt gelaufen“ wäre, er sich so lebendig gefühlt habe, wie nie zuvor in seinem Leben. Wenn sich ein Mensch nur mit Hilfe von Terror „lebendig“ fühlen kann, dann sagt das viel über tiefere, emotionale Ursachen seiner Taten aus, die im Kern nichts mit politischen Zielen oder der Zeit usw. zu tun haben, wie ich meine.“
Ich hatte diese Textstelle glatt vergessen...
Nachträglich geben mir die o.g. Informationen über die Heimunterbringung von Boock Recht bzgl. meiner Gedanken aus dem Jahr 2008. Über Boocks Eltern habe ich noch nichts gefunden. Aber: Welche Eltern geben ihr Kind in ein Heim? Es muss eine Menge Destruktivität im Hause Boock geherrscht haben. So viel Destruktivität, dass sich der später Erwachsene lebendig fühlte, als ein anderer Mensch litt.

Der RAF Terrorist Stefan Wisniewski wurde ebenfalls von seinen Eltern als Jugendlicher in ein Heim gegeben. Siebenmal flüchtete er innerhalb eines Jahres, wurde aber immer wieder von der Polizei zurückgebracht. (SPIEGEL-Online, 23.04.2007, „Stefan Wisniewski: Wie aus einem Provinzler die Furie der RAF wurde“)
Ich habe mich bisher nur häppchenweise mit den Kindheiten von RAF-Terroristen befasst. In meinem Blog gibt es bisher nur einen Beitrag über die Kindheit von Inge Viett, die ebenfalls in einem Kinderheim und zwischenzeitlich auch bei Pflegeeltern lebte.

Bzgl. Ulrike Meinhof ist mir bisher nur die wichtige Info bekannt, dass ihr Vater starb, als sie fünf Jahre alt war. Sie ist vierzehn, da stirbt ihre Mutter an Krebs. Dies an sich spricht für eine sehr traumatische Kindheit. (Zudem war sie - Jahrgang 1934 - ein Kriegskind) Ich bin aber davon überzeugt, dass es noch mehr braucht, um zum Terroristen zu werden. Wie war der Umgang der Eltern (zu deren Lebzeiten) mit ihr? Gab es Vernachlässigungs- und Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit?

Über Andreas Baader fand ich im Internet in diversen Quellen bisher nur die Info, dass er seinen Vater nie kennengelernt hat, da dieser verstarb. Er wuchs in einem Haushalt mit Mutter, Tante und Großmutter auf und soll verwöhnt worden sein. Ich zitiere nicht gerne Diplomarbeiten, aber in folgender fand ich die Info, dass er auch längere Zeit von seiner Mutter getrennt war. Die Mutter ließ Andreas nach Kriegsende bei seiner Großmutter in Thüringen und versuchte in München Geld für die Familie zu verdienen. Erst 1949 - Andreas war sechs Jahre alt - zog die Familie gemeinsam nach München und Mutter und Sohn lebten - nach Jahren der Trennung - wieder zusammen. (vgl. Hofböck, Carina (2010): Die Berichterstattung über die RAF-TerroristInnen in den österreichischen Printmedien. Uni Wien, Diplomarbeit, S. 36) Seine Großmutter muss irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts geboren worden sein. Was für einen Erziehungsstil hat sie wohl gegenüber dem Kleinkind Andreas gelebt, als sie mit diesem alleine war? Viele Fragen bleiben offen.

Es gibt mittlerweile etliche Bücher, vor allem auch Autobiografien der Terroristen selbst, über die RAF. Mir scheint, dass man in den Kindheiten dieser Leute viele Brüche finden kann. Außerdem sprechen alleine ihre Geburtsjahrgänge rein statistisch dafür, dass sie elterliche Gewalt erlebt haben.

Sofern es meine Zeit zukünftig zuläßt, werde ich ausführlich über einzelne Terroristen recherchieren und dies hier im Blog zusammentragen. Sofern die Leserschaft hier schon ergänzende Hinweise hat, bitte, ich freue mich auf Kommentare.

Montag, 22. Dezember 2014

IS-Terroristen: "Biografien der Vorhölle"

DER SPIEGEL hat in seiner Ausgabe Nr 49/2014 (vom 01.12.2014) unter dem Titel „Biografien der Vorhölle“ ein Interview mit dem Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Andreas Krüger veröffentlicht. Das Interview war äußerst erstaunlich. Erstaunlich gut. Ich kann mich im Grunde nicht wirklich erinnern, wann ich zuletzt ein so klares Statement bzgl. den Ursachen von Gewalt in einem großen deutschen Blatt gelesen habe. Noch dazu bzgl. „politischer Gewalt“, denn Krüger bezieht sich im Interview auf den Terror durch IS-Kämpfer.
Er sagte u.a. folgenden für mich bedeutsamen Satz: "Die dauerhafte Erfahrung von traumatischer Ohnmacht ist letztlich die Essenz, aus der heraus es einem Menschen erst möglich wird, sadistisch gewalttätig zu werden." Der Psychiater spricht davon, dass Kinder von Natur aus die Anlage haben, Empathie und Mitleid zu entwickeln. Dieses "natürliche Programm" käme aber zum Erliegen, wenn das Leben von Kindern (und deren wichtige Beziehungen) unerträglich ist und schwer beschädigt wird. Bzgl. den IS-Kämpfern und deren Gewaltverhalten meint er, dass i.d.R. dahinter eine "frühe, hochkomplexe Traumatisierung" stecke: "Misshandlungen, Vernachlässigung, Demütigungen, Ausgrenzung - in der Familie, der Schule, der Peergroup, einem ganzen Land." Die Erfahrungen, Konflikte friedlich zu lösen, würden schlicht fehlen.

Und jetzt mein Weihnachtswunsch für dieses und die kommenden Jahr(e): Große Medien wie der SPIEGEL sollten solche Ansätze wie genannt einmal mit ausführlichen Recherchen ergänzen. Zahlen zum Ausmaß der Gewalt gegen Kinder in Kriegsgebieten und gescheiterten Staaten, Interview mit Arno Gruen, Studien bzgl. der Kindheiten von Terroristen und Gewalttätern, bis hin zu den Kindheiten der NS-Generation.  Daraus ließe sich ein mehrseitiges Titelthema gestalten und ich bin sicher: Dann wäre aber was los hier im Land!

Montag, 1. Dezember 2014

Forschungsprojekt im Libanon: Islamistische Terroristen hatten furchtbare Kindheiten

Die beiden Schwestern Nancy und Maya Yamout haben im Roumieh-Gefängnis von Beirut 20 verurteilte Terroristen (darunter auch Mitglieder der IS, Nusra-Front und der syrischen Qaida) innerhalb von zwei Jahren interviewt, um herauszubekommen, warum sie sich radikalisierten.

Auffällige Gemeinsamkeiten der Terroristen waren:

- Keiner kannte sich mit Religion aus. Sie hatten oberflächliche Kenntnisse über den Islam.

- „Große Ähnlichkeit gab es bei den Kindheitsgeschichten. Keiner der 20 Terroristen kam aus einem normalen Elternhaus. Ihre Väter prügelten, demütigten und instrumentalisierten sie. Der Vater eines Terroristen drückte Zigaretten auf seinem Sohn aus. Die kreisrunden Narben auf dem Arm des Häftlings zeugen immer noch davon. Ein anderer Vater war Kämpfer im libanesischen Bürgerkrieg. Für seine Kinder war er nicht da. Die mussten schon als Achtjährige mithelfen - Waffen reinigen und Leichenteile einsammeln. (…) In Terrorgruppen fanden die verstörten Jugendlichen und jungen Männer ein neues Zuhause.“ (Spiegel-Online, 01.12.2014, "Interviewreihe mit Dschihadisten: Besuch im Terroristenknast" (von Raniah Salloum) )



(Die Ergebnisse von diesem Projekt gleichen denen der BKA-Studie "Die Sicht der Anderen".)

Samstag, 29. November 2014

Kindheit von André Stern. Oder: Der fehlende Schulbesuch war nicht der bedeutendste Faktor

Ich bin schon mal auf André Stern und dessen Kindheit durch Blogleser aufmerksam gemacht worden. Zudem tauchen Hinweise auf ihn und seine Kindheit auch hin und wieder in Onlinediskussionen bzw. Kommentaren von Medienartikeln  auf, die ich hier und da verfolgt habe.

Ich habe mir dann Vorträge von André Stern - er spricht auch deutsch - online (u.a. auch auf seiner Homepage) angeschaut, um ein genaueres Bild zu bekommen. Und jetzt habe ich auch das Buch „Mein Vater mein Freund“ (Meine Ausgabe 2014, veröffentlicht im Verlag Zabert Sandmann), das André zusammen mit seinem Vater Arno Stern geschrieben hat, durchgesehen.

André Stern scheint für viele Menschen und auch Medien vor allem  interessant zu sein, weil er als Kind nie zur Schule ging und offensichtlich trotzdem ein sehr intelligenter, kreativer, selbstbewusster, konstruktiver und vielseitiger Mensch geworden ist. (In Frankreich gibt es keine Schulpflicht und André blieb zu Hause bei den Eltern und empfindet dies als reines Glück.) Wobei Viele, die ihn interviewen oder gar von ihm schwärmen Tendenzen in die Richtung zeigen, dass André sich gerade weil er nicht zur Schule ging besonders gut entwickeln konnte.
Für mich persönlich ist die Tatsache, dass André nie zur Schule gegangen ist (und durch die er öffentlich bekannt wurde), nicht der wesentliche Punkt, warum ich mich für seine Biografie interessiere. Noch neugieriger war ich auf den Umgang der Eltern mit ihm. Denn André wirkt auf mich derart lebensbejahend, ungefährlich und wach, dass rein die Tatsache, dass er nie zur Schule ging, da meiner Auffassung nach nicht der entscheidende Punkt war. Liesst man das o.g. Buch, bestätigt sich schnell, dass André in keiner gewöhnlichen Familie aufgewachsen ist.
Der Vater, Arno Stern, ist Forscher, Künstler und Pädagoge und die ganze Familie scheint in einem sehr kreativen, intellektuellen Milieu gelebt zu haben. Zudem scheinen die finanziellen Mittel derart aufgestellt gewesen zu sein, dass die Eltern im Prinzip Leben und Arbeit verbinden konnten und somit für ihre Kinder beständig zu Hause da sein konnten. Leben, Arbeit und Freizeit waren eins, so ähnlich hat André das auch einmal bzgl. seines jetzigen Lebens ausgedrückt.
Insofern halte ich André Stern nicht für ein gutes Beispiel dafür, wie gut es Kindern tun könnte, nicht zur Schule zu gehen. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland wie auch in Frankreich hat alleine schon was die berufliche und finanzielle Situation angeht überhaupt nicht die Voraussetzungen, Kindern die Aufmerksamkeit, Zeit und Unterstützung zukommen zu lassen, die sie bräuchten, wenn sie nicht zur Schule gehen würden. Zudem scheinen die Eltern von André auch von ihrer Persönlichkeit (Intellekt, Empathie, Kreativität) her über Ressourcen zu verfügen, die nicht dem Schnitt entsprechen. Und sie verfügten über ein kreatives, zugewandtes Umfeld. Ein Auszug aus dem Buch: „Wir waren sehr viel unterwegs, oft mit Papa und/oder Maman, oft mit Freunden oder Familienmitgliedern, die vorbeikamen und sagten: Ich geh zu einer Ausstellung oder ins Theater oder ins Kino oder zu einer Lesung, soll ich die Kinder oder eines der Kinder mitnehmen? Und schon sehr früh haben wir angefangen, Kurse zu besuchen, die natürlich weder mit den Eltern noch zu Hause stattfanden.“ (S. 133) André  bechrieb in einem Interview, was für Kurse er im Alter von 12 Jahren innerhalb einer typischen Woche besuchte. „im Malort malen, Kurse in den verschiedensten Bereichen; 2 x 3 Stunden Metalltreiben, 4 Stunden Fotografie (Technik, Labor), 2 x 2 Stunden Tanz, 2 Stunden Kampfsport (Kalarripayat), weitere Kurse in Textilkunst, Töpferei, Algebra; Lesungen im Collège de France über Ägyptologie, Mittelalter und Soziologie – und vieles mehr.“  Das ganze ohne jeden Leistungsdrang oder Stress, sondern vor allem auch auf Grund eigener Begeisterung. Ein solches Programm muss sich eine Familie erst einmal leisten können.

Ich glaube André aufs Wort, dass er eine glückliche Kindheit hatte und in einem enorm anregenden Umfeld aufgewachsen ist. Aber es wird für mich ganz klar deutlich, dass die Abwesenheit von Schule nicht DIE Voraussetzung für die gute und besonders kreative Entwicklung eines Menschen ist, weil die Sterns nun einem außergewöhnlich waren. Ich persönlich glaube eher daran, dass sich in Zukunft die Schule immer mehr verändern und den Bedürfnissen von Kindern anpassen wird. Schon heute erlebe ich durch den Schulbesuch meines Sohnes, dass Schule ganz anders und viel besser ist, als ich sie bei meinem Schuleintritt Anfang der 80er Jahre erlebt habe. Aber das nur nebenbei.  

Ich möchte jetzt noch einiges aus dem o.g. Buch zusammenfassen:

André betont, dass es zu Hause bei ihm Regeln gab und diese nicht im Widerspruch zu einem Leben in Freiheit standen. „Das Gefühl der Sicherheit wurzelte in diesem Gerüst und in dem totalen Vertrauen, das wir in unsere Eltern hatten. Sie versuchten nie, uns zu überlisten oder uns etwas vorzumachen. Sie feilschten nicht. Wenn einer Nein sagte, wussten wir, dass es einen guten Grund dafür gab, selbst wenn er für uns vielleicht nicht auf Anhieb deutlich war. Ein Nein bewirkte keine Tränen und kein Toben, und unser Gehorsam war kein Akt der Unterwerfung, sondern eine natürliche Folge unseres großen, gegenseitigen Vertrauens.“ (S. 133)
Er spricht bzgl. seines Sohnes von einem Familiengefühl bestehend aus „Verbindung, Geborgenheit, Sicherheit und Freiheit“ (S. 138) und bringt damit offensichtlich das zum Ausdruck, was er selbst als Kind erlebt hat. An anderer Stelle schreibt er, dass er mit seinem Vater in "Liebe, Vertrauen und Aufmerksamkeit" (S. 119) zusammenlebe, bis heute. Und: "Vertrauen, Offenheit, Respekt, Kreativität, Miteinanderleben, Bereicherung durch Verschiedenartigkeit; das sind Dinge, die mein Vater mir vorgelebt hat." (S. 120) André schreibt auch, dass er - wenn er nicht mit seinem Vater zusammen ist - fast immer täglich mit ihm telefoniere. (S. 130) Bis heute lebt der Vater total mit seinem Sohn und interessiert sich für dessen Erlebnisse und Gedanken. .
Interessant ist auch, das bei den Sterns klassische Geschlechterrollen nicht existierten oder anders besetzt waren: „Und auch die übliche Unterteilung zwischen „männlich“ und „weiblich“ gehörte nicht zu den Paradigmen, unter denen ich aufgewachsen bin. Mein Vater war keine Versorgungsstelle für männliche Verhaltensmuster, Virilität oder Autorität, er war kein Bestrafer, kein Konfliktpartner und kein Gegenpol zu meiner Mutter, sondern genau wie sie ein unentbehrlicher Teil unserer Konstellation: Ich kann mir bis heute meinen Vater nicht ohne meine Mutter vorstellen.“ (S. 143)

Wichtig finde ich auch die Info, dass Arno Stern "ein glücklicher Sohn" (S. 113) war und seinen Vater (Andrés Großvater) offensichtlich sehr positiv erlebt hat. Hier zeigt sich die starke Wirkung der Evolution von Kindheit und wie positive Erfahrungen weitergegeben und natürlich auch weiter entwickelt und verbessert werden.

Ich möchte mich jetzt nicht in weitere Details verlieren. Es dürfte, denke ich, deutlich geworden sein, dass André Stern in einem liebevollen, sehr bindungsstarken Elternhaus aufgewachsen ist und alles darauf angelegt war, dass er sich so entwickeln konnte, wie er es wollte und wie es seiner Persönlichkeit entsprach. Und ich denke, dass dieser Mensch und seine Kindheit sehr gut in meine Reihe von Beispielen für positive Kindheiten passt.

Wie würde die Welt nur aussehen, wenn die Mehrheit der Kinder auf der Welt ähnlich engagierte und positive Eltern hätten; ähnlich auch wie die von Astrid Lindgren, die von den Geschwister Scholl oder von Reinhard Mey? Dabei sollen alle Eltern in ihrer Einzigartigkeit und ihrer Verschiedenartigkeit stehen, natürlich. Aber dieses Grundgerüst: Echte Geborgenheit, bedingungslose Liebe, starke Bindung, Freiheit und niemals Gewalt, wenn dies die Mehrheit der Eltern erfüllte (und eines Tages wird dies so weit sein) wird die Menscheit Sprünge in ihrer Entwicklung erleben, die heute noch kaum vorstellbar sind.

Donnerstag, 27. November 2014

Je grausamer die Taten, desto deutlicher werden ihre Ursachen

Ich habe momentan etwas wenig Zeit, um „Zwischengedanken“ in Textbeiträge umzusetzen. Für diesen Zwischengedanken nehme ich mir jetzt aber doch die Zeit.

Gestern hörte ich auf NDR Info einen Sendebeitrag anlässlich der Verleihung des Sacharow-Preises an den Arzt Denis Mukwege, der sich seit Jahren um Opfer von Vergewaltigungen im Kongo kümmert.
In dem Beitrag berichtete eine Frau aus dem Kongo von einer erlebten Vergewaltigung (wobei diesen Wort nicht ausreicht, um das zu beschreiben, was ihr angetan worden ist.). Die Frau wurde an ein Kreuz auf einem Platz gefesselt, die Beine gespreizt. Eine Menge von Menschen (wohl auch Frauen) tanzte um dieses Kreuz herum, jubelte, schrie. Währenddessen wurde sie immer wieder von diversen Männern, die gerade wollten, vergewaltigt…

Ich habe schon bei dem Thema Kindesmisshandlung lernen müssen, dass es im Grunde keine Grenze der Gewalt gibt. Immer wieder stieß ich in der Vergangenheit auf Berichte, die mich absolut fassungslos machten, weil sie alles übertrafen, was ich zuvor über Kindesmisshandlung gehört und gelesen hatte. Die o.g. Gewaltszene zwischen Erwachsenen gehört für mich zu einer Kategorie von extremer Gewalt, die im Grunde unvorstellbar ist. Unvorstellbar für Menschen, die etwas fühlen.

Trotzdem mich solche Berichte sehr erschüttern, gleichzeitig lassen sie mich nicht ohne ein Verstehen zurück (Verstehen heißt niemals entschuldigen). Und mein Verstehen steigt im Grunde mit der Steigerung von Taten und Grausamkeiten an, auch wenn es vielleicht für manchen ungewöhnlich klingt, so etwas zu lesen, weil die routinemäßige Reaktion stets ein großes Fragezeichen ist. Je grausamer menschliche Taten sind, desto deutlicher wird für mich, warum sie stattfinden können.

Nur Menschen, die innerlich absolut tot sind, können so handeln, wie die Täter in der o.g. Vergewaltigungsszene. Und jede weitere Tat mehr, entfernt sie mehr von dem, was wir „Leben“ nennen. Sie werden durch ihre weiteren Taten letztlich zu innerlichen „Superzombies“, die erst im körperlichen Tod Erlösung finden.  Das bedeutet nicht, dass diese Täter nicht wie Menschen wirken können, am Imbiss etwas essen gehen, sich unterhalten, Karten spielen, einem Kind über den Kopf streicheln, über einen Witz lachen usw. Aber eines ist klar: Solche Täter fühlen gar nichts mehr, auch in ihrem privaten Leben, in Gesprächen, letztlich in jeder Sekunde ihres Lebens. Sie sind innerlich absolut kalt und erleben somit bereits die Hölle auf Erden.

In dem o.g. Bericht war die Rede von Vergewaltigungen als Kriegswaffe und dem Zugang zu Rohstoffen im Kongo. Ich glaube mittlerweile, dass eines der Grundprobleme bzgl. des Verstehens/ dem Erklären von grausamer Gewalt ist, dass viele Menschen wirklich glauben, grausame Gewalt gehöre zum angeborenen Verhaltensrepertoire von Menschen und nur die äußeren Umstände müssten entsprechend eingestellt sein, um solche Gewaltexzesse möglich zu machen...
Solchen Berichten wie o.g. gehört dagegen meiner Ansicht nach routinemäßig angehängt: Solche Täter fühlen nichts mehr, sie sind innerlich gestorben, sonst wären ihre Taten nicht möglich. Und wenn dies einmal verstanden würde, müsste die nächste Frage lauten: Ja und wie kam es denn, dass diese Menschen innerlich verstorben sind, was hat sie „getötet“? Und erst wenn diese Frage umfassend beantwortet ist, stößt man auf die eigentlichen Ursachen der Gewaltexzesse.

Warum befragen Forscher und Journalisten nicht Täter wie die aus der o.g. Szene konkreter? Die gesamte Kindheit müsste abgefragt werden; kümmerte sich jemand um das Kind, welche Gewalterfahrungen gab es, wie oft kam Gewalt vor und in welcher Form, durch welche TäterInnen? Gab es ergänzend traumatische Kriegserfahrungen, existenzielle, extreme Erfahrungen von Hunger und Elend? Wurden Menschen, vielleicht Angehörige vor den Augen des Kindes getötet? Wurde evtl. das Kind/der Jugendliche gezwungen, Anderen Gewalt anzutun usw. ? Würden diese Fragen umfassend beantwortet werden können (sofern sich die Täter konkret erinnern), würde sich auch das „Verstehen“ einstellen. Den LeserInnen dieses Blogs dürfte klar sein, von welcher Art Antwort ich ausgehe: Dem genauen Gegenteil von einem geborgenen, glücklichen Aufwachsen, sondern eher von Grausamkeiten, die jenen ähnlich sind, welche die erwachsenen Täter selbst verübten.
Kürzlich las ich aus Interesse den Wikipediabeitrag über  den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace. In dem Beitrag wird auch die Hinrichtung (am 23.08.1305)  wegen Verrats am König besprochen.  Ich zitiere wie folgt. „An ein Pferd angebunden musste er mehrere Stunden lang nackt durch die Straßen Londons laufen, während die Bewohner ihn mit Steinen bewarfen. Anschließend wurde Wallace zuerst fast bis zum Tode gehängt, dann noch lebend kastriert und ausgeweidet – die entfernten Körperteile und Innereien wurden vor den Augen des Verurteilten und der Zuschauer verbrannt (…).“
Vor noch längerer Zeit las ich, wie es u.a. „römische Art“ war, Gefangene hinzurichten. Der Kopf des Gefangenen wurde zwischen zwei Balken gesperrt, der Körper dann so lange ausgepeitscht, bis der Gefangene tot war. Dies tat man u.a. gerne vor den Augen von Führern unterworfener Völker.

Gewaltexzesse wie heute im Kongo waren in historischen Zeiten „normal“. Steven Pinker hat darüber ausführlich in seinem Buch „Eine neue Geschichte der Menschheit“ berichtet. Ein Beispiel aus Pinkers Buch blieb mir in Erinnerung. Ein historischer Fund von einem Folterwerkzeug zeugte von der möglichen Grausamkeit. Ein metallener Ochse wurde gefunden, in dem Menschen lebendig verbrannt worden waren. Zur Belustigung der Anwesenden kamen die Schreie dann aus dem Mund des Ochsen.

Diese drei Beispiele geben - in unserer heutigen Wortwahl -die Möglichkeiten institutioneller Gewalt wieder. Von den Regierenden gewünscht und verordnet, als normale Praxis gewollt, zur Belustigung und Erheiterung, zur Abschreckung, sicher, aber letztlich immer auch um kurz etwas zu fühlen. Denn nur „innerliche Zombies“ fühlen kurz etwas, wenn andere Menschen gequält werden. Und nur Menschen die innerlich tot sind, können solche Taten - wie schon gesagt - vollbringen. Wie innerlich tot waren denn nun also unsere Vorfahren?
Wenn man sich die Erkenntnisse der Psychohistorie anschaut, dann müssen breite Schichten der Bevölkerung in historischen Zeiten innerlich tot gewesen sein; einfach, weil sie von Geburt an ständig Gewalt und Ablehnung ausgesetzt waren. So etwas überleben die meisten Menschen nicht, zumindest nicht in ihrem Inneren. (Heute gibt es da schon andere Möglichkeiten und andere Hilfsangebote für Menschen, die grausames als Kind durchmachen mussten. Aber früher?)

Um diesen Zwischengedanken zum Thema ein Schlusswort zu geben. Wer grausame Taten verstehen will, muss sich mit den Ursachen des innerlichen, emotionalen Absterbens von Tätern befassen. Dann kann auch präventiv besser gehandelt werden. Wer sich nicht mit dem Fühlen und Nicht-Fühlen befasst, muss zwangsläufig blind bzgl. den eigentlichen Ursachen bleiben und wird stets mit einem großen Fragezeichen vor den Dingen stehen.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Vater von Malala Yousafzai: "Ich habe ihre Flügel nicht abgeschnitten."

Gestern sah ich online die Sendung von Markus Lanz vom 08.10.2014. In der Sendung wurde ein aufgezeichnetes Gespräch mit  Malala Yousafzai und ihren Vater gezeigt. Lanz hat sich leider in dem Gespräch weitgehend mehr für das Attentat auf Malala interessiert, als für andere wichtige Dinge... Die Sendung ergab allerding trotzdem einen wichtigen Höhepunkt!
Nachdem (um die 20. Minute herum) in dem Gespräch kurz auf die extrem schwierige Situation von Frauen und Mädchen in Pakistan eingegangen wurde, sagte der Vater von Malala folgende zentralen Sätze:  
Viele Menschen fragen mich, wie hast Du Deine Tochter erzogen? Was Besonderes hast Du mit Deiner Tochter gemacht? Und dann sage ich immer, die sollten mich fragen, was ich nicht getan habe. Ich habe gar nichts Besonderes gemacht. Das Einzige, was ich nicht getan habe, ist, dass ich sie nicht gestutzt habe, nicht eingesperrt habe. Ich habe ihre Flügel nicht abgeschnitten. Der Himmel ist die Grenze und sie darf fliegen, sie soll fliegen, bis zu den Sternen, wenn sie möchte. Aber nur sie darf das und soll das entscheiden.„ Diese Worte bekommen ihr Gewicht ergänzend auch, wenn mann darum weiß, wie Väter und Männer in Pakistan im Allgemeinen mit Frauen und Mädchen umgehen.

Ergänzend bietet die Biografie (Yousafzai, M. / Lamb, C. (2013). Ich bin Malala: Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft. München: Droemer Verlag.) von Malala Einblicke in diese außergewöhnliche Familie. Ihr Vater war bei ihrer Geburt – entgegen der Tradition in seinem Umfeld -  glücklich über die Geburt seiner Tochter. (Yousafzai / Lamb 2013, S. 19+20) Ihre Eltern bekamen insgesamt drei Kinder, auch dies war ungewöhnlich, wie Malala berichtet. In ihrem Umfeld bekamen die meisten Familien zwischen 7 und 8 Kinder. (ebd., S. 28) (Entsprechend waren vermutlich wohl auch mehr Kapazitäten da, um diese Kinder zu versorgen und ihnen Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.)
Auch das Verhältnis zwischen Vater und Mutter war außergewöhnlich. Der Vater besprach alles mit seiner Frau, auch Probleme. „Die meisten Paschtunen tun so etwas nie, denn es gilt als Schwäche, Probleme mit seiner Frau zu besprechen.“ (ebd., S. 30)
Und Malala ergänzt: „(…) ich sehe, dass meine Eltern glücklich sind und viel lachen. Die Menschen, die uns kennen, meinen, wir seien eine nette Familie.“ (ebd.)
Der Vater hat offensichtlich ein sehr modernes Frauenbild, dass komplett entgegen den Traditionen steht. Malala hat nach eigenen Aussagen im Buch schon sehr früh beschlossen, nicht den traditionellen Weg für Mädchen/Frauen zu gehen, der ihre Bindung an Haus, männliche Verwandte und Kinder vorsieht und nur Jungen/Männern alle Freiheiten lässt. Dazu zitiert sie ihren Vater: „Malala wird frei wie ein Vogel sein.“ (ebd., S. 34)
Allerdings war auch in Malalas Familie hauptsächlich die Mutter für die Kindererziehung zuständig, während der Vater oft abwesend war. (ebd., S. 31)
Insgesamt betrachtet ist der politische, freiheitliche Weg von Malala kein Zufall. Er begründet sich aus den liberalen Erziehungsansichten und Menschenbildern in ihrer Familie.
Malala Yousafzai  wird oft mit einem Satz aus ihrer Rede vor der UN zitiert: „Ein Kind, eine Lehrkraft, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern.“ Der Satz ist richtig und wichtig. Nachdem ich die Sendung von Lanz gesehen habe, muss man die Dinge zusammenfügen. Ihr berühmter Satz müsste – gerade auf Grund ihres eigenen familiären Hintergrundes – ergänzt werden um den Satz: „Eltern, die ihren Kindern nicht die Flügel stutzen, können die Welt verändern.“

(In Pakistan ist es übrigens legal, Kinder in den Familien und auch in der Schule zu schlagen. Einzelne Studien zeigen, dass die große Mehrheit der Kinder vor Ort von Gewalt betroffen ist. Siehe dazu u.a. hier

Samstag, 27. September 2014

Das Märchen von der schlechten Kindheit in Deutschland

Heute habe ich mit Freude einen Artikel entdeckt, der mir aus dem Herzen spricht: "Wir sind keine Sorgenkinder!", ZEIT-Online, 26.09.2014. Wider der öffentlichen Wahrnehmung wird endlich mal umfassend auf die sehr positiven Entwicklungen von Kindheit in Deutschland hingewiesen. Das Buch "Die Modernisierung der Seele", das diesem Artikel u.a. zu Grunde liegt, ist ganz oben auf meiner Wunschliste von zu lesenden Büchern. Ich will aus dem Artikel gar nicht zitieren. Mensch lese ihn einfach selbst. Nur soviel: Alle Pessimisten und Kritiker von Kindheit in Deutschland stehen auf sehr dünnem Eis, denn nie zuvor war Kindheit besser, glücklicher und gewaltloser als heute.

Freitag, 19. September 2014

Breiviks Vater veröffentlicht ein Buch

Breiviks Vater hat ein Buch veröffentlicht (übersetzter Titel "Meine Schuld? Die Geschichte eines Vaters") und seine Sicht auf die Dinge geschildert. In den (Online-)Medien wurde das Buch hier und da erwähnt. Am ausführlichsten war wohl ein Bericht bei Welt-Online ("Breiviks Vater bricht sein Schweigen").
An Hand des Berichtes zeichnet sich ab, dass Breiviks Vater bestätigt, was Aage Borchgrevink in seinem Buch ausgeführt hat. "Das war ganz neu für mich. Ich konnte nicht glauben, was da stand.", wird der Vater zitiert, als er von dem psychiatrischen Gutachten erfuhr (siehe Hintergründe in dem vorgenannten Link) Der 79-jährige Ex-Diplomat berichtet, laut Welt-Online, in dem Buch "vor allem aus einem dysfunktionalen Familienleben, das seinen Sohn prägte."

Ich habe heute auch ein Interview mit Aage Borchgrevink gefunden, in dem er in etwas mehr als 5 Minuten die Dinge klar und rational (und dabei auch emotional anwesend und klar) auf den Punkt bringt. Ich finde die Art und Weise wie der Autor die Dinge so klar und kurz beschreibt sehr eindrucksvoll. Letztlich ist es eben ein ganz logischer und rationaler Prozess, die Ursachen von Terror von Anfang an zu denken. Und am Anfang war nun einmal Erziehung/Kindheit. Das Interview steht bereits seit Ende 2013 online und ist bisher keine 900 mal angeklickt worden. Dass diese Kindheits-Hintergründe so wenig Beachtung finden, ist tragisch und fahrlässig zu gleich...