Freitag, 13. April 2012

Elterliche Gewalt als Gradmesser für den seelischen Entwicklungsstand einer Gesellschaft

Die Journalistin Caroline Fetscher hat kürzlich für den Tagesspiegel die Gewalt-Studie der Zeitschrift „Eltern“ kommentiert (was ich im vorherigen Beitrag auch gemacht habe). Der letzte Teil ihres Textes regte mich noch mal zu einem Gedanken an. Hier zunächst die Textstelle:

Herabwürdigung, Sarkasmen, Grobheit selbst gegenüber kleinen Kindern gelten häufig noch als „normal“. Denn Minderjährige, die sich ihrer Rechte nicht bewusst sind, die nicht über den Kosmos der Familie hinausschauen können, eignen sich gut als Blitzableiter der Erwachsenen, je kleiner sie sind, desto besser. An ihnen lassen sich Frustrationen, Ärger, Stress abreagieren, hier kann man anraunzen, losbrüllen, zuschlagen, ohne dass es, wie unter Erwachsenen, Konsequenzen hätte. (…) Nichts entschuldigt die Vergehen: Sie sind Symptome einer seelisch unreifen Gesellschaft.

Die meiste Gewalt erleben kleine Kinder, was auch die o.g. Studie zeigte. Die Gewalt scheint am häufigsten vor der Einschulung ausgeübt zu werden. In kaum einer Lebenslage wird das Machtungleichgewicht so deutlich, wie zwischen einem erwachsenen Elternteil und einem 2 bis 6 Jahre alten Kind (oder auch dem Säugling). Diese Gewalt ist seit Jahrtausenden so „normal“, dass wir erst heute mit einem wirklichen Erschrecken und großer Empörung darauf schauen können. (und noch heute diskutieren die Menschen ernsthaft das Für und Wider einer körperlichen Züchtigung gegenüber Kindern z.B. in Kommentarbereichen für entsprechende Medienartikel, was so kaum bzgl. anderer Gewaltdelikte denkbar wäre oder toleriert würde.) Es gibt kaum ein feigeres, gemeineres und unreiferes Verhalten als Gewalt gegen ein Kind, vor allem auch gegen das noch sehr kleine Kind. Es ist eine Ungeheuerlichkeit und nicht zu rechtfertigen! In diesem Blog habe ich viel über die Folgen der Gewalt geschrieben, vor allem auch über Gewaltverhalten auf Grund eigener Gewalterfahrungen.

In diesem Text geht es mir heute mal um etwas ganz anderes. Denn die Gewalt gegen Kinder als solche ist ja bereits hinreichend belegt, sie ist da, sie ist nachweisbar und sie ist nachweisbar besonders weit verbreitet und besonders schwerwiegend in der Ausformung in vielen Krisenregionen dieser Welt. Wer nicht an die gesamtgesellschaftlichen Folgen der Gewalt gegen Kinder glauben will oder kann….gut, der wird viele Antworten verpassen. Aber er wird nicht die Zahlen wegradieren können. Die Welt war und ist voller seelisch unreifer Erwachsener (danke an Frau Fetscher für diese Wortwahl), die ihre Kinder schlagen, niederbrüllen, vernachlässigen, missbrauchen. Diese belegte Gewalt an sich ist bereits ein gewichtiger Beleg für das Gewaltpotential einer Gesellschaft insgesamt.

Wer als Erwachsener, vor allem auch als Elternteil, ein kleines Kind misshandelt, der ist unter Umständen auch in anderen Situationen fähig, Gewalt anzuwenden und ohne Mitgefühl zu agieren, der kann Moral beiseite schieben. Wer als Erwachsener ein kleines Kind misshandelt, der hat dadurch bereits Zeugnis darüber abgelegt, welche hasserfüllte, kalte und destruktive Seite in ihm oder ihr existiert (und diese ist um so dunkler, je heftiger das Gewaltverhalten gegen das Kind ist). Diese Seite muss natürlich nicht zwangsläufig in anderen Kontexten zum Vorschein kommen, aber sie kann, das ist der Punkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese dunkle Seite politisch hervortritt, steigt, wenn der gesellschaftliche Rahmen, soziale Konflikte und die gesellschaftlichen Entwicklungen diese Täterseite quasi wecken und gegen ein Ziel richten.

Insofern ist das Gewaltaufkommen gegen Kinder ein enorm wichtiger Gradmesser für die (mögliche) Destruktivität von Gesellschaften, nicht nur bzgl. der Folgen, die ich hier in diesem Blog hauptsächlich bespreche, sondern auch bzgl. der (vor allem innerfamiliären) Gewalttäter an sich, die durch Gewaltstudien als solche deutlich identifiziert werden. Wenn z.B. Anfang des 20. Jahrhunderts im Deutschen Reich 89 % aller Kinder geschlagen wurden, über die Hälfte sogar mit Ruten, Peitschen oder Stöcken (vgl. deMause 2005 S. 146f), dann verwundert es nicht, dass diese eiskalten Schläger auch politisch zu extremen Grausamkeiten (dabei auch extrem feigen Taten, wie der Ermordung von Millionen wehrloser Juden) fähig waren.
Ein deutscher Vater, der im Jahr 1910 vielleicht 25 Jahre alt war und seine Kinder mit einer Peitsche prügelte, der war zu Beginn des ersten Weltkrieges im besten Kampfesalter und 1933 – im Alter von 48 Jahren – vielleicht in einer entsprechenden Position als Offizier, hoher Beamter, Politiker oder sonst eine höheren gesellschaftliche Position, von der aus die Gesellschaft gestaltet werden konnte. Diese Prügelgeneration stürmte in diverse Positionen oder auch in die Kasernen und ermöglichte zwei Weltkriege. Ihre Fähigkeit zur Grausamkeit hatten sie bereits in den heimischen Kinderstuben unter Beweis gestellt. (Und natürlich waren einst auch sie misshandelte Kinder, die die Gewalt später an ihren eigenen Kindern wiederaufführten) Auch heutige aktuelle Gewaltstudien erlauben also einen Blick auf die dunkle Seite einer Gesellschaft. Wo immer noch eine Mehrheit der Kinder von ihren Eltern (schwer) geschlagen werden, dort ist bereits das Destruktionspotential einer Gesellschaft bewiesen worden.

Sich mit der Gewalt gegen Kinder zu befassen, bedeutet, dass man – sofern man offen hinschaut – Antworten auf gesellschaftliche Fragen und Probleme in vielerlei Hinsicht bekommt. Gewalt gegen Kinder erzeugt u.U. auch wiederum politische Gewalt, was ich in diesem Blog ausführlich bespreche. Aber auch die gewalttätigen Eltern müssen als solche in die Gesellschaftsanalyse mit einbezogen werden, da ihr Verhalten etwas über den Entwicklungsstand einer Gesellschaft aussagt.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke für diesen Artikel, der den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf trifft.

Zu genau dem gleichen Schluss bin ich beim schriftlichen Aufarbeiten meiner eigenen Kindheit mit Hilfe der Bücher von Alice Miller und Arno Gruen ebenfalls gekommen.

Bereits vor einigen Jahren hatte ich in meinem Notizbuch meine Gedanken und Beobachtungen über unsere Gesellschaft allgemein, über Politiker, Unternehmer und Vorgesetzte sowie diverse "Promis" niedergeschrieben. Und immer wieder bin ich zu dem Schluss gekommen, dass viele - wenn nicht sogar die meisten - Kindheitsmisshandelte sind. Viele dieser Menschen haben offensichtlich nie ihre Kindheit aufgearbeitet - aus welchen Gründen auch immer (Verleugnung, Abspaltung des erlebten Schmerzes, Verherrlichung, Identifikation mit dem Aggressor usw.).

Meines Erachtens spiegelt sich die frühere Gewalterfahrung auch in Profitgier, Hire-and-fire-Mentalität sowie auch in diversen Gesetzen (ich denke insbesondere an das Hartz-IV-Gesetz) wider.
Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand, der keine Gewalt erfahren hat, so mit Menschen umgeht, geschweige denn, solche unmenschlichen Gesetze verabschiedet. Und da komme ich wieder zurück auf das Zitat von Lloyd deMause "Glückliche Menschen fangen keine Kriege an". Man könnte dieses Zitat auch umändern in z. B. "Glückliche Menschen fangen weder Kriege an noch behandeln sie ihre Mitmenschen sowie auch die auf diesem Planeten lebenden Tiere unmenschlich bzw. unwürdig."

Von daher denke auch ich, dass sowohl Aufklärung über Gewalt und deren verheerende Folgen/Auswüchse als auch die Aufarbeitung von Gewalterfahrungen als Betroffene(r) unabdingbar sind, wenn wir ab sofort eine humanistische Gesellschaft/Welt wollen. Das Problem ist jedoch, dass es immer noch jede Menge aufklärungsresistente Menschen gibt, Menschen, die lieber ihre Boulevard-Zeitung lesen oder sich lieber so manche TV-Sendung zum Fremdschämen in den Privatsendern oder sich lieber Fußballspiele ansehen.
Dennoch, je mehr Menschen - auch und gerade als früher selbst von Gewalt Betroffene(r) - sich mit diesem Thema auseinandersetzen, desto besser. Nur so kann Gewalt (hoffentlich ganz) gestoppt werden.

Dies sind meine persönlichen Gedanken zu Ihrem Artikel.

Grüße, schönes Wochenende und nochmals ein dickes Lob für die hohe Qualität Ihres Blogs,
Ines

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo Ines,

danke für die positive Kritik!

Vielen Dank auch für den Beitrag als solchen, der in seiner Klarheit für sich spricht.

Wenn mensch einmal verstanden hat, dass lebendige Emotionen bestimmte Verhaltensweisen unmöglich machen (Profitgier, "ökonomisches" quälen von Menschen usw.), dann kommt man in der Tat zu dem Schluss, dass die verschütteten Emotionen vieler Menschen, als Folge von Gewalt und erlebter Lieblosigkeit, DIE tiefere Ursache für viele gesellschaftliche Probleme ist.

Die Psychohsitorie untersucht - neben den Kriegsursachen - auch und gerade diese Probleme. Lloyd deMause meint z.B., dass durch (unbewusst gezielt herbeigeführte) ökonomische Krisen und "Reinigungsprozesse" manchmal weit mehr Meswnchen sterben, als durch Kriege.