Montag, 11. Mai 2015

Doku "Das radikal Böse"

Kürzlich hat das ZDF den Dokumentarfilm „Das radikal Böse“ von Stefan Ruzowitzky gezeigt. (leider ist der Film bereits nicht mehr in der ZDF-Mediathek) Ruzowitzky ist studierter Historiker, hat sich in seinem Film aber sehr viel auf psychologische, vor allem auch gruppenpsychologische Thesen bzgl. der Ursachen des Holocaust eingelassen.
Ich möchte den Inhalt des Filmes gar nicht ausführlich besprechen. Der Film zeigt viele interessante Facetten und real wirkende menschliche Gruppenprozesse, deren Wirkungskraft ich gar nicht bestreiten möchte. Erstaunlich ist aber folgendes:
In dem Film kommen einige ausgesuchte Experten ausführlich zu Wort. Darunter auch der Psychiater Robert Jay Lifton, der ab den 1960er Jahren die Psychohistorie mit begründet hat. Lifton, von dem ich keine Arbeiten kenne, hat allem Anschein nach eine andere Herangehensweise an das Thema, als Lloyd deMause. Grundsätzlich bestand aber schon die Wahrscheinlichkeit, dass Stefan Ruzowitzky durch die Beschäftigung mit Lifton auch auf die Psychohistorie nach deMause gestoßen sein könnte. Ich weiß es nicht. Wie auch immer, wie immer fehlte in einer solchen öffentlichkeitswirksamen Doku die Besprechung von Kindheitseinflüssen. Ich warte immer noch auf den Tag, wo sich ein Regisseur ähnlich ernsthaft und ausführlich an die Ursachen extremer Gewalt macht und endlich einmal die Kindheitseinflüsse aufnimmt! Eine Doku, die Thesen von Arno Gruen, Alice Miller und Lloyd deMause ernsthaft aufgenommen hat, ist mir bisher nicht bekannt.

Für mich war „Das radikal Böse“ aber in einem Punkt doch noch interessant. Ich bin hin und wieder schon auf Berichte über Feldpostbriefe gestoßen, wo Kriegsverbrecher nach Hause schrieben.
Einen dieser Briefe habe ich schon in meinem Arbeitspapier erwähnt. Am 10. Oktober 1941 schrieb Walter Mattner an seine Frau in der Heimat über die Tötung von Juden:
Bei den ersten Wagen hat mir etwas die Hand gezittert, als ich geschossen habe, aber man gewöhnt das: Beim zehnten Wagen zielte ich schon ruhig und schoss sicher auf die vielen Frauen, Kinder und Säuglinge. Eingedenk dessen, dass ich auch zwei Säuglinge daheim habe, mit denen es diese Horden genau so, wenn nicht zehnmal ärger machen würden. (...)“

In „Das radikal Böse“ werden etliche ähnliche Briefe (darunter auch der oben erwähnte) zitiert, die die Täter nach Hause schickten. Die Täter des Holocaust waren ja mehrheitlich vor allem eines: Männlich. Die gezeigten Briefe belegen etwas, worüber ich in der Besprechung des Holocaust bisher keine direkte Forschung gefunden habe. Nämlich, dass die Ehemänner offensichtlich nicht davon ausgingen, dass ihre Frauen irgendein Problem mit dem Massenmorden haben würden. Sie schrieben locker drauf los, wie aus dem Urlaub.
Die Ehefrauen zu Hause haben keine Juden ermordet, aber sie stimmten dem Morden offensichtlich ohne jedes Gewissen zu , sonst hätten diese Männer keine so offenen Briefe schreiben können. „Das radikal Böse“ zeigt also ganz nebenbei etwas über verdeckte weibliche Täterschaft. Ein eigenes, interessantes und oft unbeachtetes Themenfeld. .

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Sven

Diese Doku erhielt das Prädikat "besonders wertvoll" und ich bin versucht zu sagen, wahrscheinlich deshalb, weil Kindheitseinflüsse radikal ausgeblendet werden, denn somit kann die Öffentlichkeit noch einmal aufatmen! Die Wahrheit wurde nicht ausgesprochen. Dem "Nicht-Merken-Dürfen" - als ein zentrales, unausgesprochenes Bekenntnis -, dass das, was einem Kind in den ersten Lebensjahren angetan wird, unweigerlich auf die Gesellschaft zurückschlägt, wird weiterhin die Treue gehalten.

Ich "fürchte", eine Doku, welche die Zusammenhänge radikal aufzeigt, müssten wir selber machen.

Beste Grüsse
Mario

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo Mario,

ich bin mir sicher, dass eines Tages eine entsprechende Doku produziert werden wird. Denn die Belege sind im Grunde erdrückend.

Ich stelle gerade auch immer mehr fest, dass meine Generation (Ende der 70er geborene) die Gesellschaft übernimmt bzw. an Einfluß gewinnt.
Diese Generation ist weit aus unbelasteter, keine kriegskinder, sondern kriegsenkel, und deutlich weniger von Gewalt in der Kindheit betroffen. Somit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Kindheitseinflüsse beim Thema Gewalt/Krieg auch mehr gesehen werden dürfen und können.
Spätestens die Generation, die um 2000 geboren wurde, wird das Thema offen beleuchten. Es ist alles nur noch eine Frage von Zeit.

Anonym hat gesagt…

Hier kann man die Doku sehen:

http://youtube.com/watch?v=6fTZVzc8p2s