Montag, 15. Juni 2020

Das Leben in traditionellen Gesellschaften nach Jared Diamond


Selten habe ich ein Sachbuch gelesen, das mich derart gefesselt hat:
Vermächtnis. Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können von Jared Diamond (2013 im Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main erschienen)

Ich kann nicht das ganze Buch besprechen, sondern möchte vielmehr die Stücke herausstellen, die sowohl meine Thesen und Recherchen, die ich in meinem Buch bezogen auf traditionelle Gesellschaften ausgeführt habe, stützen, als auch die Stellen, die ich bisher nicht besprochen habe.

Mit den Begriffen „traditionelle Gesellschaften“ meint Diamond „Gesellschaften aus Vergangenheit und Gegenwart mit geringer Bevölkerungsdichte und kleinen Gruppen, die aus einigen Dutzend bis wenigen tausend Menschen bestehen. Sie leben vom Jagen und Sammeln oder von Ackerbau oder Viehzucht und haben sich nur in begrenztem Umfang durch den Kontakt mit großen, vom Westen beeinflussten Industriegesellschaften gewandelt“ (S. 17).
    Damit hat er eine relativ große Bandbreite im Blick. Was ich sehr interessant fand, ist seine Vorstellung davon, dass die „traditionelle Lebensweise“ im Grunde noch bis Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts im dörflichen Leben auch im Westen nicht ganz verschwunden war, sondern in wesentlichen Teilen z.B. der Welt entsprach, die Diamond bei seinen Expeditionen im traditionellen Neuguinea fand: „Jeder kannte im Dorf jeden, jeder wusste, was jeder andere tat, und äußerte seine Meinung darüber, die Menschen heirateten Partner, die nur wenige Kilometer entfernt geboren waren, und sie verbrachten mit Ausnahme der jungen Männer, die während der Weltkriegsjahre abwesend waren, ihr ganzes Leben im Dorf oder in seiner Nähe; Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Dorfes mussten so beigelegt werden, dass Beziehungen wieder hergestellt oder erträglich gemacht wurden, denn man musste für sein ganzes weiteres Leben in der Nähe der betreffenden Person wohnen. Mit anderen Worten: Die Welt von gestern wurde nicht ausgelöscht und durch die neue, moderne Welt ersetzt, sondern vieles von gestern ist uns bis heute erhalten geblieben. Das ist ein weiterer Grund, warum wir die Welt von gestern verstehen wollen“ (S. 18f.)

In dem Kapitel „Es gab kein Paradies! Gewalt in vorzivilisatorischen Gesellschaften“ in meinem Buch bin ich auf das hohe Ausmaß von Gewalt als solches in traditionellen (Stammes-)Gesellschaften sowie auf Gewalt oder Gewaltformen gegen Kinder eingegangen. Außerdem habe ich quellenbasiert die positive Verklärung der alten Lebensweise kritisiert. Auch Jared Diamond bestätigt dieses Bild. Auch er rät davon ab, in ein Extrem zu verfallen und traditionelle Gesellschaften romantisch zu verklären: „Viele traditionelle Praktiken sind so, dass wir uns glücklich schätzen können, sie aufgegeben zu haben – dazu gehören Säuglingsmord, die Aussetzung oder Tötung älterer Menschen, immer wiederkehrende Hungergefahr, ein erhöhtes Risiko für Umweltgefahren und Infektionskrankheiten, aber auch die Aussicht, die eigenen Kinder sterben zu sehen und in ständiger Angst vor Angriffen zu leben“ (S. 20).
    Im traditionellen Leben gab es häufig einander ausschließende Territorien. Mitglieder anderer Gruppen oder Stämme, die diese Territorien betraten, mussten damit rechnen, getötet zu werden (S. 56f., 65). Die Menschen teilten andere Menschen in drei Kategorien ein: Freunde, Feinde und Fremde (S. 64f.) Wobei „Fremde“ jederzeit sehr schnell zu „Feinden“ erklärt werden konnten. (Dies hat übrigens selbst die traditionelle Völker stark idealisierende Jean Lindhoff - „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ - in ähnlicher Weise festgestellt, die an einer Stelle ihres Buches schildert, dass sie von den Yequanas meist als „Nicht-Mensch“ behandelt wurde, „dem man nicht dieselbe Achtung entgegenzubringen braucht wie einem wirklichen Menschen (einem Yequana) und von dem man auch nicht die Erwartung hegt, dass er sich wie ein solcher benehme.“ Die Einteilung war hier also noch einfacher: „Mensch“ und „Nicht-Mensch“. Oder wie Diamond es bzgl. eines kriegerischen Konfliktes in Neuguinea an Hand der Aussage eines Mannes vor Ort beschreibt: „Diese Leute sind unsere Feinde. Warum sollten wir sie nicht umbringen? – Sie sind keine Menschen“ (S. 149). )

Einleitend schreibt Diamond: „In der modernen westlichen Welt ist die Reisefreiheit für uns eine Selbstverständlichkeit geworden, früher jedoch war sie die Ausnahme. Im Jahr 1931 hatte noch kein Neuguineer, der in Goroka geboren war, das nur rund 170 Kilometer weiter westlich gelegene Wapenamanda besucht; von Goroka nach Wapenamanda zu reisen, ohne als unbekannter Fremder schon auf den ersten 15 Kilometern getötet zu werden, wäre undenkbar gewesen“ (S. 15).
    Neben feindlichen Beziehungen gab es zwischen benachbarten Gruppen allerdings auch Austausch durch Handel oder dadurch, dass Frauen zu einem Mann in ein anderes Dorf zogen. Es gab also durchaus auch Kooperationen und Friedenszeiten.

Allerdings sind kriegerische Konflikte im traditionellen Leben eine beständige Gefahr und ein vereinbarter Frieden ist brüchig, worauf Diamond an mehreren Stellen im Buch und insbesondere auch in dem „Kapitel 4: Ein längeres Kapitel über viele Kriege“ eingeht. Wichtig finde ich seine Feststellung, dass „Stammeskriege“ oft oder regelmäßig nicht zwischen verschiedenen Stämmen stattfanden, sondern innerhalb eines Stammes, das heißt zwischen Gruppen, die die selbe Sprache sprechen und dieselbe Kultur teilen (S. 143). Oder anders gesagt: Man kannte seine Feinde gut (teils sogar persönlich).

Mit Blick auf die Situation der Kinder bestätigt Diamond vieles von dem, was ich auch recherchiert habe: Z.B., dass Erwachsene Kinder nicht vor Gefahren im Nahbereich schützen. „Wenn beispielsweise ein Baby neben einem Feuer spielte, griffen die Erwachsenen nicht ein. Deshalb hatten viele Erwachsene in dieser Gesellschaft die Narben von Brandwunden, ein Überbleibsel ihres Verhaltens als Säuglinge“ (S. 205). Auch das Spielen der Kinder mit scharfen Messern und Gegenständen, heißen Töpfen oder Feuer wird nicht eingeschränkt. Ebenso beschreibt Diamond den Säuglingsmord und erwähnt unterschiedliche Gründe dafür. Er beschreibt aber auch Kindesmord an sich: Bei den Ache würde z.B. 14 % der Jungen und 23 % der Mädchen bis zum 10. Lebensjahr getötet (S. 211). Häufiger als der Säuglingsmord sei aber so etwas wie „wohlmeinende Vernachlässigung“ (S. 212): Der Säugling wird dann nicht aktiv getötet, sondern einfach schlecht oder gar nicht mehr ernährt und stirbt in der Folge.
    Außerdem beschreibt er die Praxis des „Wickelns“, die in ca. der Hälfte der traditionellen Gesellschaften üblich war (S. 218). Damit ist nicht gemeint, dass Kinder nur bezogen auf ihre Ausscheidungen gewickelt werden, sondern dass sie auch in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden, was vor allem von Lloyd deMause immer wieder als eine für die Kinder folgenschwere Praxis beschrieben wurde.
    Kurz erwähnt wird von Diamond auch, dass in manchen traditionellen Gesellschaften „offene sexuelle Spiele zwischen Erwachsenen und Kindern“ üblich sind (S. 238).

Diamond geht allerdings davon aus, dass Körperstrafen gegen Kinder bei den Horden von Jägern und Sammlern nicht üblich waren. Bei traditionellen Viehzüchtern und Bauern hingegen würden Körperstrafen vorkommen. „Eine Teilerklärung könnte darin liegen, dass das Fehlverhalten eines Kindes bei Jägern und Sammlern in der Regel nur das Kind schädigt, sonst aber niemanden, weil solche Gesellschaften kaum Habseligkeiten besitzen“ (S. 229) Außerdem bestünden bei sesshaften Gruppen mehr Machtunterschiede.
    Ich bin nicht ganz sicher, ob Diamond bzgl. seiner These, dass Körperstrafen gegen Kinder bei Jägern und Sammlern unüblich waren, vollkommen recht hat.
    Wenn ich ein Kind nicht vom Feuer abhalte und sich das Kind dann schwer verbrennt, so nehme ich diese Verletzung billigend in Kauf. Ich lege zwar keine Hand an, verletze das Kind aber durch mein Nicht-Verhalten. Heute würde man Eltern, die so routinemäßig gegenüber ihren Kindern handeln, vermutlich das Sorgerecht entziehen. Außerdem hat Diamond das Thema Initiationsrituale komplett ausgelassen, bei denen Kinder häufig auch körperliche Verletzungen zugefügt werden. Ich selbst habe (u.a. in dem o.g. Kapitel meines Buches) sehr betont, wie grausam es für Kinder ist, mitzuerleben, wie andere Kinder (vor allem Säuglinge) getötet werden. Dies ist auch eine Art von „Misshandlung“, die sogar besonders schwer ist. Außerdem halte ich seine Sicht auf die „Gründe“ von Körperstrafen für fragwürdig: Kindesmisshandlung braucht oftmals keinen „Grund“ oder hat gar rationale Ursachen, sondern sie findet oft aus einem Mix aus Überforderung und „innerlichem Druck“ auf Grund eigens erlebter Ohnmachtserfahrungen bzw. traumatischer Erfahrungen statt. Und traumatische Erfahrungen dürften die frühen Menschen haufenweise gemacht haben.

Und noch eine Anmerkung: Mir scheint, dass Diamond bezogen auf das Thema Körperstrafen nicht wirklich gut informiert ist. Er meint, dass das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder von Generation zu Generation schwankend sei und schreibt weiter: „Wer als Kind geschlagen wurde, schwört sich, seinen eigenen Kindern nie solche barbarischen Grausamkeiten zuzufügen, und wer als Kind nicht geschlagen wurde, schwört sich, ein paar Prügel seien gesünder als die Manipulation der Schuldgefühle und anderer Einflüsse au das Verhalten, die an die Stelle der körperlichen Züchtigung treten, und Schläge seien besser, als Kinder völlig zu verziehen“ (S. 227). Diese Sicht geht an der Realität deutlich vorbei: Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die selbst als Kind geschlagen wurden, ihre eigenen Kinder schlagen, ist deutlich erhöht. Historisch sind zudem Schwankungen beim Thema Körperstrafen gegen Kinder bzgl. Gesellschaften, die schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben, eher nicht zu finden. Vielmehr durchzieht die Gewalt gegen Kinder die menschlichen Gesellschaften wie ein roter Faden, was ich ausführlich in meinem Buch besprochen habe.

Trotzdem finde ich seine oben beschriebene Argumentation bzgl. der Jäger und Sammler im Grunde schlüssig, denn man wird in diese Gesellschaften keine als "Erziehung" getauften, routinemäßigen Körperstrafen wie z.B. in der Antike oder im 19. Jahrhundert finden. Dazu auch noch ein paar Gedanken: In Jäger und Sammler Gesellschaften hängt das Überleben vom Zusammenspiel der Gruppenmitglieder ab. Wer sich quer stellt, blockiert oder gar eine existenzielle Bedrohung für die Gruppe wird, dem bleibt eigentlich nur die Alternative, sich im Zweifel selbst zu schädigen. Wer ausgeschlossen wird, dem droht der Tod. Wer zurückgelassen wird, dem droht der Tod. Das gilt insbesondere auch für Kinder.
    Ein Kind kann in solchen Gesellschaften z.B. nicht trotzig sein, wenn die Gruppe aufbricht. Wenn es nicht mitgeht, wird es sterben. In Zeiten der „Schwarzen Pädagogik“ beispielsweise mit Blick auf das 19. Jahrhundert wollte man Kinder formen, erziehen, in eine Richtung drängen und man wollte vor allem auch Gehorsam und Unterwerfung. Und körperliche Gewalt war das Mittel dazu, diese Ziele zu erreichen (parallel führte man die eigens erlittene Gewalt an den Kindern wieder auf und fühlte sich mächtig). In Gesellschaften, in denen stets die Reaktion sofort kommt (z.B. Verbrennungen durch Spiel mit Feuer oder Zurückgelassenwerden), wenn man nicht lernt und sich anpasst, braucht es weniger offenen Zwang gegenüber Kindern. Der Zwang schwebt quasi stets über dem Kind, das muss weder ausgesprochen, noch angedroht werden. Dass zu starke Abweichungen von der Norm lebensgefährlich werden können, lernen die Kinder vor Ort bereits schnell durch die Tötung oder Nicht-Versorgung von „fehlerhaften“ Säuglingen (worüber ich auch in meinem Buch geschrieben habe).

Diamond nimmt sich allerdings auch viel Raum, um positive Dinge in traditionellen Gesellschaften herauszustellen (diesen Raum hatte ich in meinem Buch z.B. gar nicht): Darunter z.B. die lange Stillzeit, viel Körperkontakt zwischen Mutter und Kind; altersgemischte Kindergruppen, die miteinander spielen und interagieren; ein hohes Maß an Selbstständigkeit der Kinder, da sie alles miterleben und fast alles dürfen; viele soziale Vorbilder in der kleinen Gruppe usw., aber auch so etwas wie eine artgerechte Ernährung durch z.B. geringen Salzkonsum.

Der vielschichtige Blick auf alle Seiten der traditionellen Lebensweise ist etwas, dass sein Buch besonders auszeichnet (nicht ohne Grund lautet der Untertitel: „Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können“). Ich selbst neige auch in diesem Text hier dazu, die negativen Seiten des traditionellen Lebens zu betonen. Ich sehe mich selbst aber auch als eine Art Gewaltforscher und deswegen ist mein Blick da auch sehr konzentriert. Insgesamt betrachtet hat Diamond den Ansatz, dass er positive Dinge von gestern in Teilen und da wo möglich auch ins Heute übertragen möchte bzw. dazu anregt. Das ist eine sehr konstruktive Sicht auf die menschliche Welt, die nur zu begrüßen ist.

Abschließen muss ich aber erneut auf einen negativen Aspekt des „Gestern“ hinweisen, den der Autor in dem Kapitel „Umgang mit alten Menschen: lieben, aussetzen oder töten?“ behandelt hat. Mir war auch während meiner Recherche für mein Buch dieser Aspekt aufgefallen, allerdings habe ich ihn nicht verarbeitet, was ich hiermit nachhole. Denn wenn alte Menschen (oder auch Kranke) aus der Gruppe getötet oder ausgesetzt werden, so ist dies nicht nur grausam an sich, sondern potentiell auch traumatisch für Kinder, die dies miterleben (was wiederum Folgen für die weitere Entwicklung hat).
Diamond fragt aus Sicht der um das Überleben kämpfenden Kleingruppe gesprochen: „Wie wird man alte Menschen los, wenn sie zur Belastung geworden sind?“ (S. 251) Und er nennt 5 Methoden in traditionellen Gesellschaften dafür:

1. Die alten Menschen werden solange vernachlässigt und ignoriert, bis sie sterben
2. Man lässt alte Menschen absichtlich zurück, wenn die Gruppe weiterzieht
3. Die alte Person wird dazu aufgefordert oder ausgewählt, Selbstmord zu begehen.
4. Selbsthilfe zur Selbsttötung oder Mord auf Verlangen: Die alte Person verlangt (oder wird dazu ausgewählt), dass man sie umbringt, z.B. durch Erdrosseln, Erstechen oder lebendiges Begraben
5. „Die letzte weitverbreitete Methode besteht darin, das Opfer gewaltsam zu töten, ohne dass es selbst dabei mitwirkt oder zustimmt. Auch dazu wird das Opfer erdrosselt oder lebendig begraben, oder es wird erstickt, erstochen, mit einem Axthieb auf den Kopf oder durch Brechen von Genick oder Rücken getötet“ (S. 253).

Was kann eine Nomadengesellschaft oder eine Gesellschaft, in der Nahrung nicht für die ganze Gruppe reicht, sonst mit ihren alten Menschen machen? Die Opfer haben während ihres ganzen Lebens zugesehen, wie alte oder kranke Gruppenmitglieder ausgesetzt oder getötet wurden, und haben das Gleiche vermutlich bereits ihren eigenen Eltern angetan. Es ist die Form des Todes, mit der sie rechnen, und in vielen Fällen wirken sie daran mit“ (S. 253f.)

Wenn man all dies zusammen denkt, dann ist das Leben in traditionellen Gesellschaften immer und stets mit dem Tod bedroht: Schon bei der Geburt (Mädchen werden vermehrt getötet, ebenso Albinos, Zwillinge oder sonst wie "auffällig" Kinder) oder wenn die Gruppe in existenzielle Not kommt (auch dann sind sogar ältere Kinder möglicherweise eine Last, die man loswerden muss), durch Krankheiten, nicht zu vergessen auch die hohe Müttersterblichkeit bei der Geburt (was wiederum die Wahrscheinlichkeit extrem erhöht, dass der Säugling getötet wird), wilde Tiere, durch das Pfeilgift der eigenen Waffen, durch befeindete Gruppen, Fremde usw. und ganz sicher, wenn man krank oder alt wird. Das ist unsere Geschichte! Und das steckt uns ganz sicher auch noch in den Knochen. 

Heutige moderne Gesellschaften haben ganz sicher noch ihre Fehler, aber wir dürfen auch stolz auf das sein, was wir erreicht haben: Alte und Kranke werden gepflegt und am Leben erhalten; Kinder, die mit „Fehlern“ zur Welt kommen, werden am Leben gelassen und gehören dazu; es wird viel für behinderte Menschen getan, einfache Infekte und Krankheiten sind heute keine tödlichen Gefahren mehr, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (etwas, das, wenn man Diamonds Ausführungen folgt, im Grunde von Anfang an zum Menschsein gehörte und was auch damals teils überlebenswichtig war, weil Fremde und Nachbarn oftmals real eine tödliche Gefahr darstellen konnten) wird heute vielfach begegnet und es werden Lösungen gesucht; fremde Kulturen und Völker rücken immer mehr zusammen und sind in einem Austausch usw. usf. Also: Wir sind auf dem Weg!

Donnerstag, 11. Juni 2020

Kindheit von Hitlers Chefideologen Alfred Rosenberg


Ich habe mich mit der Kindheit von Alfred Rosenberg befasst. Meine Quelle dafür ist:
Piper, Ernst (2015): Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. Allitera Verlag, München. 
(Ergänzend habe ich das Buch Alfred Rosenberg. Der Wegbereiter des Holocaust. Eine Biographie (2016) von Volker Koop gelesen, in dem sich im Grunde fast keine Infos zur Kindheit finden. Insofern habe ich das Buch von Koop ausgeklammert.)

Sein Name ist nicht ganz so bekannt, wie die Namen anderer NS-Täter. Allerdings war Rosenberg ein Nazis der ersten Stunde, (besonders die ersten Jahre) enger Gefährte Hitlers und wurde bei den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher angeklagt und zum Tode verurteilt. Er war also kein unbedeutender Akteur.

Alfred Rosenberg wurde am 11.01.1893 in Estland geboren. Seine Mutter starb, als Alfred noch keine 2 Monate alt war. Sein Vater starb im Alter von 42 Jahren im Jahr 1904, Alfred muss zu der Zeit ca. 11 Jahre alt gewesen sein. Zwei Tanten väterlicherseits wurden zu Alfreds Pflegemüttern. Ein Jahr später, 1905, starb auch noch die Großmutter. 1908 wurde sein Elternhaus von den Erben verkauft. Insofern verlor Alfred (damals ca. 15 Jahre alt) auch sein vertrautes Heim (Piper 2015, S. 20).
    Alfred hatte auch einen älteren Bruder, der ebenfalls früh (im Alter von 41 Jahren) im Jahr 1929 verstarb. Was im Angesicht der ganzen Tragödien erstaunt ist, dass Alfred Rosenberg zu seinem Bruder wohl kein gutes Verhältnis hatte. Er notierte rückblickend: „Mit ihm haben mich nicht viele Gefühle verbunden“ (Piper 2015, S. 21) Er konnte auch nicht das exakte Todesjahr seines Bruders angeben und erinnerte auch einen um ein Jahr abweichenden Altersunterschied, was die fehlende Verbundenheit nochmals verdeutlicht.
    Man sollte annehmen, dass solche Todesfälle zwei Brüder zusammenschweißen, was aber offensichtlich nicht der Fall war. Dies wirft die Frage auf, ob es in der Familie schon vorher Konflikte und problematische Verbindungen gab?

Über den Erziehungsstil, Gewalterfahrungen oder Gewaltfreiheit erfährt man nichts in der verwendeten Quelle. Wie immer weise ich an dieser Stelle auf die hohe Wahrscheinlichkeit für autoritäre Erziehung und Körperstrafen gegen Kinder um das Jahr 1900 herum hin. Fest steht, dass Alfred Rosenberg traumatische Verluste in seiner Kindheit erlebte, was ihn ganz sicher geprägt haben wird. Bzgl. der von mir bisher untersuchten NS-Täter (siehe Inhaltsverzeichnis unter "NS-Täter") fällt immer wieder auf, dass sich Mehrfachbelastungen in der Kindheit finden (i.d.R. eine nachweisbar strenge-autoritäre Erziehung + z.B. Todesfälle in der Familie oder sonstige schwere Belastungen z.B. in Internaten, durch Außenseitertum usw.). Für Rosenberg konnte ich wie geschildert nichts über seine Erziehung herausfinden. Allerdings ist auch er mehrfachbelastet: Tod der Mutter und Tod des Vaters, Verlust des Elternhauses + schwieriges Verhältnis zum Bruder. Wie viel kann ein Kind ertragen, bevor es innerlich und emotional „abschaltet“? Was ist, wenn zu diesen ganzen leidvollen Erfahrungen auch noch damals übliche autoritäre Erziehungsmaßnahmen kamen? Was ist, wenn der Säugling, von dem die Mutter gestorben war, nicht warmherzig und gut versorgt wurde?  Diese Fragen werden wir wohl nicht beantworten können. Erneut bleibt mir abschließend zu unterstreichen, dass sich bei bekannten NS-Tätern i.d.R. keine unbelasteten Kindheiten finden lassen.

Donnerstag, 4. Juni 2020

Belastende Kindheitserfahrungen in den USA: Neue Daten


(aktualisiert am 05.06.2020)

Nicht erst nach der Trump-Präsidentschaft und den derzeitigen Eskalationen (an denen wiederum D. Trump nicht unwesentlich beteiligt ist) nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd geben viele Entwicklungen in den USA aus unserer europäischen Sicht Rätsel auf. Ich bin davon überzeugt, dass ein vertiefender Blick auf die Kindheitshintergründe der US-Amerikaner einen gewichtigen Teil des Rätsels auflösen. Die sehr traumatische Kindheit von Donald Trump habe ich hier im Blog bereits besprochen. Natürlich wirft diese Kindheit auch ihre Schatten auf den erwachsenen Trump und sein Verhalten. Oder anders gesagt: Hätte Donald Trump eine fürsorgliche, liebevolle und gewaltfreie Kindheit und Jugend erlebt, dann wäre aus ihm niemals ein rechtspopulistischer Hassredner und Menschenfeind geworden, davon bin ich überzeugt. Grundsätzlich fällt auf, dass viele US-Präsidenten der letzten Jahrzehnte als Kind schwer belastet waren. In meinem Buch (bzw. teils auch hier im Blog) habe ich die destruktiven Kindheiten von John F. Kennedy, Lyndon B. Johnson, Ronald Reagan, George H. W. Bush, George W. Bush und Bill Clinton (ergänzt um die Kindheit seiner Frau Hillary Clinton) bereits besprochen. In der Vergangenheit habe ich außerdem Daten zur Kindheit in den USA gesammelt (die teils aus heutiger Sicht schon wieder veraltet sind). Diese Daten möchte ich hiermit etwas auf den aktuellen Stand bringen: 

Merrick und Kollegen (2018) haben ACE-Daten (ACEs = Adverse Childhood Experiences) von insgesamt 214.157 Befragten ausgewertet. Dies ist die bisher größte Datenauswertung von belastenden Kindheitserfahrungen in den USA! Alle erwachsenen Altersgruppen sind repräsentiert. Die Ergebnisse seien hier kurz vorgestellt: 
  • 34,42 % erlebten vor dem 18.  Lebensjahr emotionale Misshandlungen in ihrer Familie
  • 17,94 % erlebten körperliche Misshandlungen in ihrer Familie. 
  • 11,6 % erlebten Formen von sexuellem Missbrauch (durch Familienmitglieder, Bekannte oder Fremde).
    In den Familien bzw. im jeweiligen Haushalt wurde darüber hinaus folgendes miterlebt: 
  • 17,51 % erlebten häusliche Gewalt mit
  • 27,56 % erlebten Suchtmittelmissbrauch mit
  • 16,53% erlebten psychisch kranke Haushaltsmitglieder
  • 27,63 % erlebten elterliche Trennung oder Scheidung
  • 7,9 % erlebten die Inhaftierung von einem Mitglied des Haushalts
  • 38.45% der Befragten berichteten von 0 ACEs
  • 23.53% der Befragten berichteten von 1 ACE
  • 13.38% der Befragten berichteten von 2 ACEs
  • 8.83% der Befragten berichteten von 3 ACEs
  • 15.81% der Befragten berichteten von 4 oder mehr ACEs

Finkelhor und Kollegen (2019) haben vier repräsentative Studien aus den USA vorgestellt. Die Ergebnisse ergänzen die oben vorgestellten Daten zur körperlichen Misshandlung um Formen von körperlicher Gewalt gegen Kinder, die nicht als reine Misshandlung eingestuft werden können (im Englischen = spanking). Zunächst ist anzumerken, dass es einen Positivtrend in den USA gibt. 2014 wurden 49 % der Kinder im Alter zwischen 3 und 11 Jahren im Elternhaus innerhalb des Jahres vor der Befragung körperlich bestraft. 1995 wurden noch 65 % und in den Jahren 1985 und 1975 jeweils 77 % der Kinder geschlagen (Finkelhor et al. 2019, S. 1995). 
   Diese Zahlen zeigen wohlgemerkt nur das Gewalterleben innerhalb eines Jahres, nicht für die gesamte Kindheit! Zudem werden kleinere Kinder deutlich häufiger körperlich bestraft, als ältere Kinder, was auch die genannte Studie zeigt: So wurden in der Befragung 2014 deutlich über 60 % der 3- bis 4-Jährigen geschlagen. Dadurch, dass andere Altersgruppen weniger geschlagen werden, ergibt sich der o.g. Durchschnittswert von 49 % für 2014. Da auch die älteren Kinder einmal 3 und 4 Jahre alt waren wird deutlich, dass auch die Befragung 2014 zeigt, dass eine Mehrheit der Kinder in den USA elterliche Gewalt erlebt hat. (Weitergedacht bedeutet dies, dass auch die o.g. Durchschnittswerte für die Studien 1995, 1985 und 1975 genau das sind: Durchschnittswerte und keine Angaben über das Gewalterleben für die gesamte Kindheit, das deutlich höher liegt.)
   Es darf auch nicht vergessen werden, dass die großen Mehrheiten, die noch in den 1970er und 1980er Jahren geschlagen wurden, heute Erwachsene sind und das Leben und den Alltag (inkl. den politischen) in den USA gestalten. Außerdem muss darauf hingewiesen werden, dass es starke regionale Differenzen im Gewaltaufkommen gibt. Die jüngeren Kinder (0-9 Jahre) aus der Studie 2014 wurden häufiger im Süden (59%) und Mittleren Westen (49%) der USA geschlagen. Im Nordosten und Westen der USA lag die Rate dagegen jeweils bei 40% (Finkelhor et al. 2019, S. 1994f.). (Ist es reiner Zufall, dass in den USA Staaten mit hohen Gewaltraten gegen Kinder eher sogenannte rote Staaten (also politisch konservativer) sind und dass die Staaten mit niedrigeren Gewaltraten eher blaue Staaten (also politisch liberaler) sind?)

Es steht außer Frage, dass etliche weitere Einflussfaktoren in den Blick genommen werden müssen, um destruktive Prozesse in den USA deuten und verstehen zu können. Was mich aber immer wieder erstaunt ist, dass die o.g. Kindheitshintergründe bei der Bewertung dieser Prozesse fast immer ausgeklammert werden. Das ist eine fahrlässige Lücke! 



Quellen:

Merrick, M. T., Ford, D. C., Ports, K. A., & Guinn, A. S. (2018): Prevalence of Adverse Childhood Experiences From the 2011-2014 Behavioral Risk Factor Surveillance System in 23 States. In: JAMA pediatrics, 172(11), S. 1038–1044.

Finkelhor, D., Turner, H., Wormuth, B. K., Vanderminden, J. & Hamby, S. (2019): Corporal Punishment: Current Rates from a National Survey. In: Journal of Child and Family Studies. Volume 28, Issue 7, S. 1991–1997.

Mittwoch, 3. Juni 2020

Kindheit von Timothy McVeigh


Timothy McVeigh verübte (zusammen mit zwei Mittätern) im Jahr 1995 den bis dahin schwersten Bombenanschlag in den USA (auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City). 168 Menschen starben. Mehrere hundert Menschen wurden verletzt.

Timothys Geburt verlief offensichtlich nicht einfach und dauerte über 8 Stunden. Es war eine Verschluss-Geburt, das bedeutet: Der Fötus lag falsch. Seine Mutter Mickey führte eine Art Tagebuch über die Kleinkindjahre ihres Sohnes. Daraus geht hervor, dass Timothy bereits im Säuglingsalter von 7 Monaten von seiner Mutter geschlagen wurde: „At seven month old, Tim suffered his first spanking, thought there was no reason listed for it“ (Michel & Herbeck 2015, Kapitel: One – The boy next door). Ich fand keine weiteren Berichte über körperliche Gewalt, aber auch keine über Gewaltfreiheit. Allerdings ist körperliche Gewalt gegen einen Säugling auch in den USA nicht die Regel (wohingegen Körperstrafen an sich die Mehrheit aller Kinder in den USA erleidet). Ich halte es entsprechend für sehr wahrscheinlich, dass seine Mutter auch in anderen Situationen und Lebenslagen Gewalt gegen ihren Sohn anwendete. Dass sie die Körperstrafe gegen den Säugling schriftlich festhielt, spricht auch nicht gerade für ein Problembewusstsein und Scham gegenüber ihrem Verhalten, sondern für verinnerlichte Erziehungsroutine.

Als Schulkind wurde er einmal fast von einem Lastwagen getötet und stand unter Schock. Der Fahrer verfehlte den Jungen nur um drei Fuß (Michel & Herbeck 2015, Kapitel: One – The boy next door). Den weiteren Ausführungen folgend waren Unfälle, Verletzungen und auch Krankheiten (wie z.B. eine Lungenentzündung im Alter von 4 Jahren, inkl. einer Woche Krankenhaus) keine Seltenheit in der Kindheit von Timothy.

Im Alter von 10 Jahren wurde Timothy zum ersten Mal gemobbt. Ein Ereignis, das er nie vergessen konnte. Beim Baseball Training schaute sein sportbegeisteter Vater und dessen bester Freund zu. Timothy war damals ein kleiner und dürrer Junge. Ein größerer Junge nahm Timothy Baseball-Cap. Timothy versuchte, sich die Mütze wiederzuholen und wurde dann von dem größeren Jungen vor aller Augen verprügelt. Timothy floh schließlich in den Wagen seines Vaters und fühlte sich sehr gedemütigt vor seinem Team und insbesondere vor seinem Vater und dessen Begleiter. „He was scared and embarrassed: the men of the McVeigh family were not supposed to cry“ (Michel & Herbeck 2015, Kapitel: One – The boy next door). Timothy aber weinte sich im Wagen des Vaters aus. An sich fühlte er sich vor seinem sportlichen Vater auch als Versager. Der schmächtige Junge wurde oft auch „Noodle McVeigh“ gerufen, berichten Michel & Herbeck (2015). In einer anderen Quelle wird erwähnt, dass manche Mitschüler Timothy „Chicken McVeigh“ nannten (Stickney 1996, Chapter 4 – Changes).

Mobbingerfahrungen prägten also auch sein weiteres Leben. Ein anderes Mal ging er als Schüler auf Toilette, dort rauchten zwei ältere Schüler einen Joint und fühlten sich gestört. Die beiden nahmen Timothy hoch und versuchten, seinen Kopf in eine Toilette zu tauchen. Timothy konnte sich aber irgendwie befreien (Michel & Herbeck 2015, Kapitel: One – The boy next door).

Die Ehe seiner Eltern begann früh zu kriseln. Seine Mutter fühlte sich von ihrem Mann gelangweilt. Außerdem sei ihr temperamentvoller Ehemann manchmal vor Wut explodiert, oft wegen Kleinigkeiten wie z.B. ein verlegter Autoschlüssel (ob dieser Vater auch gegenüber den Kindern "explodieren" konnte, wird nicht beschrieben). 1979 (Timothy war 11 Jahre alt) gestand sie ihrem Ehemann, dass sie ihn nicht mehr liebte. Die Kinder sollten entscheiden, bei welchem Elternteil sie bleiben wollten. Die beiden Schwestern zogen zur Mutter, Timothy blieb bei seinem Vater, den er nicht alleine lassen wollte. Später sagte Timothy, dass der Auszug seiner Mutter ihn nicht gestört habe. „The real problem, he said, was that he never really felt that close to his parents in the first place. He wished they spent less time at work and more time with him and his sisters. With both his mother and father worked full time, he felt like he never had a parent to talk with when he came home from school in the afternoon“ (Michel & Herbeck 2015, Kapitel: One – The boy next door).
Hier deuten sich auch Vernachlässigungserfahrungen an.

Timothy wurde nach dem Wegzug seiner Mutter sehr krank und einige Wochen später kehrte sie daraufhin zurück. Seine Eltern versuchten irgendwie ihre Ehe zu retten, aber immer wieder gab es Probleme. 1984 trennten sie sich endgültig. Erneut zog die Mutter mir ihren Töchtern weg und Timothy blieb beim Vater. Timothy hatte damals eine Freundin. Sie sagte, dass sich Timothy nach der Scheidung seiner Eltern verloren gefühlt habe. Er sei oft die einzige Person zu Hause gewesen und es wirkte auf sie so, als ob er sich selbst großziehen würde (Michel & Herbeck 2015, Kapitel: One – The boy next door).

Später ging Timothy McVeigh zum Militär. Er wurde auch im Zweiten Golfkrieg eingesetzt. Die Kriegsbelastungen (und mögliche Traumatisierungen) müssen sicher auch mit in die Analyse seiner Person mit einbezogen werden. Anderseits zeigen Studien, dass das Militär vor allem auch als Kind belastete Menschen anzieht. Seine Berufswahl war vor seinen Kindheitshintergründen also sehr wahrscheinlich kein reiner Zufall.

Insgesamt betrachtet zeigt sich wie in so vielen ähnlichen Fällen auch, dass man bei Massenmördern i.d.R. keine glückliche und unbelastete Kindheit findet, sondern eher das genaue Gegenteil davon.


Quellen: 

Michel, L. & Herbeck, D. (2015): American Terrorist: Timothy McVeigh and the Oklahoma City Bombing. HarperCollins, New York  (aktualisierte Auflage, Kindle Ausgabe).

Stickney, B. M.  (1996): All-American Monster: The Unauthorized Biography of Timothy McVeigh. Prometheus Books, New York (Kindle Ausgabe).

Mittwoch, 27. Mai 2020

Kindheit von Richard Nixon


In meinem Buch habe ich die Kindheit des früheren US-Präsidenten Richard Nixon nur mit einem Satz kommentiert: „Richard Nixon (1913-1994) wurde häufig von seinem Vater getreten“ (S. 223). Meine Quelle für diesen Satz war Lloyd deMause. Ich fand damals keine Zeit für weitere Recherchen über Nixon. Ich hole dies hiermit nach.

Meine Quelle für Nixons Kindheit ist: Farrell, John A. (2017): Richard Nixon: the life. Doubleday, New York. (Kindle Ausgabe)

Richards Vater – genannt „Frank“ - litt unter blutigen Geschwüren. Farrell kommentiert gleich im Folgesatz, dass Franks Frau Hannah (Richards Mutter) überarbeitet war und auch Nervenzusammenbrüche hatte. Manchmal zog sie sich deshalb in ihr Elternhaus zurück und ließ ihre Kinder von bezahlten Hausangestellten bzw. "Kindermädchen" versorgen (Farrell 2017, S. 47).

Die familiäre Atmosphäre war aber nicht nur dadurch gestört. „The household was noted, however, for its physical and emotional severity. Frank and Hannah loved their sons, but theire was a time when children got whippings, at times with belts, sticks or switches“ (Farrell 2017, S. 47).
Der Autor schließt in dem zuvor genannten Satz auch die Mutter ein. Ob die Mutter auch körperliche Gewalt ausübte, erschließt sich im Text allerdings nicht. Aggressor war den Berichten folgend vor allem der Vater, der seine Söhne häufig misshandelte und auch anbrüllte. Eine Situation ist überliefert, in der Frank seine Söhne zurück in einen Kanal schleuderte. „Frank! Youˈll kill them!“, rief eine besorgte Tante der Kinder daraufhin (Farrell 2017, S. 47). Ein ehemaliger Nachbar berichtete bzgl. Körperstrafen gegen die Kinder ebenfalls, dass Frank ein aufbrausendes Temperament und seine Emotionen nicht immer unter Kontrolle hatte.

Die Mutter habe all ihren Ärger für sich behalten (und zog sich wohl auch sehr ins religiöse Quäkertum zurück). Aber auch liebevolle Zuneigung fiel ihr offensichtlich schwer. Richard Nixon sagte einmal: „In her whole live, I never heard her say to me, or to anyone else, ˈI love youˈ“ (Farrell 2017, S. 47). Sie sei ebenso „explosiv“ gewesen wie ihr Ehemann, nur ins Innere gerichtet. Ihre Kinder strafte sie durch Distanz und Rückzug. Richards Bruder Arthur sagte daraufhin einmal: „I just canˈt stand it, tell her to give me a spanking“ (Farrell 2017, S. 48).

Auch weitere Belastungen spielten in Kindheit und Jugend von Richard Nixon eine Rolle. Im Alter von 6 Monaten hatte er Anfälle von Masern und Cholera und später eine ernste Lungenentzündung. Als Dreijähriger fiel er von einem Pferdewagen und zog sich eine ernste Kopfverletzung zu, so dass seine Mutter zunächst befürchtete, ihr Kind wäre gestorben (Farrell 2017, S. 49). Als Zwölfjähriger musste Richard erleben, wie sein jüngerer Bruder Arthur an Tuberkulose starb. Etwas später erkrankte auch der ältere Bruder Harold, der allerdings sechs Jahre mit der Krankheit kämpfte. Harold starb, als Richard 20 Jahre alt war. (Farrell 2017, S. 55f.). Die Sorge um die restlichen Familienmitglieder war in dieser gesamten Zeit groß, auch sie hätten erkranken können. Farrell merkt an, dass Richards Jugendjahre zwischen dem 12. und 20. Lebensjahr von Horror durchtränkt waren.
Richard stürzte sich in Arbeit und Leistung. Seine Mutter meinte später, dass er sich schuldig gefühlt hätte, weil er überlebt hatte. Sein Leistungsstreben deutete sie dahingehend, dass er wie drei Söhne sein wollte (Farrell 2017, S. 56).

Montag, 25. Mai 2020

Kindheit von Uwe Böhnhardt


In meinem Buch (S. 195f.) habe ich bereits etwas über die Kindheit des Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt (Mitglied des Nationalsozialistischen Untergrund - NSU) geschrieben: Ein zentrales Kindheitstrauma war der Tod seines Bruders. 1988 starb Uwe Böhnhardts älterer Bruder unter ungeklärten Umständen. Unbekannte legten den fast 18-jährigen Peter Böhnhardt tot vor die Haustür der Familie. Zu dem Zeitpunkt war Uwe Böhnhardt elf Jahre alt. Zur selben Zeit fiel Uwe im Schulhort bereits dadurch auf, dass er Konflikte mit Gewalt lösen wollte.
   Als Jugendlicher entglitt Uwe seinen Eltern schließlich komplett. Diese holten sich Hilfe beim Jugendamt und beantragten einen Platz für Uwe in einem Kinderheim. Nach kurzer Zeit flog er allerdings dort raus. In der Folge kam er auf eine Lernförderschule, auch dort flog er raus, nachdem er in die Schule eingebrochen war und einen Computer geklaut hatte.
   Ich hängte dem noch an, dass ich weitere Belastungsfaktoren vermute. Durch eine neue Quelle bin ich jetzt in der Tat auf weitere Belastungsfaktoren gestoßen: Quent, M. (2019): Rassismus, Radikalisierung, Rechtsterrorismus. Wie der NSU entstand und was er über die Gesellschaft verrät. Beltz Juventa, Weinheim (2. überarbeitete und erweiterte Auflage).

Matthias Quent berichtet, dass der damals 15-Jährige Uwe Anfang 1993 in Jugendhaft saß. Dabei erlebte Uwe sexuelle Misshandlungen mit einem Besenstiel von Mitgefangenen mit. Seine Mutter sagte aus, dass Uwe in Haft auch selbst auf diese Weise sexuell misshandelt worden sei (Quent 2019, S. 299). In der neuen Quelle findet sich auch noch ein wenig etwas über die Eltern. Uwes Mutter wurde in einem früheren Prozess vom Gericht als „dominant“ eingeschätzt. Uwes Bruder sagte in einer Vernehmung, dass sein Bruder nie von seinen Eltern geschlagen worden sei. Den Erziehungsstil seiner Eltern würde er als „normal und streng“ einsortieren  (Quent 2019, S. 299). Was der Bruder als „normal“ definiert, müsste man ihn fragen. Bei diesem Wort wäre ich erfahrungsgemäß vorsichtig. Was für die einen „normal“ ist, weil sie es selbst so erlebt haben, kann für Außenstehende alles andere als „normal“ sein. Das Wort "streng" macht bereits hellhörig!

Da die Böhnhardts in der DDR lebten und sozialisiert wurden, die Mutter voll berufstätig und zudem Lehrerin im DDR-System war, kam ich erst jetzt auf den Gedanken zu recherchieren, ob Uwe auch in eine Krippe gegeben wurde. Und tatsächlich, ein SPIEGEL-Artikel (20.11.2013, Brigitte Böhnhardt im NSU-Prozess. Erinnerungen an den verlorenen Sohn) bestätigt, dass Uwe sowohl in einer Krippe, als später auch im Schulhort war. Das autoritäre DDR-Erziehungssystem hat jüngst der Kinderarzt Herbert Renz-Polster in einen Zusammenhang zur verbreiteten rechten Gesinnung in Ostdeutschland gebracht.  Die Frage ist, wie alt Uwe war, als er in die Krippe kam? War er noch ein Säugling oder schon Kleinkind (das macht bereits einen Unterschied bzgl. Belastungen und den möglichen Folgen daraus)? Wie lange war er tagsüber in der Krippe? Und ganz wesentlich: Welchen Erziehungsmethoden und welchem Rahmen war er dort ausgesetzt? Ich vermute hier deutlich Belastungen.
   Im Zusammenhang zu den Krippen- und Hortaufenthalten fällt auch eine Einschätzung der Richter aus dem früheren Prozess gegen Uwe ins Auge: Der verstorbene Bruder sei für Uwe die „wichtigste familiäre Bezugsperson“ gewesen (Quent 2019, S. 298). Der Bruder, nicht die Eltern. In dem oben zitierten SPIEGEL-Artikel heißt es, dass die zwei älteren Brüder sich rührend um den Jüngsten gekümmert und ihn aus Krippe und Hort abgeholt hätten. Wo aber waren die Eltern?

Am Ende meines Berichts über Böhnhardts Kindheit schrieb ich in meinem Buch: „Über den Erziehungsstil seiner Eltern fand ich keinerlei Informationen. Ich denke, dass zumindest ein sehr konfliktbeladenes Verhältnis sehr deutlich wird. Meiner Auffassung nach reicht dies alleine aber nicht aus, um einen derart mörderischen Hass bei einem Menschen zu generieren. Ich vermute weitere Belastungsfaktoren.“ Es wird an Hand der nun neu hinzugefügten Informationen deutlich, dass ich mit meiner Einschätzung wohl nicht ganz falsch lag. Die Missbrauchserfahrungen im Gefängnis waren sicherlich traumatisch für den 15-Jährigen. Elterliche Vernachlässigung deutet sich zumindest an. Der Aufenthalt in einer DDR-Krippe ist dagegen belegt.

Insgesamt wird an dem Fall Uwe Böhnhardt (genauso wie beim Fall Zschäpe) deutlich, dass diese Art von Biografien von Rechtsextremisten keine Zufälle sind. Vielmehr zeigt die Studienlage immer wieder auf ähnliche destruktive Kindheitsmuster bei Extremisten. Beim Fall Böhnhardt (auch das ist sicher kein Einzelfall) wird auch deutlich, wie dieser Mensch bereits in der Kindheit auffällig war und Stück für Stück immer auffälliger wurde, immer mehr abglitt, trotz der Aufmerksamkeit und Intervention von Schule, Polizei, Justiz und Jugendamt. Der Fall zeigt also auch auf, dass viel mehr getan werden muss, wenn Kinder/Jugendliche abdriften, delinquent und auffällig werden. Umfassende Hilfen sind hier wichtig, die Zeit in Jugendhaft dagegen hätte man Uwe wohl besser erspart, um das Gesamttraumapaket nicht noch weiter aufzublasen.

Mittwoch, 20. Mai 2020

Steht der Glaube an Verschwörungstheorien in einem Zusammenhang zu (destruktiven) Kindheitserfahrungen?


Durch die Ereignisse rund um die Corona-Pandemie ist aktuell das Thema „Verschwörungstheorien“ medial breit auf den Tisch. Ich selbst habe zu diesem Thema eine ganz eigene „Theorie“.

Erinnern wir uns an dieser Stelle an die psychoanalytischen Arbeiten von Arno Gruen und dabei vor allem an sein Buch „Der Fremde in uns“. Kaum jemand hat die Verneblung der eigenen Wahrnehmung auf Grund erlittener Destruktivität in der Kindheit derart deutlich auf den Punkt gebracht wie Gruen.  Ich habe Gruens Analyse in meinem Buch auf Seite 320 wie folgt zusammengefasst:
„Kein Kind kann in dem Bewusstsein existieren, dass die Menschen, auf die es physisch und psychisch existentiell angewiesen ist (die Eltern), seinen Bedürfnissen kalt und gleichgültig oder gar grausam und unterdrückend gegenüberstehen. Diese Angst wäre, so Gruen, unerträglich, ja sogar tödlich. Ein Kind, das von seinen Eltern angegriffen wird und dessen Bedürfnisse frustriert werden, muss sich, um zu überleben, mit den Eltern arrangieren. Dazu wird das Eigene (vor allem eigene Empfindungen, Sicht und Empathie) als etwas Fremdes abgespalten, denn das Kind kann die Eltern nur unter der Voraussetzung als liebevoll erleben, wenn es ihre Grausamkeit als Reaktion auf sein eigenes Wesen interpretiert – die Eltern sind grundsätzlich gut; wenn sie einmal schlecht sind, dann ist dies die eigene Schuld des Kindes und der Angriff geschieht zu dessen Wohle. Alles, was dem Kind eigen ist, wird somit abgelehnt und entwickelt sich zur potentiellen Quelle eines inneren Terrors (das Eigene wird gehasst). Die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und die eigene Wahrnehmung werden zu einer existentiellen Bedrohung, weil sie die Eltern veranlassen könnten, dem Kind die lebensnotwendige Fürsorge zu entziehen. Die Folge ist die Identifikation mit den Eltern (bzw. den Aggressoren), das Übernehmen deren Werte, die Unterwerfung unter deren Erwartungen und eine schwammige, ungefestigte und unsichere Identität, die durch das Fremde, nicht das Eigene bestimmt ist.“

Was bringt uns Gruens Analyse nun bezogen auf das Thema „Verschwörungstheorien“? Das Grundthema, das Menschen, die in ihrer Kindheit (vor allem durch Elternteile) viel Destruktivität erlitten haben oder auch traumatische Erfahrungen gemacht haben, ist das Thema Wahrnehmung. Oder besser gesagt: Verschwommene Wahrnehmung, Wahrnehmungsstörungen oder auch fehlendes Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Das Ausblenden von Realitäten war einst ein Überlebensmechanismus in der Kindheit. Bei massiven Verletzungen werden diese traumatischen Erlebnisse und vor allem die entsprechenden Gefühle häufig sogar gänzlich vom Bewusstsein abgespalten. Wenn diese Kindheitserfahrungen später nicht psychotherapeutisch aufgearbeitet werden, besteht die Gefahr, dass die Selbst- und Fremdwahrnehmung und das Erfassen der Realität um einen herum weiterhin vernebelt bleibt.
   Das sind Erkenntnisse, die nicht nur Arno Gruen gemacht hat, sondern diese Erkenntnisse gehören i.d.R. um Standardwissen von Psychotherapeuten, Traumaexperten oder von sonstigen Fachleuten, die mit traumatisierten Menschen arbeiten. Das Grundthema von derart belasteten Kindern bleibt auch im Erwachsenenalter häufig die Frage nach Realitäten: War meine Kindheit schön oder schlecht? Stimmen meine Erinnerungen? Waren meine Eltern wirklich so böse? Was darf ich fühlen? Was fühlte ich als Kind? Was fühle ich überhaupt? Wer meint es gut mit mir und wer nicht? Vor wem muss ich Angst haben? Wer bin ich eigentlich? Was war heute, was ist jetzt und was war gestern? 

Ich würde dem noch anschließen, dass im tiefen Bewusstsein von Menschen, die als Kind vor allem durch die eigenen Eltern massiv verletzt wurden, die eigentlichen realen Erlebnisse gespeichert sind. Der Zugang dazu ist allerdings oft versperrt oder vernebelt. Nicht selten pflegen von ihren Eltern misshandelte Menschen als Erwachsene sogar ein nach außen hin scheinbar gutes Verhältnis zu den Eltern. Aber irgendetwas stimmt doch nicht: Irgendetwas ist doch da, was mich manipuliert, mich zersetzt, mich unterdrückt, mir etwas vorspielt, mich von meinem eigentlichen Sein abhält
   Arno Gruen nannte dies: „Der Fremde in uns“. Traumaexperten sprechen eher von Täterintrojekten.

Das Problem ist (das war Gruens Antrieb, darüber zu schreiben), dass es eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür gibt, dass der Blick auf Andere (ab)gelenkt wird. Hass und Schuldvorwürfe treffen dann nicht auf die eigentlichen Verfolger aus der Kindheit (meist destruktive Eltern), sondern auf Fremde, Ausländer, Juden, Homosexuelle, Minderheiten usw. Dies ist bzgl. Rechtsextremisten sehr gut empirisch belegt (siehe diverse Studien zum Thema Kindheit von Rechtsextremisten im Inhaltsverzeichnis oder zusammengefasst auch hier am Ende des entsprechenden Beitrags). Was bisher nach meinem Kenntnisstand wenig erforscht ist, ist die Frage, ob Kindheitshintergründe und entsprechende Gefühle und auch Wahrnehmungsverzerrungen bei den Anhängern von Verschwörungstheorien eine Rolle spielen. Dabei ist dieser Gedanke doch naheliegend!

Wer sich innerlich manipuliert, unfrei und zerrissen fühlt, wer eine vernebelte Wahrnehmung hat, der könnte doch u.U. einen anderen Weg einschlagen, als dies Rechtsextremisten tun. Schuld an der eigenen Misere ist dann „Mutti“ Merkel, die wiederum die Marionette von Bill Gates sein soll. Schuld sind dann irgendwelche Geheimbünde, Schattenbanken, fremde Mächte, Strahlen und was weiß ich nicht alles. Wobei auch nicht vergessen werden darf, dass die Sicht von Extremisten oft auch diese Verschwörungs-Weltbilder beinhaltet (klassisch mit Blick auf die angeblich jüdische Weltverschwörung, aber ergänzend auch mit abstrusen Weltbildern extremistischer Einzeltäter a la Anders Breivik & Co.) Dass man als "Verschwörungstheoretiker" in der Folge ein Gefühl von Macht und Kontrolle bekommt (da ja nur er/sie weiß, wie die Welt wirklich tickt!!), könnte man auch als Abwehrkampf gegen die alte Ohnmacht und den Kontrollverlust aus der Kindheit deuten. Wie auch immer, es ist jedenfalls offensichtlich, dass irrationale Motive bei den Verschwörungstheorien eine gewichtige Rolle spielen. 

Die naheliegende und hoch spannende Frage lautet also: Haben destruktive Kindheitserfahrungen etwas mit dem Glauben an Verschwörungstheorien zu tun? Aus der Forschung kommen da zwei Studien, die diese Frage ein Stück weit beantworten:
  • Eine Studie (zwei Befragungen mit 246 und 230 Teilnehmern) zeigte, dass negative Kindheitserfahrungen bzw. ein erlebter ängstlicher Bindungsstil (gemäß der Bindungstheorie) in einem Zusammenhang zum Glauben an Verschwörungstheorien stehen: Green, R. & Douglas, K. M. (2018): Anxious attachment and belief in conspiracy theories. In: Personality and Individual Differences. Volume 125, S. 30-37.
  • Eine andere Studie (5.645 Befragte von denen 1.618 an Verschwörungen glauben) fand ebenfalls Kindheitseinflüsse bezogen auf den Glauben an Verschwörungen. Die Forschenden schreiben:„Those individuals who endorsed the conspiracy belief item were more likely to have had potentially disruptive parental experiences during childhood such as not living with both biological parents, living away from home for an extended time, and often experiencing violence“ (Freeman, D., & Bentall, R. P. (2017): The concomitants of conspiracy concerns. In: Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, 52(5), S. 595-604.).

Wie schon oben erwähnt, würde ich ergänzend diverse Befragungen von Extremisten über deren Kindheitserfahrungen anführen, da Extremisten nach meinem Eindruck zu Verschwörungstheorien neigen. Diese Studien bestärken die Vermutung, dass Kindheitserfahrungen und Verschwörungstheorien in einem ursächlichen Zusammenhang stehen. Ich habe ergänzend etwas über die Kindheit von einigen bekannten "Verschwörungstheoretikern" (die teils auch aktuell in den Medien Thema sind) recherchiert. Und ich wurde auch fündig (wer mag, muss nur einige Namen und Suchbegriffe wie Kindheit, Biografie, Trauma etc. eingeben und lese dann selbst. Teils wurden von den Akteuren furchtbare Kindheitserfahrungen öffentlich gemacht). Ich bin normalerweise ja sehr offen mit meinen Biografieforschungen. Bei diesem Thema zensiere ich mich allerdings selbst und nenne keine Namen. Ich befürchte durch diesen Beitrag eh schon eine gewisse Gegenreaktion und böse Briefe. Ich möchte diese meine Gedanken zur Diskussion stellen und nicht von "Fangemeinden" und Followern mit Hass und Hetze überschüttet werden, für solchen Kram habe ich einfach keine Zeit.

Mittwoch, 13. Mai 2020

Kritische Rezension des Buches "Kindheit 6.7" von Michael Hüter


Ein aktueller Artikel der Stiftung Zu-Wendung für Kinder, in dem meine These vom stetigen Rückgang der Gewalt gegen Kinder und auch mein optimistischer Blick auf die Zukunft und positive Entwicklungen den eher pessimistischen Thesen von Michael Hüter gegenübergestellt wurden, motivierte mich sehr dazu, das Buch Kindheit 6.7 von Michael Hüter (2018 in dem von Hüter gleichzeitig gegründeten Verlag Edition Liberi & Mundo erschienen) zu lesen. Das Buch an sich hatte ich schon früher wahrgenommen. Jetzt folgt also meine recht kritische Rezension.

   Noch ein Wort vorweg: Ich hoffe sehr, dass meine Rezension nicht als „Hahnenkampf zwischen Männern“ aufgefasst wird. In dem o.g. Artikel wurden meine und seine Sichtweisen gegenübergestellt, was nicht meine Idee war. Mir geht es nicht darum, diese Gegenüberstellung aus Eitelkeit zu „gewinnen“. Meine Motivation, etwas über Hüters Buch zu schreiben, resultiert viel mehr aus einem Gefühl der Notwendigkeit heraus, denn ich halte seine Thesen zum Teil für kontraproduktiv. Und: Hüter vertritt seine Sichtweisen relativ laut und findet auch Gehör. Hüter tauchte z.B. mehrfach als Interviewpartner für die Verschwöhrungstheorienplattform KenFM auf. Aber auch Focus-Online hat breite Gastkommentare von Hüter veröffentlicht. In einem Focus-Artikel  (09.04.2020: Kindheitsforscher warnt: Hört auf, eure Kinder in Kitas zu geben!) schreibt Hüter u.a.: „Noch nie in der Geschichte der Menschheit – außerhalb von Kriegszeiten – erging es der großen Mehrheit an Kindern seelisch und emotional – man mag es auch psychisch nennen – so schlecht wie heute.“
   Das ist der zentrale Befund, der auch sein Buch durchzieht. Die wesentliche Ursache für diese von ihm ausgemachte Situation für Kinder sieht er vor allem in der frühen „Weggabe“ von Kindern in Krippen, Kitas und später auch (Ganztags-)Schulen. Der oben zitierte Satz lädt dazu ein, kritisch hinterfragt zu werden. Was mich vor allem interessiert hat war, welche Datengrundlage Hüter für seine steile und auch anklagende These zu bieten hat.

   Sein Buch sei „jahrelang investigativ recherchiert“, steht in der Inhaltsangabe. Im Untertitel des Buches steht „Ein Manifest“. Hüter selbst wird u.a. als Kindheitsforscher und Historiker vorgestellt. In Anbetracht dieses Vorspanns sollte man davon ausgehen, dass der Autor sich gründlich auf viele wissenschaftliche Erkenntnisse, Daten und Veröffentlichungen bezieht, um sein Manifest zu untermauern. Dem ist aber zu meinem großen Erstaunen nicht wirklich der Fall. Nur 76 Bücher sind im Literaturverzeichnis angegeben, darunter vor allem Erziehungsratgeber, Pädagogikbücher und zum nicht unwesentlichen Teil auch so etwas wie Lebensberichte, Romane oder einzelne philosophische Arbeiten. Forschungsarbeiten von Wissenschaftlern finden sich kaum. Wissenschaftliche Fachartikel aus entsprechenden Journalen und Fachzeitungen findet man gar nicht. Ebenso findet man im Verzeichnis keine Verweise auf naheliegende Datenquellen wie Forschungsinstitute, Statistikportale, Bundesministerien, Kinderschutzorganisationen oder Organisationen wie der WHO. Dies alles erstaunt. Das Literaturverzeichnis alleine deutet also auf eine dünne Datengrundlage hin, was sich bei der Lektüre des Buches auch bestätigt. 

   Im Inhaltsverzeichnis steht folgendes: „Wir haben in der gesamten industrialisierten Welt den Blick für die Kompetenzen von Kindern verloren und eine Welt erschaffen, die gegenwärtig etwa 50 Prozent(!) der Kinder krank und viele junge Menschen buchstäblich verrückt werden lässt.“ Diese Textstelle findet sich so auch im Buch auf Seite 14.
   Auch die erste Seite des Vorspanns beginnt mit einem pessimistischen Blick auf die Situation von Kindern und Jugendlichen: „Bereits über 5o Prozent aller heranwachsenden Kinder in Deutschland und Österreich (und auch andernorts) zeigen nicht altersadäquate Auffälligkeiten oder Defizite. Entweder im somatischen Bereich (Adipositas/Magersucht), im Bereich sozialer Kompetenzen (Sozialisierungsmängel, Regelabsentismus, Beziehungsarmut), oder motorischer und kognitiver Kompetenzen. Hinzu kommt ADHS, immer früher einsetzender regelmäßiger Alkohol- und Drogenkonsum, und schließlich auch noch (vereinzelt schwere) Gewalt- und Kriminaldelikte, manchmal schon von 12 und 13-Jährigen. Das alles wird bei Kindern unter 14 Jahren in einem breiten Ausmaß beobachtet und festgestellt. Zweifelsohne ist dies alles mehr als alarmierend“ (S. 11). Immerhin wird an dieser Stelle deutlicher, was Hüter in diesem Kontext eigentlich unter „krank“ und „verrückt“ versteht. 

   Vor allem im ersten Kapitel werden dann auch einige Zahlen und auch Quellen genannt (die o.g. Aussagen wurden vorher in den Raum gestellt). Im gesamten ersten Kapitel, das einleitend die katastrophale Situation der Kinder deutlich machen soll, bedient sich der Autor häufig bei Zeitungsartikeln (vor allem aus dem KURIER). Zwischendrin werden allerdings immer wieder auch Zahlen und Daten aufgeführt und auch Feststellungen gemacht, ohne dass dafür Quellen genannt werden. Beispiele: Auf Seite 19: Raufunfälle im Jahr 2005 = 95.000 (ohne Quelle!);  auf Seite 21: Ca. 24 bis 28 % der Kinder in Deutschland und Österreich im Alter zwischen 7 bis 14 Jahren seien übergewichtig (ohne Quelle!); Seite 33: 60 % der Lehrer stünden vor dem psychischen und physischen Kollaps (ohne Quelle!).
   Im weiteren Textverlauf finden sich dann Sätze wie diese, die sich auf „verschiedene Berichte von Lehrern, Direktoren, Pädagogen und Psychologen“ beziehen würden: „Alle, die ihren Beruf schon Jahrzehnte ausführen, stellen zumeist im Nebensatz oder als Schlussbemerkung fest: Vor 30 Jahren habe es alle diese Verhaltensauffälligkeiten und Defizite der Kinder (Schüler) nicht gegeben. Keiner sagte, vor 10 Jahren, vor 20 Jahren oder 40 Jahren. Ziemlich präzise bemerken alle, vor 30 Jahren gab es alle diese Defizite und Auffälligkeiten unserer Kinder, die im ersten Teil meines Essays beschrieben wurden, noch nicht oder marginal“ (S. 38). Und wieder: keine Belege und Quellen dafür! Dabei geht es hier doch um DIE zentralste These des Autors, nach der früher vieles besser und heute alles so schlimm wie nie wäre.

   Insofern fasse ich meine Grundkritik an dem Buch hier schon einmal als Zwischenstand wie folgt zusammen: Hüter arbeitet häufig unwissenschaftlich, unpräzise und tendiert zu Mutmaßungen oder der Verallgemeinerung von einzelnen Zeitungsberichten.

   Ich komme jetzt zu einem weiteren Kritikpunkt: Hüter sucht sich Zahlen heraus, die sich schlimm anhören und setzt sie in der Folge nicht ins Verhältnis oder geht auf Trends ein. Ein Beispiel: Der Autor nannte ja wie oben erwähnt die Zahl von 95.000 Raufunfällen im Jahr 2005 (gemeldete Fälle von Unfällen und Frakturen an die Unfallversicherung auf Grund von Schülerraufereien). Ich selbst fand für das Jahr 2007 die absolute Zahl von 88.704 Raufunfällen („Achtung in der Schule – Unterrichtsmaterial zur Gewaltprävention“). Ich gehe insofern davon aus, dass die von Hüter genannte Zahl für 2005 ungefähr stimmt. Nun zeigt die Datenlage, dass seit Jahren sowohl die absoluten Zahlen an Raufunfälle, als auch die Zahlen pro 1.000 Schüler stetig rückläufig waren. So hat die Häufigkeit von „Raufunfällen“ je 1.000 versicherte/r Schüler/innen vom Höchstwert im Jahr 1999 (14,9) bis 2015 (8,7) um 41,7 % abgenommen (2018: Zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland Schwerpunkte: Jugendliche und Flüchtlinge als Täter und Opfer, S. 21) Auf der Homepage der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen findet man auch eine eindrucksvolle Grafik dazu.
   Noch nie war es bezogen auf Raufunfälle so sicher auf dem Schulhof wie heute! Hüter setzt dagegen im Verlauf des Buches noch einen obendrauf, indem er schreibt, dass Deutschland gemessen an der Einwohnerzahl mit (schwerer) Gewalt an Schulen führend sei (S. 296).

   Noch ein Beispiel: Hüter geht auf Seite 19 auf den Alkoholkonsum von Jugendlichen ein und stellt auf den ersten Blick schlimme Zahlen und Sachlagen fest. Auch hier stellt er keine Trends vor. Dagegen zeigen die Daten von dem Kriminologen Christian Pfeiffer und Kollegen: „Der Anteil Jugendlicher Raucher ist demnach seit 1997 kontinuierlich von 28,1 auf 7,8 % um fast drei Viertel gesunken. Zum Alkoholkonsum zeigt sich zunächst ein Aufwärts-, dann ein starker Abwärtstrend. 1997 gaben 14,6 % der Jugendlichen an, mindestens wöchentlich Alkohol zu trinken; dieser Wert steigt bis 2007 auf 21,6 % an, um anschließend auf 10,0 % zu sinken. Das Rauschtrinken, das umfasst, dass zu einer Trinkgelegenheit mindestens fünf alkoholische Getränke konsumiert werden, wird erst seit 2004 erfasst. Von 2007 bis 2015 ist der Anteil an Jugendlichen, die in den zurückliegenden 30 Tagen mindestens einmal Rauschtrinken praktiziert haben, von 25,5 auf 12,5 % gesunken, hat sich also innerhalb dieser kurzen Zeit halbiert“ (Zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland Schwerpunkte: Jugendliche und Flüchtlinge als Täter und Opfer, S. 50) Im Jahr 2015 hatten wir also den bisher niedrigsten gemessen Wert von Rauchern, regelmäßigen Alkoholkonsumenten und Rauschtrinkern unter Jugendlichen in Deutschland überhaupt! Es steht bzgl. Rauschverhalten also so gut wie nie um die Jugend.

   Es gibt diverse weitere positive Trends (deutlicher Rückgang der Jugendkriminalität z.B.) bzw. Belege dafür, dass die aktuelle Situation der Kinder in Deutschland nicht katastrophal ist, die ich hier Hüter weiter entgegenhalten könnte. Aber sparen wir uns das; ich verweise an dieser Stelle stattdessen gerne auf das Buch „Die Modernisierung der Seele: Kind-Familie-Gesellschaft“ von dem Soziologen und Entwicklungspsychologen Martin Dornes, der sehr fakten- und zahlenbasiert recherchiert und gearbeitet hat. Es wird deutlich, dass Hüters Bild von wegen „alles ist heute so schlecht wie nie“ sehr große Risse bekommt, wenn man sich seine Quellen und seine Herangehensweise genau anschaut.

   Durch diese Feststellung bröckelt auch eine weitere These des Autors. Nämlich seine These, dass die Verschulung von Kindheit zu eben diesen Missständen (die bei genauer Betrachtung oft gar nicht so „miss“ sind) führen würde. Oder anders gesagt: Würden alle Kinder nur in ihren Familien sozialisiert, würde alles besser werden. Das an sich ist eine sehr vereinfachte Sicht auf die Welt. Sie blendet all die Gewalt und Demütigungen aus, die Kinder nachweisbar seit vielen Jahrhunderten in ihren Familien erlebten. Und bezogen auf heute blendet diese Sicht komplett die sehr heterogenen Familienverhältnisse aus. Viele Familien können ihren Kindern zu Hause gar keine Anregungen, kein Entdecken der Welt und keine Bildung bieten; aus zeitlichen, ökonomischen, intellektuellen, sprachlichen, krankheitsbedingten, kulturellen oder sonst wie gelagerten Umständen heraus. (Nicht jede Familie hat die Möglichkeiten und Mittel, die die Familie Stern hatte, auf die auch Hüter in seinem Buch gerne verweist. Der vielfach begabte André Stern ging nie zur Schule. Bei genauer Betrachtung ist der fehlende Schulbesuch aber gar nicht der zentrale Punkt, sondern das Umfeld, das seine Familie schuf bzw. hatte und die zugewandte Art dem Kind gegenüber.)

   Die Schule ist DIE Chance für alle Kinder, die keine Bilderbuchfamilie haben und das sind nicht wenige. Die Schule ist auch DIE Chance, um Ungleichheit ein Stück weit zu bekämpfen. Die Schule ist auch eine wesentliche Möglichkeit für Kinder, heute überhaupt auf andere Kinder zu treffen. Bei der niedrigen Geburtenrate und überalterten Gesellschaft muss man Kinder in der Nachbarschaft schon manchmal mit der Lupe suchen und findet selbst dann oftmals keine Kinder (ich spreche da bezogen auf meine Familie aus Erfahrung).

   All die Defizite, die es heute sicherlich an Schulen gibt, will ich nicht ausblenden. Viele Defizite sind mir bewusst, ich sehe aber auch die Fortschritte, die an Schulen passieren und passierten. Mir fehlten da von Michael Hüter Anregungen in die Richtung, wie man denn Schule besser machen könnte. Ein Zurück zur reinen Familiensozialisation und Abschaffung der Schulen wird den heutigen Verhältnissen nicht gerecht und ist keine Lösung.

   Sein Blick auf Schule ist mir zudem zu schwarz-weiß, ohne jeden Grauton. So schreibt er beispielsweise an einer Stelle sein vernichtendes Urteil: „Die (staatliche) Pflicht-Regelschule für alle ist einer der gravierendsten gesamtgesellschaftlichen Probleme seit Jahrhunderten und die größte künftige Gefahr für den Fortbestand einer friedlichen, gerechten, humanen, gesunden, sozialen und gebildeten Gesellschaft und Gemeinschaft“ (S. 248). An anderer Stelle spricht er von dem Problem der „totalen Beschulung“ oder der „Eskalation der Schule und Erziehung“ (S. 273, 288). Außerdem differenziert er zu wenig zwischen den möglichen Auswirkungen einer Krippenbetreung von Säuglingen und Kleinkindern und dem Schulbesuch ab ca. dem 7. Lebensjahr (beides entwicklungspsychologisch betrachtet zwei komplett unterschiedliche Lebensphasen). Die „totale Beschulung“ ist für ihn schlicht das Dreigespann „Krippe, Kindergarten und Schule“ (S. 288).

   Das gesamte Buch, um darauf zurück zu kommen, bleibt stets dem Bild treu, dass heute alles schlechter wäre: Zu viele Kaiserschnitte, zu viele Alleinerziehende, zu viele Scheidungen, zu viel Fremdbetreuung, zu viel Leistungsdruck, zu wenig Familie, zu wenig Vertrauen in die Kompetenzen von Kindern usw. Dem möchte ich detailliert gar nicht weiter entgegnen. Wenn man das Buch als Anklageschrift versteht, als Streitschrift, als große persönliche Aufregung und ja auch als Sorge um die heutigen Kinder, so soll man es meinetwegen lesen. Was das Buch nicht leistet, ist eine realistische und faktenbasierte Analyse der IST-Situation von Kindern und Jugendlichen. Der Autor differenziert auch zu wenig und beleuchtet die Dinge zu einseitig. Ein klarer Fluss oder konstruktive Anregungen sind ebenfalls nicht zu erkennen. Und summa summarum trieft das Buch nach meinem Geschmack einfach zu durchgehend von einer dunklen Sicht auf die heutige Welt.
   Negative Aspekte zu beleuchten ist wichtig. Eine triefend dunkle Weltsicht ist dagegen mit Verlaub teils auch gefährlich, weil sie potentiell zum Einreißen alles Bestehenden aufruft. (Insofern verwundert es nicht, dass Hüter gern gesehener Interviewpartner bei Verschwörungsportalen wie KenFM ist.)

   Ich muss gestehen, dass ich es sehr schade finde, in dem Buch keine für mich nützlichen Informationen gefunden zu haben. Der Titel an sich machte mich neugierig und versprach viel. Denn bei aller Kritik bin ich vom Grundsatz her in der Nähe von Hüter: Ich bin gegen zu viel Verschulung, gegen zu viel Wertigkeit von Schule, ich bin auch ein Gegner von Krippen für Kinder 0 bis 3 Jahre (würde aber gleichzeitig nicht die Eltern verteufeln, die ihre Kinder in Krippen geben), ich bin für mehr freie Zeit und freies Spiel von Kindern, ich bin gegen ein Zu-viel und ein Zu-früh von Fernsehen, Computerspielen + sozialen Netzwerken, für mehr Familie und für bessere Schulen und tolle Kitas. Ich bin aber – im Gegensatz zu Hüter wie mir scheint – für einen Prozess, für Veränderungen und Entwicklungen und auch Anpassungen, die auf Kreativität, Wissen und Forschung aufbauen. Und ich bin auch für einen komplexen Blick auf die Welt der Kinder heute in Deutschland und Europa, zu dem gehört, auch die vielen positiven Entwicklungen und Veränderungen anzuerkennen.  Und schlussendlich: Ich bin nicht für ein Infragestellen vom gesamten System.

Mittwoch, 6. Mai 2020

Lloyd deMause (1931 – 2020), ein Nachruf von Christian Lackner


(Mit Einverständnis von Christian Lackner hier veröffentlicht. Vielen Dank dafür!)


Lloyd deMause erzählte mir gerne von seiner Kindheit in Detroit, wo er als Sohn eines Autodesigners  aufwuchs. Aus unseren vielen Gesprächen schließe ich, dass Autos in seinem Leben immer eine gewisse Rolle gespielt haben.

Während seines Studiums der Psychologie an der Columbia University in New York interessierte er sich besonders für psychoanalytische Theorien. Ein Interesse, das seine damaligen Professoren nicht teilten. Nichtsdestotrotz begann er, die Geschichte der Kindheit zu beforschen.

1977 erschien sein erstes großes Werk „Hört ihr die Kinder weinen“ (Im Original: The History of Childhood, 1974). Damit schuf er die Basis für die Erklärung der Wechselwirkungen zwischen der Eltern-Kind-Beziehung und kollektiven Entwicklungen. Dieses Werk erregte großes internationales Aufsehen, wurde in viele Sprachen übersetzt und zum Schlüssel für seine weiteren Forschungsarbeiten, die sich der Erkundung der Ursachen für Fortschritt, oder, wie er es nannte: der psychogenen Evolution, widmete. Lloyd deMause gilt bis heute als die Gründerfigur der Psychohistorie als Wissenschaft. Zahlreiche universitäre Institute auf der ganzen Welt nahmen seine Publikationen gerne auf und übernahmen seine Entdeckungen und Theoriemodelle in ihre Curricula. Unter der Dominanz eines psychologisch-naturwissenschaftlichen Wissenschaftsverständnisses war es für die Psychohistorie nicht einfach, als Disziplin in der Welt der Wissenschaften wahrgenommen zu werden, legte sie sich doch mit anderen Wissenschaften wie der Geschichte, Anthropologie oder der ökonomiekritisch ausgerichteten Sozialpsychologie an.

In den 70er Jahren gründete Lloyd deMause das Institute of Psychohistory. Die ökonomische Basis dieses Instituts bildete ein Verlag. Als ich ihn 1985 das erste Mal persönlich kennenlernte, trafen wir uns in seinem Büro am Broadway, wo an die 30 Angestellte an einer wöchentlich erscheinenden Anzeigengazette für den Verkauf von Gebrauchtwagen arbeiteten. Die Erlöse des Verlages flossen in seine Forschungsarbeiten, die Gründung der International Psychohistory Association und in die Herausgabe des Journal of Psychohistory. Mit dem Verkauf des Verlages Ende der 80er Jahre konzentrierte er sich ganz auf psychohistorische Grundlagenforschung; auf sein Ziel, eine wissenschaftliche Organisation auf die Beine zu stellen und sich weltweit mit Kolleginnen und Kollegen weiter zu vernetzen. Unter vielen anderen stand er mit Alice Miller und Erich Fromm in Verbindung. Er besuchte Deutschland damals regelmäßig, und aus dem Kreis der an seinen Workshops Teilnehmenden ging die bis heute größte psychohistorische Vereinigung außerhalb der USA hervor.

1984 erschien sein dritter großer Wurf (nach den Foundations of Psychohistory 1982): Reagan’s America, ins Deutsche übersetzt von Klaus Theweleit. Darin versuchte sich deMause in einem einzigartigen simultanhistorischen Experiment, den amerikanischen Präsidenten während dessen Amtszeit zu analysieren und zu interpretieren. Er wandte darin seine Hypothesen auf die damaligen politischen und gesellschaftlichen Ereignisse an – teilweise mit prophetisch anmutenden Methoden, die die Ereignisse in naher Zukunft voraussagten, wie zum Beispiel das Schuss-Attentat auf Ronald Reagan, welches er während einer Lehrveranstaltung durch die Analyse kollektiver Phantasiebilder vorhersagte. Er nannte diese von ihm geschaffene Methode „Fantasy Analysis“: Anhand von medialen Bildern (Cartoons, Titelblätter, Filme) ließen sich politische Ereignisse vorhersagen.

Zu seinen bedeutenden wissenschaftlichen Errungenschaften gehört das von ihm kreierte Modell der Psychoklassen, das den Fortgang der Menschheit in rhythmischen Aufeinanderfolgen derselben beschreibt. Die Grundlage bilden die sechsstufigen Kindererziehungsmodi, wobei jeder Modus eine Psychoklasse hervorbringt – innovativ oder rückschreitend.

Die Arbeiten von deMause waren stets transdisziplinär; er verband historische, anthropologische, psychoanalytische, politologische und neuropsychologische Erkenntnisse aus der Pränatalforschung, erstellte logische Zusammenhänge zwischen religiösen, fantasierten und pragmatischen historischen Entwicklungen, schilderte die fatalen Folgen der Gewalt an Kindern als Ursache kriegerischer Auseinandersetzungen – und er startete Projekte, die seine Theorie empirisch untermauerten, wie z.B. die Errichtung von Elternschulen in Boulder, Colorado, mit langfristiger Evaluation der sozialen und ökonomischen Folgen.

Mit seinem vorletzten großen Werk – einer Summa – Das emotionale Leben der Nationen – legte Lloyd im Jahre 2002 sein Lebenswerk der Öffentlichkeit vor. Es ist ein Opus von symphonischer Qualität, ein flüssig lesbarer Erklärungszusammenhang menschlicher Entwicklung, der geradezu herausfordert, kritisch diskutiert zu werden. Es war sein letztes Buch. The Childhood Origins of War konnte er nicht mehr in Buchform herausgeben. Eine Alzheimer Erkrankung verhinderte dies.

Die Arbeiten und Publikationen von Lloyd deMause machten ihn in der wissenschaftlichen Community zur bedeutenden Persönlichkeit und lösten dort Kontroversen aus. Ein zentraler Konflikt bestand in der rigorosen Ablehnung von deMause gegenüber ökonomischen Theorien von kapitalistischer Ausbeutung als Ursache für Gewalt. Die Ökonomie wäre immer nur so gewalttätig wie die darin Agierenden, während jedoch die Politik sich gar nicht ökonomisch vernünftig verhalte,
wenn sie Kriege anzettle, die deutlich mehr kosteten, als sie bringen würden. Demütigung und Rache, frühkindlich induziert, stellen das Problem psychogener Evolution dar, so deMauses Erkenntnis aus seinen Studien.

Die Bedeutung der Arbeiten und Theoriemodelle von Lloyd deMause werden sich noch über Generationen auswirken. Sein Grundgedanke hat sich sowohl legislativ als auch in konkreten Fortschritten in vielen westlichen Ländern niedergeschlagen, zum Beispiel in Form von Gesetzen, die Gewaltausübung gegen Kindern unter Strafe stellen. Er beurteilte den psychogenen Zustand eines Kollektivs gerne anhand – sofern vorhanden – der Statistiken über Kindesmissbrauch. Er verblüffte mich oft mit harschen Antworten auf meine Fragen, wie etwa die, ob es vernünftig sei, die Türkei in die EU aufzunehmen. Er meinte, das wäre noch viel zu früh; und es würde noch mindestens drei Generationen brauchen, bis man so etwas auch nur in Erwägung ziehen sollte.

Nach unseren Begegnungen in den 80er Jahren verloren wir uns aus den Augen, bis Jerrold Atlas, ein Weggefährte von deMause, dem ich eine Gastprofessur an der AlpenAdria Universität Klagenfurt verschaffte, 2003 mit dem Wunsch an mich herantrat, „The Emotional Life of Nations“ auf Deutsch herauszugeben; was in einer Übersetzungsarbeit mündete, die ich an die Bedingung knüpfte, dass Lloyd zur Buchpräsentation 2005 nach Österreich käme, was er nur widerwillig tat, es dann letztlich doch auch sehr genoss. Danach trafen wir uns 2006 in London wieder. Er war zu einem Vortrag in der Winnicott Clinic eingeladen worden. Sein Vortrag wurde zum Skandal, weil er behauptete, dass Österreich und Deutschland an Ländern wie Amerika und Großbritannien in Bezug auf moderne Kindererziehung vorbei gezogen wären.

In seiner Wohnung in Manhattan, wo ich des öfteren übernachtete, lernte ich ihn und seine Familie kennen, und einen Mann so voller aufrichtiger Herzlichkeit und Wärme, wie es sie nur selten gibt. Bei unserer letzten Begegnung 2013 in NYC umarmten wir uns, um im nächsten Moment Fremde zu sein. Aufgrund seiner damals beginnenden Alzheimer Erkrankung erkannte er mich nicht mehr.

Christian Lackner, Klagenfurt, am 29. April 2020, im Auftrag des Vorstandes der Gesellschaft für Psychohistorie und Politische Psychologie, GPPP

Dienstag, 28. April 2020

Der Psychohistoriker Lloyd deMause ist gestorben


Der Psychohistoriker Lloyd deMause ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Dies berichteten einige Weggefährten in der Diskussionsgruppe von „Clios Psyche“. Mittlerweile ist der Tag seines Todes auch bei Wikipedia eingetragen.

Für mich ist es somit Zeit für eine persönliche Rückschau. Es muss ca. im Jahr 2007 gewesen sein, als ich sein bahnbrechendes Buch „Das emotionale Leben der Nationen“ (das in Deutschland 2005 herausgegeben wurde) in die Hände bekam. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich auf das Buch aufmerksam geworden bin. Aber ich erinnere mich sehr genau an den Moment, als ich das Inhaltsverzeichnis las. Das Inhaltsverzeichnis für sich haute mich damals geradezu vom Hocker! Das Buch war für mich ein Schlüsselmoment in meinem Leben.

Ich muss zunächst noch etwas weiter zurückschauen. Seit dem Jahr 2002 befasse ich mich mehr oder weniger intensiv mit dem Gesamtthema Kindesmisshandlung und den Folgen. Damals hatte ich als Student an der UNI Hamburg zunächst die Bücher „Am Anfang war Erziehung“ und „Das Drama des begabten Kindes“ von Alice Miller in die Hände bekommen. In einem Buch über männliche Sozialisation und kritische Männerforschung las ich dann ein Zitat von Arno Gruen, das in etwa so lautetet: „Hass hat seine Ursache im Selbsthass“. Daraufhin besorgte ich mir Bücher von Arno Gruen, der 2001 für sein Buch „Der Fremde in uns“ den Geschwister-Scholl-Preis erhalten hatte. „Der Fremde in uns“ war ebenfalls ein Schlüsselmoment für mich.

Parallel hatte ich am Fachbereich Erziehungswissenschaften ein studentisches Seminar ins Leben gerufen und geleitet, in dem zukünftige Lehrer und Lehrerinnen über das Thema „Sexueller Missbrauch von Kindern“ aufgeklärt wurden (das Thema stand damals nämlich nicht auf dem Lehrplan für zukünftige Pädagogen, was ich als Mangel empfand. Wie das heute ist? Keine Ahnung...). Damals studierte ich Soziologie und im Nebenfach auch Politik. In einem Seminar über die Kriegsursachen am Fachbereich Politikwissenschaften brachte ich mein Wissen über Kindesmisshandlung, Kindesmissbrauch, Arno Gruen und Alice Miller in einer Hausarbeit zusammen. Diesen Text – den ich als (mittlerweile veralteten) Grundlagentext für diesen Blog bezeichne - arbeitete ich dann in meiner Freizeit weiter aus.

2008 gründete ich diesen Blog. Aber: Dem voraus ging die Lektüre des o.g. Buches von Lloyd deMause! Denn eigentlich hatte ich 2007 schon ein ganzes Stück weit mit dem Thema abgeschlossen. Ich dachte mir: Es gibt da eigentlich kaum noch mehr zu entdecken. DeMause hat mich eines Besseren belehrt. Ich las weitere Bücher und Artikel von ihm und tauchte immer mehr in das Thema Psychohistorie ein. Ich bin nicht ganz sicher, aber im Grunde würde ich behaupten, dass dieser Blog wahrscheinlich nicht entstanden wäre, wenn ich damals nicht die Arbeit von deMause entdeckt hätte. Und in der Folge wäre dann auch mein Buch nicht entstanden. Daran denke ich heute und möchte mich für seine enorm wichtige Arbeit hier öffentlich bedanken!

Ich nahm auch seine Schwächen war, z.B. sein Hang zu „Extremen“, sein Hang immer die schlimmsten Zahlen zu zitieren und nicht ein Mittelmaß zu finden oder auch sich - so empfand ich dies - manchmal mit großer Selbstsicherheit zu sehr in psychoanalytische Deutungen zu verstricken. Er kam aber auch aus einer anderen Zeit und seine Arbeiten waren Pionierleistungen. Vermutlich brauchte es da auch ein besonderes Nachvornepreschen.

Was mich immer besonders beeindruckt hat ist (bei allen Extremen, die er hatte) seine oftmals bestechende Klarheit in der Sprache und Sicht. Und seine Texte reißen einen auch mit (das gilt auch für seine Kritiker, die sich ausgiebig mit ihm befasst haben und nicht von ihm lassen konnten).

Diese Klarheit zeigt sich eindrucksvoll auch in einem kurzen Interviewausschnitt mit DeMause, das als Video online zu sehen ist. Kurz, authentisch und präzise macht er klar, dass Hitlers Kampf für das Dritte Reich gegen die mächtigsten Länder der Welt von vornherein rational keinen Sinn machte und dass Kriege emotionale Ursachen haben können. Es war klar, dass Hitlerdeutschland auf Dauer nur verlieren konnte. Dass das „Verlieren“, dass auch der eigene Tod und das Opfern von Millionen Menschen der eigentliche (emotionale) Sinn hinter solchen Phänomenen sein kann, dass hat DeMause in diesem Interview auf seine ihm eigene Art so herrlich deutlich gemacht.
Gut, dass es diesen Menschen gab!

Samstag, 25. April 2020

Step Inside the Circle: Die Kindheitserfahrungen von Gefängnisinsassen

Das Beste, was ich seit langem gesehen habe (hat mich glatt zu Tränen gerührt)! "Step Inside the Circle". (siehe dazu auch das Projekt: Compassion Prison Project)

Gefängnisinsassen gehören zu den mit am häufigsten in der Kindheit traumatisierten und belasteten Menschen überhaupt. Siehe Infos dazu hier im Blog: Kindheit von Gewalt- und Straftätern. Wann endlich werden diese Daten von der Gesellschaft ernst genommen?

Donnerstag, 16. April 2020

China und die Ein-Kind-Politik. Eine traumatisierte Gesellschaft?

Ich habe gestern den Dokumentarfilm „Land der Einzelkinder“ (orig. Titel: One Child Nation) in der ARD-Mediathek gesehen (leider ist der Film seit heute nicht mehr aufrufbar).

Den englischen Trailer dazu gibt es hier zu sehen.

Der Film hat mich tief erschüttert! Die Ein-Kind-Politik hat in China zwischen 1979 und 2015 eine traumatisierte Gesellschaft hinterlassen. Das ist zumindest der Schluss, den ich aus den gezeigten Informationen ziehe.

  • Kinder schämten sich für ihre Geschwister, denn nur ein Kind war gesetzlich erlaubt. 
  • Säuglinge und Kleinkinder wurden (wenn es bereits ein Kind in der Familie gab) ihren Familien entrissen und oftmals über ein Waisenhaussystem an Eltern in westlichen Gesellschaften „verkauft“. 
  • Frauen wurden zu Abtreibungen und Sterilisationen gezwungen. 
  • Wer gegen die Regeln verstieß oder wer sein Kind nicht ausliefern wollte, dem wurde auch schon Mal das Haus eingerissen. 
  • Vor allem weibliche Säuglinge wurden in Körben an Straßenrändern oder auf Märkten abgelegt. In der Hoffnung, jemand würde sie vielleicht mitnehmen. Viele starben einfach. Mädchen waren einfach nichts wert. 
  • Zurück blieben Angehörige (und auch Geschwisterkinder), die bis heute nicht wissen, was mit diesen ausgesetzten oder entrissen Kindern passierte, ob sie noch leben und wie es ihnen geht

Es ist zutiefst erschütternd, wie ein Mann berichtet, dass er als Jugendlicher ständig tote Säuglinge am Straßenrand gesehen hatte. Irgendwann beschloss er zu helfen und brachte die gefunden Säuglinge in ein Waisenhaus. Daraus entwickelte sich aber bald ein Geschäftsmodell, denn die Waisenhäuser bezahlten die „Finder“ und „verkauften“ die Kinder gen Westen.

Besonders tragisch und berührend ist der Bericht über eine Hebamme. Sie hat hunderte Kinder abgetrieben. Nicht selten lebten die Föten (nicht selten abgetrieben im 8. oder 9. Monat) noch. Ihre Schuld ist ihr sehr bewusst. Die Befehle kamen von Oben, aber ausgeführt habe die Befehle doch sie, sagte sie ganz direkt. Im hohen Alter setzt sie sich jetzt nur noch für Paare ein, die Probleme haben, Kinder zu bekommen. Sie hofft, dass sie ihre Schuld dadurch wiedergutmachen kann. In einem Raum zeigt sie die Bilder all der Kinder, die mit ihrer Hilfe auf die Welt gekommen sind…

Wer die Geschichte Chinas etwas kennt, der weiß, dass diese Nation oft traumatisiert wurde. Alleine der Terror unter Mao hinterließ überall traumatisierte Menschen und natürlich Millionen Tote. Der o.g. Bericht zeigt ein weiteres kollektives Trauma auf. Besonders fatal: All dies darf und kann in einer weiterhin bestehenden Diktatur nicht aufgearbeitet werden. Hinzu kommt ein hohes Ausmaß von körperlicher und psychischer Gewalt gegen Kinder im Elternhaus (Early childhood exposure to non-violent discipline and physical and psychological aggression in low-and middle-income countries: National, regional, and global prevalence estimates / siehe Figure 3. Estimated proportion of 2- to- 4-y-olds exposed to physical aggression in LMICs + Figure 4 / + Gewalt gegen Kinder im Elternhaus ist weiterhin legal in China: siehe entsprechenden Länderreport + weitere Daten zum Ausmaß der Gewalt gegen Kinder hier).

Da sich die chinesische Gesellschaft ökonomisch und technisch rasant entwickelt hat und die Menschen dadurch auch ein Stück weit zur Ruhe kommen (nicht mehr im Existenzkampf sind), befürchte ich, dass die kollektiven Traumata irgendwann mit einem großen Knall nach oben kommen. Eine solche Trauma-Geschichte lässt sich auf Dauer nicht kollektiv verdrängen. Ich hoffe sehr, dass dieser Knall nicht wiederum mit Gewalt endet.

Montag, 30. März 2020

Corona-Virus: Als wäre ein Krieg ausgebrochen…

(aktualisiert am 01.04.2020)

Gleich ein Hinweis vorweg: Ich nehme die Gefahr durch das Corona-Virus (COVID-19) sehr ernst (dabei vor allem die potentielle Überlastung des Gesundheitssystems und die besondere Gefahr für ältere oder vorerkrankte Menschen). Ich glaube an die Wissenschaft und derzeit wird die Politik ganz deutlich durch Ratschläge aus der Wissenschaft bestimmt. Wie das Ganze im nachhinein zu beurteilen ist, wird sich wohl erst ca. in einem Jahr zeigen.

Mir geht es in diesem Beitrag um etwas anderes: Ich habe in den letzten Tagen und Wochen sehr viel „Kriegs-Rhetorik“ in den Medien oder auch Reden von Politikern wahrgenommen. Auf das Ausmaß dieser Rhetorik (die sich auch international findet) möchte ich hiermit hinweisen.

Von "Krieg" ist ganz offen die Rede, ebenfalls von "Fronten" oder es werden Vergleiche mir "Waffen" gezogen, die man gegen den "Feind" oder den "Gegner" einsetzen wolle. Und die "Einschläge" kämen näher. Ärzte und Pflegepersonal werden als "Kanonenfutter" dargestellt, die unvorbereitet in "die Schlacht" ziehen müssten. Bzgl. der Folgen für Wirtschaft und Menschen ist immer häufiger auch von "Kollateralschäden" die Rede, einem Begriff, der so auch im Krieg oft fällt.
(Gleichzeitig ist von "Helden" die Rede, die in diesen "Kriegs-"Zeiten gefeiert werden müssten und von den "Opfern", die wir jetzt alle bringen müssen. Und es wird von einer "Luftbrücke" gesprochen, um deutsche Urlauber heim zu holen. Zu diesen zuletzt genannten Bereichen habe ich unten aus Zeit- und Platzgründen nichts aufgestellt, aber wer mag und sucht, wird sehr schnell etliche Artikel mit diesen Begriffen finden.)

Mich befremdet dieser „Kriegsvergleich“ sehr! Wir haben es mit einer sehr ernsten und großen Krise zu tun, die gemeistert werden muss und die gemeistert werden wird. Ein Virus ist kein Feind, er ist ein Gesundheitsproblem. Die „Kriegsrhetorik“ zeigt mir, dass aktuell viele Menschen offensichtlich emotional sehr tief berührt oder gar getriggert werden und in einen inneren Zustand des „Freund-Feind-Schemas“ verfallen. Gleichzeitig drängen andere Probleme in den Hintergrund und die große Gemeinschaft, "das Ganze" wird beschworen. Svenja Flaßpöhler (Philosophin und Publizistin) hat  bei "maybrit illner" am 12.03.2020 folgendes gesagt: "Wir haben endlich mal wieder einen gemeinsamen Feind, ein Virus." Ihren Ausspruch verstehe ich als Deutung der aktuellen, gesellschaftlichen Situation und der gesellschaftlichen Befindlichkeiten, nicht unbedingt als ihre Ansicht. Ich bin kein Psychoanalytiker oder Traumaexperte, es macht aber Sinn, sich diese Rhetorik anzuschauen und sich Gedanken darüber zu machen.

Ich habe in der folgenden Aufstellung vor allem Schlagzeilen oder manchmal auch Zwischenüberschriften aus verschiedenen Medien ausgewählt (die Liste hätte noch länger sein können), die für sich sprechen: 


Zwischenüberschrift: „Der Feind ist erkannt. Doch unsere Waffen gegen das Virus sind noch nicht geschärft. Die Logik erzwingt, dass wir uns eingraben.“ (Stern, Nr. 13, 19.03.2020, S. 61, von Christoph Koch)

Ungarns Premier Viktor Orbán sprach von einem "Zwei-Fronten-Krieg": „Einerseits gibt es die Frontlinie namens Migration und es gibt die der Coronavirus-Epidemie.“ 
https://www.dw.com/de/coronavirus-in-orb%C3%A1ns-ungarn-soros-die-migranten-und-die-seuche/a-52804365

"Corona-Hilfen für die Wirtschaft. Scholz und Altmaier zücken die Bazooka" und im Textverlauf des Artikels: "Es ist die Bazooka", sagte Scholz über ein gemeinsam mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vorgestelltes Hilfspaket gegen die Folgen der Corona Krise. "Was wir dann noch an Kleinwaffen brauchen, das gucken wir später." (Hervorhebung durch mich)
https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/coronavirus-so-wollen-olaf-scholz-und-peter-altmaier-der-wirtschaft-helfen-a-4a59424b-9721-4905-bdc5-0d3c87ea8882

Roberto Burioni. "Wir führen Krieg gegen einen Feind, der unsere Gewohnheiten ausnutzt"
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-03/roberto-burioni-italien-virologe-coronavirus

ANTÓNIO GUTERRES. Dem Coronavirus den Krieg erklären
https://www.derstandard.de/story/2000115815507/covid-19-gemeinsam-durchstehen

O-Ton Joe Biden über Corona: "Das hier ist Krieg. Und im Krieg tust du alles, um deine Leute zu retten."
https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/bernie-sanders-corona-joe-biden-tv-duell

Ausgehsperre in Frankreich. "Wir sind im Krieg"
(Insgesamt sechs Mal habe Frankreichs Präsident Macron diesen oben im SPIEGEL-Titel zitierten Satz in einer Rede an die Nation wiederholt, heißt es im Artikel weiter!!)
https://www.spiegel.de/politik/ausland/coronavirus-in-frankreich-wir-sind-im-krieg-a-50b0dce2-6f7e-4cba-bda1-87fe05bfc7ca

Trump verweigert Hilfe. Schutzlos an vorderster Front: Virus tötet Bus- und Bahnfahrer in New York
https://www.focus.de/politik/ausland/die-stadt-die-schlafen-muss-corona-zwingt-new-york-in-die-knie_id_11822136.html

MICHAEL INACKER KRITISIERT KANZLERIN MERKEL WEGEN CORONA-UMGANG. „Die tatsächliche Lage an der Front ist katastrophal“
https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/coronavirus-die-tatsaechliche-lage-an-der-front-ist-katastrophal-69489554.bild.html

An vorderster Front gegen das Virus: So fühlen sich Rostocks Corona-Helden
https://www.ostsee-zeitung.de/Mecklenburg/Rostock/An-vorderster-Front-gegen-das-Virus-So-fuehlen-sich-Rostocks-Corona-Helden

Corona: Sachsen macht Front gegen das Virus
https://www.lvz.de/Region/Mitteldeutschland/Sachsen-macht-Front-gegen-Corona

Papstsekretär: Priester müssen "an der Front" der Corona-Epidemie sein
https://www.katholisch.de/artikel/24873-papstsekretaer-priester-muessen-an-der-front-der-corona-epidemie-sein

Arzt zu Corona: „Man schickt uns ungeschützt an die Front“
https://www.waz.de/region/rhein-und-ruhr/corona-viele-hausaerzte-im-revier-haben-keine-schutzkleidung-id228596713.html

CORONA-PANDEMIE. Vietnams Kriegserklärung an Corona
https://www.dw.com/de/vietnams-kriegserkl%C3%A4rung-an-corona/a-52923517

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu: "Wir befinden uns im Krieg mit einem Feind: dem Coronavirus" (im Textverlauf)
https://www.die-tagespost.de/politik/aktuell/Betet-zuhause;art315,206436

KRANKHEIT. „Maßnahmen für Krieg“: Eskaliert die Situation um den Coronavirus?
https://www.kosmo.at/massnahmen-fuer-krieg-eskaliert-die-situation-um-den-coronavirus/

Das Coronavirus versetzt Norditalien in den Kriegszustand
https://web.de/magazine/news/coronavirus/coronavirus-versetzt-norditalien-kriegszustand-34535976

„Kriegspräsident“ Trump rüstet zum Kampf
https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/trump-ruestet-zum-kampf-gegen-corona-gesetz-fuer-kriegszeiten-16686390.html

Trump in der Corona-Krise. Der unentschlossene Kriegspräsident
https://www.zdf.de/nachrichten/politik/coronavirus-usa-trump-100.html

Donald Trump kämpft jetzt als „Kriegspräsident“ gegen das Coronavirus
https://rp-online.de/panorama/coronavirus/coronavirus-usa-donald-trump-kaempft-jetzt-als-kriegspraesident_aid-49801477

„Wir befinden uns in der bedeutendsten Mobilmachung der Industrie seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagte Trump-Berater Peter Navarro bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Trump im Weißen Haus zum Thema Corona-Krise
https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/trump-im-krieg-gegen-corona-mehr-als-100-000-infizierte-in-usa-16700550.html

"Wir werden uns nie ergeben und wir werden siegen" erklärte der spanische Präsident Pedro Sánchez zum Thema Corona-Virus
https://www.zdf.de/comedy/heute-show/heute-show-vom-20-maerz-2020-100.html (relativ am Anfang der Sendung)

"Wir befinden uns im Krieg", mahnte der griechische Regierungschef Mitsotakis auf Grund der Corona-Krise in einer TV-Ansprache. "Der Feind ist hinterhältig und unsichtbar"
https://www.handelsblatt.com/dpa/wirtschaft-handel-und-finanzen-virus-mitsotakis-zu-coronakrise-wir-befinden-uns-im-krieg/25654426.html?ticket=ST-1588965-pSjrt3TPveYn7elRDkxy-ap3

CORONA-KRISE. Die Weltmacht im Kriegszustand
https://www.nwzonline.de/hintergrund/new-york-washington-corona-krise-die-weltmacht-im-kriegszustand_a_50,7,3319944325.html

Corona-Krise in Italien: Die "Schlacht um Mailand" steht bevor
https://www.wort.lu/de/international/corona-krise-in-italien-die-schlacht-um-mailand-steht-bevor-5e763aafda2cc1784e3597c7

Arzt schildert Lage in Bergamo. "Der Krieg ist losgebrochen, die Schlachten sind erbarmungslos"
https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_87492038/coronavirus-italien-arzt-berichtet-ueber-dramatische-zustaende-in-bergamo.html

Vom Mali-Einsatz an die Virus-Front – Bundeswehrkrankenhaus erwartet die Corona-Schlacht
https://www.schwaebische.de/ueberregional/panorama_artikel,-vom-mali-einsatz-an-die-virus-front-bundeswehrkrankenhaus-erwartet-die-corona-schlacht-_arid,11204406.html

CORONAVIRUS. Die Wissenschaft wirft gegen Covid-19 alles in die Schlacht
https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wissen/forschung/2054561-Die-Wissenschaft-wirft-gegen-Covid-19-alles-in-die-Schlacht.html

(Untertitel) Die Pandemie wird zu einem neuen Schlachtfeld in einem schon lange währenden Informationskrieg.
https://www.dw.com/de/desinformation-und-propaganda-in-corona-zeiten/a-52952995

Rechte US-Medien: Waffenbrüder
Um Donald Trump zu verstehen, muss man rechte US-Medien verfolgen. In der Corona-Krise haben sich deren Protagonisten und der Präsident auf ein Narrativ geeinigt: Krieg.
https://www.zeit.de/kultur/2020-03/rechte-us-medien-coronavirus-berichterstattung-stephen-bannon-tucker-carlson/komplettansicht

Gemeinde Vò in Norditalien: „Wir haben gelernt, dass das Coronavirus wie ein Scharfschütze ist.“ (Zitat aus dem Artikeltext)
https://www.welt.de/politik/ausland/plus206855551/Vo-in-Italien-Die-Kleinstadt-die-Corona-besiegt-hat.html

 Bürgermeister von Bergamo (Italien): "Es ist erschütternd, was Freunde, die dort fast wie im Schützengraben arbeiten, erzählen. Sie arbeiten rund um die Uhr, ohne zu schlafen." (Zitat aus dem Artikeltext)
https://www.sueddeutsche.de/panorama/coronavirus-italien-bergamo-1.4851056

„Das Spital Papst Johannes XXIII ist das drittgrößte in der Lombardei – und es ist in den letzten drei Wochen zu einer Art nationalem Schützengraben im Krieg gegen das Coronavirus geworden.“ (Aus dem Artikeltext)
https://www.rnd.de/panorama/corona-in-italien-wie-ist-die-aktuelle-lage-der-rnd-report-aus-rom-4Z4IRS7XHJDNZAUV445S6VFWEU.html

Coronavirus-Pandemie. "Medizin wie im Krieg": Kliniken im Elsass arbeiten am Limit
https://www.badische-zeitung.de/medizin-wie-im-krieg-kliniken-im-elsass-arbeiten-am-limit--184385358.html

Notstand in Norditalien. Wie im Krieg: Nur Viruskranke mit guten Chancen dürfen auf die Intensivstation
https://www.focus.de/politik/ausland/dramatischer-krankenhaus-notstand-triage-wie-im-krieg-norditaliens-aerzte-waehlen-intensivpatienten-nach-infektionsschwere-aus_id_11796601.html

„Die Menschen haben wie im Krieg ganz viele Vorräte eingekauft“
https://www.welt.de/vermischtes/video206454089/Sperrzone-Italien-Die-Menschen-haben-wie-im-Krieg-ganz-viele-Vorraete-eingekauft.html

"Wie im Krieg": Leer gefegte Straßen, rigorose Kontrollen in Italien
https://www.tt.com/artikel/30722924/wie-im-krieg-leer-gefegte-strassen-rigorose-kontrollen-in-italien

"Der Einschlag wird kommen"
https://www.spiegel.de/panorama/drohende-corona-welle-in-deutschland-der-einschlag-wird-kommen-a-945438f3-a4eb-4c93-ba1d-672df7088f7b

Corona: Die Einschläge kommen näher
https://www.ingolstadt-today.de/news/corona-die-einschlaege-kommen-naeher-a-27557

Titel: "Ausnahmezustand"
Im Untertitel: Die Pandemie "versetze unsere Gesellschaft in den Kriegsmodus - ohne Krieg"
Im Text bzw. Interview mit dem Soziologen Armin Nassehi: "In der jetzigen Krise müssen die unterschiedlichen Kräfte sich aufeinander beziehen. Historisch gesehen ist das immer nur in Situationen des Ausnahmezustands gelungen. Und das waren meist Kriegssituationen" und etwas weiter ergänzt er: "Kriegswirtschaft ohne Krieg".  (Hervorhebung durch mich)
(DER SPIEGEL, 28.03.2020, Nr. 14, S. 110)

Merkels Corona-Rede: Mit der Kanzlerin im Schützengraben
Im Text heißt es weiter, dass Merkel "in den Verteidigungsmodus" geschaltet habe und weiter heißt es: "Die Kanzlerin im Schützengraben – und sie zieht die Bevölkerung mit hinter die Sandsäcke. Die Verantwortung für eine erfolgreiche Abwehrschlacht gegen Covid-19, so die Botschaft Merkels, liegt bei jedem einzelnen." (Hervorhebung durch mich)
https://www.theeuropean.de/ansgar-graw/kanzlerin-ruft-auf-zu-gemeinsamen-anstrengungen/

Amerikaner decken sich wegen Coronavirus mit Waffen und Munition ein
https://www.focus.de/finanzen/boerse/wirtschaftsticker/virus-amerikaner-decken-sich-wegen-coronavirus-mit-waffen-und-munition-ein_id_11797230.html

CORONAVIRUS. Die Wirtschaft geht in den Kriegsmodus. Was nötig ist, wird produziert
https://www.welt.de/wirtschaft/article206715127/Coronavirus-Die-Wirtschaft-geht-in-den-Kriegsmodus.html

Nahost. Wie gegen Terroristen
Israel schaltet auf Kriegsmodus, um die Ausbreitung der Pandemie in den Griff zu bekommen.
 https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2020-12/artikel-569692/wie-gegen-terroristen-die-weltwoche-ausgabe-12-2020.html

Angst vor dem unsichtbaren Feind: Syrien und das Coronavirus
https://www.dw.com/de/angst-vor-dem-unsichtbaren-feind-syrien-und-das-coronavirus/a-52857118

WHO-Chef Ghebreyesus nennt Coronavirus „Feind der Menschheit“
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/111172/WHO-Chef-Ghebreyesus-nennt-Coronavirus-Feind-der-Menschheit

Das Coronavirus als gemeinsamer Feind. So könnte das Gemeinwesen genesen
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/das-coronavirus-als-gemeinsamer-feind-so-koennte-das-gemeinwesen-genesen/25643730.html

Für die WHO ist das Coronavirus der „Staatsfeind Nummer eins“
https://www.welt.de/vermischtes/video206805593/Kampf-gegen-COVID-19-Fuer-die-WHO-ist-das-Coronavirus-der-Staatsfeind-Nummer-eins.html

Krefelder Corona-Patient verlässt Intensivstation: Feuerwehr „kämpft gegen unsichtbaren Feind“
https://rp-online.de/nrw/staedte/krefeld/coronavirus-in-krefeld-feuerwehr-kaempft-gegen-unsichtbaren-feind_aid-49597271

Merkel zu Coronavirus: "Gegner, den wir nicht kennen"
https://www.sueddeutsche.de/politik/merkel-zu-coronavirus-gegner-den-wir-nicht-kennen-1.4844791

Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner
https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/coronavirus-in-deutschland-kampf-gegen-einen-unsichtbaren-gegner-16653146.html

CORONAVIRUS. Bundesregierung spannt gigantischen Schutzschirm: „Alle Waffen auf den Tisch“
https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/coronavirus-bundesregierung-spannt-gigantischen-schutzschirm-alle-waffen-auf-den-tisch/25642060.html?ticket=ST-2202840-eT9frk9gwXEwJL4jcjgT-ap5

Der Sommer - unsere Waffe gegen das Coronavirus?
https://www.mdr.de/thueringen/corona-klima-resistenz-sommer-winter-virus-100_box--1088467669092664022_zc-194f1a06.html

Rinesh Parmaar, der Chef der britischen Ärztevereinigung:
„Die Ärzte fühlen sich wie Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank oder wie Kanonenfutter. Hausärzte fühlen sich im Stich gelassen. Wir appellieren an den Premierminister, wir müssen die Leute hier an der Front schützen.“ (Hervorhebung durch mich)
https://www.deutschlandfunk.de/coronavirus-in-grossbritannien-britisches-gesundheitssystem.1773.de.html?dram:article_id=473075

Der französische Hausarzt Alain Colombié hat Berichten zu Folge auf Facebook aus Protest wegen der fehlenden Unterstützung in der Corona-Krise ein Nacktfoto von sich veröffentlicht.
Auf einer Kopfbinde schrieb er "chair à canon" (Kanonenfutter). Präsident Emmanuel Macron verlange von Ärzten, "in demselben Aufzug in die Schlacht zu ziehen, den ich auf dem Foto trage" (Hervorhebung durch mich)
https://www.derstandard.at/story/2000116121465/coronavirus-arzt-protestiert-online-mit-nacktfoto-gegen-zustaende-in-frankreich

In einer Onlinepetition von Pflegekräften heißt es: "Nein, es ist nicht wertschätzend, Kanonenfutter zu sein!" (Hervorhebung durch mich)
https://www.change.org/p/covid2019-gemeinsamer-pflegefachkr%C3%A4fte-aufruf-an-jensspahn

Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte zur Corona-Krise:
"Wir sind alle an der Front" und "Wenn nur ein Vorposten nachgibt, nur ein Schützengraben zusammenbricht, dann breitet sich der Feind im Inneren aus."
https://www.afp.com/de/nachrichten/3966/italiens-ministerpraesident-will-deutschland-von-corona-bonds-ueberzeugen-doc-1qb0kw3
Titel: Interview mit Jean Asselborn. "Sind Kollateralschaden geworden": Luxemburg-Minister übt harte Kritik an Deutschland
https://www.focus.de/politik/ausland/aussenminister-asselborn-es-geht-jetzt-um-die-existenz-der-europaeischen-union_id_11838212.html

Wirtschafts-Crash als Kollateralschaden der Virusbekämpfung?
https://computerwelt.at/news/kommentar/wirtschafts-crash-als-kollateralschaden-der-virusbekaempfung/

Siehe weitere Beispiele unten in den Kommentaren!