Samstag, 6. Oktober 2012

Neue Erkenntnisse und gleich ein ganzes Buch über Breiviks Kindheit



Ich wurde gestern von einer Blog-Leserin auf einen interessanten Online-Artikel hingewiesen.  Der norwegische Autor Aage Storm Borchgrevink hat umfassend  recherchiert und ein Buch (bisher nur in norwegischer Sprache) über Breivik und dessen traumatische Kindheit herausgebracht. Bewiesen scheint, dass Breivik eine psychisch kranke Mutter hatte, die ihren Sohn manches mal offen den Tod wünschte und im nächsten Moment wieder „zuckersüß“ mit ihm reden konnte. Der bereits in manchen anderen Medienartikeln geäußerte Verdacht (z.B. hier), dass Breivik auch sexuell missbraucht worden ist, wird durch den genannten Autor offensichtlich noch einmal weiter erhärtet. Vor allem wurde bisher nicht darüber berichtet, wer denn überhaupt der mögliche Täter oder die Täterin war. Borchgrevink lenkt auch hier den Blick auf die Mutter. 

Ich hoffe, dass dieses Buch auch in deutscher oder englischer Sprache erscheint. Ich werde es dann auf jeden Fall lesen. 

Menschen werden nicht zu Massenmördern, wenn sie ein paar mal als Kind angeschrien wurden, sich die Eltern trennten, es zehn mal Schläge gab und Mami oft arbeitete und zu Hause auch noch schlecht kochte. Menschen, die Massenmorde begehen, drücken durch ihre Tat bereits aus, was für tiefe Abgründe sich in ihnen verbergen und wie sie selbst als Kind seelisch ermordet wurden. Das entschuldigt gar nichts, aber es erklärt einiges. 

An dieser Stelle möchte ich auch erneut den Neurologen Pincus zitieren, der seine Erkentnisse über diverse von ihm begutachtete Mörder (über 150) wie folgt zusammenfasste: “It has been amazing to discover that the quality and the amount of „discipline“ these individuals have experienced are more like that of a prisoner in a concentration camp than a child at home.“ (siehe ausführlich über Pincus Buch im vorherigen Beitrag




Kommentare:

JeanneGMG hat gesagt…

46Jeder Angriff ist ein Hilferuf (A Course in Miracles - Ein Kurs in Wundern)

Hallo Sven,

mich überraschen die Ergebnisse der Recherche von Borchgrevink gar nicht so sehr. Ich hatte etwas in der Art bereits vermutet, nachdem ich vor einigen Wochen auf diesen Artikel hier stieß, der einen Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Mutter damals und ihren Aussagen vor Gericht herstellen könnte.
Davon abgesehen, dass es seltsam anmutet, dass eine Mutter sich vor ihrem 4-jährigen Sohn fürchtet, stellt sich die Frage, wie ein junger Mann wohl auf die Idee kommt, sich seiner Mutter sexuell zu nähern und sie küssen zu wollen. Vorausgesetzt die Aussagen der Mutter stimmen, könnte der Grund dafür sein, dass Anders als Kind von ihr sexuell (verbal und körperlich) missbraucht wurde. Dazu passt auch, dass er wohl nie eine feste Beziehung zu einer Frau hatte. Wozu auch, wenn man bereits eine Liebesbeziehung hat, nämlich die mit der eigenen Mutter. Da kommen früher oder später Eifersucht von ihrer Seite oder Schuldgefühle des Sohnes ihr gegenüber auf, sobald er versucht eine angemessene Beziehung zu einer gleichaltrigen Frau aufzubauen oder auch nur in Erwägung zu ziehen. Dass sie ihrem kleinen Sohn andererseits den Tod wünschte, kann nur vermuten lassen, welches aufgestaute Gefühlchaos in ihm geherrscht haben muss und wahrscheinlich noch herrscht. Dann die weitgehende Abwesenheit des leiblichen Vaters. All das könnte auch seine Neigung zu Homosexualität, auf die es ebenfalls Hinweise gibt begünstigt haben.

Es war Zeit, dass sich jemand näher mit der Kindheit des Attentäters beschäftigt, denn es blieben zu viele Fragen offen, die während des Prozesses nicht oder nur unzureichend erörtert wurden. Aber gerade die sind m. E. entscheidend für das Verständnis des Warum. Wie konnte es soweit kommen? Warum scheint dieser Mann keinerlei Mitgefühl zu haben? Auf diese zentralen Fragen gab es bisher keine befriedigenden Antworten. Wären die Ergebnisse von Borchgrevinks Recherchen früher bekannt geworden und hätten in den Prozess mit einfließen können, dann hätte dies u. U. die Urteilsfindung beeinflusst. Man hätte ihn vielleicht doch in die Psychiatrie eingewiesen, anstatt ihn für psychisch gesund zu erklären. Das vorliegende Buch, das so hoffe ich, zumindest ins Englische übersetzt wird, ermöglicht sicher einen umfassenderen Blickwinkel. Nun hat man neben dem 'gefühllosen Monster' auch das verletzte und misshandelte Kind vor Augen und kann ihm das entgegenbringen, wozu Breivik selbst scheinbar nicht in der Lage ist - Mitgefühl.

Solche Erklärungsansätze sind, wie gesagt keine Entschuldigung für einen Massenmord, aber sie können helfen, uns und die grundlegenden Probleme unserer Gesellschaft besser zu verstehen und um künftig solche Eskalationen zu verhindern. So werden Menschen wie Anders Breivik oder sein Pendant in den USA, James Holmes, stellvertretend zu einem Symbol für eine Gesellschaft die -weitgehend unbewusst- die Fehler der vorangegangenen Generationen immer wieder aufs Neue reproduziert. Denn oft geben unsere Eltern kritiklos nur das an uns weiter, was sie selbst als Kind gelernt haben. So sicherlich auch Breiviks Eltern. Ein Übriges trägt dann noch die vorherrschende stark polarisierende Weltanschauung, die auf Trennung anstatt auf Einheit beruht (ein Thema für sich) wie Ich gegen Dich, Wir gegen Sie, Christentum gegen Islam etc. bei. Nicht nur das, vielmehr ist diese Weltanschauung ursächlich verantwortlich für die Konflikte und Kriege auf unserer Welt.

JeanneGMG hat gesagt…

Ergänzung:

Der Zusammenhang zwischen destruktiver Kindheit und
Kindesmisshandlung, und den daraus resultierenden Problemen im späteren Leben, die leider nicht selten in Gewalt ihr Ventil suchen - und finden, ist immer noch ein heißes Eisen in unserer Gesellschaft. Viele Menschen haben Scheu davor, sich mit dem Thema auseinander zu setzen, weil dies früher oder später die Konfrontation mit der eigenen Kindheit nach sich zieht.

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo JeanneGMG,

danke für diesen ausführlichen und klaren Kommentar. Ich kann Vielem nur zustimmen.

Allerdings begrüße ich das Urteil gegen Breivik. Denn er wollte und er wusste, was er tat. Den Weg zu erklären, der einen Menschen derart in Hass und Mitleidlosigkeit abgleiten lassen kann, ist wichtig (vor allem auch für Prävention), sollte aber, so meine Meinung, keinen Einfluss auf die Urteilsfindung in Richtung psychiatrische Unterbringung haben.

Viele Grüße

Sven

Anonym hat gesagt…

hallo Sven, ich habe diesen Artikel zu Breivik gefunden.

http://www.tagesspiegel.de/politik/aus-seinen-abgruenden-psychogramm-eines-massenmoerders/4431098.html

worauf ich hinauswill, ist das hier Breivik seinen Stiefvater eine "sexuelle Bestie" nennt. Ich erinnere, dass (fast) der gleich Wortlaut auch in einem Artikel von dir gefallen ist, wo ebenfalls ein Mörder/Sadist (glaube es war ein Serienprostituierten-Killer) seinen (Stief?)vater so nennt.

Frage an dich: Ist dir dieser Wortlaut bei deinen Recherchen zu anderen Mördern etc. schon öfter aufgefallen? Siehst du darin eher ein Zeichen von direkter Übergriffigkeit durch die Väter, oder ein "zu Eigen machen" bzw. Identifikation mit den eventuell unbewussten Gefühlen der Mutter? Woanders schriebst du ja u. A. dass Breiviks Mutter Ängste gegenüber Männern hatte, auch und gerade Angst vor Sexuellen Übergriffen, etc.

Würde mich interessieren was du denkst, danke für deine Antwort.

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo,

hmm ich habe das mit dem "sexuellen Bestie" bzgl. Breivik erwähnt, aber meiner Erinnerung nach nicht bzgl. einem anderen Mörder. Wohl aber gibt es einige Väter von Massenmördern, die sich ständig mit anderen Frauen trafen und fremdgingen (z.B. der Vater von Francisco Franco). Das an sich ist eine Belastung für die Familie, keine Frage.
Viel wesentlicher finde ich aber direkte (kumulierte und in verschiedenen Formen) Gewalt gegen das Kind, was auch im Fall Breivik nachgewiesen ist: http://kriegsursachen.blogspot.de/2014/01/aage-borchgrevinks-norwegian-tragedy.html