Donnerstag, 19. Mai 2022

Kindheit von Zar Nikolaus II. (Russland, 1868 - 1918)

Nikolaus II. erhielt „nicht die bestmögliche Erziehung für sein künftiges Herrscheramt. Er wuchs als ältestes der fünf Kinder (…) in der spartanischen Atmosphäre auf, die sein Vater so schätzte“ (d'Encausse 1998, S. 69). Die Erziehung des jungen Nikolaus sei durch „Dürftigkeit, ja sogar Strenge der Lebensführung“ geprägt gewesen (d'Encausse 1998, S. 69). 

Nikolaus musste in seiner Kindheit den Tod seines jüngeren Bruders Alexander verkraften.  Sein Bruder Georg erkrankte an Tuberkulose und musste künftig in einem Sanatorium leben. „Dass er nicht mehr da war, bedeutete für Nikolaus den Verlust einer Kameradschaft, die ihren Einfluss auf ihn wahrscheinlich nicht verfehlt hätte“ (d'Encausse 1998, S. 70).

1881 erlebte der künftige Herrscher (…) hautnah die Gewaltbereitschaft seines Volkes, als der zerfetzte und mit abgerissenen Beinen im Todeskampf zuckende Leib seines Großvaters Alexander II. in den Zarenpalast gebracht wurde, wo sich die Familie um den Sterbenden versammelte. Nikolaus sollte diesen Moment nie mehr vergessen (…)“ (d'Encausse 1998, S. 70). Sein Großvater war einem Attentat zum Opfer gefallen. Nikolaus II. war damals gerade einmal dreizehn Jahre alt und war laut Berichten „totenblass“, als er all dies mitansehen musste (Ferror 1991, S. 19).

Schon unter Alexander II. war in Russland der erste Polizeistaat der westlichen Welt entstanden (Ferror 1991, S. 22ff.). Nach dem Attentat wurde Alexander III., der Vater von Nikolaus II., Zar von Russland und regierte „mit Hilfe eines Schreckensregimes“ (Ferror 1991, S. 26).
Alexander III. ließ alle liberalen Ansätze des früheren Regimes fallen und verkündete seinem Volk im Gegenteil sein Manifest vom 28. April 1881, dass er als absoluter Monarch regieren werde und die Geschicke des Reichs in Zukunft nur zwischen Gott und ihm zu erörtern seien“ (de Grünwald 1965, S. 13). Liberale Mitarbeiter wurden in der Folge entlassen, die Presse geknebelt, die Autonomie der Hochschulen praktisch aufgehoben, Überwachung ausgeweitet, Juden zu Sündenböcken gemacht usw. 

Der Vater von Nikolaus wird u.a. wie folgt beschrieben: „(…) seine hohe, massige Gestalt und sein bärtiges Gesicht erinnerten jeden seiner Untertanen an einen Bauern Zentralrusslands“ (de Grünwald 1965, S. 13). Der Biograf Marc Ferro beschreibt bzgl. diesen Vaters einen Widerspruch: „Für den jungen Nikolaus war Alexander III., dieses strenge und grobe Familienoberhaupt, als `Vater die Zärtlichkeit in Person`“ (Ferror 1991, S. 30). Er habe seinen Sohn geherzt und geküsst, während „die Mutter sich in den Beziehungen zu ihrem Sohn mit dem begnügte, was das Protokoll verlangte (…)“ (Ferror 1991, S. 30).
Strenge und Grobheit werden hier in einem Satz mit zärtlicher Zuneigung beschrieben. Für mich passt dies nicht ganz zusammen (und ich habe schon häufig bei solchen Recherchen diese Art von Widerspruch gefunden: Strenge und Liebe im gleichen Satz!). Auch die Kälte bzgl. des politischen Agierens passen hier nicht ins Bild. Ich würde nicht in Abrede stellen, dass dieser Vater Zuneigung ausdrückte (die Belege dafür gibt es offensichtlich). Ich warne aber davor, daraus auf eine grundsätzlich zugeneigte Vater-Sohn-Beziehung zu schließen, die z.B. Strafen und/oder Gewalt ausschließt. Für letzteres fand ich keine Belge, weder dafür noch dagegen. Wie der Erziehungsalltag und ggf. Strafen aussahen, bleibt also im Dunkeln. Dass die Mutter ihrem Sohn weit weniger zugeneigt war, geht ergänzend aus den o.g. Zitaten hervor. 

Ansonsten betont d'Encausse (1998, S. 72f.) die Unfähigkeit, Borniertheit und den Konservatismus von den Erziehern (darunter ein General), die Alexander III. seinem Sohn ausgesucht hatte. „Sein Vater bestimmte einen obskuren General namens Danilowitsch zu seinem Erzieher, einen Mann, der durch nichts, außer durch seine ultrakonservative Gesinnung, für diese verantwortungsvolle Aufgabe geeignet schien. (…) Er verstand es, die moralischen Ansichten des jungen Prinzen zu bestimmen und erzog ihn zu der außergewöhnlichen Zurückhaltung und Verschlossenheit, die der hervorstechendste Zug im Charakter von Nikolaus II. werden sollte. Die autoritäre Art Alexanders II. wirkte sich im gleichen Sinne aus: da der Zar auch nicht den leisesten Widerspruch duldete, zwang er Frau und Kinder, ihr Tun und Lassen vor ihm zu verbergen“ (de Grünwald 1965, S. 21). Hier wirkten also sowohl Erzieher als auch der autoritäre Großvater Alexander II. auf Nikolaus ein. Auch hier bleibt im Grunde unklar, wie der Erziehungsalltag wirklich aussah. 
Ein weiterer Erzieher, der allerdings nur fünf Monate wirkte, beschreibt lobend die Gelehrigkeit, Folgsamkeit und den spontanen Gehorsam von Nikolaus (de Grünwald 1965, S.22f.) Niemals hätten Rügen erteilt werden müssen, so der Erzieher. 

Zusammenfassend sehen wir einzelne, potentiell traumatische Erfahrungen (Attentat auf Großvater, Tod des Bruders, Verlust des zweiten Bruders), eine Mutter, die in den Berichten kaum auftaucht und ein widersprüchliches Bild über den Vater. Ergänzt wird dieses Bild über die negativen Berichte von Erziehern, allerdings ohne konkrete Schilderungen über evtl. Belastungen für den Jungen. 

Verglichen mit anderen Zaren erscheint die Kindheit von Nikolaus II. weniger belastet zu sein. Die Familie war auch etwas enger zusammen (de Grünwald (1965, S. 20) berichtet u.a. auch von einer harmonischen Ehe der Eltern und vom Zusammenleben der Familie in bescheidenen Gemächern), als bei vorherigen Zaren üblich. Dies passt auch in die Zeitachse: Je weiter wir in der Geschichte zurückschauen, desto schlimmer wird oft das Bild, das wir über Kindheit bekommen. 

Nikolaus II. war Russlands letzter Zar, er wurde 1918 ermordet. 


Quellen:

d'Encausse, H. C. (1998). Nikolaus II.: Das Drama des letzten Zaren. Paul Zsolnay Verlag, Wien.

de Grünwald, C. (1965). Der letzte Zar. Leben und Tod Nikolaus II. Paul Neff Verlag, Wien / Berlin. 

Ferro, M. (1991). Nikolaus II. Der letzte Zar. Benzinger Verlag, Zürich. 


The Childhood of Vladimir Putin

(original in German: https://kriegsursachen.blogspot.com/2022/05/die-kindheit-von-wladimir-putin.html; translation by Gabriella Becchina)

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Introduction

“Does Putin's traumatic childhood have a link with Ukraine and other wars? Looking at his backstory does not justify his actions but offers one of the many explanations for an unfolding crisis. And a lesson for many of us” (Singh 2022). I can’t but agree. His childhood explains a lot and yet excuses nothing!

In addition, one must keep in mind that there is also an inherent connection to childhood and trauma experiences in Russia. Russia is not just Putin. His actions would not be possible without the direct or tacit support of countless people. Childhood in Russia was and is a great source of strain (see: “The Cruel and Brutal Russian Family of the 17th Century and the Relation to Contemporary Times” (Fuchs 2022) and “Childhood in Russia” (Fuchs 2014). Of course, this also has (political) consequences.

Parents traumatized by war

Let us now tackle his childhood and family backgrounds. Putin's father fought on the front lines during World War II and was almost killed. Putin's mother also nearly died when her hometown of Leningrad was besieged and starved (Baker & Glasser 2005, p. 40).

In an article, Vladimir Putin (2015) explicitly described his parents' war experiences. His father was part of a diversion group of 28 people. They were once ambushed. His father survived only because he spent hours burying himself in a swamp and breathing through a reed. Of the 28 men, only four returned alive. Putin's father was immediately sent back to the front. There he was badly wounded and almost lost a leg. He had metal splinters in his body all his life. He was only fortuitously saved because a neighbor found him and dragged him to the military hospital at the risk of his life. While there, he diverted food for Putin's mother and their three-year-old son, which led to Putin's father sometimes fainting from hunger. Meanwhile, his mother had to withstand the siege of Leningrad. Her son was eventually taken away from her. He came into a home to save him from starvation. However, the little boy fell ill with diphtheria and died.

He was buried in a mass grave with over 470,000 further people (Myers 2015, p. 11). The family had previously lost a child who had died shortly after birth (Baker & Glasser 2005, p. 40).

At the time, Putin's mother was also closer to death than to life. Putin goes on to tell how one day his father was walking home on crutches. Paramedics were carrying bodies outside, including Putin's mother. The father discovered that she was still breathing. He cared for his wife and was able to save her (Putin 2015). Putin adds that five of his father's six brothers died in the war. His mother also lost relatives.

Putin's parents combined must have been highly traumatized people. We know today that this can put a heavy burden on the offspring (keyword: transgenerational transmission of trauma).

Childhood nightmare

The family lived in only one room and Vladimir's life arguably took place mainly outside and in backyards. "Everyone somehow lived within themselves," as recounted later by Putin in his description of that period and life with his parents. "I can't say that we were a very emotional family, that we discussed anything much. They kept a lot to themselves. I still wonder today how they dealt with the tragedies” (Seipel 2015, chapter: “Upheavals of the Past”). Another source describes how his parents left the boy to his own devices and he basically grew up as a type of street kid (Retter 2022). The living conditions were poor, they had to share the kitchen with others; to wash, the family went to public washhouses and often had to dodge hordes of rats in their home (Baker & Glasser 2005, p. 41).

Putin's father is described as a hard, strict and silent man who showed no feelings towards his son Vladimir and often argued with him. Once Vladimir left town with his friends without telling his parents. When he returned home, his father beat him with a belt (Baker & Glasser 2005, pp. 41f.). The biographer Steven Lee Myers (2015, p. 12) describes him in a very similar way: "Vladimir`s father was taciturn and severe, frightening even to people who knew him well." Myers (2015, p. 14) confirms the previously described fatherly violence against the son as well.

"His father was, by all accounts, concerned primarily with discipline, not with the quality of schooling his son received," writes Gessen (2014, p. 47f.) and adds that the boy initially had little interest in his education and most of the biographical descriptions from this period centered on the many "fistfights of his childhood and youth". On the street and with regard to the other boys, everything revolved around “constant drinking, cursing, fistfights. And there was Putin in the middle of all this,” reported a former classmate (Gessen 2014, p. 48).

Putin's former teacher, Vera Gurevich, relayed that she once visited the father and explained to him that his son was not developing his full potential. The father replied: "Well, what can I do? Kill him or what?" (Myers 2015, p. 15). Quite an unusual answer, which in turn testifies to the roughness of this person.

Putin, who was younger and slimmer than the other children around him, tried to hold up by persistently fighting. He also brought this violence to school, which got him into trouble and made him an outsider: "The school punished Putin by excluding him from the Young Pioneers Organization - a rare, almost exotic form of punishment, generally reserved for children who were held back repeatedly and essentially deemed hopeless. Putin was a marked boy: for three years, he was the only child in the school who did not wear a red kerchief around his neck, symbolizing membership in the Communist Organization for ten-to-fourteen-year-olds” (Gessen 2014, p. 48).

“As is almost always the case with bullies, Putin started out as a victim. (…) he was bullied and humiliated as a child” (Strick 2022). Myers also confirms that Putin was bullied and attacked because of his small size (Myers 2015, p. 15, 153). Ihanus (2022) describes another scene in which attacks against Putin took place: "His former teacher Vera Gurevich once said that the small Putin was locked by other schoolmates in the girls’ toilet where the girls slapped him."

Learning martial arts was evidently a way for the young Putin to be able to defend himself. He was used to violence since childhood. His teacher Vera Gurevich reported that when Putin broke the leg of one of his classmates at the age of 14, he said that some people "only understand violence" (Welt-Online 2022).

Are Putin's parents his biological parents?

In a research series (Dobbert 2015), Die ZEIT newspaper addressed the subject of Vera Putina, the woman who claims to be Vladimir Putin's real mother. Apparently, there is some evidence to justify publishing this story (including similarities in facial features between her and Putin). I myself don't want to skip this chapter, thus referring to the article (which can be viewed online and is very interesting). However, questions obviously still persist and there is no absolute certainty (through a genetic test) about this story. If the story is true, then Vladimir had an ominous odyssey of changing caregivers behind him, which would have implied an enormous burden for the child.

The story goes like this: Vera Putina fell in love with a man named Platon Privalov and became pregnant. Only then did she find out that he was married, and broke up with him. She moved in with her parents. During that time, she had to leave her barely two-year-old son with her parents for weeks at a time because her work took her out of town. Eventually, she met a Georgian, married him and moved to Georgia with her illegitimate son. A girl was born. For years there was a dispute about the boy. Her husband no longer wanted him to stay. Once her husband's sister simply gave the boy away to a strange man. The mother went looking for her son and brought him back. After that, she decided to place him with her parents again. However, her father became very ill and the boy had to move to foster parents who were distant (childless) relatives of her parents: Vladimir Spiridonovich Putin and Maria Ivanovna Putina (Putin's official parents).

Stanislav Belkovsky (2022, pp. 42f.) also doubted the official version of Putin's origins in his biography of Putin and basically explained the ZEIT story in a similar way (his book was originally published in 2013, i.e. before the ZEIT article). As a result of these experiences, Vladimir had become a withdrawn and grim child. In addition, he has hated Georgians as an ethnic group and as a category since then.

I find a further piece of information regarding the above-mentioned context noteworthy. Sadovnikova (2017, p. 30) specifies that Putin's father wanted a son. The mother actually didn't want a child (let’s also remember: she had lost two children before), but agreed. In this respect, Putin was an unwanted child on the part of his mother (which may have influenced the mother-son bond). For one. According to the source, the father wanted a son, which there is approximately a 50/50 chance for through natural pregnancy. The situation is different when a son is "offered" through relatives, as suggested in the above-mentioned ZEIT article. Just as an additional mental note.

Closing remarks

It is safe to say that Vladimir Putin's childhood was not "exotic" in the Russia of that time. Many Russians grew up with parents traumatized by war, in poverty and with violence, and were neglected and/or experienced the death of family members. With it loomed the shadows of Russian history: e.g. the oppression by the tsars, Stalin's terror, famines, all the wars, serfdom and despotism. Still, I would not use this information and background to say that not all people who grew up this way became like "Putin" (which is often used as an argument to downplay any contingent bearings). Needless to say, there is something psychopathic about Putin that few people develop in this fashion. However, his actions would not have been possible without the direct or tacit support of countless Russian people (including those following and helplessly frozen), as I already wrote at the beginning. The circle is now closing, especially in light of the suffering and trauma endured by many!

Or as Juhani Ihanus (2008, p. 255) expressed it: "The mystery and charisma of the leader reflect the secrets of abuse, shared by the majority of Russians in one form or another."



Bibliography

Baker, P. & Glasser, S. (2005). Kremlin Rising: Vladimir Putin's Russia and the End of Revolution. A Lisa Drew Book/Scribner, New York. Kindle e-book Edition.

Belkowski, S. (2022). Wladimir: Die ganze Wahrheit über Putin. Redline Verlag, München (3rd edition). Kindle e-book edition.

Dobbert, S. (2015, May 7): Vera Putina’s Lost Son. DIE ZEIT. https://www.zeit.de/feature/vladimir-putin-mother

Fuchs, S. (2022). Die grausame und rohe russische Familie des 17. Jahrhunderts und der Bezug zur heutigen Zeit. https://kriegsursachen.blogspot.com/2022/04/die-grausame-und-rohe-russische-familie.html

Fuchs, S. (2014). Kindheit in Russland. https://kriegsursachen.blogspot.com/2014/04/kindheit-in-russland.html

Gessen, M. (2014). The Man Without a Face: The Unlikely Rise of Vladimir Putin. Granta, London. Kindle e-book edition.

Ihanus, J. (2008). Putin the Aging Terminator: Psychohistorical and Psychopolitical Notes. The Journal of Psychohistory, Winter 2008, 35(3), S. 240-269. 

Ihanus, J. (2022). Putin, Ukraine, and Fratricide. (will be published in Clio's Psyche, spring issue, discussed in advance and sent to participants of the "Psychohistory Forum Virtual Meeting" on May 14, 2022)

Myers, S. L. (2015). The New Tsar: The Rise and Reign of Vladimir Putin. Alfred A. Knopf, New York. Kindle e-book edition. 

Putin, W. (2015, May 9). Das Leben ist eine einfache und grausame Sache. Frankfurter Allgemeine-online. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wladimir-putin-zum-70-jahrestag-des-kriegsendes-13578426.html

Retter, E. (2022, Feb. 23). Vladimir Putin's childhood explained - from 'miracle baby' to power-crazed president. Mirror. https://www.mirror.co.uk/news/world-news/vladimir-putins-childhood-explained-miracle-26303775?utm_source=twitter.com&utm_medium=social&utm_campaign=sharebar

Sadovnikova, A. (2017). Wenig folgsam und sehr frech. In: DER SPIEGEL-Biografie (Ed.). Wladimir Putin. 05/2017. SPIEGEL-Verlag, Hamburg.

Seipel, H. (2015): Putin. Innenansichten der Macht. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg. Kindle e-book edition.

Singh, D. (2022, March 15). Putin's rough childhood and its shadow over Ukraine and other wars. India Today. https://www.indiatoday.in/news-analysis/story/russia-ukraine-war-vladimir-putin-childhood-1925663-2022-03-15?t_source=rhs&t_medium=It&t_campaign=readthis&utm_source=twshare&utm_medium=socialicons&utm_campaign=shareurltracking

Strick, K. (2022, March 24). Is Vlad mad or bad? The life of Putin — from a childhood being chased by rats to today’s isolation and paranoia. Evening Standard. https://www.standard.co.uk/insider/vladimir-putin-russia-ukraine-war-background-president-life-covid-pandemic-b988399.html

Welt-Online (2022, Feb 22). Putin als Jugendlicher: „Wenn der Kampf unvermeidbar ist, muss man als Erster zuschlagen“. https://www.welt.de/politik/ausland/article237062307/Putin-Wenn-der-Kampf-unvermeidbar-ist-muss-man-als-Erster-zuschlagen.html


Author profile (in german): https://mattes.de/autoren/fuchs_sven.html


Dienstag, 17. Mai 2022

Sind naturnahe Völker "im Grunde gut"?

 „Bei den naturnahen Völkern helfen Kinder öfter, teilen mehr und wirken auch sonst glücklicher. Was können wir von deren Erziehungsgeheimnissen lernen?“ fragt Saara von Alten für einen Artikel im Tagesspiegel (15.05.2022: „Erziehungsgeheimnisse indigener Kulturen: Wie Kinder freiwillig im Haushalt helfen und teilen lernen“)

Ausgangspunkt ihrer Recherche ist das neue Buch „Kindern mehr zutrauen: Erziehungsgeheimnisse indigener Kulturen. Stressfrei – gelassen – liebevoll“ von Michaeleen Douclef. 

Ich bin kein Ethnologe und ich schließe nie aus, dass ich mich bei diesem Themenfeld auch irre. Aber ich musste einige Mal schwer durchatmen, als ich den Artikel las. Die Idealisierung von indigenen Kulturen ist mir schon oft begegnet. Meine Recherchen zeigten dagegen ein anderes Bild und auch viele dunkle Seiten, die sich bei diesen einfachen Kulturen offenbaren. Siehe dazu das Kapitel „Es gab kein Paradies! Gewalt in vorzivilisatorischen Gesellschaften“ in meinem Buch

Neben Doucleff verweist die Autorin auch auf die Arbeit von Jean Liedloff („Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“), die ich wiederum in meinem Buch kritisiert habe. 

Der Schlussteil des genannten Tagesspiegel-Artikels macht dann aber noch eine Wendung, die ich richtig und wichtig fand. Sie schreibt: „Sicherlich kann man den beiden Autorinnen entgegenhalten, dass sie die Yequana oder Mayas sehr idealisieren. So erwähnen sie nicht, dass der hohe Gemeinschaftssinn in naturnahen Völkern oft zulasten der Individualität geht, weshalb einige Indigene aus ihren Stämmen ausbrechen und in die Städte ziehen. Ebenso haben Mayas oder Yequana in ihrer Vergangenheit wie westliche Nationen Kriege geführt. Auch zum Thema Gleichberechtigung gibt es je nach Region unterschiedliche Beobachtungen: In einigen Jäger- und Sammlervölkern war beispielsweise Frauenraub ein legitimes Mittel zur Stammeserhaltung.“
Ich würde dem noch Stichwörter wie Kindes-/Säuglingstötungen, hohe Kindersterblichkeit, schmerzhafte bis traumatisierende Initiationsriten, Aussetzen oder Töten von kranken oder alten Mitgliedern des Stammes, hoher Konformitätsdruck und andere Formen der Kontrolle von Kindern (z.B. stark verängstigende Gruselgeschichten, „Lernen“ durch Verletzung/Unfälle z.B. unkontrolliertes Spielen am Feuer, mit Messern usw. oder Ausschluss aus der Gruppe) anhängen. 

Wenn es darum geht, positive Aspekte der Kindererziehung in indigenen Kulturen zu übernehmen (z.B. lange Stillzeit, viel Körperkontakt, keine getrennten Schlafräume für Babys usw.), dann bin ich sofort dabei! Auch dies betont die Autorin des Artikels, was ich wunderbar finde. 

Insofern möchte ich den Artikel auch gar nicht zu sehr kritisieren, weil er eine gewisse Ausgewogenheit erreicht. Etwas widersprüchlich wurde es dann aber noch an einer Stelle: „Auch nach einem cholerischen Wutanfall à la Klaus Kinski“ (siehe seinen Ausraster hier) könne man in indigenen Gemeinschaften lange suchen, so die Autorin. In diesem Zusammenhang fällt das Wort „Gelassenheit“. Allerdings erwähnt die Autorin in diesem Kontext auch, dass bei den damaligen Dreharbeiten im lateinamerikanischen Dschungel die Amazonas-Bewohner dem Regisseur angeblich anboten, Klaus Kinski nach dessen langem Wutanfall zu töten. Traditionelle Art von „Gelassenheit“ halt…, wenn ich das so anmerken darf.

Ähnlich argumentierte auch Rutger Bregman (2020) in seinem Buch „Im Grunde gut“. Er kritisiert in seinem Buch das schlechte Bild über Jäger- und Sammlerkulturen. Er betont dagegen den Zusammenhalt, die häufige Friedfertigkeit und die innere Ausgeglichenheit dieser Völker. An einer Stelle erzählt er dazu eine Geschichte, um seine Thesen zu untermauern: 

Natürlich hat es immer Menschen gegeben, die sich nicht an diese Ehrlich-teilen-Etikette gehalten haben. Aber damit gingen sie ein großes Risiko ein, denn wer sich arrogant oder gierig verhielt, konnte verbannt werden. Und wenn selbst das nicht half, gab es ein letztes Mittel: Nehmen Sie einen Vorfall, der sich unter den !Kung ereignete. Die Hauptperson war /Twi, ein Mitglied des Stammes, das zuvor zwei Menschen getötet hatte und sich immer untolerierbarer aufführte. Die Gruppe hatte genug davon: `Und dann feuerten sie giftige Pfeile auf ihn, bis er wie ein Stachelschwein aussah. Er lag still da. Alle traten näher heran, Männer und Frauen, und durchbohrten ihn mit Speeren, bis er tot war.` Anthropologen zufolge müssen sich solche Szenarien in prähistorischen Tagen von Zeit zu Zeit ereignet haben. Wenn jemand die Nase über den anderen rümpfte, rechnete die Gruppe mit ihm ab. So domestizierte der Mensch sich selbst“ (Bregman 2020, S. 120).
Die Aussage hier ist klar: Die Kultur ist im Grunde harmonisch und gut! Sie duldet keine Disharmonie und Destruktivität innerhalb der Gruppe. Man löst dies in diesen einfachen Kulturen durch Verbannung (was dem Tod gleichbedeutend ist) oder durch kollektiven (grausamen) Mord. Bleibt mir noch anzufügen, dass im kleinen Rahmen dieser Gruppen auch die Kinder Zeugen dieses Gemeinschaftsmordes geworden sein werden, eine höchst traumatische Erfahrung. 
Schauen wir abschließend auch auf die drei Morde aus diesem o.g. Fallbeispiel und setzen sie in Relation zu den oft sehr kleinen Gruppen: Die Mordrate bei dieser !Kung Gruppe wäre entsprechend hoch


Donnerstag, 12. Mai 2022

Die Kindheit von Wladimir Putin

aktualisiert am 18.05.2022

Does Putin's traumatic childhood have a link with Ukraine and other wars? Looking at his backstory does not justify his actions but offers one of the many explanations for an unfolding crisis. And a lesson for many of us” (Singh 2022). Dem kann ich nur zustimmen. Seine Kindheit erklärt vieles und entschuldigt dennoch nichts! 

Ergänzend muss bedacht werden, dass es auch eine Verbindung zu Kindheit bzw. Traumaerfahrungen an sich in Russland gibt. Russland ist nicht nur Putin. Seine Taten wären ohne eine direkte oder stillschweigende Unterstützung unzähliger Menschen nicht möglich. Kindheit in Russland war und ist sehr belastend (siehe: Die grausame und rohe russische Familie des 17. Jahrhunderts und der Bezug zur heutigen Zeit und Kindheit in Russland). Auch dies hat selbstverständlich (politische) Folgen. 

Kriegstraumatisierte Eltern 

Kommen wir nun zu seinen Kindheits- und Familienhintergründen. Der Vater von Putin kämpfte im Zweiten Weltkrieg an der Front und wurde dabei fast getötet. Putins Mutter kam ebenfalls fast zu Tode, als ihre Heimatstadt Leningrad belagert und ausgehungert wurde (Baker & Glasser 2005, S. 40). 

Wladuimir Putin (2015) hat in einem Artikel die Kriegserlebnisse seiner Eltern deutlich beschrieben. Sein Vater war Teil einer Diversionsgruppe von 28 Mann. Sie gerieten einst in einen Hinterhalt. Sein Vater überlebte nur, weil er sich stundenlang im Sumpf vergrub und durch ein Schilfrohr atmete. Von den 28 Mann kamen nur vier lebend zurück. Putins Vater wurde sogleich wieder an die Front geschickt. Dort wurde er schwer verwundet und verlor fast ein Bein. Er hatte sein Leben lang Metallsplitter im Körper. Nur durch Zufall wurde er damals gerettet, weil ihn ein Nachbar fand und ihn unter Lebensgefahr zum Lazarett schleppte. Im Lazarett zweigte er Lebensmittel für Putins Mutter und den gemeinsamen dreijährigen Sohn ab, was dazu führte, dass Putins Vater teils Hungerohnmachten erlitt. Die Mutter musste derweilen der Belagerung von Leningrad standhalten. Ihr Sohn wurde ihr schließlich weggenommen. Er kam in ein Heim, um ihn vor dem Hungertod zu retten. Der Kleine erkrankte dort allerdings an Diphterie und starb.
Er wurde zusammen mit über 470.000 anderen Menschen in einem Massengrab beigesetzt (Myers 2015, S. 11). Die Familie hatte schon zuvor ein Kind verloren, das kurz nach der Geburt starb (Baker & Glasser 2005, S. 40).
Auch Putins Mutter war dem Tod damals näher als dem Leben. Putin berichtet weiter, wie eines Tages sein Vater auf Krücken nach Hause ging. Sanitäter trugen Leichen nach draußen, darunter die Mutter von Putin. Der Vater entdeckte, dass sie noch atmete. Er pflegte seine Frau und konnte sie retten (Putin 2015). Putin hängt an, dass fünf von sechs Brüder seines Vaters im Krieg gefallen sind. Auch seine Mutter habe Verwandte verloren.
Putins Eltern müssen zusammengefasst hoch traumatisierte Menschen gewesen sein. Wir wissen heute, dass dies die Nachkommen schwer belasten kann (Stichwort: transgenerationale Weitergabe von Traumata).  

Alptraum einer Kindheit

Die Familie lebte in nur einem Zimmer und Wladimirs Leben spielte sich wohl hauptsächlich draußen und den Hinterhöfen ab. „Jeder lebte irgendwie in sich selbst“, beschreibt Putin später diese Zeit und das Leben mit seinen Eltern. „Ich kann nicht behaupten, dass wir eine sehr emotionale Familie waren, dass wir uns austauschten. Sie behielten vieles für sich. Ich wundere mich noch heute, wie sie mit den Tragödien umgingen“ (Seipel 2015, Kapitel: „Vergangenheit und Umbruch“). In einer anderen Quelle wird beschrieben, wie seine Eltern den Jungen sich selbst überließen und er im Grunde als eine Art Straßenkind aufwuchs (Retter 2022). Die Wohnverhältnisse waren ärmlich, die Küche mussten sie sich mit Anderen teilen; um sich zu waschen, ging die Familie in öffentliche Waschhäuser und oft mussten sie in ihrem Haus Horden von Ratten ausweichen (Baker & Glasser 2005, S. 41). 

Putins Vater wird als harter, strenger und stiller Mann beschrieben, der seinem Sohn Wladimir gegenüber keine Gefühle zeigte und oft Streit mit ihm hatte. Einmal verließ Wladimir mit seinen Freunden die Stadt, ohne den Eltern Bescheid zu sagen. Als er wieder nach Hause kam, wurde er von seinem Vater mit einem Gürtel verprügelt (Baker & Glasser 2005, S. 41f.). Der Biograf Steven Lee Myers beschreibt (2015, S. 12) ihn ganz ähnlich: "Vladimir`s father was taciturn and severe, frightening even to people who knew him well." Auch die zuvor beschriebene väterliche Gewalt gegen den Sohn wird von von Myers (2015, S. 14) bestätigt. 
His father was, by all accounts, concerned primarily with discipline, not with the quality of schooling his son received” schreibt Gessen (2014, S. 47f.) und fügt an, dass auch der Junge anfänglich kaum Interesse an seiner Bildung hatte und sich die meisten biografischen Schilderungen aus dieser Zeit um die vielen „fistfights of his childhood and youth“ drehten. Auf der Straße und bzgl. der anderen Jungs drehte sich alles am „constant drinking, cursing, fistfights. And there was Putin in the middle of all this“, berichtete ein ehemaliger Klassenkamerad (Gessen 2014, S. 48). 
Putins ehemalige Lehrerin Vera Gurevich berichtete, dass sie einmal den Vater besuchte und ihm erklärte, dass sein Sohn nicht sein volles Potential entfalten würde. Der Vater antwortete: "Well, what can I do? Kill him or what?" (Myers 2015, S. 15). Eine ungewöhnliche Antwort, die wiederum von der Rauheit dieser Person zeugt. 

Putin, der jünger und schmaler gebaut war als die anderen Kinder um ihn herum, versuchte durch beharrliches Kämpfen gegenzuhalten. Diese Gewalt brachte er auch mit in die Schule, was ihm Probleme und eine Außenseiterstellung einhandelte:
The school punished Putin by excluding him from the Young Pioneers Organisation – a rare, almost exotic form of punishment, generally reserved für children who were held back repeatedly and essentially deemed hopeless. Putin was a marked boy: for three years, he was the only child in the school who did not wear a red kerchief around his neck, simbolizing membership in the Communist Organisation for ten-to-fourteen-year-olds” (Gessen 2014, S. 48). 

As is almost always the case with bullies, Putin started out as a victim. (…) he was bullied and humiliated as a child” (Strick 2022). Auch Myers bestätigt, dass Putin auf Grund seiner kleinen Größe gemobbt bzw. angegriffen wurde (Myers 2015, S. 15, 153). Ihanus (2022) beschreibt eine weitere Szene, in der Übergriffe gegen Putin stattfanden: "His former teacher Vera Gurevich once said that the small Putin was locked by other schoolmates in the girls’ toilet where the girls slapped him."
Kampfsport zu lernen war für den jungen Putin offensichtlich ein Mittel, sich verteidigen zu können. Von Kindheit an war er Gewalt gewohnt. Seine Lehrerin Vera Gurewitsch berichtete, als Putin im Alter von 14 Jahren einem seiner Mitschüler das Bein brach, habe er gesagt, dass manche „nur Gewalt verstehen“ (Welt-Online 2022). 

Sind Putins Eltern seine leiblichen Eltern? 

Die ZEIT hat sich in einer Recherchereihe (Dobbert 2015) mit Vera Putina befasst, der Frau, die behauptet, die echte Mutter von Wladimir Putin zu sein. Offensichtlich gibt es einige Belege, die eine Veröffentlichung dieser Geschichte rechtfertigen (inkl. Ähnlichkeiten der Gesichtszüge zwischen ihr und Putin). Ich selbst möchte dieses Kapitel nicht ausblenden, darum verweise ich auf den Artikel (der online einsehbar und sehr interessant ist). Allerdings bleiben Fragen und absolute Gewissheit (durch einen Gentest) über diese Geschichte gibt es offensichtlich nicht. Sollte die Geschichte stimmen, dann hatte Wladimir als Kind eine unheilvolle Odyssee an wechselnden Bezugspersonen hinter sich, was eine enorme Belastung für das Kind bedeuten würde.

Die Geschichte geht so: Vera Putina verliebte sich in einen Mann namens Platon Priwalow und wurde schwanger. Erst dann erfuhr sie, dass er verheiratet war und trennte sich von ihm. Sie zog zu ihren Eltern. Wochenlang musste sie in dieser Zeit ihren noch nicht ganz zwei Jahren alten Sohn bei ihren Eltern lassen, weil sie beruflich außerorts arbeiten musste. Sie lernte schließlich einen Georgier kennen, heiratete ihn und zog mit ihrem unehelich geborenen Sohn zu ihm nach Georgien. Ein Mädchen wurde geboren. Jahrelang gab es Streit wegen dem Jungen. Ihr Mann wollte nicht mehr, dass er bleibt. Einmal gab die Schwester ihres Mannes den Jungen einfach zu einem fremden Mann. Die Mutter suchte ihren Sohn und brachte ihn zurück. Danach entschloss sie sich, ihn wieder bei ihren Eltern unterzubringen. Allerdings wurde ihr Vater sehr krank und der Junge musste zu Pflegeeltern, entfernte (kinderlose) Verwandte ihrer Eltern: Wladimir Spiridonowitsch Putin und Maria Iwanowna Putina (die offiziellen Eltern von Putin).
Auch Stanislaw Belkowski (2022, S. 42f.) hat in seiner Putin-Biografie die offizielle Version von Putins Herkunft angezweifelt und im Prinzip die ZEIT-Story ähnlich ausgeführt (sein Buch wurde ursprünglich 2013 veröffentlicht, also noch vor dem ZEIT-Artikel). Wladimir sei durch diese Erlebnisse zu einem verschlossenen und grimmigen Kind geworden. Außerdem habe er seitdem die Georgier als Ethnie und Gruppe gehasst. 

Eine weitere Information finde ich bzgl. des o.g. Zusammenhangs bemerkenswert. In der Reihe DER SPIEGEL-Biografie (2017, S. 30) wird beschrieben, dass sich Putins Vater einen Sohn wünschte. Die Mutter wollte eigentlich kein Kind (wir erinnern uns auch: sie hatte zuvor zwei Kinder verloren), stimmte aber zu. Insofern war Putin seitens seiner Mutter ein ungewolltes Kind (was evtl. die Mutter-Sohn-Bindung beeinflusst haben wird). Das ist das Eine. Der Vater wollte der Quelle nach einen Sohn, was bei einer natürlichen Schwangerschaft eine Chance von ca. 50/50 bedeutet. Anders sieht es aus, wenn über Verwandte ein Sohn „angeboten“ wird, wie es in o.g. ZEIT-Artikel nahegelegt wird. Dies nur als gedanklicher Anhang. 

Schlussbemerkungen

Man könnte sicher sagen, dass die Kindheit von Wladimir Putin nicht "exotisch" im damaligen Russland war. Viele Russen wuchsen mit kriegstraumatisierten Eltern, in Armut und mit Gewalt auf, wurden vernachlässigt und/oder erlebten den Tod von Familienmitgliedern. Dazu kamen die Schatten der russischen Geschichte: z.B. die Unterdrückung durch die Zaren, Stalins Terror, Hungersnöte, all die Kriege, Leibeigenschaft und Willkür. Diese Informationen und Hintergründe würde ich aber nicht nutzen, um zu sagen, dass ja nicht alle so aufgewachsenen Menschen zu einem "Putin" wurden (was gerne getan wird, um die möglichen Zusammenhänge gering zu reden). Natürlich hat Putin etwas psychopathisches, was nur wenige Menschen so entwickeln. Seine Taten wären aber ohne eine direkte oder stillschweigende Unterstützung (inkl. Mitläufertum und Verharren in Ohnmacht) unzähliger russischer Menschen nicht möglich, wie ich eingangs bereits schrieb. Der Kreis schließt sich, gerade mit Blick auf das Leid und das Trauma der Vielen! 
Oder wie Juhani Ihanus (2008, S. 255) es ausdrückte: "The mystery and charisma of the leader reflect the secrets of abuse, shared by the majority of Russians in one form or another."


Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt bzw. ergänzt meinen Blogbeitrag Kindheit von Wladimir Wladimirowitsch Putin


Quellen:

Baker, P. & Glasser, S. (2005). Kremlin Rising: Vladimir Putin's Russia and the End of Revolution. A Lisa Drew Book/Scribner, New York. Kindle e-book Edition.

Belkowski, S. (2022). Wladimir: Die ganze Wahrheit über Putin. Redline Verlag, München (3. Auflage). Kindle e-book edition.

DER SPIEGEL-Biografie (2017, 01. Mai). Wladimir Putin. SPIEGEL-Verlag, Hamburg. 

Dobbert, S. (2015, 07. Mai): Vera Putinas verlorener Sohn. DIE ZEIT, Nr. 19. https://www.zeit.de/feature/wladimir-putin-mutter#kapitel2. (in Englisch frei zugänglich online:  https://www.zeit.de/feature/vladimir-putin-mother)

Gessen, M. (2014). The Man Without a Face: The Unlikely Rise of Vladimir Putin. Granta, London. Kindle e-book edition.

Ihanus, J. (2008). Putin the Aging Terminator: Psychohistorical and Psychopolitical Notes. The Journal of Psychohistory, Winter 2008,  35(3), S. 240-269. 

Ihanus, J. (2022). Putin, Ukraine, and Fratricide. (wird noch in Clio's Psyche, spring issue veröffentlicht, vorab besprochen und an Teilnehmer des "Psychohistory Forum Virtual Meeting" vom 14.05.2022 versandt)

Myers, S. L. (2015). The New Tsar: The Rise and Reign of Vladimir Putin. Alfred A. Knopf, New York. Kindle e-book edition. 

Putin, W. (2015, 09. Mai). Das Leben ist eine einfache und grausame Sache. Frankfurter Allgemeine-online. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wladimir-putin-zum-70-jahrestag-des-kriegsendes-13578426.html

Retter, E. (2022, 23. Feb.). Vladimir Putin's childhood explained - from 'miracle baby' to power-crazed president. Mirror. https://www.mirror.co.uk/news/world-news/vladimir-putins-childhood-explained-miracle-26303775?utm_source=twitter.com&utm_medium=social&utm_campaign=sharebar

Seipel, H. (2015): Putin. Innenansichten der Macht. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg. Kindle e-book edition.

Singh, D. (2022, 15. März). Putin's rough childhood and its shadow over Ukraine and other wars. India Today. https://www.indiatoday.in/news-analysis/story/russia-ukraine-war-vladimir-putin-childhood-1925663-2022-03-15?t_source=rhs&t_medium=It&t_campaign=readthis&utm_source=twshare&utm_medium=socialicons&utm_campaign=shareurltracking

Strick, K. (2022, 24. März). Is Vlad mad or bad? The life of Putin — from a childhood being chased by rats to today’s isolation and paranoia. Evening Standard. https://www.standard.co.uk/insider/vladimir-putin-russia-ukraine-war-background-president-life-covid-pandemic-b988399.html

Welt-Online (2022, 22. Feb.). Putin als Jugendlicher: „Wenn der Kampf unvermeidbar ist, muss man als Erster zuschlagen“. https://www.welt.de/politik/ausland/article237062307/Putin-Wenn-der-Kampf-unvermeidbar-ist-muss-man-als-Erster-zuschlagen.html


Donnerstag, 5. Mai 2022

Neue Studie: Kindheiten von rechten Jugendlichen

Erneut habe ich eine Studie (Studie Nr. 35 !) gefunden, für die rechte Akteure über ihre Kindheit befragt wurden:

Fahrig, K. (2020). Rechte Jugendliche und ihre Familien: Eine Perspektiven triangulierende Rekonstruktion biografischer Hintergründe (Studien zur Kindheits- und Jugendforschung, Band 4). Springer VS, Wiesbaden.

Katharina Fahrig hat ausführlich mit sechs jungen Männern bzw. Jugendliche (Alter zwischen 18 und 23 Jahre), die sich rechten Gruppen angeschlossen hatten, gesprochen. Teils wurden ergänzend die Mütter der Jugendlichen befragt. Zwei der befragten Jugendlichen mussten Haftstrafen absitzen, bei einem drohte eine Jugendstrafe. Der rechte Organisationsgrad der Befragten unterschied sich zwischen „gering“ bis „sehr stark“. Ein Befragter („Piet“) hatte sogar eine eigene, rechte Kameradschaft gegründet. Der Einstieg in die rechte Szene erfolgte durch Freunde oder Bekannte.

Die Zusammenfassungen der Autorin über die Kindheits-/Familienhintergründe und Krisen der Befragten gleichen denen, die ich immer wieder in ähnlichen Studien fand: 

Bei allen Jugendlichen erfolgte der Anschluss an die rechte Szene im Zusammenhang mit sich krisenhaft zuspitzenden Ereignissen und Konstellationen ihres Lebens, die mit innerfamilialen und/oder schulischen Desintegrationserfahrungen verbunden waren“ (S. 334). 

Die rekonstruierten subjektiv belastenden Lebensumstände der Jugendlichen lassen sich zu emotionalen Ausgangslagen verdichten, die die Suche nach und Offenheit für neue rückhaltversprechende soziale/jugendkulturelle Einbindungen begründen und erkennen lassen, welche Funktion der Anschluss an die rechte Szene für die Jugendlichen hatte. Entscheidend ist hier, dass die sich Jugendlichen durch die Selbstpräsentation der Szene und die darüber vermittelten Strukturen von Spaß, Zusammenhalt, Respekt und Freizeiterleben, aber auch die Möglichkeit, Aggressionen auszuleben und dafür sogar positive Resonanz zu bekommen, emotional angesprochen fühlten. Sie bot einen Ausweg aus der als unbefriedigend und belastend erlebten Lebenssituation“ (S. 336). 

Hinsichtlich der viel diskutierten Frage nach den Einflüssen und der Bedeutung von Familie und Peers lässt sich konstatieren, dass bei den hier untersuchten Fällen die familiale Situation eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung von subjektiv empfundenen Problemlagen und krisenhaften Zuspitzungen spielte, die bei den Jugendlichen die Bereitschaft zu einem Anschluss an eine starke, Anerkennung und Zusammenhalt versprechende Jugendclique begründete. (…) Das Gefühl akzeptiert, verstanden und angenommen zu werden, wurde (…) durch die Szene geboten und verband sich mit der Chance auf ein neu gewonnenes Selbstbewusstsein“ (S. 338). 

Je nach Problemlage fungierte die rechte Clique als eine Ersatzgemeinschaft für die Klassen bzw. Schulgemeinschaft oder übernahm quasi-familiale emotionale Rückhalts- und Hilfsfunktionen für die Jugendlichen“ (S. 346) Das Umschlagen erlebter Ohnmachtserfahrungen in (zumindest partielle) Gewaltakzeptanz sei ein weiterer, wichtiger Punkt, so die Autorin 

Zusammenfassung
Die Autorin hat an mehreren Stellen (S. 337, 354, 362, 367, 368, 369) die Familien- und Kindheitshintergründe der Befragten zusammengefasst, was ich wiederum wie folgt zusammenfasse: 

Dennis: frühe Trennung der Eltern; leiblicher Vater unbekannt; schwere Krankheit der Schwester;  Aufwachsen mit gewalttätigen, oft abwesenden Stiefvater (schlechte Beziehung zu diesem) und erneute Trennung als Dennis 14 Jahre alt war; danach neuer Stiefvater; ambivalentes Verhältnis zur Mutter, die teilweise autoritär und abwertend war und unerfüllbare Anforderungen stellte; Vernachlässigung. 

Kai: Trennung der Eltern, als Kai sechs Jahre alt war; Aufwachsen mit Stiefvater (von Konflikten und Ambivalenz geprägte Beziehung zu diesem; Stiefvater war kritisierend, abwertend und negativ sanktionierend); Suizid des leiblichen Vaters, als Kai vierzehn Jahre alt war; schulischer Absturz.  

Piet: Trennung der Eltern, als Piet acht Jahre alt war; vorher schwere Krebserkrankung von Piet, Mutter konnte Piet in dieser Zeit nichts abschlagen und setzte kaum Grenzen; nach Gesundung Rückstellung in der Schule, Schulprobleme und fehlende Anerkennung.

Bastian: Mutter und Vater vernachlässigten ihn emotional; Vater war häufig abwesend; Bastian war als Kind häufig alleine.

Holger: bei Konflikten sei die Mutter hoch erregbar gewesen (siehe auch Anmerkungen über Interviews mit ihm unten).

Peter: Trennung der Eltern, als Peter sechszehn Jahre alt war; vorher von massiven Konflikten sowie langjähriger von psychischer und physischer Gewalt geprägte Beziehung zum Vater (später Beziehungsabbruch zu diesem); die Mutter hätte ihn „ordentlich“ erzogen und sei „immer lieb“ gewesen, obwohl sie eine Autorität war und ihm Gehorsam abverlangt hätte; massive Mobbingerfahrungen in der Schule 

Bei den Interviews speziell mit Bastian und Holger blieben, laut der Autorin, die Erzählungen über das Aufwachsen in der Familie vage, Nachfragen wurden nur knapp abgehandelt. Bastian war während der Interviews sogar hochgradig aggressiv, was intensivere Nachfragen erschwerte (S. 335). Insofern wird hier die Schwierigkeit, die ganze Wahrheit über als unangenehm empfundene Themenfelder zu erfahren, deutlich. Ich persönlich gehe grundsätzlich davon aus, dass Menschen über destruktive Kindheitserfahrungen routinemäßig meist eher zu wenig, als zu viel berichten. Trotz dieser Hürden hat die Autorin einiges zu Tage bringen können! 


Dienstag, 3. Mai 2022

Kindheit von Elisabeth I. (Russland, 1709-1761)

Über die Kindheit der Zarin Elisabeth I. fand ich nur wenige Informationen. Was ich fand, zeigt allerdings deutliche Tendenzen: 

Zar Peter der Große „konnte selten mehr als einige Tage hintereinander mit seinen Töchtern zusammensein. Oft vergingen Wochen, in denen sie ihn gar nicht zu Gesicht bekamen. Ihre Kinderzeit war außergewöhnlich einsam. (…) Anfangs wurden die Kinder von zwei Pflegerinnen betreut (…)“ (Rice 1970, S. 19). Auch die Mutter sei oft abwesend gewesen.
In einer anderen Quelle wird von "zwei derben Ammen" (Olivier 1963, S. 35) gesprochen, die das Mädchen und ihre Schwester aufzogen. Später kamen eine französische Gouvernante und als Erzieher ein Mann hinzu. 

Fremdbetreuung und frühe Weggabe der Kinder war üblich in diesen hohen Kreisen. Ich betone dies hier erneut (siehe meine anderen Beiträge über die Kindheiten der Zaren). Insofern wurden die Kinder systematisch von ihren Eltern entfremdet. 

Die Biografin bezieht sich auf Schilderungen von Katharina II., die bzgl. Elisabeth und ihrer Schwester berichtete: „Die beiden sind – zumindest anfangs – sehr vernachlässigt worden. Ihr Vater behandelte sie zunächst als Bastarde. Die zwei Mädchen hatten in frühster Kindheit niemanden außer den finnischen Bedienerinnen und später schrulligen Deutschen, denen die Kinder einzig und allein als Spielzeug dienten“ (Rice 1970, S. 19). Die Biografin hängt dem kritisch an: „Solche Äußerungen sind anfechtbar. Es sieht so aus, als stammten Katharinas Informationen in diesem Fall von voreingenommen Höflingen“ (Rice 1970, S. 19). Da die Biografin zuvor – wie oben zitiert – auf die außergewöhnliche Einsamkeit in der Kindheit von Elisabeth hingewiesen hat, scheinen Katharinas Eindrücke zumindest ins Bild zu passen.
Auch eine andere Quelle bestätigt die frühe Vernachlässigung: „Elisabeth war 1709 geboren (…). Sie sah ihre Eltern wenig, die viel auf Reisen waren; ihre Erziehung wurde vernachlässigt (…)“ (Cronin 2008, S. 39). Olivier (1963, S. 36) schreibt: "Der Herrscher fand nicht die Zeit, die Erziehung seiner Töchter zu überwachen. Seiner Gattin wiederum fehlten die Voraussetzungen dazu (...). Die Prinzessinnen sahen (...) ihre Eltern nur selten."

Elisabeths Vater – Peter der Große – starb 1725, Elisabeth war zu der zeit fünfzehn Jahre alt. Ca. zwei Jahre später starb die Mutter Katharina I.; Elisabeth war da siebzehn Jahre alt (Rice 1970, S. 24, 35).

Über die Kindheit von Peter dem Großen habe ich hier im Blog bereits geschrieben. Seine Kindheit war hoch traumatisch und der später Erwachsene hatte eine sehr grausame Seite. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass dieser Vater ein gutes Vorbild für seine Tochter war. Ganz im Gegenteil würde ich eher vermuten, dass von ihm deutliche Belastungen ausgingen (über die erwähnte Vernachlässigung hinaus), die dann auch Elisabeth geprägt haben dürften. Dies bleibt Spekulation, wäre aber nur logisch und nachvollziehbar.

Leider fand ich in den verwendeten Quellen keine Informationen zu den verstorbenen Geschwistern von Elisabeth. Insofern muss ich mich hier auf den Wikipedia-Eintrag über Elisabeth I. beziehen. Ihre Mutter soll bis zu elf Kinder bekommen haben. Nur Elisabeth und ihre Schwester Anna erreichten das Erwachsenenalter. Die Mutter hatte demnach vor der Geburt von Elisabeths Schwester Anna bereits drei Kinder verloren. Zwischen ihrem sechsten und sechszehnten Lebensjahr verlor Elisabeth sieben Geschwister an den Tod. 


Haupt-Quellen: 

Cronin, V. (2008). Katharina die Große. Piper Verlag, München

Olivier, D. (1963). Elisabeth von Rußland. Die Tochter Peters des Grossen. Paul Neff Verlag, Wien / Berlin / Stuttgart.

Rice, T. T. (1970). Elisabeth von Russland. Die letzte Romanow auf dem Zarenthron. Verlag George D. W. Callwey, München. 


Montag, 2. Mai 2022

Kindheit von Maximilien de Robespierre

Auch die Kindheit von Maximilien de Robespierre zeigte deutliche Schatten. 

Meine Quelle: Gallo, M. (1989). Robespierre. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart. 

Maximilien de Robespierre wurde am 6. Mai 1758 in Arras (Frankreich) geboren. Nach der Geburt eines fünften Kindes stirbt am 14. Juli 1764 seine Mutter. Maximilien ist zu der Zeit sechs Jahre alt. 

Der Vater wird von dem Biografen als labiler Mensch beschrieben, der innerhalb von vier Jahren vier Mal umzog, obwohl seine Frau in dieser Zeit fast ununterbrochen schwanger war. Nach dem Tod seiner Frau verschwindet der Vater Stück für Stück aus dem Leben seiner Kinder: „Maximilien ist sechs Jahre alt, als bei seinem Vater (…) erneut Anzeichen der seelischen Labilität spürbar werden (…).  Er beginnt immer häufiger, sich von zu Hause zu entfernen, verlässt Arras für längere Zeit und nimmt Anleihen bei seiner Schwester auf. (…) Das Fehlen des Vaters muss schwer auf dem empfindlichen Jungen gelastet haben“ (S. 24f.) 

Maximilien kommt zusammen mit seinem Bruder Augustin bei seinem Großvater mütterlicherseits unter. Die beiden Schwestern kommen zu einer Tante. Insofern wurden hier auch die Geschwister voneinander getrennt. Immerhin scheint es eine ganze Zeit lang sonntägliche Treffen mit den Schwestern gegeben zu haben. 

Bei seinem Großvater war man auf den Vater nicht gut zu sprechen. Er hatte zunächst die Mutter entehrt, die mit Maximilien bereits im fünften Monat schwanger war, als es zur Heirat kam und dann „durch die Vielzahl der Kinder den Tod seiner Frau verursacht. Maximilien muss diese Wunde, diese erdrückende Erbschande, die auf ihm lag, tief empfunden haben. Er fühlt sich schuldig für seinen Vater, dessen Gedächtnis er auslöschen muss und den er verleugnet, indem er ein radikal entgegengesetztes Verhalten an den Tag legt. Psychologisch gesehen hat er keine Wahl, als die Sorglosigkeit, den Leichtsinn und die Prinzipienlosigkeit seines Vaters durch Pflichtbewusstsein, Würde und Tugend zu ersetzen. `Eine radikale Veränderung ging in ihm vor`, schreibt seine Schwester Charlotte. `Vorher war er wie alle Kinder seines Alters sorglos, ausgelassen und leichtsinnig. Aber seit er sich als Ältester sozusagen in die Rolle des Familienoberhauptes gedrängt sah, wurde er vernünftig, gesetzt und strebsam (…)`“ (S. 25).

Maximilien muss „die Schuld seines Vaters, die auf ihn übergegangen ist, auslöschen, zunächst weil er der Sohn ist, aber auch und vor allem weil er sich in Beziehung auf diesen Vater, den er wie seine Umgebung verachtet, schuldig fühlt. Hat nicht auch er irgendeinen unbekannten Fehler begangen, der den Vater davongejagt hat? So kommt Maximilien dazu, sich selbst anzuklagen und für schuldig zu halten, weil er seinen Vater zugleich liebt und hasst. Diese Situation ist um so eindeutiger, als er seine Mutter sehr verehrte und nun, wie seine Umgebung, allen Grund dazu hat, dem Vater die Schuld an ihrem Tod zu geben. (…) Mehr als bei anderen werden bei ihm Charakter und Lebensweise durch diese frühen Erfahrungen geprägt.  Ohne Zweifel leidet er auch darunter, den anderen `zur Last zu fallen`, denn als Vollwaise ist er künftig vom Wohlwollen des Großvaters und bald auch von der Wohltätigkeit religiöser Institutionen abhängig“ (S. 25f.)

Im Alter von sieben Jahren wird Maximilien auf das örtliche Collège geschickt. „Er ist dort ein guter Schüler, diszipliniert, ernsthaft und fleißig, aber verschlossen. An den Spielen seiner Mitschüler beteiligt er sich nicht“ (S. 27). Das Kind scheint sich ein Stück weit emotional von seiner Umwelt entfernt zu haben. 

Als Maximilien ca. zehn Jahre alt ist, kommt seine Schwester Charlotte auf eine Art Internat, seine Schwester Henriette folgt, als er ca. fünfzehn Jahre alt ist. Maximilien selbst erhält im Alter von elf Jahren ein Stipendium für ein Collège in Paris (wo er zwölf Jahre bleibt) und wird „von neuem aus dem ihm vertrauten Milieu gerissen, wodurch ein weiterer Bruch in seiner Entwicklung eintritt. Zwar hat sich der entscheidende Umbruch beim Tod seiner Mutter und dem Verschwinden seines Vaters ereignet; aber die Abreise nach Paris muss den Jungen in seiner Verschlossenheit und in der unbewussten Überzeugung, die Wirklichkeit sei ihm feindlich gesonnen, bestärken, so dass sich in ihm die zähe `Melancholie` festsetzt, von der Charlotte spricht. Sie erwähnt auch, dass ihre jüngere Schwester Henriette starb, `während Maximilien in Paris seinen Studien nachging`. ´So kam es`, fügt sie hinzu, ´dass unsere Kindheit mit Tränen getränkt und jedes unserer frühen Jahre durch den Tod eines geliebten Wesens markiert war. (…)`“ (S. 27f.)

Auch im Pariser Collège sondert er sich eher von Mitschülern ab, glänzt aber durch seine Intelligenz und Leistungen. Die Achtung und das Interesse seiner Lehrer hätten allerdings nicht den „Durst nach Liebe“ stillen können, „um die Leere auszufüllen“ (S. 30). Seine Suche nach Achtung, Zuneigung und Liebe sei zum Scheitern verurteil gewesen. „Aus diesem Grunde ist es nicht verwunderlich, dass Maximilien Robespierre, dem Verfemten und Verfolgten, eine tiefe Bewunderung entgegenbringt“ (S. 30). Auch das Gefühl der Armut war ihm nicht fremd. 

Als Maximilien ca. siebzehn Jahre alt ist, stirbt seine Großmutter, drei Jahre später sein Großvater. Der Vater bleibt verschollen (S. 33f.).  

Über den Erziehungsalltag erfährt man leider nichts in der verwendeten Quelle. Im 18. Jahrhundert sind weitere Belastungen zumindest hoch wahrscheinlich, z.B. Körperstrafen, Kinderarbeit usw.

Die aufgezeigten Informationen über die Kindheit von Maximilien de Robespierre zeigen allerdings deutlich, dass er schwer traumatisiert wurde. Dazu kamen die Zeichen der Zeit, die seinen späteren Weg ebneten. Im Oktober 1793 beginnen im Verlauf der Französischen Revolution die Tage der Schreckensherrschaft, „der Terreur, an denen `die heilige Guillotine nie zur Ruhe kommt`" (S. 217).

Die Terrorherrschaft wurde vom sogenannten Wohlfahrtsausschuss ganz wesentlich von Maximilien de Robespierre angeführt. Robespierre definierte diese Herrschaft so: „`Terror ist nichts anderes als rasche, strenge und unbeugsame Gerechtigkeit. Er ist eine Offenbarung der Tugend.` Genau so hätten die Attentäter von Paris und Wien und die IS-Kämpfer in Syrien ihre Gräueltaten begründen können. Terror ist für sie kein krimineller Akt, sie wollen nicht bloß Angst und Schrecken verbreiten, sondern er hat für sie eine moralische Dimension “ (Die Presse, 05.11.2020, Europa erlebt das Ergebnis einer falsch verstandenen Toleranz

Der heutige Begriff „Terrorismus“ ist ganz wesentlich von dem damaligen Begriff „terreur“ abgeleitet. 


Freitag, 29. April 2022

Kindheit von Katharina II., die Große (Russland, 1729-1796)

Katharina II., die Große wurde am 02.05.1729 geboren (Geburtsname: Sophie Auguste Friederike). Auch ihre Kindheit umfasste, ähnlich wie bei den anderen Zaren, die ich bisher analysiert habe, viele Belastungen.

Erzieherische Qualitäten besaß Katharinas Mutter nach dem Zeugnis ihrer Tochter kaum. Sie hatte sich ebenso wie ihr Gemahl als erstes Kind einen Sohn gewünscht und war sehr enttäuscht, als es ein Mädchen war. `Meine Mutter wäre bei meiner Geburt fast gestorben und schwebte noch lange nachher zwischen Tod und Leben`. Sie `kümmerte sich nicht viel um mich. Sie schenkte anderthalb Jahre nach mir einem Sohn das Leben, den sie abgöttisch liebte. Ich war nur geduldet und wurde oft hart und heftig gescholten, und nicht immer gerecht, ich fühlte das, ohne mir jedoch über meine Empfindungen schon ganz klar zu sein`“ (Donnert 1998, S. 15). 

Dass ihre Mutter bei der Geburt fast starb, könnte ergänzend auch ein Hinweis auf Belastungen für den Säugling sein. Wie die Geburt genau ablief, wird nicht beschrieben. Katharinas Mutter - Johanna Elisabeth, geb. 24.10.1712 – war zum Zeitpunkt von Katharinas Geburt nur sechzehn Jahre alt! Aus heutiger Sicht würden wir von einer „Teenager-Schwangerschaft“ sprechen, die oftmals mit Risken verbunden ist. Dass die Jugendliche, die im Alter von fünfzehn Jahren (zwangs-)verheiratete worden ist, kaum Muttergefühle entwickeln konnte, ist nachvollziehbar. 

Die Entfremdung von Mutter und Kind wurde in den hohen Gesellschaftsschichten der damaligen Zeit allerdings auch routinemäßig durch die Strukturen und Traditionen betrieben. Für den Säugling war selbstverständlich eine Amme zuständig, „die junge Frau eines Soldaten“ (Cronin 2006, S. 15). Die Mutter konnte und sollte sich nach der Geburt anderen Dingen zuwenden. 

Katharina selbst hat in ihren Aufzeichnungen den schwedischen Diplomaten Gyllenborg zitiert, der ihre Mutter bzgl. der Vernachlässigung gegenüber der Tochter mahnend etwas auf den Weg gab:
Er sah, dass meine Mutter mich nicht sehr beachtete und sagte eines Tages zu ihr: `Madame, Sie kennen dieses Kind nicht (…) ich bitte Sie darum, sich mehr mit dem Mädchen zu beschäftigen als bisher. Ihre Tochter verdient das in jeder Hinsicht`“ (Donnert 1998, S. 19). 

Zum Mutterersatz wurde Katharinas Erzieherin: „Sichtliche Zuneigung brachte die kindliche Sophie, die wohl kaum wirkliche Mutterliebe erfahren haben dürfte, ihrer Erzieherin, der Französin Mademoiselle Cardel entgegen, der sie mit dem vierten Lebensjahr anvertraut wurde“ (Donnert 1998, S. 16).
Aber auch andere Erzieher waren für das Kind zuständig, darunter war der Pfarrer Wagner.
Den Kirchenmann Wagner hat Katharina in weniger guter Erinnerung behalten: als einen langweiligen Pedanten, deutschen Griesgram und gestrengen Pastor, der langatmige Ermahnungen verteilte, seine Schülerin mit Abfragen schikanierte und dabei nie eine Chance hatte, diese von seinen Ansichten zu überzeugen. (…) Anders als die französische Gouvernante hatte sich Wagner sogar erlaubt, die nicht selten störrische Prinzessin zu züchtigen“ (Donnert 1998, S. 17). Das Kind erlebte also auch Körperstrafen.
Dies wird auch von einer anderen Quelle bestätigt: „Kaplan Wagner war ein strenger Zuchtmeister, der lange Stellen in der Heiligen Schrift rot unterstrich und sie Sophie auswendig lernen ließ. Wenn sie ein Wort verfehlte, schlug er sie“ (Cronin 2008, S. 16f.). Auch Drohungen mit Körperstrafen gehörten zu Wagners Erziehungsmitteln dazu (Cronin 2008, S. 18). 

Von ihrem Kinderzimmer aus konnte Katharina die Orgel der Kirche hören. „Abends dachte sie über Pastor Wagners grimmige Ermahnungen nach, über das Jüngste Gericht und die mühevolle Aufgabe, für die Erlösung zu arbeiten. Dazu dröhnte die Orgel; es war zu viel für ein kleines Mädchen, und oft brach sie in Tränen aus“ (Cronin 2008, S. 17). Zur Hilfe kam ihr manches Mal ihre französische Gouvernante, ein gewisser Ausgleich im Angesicht des Leids. 

Als Katharina sieben Jahre alt war, starb ihre jüngere Schwester Auguste Christine Charlotte; als Katharina dreizehn Jahre alt war, starb ihr jüngerer Bruder Wilhelm Christian Friedrich; als sie sechszehn Jahre alt war, starb ihre jüngste Schwester Elisabeth Ulrike im Alter von drei Jahren. Am Leben blieb nur ihr Bruder Friedrich August. Wie sie mit dem Tod dieser drei Geschwister umgegangen ist, konnte ich den Quellen nicht entnehmen. Es wird auf jeden Fall eine schwere Belastung für sie gewesen sein. 

Ab dem Alter von sieben Jahren kam für Katharina auch noch schwere gesundheitliche Probleme hinzu. Sie bekam zunächst einen schweren Husten und lag nur auf der linken Seite. Als sie wieder aufstehen konnte, waren ihre Wirbelsäule und Schulter schief. „Schließlich entschloss man sich, den Stettiner Henker, der sich auf die Behandlung solcher Fälle verstand, heranzuziehen“ (Donnert 1998, S. 15). Sie bekam eine Art Schnürbrust an, die sie Tag und Nacht für anderthalb Jahre nicht ablegen durfte. Erst als sie zehn oder elf Jahre alt war, war sie dieses lästige „Gerüst“ endgültig los. Ein anderer Biograf beschreibt es so: „Mit diesem käferartigen Panzer auf dem Leib schleppte sich die arme Sophie monatelang durch das Schloss, ohne dass eine nennenswerte Besserung erfolgte. Es war eine Lehre in Demut und Geduld" (Cronin 2008, S. 19). 

Als Katharina vierzehn Jahre alt war, wurde beschlossen, sie mit dem späteren Zaren Peter III. zu verheiraten (die Heirat fand allerdings erst statt, als Katharina sechszehn Jahre alt war).  Sie musste nun die Reise nach Russland antreten. Während ihrer Reise traf sie in Stettin noch kurz ihren Vater: „Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah“ (Donnert 1998, S. 24).
Der Vater und sein Umgang mit seiner Tochter wird in den Quellen im Grunde nicht erwähnt. An einer Stelle zeigt sich allerdings, dass auch er streng gewesen sein wird: „Sophie war streng erzogen worden. Sie pflegte ihre Briefe an den Vater mit Sätzen zu beenden, die mehr waren als bloße Floskeln: `Bis an das Ende meines Lebens, mein Herr, werde ich Sie hochachten und verehren, und ich verbleibe als Euer Durchlaucht demütige, gehorsame und ergebene Tochter und Dienerin`“ (Cronin 2008, S. 44).

Es zeigen sich diverse Belastungen in der Kindheit der Zarin, die nicht ohne Folgen geblieben sein werden. 


Quellen:

Cronin, V. (2008). Katharina die Große. Piper Verlag, München.

Donnert, E. (1998). Katharina II. die Grosse (1729-1796). Kaiserin des Russischen Reiches. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt. 



Donnerstag, 28. April 2022

Kindheit von Peter I., der Große (Russland, 1672 - 1725)

Peter I., genannt "der Große",  wurde am 9. Juni 1672 als Sohn von Zar Alexei I. und dessen zweiten Frau Natalja Naryschkina geboren. 

Kurz nach seiner Taufe wurde der Säugling Peter „von seinem kleinen Gefolge in seine Privaträume gebracht – eine Amme (…), eine Gouvernante und eine Gruppe von Zwergen, die den Zarenkindern als Diener und Spielgefährten zugewiesen waren. Als Peter zwei Jahre alt war, zogen er und sein Gefolge, zu dem inzwischen vierzehn adelige Frauen gehörten, in eine größere Wohnung innerhalb des Kremlpalastes um“ (Massie 1982, S. 29). 

Das Kind wurde also von Beginn an von seinen Eltern entfremdet und von diversen Bediensteten aufgezogen, ein übliches Vorgehen in hohen Kreisen nicht nur in Russland. Die vielen Zuständigen lassen an sich schon erahnen, dass keine wirkliche Bindung mit einer Hauptbezugsperson möglich war. Für das Kind wird das nicht folgenlos geblieben sein. 

Die Zarenfamilie bekam noch eine Tochter hinzu. Ein drittes Kind starb kurz nach der Geburt (ebd. S. 31). Am 08.02.1676 starb der Zar, Peters Vater. Peter war zu der Zeit drei Jahre alt. „Damit hörte das unbeschwerte Daseins Peters auf. Jetzt war er der potentielle störende Abkömmling der zweiten Frau seines verstorbenen Vaters“ (ebd. S. 31). Zunächst aber wurde der fünfzehnjährige Fjodor III. Thronfolger, der Peters Halbbruder war. Das Pendel der Macht war somit zurück zu der Familie der ersten Frau von Alexei I. – den Miloslawskis - zurückgeschwungen. 1682 starb Fjodor III. und der erst zehnjährige Peter wurde sein Nachfolger. Die offizielle Regentin war seine Mutter Natalja. 

Kurz danach brach ein Aufruhr der sogenannten Strelitzen (bewaffnete Fußsoldaten, Pikoniere und Musketiere, die u.a. den Kreml bewachten) aus. Sie waren schon vorher unzufrieden mit ihrer Behandlung durch höher Gestellte und wurden teils auch gezielt von Mitglieder der Miloslawskis-Familie gegen die Naryschkinas (Peters Linie) aufgestachelt. Schließlich behauptetet man, dass die Naryschkinas den Zarewitsch Iwan (aus der Linie der Miloslawskis) ermordet hätten und weiteres Unheil anrichten würden. 

Die wütenden Soldaten stürmten in den Palast. Die Mutter von Peter versuchte die Soldaten zu beruhigen, indem sie ihnen mit Peter und Iwan an der Hand entgegentrat, um zu zeigen, dass Iwan am Leben war. „Für Natalja war es eine schreckliche Aufgabe, sich mit ihren Söhnen den brüllenden, bewaffneten Männern zu zeigen, die das Blut ihrer Familie forderten“ (ebd. S. 47). Zunächst gelang die Beruhigung. Später schlug die Stimmung um, der erste Adlige wurde ermordet bzw. „in Stücke gerissen, ringsherum war alles mit Blut bespritzt“ (ebd. S. 49).
Ungehindert rannten nun die Strelitzen im Kreml durch die offiziellen Räume und die Privatgemächer (…) und schrien nach dem Blut der Naryschkins und der Bojaren. Die erschreckten Bojaren bangten um ihr Leben und ergriffen die Flucht. (…) Nur Natalja, Peter und Iwan blieben zurück, zusammengekauert in einer Ecke des Bankettsaals. Für die meisten gab es kein Entkommen. Die Strelitzen schlugen Türen ein (…). Stießen mit ihren Lanzen in jede dunkle Ecke (…). Diejenigen, die sie aufstöberten, wurden zur Roten Treppe geschleift und über die Balustrade geworfen. Die Leichen zerrte man vom Kreml hinunter (…) auf den Roten Platz, wo man sie auf eine immer höher wachsende Pyramide verstümmelter Körper warf“ (ebd. S. 49).
Als die Nacht hereinbrach, legten die Soldaten eine Pause ein. „Die im Kreml zurückgeblieben Angehörigen der Zarenfamilie verbrachten eine Nacht des Schreckens“ (ebd. S. 50). Am nächsten Morgen ging das Grauen weiter. Peter und seine Familie blieben allerdings weiter unentdeckt. Der ganze Aufruhr konnte erst beendet werden, als die Soldaten den verhassten Bruder von Peters Mutter in die Hände bekamen, ihn folterten und schließlich auf dem Roten Platz zerrten. Man hackte ihm Hände und Füße ab und zerstückelte ihn schließlich komplett (ebd. S. 52). Danach herrschte wieder Ruhe und die Zarenfamilie konnte sich wieder ihres Lebens sicher sein. 

Für den zehnjährigen Peter war dies eine lebensbedrohliche Situation und ganz gewiss eine hoch traumatische Erfahrung. „Den Aufstand der Strelitzen sollte Peter sein Leben lang nicht vergessen. Im Herzen trug er fortan einen unversöhnlichen Hass (…).“ (ebd. S. 55). Als er siebzehn Jahre alt war erlitt er einen Schock, nachdem er angenommen hatte, die Strelitzen würden anrücken und ihm nach dem leben trachten (eine Fehlannahme). „Sieben Jahre lang hatte er Alpräume, in denen die Strelitzen die Naryschkins zu Tode hetzten“ (ebd. S. 93). 

Während seiner weiteren Kindheit und Jugend entwickelte Peter einen starken Hang zu Kriegsspielen aller Art, in die auch Untergebenen involviert wurden. Um sich herum sammelte er immer mehr junge Knaben (einige hundert) und organisierte sie militärisch (inkl. Unterbringung in Kasernen). Echte Waffen wurden besorgt, kleine Forts errichtet usw. und vor allem Krieg gespielt (ebd. S. 69ff.). 

Als Peter siebzehn Jahre alt war, wurde er in die Ehe mit einer drei Jahre älteren Frau gezwungen (ebd. S. 75). Diese Ehe verlief sehr unglücklich und er hatte eine schlechte Beziehung zu seiner Frau. 

Über den Erziehungsstil oder sonstige traumatische Erfahrungen konnte ich in dieser Quelle nichts finden. Allerdings fand ich in einer anderen Biografie folgende Schilderungen:
Peter hat als Erzieher gewirkt und sich al Erzieher empfunden. Gegen Ende seines Lebens (1723) sagte er einmal: ´Unser Volk gleicht den Kindern, die sich niemals ans ABC machen, wenn sie nicht vom Meister dazu gezwungen werden´. (…) Widersetzlichkeit, Untreue, Unredlichkeit weckten einen Grimm, bei dem er sich selbst vergaß. Mit grausamsten Strafen hat er Unterschlagungen geahndet (…). Die Nächststehenden züchtigte er in stiller Kammer eigenhändig mit dem Stock, auch die höchsten Würdenträger (…). Oder auch er ließ sie am frühen Morgen kommen und in seiner Gegenwart einen nach dem anderen mit Ruten streichen. Er konnte gelegentlich hinwerfen, man solle ihm ebenso gehorchen wie seine Hündin (…)“ (Wittram 1954, S. 32)
Peters eigener erwachsener Sohn Alexej kam  "infolge einer unmenschlichen Auspeitschung, die sein eigener Vater angeordnet hatte" ums Leben (Cronin 2008, S. 37).

Solche Verhaltensweisen lassen zumindest deutlich erahnen, dass Peter selbst als Kind körperlich bestraft wurde und dies später wieder-aufführte. Ergänzend mögen sie auch Ausdruck seiner traumatischen Erfahrungen als Zehnjähriger sein: Nicht er will mehr Angst vor seinen Untertanen haben, sondern sie sollen ihn fürchten. 

Auch weitere Verhaltensweisen von Peter legen den Schluss nahe, dass sie in einem Zusammenhang mit seinen traumatischen Kindheitserfahrungen während des Aufstands stehen. Der Zar Peter I. behielt trotz einer gewissen westlichen Ausrichtung "eine barbarische Grausamkeit, die bei keinem anderen europäischen Monarchen denkbar gewesen wäre. Als er wieder einmal im Ausland war, rebellierte die Moskauer Garde; Peter eilte zurück, ließ 1700 Gardisten langsam über dem Feuer rösten, bis sie ein ´Geständnis` ablegten, und schlug eigenhändig mit der Axt vierhundert Meuterern die Köpfe ab" (Cronin 2008, S. 36).  

Die Besprechung weiterer Grausamkeiten des Zaren würden hier wohl den Rahmen sprengen. Eine davon möchte ich abschließend noch erwähnen:
Peter kehrte einmal mitten in der Nacht unvermutet nach Petersburg zurück. Im Vorzimmer fand er den Kammerherren William Mons de la Croix nicht vor, dieser befand sich im Zimmer der Zarin. William wurde bald darauf wegen anderer "Delikte" angeklagt und gestand unter der Folter alles mögliche. Katharina schwieg. "Nach der Verurteilung und Enthauptung Williams schleppte Peter seine Gattin an die Stätte der Exekution, er forschte in ihrem Antlitz und lauerte auf ein Beben, eine Träne, ein Erschauern, vermochte aber kein Anzeichen einer Gemütsbewegung zu entdecken. Er ging noch weiter, indem er das Haupt des Toten in einer Schüssel auf den Kaminsims ihres Schlafzimmers stellen ließ. Doch bald erregte dieser grausige Kaminschmuck Peters Enkel, während Katharina weder Abscheu noch Verzweiflung zu erkennen gab" (Olivier 1963, S. 11). 


Quellen: 

Cronin, V. (2008). Katharina die Große. Piper Verlag, München. 

Massie, R. (1982). Peter der Grosse und seine Zeit. Athenäum Verlag, Königstein/Ts.

Olivier, D. (1963). Elisabeth von Rußland. Die Tochter Peters des Grossen. Paul Neff Verlag, Wien / Berlin / Stuttgart.

Wittram, R. (1954). Peter der Grosse. Der Eintritt Russlands in die Neuzeit. Springer Verlag, Berlin/Göttimngen/Heidelberg. 


Die grausame und rohe russische Familie des 17. Jahrhunderts und der Bezug zur heutigen Zeit

In dem Buch „Peter der Grosse und seine Zeitvon dem Historiker Robert Massie fand ich aktuell einige wirklich sehr eindrucksvolle, erschreckende und interessante Passagen über die häusliche Welt und die Rolle von Frauen in der russischen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts. Den Bezug zum heutigen Russland kommentiere ich im Schlussteil. 

In der damaligen Vorstellung „wurden Frauen als naive, hilflose, nicht übermäßig intelligente Wesen angesehen, ohne moralischen Verantwortungssinn, mit leidenschaftlichem Hang zur Promiskuität. Die puritanische Vorstellung, dass schon in jedem kleinen Mädchen das Böse lauerte, beeinflusste die russischen Menschen bereits seit ihrer Kindheit.“ (Massie 1982, S. 36)

In besser gestellten Familien durften Kinder verschiedenen Geschlechts niemals miteinander spielen. Die heranwachsenden Töchter hielt man hinter Schloss und Riegel und „unterrichtete sie im Gebet, in Gehorsam und in Handarbeiten“ (ebd. S. 36). 

Gewöhnlich wurde ein Mädchen schon in der frühen Pubertät einem Mann versprochen, den sie nie zuvor gesehen hatte. (…) Wenn sich alle einig waren, wurde die junge Tochter, das Gesicht hinter einem Schleier aus Leinen versteckt, vom Vater dem zukünftigen Ehemann vorgestellt. Der Vater nahm dann eine kleine Peitsche, schlug seiner Tochter damit leicht auf den Rücken und erklärte: `Sieh, du Liebling unter den Töchtern, dieser letzte Schlag gemahnt dich an die väterliche Gewalt, unter deren Zucht du bisher gelebt hast, jetzt wirst du aus meiner Hand entlassen; bedenke, dass du nicht so sehr der Gewalt entronnen als in eine andere übergegangen bist. Wenn du deinem Gatten nicht den Willen tust, wie du es schuldig bist, wird er es dich statt meiner merken lassen.` Daraufhin übergab der Vater dem Bräutigam die Peitsche, der, entsprechend dem Brauch, äußerte, `dass er die Peitsche nicht für nötig erachte`. Er nahm sie aber gleichwohl als ein Geschenk seines Schwiegervaters an und band sie sich an seinem Lederriemen fest“ (ebd. S. 37).

Danach folgten die Hochzeitszeremonien. „Später, während die Gäste sich zur Tafel begaben, gingen die Jungverheirateten sogleich ins Bett. Zwei Stunden standen ihnen zur Verfügung, dann wurden die Türen des Hochzeitszimmers aufgerissen, und die Gäste scharrten sich um das Paar, um zu erfahren, ob der Ehemann die ihm Anvertraute noch unberührt vorgefunden hatte“ (ebd. S. 37). 

Die junge Frau besaß keinerlei Vorrechte. Zu ihren Aufgaben gehörte es, sich um das Haus zu kümmern, Kinder zu gebären und für ihren Mann zu sorgen. „Wenn der Mann mit seiner Frau nicht zufrieden war, hatte er die Möglichkeit, sie zu züchtigen. Wenn nur eine leichte Strafe notwendig war, konnte er sie schlagen. Der Domostroi, der Kodex für die Haushaltsführung (…), diente den Oberhäuptern der russischen Familien als Leitfaden für die verschiedenen häuslichen Angelegenheiten, wie dem Konservieren von Pilzen bis hin zur Züchtigung von Ehefrauen. In bezug auf letzteres empfahl er, `ungehorsame Frauen streng, jedoch nicht zornerfüllt auszupeitschen`. Sogar eine gute Frau sollte von ihrem Mann belehrt werden, `indem er von Zeit zu Zeit die Peitsche gebraucht, wobei  er aber freundlich bleibt, niemanden anderen zusehen lässt, vorsichtig vorgeht und Fausthiebe vermeidet, welche blaue Flecken verursachen`. In den unteren Gesellschaftsschichten pflegten russische Männer ihre Frauen auch bei den geringsten Anlässen zu schlagen. `Einige von diesen Barbaren hängen ihre Frauen an den Haaren auf und peitschen sie ganz nackt`, schrieb Dr. Collins. Manchmal starben die Frauen an den Folgen der Züchtigungen; dann waren die Männer frei und konnten wieder heiraten“ (ebd. S. 38).
Der Autor beschreibt auch, dass manche Frauen zurückschlugen und ihre Männer umbrachten. Das sei aber selten vorgekommen, weil die Strafen für die Frauen sehr grausam waren: Sie wurden bis zum Hals in die Erde eingegraben und gingen langsam und jämmerlich zugrunde.  

Der Ehemann durfte dagegen nach der Tötung seiner Frau wie beschrieben neu heiraten und sein Leben leben. Die Kirche gestatte dem Mann insgesamt drei Eheschließungen. Eine weitere Möglichkeit, sich seiner Ehefrau zu entledigen, war, sie in ein Kloster zu stecken. Für die Außenwelt galt sie dann als „tot“, der Mann durfte erneut heiraten. 

Die gesellschaftliche Verachtung der Frauen hatte grausame Folgen für die russischen Männer des 17. Jahrhundert. Ein echtes Familienleben gab es nicht, das intellektuelle Leben stagnierte, die rohesten Sitten herrschten vor, und die Männer fanden nur Ablenkung im Alkohol.“ (ebd. S. 39). 

Am meisten jedoch, das möchte ich hier diesem Zitat anmerken, hatten die Frauen zu leiden und mit ihnen die Kinder, die all diese Rohheiten von Beginn an miterleben mussten. Aus diesen Kindern wurden dann die Erwachsenen, die die "Traditionen" fortführten. Man kann auch nicht erwarten, dass sich aus furchtbar missbrauchten, unterworfenen und gedemütigten Mädchen/Frauen gute Mütter entwickeln. Als Mütter hatten und haben Frauen stets Macht über Kinder. Traumatisierte Mütter werden auf die eine oder andere Art mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auch zu einer Belastung oder sogar zu einer Gefahr für die eigenen Kinder, gerade auch in einer Zeit wie dem 17. Jahrhundert. 

Geschichte ist nicht einfach nur Geschichte. Sie wirkt fort (Stichwort auch „transgenerationales Trauma“). Nun ist es sicherlich so, dass im 17. Jahrhundert auch in Europa raue Sitten herrschten. Allerdings spricht einiges dafür, dass Russland rückständiger war und sich Fortschritt langsamer vollzog: Z.B. herrschte die Leibeigenschaft sehr viel länger in Russland vor, ebenso die hohen Raten von Analphabeten. Das restliche Europa entwickelte sich dagegen schneller: "Etwas mehr als die Hälfte der Bauern waren Leibeigene. Ihre Eigentümer, die Grundherren, gehörten gewöhnlich dem Adel an. Zu einer Zeit, da die Leibeigenschaft nahezu überall in Westeuropa verschwunden war, um die Mitte des 17. Jahrhunderts, hatte man sie in Russland gesetzlich festgeschrieben" (de Madariaga 2006, S. 25).
Noch im Jahr 1858 lebten ca. 40 % der Russen als Leibeigene. Sie wurden am 19.02.1861 durch die Aufhebung der Leibeigenschaft in die Freiheit entlassen  (d'Encausse 1998, S, 18). 

In einer parlamentarischen Anfrage (europäisches Parlament) vom 2. März 2017 heißt es:
Präsident Putin hat das Gesetz über häusliche Gewalt erlassen, mit dem häusliche Gewalt in Russland entkriminalisiert wird. Ungeachtet der von den russischen Gesetzgebern vorgebrachten juristischen Argumenten für eine Angleichung von Strafen sind wir der Auffassung, dass in diesem Fall von einer Angleichung nach unten das Signal einer toleranten Haltung gegenüber der Misshandlung von und Gewalt gegen Frauen und Kinder ausgeht. In Russland werden jedes Jahr 14 000 Frauen von ihren Partnern getötet, und die Zahl der Straftaten in Zusammenhang mit häuslicher Gewalt ist in den vergangenen Jahren weiter angestiegen.“ 

Im Magazin „AMNESTIE!“ vom Februar 2006 (herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion) wird unter dem Titel "Häusliche Gewalt. «Privatsache» Auch in Russland" formuliert. „Anlässlich einer Meinungsumfrage im Jahr 2003 gaben rund 40 Prozent der männlichen und weiblichen Befragten an, dass Schläge durch den Ehemann je nach den Umständen gerechtfertigt seien. Die Mehrheit betrachtete erzwungenen ehelichen Sexualverkehr nicht als Straftat. (…) «Gewalt ist unser Schicksal», davon sind viele Frauen in Russland überzeugt. Und der Staat unternimmt kaum etwas, um das zu ändern. In der Russischen Föderation gibt es kein Gesetz gegen Gewalt in der Familie, sie wird als «private Angelegenheit» betrachtet. (…). 70 Prozent der Frauen in Russland erleben laut einer Studie mindestens einmal in ihrer Ehe Gewalt.“ 

Es ist für mich ganz und gar deutlich, dass das Hier und Jetzt in Russland mit seiner grausamen (unverarbeiteten) Vergangenheit in Verbindung steht. Das meine ich natürlich in Bezug auf Gewalt innerhalb von Familien, aber auch in Bezug auf politische Gewalt und Krieg. Eine Gesellschaft, die seit Jahrhunderten in ihren kleinsten Einheiten (den Familien) Terror, Gewalt, Gehorsam und Unterwerfung gewohnt ist, ist auch anfälliger für blinden Gehorsam im politischen Raum, für Mitläufertum, Kriegsbegeisterung, Identifikationen mit starken Führern, Gleichgültigkeit und Täterschaft. Insofern betone ich hier erneut: Die Probleme in Russland sind nur langfristig wirklich zu lösen, indem die Familie und vor allem auch Kindheit Stück für Stück befriedet und demokratisiert wird. 

Leider ist die Realität so, dass die unzähligen russischen Soldaten, die aktuell für Gewalt, Terror und Gräueltaten verantwortlich sind, die Kriegsgewalt auch wieder mit nach Hause tragen werden. Traumatisierte Soldaten sind keine guten Väter und Ehemänner! Noch dreht sich also der Kreislauf der Gewalt in Russland. Das ist tragisch, aber nicht unveränderbar.


Quellen:

d'Encausse, H. C. (1998). Nikolaus II.: Das Drama des letzten Zaren. Paul Zsolnay Verlag, Wien. 

de Madariaga, I. (2006). Katharina die Grosse. Das Leben der russischen Kaiserin. Hugendubel Verlag, Kreuzlingen / München. 

Massie, R. (1982). Peter der Grosse und seine Zeit. Athenäum Verlag, Königstein/Ts.


siehe ergänzend auch den Blogbeitrag "Kindheit in Russland"

Dienstag, 26. April 2022

20. Jahrestag vom Amoklauf von Erfurt und mein Bekannter, der sich als 18-Jähriger umgebracht hat

Ich erinnere mich heute, am 20. Jahrestag der Amoktat von Erfurt, an einen Bekannten von mir aus der Schulzeit. Er war der feste Freund meiner damaligen besten Freundin. Über die Kindheit von Robert Steinhäuser (dem Amoktäter von Erfurt), habe ich natürlich versucht zu recherchieren, fand aber fast nichts. Offensichtlich haben die Familienmitglieder kaum Einblicke gegeben. 

Mein damaliger Bekannter hat sich umgebracht, als er ca. 18 Jahre alt war… 

Kaum jemand hätte dies vorher für möglich gehalten. Er war sehr beliebt. Er war aber auch ein eher ruhiger Mensch, der vieles mit sich ausmachte. Als er alle Tabletten geschluckt hatte, rief er noch seinen besten Freund an, unterhielt sich, wurde immer müder, nahm auf seine Art Abschied. Niemals hätte dieser Bekannte eine Amoktat verübt, er war gänzlich zu keiner Gewalt fähig. Wohl aber gegen sich selbst. 

Sein Vater war ein reicher Architekt. Sein Sohn sollte in eine ähnliche Richtung gehen, das hatte der Vater beschlossen! Mein Bekannter hatte nicht viel Spaß an der Schule und er hatte auch keine hohen Ziele. Sein Traum war es, Maurer zu werden. Für den Vater undenkbar! 

Die Eltern lebten getrennt. Über seine Mutter sprach mein Bekannter gar nicht. Sein Vater kontrollierte alles. Ein Innenarchitekt hatte das Jugendzimmer meines Bekannten eingerichtet. Wir alle fanden das „cool“. Ein solches Zimmer hatte keiner von uns. Für meinen Bekannten hatte das Zimmer keinen Wert, es war nicht seins, er hatte dort kaum etwas bestimmt und gestaltet. In seinem Zimmer wirkte mein Bekannter wie ein Fremdkörper. 

Was genau alles in dieser Familie passiert ist, vermag ich nicht zu sagen. Eines war klar: Dem Bekannten wurde die Luft zum freien Atmen genommen. 

Auf der Trauerrede sprach der Pastor die Verantwortung des Vaters sehr deutlich an. Ich nahm das damals mit gemischten Gefühlen auf. Dieser Vater hatte ein Recht darauf, sich in diesem Moment zu verabschieden und zu trauern. Im Raum stand ein Stück weit eine Anklage, vor weit über 300 Menschen. Auf der anderen Seite war dieser offene Umgang eine Wohltat, so empfanden wir alle es, weil wir wussten, wie kalt und kontrollierend dieser Vater war. 

Dieser Vater wollte seinen Sohn gewiss nicht in den Selbstmord treiben. Aber es stimmt, er hatte seinen Anteil und damit muss er leben.  

Auch die Eltern von Robert Steinhäuser wollten ganz gewiss nicht, dass ihr Sohn eine solche Tat begeht. Falls sie irgendwann die Kraft und den Willen aufbringen, wünsche ich mir mehr Klarheit und Offenheit. Wie sah die Kindheit von Robert aus? Wie war die Bindung zwischen den Familienmitgliedern? Wie war die Familienatmosphäre? 

Antworten schulden wir den Opfern und Hinterbliebenen. 


Telefonseelsorge Hotline:

0800 1110111


Freitag, 22. April 2022

Studie: Erziehungsnormen/Kindheit und rechtsextreme Einstellungen

Es ist immer wieder erstaunlich, was für „Schätze“ sich finden lassen, wenn man lange genug „gräbt“. Nachfolgende Studie habe ich kürzlich durch einen Hinweis in einem Buch gefunden. Vorher ist mir die Studie nirgends aufgefallen, entsprechend scheint sie weitgehend in der „Schublade“ der Wissenschaft/Extremismusforschung verschwunden zu sein. Dabei bringt diese Studie (ähnlich wie die Nachfolgestudie, die ich hier im Blog bereits besprochen habe) wichtige Erkenntnisse zwischen dem Zusammenhang von Kindheitserfahrungen und rechtsextremen Einstellungen:

Utzmann-Krombholz, H. (1994). Rechtsextremismus und Gewalt: Affinitäten und Resistenzen von Mädchen und jungen Frauen. Ergebnisse einer Studie. Ministerium für die Gleichstellung von Frau und Mann des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Düsseldorf. 

Zwischen dem 25.08.1993 und dem 06.10.1993 wurden repräsentativ für Nordrhein-Westfalen 1.045 deutsche Jugendliche im Alter zwischen 14 und 24 Jahren befragt. 

Erfreulich ist, dass mehr als 80 % der Befragten angaben, dass sie eine glückliche Kindheit hatten. 

Ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild, verbunden mit Ausländerfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft, fand man bei 8 bis 10 % der Jugendlichen, von diesen sind drei Viertel männlich.  

Neben dem wichtigen Einflussfaktor Geschlecht fand man auch starke Zusammenhänge zwischen destruktiven Kindheitserfahrungen und rechtsextremen Einstellungen: 

Auffallend ist die überraschend stringente Beschreibung der Kindheitserfahrungen. Danach gibt es eindeutige Zusammenhänge zwischen einer strengen Erziehung, zu der auch Schläge gehöhrten, und einem rechtsextremen Einstellungsmuster. Diese Jugendlichen hatten nach ihrem Empfinden keine glückliche Kindheit, sie fühlten sich mit ihren Problemen alleine gelassen und von ihren Eltern vernachlässigt. Die Eltern verstanden sich nicht gut, hatten keine Zeit für ihre Kinder, aber man wahrte den äußeren Rahmen, in dem man sehr viel Wert auf gute Manieren legte (…). Sie sind im hohen Maße verunsichert und haben starke Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Über ihr Leben entscheiden andere, sie selbst haben wenig Einfluss auf die Gestaltung ihres Lebens. (…). Dieses Gefühl von Ohnmacht und Orientierungslosigkeit lässt sie nach einem festen Rahmen suchen, `Zusammenhalt` ist für sie der wichtigste Wert (…) “ (S. 34f.). 

Im Anhang finden sich auch Zahlen bzgl. dem Extremwert „stimme voll und ganz zu“ (S. 111f.):

„Ich hatte eine glückliche Kindheit“: 32 % aller Befragten, 11 % der rechtsextrem Eingestellten.

„Wenn ich Probleme hatte, dann waren meine Eltern für mich da“: 35 % aller Befragten, 15 % der rechtsextrem Eingestellten.

„Meine Eltern hatten nicht viel Zeit für mich“: 10 % aller Befragten, 28 % der rechtsextrem Eingestellten.

„Meine Eltern verstanden sich ausgesprochen gut“: 23 % aller Befragten, 9 % der rechtsextrem Eingestellten.

„Ich habe mich als Kind oft einsam gefühlt“: 5 % aller Befragten, 13 % der rechtsextrem Eingestellten.

„Wenn ich etwas angestellt habe, dann gab es schon mal Ohrfeigen“: 11 % aller Befragten, 20 % der rechtsextrem Eingestellten.

„Ich wurde als Kind oft geschlagen“: 4 % aller Befragten, 10 % der rechtsextrem Eingestellten.

„Ich wurde ziemlich streng erzogen“: 9 % aller Befragten, 29 % der rechtsextrem Eingestellten.


Donnerstag, 21. April 2022

Kindheit von Zacarias Moussaoui

Zacarias Moussaoui erklärte vor Gericht, dass er eigentlich für das Terrornetzwerk al-Qaida ein Flugzeug ins Weiße Haus habe lenken sollen, allerdings kam er vorher in Haft.  Er gilt als Helfer für die islamistischen Anschläge vom 11. September 2001 in den USA und wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Über seine Kindheit habe ich bereits in meinem Buch kurz berichtet (nachfolgend der kurze Auszug). Seine in Marokko aufgewachsene Mutter heiratete seinen erheblich älteren Vater im Alter von vierzehn Jahren. Später, als die Familie in Frankreich lebte, verließ sie mit ihren Kindern ihren Mann; Zacarias war da drei Jahre alt (Auchter, T. (2012): Brennende Zeiten. Zur Psychoanalyse sozialer und politischer Konflikte. Psychosozial Verlag, Gießen, S. 236). Seine Schwestern sagten vor Gericht aus, dass Zacarias von seinem Vater misshandelt wurde. Der Vater sei Alkoholiker gewesen und habe die Familie terrorisiert (Focus-Online 2006, Arzt hält Moussaoui für paranoid). Die Mutter sei, so eine Gutachterin vor Gericht, auch während all ihrer Schwangerschaften von ihrem Ehemann misshandelt worden. Zacarias kam mehrmalig in Waisenhäusern unter (Reihnische Post-Online 2006, Moussaoui hatte angeblich schwere Kindheit). Aber auch seine Mutter war autoritär und dominant. Und sie schlug ihre Kinder (Auchter 2012, S. 237).

Nun habe ich die Zeit gefunden, eine weitere, sehr eindrucksvolle Quelle für seine Kindheit zu sichten:

"Zacarias Moussaoui, mein Bruder" von Abd Samad Moussaoui (2002, Pendo Verlag, Zürich)

Seit Jahren recherchiere ich über die Kindheiten von Extremisten, Terroristen und Gewalttätern. Dass der Bruder eines solchen Täters ein ganzes Buch schreibt, in dem ausführlich und ganz offensichtlich auch ohne Scheukappen die Familiengeschichte und destruktive Kindheitssituation beschrieben wird, ist wohl einmalig (selten schreiben Familienmitglieder von Tätern Bücher. Und dann kommt eher etwas heraus wie „Liebe ist nicht genug - Ich bin die Mutter eines Amokläufers“ von Sue Klebold, was – wie der Titel schon zeigt – eher wenig Erhellendes über die Kindheit der Täter zu Tage bringt, sondern wohl eher der Entlastung der Mutter dienen soll…).

Die Mutter (Aischa) der Brüder hatte bereits eine schwierige Kindheit. Ihr Vater starb 1953, da war Aischa sieben Jahre alt. Ihre Mutter war zu der Zeit kaum vierzig Jahre alt und hatte nun alleine fünf Kinder zu versorgen, ohne dass ihr Mann ihr Geld hinterlassen hätte (Moussaoui 2002, S. 16). Die Mutter konnte nicht alle ernähren. Aischa wurde zu einem Cousin gegeben und musste dafür dort im Haushalt helfen. „Wie ihre Geschwister auch wuchs Aischa also ohne Vater auf. Schon sehr früh dachte sie nur an eines: nichts wie weg. Als sie vierzehn Jahre alt war, lernte Aischa meinen Vater kennen, Omar Moussaoui“ (S. 17). Die Verwandten erzählten später, Aischa hätte unbedingt so früh heiraten wollen. Die Version von Aischa selbst war eine andere: „Unsere ganze Kindheit über hat Aischa uns gegenüber behauptet, sie wäre gegen ihren Willen mit vierzehn verheiratet worden. Nach der Hochzeit brachte meine Mutter nacheinander zwei Kinder zur Welt, die sehr bald starben. Als sie siebzehn war, kam Nadia auf die Welt, meine älteste Schwester“ (S. 17). Ein weiteres Mädchen folgte. Die Familie zog dann nach Frankreich. Die beiden Brüder wurden in Frankreich geboren, als die Mutter Aischa Anfang 20 war. 

Zacarias war der Jüngste. Drei Jahre nach seiner Geburt ließen sich seine Eltern scheiden. Die Mutter begründete dies mit der Gewalttätigkeit ihres Mannes (S. 19). Die Mutter zog mit den Kindern nach Mulhouse, wo sie Arbeit gefunden hatte. „Kaum waren wir in der elsässischen Stadt angekommen, steckte unsere Mutter uns ins Waisenhaus (…). Plötzlich standen wir also ohne Vater und ohne Mutter da. An diese düstere Zeit unserer Kindheit habe ich nur wenige Erinnerungen, aber sie sind furchtbar“ (S. 19). Aischa kam während dieser Zeit ca. einmal die Woche zu Besuch, aber sie nahm die Kinder nie mit zu sich.
Eines Tages nahm sie ihre Kinder dann allerdings wieder bei sich Zuhause auf. Aischa arbeitete von früh bis spät. „Zu Hause trat meine Schwester Nadia, die damals zwölf Jahre alt war, im Haushalt an ihre Stelle. Sie kaufte ein, kochte, putzte und kümmerte sich um uns. Abends machte sie uns zu essen, morgens half sie uns beim Anziehen. Und wir hatten uns still zu verhalten, sonst setzte es was“ (S. 22). Hier deuten sich also auch Körperstrafen seitens der älteren Schwester an (!) und natürlich wird die mütterliche Vernachlässigung überdeutlich

Später zog die Familie erneut um, diesmal in ein sogenanntes „Problemviertel“. Die Jungs wurden dort offensichtlich des Öfteren in Prügeleien verwickelt. Von manchen Nachbarn wurden sie außerdem rassistisch beleidigt. Die Wohnung war sehr klein, so dass sich das Leben für die Kinder vor allem draußen abspielte. „In der Wohnung war es nicht lustig. Meine Mutter kümmerte sich nicht um uns, sie hatte immer etwas anderes zu tun. Es wäre illusorisch gewesen, von ihr auch nur ein liebevolles Wort oder eine zärtliche Geste zu erwarten, sie war dazu nicht in der Lage. Mit meinen Schwestern hatte sie immer Krach, obwohl sie enorm viel leisteten“ (S. 24). 

Manchmal versuchte der Vater, die Kinder zu besuchen. Die Mutter hatte ihre Kinder allerdings so sehr vor dem Vater gewarnt, dass sie oft wegliefen, wenn er sie sehen wollte. Die Mutter hatte ergänzend gedroht, dass sie nicht mehr ihre Mutter sein werde, wenn sie mit dem Vater mitgehen würden (S. 25). Der Vater stellte schließlich seine Besuchsversuche ein. Später erfuhren die Kinder, dass ihr Vater eine Zeit im Gefängnis gesessen hatte, was sie zutiefst schockierte (S. 53).

Schließlich trat auch ein Stiefvater ins Leben der Kinder. Er störte wohl nicht, blieb aber recht unsichtbar. Die Dominanz in der Familie übte die Mutter Aischa aus. Sie war auch sehr kontrollierend und manipulativ. Und sie war gewalttätig: „Um uns zu bestrafen, wurde nicht selten ein Teppichklopfer zweckentfremdet“ (S. 29). Zuhause gab es oft „Ärger, Geschrei und Schläge“ (S. 30). 

Zwischen der Mutter und ihrer Tochter Jamila eskalierten die Konflikte schließlich so weit, dass Aischa ihre Tochter in ein Internat schickte. (Jamila wurde später depressiv und bulimisch, außerdem versuchte sie, mit Hilfe einer Sozialarbeiterin in einem Heim unterzukommen, was nicht gelang: S. 50)  Abd Samad wurde ebenfalls das Internat angeboten. Er wollte seine Lieblingsschwester nicht alleine gehen lassen und ging mit. Unter der Woche waren die Geschwister nunmehr voneinander getrennt. „Mein Weggang machte Zacarias traurig, denn für ihn war es ein wenig so, als würde ich ihn im Stich lassen“ (S. 33). Zacarias war nach dem Wegzug seiner Geschwister den „häuslichen Gewittern“ nun noch stärker ausgesetzt. Er versuchte Zuhause immer in Alarmbreitschaft zu sein und „dem mütterlichen Zorn aus dem Weg zu gehen, was ihm nicht immer gelang“ (S. 34). 

Irgendwann verkündete die Mutter einen erneuten Umzug. Nur Zacarias war absolut dagegen. Er hatte in seinem Wohnort Bindungen aufgebaut und träumte davon, Profihandballer zu werden (er war talentiert), was sich durch den Umzug erledigte. „Mit dem Abstand glaube ich, dass dieser Umzug nach Narbonne nach dem Aufenthalt im Waisenhaus der zweite große Bruch für ihn war“ (S. 34f.) Zacarias war zu dem Zeitpunkt zwölf Jahre alt. Ab dann sei Zacarias verändert gewesen.
Irgendetwas hatte sich bei ihm eingenistet, ein kleines Mal, eine Spur Bitterkeit oder Groll, wie eine Narbe, die so klein ist, dass man sie kaum sieht, aber die auch mit der Zeit nicht verheilt“ (S. 37). 

Ihre Mutter bot ihnen auch keine richtige Verbindung zu ihrem Herkunftsland oder zur Religion. Zu all den familiären Belastungen kam noch das Gefühl der fehlenden Zugehörigkeit hinzu und Rassismus. In der Schule gab es sogar einen Lehrer, der gezielt Schüler arabischer Herkunft prügelte. „Zacarias ließ sich schlagen, ich ließ mich schlagen, die anderen ließen sich auch schlagen. Schweigend“ (S. 80). Es kam noch zu weiteren Opfererfahrungen, die mit Rassismus zusammenhingen. 

Der Autor berichtet auch über die Art und Weise mütterlicher Demütigungen. „Du bist ein Tunichtgut, von dir kommt alles Böse, du bist ein Bastard!“ (S. 59). „Ein Streit zwischen meinem Bruder und meiner Mutter konnte um sechs Uhr abends beginnen und sich bis zwei Uhr in der Früh hinziehen …. Meine Mutter ließ erst locker, wenn sie sah, dass ihr Sohn kurz davor war, zusammenzubrechen“ (S. 60).

 Als Zacarias ca. 18 Jahre alt war, verließ er seine Familie. „1988 kam er noch einmal kurz wieder. Dann tauchte er erst acht Jahre später wieder auf, 1996, mit kahlrasiertem Schädel, langem Bart und kurzer Hose (…)“ (S. 62). Durch Kontakte zur Islamistenszene hatte er sich radikalisiert. Das Schicksal nahm seinen Lauf…