Freitag, 18. September 2020

Wurde die Mutter von Adolf Hitler von ihrem Mann misshandelt?

 

Ich habe mir jetzt einmal die Zeit genommen, mir die kommentierte Fassung von „Mein Kampf“ (Hitler, Mein Kampf. Eine Kritische Edition. Band 1; herausgegeben 2016 im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München/Berlin von Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel) anzusehen; dabei gezielt die Teile, die Hitlers Kindheit, Eltern und in diese Richtung zeigende Ausführungen Hitlers beinhalten.

Zwei Stelle sind für mich dabei zentral, in denen Hitler allerdings nicht in Ich-Form spricht, sondern sich allgemein hält bzw. sich auf die klassische Arbeiterschicht bezieht:

Übel aber endet es, wenn der Mann von Anfang an seine eigenen Wege geht und das Weib, gerade den Kindern zuliebe, dagegen auftritt. Dann gibt es Streit und Hader, und in dem Maße, in dem der Mann der Frau nun fremder wird, kommt er dem Alkohol näher. Jeden Samstag ist er nun betrunken, und im Selbsterhaltungstrieb für sich und ihre Kinder rauft sich das Weib und die wenigen Groschen, die sie ihm, noch dazu meistens auf dem Wege von der Fabrik zur Spelunke, abjagen muss. Kommt er endlich Sonntag oder Montag nachts selber nach Hause, betrunken und brutal, immer aber befreit vom letzten Heller und Pfennig, dann spielen sich oft Szenen ab, dass Gott erbarm.
In Hunderten von Beispielen habe ich dieses alles miterlebt, anfangs angewidert oder wohl auch empört, um später die ganze Tragik dieses Leides zu begreifen, die tieferen Ursachen zu verstehen. Unglückliche Opfer schlechter Verhältnisse
“ (S. 149f).

Und bezogen auf enge Räumlichkeiten und große Familien mit vielen Kindern und nachfolgenden Streitigkeiten schreibt Hitler:

Wenn dieser Kampf unter den Eltern selber ausgefochten wird, und zwar fast jeden Tag, in Formen, die an innerer Rohheit oft wirklich nichts zu wünschen übriglassen, dann müssen sich, wenn auch noch so langsam, endlich die Resultate eines solchen Anschauungsunterrichtes bei den Kleinen zeigen. Welcher Art sie sein müssen, wenn dieser gegenseitige Zwist die Form roher Ausschreitungen des Vaters gegen die Mutter annimmt, zu Misshandlungen in betrunkenem Zustande führt, kann sich der ein solches Milieu eben nicht Kennende nur schwer vorstellen. Mit sechs Jahren ahnt der kleine, zu bedauernde Junge Dinge, von denen auch ein Erwachsener nur Grauen empfinden kann“ (S.159).

Interessant sind sie jeweiligen Kommentierungen der Herausgeber an beiden Stellen.
Beim ersten langen Zitat oben kommentieren sie bezogen auf den Alkoholkonsum u.a.:
Auch Hitlers Kritik des Alkoholismus dürften eigene Erfahrungen zugrunde liegen: Hitlers Vater, der durch Alkohol aufbrausend und jähzornig wurde, starb in einem Gasthaus. Es ist denkbar, dass Hitler, der die Persönlichkeitsveränderung seines Vaters infolge des Alkoholmissbrauchs miterlebt hatte, dadurch zum Abstinenzler wurde (…)„ (S. 150). Hier wird also den verallgemeinerten Schilderungen Hitlers autobiografischer Hintergrund unterstellt (zu Recht, wie ich finde), wohl auch in dem Wissen über andere Quellen, die den Alkoholmissbrauch von Alois Hitler bezeugen (wobei von den Herausgebern kein Bezug auf entsprechende Quellen genommen wird).

Ganz anders jedoch wird von den Herausgebern die zweite zitierte Passage kommentiert:
„Von der Psychologin Alice Miller stammt die These, dass Hitlers folgende Schilderungen – trotz der allgemein gehaltenen Formulierungen – auf persönliche Erfahrungen basierten. Hitlers eigene Kindheit sei im hohen Maße geprägt gewesen von seinem zum Alkohol und zur Gewalttätigkeit neigenden Vater, vom Streit zwischen den Eltern, den fünf Kindern (aus zweiter und dritter Ehe), schließlich dem Zerwürfnis zwischen seinem Vater, Alois Hitler senior, und seinem Halbbruder Alois junior, der mit 14 Jahren im Streit das Elternhaus verließ. Definitiv beweisen lässt sich diese These nicht“ (S. 156).

Es ist ganz und gar erstaunlich, wie unterschiedlich hier die beiden Textstellen kommentiert wurden. Denn natürlich gibt es mittlerweile genügend Belege dafür, dass Hitler von seinem Vater misshandelt wurde (siehe u.a. in meinem Buch oder hier im Blog) und dass auch andere Familienmitglieder – vor allem der erwähnte Halbbruder – Schläge bekamen (Die Jähzornigkeit des Vaters wurde ja auch von den Herausgebern in der zuvor zitierten Kommentierung gesehen). Man könnte zwar formulieren, dass nicht bewiesen werden kann, ob Hitler hier auch seine eigene Kindheitsbiografie meinte, denn dies wüsste nur Hitler allein. Aber warum scheuen sich die Herausgeber hier, ähnlich zu kommentieren, wie sie es beim Alkoholmissbrauch zuvor getan haben? Diese Widersprüchlichkeiten oder diesen Hin-und-Her-Gerissen-Sein habe ich oft erlebt, wenn es um Kindheiten von Diktatoren und Massenmördern oder auch politische Gewalt und Kindheit an sich geht (ich habe dazu in meinem Buch entsprechend kommentiert).

Wenn man sich mit Hitlers Kindheit ausführlich befasst, dann fällt es nicht schwer, das „Aufflackern“ dieser Kindheit in den oben zitierten Auszügen aus „Mein Kampf“ zu erkennen. Ich sehe es wie Alice Miller: Hitler hat hier seine eigenen Erfahrungen eingebracht. Wohl aber hat er sie auch auf das Erleben vieler anderer Menschen übertragen (und er hat nicht seine Eltern direkt angeklagt). „In Hunderten von Beispielen habe ich dieses alles miterlebt“, schreibt Hitler. Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass Hitler nicht hunderte Male in Arbeiterfamilie zugegen war, wenn der Vater des Hauses „betrunken und brutal“, wie er schreibt, nach Hause kam. Wahrscheinlich wusste er aus Erzählungen Anderer darum, dass solche häusliche Destruktivität nicht selten vorkam. Vielleicht hat er auch hin und wieder in einer Familie übernachtet. Aber diese seine Betonung auf „Hunderten von Beispielen“ spricht aus seiner Tiefe heraus. Und ich meine, dass da auch das Kind in ihm spricht.

Meine wesentliche Frage aber ist (und dies war der eigentliche Hauptgrund für diesen Beitrag), ob auch Hitlers Mutter Klara von ihrem Mann misshandelt wurde (verbale Demütigungen sind dagegen nahezu sicher, wenn man sich mit den häuslichen Verhältnissen im Hause Hitler und der Stellung von Klara befasst)? Ich finde auch hier, dass Hitlers Aussagen in „Mein Kampf“ eine überdeutliche Sprache sprechen. Ergänzt wird dies durch einen Bericht des Halbbruders, den der Historiker John Toland wiedergegeben hat. Toland schildert zunächst die väterlichen Misshandlungen, die der Halbruder und auch Adolf erlebt haben (ergänzend wurde auch der Hund des Hauses mit einer Peitsche traktiert und zwar so lange „bis er sich krümmte und den Fussboden nässte“). Dann hängt er an: „Gewalttätigkeiten dieser Art musste, Alois Hitler jr. zufolge, sogar die duldsame Ehefrau Klara Hitler ertragen; wenn diese Angaben stimmen, so müssen solche Auftritte bei Adolf Hitler einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen haben“ (Toland, J. (1977): Adolf Hitler. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach, S. 26)

Das Miterleben von (schwerer) Gewalt gegen die eigene Mutter ist eine folgenschwere Erfahrung für Kinder. Auch ohne diesen Belastungsfaktor war Adolf Hitlers Kindheit in der Gesamtsicht unfassbar traumatisch. Trotzdem, ich meine, dass in anderen Fällen schon bei weit weniger Belegen von häuslicher Gewalt zwischen Elternteilen ausgegangen wird. Wir haben Belge für schwere und häufige väterliche Gewalt und ein aufbrausendes Temperament + Alkoholmissbrauch des Vaters. Dazu der große Altersunterschied zwischen Klara und Alois, Klaras ursprüngliche Stellung als Dienstmädchen im Haus und ihre entsprechende Unterlegenheit und Ohnmacht (auch ergänzend auf Grund damaliger stark patriarchaler Strukturen und Verhältnisse). Dazu die deutlichen Aussagen des Halbruders (nach Toland) und Hitlers Schilderungen in „Mein Kampf“. Ich bin entsprechend davon überzeugt, dass Klara Hitler Misshandlungen seitens ihres Mannes erlitten hat und die Kinder im Haus dies auch mitbekommen haben.

Dienstag, 15. September 2020

Einzelfall einer rechten Radikalisierung, der psychoanalytisch besprochen wurde


Erneut habe ich eine interessante psychoanalytische Arbeit gefunden, innerhalb der ein Einzelfall einer rechten Radikalisierung ausführlich besprochen wird: 

Leuzinger-Bohleber, M. (2016): Radikalisierungsprozesse in der Adoleszenz – ein Indikator für eine nicht gelungene Integration? In: Leuzinger-Bohleber, M. /Lebiger-Vogel, J. (Hrsg.): Migration, frühe Elternschaft und die Weitergabe von Traumatisierungen. Klett-Cotta, Stuttgart, S. 171–193.

Diese ganzen immer wieder von mir besprochenen „Einzelfälle“ mögen manch einen Leser oder eine Leserin hier ermüden, für mich ist es aber wichtig, diese Rechercheergebnisse festzuhalten und die Einzelfälle zusammen mit größeren Studien zu einem Gesamtbild zusammenzutragen.  

Die Autorin bespricht den Fall „Herr A.“, den sie in ihrer Praxis betreut hat. Herr A. war stark suizidal, litt unter sozialem Rückzug und war früher aktives Mitglied einer rechten, gewalttätigen Gruppierung. Der Vater von Herrn A. war ein arabischer Flüchtling, die Mutter eine Deutsche. Die Beziehung der Eltern sei chronisch unglücklich gewesen. Beide Elternteile hatten zudem ein Alkoholproblem. Im Alter von 12 Jahren hatte Herr A. seinen Vater bei einem Suizidversuch entdeckt. Er rief den Krankenwagen und rettete so seinem Vater das Leben. Als Jugendlicher schloss sich Herr A. einer rechten Gruppe an. Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen wurde er einmal schwer verletzt. Einige Wochen danach wurde er wegen aggressiven Verhaltens von der Schule ausgeschlossen. Daraufhin schlug sein Vater ihn in einer Kneipe vor den Augen seiner Kumpels zusammen, für Herrn A. eine sehr demütigende Erfahrung. Der Kontakt zu den Eltern brach in der Folge ab. Als 15-Jähriger lebte Herr A. fast ein Jahr auf der Straße oder bei dubiosen Freunden. In dieser Zeit nahm er auch Drogen (Leuzinger-Bohleber 2017, S. 183-186). Auf Grund des geschilderten gewaltvollen Verhaltens des Vaters würde ich persönlich stark davon ausgehen, dass der Vater auch vorher gewalttätig gegen seinen Sohn agiert hat. 

Dieser Fall zeigt für mich auch zwei Widersprüche auf: Der Vater von Herrn A. kam aus einem arabischen Land. Mit der rechten Gruppe hetzte Herr A, gegen und bekämpfte „Ausländer“ oder fremd aussehende Menschen (und die rechte Gruppe akzeptierte ihn als rechtes Mitglied, trotz der Herkunft seines Vaters). Hier wird überdeutlich, dass Abstammung oder Gruppenzugehörigkeit gar nicht immer so zentral sind. Zentral ist einfach das Gruppengefühl, der „gemeinsame Feind“ und die Möglichkeit, Hass nach außen zu tragen. Den zweiten Widerspruch stellt die Reaktion von Herrn A. auf den Terroranschlag vom „11. September“ dar. Herr A. war zu der Zeit am Ende seiner psychoanalytischen Therapie. Herr A. sympathisierte stark mit dem Terror gegen die USA. Er fühlte sich plötzlich als Teil der gedemütigten, muslimischen Gemeinschaft. Die USA hätte arabische Länder zuvor gedemütigt und ausgebeutet. In der Therapie konnten seine feindlichen und gewaltvollen Fantasien bearbeitet werden (und auch in Bezug zu seinem destruktiven Vater gesetzt werden). Allerdings fällt es leicht, sich vorzustellen, dass dieser Mann durch zufällige Begegnung mit islamistischen Kreisen auch in dieser extremen Ecke hätte landen können. Extremistische Ideologie scheint mehr Mittel zum (emotionalen) Zweck zu sein. 


Freitag, 4. September 2020

Kindheit und Extremismus (mit Blick auch auf den NSU). Erneute Anregung für die Forschung.

Der Band Böckler, N. & Hoffmann, J. (Hrsg.) (2017): Radikalisierung und terroristische Gewalt. Perspektiven aus dem Fall- und Bedrohungsmanagement. Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt ist ein erneutes Beispiel dafür, dass die Forschung beim Thema Terrorismus und Extremismus selten schwerpunktmäßig Kindheitserfahrungen in den Blick nimmt. 

Nur in zwei Beiträgen finden sich kurze Einlassungen auf Kindheitshintergründe. Nils Böckler hat unter dem Titel „Der sogenannte Islamische Staat und die Mudschaheddin aus dem Westen: Radikalisierungsprozesse unter schwarzer Flagge“ (S. 119-137) 33 Islamisten in den Blick genommen und einige Hintergründe recherchiert. 

Er schreibt: „Über alle Fälle hinweg konnten eine Vielzahl von Konflikten in der Familie, in der Schule, bei dem Übergang in das Berufsleben, wie auch in Interaktion mit der Gruppe Gleichaltriger identifiziert werden“ (Böckler 2017, S. 105) Dem hängt er vier Konfliktmuster an, von denen eines „Gewalterfahrungen als Opfer im Elternhaus“ ist. Leider wurde die Analyse nicht vertiefend dargestellt und Kindheitserfahrungen wurden auch nicht weiter hervorgehoben. Insofern ist seine Analyse auch schwer zu verarbeiten. Allerdings wurden 3 Fallbeispiele (S. 108-114) ausführlich besprochen. 

Beim Fall „Frank“ werden destruktive Kindheitserfahrungen überdeutlich. Er wuchs mit 4 Stiefgeschwistern auf, die aus verschiedenen Beziehungen der Mutter stammten. Die Mutter ist berufstätig und die Kinder waren oft alleine. „Bereits seit seiner Kindheit fällt Frank durch aggressives Verhalten auf. Zudem sind die Beziehungen im familiären Umfeld durchgehend von Konflikten und körperlichen Auseinandersetzungen geprägt“ (S. 108). Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen im Elternhaus auf Grund eines Streits um seinen übermäßigen Computergebrauchs zog Frank zu seiner älteren Stiefschwester. Ihr Lebensgefährte war Salafist und Frank kam mit extremistischem Gedankengut in Kontakt. 

„Rakin“ ist das jüngste von sieben Kindern. Im Altern von 5 Jahren migriert er mit seiner Familie nach Deutschland. In der Schule hat er Probleme mit den Anforderungen und dem Anschluss an Gleichaltrige. Während seiner Jugend wird bei seinem Vater Krebs diagnostiziert. Der Vater stirbt schließlich, als Rakin 17 Jahre alt ist. Über den Erziehungsstil der Eltern erfährt man nichts. 

Die Kindheit von „Hassan“ (dem dritten Fallbeispiel) wird kaum beleuchtet. Seine schulische Laufbahn verlief unauffällig und er studierte später. Die Familie sei auf Grund der Selbstständigkeit des Vaters und der Pflege eines Verwandten sehr eingebunden gewesen, so dass Konflikte in der Familie im Allgemeinen vermieden wurden. 

Die Forschung steht wie immer vor dem Problem, dass Kindheitshintergründe nicht immer einfach zu ermitteln sind. Aus den drei gezeigten Fallbeispielen lässt sich ableiten, dass belastende Kindheitserfahrungen eine wichtige Rolle bei der Genese von Extremismus spielen, allerdings bleibt das Bild uneinheitlich, weil der Erziehungsstil im Fall Rakin und Hassen nicht besprochen wird (oder nicht ermittelt werden konnte). Ich habe insofern auch Verständnis dafür, dass die Forschenden vorsichtig formulieren. 

Problematisch wird es nach meiner Ansicht allerdings dann, wenn das uneinheitliche Bild zur Wahrheit umgebaut wird oder anders gesagt: wenn das uneinheitliche Bild zum festen Ergebnis wird. Dies zeigt sich am Beitrag von Matthias Quent „Akteure des Rechtsterrorismus: Radikalisierungsverläufe im NSU-Komplex“ (S. 169-190) in dem Band. 

Quent hat die Hintergründe und Sozialisation von 6 am NSU-Komplex (Beate Zschäpe, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Ralf Wohlleben, André Kapke, Holger Gerlach; wobei er die Nachnamen nicht voll ausgeschrieben hat) beteiligten Akteuren analysiert. Aus dieser Analyse heraus hat er „Typen rechtsextremer Radikalisierungskarrieren“ (S. 182f.) herausgestellt und daraus 3 Modelle gemacht, die grafisch aufbereitet wurden. In "Modell 1" verortet er Uwe B, Holger G und Beate Z.. Das „Modell 1“ beginnt mit „familiären Konflikterfahrungen“, führt über „schulische Probleme“ u.a. zu „Gewalt“ und über weitere Wege schließlich zur politischen Gewalt. 

Ralf W. und André K. wurden in das „Modell 2“ kategorisiert, das mit „(angeblicher) rechtsextremen Cliquenzugehörigkeit“ beginnt, über „Phasen der Erwerbslosigkeit“ zur Gewalt und später politischer Gewalt führt. „Modell 3“ umfasst nur Uwe M und beginnt mit „Politischer Provokation“, führt über „rechtsextreme Politisierung und Cliquenzugehörigkeit“ zur „Gewalt“, dann „Gruppenmitgliedschaft“ und später politischer Gewalt. Das Modell schließt somit aus, dass bei Ralf W., André K. und Uwe M. familiäre Konflikte (bzw. Kindheitshintergründe) ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Eine solche Vorgehensweise halte ich für falsch!

Die realen Kindheitserfahrungen von Gewalttätern und Extremisten zu erfahren, gestaltet sich immer als schwierig (schon der "Durchschnittsbürger" spricht ungern offen über erlebtes Leid in der Kindheit oder verdrängt. Und Eltern, die zu Tätern gegenüber ihren Kindern wurden, werden sich hüten, öffentlich zu berichten, was sie getan haben). Zu dem Themenkomplex habe ich in meinem Buch ein ganzes Kapitel verfasst: „Kapitel 11. Das Schweigen der Täter: Von der Schwierigkeit, die ganze Wahrheit über das erlebte Kindheitsleid zu erfahren“. Meine Bedenken kann ich hier nicht alle wiederholen. Hier im Blog habe ich dazu bereits einen wichtigen Beitrag verfasst. 

Die Kindheiten von Zschäpe und Böhnhardt habe ich hier im Blog und erweiternd auch in meinem Buch besprochen. Die Kategorie „Familiäre Konflikterfahrungen“ kann ich bei ihnen also nur bestätigen. Wobei die Kategorie eher harmlos klingt. Zschäpe und Böhnhardt haben viel mehr traumatische Kindheitserfahrungen gemacht. 

Quent beschreibt die Kindheit von Holger Gerlach wie folgt: Nach der Scheidung der Eltern hatte er kaum Kontakt zu seinem Vater. Den neuen Stiefvater der Mutter akzeptierte er. Der Stiefvater starb 1986, Holger muss damals ca. 12 Jahre alt gewesen sein. Der Tod des Stiefvaters markiert den Zeitpunkt, ab dem Holger durch sein Verhalten auffällig wurde (Quent 2017, S. 181). Auch hier geht es sowohl um Belastungen in der Kindheit, als auch ein traumatisches Ereignis. (Und über den Erziehungsstil erfährt man ebenfalls nichts, insofern könnten hier noch weitere Belastungen liegen)

Ralf Wohlleben wird von Quent nicht im „Modell 1“ untergebracht, obwohl ich Konflikte im Elternhaus recherchiert habe: Seine Eltern waren streng, Ausriss von zu Hause, Aufenthalt im Heim, später wieder bei seinen Eltern (Ramelsberger, A. (2015, 16. Dez.): Wie Wohlleben sein Leben beschreibt. Süddeutsche Zeitung.) 

Über die Kindheit von Uwe Mundlos habe auch ich nichts von Bedeutung gefunden. Allerdings habe ich in meinem Buch auf Grund der Verhaltensauffälligkeiten seines Vaters vor Gericht ein wenig spekuliert. Über André Kapke fand ich im Grunde gar keine Infos über seine Kindheit. Bei beiden Tätern finden sich aber auch keine Belege dafür, dass sie unbelastet und gewaltfrei aufgewachsen sind. 

Wir dürfen bei diesem Thema niemals entsprechende Belastungen ausschließen! Immerhin reden wir hier über Extremisten, die durch ihr Verhalten bereits einiges über sich erzählen. Außerdem gibt es mittlerweile etliche Studien über Rechtsextremisten (für die die Akteure konkret befragt wurden), die mehrheitlich (oft auch schwere und/oder mehrfache) Belastungen in der Kindheit ausmachen konnten (siehe dafür u.a. in meinem Blog im Inhaltsverzeichnis). Es spricht also einiges dafür, vorsichtig zu sein, wenn es um die Betrachtung von Kindheitshintergründen von Extremisten geht und nicht voreilig abschließende Schlüsse zu ziehen. Das Modell von Matthias Quent ist dabei wenig hilfreich. Ich möchte erneut durch diesen Beitrag einen Wink in Richtung Extremismusforschung geben, den Themenkomplex „Kindheit“ deutlicher, vertiefender und spezialisierter anzugehen. Denn in der Kindheit liegen die Wurzeln des Übels.