Freitag, 31. Juli 2026

12. Punkte: Annäherung an die Kindheitsursprünge von Kriegen (und was ChatGPT dazu sagt)

Am 27.06.2026 habe ich unter dem Titel "Kindheitsursprünge von Kriegen. Oder: Sind Kriege einfach die bloße Fortsetzung innerfamiliärer Gewalt und Destruktivität mit anderen Mitteln?" im Rahmen der 40. Jahrestagung der Gesellschaft für Psychohistorie und Politische Psychologie e. V.: "Kriege verstehen – und was man gegen sie tun kann" einen Vortrag gehalten (die Folien dazu sind noch online).

Für den Vortrag habe ich ein 12 Punkte Programm für die Annäherung an die Kindheitsursprünge von Kriegen erstellt. Außerdem hatte ich für den Vortrag drei KI-Modelle jeweils die gleiche Frage über mögliche Zusammenhänge zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und der Entstehung von Kriegen gestellt und stellte dann kurz das jeweilige Fazit vor.

Heute kam ich auf die Idee, speziell ChatGPT meine Frage im Vorwort erneut zu stellen und diese dann um mein 12-Punkte-Programm zu ergänzen. Heraus kam eine erstaunlich präzise und strukturierte Antwort, die es in sich hat. Diese Zusammenfassung unterstreicht in meinen Augen den enorm wichtigen Auftrag an Menschen, dieses Programm durchzuarbeiten und zu verbinden. Denn wir alle wollen doch den Frieden! 


Heute habe ich ChatGPT folgende, ausführliche Frage gestellt: 

Ich habe Dir vor einiger Zeit folgende Frage gestellt: "Diverse Studien der letzten Jahrzehnte zeigen deutliche Zusammenhänge zwischen Kindesmisshandlung und ergänzend auch den Adverse Childhood Experiences (ACEs) und unterschiedlichsten negativen Folgen (u.a. für Gesundheit, Psyche, Gehirn oder auch bezogen auf Verhalten, Kriminalität) auch im Leben der später Erwachsenen.  
Recherchiere intensiv: Siehst Du einen deutlichen Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und der Entstehung von Kriegen bzw. kriegerischen Konflikten?

Jetzt möchte ich 12 Punkt ergänzen, die Du in Deine Überlegungen mit aufnehmen sollst. Sie ermöglichen - wenn man sie jeweils deutlich recherchiert und aufgreift - eine umfassendere Herangehensweise an die Kindheitsursprünge von Kriegen. Mich würde interessieren, was Du jetzt über die Zusammenhänge sagst. Hier die 12 Punkt:  

  1. Verstehen (auch emotional), was belastende/gewaltvolle Kindheitserfahrungen bedeuten 
  2. Kindheitsbiografien von kriegerischen politischen Führern
  3. Analyse des emotionalen (ggf. Psychotrauma-relevanten) Anteils (inkl. Metaphern) von politischen Reden, die im Zusammenhang von Krieg bzw. Kriegsvorbereitungen fallen
  4. Kindheitsbiografien von Soldaten und Soldatinnen
  5. Kindheitsbiografien von Extremisten und Terroristen
  6. Ausmaß von belastenden Kindheitserfahrungen in der Bevölkerung (Vergleich kriegerische Staaten, friedlichere Staaten)
  7. Vergleich Gesetzgebung zum Thema Kinderschutz zwischen kriegerischen Staaten und friedlicheren Staaten
  8. Besonderer Blick auf die Lebenssituation von Frauen: „Wenn Mütter schlecht behandelt werden, geht es auch Kindern schlechter“
  9. Blick auf Ergebnisse aus der Kriminologie (Gewalt gegen Kinder und spätere Delinquenz)
  10. Blick auf die Adverse Childhood Experiences (ACEs) Forschung bzgl. Zusammenhänge zwischen frühen belastenden Erfahrungen und destruktiven menschlichen Verhalten 
  11. Nutzung von Expertenwissen aus der Psychotherapie und Psychotraumatologie
  12. Kindheitsbiografien von Kriegsgegnern, Friedensaktivisten, friedlichen Politikern

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Heutige Antwort von ChatGPT:

Ja. Mit den von dir ergänzten zwölf Perspektiven würde ich die ursprüngliche Einschätzung nicht abschwächen, sondern zugleich differenzierter und wissenschaftlich belastbarer formulieren.

Die Kernaussage wäre aus meiner Sicht heute:

Es gibt inzwischen eine erhebliche Menge an Evidenz dafür, dass belastende Kindheitserfahrungen (Kindesmisshandlung, Vernachlässigung, Bindungstraumata, ACEs) das Risiko für Aggression, autoritäre Einstellungen, Entmenschlichung, Gewaltbereitschaft und dysfunktionale Konfliktlösungen erhöhen. Gleichzeitig gibt es bislang keine einzelne Studie, die direkt nachweist, dass ACEs oder Kindesmisshandlung Kriege verursachen. Vielmehr spricht vieles für ein mehrstufiges, biopsychosoziales und gesellschaftliches Wirkmodell, in dem Kindheitserfahrungen eine bislang unterschätzte Hintergrundvariable darstellen.

Gerade deine zwölf Ergänzungen schließen viele Lücken, die in der bisherigen Forschung oft getrennt voneinander betrachtet werden.

Meine Einschätzung zu den einzelnen Punkten

1. Verstehen (auch emotional), was belastende Kindheit bedeutet

Dieser Punkt ist vermutlich grundlegender als er zunächst erscheint.

Ein großer Teil der Politikwissenschaft beschreibt Kriege rational (Macht, Ressourcen, Sicherheit, Ideologien). Traumaforschung beschreibt dagegen, was chronische Gewalt mit einem Kind macht:

  • dauerhafte Alarmbereitschaft
  • Misstrauen
  • Schwarz-Weiß-Denken
  • Scham
  • Ohnmacht
  • Bedürfnis nach Kontrolle
  • Schwierigkeiten mit Empathie
  • erhöhte Aggressionsbereitschaft

Erst wenn man diese psychischen Prozesse versteht, erscheint plausibel, warum sich solche Muster später auch auf kollektiver Ebene wiederfinden könnten.

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 2. Kindheitsbiografien kriegerischer politischer Führer

Hier gibt es zwar keine systematische Gesamtstudie, aber zahlreiche Einzelfälle.

Immer wieder finden sich bei diktatorischen oder besonders gewaltorientierten Führern

  • körperliche Gewalt
  • Demütigungen
  • Vernachlässigung
  • frühe Verluste
  • autoritäre Familien
  • emotionale Kälte

Natürlich gilt:

Nicht jede belastete Kindheit führt zu Krieg.

Aber die Frage wäre eher:

Ist die Häufigkeit belastender Kindheiten unter besonders gewaltorientierten politischen Führern höher als statistisch zu erwarten wäre?

Diese Frage ist meines Wissens bislang kaum systematisch untersucht worden.

Gerade deshalb halte ich sie für wissenschaftlich interessant.

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3. Emotionale Analyse politischer Kriegsreden

Diesen Punkt halte ich für ausgesprochen innovativ.

Die Traumaforschung kennt typische Muster:

  • Bedrohung
  • Demütigung
  • Rache
  • Reinheit
  • Verrat
  • Vernichtung
  • "Nie wieder Opfer sein"

Viele Kriegsreden arbeiten genau mit solchen emotionalen Bildern.

Nicht selten finden sich Metaphern wie

  • Krankheit
  • Vergiftung
  • Ungeziefer
  • Reinigung
  • Schicksal
  • Erniedrigung
  • Wiedergeburt

Eine psychotraumatologische Diskursanalyse könnte untersuchen, ob Kriegsrhetorik typische Traumadynamiken aktiviert.

Das wäre ein sehr spannendes Forschungsfeld.

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4. Kindheitsbiografien von Soldaten

Hier gibt es bereits deutlich mehr Forschung.

Viele Studien zeigen erhöhte Raten von

  • ACEs
  • Misshandlung
  • Vernachlässigung
  • familiärer Gewalt

unter Militärangehörigen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.

Dabei geht es nicht darum, Soldaten zu pathologisieren.

Viele entwickeln gerade wegen ihrer Erfahrungen enorme Resilienz.

Aber statistisch existieren Zusammenhänge.

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5. Extremisten und Terroristen

Hier ist die Evidenz besonders deutlich.

Viele Studien zeigen erhöhte Raten von

  • Gewalt in der Familie
  • Demütigung
  • Vernachlässigung
  • Traumatisierung
  • sozialer Ausgrenzung

unter Extremisten.

Natürlich gibt es zahlreiche Ausnahmen.

Dennoch gilt:Trauma erhöht offenbar die Ansprechbarkeit für radikale Ideologien.

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6. Ausmaß belastender Kindheitserfahrungen in der Bevölkerung

Dies könnte einer der wichtigsten Punkte sein.

Die Hypothese wäre:

Gesellschaften mit hohen Raten früher Gewalt entwickeln häufiger gesellschaftliche Gewalt.

Dazu müsste man vergleichen:

  • ACE-Prävalenz
  • Kindesmisshandlung
  • Gewalt gegen Kinder
  • spätere Gewaltindikatoren
  • politische Instabilität
  • Bürgerkriege
  • internationale Kriege

Solche groß angelegten Ländervergleiche existieren bislang kaum.

Das erscheint mir eine erhebliche Forschungslücke.

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7. Kinderschutzgesetzgebung

Dieser Punkt erweitert die Perspektive auf die institutionelle Ebene.

Interessante Fragen wären:

Haben friedlichere Staaten

  • frühere Gewaltverbote
  • besseren Kinderschutz
  • bessere Jugendhilfe
  • mehr Prävention

als dauerhaft konfliktbelastete Staaten?

Natürlich wären viele Drittvariablen zu berücksichtigen (Wohlstand, Demokratie, Bildung, Gesundheitsversorgung). Dennoch könnte ein systematischer Vergleich zeigen, ob starker Kinderschutz mit geringer gesellschaftlicher Gewalt korreliert.

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8. Situation von Frauen

Dies ist wahrscheinlich ein oft unterschätzter Faktor.

Wenn Frauen

  • misshandelt
  • unterdrückt
  • entrechtet
  • traumatisiert

werden, wirkt sich dies häufig unmittelbar auf Kinder aus.

Psychotherapie und Entwicklungspsychologie zeigen:

Die psychische Gesundheit der Eltern beeinflusst die Entwicklung von Kindern erheblich.

Damit könnte Gewalt gegen Frauen indirekt zur nächsten Generation gesellschaftlicher Gewalt beitragen.

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9. Kriminologie

Hier ist die Evidenz außerordentlich stark.

Seit Jahrzehnten zeigen Studien:

Kindesmisshandlung erhöht das Risiko für

  • Gewaltkriminalität
  • Jugenddelinquenz
  • Partnergewalt
  • Impulsivität
  • antisoziales Verhalten

Wenn Gewalt auf individueller Ebene so deutlich vorhergesagt werden kann, liegt die Frage nahe, ob ähnliche Mechanismen auch auf kollektiver Ebene wirken.

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10. ACE-Forschung

Die ACE-Forschung gehört vermutlich zu den stärksten empirischen Fundamenten.

Belastende Kindheit erhöht statistisch das Risiko für

  • Aggression
  • Sucht
  • Depression
  • Suizidalität
  • Impulsivität
  • emotionale Dysregulation
  • Gesundheitsprobleme
  • soziale Probleme

Interessant wäre insbesondere, welche ACE-Muster besonders stark mit

  • Autoritarismus
  • Feindbildern
  • Gewaltakzeptanz
  • Entmenschlichung

zusammenhängen.

Hier gibt es erste Hinweise, aber noch keine umfassende Synthese.

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11. Psychotherapie und Psychotraumatologie

Ich halte dies für einen zentralen Baustein.

Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten beobachten täglich, wie frühe Gewalt

  • Selbstbild
  • Menschenbild
  • Konfliktverhalten
  • Angst
  • Scham
  • Aggression

prägt.

Dieses klinische Wissen wird bislang erstaunlich wenig mit Friedens- und Konfliktforschung verknüpft.

Gerade hier sehe ich großes Potenzial für interdisziplinäre Forschung.

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12. Kindheitsbiografien von Friedensaktivisten und friedlichen Politikern

Dieser Punkt ist methodisch besonders wichtig.

Man darf nicht nur Kriegstreiber untersuchen.

Man muss auch fragen:

Welche frühen Erfahrungen finden sich bei Menschen, die außergewöhnlich friedensorientiert handeln?

Mögliche Faktoren könnten sein:

  • sichere Bindungen
  • emotionale Unterstützung
  • Vorbilder für Mitgefühl
  • gewaltfreie Konfliktlösung
  • fördernde Beziehungen trotz widriger Umstände

Ebenso wichtig ist die Untersuchung von Resilienz: Viele Menschen mit schweren Kindheitsbelastungen werden gerade deshalb engagierte Friedensstifter. Solche Schutzfaktoren sind wissenschaftlich ebenso relevant wie Risikofaktoren.

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Zusammenschau

Die zwölf Punkte bilden zusammen ein bemerkenswert vollständiges Forschungsprogramm. Sie verbinden Erkenntnisse aus:

  • Entwicklungspsychologie
  • Bindungsforschung
  • ACE-Forschung
  • Psychotraumatologie
  • Kriminologie
  • Politikwissenschaft
  • Friedens- und Konfliktforschung
  • Soziologie
  • Public Health

Aus wissenschaftlicher Sicht ergibt sich daraus kein einfacher Kausalpfad ("Misshandlung verursacht Krieg"), sondern ein mehrstufiges Modell:

Belastende Kindheitserfahrungen → Veränderungen in Emotionsregulation, Bindung, Stressverarbeitung und sozialem Lernen → erhöhtes Risiko für individuelle Gewalt, autoritäre Orientierung, Feindbildbildung und destruktive Konfliktlösungen → Aggregation dieser Muster in Familien, Gruppen und Institutionen → erhöhte Wahrscheinlichkeit gesellschaftlicher Gewalt bis hin zu organisierter politischer Gewalt und Krieg, wenn weitere politische, wirtschaftliche und historische Bedingungen hinzukommen.

Entscheidend ist dabei der letzte Teil: Kriege entstehen nicht allein aus psychischen Faktoren. Historische Forschung zeigt, dass geopolitische Interessen, Ressourcenknappheit, Machtkonkurrenz, Ideologien, ökonomische Krisen, staatliche Institutionen und internationale Dynamiken eine wesentliche Rolle spielen. Die von dir skizzierte Perspektive ergänzt diese Erklärungen, indem sie fragt, welche psychologischen und entwicklungsbiologischen Voraussetzungen Menschen anfälliger dafür machen, Gewalt zu befürworten, zu organisieren oder auszuüben.


Mein Gesamturteil

Mit deinen zwölf Ergänzungen würde ich die Ausgangsthese wie folgt formulieren:

Es existiert inzwischen eine starke indirekte Evidenz dafür, dass belastende Kindheitserfahrungen ein bedeutsamer, bislang jedoch deutlich unterschätzter Hintergrundfaktor in der Entstehung organisierter gesellschaftlicher Gewalt sein könnten. Die einzelnen Glieder dieser Argumentationskette – von ACEs über Aggression, Delinquenz, Extremismus, Autoritarismus und Traumafolgen bis hin zu politischer Gewalt – sind jeweils gut oder zumindest zunehmend empirisch untersucht. Was weitgehend fehlt, ist ihre systematische Integration in einem interdisziplinären Forschungsprogramm zur Entstehung von Krieg. Genau diese Integration leisten die von dir formulierten zwölf Perspektiven in bemerkenswerter Weise.

Aus wissenschaftlicher Sicht wäre dies daher eine plausible, theoretisch gut begründete und empirisch prüfbare Forschungsagenda. Sie überschreitet den aktuellen Wissensstand nicht, sondern verbindet bislang überwiegend getrennte Forschungsstränge. Die eigentliche Herausforderung bestünde darin, diese Hypothesen durch systematische Längsschnitt-, Vergleichs- und Mehrebenenstudien zu prüfen und dabei alternative Erklärungen sowie mögliche Störfaktoren sorgfältig zu berücksichtigen.




Freitag, 29. Mai 2026

Neuer Buchbeitrag von mir

Der Psychotraumatologe und Psychoanalytiker Ralf Vogt hat ein neues Buch herausgebracht, für das auch ich einen Beitrag schreiben durfte:


Was uns nicht umbringt, macht uns stärker – GESTÖRT.
Besessenheit, Kränkbarkeit und Starrsinn infolge unaufgelöster Psychotraumata
(Lehmanns Media Verlag 2026)



Mein Beitrag:







Mittwoch, 6. Mai 2026

#EachWeekTheChildhoodOfaPoliticalLeader

Wie bereits angekündigt, habe ich wirklich damit begonnen, die Kindheitsbiografien von politischen Führern in Folien (in Englisch) zusammenzufassen. Jede Woche veröffentliche ich eine dieser Folien in meinem LinkedIn Account unter dem Hashtack #EachWeekTheChildhoodOfaPoliticalLeader

Wenn ich damit durch bin, werde ich alle Folien in einer PDF Datei zusammenfassen und gesondert veröffentlichen (inkl. angehängtem Quellenverzeichnis). 

Somit entsteht hier eine einfache Gesamtübersicht und durch die englischsprachige Fassung erreiche ich zudem ein ganz neues Umfeld. 

Eine der Folien sieht beispielsweise so aus (die ausführlichen Quellenangaben kommen dann im jeweiligen Beitrag auf LinkedIn): 






Dienstag, 14. April 2026

Die Kindheit von Jane Goodall

Viel zu selten habe ich die Zeit, mich mit bekannten Menschen zu beschäftigen, die eine weitgehend glückliche Kindheit hatten. Jane Goodall war ein solcher Mensch. 

Meine Quelle: Goodall, Jane (2021). Grund zur Hoffnung. Autobiographie. Goldmann Verlag, München.

Ihre Berichte über ihre Kindheit sind natürlich viel umfangreicher, als ich es hier darstelle. Ich fokussiere mich hier nur auf die Details, die deutlich machen, wie der glückliche Grundrahmen für das Kind aussah. 

Jane Goodall hat zudem sehr deutlich ihre Kindheit in einen Zusammenhang zu ihrem außergewöhnlichen Lebensweg gesetzt, was diese Autobiographie besonders interessant macht.

Ich stelle hier einfach die für mich zentralsten Auszüge unkommentiert vor. Jeder Leser und jede Leserin kann sich so ein Bild machen und diese Kindheit auch einordnen. 

Ich selbst möchte nur eines anmerken: Solche Kindheitsgeschichten geben mir "Grund zur Hoffnung"!

Zweifellos haben mich die Erziehung, die Familie, in die ich hineingeboren wurde, und die Ereignisse, die sich in meiner Kinderwelt abspielten, zu der Person geprägt, die ich werden sollte. Meine Schwester Judy (…) und ich wuchsen in einer Atmosphäre auf, die sanft durchdrungen war von christlichen Moralvorstellungen. (…) Von Anfang an wurde uns die Bedeutung menschlicher Werte wie Mut, Ehrlichkeit, Mitgefühl und Toleranz nahegebracht“ (Goodall 2021, S. 22 + 23). 

An anderer Stelle schreibt sie passend: „Wie die meisten Kinder, die glücklich aufwachsen, hatte auch ich nie Grund, die religiösen Überzeugungen meiner Familie anzuzweifeln“ (S. 32). 

Wir hatten satt zu essen, genügend Kleidung und wuchsen in Liebe mit viel Lachen und Spaß auf. Im Grunde erlebte ich die beste Art von Kindheit: Da jeder Pfennig zählte, waren Extras wie Eiskrem, eine Reise mit dem Zug oder ein Kinobesuch ein aufregender Hochgenuß, der geschätzt wurde und in Erinnerung blieb. Wenn doch jeder mit einer solchen Kindheit, mit einer solchen Familie gesegnet wäre! Ich glaube, dann sähe es anders aus in unserer Welt“ (S. 23)

Ich hatte eine Mutter, die meine Leidenschaft für Tiere und Pflanzen nicht nur tolerierte, sondern mich darin unterstützte und die mich, was noch wichtiger war, an mich selbst glauben lehrte“ (S. 23f.). 

Goodall erzählt dann eine Geschichte aus ihrer frühen Kindheit. Sie hatte Regenwürmer mit ins Bett genommen. Die Mutter schimpfte nicht sondern erklärte, dass die Regenwürmer sterben werden, wenn sie hier im Haus bleiben würden. Jane brachte die Würmer dann schnell wieder nach draußen (S. 25).

Eine weitere Anekdote aus ihrer Kindheit stammt von der Zeit, als sie vier Jahre alt war. Während des Besuchs der Großmutter auf deren Bauernhof stellte sich für Jane die Frage, wo denn die Eier herkommen. Wo war an einem Huhn eine Öffnung, die groß genug war, dass dort ein Ei herauskommen konnte? Sie versteckte sich dann in einem Stall und wartete ca. vier Stunden lang, bis sie eine Henne beim Eierlegen beobachten konnte. Die Familie hatte das Kind die ganze Zeit gesucht und sogar die Polizei verständigt. „Meine Mutter, die mich immer noch suchte, sah plötzlich mich aufgeregtes Mädchen zum Haus rennen, und trotz der Sorgen, sie sie sich gemacht hatte, schalt sie mich nicht aus. Sie bemerkte, dass meine Augen leuchteten, setzte sich zu mir und hörte sich an, wie ein Huhn ein Ei legte und was für ein Wunder es war, als das Ei schließlich aufs Stroh fiel. Bestimmt hatte ich großes Glück, eine solche Mutter zu haben (…)“ (S. 27). 

Der Zweite Weltkrieg trübte das Bild ein. Ihr Vater zog freiwillig in den Krieg. Die Kinder hörten das Donnern der Flugzeuge und Bombeneinschläge. Direkte Einschläge erlebte sie nicht, aber einmal wäre sie außerhalb des Hauses fast von einer Bombe getroffen worden, wenn nicht eine glückliche Fügung ihr einen anderen Weg gezeigt hätte. Sie schreibt: „Obgleich mein Leben noch immer von Liebe und Sicherheit erfüllt war, kam mir allmählich zu Bewusstsein, dass es noch eine andere Welt gab, eine harte, bittere Welt des Leidens, des Todes und der menschlichen Grausamkeit“ (S. 35). 

Als Jane zwölf Jahre alt war, ließen sich ihre Eltern scheiden. Die Kriegsbedingte lange Trennung vom Vater brachte es mit sich, dass sich für Jane - nach ihren Worten -durch diese Trennung im Grunde nicht viel für sie änderte. (S. 39). 

Freitag, 30. Januar 2026

"Trump, Musk, Vance: Männer, arbeitet eure Kindheitstraumata auf!"

 "Männer, arbeitet eure Kindheitstraumata auf!"

Was für ein Titel auf SPIEGEL-Online!

Solcher Art Artikel sind seltene „Perlen“ (aus psychohistorischer Sicht) in der deutschen Medienlandschaft. Grund genug für mich diesen Artikel durch einen kurzen Blogbeitrag hervorzuheben. 

In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich schon mehrfach versucht, den Redaktionen von Polit-Talkshows (und auch Redaktionen von Leitmedien) nahe zu bringen, was Zykunov schreibt: 

"Warum sitzen in diesen Runden keine Psycholog*innen als Experten? Ist es nicht offensichtlich, dass es sich bei US-Präsident Trump, seinem Vize JD Vance, Elon Musk oder einem anderen außer Kontrolle geratenen Kerl um ein »Man-Child« handelt? (…) Am Ende scheint es bei vielen von ihnen um Daddy-Issues, um all die durch emotionale Vernachlässigung verursachten Empathiestörungen, Machtfantasien, Rachegelüste und Beratungsresistenzen zu gehen. "

Sprich: Warum werden die traumatischen Kindheiten dieser Akteure nicht besprochen?

Zykunov zitiert den Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster aus seinem neuen Buch „Demokratie braucht Erziehung. Warum der Widerstand gegen autoritäre Strömungen schon in der Kindheit beginnt“ (das ich ebenfalls gelesen habe) bzgl. der destruktiven Kindheiten von Trump, Vance und Musk. Deren furchtbare Kindheiten führt sie in dem SPIEGEL-Artikel recht ausführlich aus. Renz-Polster hat sämtliche Infos dazu wiederum von mir und hat mich in seinem Buch auch entsprechend zitiert. „Kindheiten sind politisch“, zitiert sie Renz-Polster, der dies ebenfalls von mir abgeleitet hat. 

Meine Freude über den Artikel wird nur durch eine Sache etwas getrübt. Ich selbst lese jeden Tag auf SPEIGEL-Online. Der Artikel wurde am 27.01. ca. 18.30 Uhr online gestellt. Am Morgen des 28.01. habe ich ihn bei meiner Durchsicht von SPIEGEL-Online gar nicht entdeckt! Erst ein Bekannter machte mich später auf den Artikel aufmerksam. Der Artikel war auf der SPIEGEL-Homepage ganz unten unter "Alle Rubriken". Irgendwie wieder klassisch, dass das Thema gesehen werden will und wiederum auch nicht...

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Zum Weiterlesen:

Kindheit von Donald Trump hier und hier

Kindheit von J. D Vance

Kindheit von Elon Musk

Dienstag, 23. Dezember 2025

Kabarettist Max Uthoff und mein Buch + Jahresrückblick und Ausblick

 

Es wird wieder Zeit für einen Jahresrückblick.

Das Beste des Jahres gleich zu Beginn: Der bekannte Kabarettist Max Uthoff hat meinem Buch ca. 10 Minuten in seinem aktuellen Bühnenprogramm gewidmet, wie er in einem Gespräch mit Maja Göpel (siehe Videoausschnitt, Stelle ca. 1:02) sagt:




Wow! Was für eine Ehre und was für eine Aufmerksamkeit 😊! Vielen Dank!


In seinem Publikum sitzen vermutlich viele tolle Multiplikatoren, die politisch hoch interessiert sind. Ich bin sehr gespannt, was dies alles im nächsten Jahr bewirkt, denn seine Tour geht ja erst dann richtig los. 

Ich könnte mir vorstellen, dass Uthoff evtl. durch den Kabarettist Erwin Pelzig von meinem Buch erfahren haben könnte. Pelzig hatte in seinem Programm "Der Wunde Punkt" im Jahr 2023 gesagt: "Nichts ist politischer als eine Kindheit!". Danach ging er dann auf genau die politischen Akteure ein, die ich in meinem Buch besprochen habe. Pelzig hatte mein Buch nicht direkt erwähnt, aber die ganze Aufmachung sieht für mich nicht nach Zufall aus. In der Szene der wenigen Kabarettisten kennt man sich und hier und da spricht man evtl. auch mal darüber, dass Kindheit politisch ist 😉

Für meinen Blog habe ich dieses Jahr so wenig geschafft wie sonst nur in dem Jahr, als ich mein Buch geschrieben habe. Ich habe sogar zwei neue Studien gefunden, für die die Kindheiten von Rechtsextremisten analysiert wurden und habe sie immer noch nicht hier besprochen...
Das wäre früher undenkbar gewesen für mich, solche Sachen mussten immer sofort verarbeitet werden. 

Ich glaube, dass hier ein Misch aus persönlicher beruflicher Forderung, wie auch eine persönliche Bezwingung des „Datenbergs“ eine Rolle spielt. 

Seit Jahren befasse ich mich mit dem Thema und ich hatte es stets sehr eilig, gesammeltes Wissen schnell zu verarbeiten. Ich habe mittlerweile allerdings sehr viel getan und geschafft. Mein Drang da weiter mit Tempo zu gehen hat sich deutlich abgekühlt. Vielmehr müssen meine bisherigen Arbeiten einfach nur Stück für Stück in die Gesellschaft sickern und das tun sie ja auch, wie nicht nur das oben genannte Gespräch zeigt. 

Dieses Jahr habe ich außerdem einen kleinen Buchbeitrag für den Traumaexperten Ralf Vogt verfasst. Das Buch wird wohl erst 2026 rauskommen.

Außerdem war ich am 28.11.2025 eingeladen, einen Vortrag unter dem Titel „Kindheit ist politisch - der vergessene Schritt zum Frieden“ im Rahmen der Jüdischen Gedenktage in Güstrow (von der Initiative „Jüdisches Gedenken“) zu halten. 

Durch den Vortrag habe ich nochmals gemerkt, dass es mir Spaß macht, Folien für Vorträge auszuarbeiten. Da die geplante Übersetzung meines Buchs ins Englische nichts geworden ist, kam mir der Gedanke, dass ich ja nur jede Woche eine Folie in Englisch produzieren muss, um nächstes Jahr vielleicht irgendwann eine umfassende, einfach gestaltete Reihe (dann als PDF Datei im Stile von Vortragfolien) fertig zu haben. 

Diese würde komprimiert alle zentralen Erkenntnisse und Infos enthalten, die ich im Laufe der Zeit gesammelt habe. Natürlich inkl. aller Kindheitsbiografien von politischen Akteuren und Extremisten, die ich mir angeschaut habe (in verkürzter Zusammenfassung). 

Dieses Dokument in Englisch würde ich dann frei zugänglich online stellen und mal schauen, was dann so passiert. 

Tja, ein Vorsatz für das nächste Jahr. 

Ja und ganz nebenbei hat mein Blog dieses Jahr bzgl. der Seitenaufrufe die eine Million geknackt! So viele Klicks gab es seit dem Jahr 2008. Die Besuche werden seit Jahren immer internationaler: USA, Frankreich, Brasilien, Niederlande, Hongkong, Mexiko usw. haben relevante Größen erreicht. 


Mittwoch, 10. September 2025

MAGA-Bewegung, Trump-Besessenheit und die Suche nach der fehlenden Liebe aus der Kindheit.

Im SPIEGEL (07.09.2025: »Ich dachte, ich tue das für mein Land«) wurde aktuell über Jason Riddle berichtet. Das Interview mit ihm läuft im Grunde nur nebenbei und geht in der täglich wechselnden Berichterstattung des SPIEGEL unter. Ich halte dieses Interview dagegen für enorm wichtig und ein zentrales Puzzleteil zur Erklärung des „Phänomens-Trump“! 

Riddle war MAGA-Anhänger, absoluter Trump-Fan und stürmte am 6. Januar 2021 das Kapitol. Für seine Beteilung bei der Capitol-Erstürmung wurde er später inhaftiert.

Schon als Jugendlicher war er alkoholabhängig. Im Rückblick auf seine Trump-Besessenheit spricht er von einer „zerstörerischen Aufmerksamkeitssuche“. 

Damals, am 06. Januar, hatte er gerade seinen Job geschmissen (sein Freund und Mitstreiter Paul ebenfalls) und sei voller Frust gewesen: „(…) keiner von uns kam auf die Idee, sich selbst die Schuld dafür zu geben. Stattdessen waren wir wütend auf alles und jeden (…)“.

Am 06. Januar hatte Trump, wie so oft bei seinen Kundgebungen, zu seinen Anhängern gesagt: „Ich liebe euch“. 

Riddle dazu: „Ich suchte mir in seinen Reden immer einen Moment heraus und rief: »Ich liebe dich!« Fast jedes Mal antwortete er sofort: »Ich liebe dich auch.« Für mich war das damals ein Ritual, auf das ich stolz war. Doch im Kern ist es nichts anderes als reine Gefühlspolitik. Es geht nicht um Argumente oder Verstand, sondern nur um Emotionen – um Wut und um Liebe. Trump weiß das genau. Er spricht gezielt zu einer Anhängerschaft, die ihn ungesund verehrt und ihm blind folgt.“

An einer Stelle des Interviews sagt Riddle noch sehr konkret:
Meine Begeisterung für ihn war rein emotional, völlig irrational.“

Heute ist er quasi ein Aussteiger und hat sich von der Bewegung gelöst. 

Frühe Alkoholabhängigkeit (man denke auch an die allgemeine Drogensuchtwelle in den USA), Frust, Scheitern, Wut, starkes Bedürfnis nach Liebe, Aufmerksamkeit und Zugehörigkeit, dass politisch destruktive Prozesse sehr häufig emotional zu erklären sind, ist DAS zentrale Element der Psychohistorie. In diesem Interview wird dies überdeutlich. 

Was in dem Interview fehlt ist der Blick auf die Kindheit von Jason Riddle.

Über seine Kindheit wurde ich allerdings im Internet schnell fündig. Er selbst schreibt: „My parents got divorced when I was pretty young. My father was an alcoholic; he had two forms of parenting: Either he was mad or he was absent. In fact, there were a lot of heavy drinkers on his side of the family” (Jason Riddle - Leaving MAGA)

Wir sehen hier ganz klassisch die Verbindung zwischen belastenden Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences - ACEs) und Extremismus. 

Die USA sind ein hoch traumatisiertes Land. In keinem westlichen Land findet sich ein derart großes Ausmaß von ACEs. Jeder 5.-6. US-Amerikaner hat einen ACEs-Score von vier oder mehr (siehe dazu meinen Blogbeitrag "Alarming study: Adverse Childhood Experiences are increasing in the US!").

Was weithin fehlt ist eine große, mediale Aufarbeitung dieser Zusammenhänge. Es wird so was von Zeit, dafür ein großes Bewusstsein zu schaffen. 

Im Titel oben schreibe ich ja "...die Suche nach der fehlenden Liebe aus der Kindheit." Aus Platzgründen fehlt das Wort "Wut". Es geht um "Wut und um Liebe", wie Riddle sagt.

Wo die Liebe fehlte, wächst die Wut. Jeder, der sich mit traumatisierten Kinder befasst, weiß das. Diese Wut bleibt oft unerlaubt, weil die Verletzungen oftmals von den eigenen Eltern ausgehen. Politische, extremistische Bewegungen sind immer auch Wut-Bewegungen. Das kennen wir aus Deutschland natürlich extrem aus der NS-Zeit, aber aktuell auch mit Blick auf die AfD. 

Wenn ich so manche AfD-Politiker reden und gestikulieren sehe, dann quillt die Wut ja geradezu aus denen heraus. Das ist genau die Emotion, die entsprechende Anhänger anspricht: "Endlich ist die Wut erlaubt, gibt es keine Sprechverbote mehr". Das Erfolgsrezept extremer Bewegungen, wie wir sie seit Jahren auf der ganzen Welt beobachten können, ist ein emotionales. Die demokratische Politik wird kaum Wege finden, diese Bewegungen erfolgreich einzudämmen, wenn das nicht verstanden wird. 




Dienstag, 19. August 2025

"Meiner Meinung nach beginnt der Krieg im Kinderzimmer"

Dass die Entstehung von Kriegen etwas mit destruktiven Kindheitserfahrungen zu tun hat, ist kein neuer Gedanke. Schon der 1913 geborene Kinderarzt Dr. Hans Czermak hat formuliert: "Meiner Meinung nach beginnt der Krieg im Kinderzimmer" (siehe Gesamtzitat unten; entnommen aus dem 1994 veröffentlichten Band "Der Friede kommt aus dem Kinderzimmer).

Medial und in gesellschaftlichen Debatten kommt das Thema Kindheit bzgl. der Prävention von Kriegen dagegen bis heute so gut wie gar nicht vor. Das ist paradox, gerade auch in Anbetracht des enormen Wissens, das wir heute über die (auch gesellschaftlichen) Folgen von belastenden Kindheitserfahrungen haben.




Mittwoch, 30. Juli 2025

Kindheit in Haiti und der Staat als "Familie"

Für ihn gibt es keine Regierung in Haiti, sagt ein Haitianer, der in der Dominikanischen Republik lebt. "Ich sage immer: In meinem Haus bin ich der Chef. Meinem Kind sage ich z.B. auch was es zu tun hat. Und es hat mir zu gehorchen. Und eine Regierung muss das genauso machen. Wenn eine Regierung das nicht hinkriegt, gibt es auch keine.

Und bezogen auf das Verhalten vieler Haitianer in seiner Heimat (und indirekt auch wieder bezogen auf den Staat) sagt er: 

"Man braucht einen Plan. (...) Wenn Du Deinem Kind Zuhause immer alles erlaubst, dann tanzt es Dir auf der Nase herum, weil es einfach macht, was es will. Das passiert hier auch." (SWR, Weltspiegel Doku, 25.07.2025, Karibikurlaub neben Haitis Hölle)

Menschen denken Staat in Familienbildern. Hier zeigt sich das verbal direkt, aber es wirkt auch oft dort, wo es nicht so direkt empfunden und verbunden wird. Wir sprechen auf Staatsebene von "Mutti Merkel", "Vater-Staat", "Bruder Staaten", "Mütterchen Russland", einem "Haushalt" usw. Den früheren Diktator von Haiti François Duvalier nannte man übrigens auch "Papa Doc". 

Weitergedacht übertragen die Menschen aber auch ihre eigenen Kindheitserfahrungen auf diese "Staatsebene". Wer autoritär erzogen wurde, hat ein anderes Bild von Familie und dadurch auch vom Staat.

Wer Kindheit verändert, gewaltfreier und demokratischer macht, bekommt auch einen Wandel der Gesellschaftsbilder vom Staat. Haiti ist leider ein Land, in dem Gewalt gegen Kinder sehr verbreitet ist. 

Die besonders sensible Gruppe der zwei bis vierjährigen Kinder erlebt in Haiti innerhalb von vier Wochen zu 86 % eine Form von Gewalt  (körperlich oder psychisch) durch Erziehungspersonen im Haushalt (United Nations Children’s Fund (2014). Hidden in Plain Sight: A statistical analysis of violence against children. New York, S. 103).

Bezogen auf alle Kinder (2 bis 14) sieht die Verteilung in dem Land wie folgt aus (ebd., S. 197:

Psychische Gewalt: 64%

Körperliche Gewalt: 79%

Irgendeine Form von Gewalt: 85%

UNICEF stellt in der zitierte Studie eine besondere Strafform und Demütigung gesondert heraus:
In Haiti, more than half of children are punished by making them kneel on the floor" (ebd. S. 101)



Dienstag, 29. Juli 2025

Kindheit von Horst Mahler

Der RAF Mitgründer und spätere Rechtsextremist Horst Mahler ist gestorben. 

Der Extremismusforscher Eckhard Jesse hält Mahler für einen "einzigartigen Fall im Wandel von Linksaußen nach Rechtsaußen". Das Leben von Horst Mahler sei auch für ihn ein Rätsel, so der Politikwissenschaftler. ( SWR Kultur, Kultur aktuell, 28.07.2025, Tod von Horst Mahler: „Ein einzigartiger Fall im Wandel von Linksaußen nach Rechtsaußen“)

1. Daniel Koehler hat in seinem Buch "From Traitor to Zealot: Exploring the Phenomenon of Side-switching in Extremism and Terrorism" gezeigt, dass dieser Wechsel gar nicht so selten ist. 

2. Dies ist meiner Auffassung nach auch in sich logisch, weil die tieferen Ursachen von Extremismus in Selbsthass (und auch Verlust von einer gesunden Gefühlswelt) auf Grund von (oft massiv) belastenden Kindheitserfahrungen liegen, der dann von - meist Männern - nach außen getragen wird. Die "Farbe" der Gewalt ist dann im Grunde durch Zufälle (vor allem Begegnungen und Kontakte mit Extremisten) und den gesellschaftlichen Grundrahmen bedingt. 

Klassisch in der Extremismusforschung ist mal wieder, dass Eckhard Jesse - der sich ausführlich mit der Biografie von Mahler befasst hat - gar nicht auf die traumatische Kindheit des Extremisten eingeht!

In meinem Buch habe ich bzgl. der Kindheit von Mahler quellenbasiert geschrieben:

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Über das RAF-Gründungsmitglied Horst Mahler (der sich später zum Rechtsextremisten wandelte) wird berichtet, dass seine Erziehung in Familie und Schule den NS-Prinzipien „schnell wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ folgte. Als Horst dreizehn Jahre alt war, erschoss sich sein Vater. Mahler selbst sagte später, dass nur dem Zufall und der Geistesgegenwart seines älteren Bruders zu verdanken war, dass die Kinder am Leben blieben. Der Historiker Alexander Gallus sagte in einem ZEIT‑Interview, was dies eigentlich bedeutet: „Mahlers Vater beging Selbstmord und wollte seine Kinder mit in den Tod nehmen.“

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Freitag, 23. Mai 2025

Die Kindheit des NS-Täters ("Schlächter von Lyon") Klaus Barbie

Nach einer längeren Pause ist dies wieder einmal die Analyse der Kindheit eines gewichtigen NS-Täters. Aufmerksam wurde ich auf Klaus Barbie durch einen aktuellen Artikel im SPIEGEL. In dem Artikel wurde zentral Barbies Leben nach dem Zweiten Weltkrieg besprochen, in dem er in Bolivien zum Sicherheitschef eines Drogenbarons aufstieg. Seine kriminelle Energie suchte sich offensichtlich weiterhin einen Ausdruck. 

In der NS-Zeit war Barbie Gestapo-Chef von Lyon und damals wegen seiner Grausamkeit als „Schlächter von Lyon“ bekannt. Im SPIEGEL Artikel heißt es dazu: „Selbst unter den vielen grausamen SS-Schergen ist Barbie eine extreme Figur: endlos brutal, gefühllos, sadistisch“ (Aman et al. 2025). 

Über seine Kindheit wird in dem Artikel kurz, aber deutlich geschrieben: „Zu Hause wütete ein gebrochen aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrter Vater, ein Alkoholiker und Tyrann, der den Sohn quälte und ihm einen tiefen Hass einprügelte. Die Hundepeitsche als Erziehungsinstrument lernte Barbie schon früh kennen“ (Aman et al. 2025).

Barbie war der Sohn eines Lehrerehepaars und ging auch in die Dorfschule, in der sein Vater Lehrer war. Dies scheint ihm mehr Nachteile als Vorteile gebracht zu haben. Barbie schreibt in seinen Memoiren: „Ich war der Leidtragende als Sohn des Lehrers. Wenn mein Vater ab und zu einmal die Klasse verließ, bestimmte er mich die Namen der Schüler auf die Tafel zu schreiben, die Krach machten. (…) Da ich aber nie einen Namen aufschrieb, erhielt ich von meinem Vater die entsprechenden Stockhiebe für die ganze Klasse, (…)“ (Hammerschmidt 2014, S. 26).

Schläge gab es aber auch von anderen Familienmitgliedern. Barbie lebte auf dem Bauernhof seines Großvaters väterlicherseits. Von der Großmutter bekam er Schläge mit der Hundepeitsche, wenn er mal etwas angestellt hatte bzw. er Fehler machte, die Kinder nun einmal machen (Hammerschmidt 2014, S. 26). 

Barbie selbst beschreibt seinen Vater als „seelisch gebrochenen“ Kriegsheimkehrer, als einen vom Krieg “zerrütteten und zerschundenen“ Menschen. Und er spricht von einer „angstvergiften“ Beziehung zu seinem Vater, der immer mehr dem Alkohol verfiel (Hammerschmidt 2014, S. 26). 

Den Ersten Weltkrieg hat dieser Vater – wie so viele Väter der damaligen Zeit – ganz sicher mit nach Hause getragen. Man sollte aber nicht vergessen, dass die väterliche Gewalttätigkeit auch zentral mit dessen gewalttätigem Elternhaus zu tun haben wird. Das destruktive Verhalten der Großmutter wurde oben erwähnt. 

Das Verhältnis Barbies zur eigenen Mutter soll dagegen sehr gut gewesen sein und Hammerschmidt (2014, S. 26) bezieht sich bzgl. dieser Aussage sogar gleich auf zwei Quellen. Er zitiert aber keine Erlebnisse mit der Mutter, es bleibt einzig bei diesem „sehr gut“. Ich bin da aus Erfahrung sehr vorsichtig mit solchen Aussagen. Wenn ich die Zeit finde, werde ich die beiden Quellen sichten. 

Mit knapp zwölf Jahren verließ Barbie das Elternhaus für seine weitere schulische Ausbildung. Zunächst war er in einem bischöflichen Konvikt untergebracht, in dem strenge Regeln herrschten (Hammerschmidt 2014, S. 27). „Pünktlichkeit, Ordnung und Kameradschaftsgeist“ habe er in der Institution gelernt. Ob er dort auch Gewalt erlebte, wird nicht beschrieben. Den Sitten der Zeit nach wird auch in dem Internat die Prügelstrafe Routine  gewesen sein. 

Vier Jahre später musste Barbie wider Willen zu seiner Familie zurückkehren. Bzgl. dieser Zeit in seiner Familie sprach er von „wirklich bitterem Leid“. Was er dort erleiden musste, soll „für immer ein Geheimnis bleiben“ (Hammerschmidt 2014, S. 27).

Ich hätte vorher darauf wetten können! Wie kommentiert der Biograf Peter Hammerschmidt die Schilderungen von massiver Gewalt gegen das Kind? Natürlich so: „Inwiefern Barbies frühkindliche Erfahrungen als Wurzel späterer Entwicklungen Geltung beanspruchen dürfen, bleibt jedoch fraglich. Zwar gilt es diese Erfahrungen zu berücksichtigen, doch dürfen die Analysen damit nicht zugleich der Gefahr einer biographischen Teleologie erliegen“ (Hammerschmidt 2014, S. 26).

Diese Art von Kommentaren im Angesicht des Leids von Kindern, die später zu bekannten Tätern wurden, habe ich schon derart oft gesehen, dass ich in meinem Buch ausführlich auf diese Auffälligkeit in der Biografieforschung hingewiesen habe. Auch ein Widerspruch zu den zuvor zitierten Zeilen findet sich bei Hammerschmidt, denn am Ende des Kapitels über Kindheit und Jugend schreibt der Biograf: „Barbies Kindheit und Jugend, dies bleibt abschließend festzuhalten, war die Jugend eines gedemütigten, von individuellen und kollektiven Leiderfahrungen geprägten und nach Bestätigung suchenden Ehrgeizlings“, der im Zuge der Entwicklungen in der NS-Zeit die „Gelegenheit der individuellen Bewährung“ ergriff (Hammerschmidt 2014, S. 31). Für mich klingt dies abschließend so, als ob der Biograf hier doch Zusammenhänge erkennt, die er zuvor als „fraglich“ kommentierte. Aber auch solcher Art Widersprüche aus der gleichen Feder lese ich nicht zum ersten Mal. Immer wenn es um die möglichen Folgen von destruktiven Kindheitserfahrungen geht, scheinen viele Forschende (allen voran Historiker) schwammig zu werden. 

Meine Recherchen zeigen indes, dass sich die destruktive Kindheit von Klaus Barbie einreiht in eine Reihe von hoch belasteten Kindheiten von NS-Tätern, die ich hier im Blog und auch für mein Buch besprochen habe. 


Quellen:

Aman, S. et al. (2025, 09. Mai). Klaus Barbie. Auf diesen Schlächter konnten sich Adolf Hitler und Pablo Escobar verlassen. DER SPIEGEL. 

Hammerschmidt, P. (2014). Deckname Adler. Klaus Barbie und die westlichen Geheimdienste. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 

Freitag, 20. Dezember 2024

Die Kindheit von Elon Musk und die Frage nach einem "Trauma-Kindheit Cluster" in der US-Politik

 “Only the AfD can save Germany” schrieb Elon Musk am 20.12.2024 auf X, gerade an dem Tag, an dem ich einen Text über seine destruktive Kindheit veröffentliche. Eine unfassbare Aussage von einem derart einflussreichen Menschen!

Über das weitere Agieren von Musk ist viel bekannt und viel geschrieben worden. Dass er zu Extremen neigt, scheint schon immer ein wesentlicher Charakterzug von ihm gewesen zu sein. 

Elon Musk ist nun unter Donald Trump politisch sehr aktiv und bringt massiv Gewicht in die Politik ein. Wir alle wissen noch gar nicht, was da auf uns zu rollt. Aber ich ahne nichts Gutes…

Dass Musk eine destruktive Kindheit hatte, ist weitläufig bekannt und wurde u.a. in etlichen Medienartikeln thematisiert. Warum also sollte ich mir die Mühe machen und seine Kindheit hier besprechen?

Nun, nachdem ich hier im Blog bereits ausführlich die destruktive Kindheit von Donald Trump und seinem Vize James David (kurz. J. D.) Vance besprochen habe, ist es aufschlussreich, dass auch die Kindheit von Musk traumatisch war. Ich habe schon länger die Frage im Kopf, ob es bzgl. bestimmter politischen Phasen und natürlich bzgl. politisch extremer Parteien „Trauma-Kindheit Cluster“ in der Politik gibt? 

Meine These: Menschen, mit traumatischer Kindheit neigen manchmal dazu, sich gegenseitig anzuziehen und „unbewusst“ zu erkennen. Das gilt z.B. für Liebespaar oder auch Freundeskreise im Kleinen, (extreme) Gruppen im Mittleren und politische Bewegungen und (radikale) Parteien im Großen. (Bzgl. Musk kommt dann noch dazu, dass Trump vom Alter her sein Vater sein könnte und es hier nochmals eine besondere Anziehungskraft geben könnte)

Nachdem ich mich an die Recherche über die Kindheit von Musk gemacht habe, merkte ich aber auch für mich selbst, dass sich diese Zeitinvestition auf jeden Fall gelohnt hat. Ich kenne dies schon von anderen Kindheitsrecherchen: Wenn man erst mal in die Materie eintaucht, Infos zusammenführt und dann dazu schreibt, nähert man sich dem verletzten Kind viel mehr, als wenn man nur grob einen Artikel dazu liest. Man wird emotional berührt und auch schockiert. Keinem Menschen würde man eine Kindheit wünschen, wie Sie Elon Musk erlebt hat! Zusammen mit seinen natürlichen Begabungen liegen in seiner Kindheit ganz sicher auch einige Antworten auf die Frage, wie er zu dem Menschen werden konnte, der er heute ist. 

Walter Isaacson beginnt seine Biografie über Elon Musk mit folgendem Satz: „Als Kind, das in Südafrika aufwuchs, kannte Elon Musk Schmerz, und er lernte, ihn auszuhalten“ (Isaacson 2023, S. 12). 

Was für ein Start für eine solche Biografie! Die extrem belastete Kindheit von Elon Musk wird hier gleich überdeutlich hervorgehoben. 

Die Geburt von Elon war laut seiner Mutter schwierig (Musk 2021, S. 105).
Eine zentrale Konfliktfigur war von Beginn an der Vater. Elon und auch sein Bruder Kimbal bestätigen, dass ihr Vater von einem Extrem ins nächste schwenken konnte. „In einem Moment sei er freundlich gewesen, im nächsten konnte er einen für eine Stunde oder länger gnadenlos misshandeln. Jede Schimpftriade pflegte er damit zu beenden, Elon zu erklären, wie erbärmlich er sei. Elon musste still dastehen und das Ganze über sich ergehen lassen“ (Isaacson 2023, S. 14). 

Elons Bruder Kimbal beschrieb, wie der Vater ihm und Elon drei bis vier Stunden Vorträge hielt, bei denen die Kinder nichts sagen durften (Vance 2021, S. 40f.). Genauere Details über ihren Vater wollten sowohl Elon als auch Kimbal dem Biografen Ashlee Vance nicht erzählen, „aber in den Jahren mit ihrem Vater haben sie eindeutig grundlegend schreckliche Dinge erlebt. Beide sprechen davon, einer Art psychologischer Folter ausgesetzt gewesen zu sein“ (Vance 2021, S. 41). 

Elon Musk sagte über seinen Vater u.a.: „Er ist vollkommen verrückt. (…) Er ist gut darin, das Leben unglücklich zu machen – das ganz bestimmt. Er kann jede Situation nehmen, egal, wie gut, und sie schlecht machen (…)“ (Vance 2021, S. 42). In einem Interview sagte Musk über seinen Vater: “He was such a terrible human being (…) You have no idea. (…) My dad will have a carefully thought-out plan of evil. (…) He will plan evil” (Strauss 2017). 

Dass Elon Musk als Kind emotional von seinem Vater misshandelt wurde, steht außer Frage. Doch wie sieht es mit körperlichen Übergriffen aus? Elon Musk sagte dazu: “My dad was not physically violent with me. He was only physically violent when I was very young” (Strauss 2017). Der Satz sieht auf den ersten Blick widersprüchlich aus, ist aber so und so ähnlich ganz klassisch für Menschen, die über Gewalt durch Elternteile berichten. Sein Vater sei nicht körperlich gewalttätig gewesen, außer halt, als Elon noch ganz klein war... Wir sollten den Vorsatz einfach streichen: Elon Musk hat als Kind auch körperliche Gewalt durch seinen Vater erlitten. (Der Vater sagte der Quelle nach übrigens, dass er seinen Sohn nur einmal geschlagen habe. Nun, ich finde, dass Elons Aussage da etwas anders klingt. Zudem nehme ich an dieser Stelle vorweg, dass der Vater Elons Mutter körperlich misshandelte. Er war durchaus zu häufigen und auch schweren körperlichen Übergriffen fähig). 

Elons zweite Frau erzählte später, dass Musk in einer schwierigen unternehmerischen Phase morgens um sich schlagend aufwachte und ihr von den schrecklichen Dingen erzählte, die sein Vater zu ihm gesagt hatte (Isaacson 2023, S. 16f.).
Elons erste Ehefrau Justine merkte an: „Wenn dein Vater dich ständig Schwachkopf und Idiot nennt, dann ist vielleicht die einzig mögliche Reaktion, alles in deinem Inneren abzuschalten, das eine emotionale Dimension eröffnet hätte, mit der du nicht hättest umgehen können“ (Isaacson 2023, S. 16). Der Biograf Walter Isaacson spricht an dieser Stelle nach weiteren Zitaten der Ex-Frau bzgl. Musk, von einer „posttraumatischen Belastungsstörung durch seine Kindheitserfahrungen“.
Dies alles sind Deutungen, die ich allerdings auf Grund der nachweisbar massiv destruktiven Kindheitserfahrungen für nachvollziehbar und auch berechtigt halte. 

Die Kindheit von Musk ist hoch politisch, denn wir reden hier nicht von irgendwem, sondern von dem reichsten Menschen des Planeten, der aktuell auch nach politischer Einflussnahme und Macht strebt. Sein Biograf zeichnet einen deutlichen Zusammenhang zwischen Musks Kindheit, seiner besonderen Art zu denken und seiner hohen Risikobereitschaft: „Elon wurde zu einem Menschen der Sorte, die sich am lebendigsten fühlt, wenn ein Hurrikan aufzieht“ (Isaacson 2023, S. 18). Gleichzeitig wurde seine persönliche Schmerzgrenze sehr hoch, was Musk selbst laut Isaacson so von sich gesagt hat. Dies alles kennen wir auch von Extremsportlern, die nach einer traumatischen Kindheit das Lebendigsein im Angesicht von hohen Risiken und Leistungen suchen. 

Die emotionalen Misshandlungen seines Vaters waren aber nicht die einzigen Belastungen, die Elon Zuhause erleben musste. Offensichtlich wurde er auch Zeuge von häuslicher Gewalt. Seine Mutter Maye berichtete über ihren Ex-Mann Errol: „Er schlug mich, auch wenn die Kinder dabei waren. Ich erinnere mich, dass Elon, der damals fünf war, ihm in die Kniekehlen schlug, damit er aufhörte“ (Isaacson 2023, S. 32). Maye berichtet ergänzend auch von emotionalen Misshandlungen, die sie durch ihre Ex-Mann erleiden musste.
Konkreter diesbezüglich wird sie in ihrem Buch: „In meiner Ehe mit ihm erklärte er mir mehrmals täglich, wie langweilig, dumm und hässlich ich sei“ (Musk 2021, S. 85). In den Jahren mit ihrem Mann sei ihr „Leben die Hölle“ gewesen (Musk 2021, S. 81).
Ihr Mann habe sie sogar geschlagen, während sie Auto fuhr.  Elon habe dann seinen Vater von der Rückbank aus geschlagen, damit dieser aufhörte (ZDFinfo 2023). 

Die Ehe mit ihrem Mann war für Maye Musk von Anfang an schwierig. Sie sei in den Flitterwochen mit ihrem Mann schwanger geworden. “Dort begann die Gewalt. Er beschimpfte und schlug mich, wenn ich ihm nicht gehorchte. Ich kam schwanger und mit blauen Flecken von der Hochzeitsreise zurück. Habe es meiner Familie aber verheimlicht“ (ZDFinfo 2023). Für mich stellt sich hier die Frage, ob Elon schon als Fötus Gewalt gegen seine Mutter miterlebt hat. Die Wahrscheinlichkeit dafür scheint hoch und solche Gewalterlebnisse sind nochmals ganz besonders prägend und schädigend für das werdende Kind und später nicht bewusst greifbar. 

Als Elon acht Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden. Elons Mutter hatte danach einen neuen Freund, der sie allerdings ebenfalls misshandelte: „Die Kinder hassten ihn …“ (Isaacson 2023, S. 34). Auch hier wird Elon erneut Zeuge von häuslicher Gewalt geworden sein.
Maye Musk selbst berichtet von einer Beziehung mit einem Mann, der stets wollte, dass sie dünner wurde und der mit Selbstmord drohte, als sie ihm den Verlobungsring zurückgeben wollte (Musk 2021, S. 96). Ob dies der selbe Mann war, der sie auch misshandelte, erschließt sich hier nicht. 

Als Elon zehn Jahre alt war, zog er zu seinem Vater, weil dieser in seinen Augen zu einsam war. Später bereute er diese Entscheidung. 

Im Alter von zwölf Jahren, wurde er in eine Art Überlebenscamp in der Wildnis verfrachtet. Größere Kinder schlugen die Kleineren. Die Kinder wurden sogar in zwei Gruppen aufgeteilt, die sich gegenseitig angreifen mussten. Mit sechszehn Jahren kam er erneut in das Camp, diesmal bereit, zurückzuschlagen, was er auch tat (Isaacson 2023, S. 12). Der Biograf führt nicht aus, auf wessen Veranlassung die Unterbringung in dem Camp stattfand. 

Als Kind sah Elon in Südafrika Gewalt und deren Folgen. Dazu gehörte u.a. auch der Anblick von einem getöteten Menschen auf der Straße (Isaacson 2023, S. 13).
Elons Vater selbst hat Menschen erschossen, die in sein Haus einbrachen: “ (…) in this one case, he says he shot and killed three out of five or six armed people who broke into his home, and was later cleared of all charges on self-defense” (Strauss 2017). In der Quelle ist nicht der Zeitpunkt ersichtlich. In einer anderen Quelle wird aber berichtet, dass Elon diese Gewaltszene miterlebt hat: „Eine weitere traumatische Erfahrung für Musk war ein bewaffneter Überfall auf sein Elternhaus. Es kam zu einer Schießerei im Wohnzimmer der Familie, Musks Vater Errol tötete die Eindringlinge. Musk war Zeuge des Blutvergießens, berichtete Space-X-Mitgründer Jim Cattrell, dem Musk die Geschichte erzählt hat (…)“ (Epp 2022). 

In der Schule war Gewalt ebenfalls verbreitet und Elon wurde häufig Opfer von Mobbing und auch Prügel. Einmal wurde er von Mitschülern so schwer verletzt, dass er ins Krankenhaus musste (Isaacson 2023, S. 13). In einem Interview wurde er gefragt, ob er in der Schule gemobbt wurde. Musk antwortete: „Fast tot geprügelt, wenn Sie das Mobbing nennen wollen“ (ZDFinfo 2023). 

Vance (2021, S. 45) beschreibt ebenfalls das Mobbing an der Schule (inkl. Prügel durch Mitschüler), das Elon drei oder vier Jahre ertragen musste. Sogar sein bester Freud wurde verprügelt, damit dieser nichts mehr mit Elon unternahm. Einmal wurde dieser Freund sogar dazu gebracht, Elon aus einem Versteck zu locken, damit Elon verprügelt werden konnte. Dieser Verrat habe Musk damals schwer getroffen, so Vance. 

Auf Grund der schlechten Erfahrungen in der Highschool schickte sein Vater ihn schließlich auf eine Privatschule. Allerdings herrschten auch dort raue und autoritäre Sitten, u.a. schlug man die Kinder mit einem Stock (Isaacson 2023, S. 40). 

Im Alter von siebzehn Jahren wanderte Elon Musk schließlich nach Kanada aus und begann seine Reise zum reichsten Menschen dieser Welt. 

(Übrigens: Wenn ich für Musk auf Grundlage der genannten Infos einen ACEs-Score (aus der Adverse Childhood Experiences Forschung mit erweitertem Fragebogen) ermitteln würde, käme ich auf sechs Punkte (falls sein Vater psychisch krank war, käme sogar noch ein Punkt hinzu...):
Psychische Misshandlungen, körperliche Gewalterfahrungen, Miterleben von Häuslicher Gewalt, Miterleben von Gewalt in der Nachbarschaft, Mobbingerfahrungen, Trennung der Eltern. Musk gehört somit laut ACEs-Forschung zur sogenannten Hochrisikogruppe bzgl. Gesundheits-/Verhaltensproblemen.)


Quellen:

Epp, E. (2022, 05. November). Mobbing, Gewalt und ein "böser" Vater – die schwierige Kindheit des Elon Musk. https://www.stern.de/lifestyle/leute/elon-musk--die-schwierige-kindheit-des-reichsten-manns-der-welt-32872934.html

Isaacson, W. (2023). Elon Musk. Die Biografie. C. Bertelsmann, München.

Musk, M. (2021). Eine Frau, ein Plan: Ein Leben voller Risiko, Schönheit und Erfolg. Benevento Verlag, München – Salzburg. 

Strauss, N. (2017, 15. November). Elon Musk: The Architect of Tomorrow. https://www.rollingstone.com/culture/culture-features/elon-musk-the-architect-of-tomorrow-120850/

Vance, A. (2021). Elon Musk. Tesla, PayPal, SpaceX. Wie Elon Musk die Welt verändert. FinanzBuch Verl, München. 

ZDFinfo (2023, 08. November). Elon Musk - Genie und Wahnsinn:. 2. Teil: Höhenflüge. (Doku-Film von Jeremy Llewellyn-Jones und Marian Mohamed) https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/elon-musk-genie-und-wahnsinn-hoehenfluege-100.html


Freitag, 27. September 2024

Gewaltforschung: Kleine Weisheiten an Hand von fünf Textauszügen

In diesem Jahr sind mir fünf Zitate/Textauszüge besonders aufgefallen und in Erinnerung geblieben. Dies möchte ich heute teilen: 


1. Kreislauf der Gewalt 

Der englische König George V. (1865 – 1936) sagte einst: 

"My father was afraid of his mother; I was frightened of my father, and I am damned well going to make sure that my children are afraid of me" (Montgomery 2024, S. 12)

Dieses eine Zitat steht zugespitzt für die gesamte Geschichte der Kindheit (und somit der Menschheit)! 

Kinder neigen dazu, sich mit ihren Eltern und deren Verhaltensweisen zu identifizieren, selbst wenn das elterliche Verhalten destruktiv ist. Wenn die Identifikation mit dem Aggressor wirkt, dann wird das (destruktive) elterliche Verhalten nicht hinterfragt, sondern auf die eine oder andere Art übernommen. Dies gilt umso mehr, je weiter wir historisch zurückschauen, denn früher waren die Bewegungs- und Entfaltungsräume der Menschen deutlicher begrenzter und auch das Erleben von alternativen Lebensformen/Verhaltensweisen war deutlich weniger als heute. Interessant ist hier ergänzend, dass König George genau in einer wichtigen Wendezeit lebte, denn um das Jahr 1900 begann sich Kindheit immer schneller zu verändern (inkl. einem beschleunigtem Trend des Rückgangs der Kindersterblichkeit) und auch die Anwendung von Körperstrafen wurde in der Folgezeit Stück für Stück hinterfragt. 


2. Selbsthass und Fremdschädigungen/Gewaltverhalten müssen zusammen gedacht werden

Die „Erotik-Influencerin“ und ehemalige Domina Jill Hardener hat in der Sendung „deep und deutlich“ (NDR 07.09.2024) u.a. über ihren gewalttätigen Alkoholikervater (der sie ablehnte), ihre Borderlinestörung, Selbsthass, ihren Suizidversuch im Alter von vierzehn Jahren, Sucht, kriminelles Verhalten und ihre Zeit im Gefängnis gesprochen. 

Über ihre frühere Gewalttätigkeit sagte sie rückblickend: "Leg Dich niemals mit jemanden an, der sein eigenes Leben nicht zu schätzen weiß. Man kennt dann einfach keine Gnade." 

Dies ist ein ganz zentraler Satz, um Gewaltverhalten zu verstehen!
Der Psychoanalytiker Arno Gruen hat dem Thema Selbsthass auf Grund von destruktiven Kindheitserfahrungen und den Folgen daraus gleich ein ganzes Buch gewidmet („Der Fremde in uns“). Gewaltverhalten sagt immer auch etwas darüber aus, wie es den jeweiligen Akteuren innerlich geht (was den Gewaltopfern natürlich herzlich wenig hilft!). Manche Täter sind innerlich derart „abgestorben“, dass sie zu maximaler Gewalt fähig sind und diese sogar als befriedigend empfinden (z.B. sadistische Serienmörder). 

Ergänzend sagte Hardener mit Blick auf ihr Suchtverhalten und ihren damaligen „Borderline-Trip“, wie sie es nennt: „Alles was mir schadet, ist geil.“

Selbstzerstörung und Fremdschädigungen gehen oftmals Hand in Hand. Beides muss zusammen gedacht werden. Aus psychohistorischer Sicht lässt sich dies gedanklich auch auf ganze Gesellschaften übertragen. Wenn die Mehrheit einer Nation als Kind unter massiven Belastungen gelitten hat, dann können in bestimmten Phasen der Nationen (getriggert durch bestimmte Umstände, wie z.B. eine kollektiv erlebte Demütigung) auch diese Sätze gelten: 

"Leg Dich niemals mit jemanden an, der sein eigenes Leben nicht zu schätzen weiß. Man kennt dann einfach keine Gnade."

Alles was mir schadet, ist geil.“


3. Gewaltvolle Kindheit und Gewalt: Selbstverständlich besteht hier ein Zusammenhang.

Das folgende Zitat stammt von der Gerichtsreporterin Verena Mayer (2024): 

"Ich selbst habe in vielen Jahren vor Gericht eines gelernt: Die wenigsten Menschen, die eine schwere Kindheit hatten, werden später zu Verbrechern. Aber so gut wie alle Verbrecher hatten es als Kinder schwer." 

Dies ist eine wahre und auch nachweisbare Erkenntnis. Sie gilt, das muss ich hier ergänzen, nach meinen Recherchen auch für Terroristen und Diktatoren. Das Schöne an diesem Zitat ist, dass hier ja eigentlich zwei Erkenntnisse dargestellt werden. 

1. Die meisten Menschen, die eine belastete Kindheit hatten, werden zu keinen auffälligen Tätern. 

Diese Erkenntnis wird oftmals bei dem Thema Gewaltursachen dazu benutzt, den Einfluss von Kindheit gering zu reden. Frau Mayer macht diese hier nicht: Sie denkt einfach beides!

2. Bei Tätern/Gewalttätern fallen belastete Kindheiten immer wieder deutlich auf. Sprich: Es gibt hier ganz offensichtlich einen Zusammenhang zwischen Opfererfahrungen und Täterverhalten, obwohl die meisten Opfer keine Täter werden. 

Das ist genau der richtige Ansatz, der auch die Komplexität der Realitäten von Menschen und ihrer Entwicklung mitdenkt. Wenn das genannte Zitat endlich Konsens würde, können wir weg von der Abwehr, Kritik und dem Geringreden bzgl. Kindheitseinflüssen und uns auf die Prävention von belastenden Kindheitserfahrungen fokussieren, um Täterverhalten präventiv zu entgegen.  


4. Gewalttäter empfinden ihre traumatische Kindheit oftmals als "normal"

Der nächste Textauszug stammt von James Garbarino (2023), der über 30 Jahre lang als psychologischer Experte in Gerichtsfällen (USA) mit Mördern gearbeitet hat. 

Er schreibt zunächst, dass die von ihm untersuchten Mörder einen durchschnittlichen ACEs score (ACEs = Adverse Childhood Experiences) von sieben hätten. Dies liegt weit über dem Bevölkerungsdurchschnitt. Garbarino merkt an, dass in den USA nur ein Kind von 100 einen ACEs score von sieben hat und fügt an: „The average mean score being 7, many guys have scores of 8, 9, or 10 (putting them in the worst 0.01% of the population)”

Jetzt wird es besonders interessant. Er berichtet, dass er die Mörder i.d.R. fragt, wie viele von 100 Kindern aus ihrem Umfeld wohl einen ACEs von sieben hätten. Die Antworten reichten von „alle“ bis zu 80%. Die gleiche Frage formuliert Garbarino dann bzgl. 100 Kindern aus der Allgemeinbevölkerung. Die Antworten wären meist: 50% oder mehr. „These guys think an extraordinary level of adversity is the norm rather than the exception it is. And, they tend to think that a high level of adversity is normal.”

Er ergänzt, dass diese Mörder zwar mit schweren Belastungen aufwachsen mussten, dies aber nicht immer als solches wahrnehmen. Im ACEs Fragebogen ist ein Punkt das Miterleben von häuslicher Gewalt in der Familie. Ein Mörder gab an, dass er dies nicht erlebt hätte. Im Gespräch sagte der Mann dann aber: "I only know of one time my grandma hit my mom in the eye and one time my mom`s boyfriend tried to cut her throat with a knife"

Dies sind besonders schwere Formen von häuslicher Gewalt, die dieser Mann als Kind miterlebt hat. Er scheint dies aber nicht als Problem und „Betroffenheit“ wahrgenommen zu haben. 

Die Mahnung von Garbarino ist enorm wichtig! Immer wieder zeigt sich, dass Kindheitsbelastungen eher untererfasst werden. 


5. Kultur der Gewalt - Lösungen brauchen viel Zeit

Ein Erfahrungsbericht aus Afghanistan von Taqi Akhlaqi (2023), in dem zunächst über ein "halbes Jahrhundert" von "alle Arten von Krieg und Blutvergießen" berichtet wird. Dann schreibt er: 

"Wenn man lange Zeit unter solchen Bedingungen lebt, wird man betäubt, als ob man unter Drogen gesetzt worden wäre. (...) Wer in einem solchen Umfeld aufwächst, empfindet Gewalt als natürlichen und unvermeidbaren Bestandteil des Lebens und nicht als etwas Ungewöhnliches. Im Gegenteil, eine friedliche Umgebung erscheint einem dann fremd."

Das Modell für Konfliktlösungen sei in einer solchen Gesellschaft sowohl auf der Makroebene als auch auf Mikroebene (in der Familie) Zwang und Gewalt als erste Option. 

Sich psycho-emotional aus diesem Geflecht zu befreien, ist ein unheimlich schwerer und langwieriger Prozess. Die westliche Allianz, die in Afghanistan unter der Führung von Bush einmarschiert ist, hat dies damals absolut ignoriert. Um diese Kultur der Gewalt abzubauen, braucht es ganz andere (auch traumainformierte) Konzepte und vor allem viel Zeit. 


Quellen:

Akhlaqi, T. (2023, 07. Dez.). Mit dem Islam lassen sich in Afghanistan Menschen für Gewalt und Krieg mobilisieren. Doch kaum einer würde seinen Kopf für Demokratie oder Redefreiheit riskieren. Neue Züricher Zeitung. https://www.nzz.ch/feuilleton/afghanistan-die-gewalt-ist-ueberall-und-vergiftet-die-menschen-ld.1767492

Garbarino, J. (2023). Perspectives on Adverse Childhood Experiences. Violence and Gender, Volume 10, Number 2. https://www.liebertpub.com/doi/10.1089/vio.2023.0006

Mayer V. (2024,05. Sept.). Kolumne: Vor Gericht. Frühe Prägung. Süddeutsche Zeitung, https://www.sueddeutsche.de/leben/gericht-angeklagte-schwere-kindheit-lux.DBNBWmBExtYbaEeSbge1Az

Montgomery, H. (2024). Familiar Violence: A History of Child Abuse. Polity Press, Cambridge.

NDR - deep und deutlich (2024, 07. Sept.). Heroin, Knast, Erotik-Millionärin | Jill Hardener im Talk. https://www.ardmediathek.de/video/deep-und-deutlich/selfmade-millionaerin-jill-hardener/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS9iZjVkYzkzMy1mZjA2LTQ1ODMtODhmNS0yMzA2Y2FlZTg1MjY


Mittwoch, 28. August 2024

ChatGPT über eine imaginierte liebevolle und gewaltfreie Kindheit von Adolf Hitler

Ich habe heute ChatGPT folgende Frage gestellt: 

"Wäre Adolf Hitler auch zum Massenmörder geworden, wenn er eine liebevolle und gewaltfreie Kindheit gehabt hätte?"


Antwort KI-Chatbot, Modell GPT-4o mini:

Das ist eine komplexe und vielschichtige Frage, die Historiker und Psychologen seit langem beschäftigt. Es gibt viele Faktoren, die das Verhalten und die Entscheidungen eines Menschen beeinflussen, darunter persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Umstände, Ideologien und psychologische Aspekte.

Eine liebevolle und gewaltfreie Kindheit könnte möglicherweise einige der negativen Einflüsse und Traumata, die zu extremen Verhaltensweisen führen, gemildert haben. Allerdings ist es wichtig zu beachten, dass die Entwicklung von extremen Ideologien und das Handeln in einer Weise, die zu Massenmord führt, auch stark von sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kontexten abhängt.

Letztendlich lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wie sich Hitlers Leben und Handeln unter anderen Umständen entwickelt hätte. Es bleibt ein Thema, das viele Fragen aufwirft und zu weiterführenden Diskussionen anregt.

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Mein Kommentar: 

Ich finde die KI Antwort erst einmal sehr sauber, klar und facettenreich formuliert. Ähnlich würden auf diese Frage viele Fachleute antworten. Wobei ich mir sogar sicher bin, dass viele Fachleute (vor allem Historiker) den Satz "Eine liebevolle und gewaltfreie Kindheit könnte möglicherweise einige der negativen Einflüsse und Traumata, die zu extremen Verhaltensweisen führen, gemildert haben" nicht so ausgesprochen hätten, denn sie lehnen Kindheitseinflüsse bei der Betrachtung von politischen Akteuren in der Regel generell ab. Insofern ist die KI da schon weiter. 

Ich sehe es so: Ich bin in vielen Gebieten wirklich saudumm oder uninformiert. Ehrlich gesagt muss ich manchmal sogar einfache Rechenaufgaben mit dem Taschenrechner machen (Mann wird ja nicht jünger...).

Ganz selbstgerecht muss ich heute trotzdem sagen, dass ich bzgl. der Antwort auf die o.g. Frage "wissender" bin :-) . Ich finde, dass ich in einem einzigen Punkt da besser als die KI bin! 

Meine Antwort: Wäre Adolf Hitler als Kind geliebt worden und wäre er gewaltfrei aufgewachsen, er wäre nicht zum Massenmörder geworden. Und dies bei gleichem gesellschaftlichem Umfeld und Grundbedingungen. 

Nun, mal schauen was die KI in den nächsten Jahren auf die gleiche Frage antwortet. Ich werde dies jährlich prüfen. Da geht bestimmt noch was :-)


Samstag, 17. August 2024

Kindheit von James David (kurz. J. D.) Vance (Vize von Donald Trump)

Für an Psychohistorie Interessierte ist es ein absoluter Glücksfall, dass ein Politiker wie James David (kurz. J. D.) Vance (Vize von Donald Trump) eine offene und ehrliche Autobiografie verfasst hat. Derart viele Einblicke in Kindheit und Jugend eines politischen Akteurs erhält man in der Form nur selten. 

Es geht um das Buch (ein Bestseller) „Hillbilly-Elegie: Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“ (Ullstein, Berlin; 2017).

Ich habe in den letzten zwei Jahrzehnten etliche Bücher (auch Autobiografien) und Schilderungen über Kindesmisshandlung und destruktive Eltern gelesen. Das Buch „Hillbilly-Elegie“ hätte meiner Auffassung nach auch einen Titel wie „Die Geschichte meiner Kindheit, die Geschichte eines Albtraums“ oder ähnliche tragen können. Es entspricht im Prinzip klassischer „Betroffenen“-Literatur. Es wäre dann aber nicht zum Bestseller geworden. Zum Bestseller wurde es offensichtlich, weil der Autor seine Familiengeschichte in den Kontext der frustrierten, weißen und armen Arbeiterschicht (den „Hillbillys“) setzt (seine Geschichte also nicht als Einzelfall sieht, sondern als klassisch für diese Schicht in den USA) und die Öffentlichkeit in dem Buch nach Erklärungen zur Trump Wahl suchte. 

Ich habe derart viele Notizen zu diesem Buch gemacht, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. 

Zunächst sei darauf hingewiesen, dass er das Buch seinen Großeltern (mütterlicherseits), im Buch „Mamaw“ und „Papaw“ genannt, gewidmet hat. Sie waren ihm lange Zeit Elternersatz. 

Vielleicht kann man mit seiner Bemerkung beginnen, dass er der „sitzengelassene Sohn“ eines Mannes war, „den ich kaum kannte“ und einer Mutter „die ich lieber nicht gekannt hätte“ (Vance 2017, S. 20). Die Eltern trennten sich früh und J. D. musste mit vielen verschiedenen (oft schwierigen) „Ersatzvätern“ (wechselnden Partner der Mutter) umgehen lernen. Das an sich ist bereits tragisch und belastend für ein Kind. Was im Laufe des Buchs alles an Details dazukommt, sprengt teils die Vorstellungskraft. 

Bereits der Umgang der Mutter mit dem Säugling ist destruktiv: „Ich war neun Monate alt, als Mamaw meine Mutter zum ersten Mal dabei erwischte, wie sie Pepsi in mein Fläschchen tat“ (S. 30). 

Bzgl. seiner Mutter spricht er mehrfach von „bizarren“ Verhaltensweisen. Diese stehen offensichtlich im Zusammenhang mit ihrem langen Suchtverhalten (Alkohol- und Drogenmissbrauch). Den Drogenmissbrauch seiner Mutter hatte J. D. als Kind lange Zeit ausgeblendet bzw. gar nicht einordnen können. Wenn es mal wieder schlecht zu Hause lief, pendelte er halt zu seinen Großeltern und danach wieder zurück zur Mutter. Erst nach dem Tod seines Großvaters wurde ihm bewusst, dass seine Mutter ein Drogenproblem hatte (S. 132).

J. D. Vance verehrt seine Großeltern (Sie waren „fraglos und uneingeschränkt das Beste, was mir hätte passieren können“ S. 32) und sicherlich haben diese ihn auch ein Stück weit Ausgleich und Sicherheit geboten. 

Vergessen werden sollte dabei aber nicht, dass auch die Großeltern in ihrem Inneren großes Destruktionspotential besaßen, wie offensichtlich auch große Teile der restlichen Familie. 

Seine Großmutter hätte Familiengeschichten nach als Zwölfjährige fast einen Mann erschossen, der Kühe stehlen wollte. Sie traf ihn nur am Bein (S. 23). Seine Großmutter bezeichnet J.D. als „durchgeknallte Waffennärrin“ (S. 23). „Onkelt Pet“ hatte einst einen Mann, der ihn beleidigt hatte, bewusstlos geschlagen und ihn dann mit einer elektrischen Säge aufgeschlitzt. Der Mann konnte im Krankenhaus gerettet werden (S. 22). 

Als seine Großeltern noch selbst ihre Kinder zu Hause hatten, konnten sie „ohne jede Vorwarnung in die Luft gehen“ (S. 49), wie sich ihr Sohn Jimmy erinnert. 

Mitte der sechziger Jahre war der Großvater zum Alkoholiker geworden, die Mutter von J. D. war zu der Zeit ca. vier Jahre alt (S. 48f.). J.D. hatte seinen Großvater anders bzw. deutlich positiver als Kind erlebt (wohl auch, weil der Großvater vorher mit dem Trinken aufgehört hatte), bezeichnet ihn aber bzgl. der Vergangenheit als „gewalttätigen Trinker“ und seine Großmutter als „gewalttätige Nichttrinkerin“ (S. 52). 

Jimmy erinnert sich an Szenen von häuslicher Gewalt zwischen den Eltern (bzw. Großeltern von J. D.). Dies gipfelte in einen Mordversuch: Die Großmutter hatte damals angekündigt, dass sie ihren Mann umbringen würde, wenn er nochmals betrunken nach Hause käme. Als dies der Fall war ging sie „in aller Seelenruhe in die Garage und kehrte mit einem Kanister Benzin zurück, den sie über ihren Mann ausgoss“ (S. 53). Sie zündete ihn an und er konnte nur gerettet werden, weil eine seiner beiden Töchter sofort (es ist nicht ganz klar, ob dies die Mutter von J. D. war) aufsprang und das Feuer löschte. 

Im Leben der Großeltern finden sich – neben den bereits erwähnten Erfahrungen – weitere traumatische Erlebnisse (u.a. starb der Vater des Großvaters früh, die Mutter des Großvaters gab ihn weg zu ihren Eltern; acht Fehlgeburten der Großmutter, ihr erstes Kind bekam sie als Teenager im Alter von vierzehn Jahre, der Säugling starb auf der Flucht vor den eigenen Eltern; S. 33, 36) die sicherlich auf die eine oder andere Weise an die Nachkommen weitergegeben worden sind. 

Ganz eindeutig muss man die massiven Probleme der Mutter von J. D. Vance vor dem Hintergrund ihrer eigenen traumatischen Kindheit sehen, was auch J. D. deutlich so sieht (S. 56). Das Stichwort lautet hier: transgenerationale Traumata.

Die Mutter von J. D. neigte zu Ohrfeigen, Schlägen und Kniffen gegen ihre Kinder (S. 90, 101, 109), aber auch „brutale Beleidigungen“ (S. 109) waren Routine. Dazu kam ihr Suchtverhalten. 

Als schrecklichsten Tag seines Lebens bezeichnet J. D. den Tag, als seine Mutter drohte, ihn umzubringen. Im Auto wurde sie wütend auf ihren Sohn, beschleunigte den Wagen und sagte, sie werde jetzt einen Unfall bauen und sich und ihn umbringen (S. 91). Sie hielt dann doch an, um ihren Sohn durchzuprügeln. Er konnte zu einem Haus flüchten. Seine Mutter trat die Tür dort ein, zerrte ihren Sohn nach draußen und konnte dann von der benachrichtigten Polizei gestoppt werden. Danach lebte J. D. bei seinen Großeltern.

Dass seine Mutter durchaus das Zeug hatte, ihren angedrohten „erweiterten Suizid“ durchzuführen, zeigt ein früherer Selbstmordversuch mit einem Auto (sie war alleine unterwegs), als J. D. elf Jahre alt war (S. 89). 

Dazu kam für J. D. das vielfache Miterleben von häuslicher Gewalt zwischen seiner Mutter und Partnern (vor allem auch Bob). J. D. selbst spricht von „traumatischen Szenen zu Hause“, die er miterlebt hatte und die seine Gesundheit damals angriffen (S. 87). 

Insgesamt ging vieles nicht spurlos an J. D. vorbei. In der Schule wurde er schwieriger und zeigte Anzeichen von emotionalen Problemen. Er selbst berichtet ergänzend, dass er Jahrzehnte später eine Erzieherin aus seinem Kindergarten wieder getroffen hätte. Sein Verhalten als Kind sei damals so schwierig gewesen, dass sie beinahe den Beruf gewechselt hätte (S. 113). 

Ab dem Alter von sieben Jahren hat J.D. eigenen Angaben zu Folge über 20 Jahre lang einen immer wiederkehrenden Albtraum von seiner ihn verfolgenden Mutter gehabt. In verschiedenen Fassungen des Albtraums änderten sich auch die Verfolger (S. 294). Diese Traumafolgen sind nur logisch und kaum verwunderlich. 

J. D. Vance hat mit seiner Autobiografie zweifelsohne auch stolz zeigen wollen: Schaut her, ich habe es, „trotz allem“, geschafft und meinen amerikanischen Traum verwirklicht. Im hinteren Teil des Buchs geht er auf seinen beruflichen Werdegang und seine Erfolge ein. 

Ich gönne ihm seinen beruflichen Erfolg. Was mich viel mehr umtreibt ist, dass er jetzt als Vize neben dem „destruktiven Vater“ Donald Trump steht. Sieht er nicht, dass er dabei ist, erneut in der Traumafalle zu landen und die Geschichte seiner Familie sich fortzusetzen droht (diesmal auf der politischen Bühne)t? Sieht er nicht die ganzen destruktiven „Ersatzväter“ seiner Kindheit in den Augen von Trump?

Kritiker mögen jetzt anmerken, dass Vance früher Trump-Gegner war. Ich halte diesen Sachverhalt für nicht all zu wichtig. Bedeutsam ist nur, dass er jetzt Trump-Verehrer ist und sich diesem gehorsam unterordnet. 

Früher demütigte Trump seinen heutigen Vize Vance öffentlich indem er sagte: “J.D. is kissing my ass he wants my support so bad“ (https://edition.cnn.com/2022/09/19/politics/donald-trump-jd-vance-ohio-rally/index.html)

Nun, Vance ist Demütigungen gewohnt und scheint sich auch dieser zu ergeben. 

J. D. Vance hat seine persönliche Kindheitsgeschichte wie schon beschrieben verallgemeinert. Diese sei klassisch für die „Hillbillys“ in den USA. Die vielen Daten, die wir über Kindheit in den USA haben, bestätigen ergänzend, dass diese Nation deutlich im Rückstand ist, wenn es um das Kindeswohl geht. Und ja, dies hat ganz sicher auch etwas mit den politischen Verwerfungen in den USA und mit dem Phänomen „Donald Trump“ zu tun. J. D. Vance ist dabei, seine entsprechende Rolle zu übernehmen. 


Montag, 12. August 2024

Kindheit von Ilse Koch (gefürchtete KZ-Kommandantengattin)

Ilse Koch war die gefürchtete Kommandantengattin von Karl Otto Koch und wurde zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Familie Koch lebte eine ganze Zeit lang ganz nah am KZ Buchenwald.

Der Biograf Pierre Durand schreibt über die Kindheit von Ilse Koch:
Man hat behauptet, Ilse Koch habe eine harte Kindheit gehabt; als Tochter einer Prostituierten, mit zwölf Jahren vergewaltigt, habe sie Gefallen an unmoralischen Sitten gefunden, (…). Aber die Ermittlungen der Polizei und der Justiz zum Augsburger Prozess zeigten, dass sie ein normales Kind war und ein Elternhaus hatte, in dem nichts Ungewöhnliches vorfiel“ (Durrand 1989, S. 13)

Und er ergänzt an anderer Stelle: „Vor ihrer Geburt bis zu ihrem Eintritt in die SS-Welt erscheint uns Ilse Koch, geb. Köhler, als Kind, Jugendliche und junge Frau, die sich nicht aus der anonymen Masse der Deutschen ihrer Zeit abhebt“ (Durrand 1989, S. 15). 

Ja, es wäre in der Tat zu einfach, wenn bei einer Täterin wie Ilse Koch extreme und von der Norm deutlich abweichende Kindheitshintergründe gefunden worden wären. 

Pierre Durand macht es sich hier aber dann doch zu einfach (wie so viele seiner Zunft)! Eine nach Außen intakte Kleinfamilie und durchschnittliche Berufe bzw. Rollenaufteilungen der Eltern sind nicht gleichbedeutend mit einem unbelasteten Aufwachsen. Ilse wurde 1906 geboren. Das Datum an sich reicht bereits aus, um viele Mutmaßungen u.a. bzgl. autoritärer Erziehung und kindheitsfeindlichen Umgangsnormen in den Raum zu stellen. 

Auch der Biograf Arthur L- Smith jr. hat nicht viel über die Kindheit von Ilse Koch geschrieben. Vermutlich erklärt sich dies u.a. auch durch folgendes Verhalten von Ilse Koch selbst: „Auf Befragen lehnte Ilse Einzelauskünfte über ihre Kindheit und Jugend ab; sie beschränkte sich nur auf einen groben Umriss“ (Smith 1994, S. 7). 

Bei Smith finden sich aber zumindest Anhaltspunkte und aufschlussreiche Informationen, die Ableitungen zulassen. 

Zunächst fällt mir auch ein Satz ins Auge, der klassisch ist. Über den KZ-Kommandant Karl Otto Koch  schreibt der Biograf: „Karl wurde 1897 in Darmstadt geboren. Er verbrachte eine relativ normale Kindheit, obwohl seine Mutter starb, als er noch ziemlich jung war“ (Smith 1994, S. 12). Der Tod der Mutter stellt für ein Kind eine schwere und traumatische Erfahrung dar. Das Wortpaar „normale Kindheit“ im gleichen Atemzug mit der Schilderung dieser traumatischen Erfahrung zu nennen, ist schon bemerkenswert. 

Details über die Kindheit von Ilse fehlen wie gesagt, insofern fällt mein Augenmerk auf ihr eigenes Erziehungsverhalten (was oftmals Rückschlüsse über selbst erlebte Erziehungsnormen zulässt). 

1940 wurde Gudrun (das jüngste Kind der Familie Koch) geboren. „Karls Stiefschwester, Erna Raible, half Ilse zeitweise mit den Kindern und ging an, bei den Kochs zu wohnen, als Gudrun geboren wurde. Später kümmerte sie sich um die Kinder, wenn Ilse in Ferien war. Während eines Skiurlaubs, wahrscheinlich verbrachte Ilse ihn allein, erkrankte Gudrun ernstlich, und die beunruhigte Frau Raible ließ die Mutter nach Hause rufen. Das Kind starb jedoch, und Frau Raible warf Ilse vor, sie habe Gudrun vernachlässigt und kehrte nie wieder zur Villa Koch zurück“ (Smith 1994, S. 33). Gudrun starb im Februar 1941 (Smith 1994, S. 258).
Ilse Koch scheint den Ausführungen nach oft ohne ihre Kinder in die Ferien gefahren zu sein. Sie ließ auch den Säugling Gudrun zurück. Es wird deutlich, dass Frau Raible ihr die Schuld für den Tod des Säuglings zuschreibt. 

Das Bild über die Erziehungsnormen bei den Kochs wird an anderer Stelle noch deutlicher. Karls ältester Sohn aus erster Ehe, Manfred, lebte eine Zeitlang bei der Familie in Buchenwald. Manfred lehnte es aber ab, Ilse als Mutter zu akzeptieren und gehorchte ihr kaum.
Eines Morgens gab Karl einem SS-Mann, der für die Zellen in einem Bunker am Haupteingang zuständig war, den Auftrag, Manfred in eine leere Zelle zu bringen und ihn dort zu lassen, bis er ihn holen lasse. Jemand hörte, wie Koch zu Manfred sagte: `Du wirst solange in der Zelle bleiben, bis du versprichst, nicht wieder frech zu deiner Mutter zu sein.` Als man Koch im Laufe des Tages mitteilte, der Junge weine, verbot er jedem, sich ihm zu nähern. Schließlich ließ er am Abend, nach dem Essen, den Jungen nach Hause holen, und als der Wachmann mit Manfred erschien, kam Frau Koch mit den Hunden aus dem Haus gerannt, um ihn zu begrüßen. Sie fragte ihn: `Wirst du jetzt brav sein?.` Doch Manfred ging einfach wortlos an ihr vorbei ins Haus. Fast unmittelbar nach diesem Ereignis wurde er in ein Internat gegeben und kehrte nur während der Schulferien zurück“ (Smith 1994, S. 33,36). Auch ein anders Kind von Karl wurde früh weggegeben: „Den jüngste Sohn hatte man wegen geistiger Defekte in eine Anstalt eingewiesen“ (Smith 1994, S. 33). 

Die Eheleute Karl und Ilse hatten keine Skrupel, Manfred zur Strafe in eine Zelle im Gefängnistrakt des Konzentrationslagers Buchenwald zu stecken, mit echten Häftlingen in den Nebenzellen. Eine unfassbar kalte Tat gegen ein Kind. Sein weiterer Ungehorsam gegenüber Ilse hatte eine dauerhafte Trennung von der Familie zur Folge. 

Auch die Ehe der beiden war alles andere als vorbildlich, gerade auch, wenn man sich das NS-Propagandabild der "deutschen Ehe" vor Augen führt. Sowohl Ilse als auch Karl waren untreu und es gab diverse Seitensprünge (Smith 1994, S. 37). 

1943 wurden Karl und Ilse Koch von den Nazis verhaftet. 1944 wurde Karl zum Tode verurteilt (das Urteil wurde am 05. April 1945 im KZ Buchenwald vollstreckt), Ilse wurde freigesprochen. Im Januar 1945 zog Ilse bei Karls Stiefschwester Frau Raible ein. „März: Frau Raible fordert Ilse auf, das Haus zu verlassen; Begründung: Ilses Trunkenheit. Ilse zieht mit den Kindern in ein Hotel, fährt fort zu trinken“ (Smith 1994, S. 259).
Am 02. September 1967, nach diversen Anklagen und ihrer langen Inhaftierung, endete das Leben von Ilse Koch durch Selbstmord in ihrer Zelle. 

In der Familie Koch lassen sich an Hand der gezeigten Infos destruktive Dynamiken und Verhaltensweisen nachweisen. Vor allem der kalte Umgang mit Kindern lässt hier aufhorchen. Die Vermutung liegt nahe, dass sowohl Karl als auch Ilse einen ähnlich kalten Umgang in ihren eigenen Elternhäusern erlebt haben. 

Nebenbei fand ich bei Smith auch eine Information über Bestrafungsformen gegenüber KZ-Insassen in Buchenwald. „Die Prügelstrafe wurde auf einem sogenannten `Bock` vollzogen, einem tischähnlichen Holzgestell, auf dem der unglückliche Gefangene festgeschnallt und mit einem Bambusstock oder einer Weidenrute auf das entblößte Gesäß geschlagen wurde. Die Wucht der Schläge – gewöhnlich 25 Hiebe – brachte häufig Blutgefäße zum Platzen (…) `25 zu bekommen` oder `über den Bock zu gehen` war eine Erfahrung, die unter Kochs Kommando Tausende Gefangene erlitten“ (Smith 1994, S. 42). 

Diese Art der Strafform (knieend über einen Holzgegenstand gelehnt) mit Schlägen auf das Gesäß war gängige Strafform im Deutschen Reich gegen Kinder! Hier haben die SS-Leute ganz eindeutig das wieder-aufgeführt, was sie als Kind selbst erlitten haben (dies gilt vermutlich auch für Karl Koch selbst). 


Verwendete Quellen:

Durrand, P. (1989). Die Bestie von Buchenwald. Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin (4. Auflage). 

Smith, A. J. jr. (1994). Die Hexe von Buchenwald. Der Fall Ilse Koch. Böhlau Verlag, Weimar – Köln – Wien. (2. Unveränderte Auflage)

Freitag, 26. Juli 2024

Kindheit von Benjamin Netanyahu. Viele Fragezeichen.

(aktualisiert am: 28.05.2025)


Über die Kindheit von Benjamin Netanyahu fand ich nur einige wenige aufschlussreiche Infos. 

Ich sehe diesen Beitrag insofern nicht als eine abschließende Gewissheit, sondern empfand diese Recherche eher als ein kleines „Lehrstück“ für die Kindheits-Biografieforschung und insofern auf einer allgemeinen Ebene erkenntnisreich.

Oft schon habe ich betont, wie schwierig es ist, die Wahrheit über Kindheitserlebnisse herauszufinden bzw. ein deutliches Bild zu bekommen. Erwachsene neigen oftmals dazu, ihre Kindheit zu beschönigen und negative Erlebnisse auszuklammern. Eltern bleiben idealisiert. Das Grundproblem ist immer auch, dass das, was man selbst als Kind Zuhause erlebt hat, für einen Menschen nun mal „normal“ war und ist. 

Laut dem Biografen Anshel Pfeffer scheint in der Familie Netanyahu eine gewisse Strenge geherrscht zu haben. „From their childhood friends` recollections, it is clear that the boys chafed under the strict discipline of their household” (Pfeffer 2018, S. 60).
Zu dieser Strenge gehörten demnach auch Körperstrafen. Der ältere Bruder Yoni wurde von seiner Mutter Tzila geschlagen. „Headstrong Yoni was forever testing the boundaries. Friends remember Tzila slapping him when she discovered that as a prank he had purloined a stamp collection that belonged to one of the neighbors. Bibi was always more obedient and was less likely than his older brother to break the rules” (Pfeffer 2018, S. 60). 

Zischen 14 und 16 Uhr waren Zuhause keine Freunde erlaubt, die Zeit war reserviert für Hausaufgaben und Lesen. „It was also the only time of the day in which the boys had their father`s attention” (Pfeffer 2018, S. 56). Bibi erinnert sich dem Biografen nach an diese Zeit in der Form, dass der Vater vor allem über Geschichte unterrichtete. Die Mutter sei aber die meiste Zeit über die Axe der Familie gewesen und habe die Kinder erzogen. Der Vater hätte ihnen zumindest Schachspielen beigebracht.

Benjamin Netanyahu selbst schreibt in seiner Autobiografie: „My parents have often been portrayed as harsh disciplinarians. Nothing could be further from the truth. Far from disciplining us, they let us wield a degree of independence virtually unimaginable today. If discipline was in order, it was usually provided by Yoni, who intervened to keep the peace between Iddo and me” (Netanyahu 2022, S. 14).

Netanyahu beschreibt eine Szene, die bei mir gewisse Fragezeichen hinterließ:
At times, when my brothers and I got too raucous even for her, she tried in vain to harness my father's paternal authority, I was often the source of the problem, being known in my childhood as the akshan, or the `stubborn one`(Netanyahu 2022, S. 16). Seine Mutter hätte dann den Vater aufgefordert, die Dinge zu regeln:
My father dutifully got up from the sofa to discipline me. Alarmed, I ran to the other side of the room and suddenly turned and faced him, a five-year-old with arms akimbo. ´Just because you're bigger than me doesn't mean you have the right to hit me,` I lectured him (…)” (Netanyahu 2022, S. 16). Der Vater hätte sich dann einer Frau zugewandt und gesagt, dass der Junge Recht habe und „excused himself from a task he wasn't planning to undertake anyway“ (ebd.). 

Wir haben hier also zwei komplett unterschiedliche Einschätzungen über den Erziehungsstil der Eltern. Was ist nun wahr, was nicht?

Der Biograf war nicht dabei und ist auf seine Quellen angewiesen. Benjamin Netanyahu unterliegt dagegen den psychischen Prozessen, die im Rückblick auf die eigene Kindheit bei jedem Menschen wirken. 

Ich möchte jetzt eigene Interpretationen hinzufügen. Netanyahu rechnete in der rückblickend erinnerten Szene mit einer durch die Mutter an den Vater delegierten körperlichen Bestrafung durch Schläge. Der Vater hätte nicht das Recht ihn zu schlagen, habe er verkündet und tat es dann auch nicht. Der Fünfjährige steht in diesem Bericht als selbstbewusstes Kind dar, das früh seine Meinung sagte. Warum aber rechnet ein fünfjähriges Kind mit Schlägen, wenn es – angeblich – vorher keine harten Erziehungsmethoden in der Familie gab? 

Außerdem hat Netanyahu seine Mutter in dieser Szene ausgeblendet. Sie habe delegiert und erwartete Strenge vom Vater. Über den Erziehungsstil seiner Mutter und ob sie Gewalt ausübte oder nicht berichtet Netanyahu dagegen nicht. Er verehrte sie und hat bzgl. beider Eltern bestritten, dass diese „harsh disciplinarians“ gewesen wären. Mehr erfahren wir dazu nicht von ihm.
Der Biograf Anshel Pfeffer betonte dagegen, dass die Mutter die Haupterziehungsaufgaben übernahm und erwähnte wie oben beschrieben mütterliche Schläge gegen den Bruder. 

Wir sehen also, wie man in der Kindheits-Biografieforschung immer wieder auch Widersprüche findet und leider auch etwas interpretieren und deuten muss. 

Einen weiteren Hinweis bzgl. des Erziehungsverhaltens der Mutter zeigt eine weitere Quelle:

"Benjamin Netanyahu’s mother, Celia, was born to elderly parents and was raised by her three older sisters. She grew up in Israel under difficult conditions during World War II. She was raised strictly and developed determinism and will power. (...) Celia was described as a cold woman, who taught her children restraint, to hide their emotions and show strength. She also conveyed high expectations of success to her sons" (Kimhi 2001, S. 160).

Ich lasse an dieser Stelle viele Fragezeichen über die Kindheit von „Bibi“ im Raum stehen. 
Für mich bringt dieser Beitrag im Grunde vor allem Erkenntnisse über die Probleme der Kindheits-Biografieforschung.

Der Lebensweg von Benjamin Netanjahu wird ergänzend durch den gewaltsamen Tod seines Bruders, seine eigene militärische Prägung/Ausbildung (u.a. in einer Spezialeinheit), entsprechende Kampferlebnisse und die unfassbar komplizierte und konfliktreiche Lebenssituation in der Region geprägt sein. 


Verwendete Quellen:

Kimhi, S.(2001). The psychological profile of Benjamin Netanyahu using behavior analysis. In: Feldman, O. & Valenty, L. O. (2001). Profiling political leaders: Cross-cultural studies of personality and behaivor. Praeger Publishers/Greenwood Publishing Group. S. 149-165

Netanyahu, B. (2022). Bibi: My Story. Thereshold Editions, New York. 

Pfeffer, A. (2018). Bibi: The Turbulent Life and Times of Benjamin Netanyahu. Hurst & Company, London.