Samstag, 30. Juni 2012

Die Kindheit von JudenretterInnen


Eva Fogelman (1998) hat im Laufe von 10 Jahren zusammen mit einer Forschungsgruppe mehr als 300 Juden-RetterInnen in diversen Ländern befragt und die Ergebnisse in einem Buch vorgestellt: „Wir waren keine Helden“ Lebensretter im Angesicht des Holocaust. Motive, Geschichten, Hintergründe. Deutscher Taschenbuchverlag, München.  Die Erinnerungen der RetterInnen überprüfte sie in Gesprächen mit jüdischen Menschen, die sie gerettet hatten oder an Hand von Archivmaterial.

Die Retter und Retterinnen waren so unterschiedlich, wie Menschen nur sein können. Fogelmann schreibt, dass diese Männer und Frauen so willkürlich zusammengewürfelt erschienen, wie die Fahrgäste in der U-Bahn. (vgl. S. 247) Auch das Geschlecht spielte keine Rolle. „Beide Geschlechter waren für die ausweglose Lage der jüdischen Bevölkerung emotional empfänglich. Beide kamen den Opfern zu Hilfe, weil sie sich in ihrem Gerechtigkeitsgefühl verletzt sahen.“ (S. 242) Allerdings waren Frauen vor allem an der Rettung von Kindern beteiligt, weil sie als Frauen im Umgang mit Kindern weniger auffielen oder als „alleinerziehende Mutter“ ein jüdisches Kind aufnahmen (ein alleinerziehender Vater wäre damals aufgefallen). 

Allerdings hatten alle RetterInnen sehr ausgeprägte humanistische Wertvorstellungen. Die Kindheit übte dabei einen entscheidenden Einfluss auf diese Einstellungen aus. „Motor des Handelns waren die inneren Werte, die die RetterInnen schon frühzeitig in ihrer Kindheit ausgebildet haben. Entsprechende Kindheitserfahrungen und –erinnerungen ziehen sich wie ein Leitmotiv durch die Geschichten der meisten RetterInnen. Nach vielen Gesprächen mit RetterInnen wunderte es mich kaum mehr, wenn folgende prägenden Faktoren in ihrer Kindheit eine Rolle spielten: ein behütetes, liebevolles Elternhaus; ein altruistischer Elternteil oder ein liebes Kindermädchen, das als Vorbild für altruistisches Verhalten diente; Toleranz gegenüber Menschen, die anders sind; eine schwere Krankheit während der Kindheit oder der Verlust einer nahestehenden Person, wodurch die eigene Widerstandskraft auf die Probe gestellt und besondere Hilfe nötig wurde; eine verständnisvolle und fürsorgliche Erziehung zu Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Disziplin, die nicht mit körperlichen Strafen und Liebesentzug operierte.
Selbstverständlich haben nicht alle RetterInnen solche Erfahrungen gemacht, aber die meisten. Auch sind die genannten Faktoren allein kein hinreichender Grund, um ZuschauerInnen zu RetterInnen zu verwandeln. Ebenso wichtig war die Stimmigkeit der Umstände, des Zeitpunktes und der Gelegenheit zur Rettung.
Gleichwohl steht für mich nach meinen Gesprächen mit RetterInnen zweifelsfrei fest, dass ihre Fähigkeit, sich dem Rassismus zu widersetzen und mit den Verfolgten zu sympathisieren, auch durch ihe Kindheitserfahrungen und die Werte, die ihnen in dieser Zeit eingeschärft wurden, bedingt ist
.“ (S. 247 + 248)

Fogelman ergänzt, dass viele RetterInnen sich als Kind nicht nur geliebt, sondern auch beschützt fühlten; dass die Eltern argumentierten, anstatt zu drohen; dass die Eltern sich mit ihren Kindern darüber auseinandersetzten, was unter akzeptablen Verhalten zu verstehen ist und klare Regeln festlegten; dass die Eltern sie in ihren Interessen gefördert hatten und für Begabungen Lob aussprachen. Viele RetterInnen wurden als Kinder nicht nur dazu ermutigt, anderen zu helfen, es wurde von ihnen erwartet.  Bei 89 Prozent der RetterInnen fungierte zudem mindestens ein Elternteil oder eine andere erwachsene Person als altruistisches Rollenvorbild, dass den Lehren auch Taten verlieh. Empathie mit den Juden und deren ausweglosen Situation war ein entscheidender Bestandteil rettenden Verhaltens. Die meisten RetterInnen waren lebensbejahende Menschen, trotz auch häufig eigenen schmerzlichen Erfahrungen, wie z.B.  Trennung von einem Elternteil, Tod eines Familienmitgliedes, eigene schwere Krankheit während der Kindheit. Dabei fällt auf, dass den meisten offensichtlich während dieser schmerzhaften Zeit mindestens eine nahestehende Person mit Trost , Ermutigung und Hilfe zur Seite stand. (vgl. S. 248-263) “RetterInnen waren Menschen, die als Kind eine Bezugsperson hatten – ein Elternteil, ein Großelternteil, ein Kindermädchen, einen Bruder oder eine Schwester – die jedesmal rettend eingriff, wenn die Ereignisse sie zu überwältigen drohten. Diese Erfahrung vergaßen sie nie. Die Verfolgung der jüdischen Menschen durch Hitler gab ihnen Gelegenheit, ihrerseits Hilfe zu leisten.“ (S. 264)

Die Autorin weist auch auf kleinere Studien hin, die zu ähnlichen Ergebnissen kamen. Der Psychoanalytiker David Levy verglich 21 Nazigegner mit passiven Zuschauern und fand dabei heraus, dass die Widerstandskämpfer aus einem weniger rigidem, vergleichsweise liebevolleren Elternhaus stammten und in ihrer Akzeptanz anderen Menschen gegenüber gefördert worden waren. Eine liebevolle Mutter und väterliche Disziplin ohne Strenge hatten großen Einfluss gehabt. Die Psychologin Frances Grossmann deckte in einer Untersuchung über neun Juden-RetterInnen dasselbe Muster in der Kindheit auf. (vgl. S. 249+250)

Als Deutscher und zudem Enkel der Kriegsgeneration ist die Frage nach den Ursachen der NS-Herrschaft etwas, das mich stets beschäftigt hat. Die Studie von Eva Fogelman macht das Bild für mich rund. Das vorliegende Wissen über die Kindheit von Adolf Hitler und die Kindheit der Deutschen um 1900 (siehe z.B. hier und hier), ergänzt um das Wissen der Kindheit der JudenretterInnen oder auch der Geschwister Scholl  lässt nur einen Schluss zu: Die NS-Zeit wäre so nicht möglich gewesen, wenn eine breite Mehrheit als Kind liebevolle und kaum oder keine Gewalterfahrungen gemacht hätte. Und da heute bereits eine Mehrheit der jungen Deutschen ohne Gewalt aufwächst und auch immer liebevoller erzogen zu werden scheint, lässt dies auch den Schluss zu, dass eine solche kollektive Grausamkeit, wie sie im Ersten und auch Zweiten Weltkrieg zu Tage trat,  in diesem Land nicht wieder möglich sein wird. Für mich ist das große „Rätsel“ um die Ursachen der beiden Weltkriege gelöst.
Gewaltfreie Erziehung fördert den aufrechten Gang“ ist ein Satz, den der Kriminologe Christian Pfeiffer oft verwendet, wenn er die Studien über die JudenretterInnen zitiert. Ein schöner und wahrer Satz, der heute immer mehr verstanden wird. 

(Fogelman war übrigens einst Mitarbeiterin von Stanley Milgram, der das berühmte Milgram-Experiment durchgeführt hat. Letzterer wollte dadurch beweisen, wie ganz normale Menschen unter bestimmten Rahmenbedingumngen zu Grausamkeiten fähig sind. Milgram hat meines Wissens nach allerdings versäumt, die ("ganz normalen") Kindheiten seiner Versuchsteilnehmer mit einzubeziehen. Seine Schülerin hat mit ihrer Untersuchung das Milgram-Experiment quasi umgedreht und ist zu klaren Erkenntnissen gekommen.) 

Donnerstag, 28. Juni 2012

Adolf Eichmann - Eine ganz "normale" deutsche Kindheit

"Ich werde, wenn es sein muss, lachend in die Grube springen, denn das Bewusstsein, fünf Millionen Juden auf dem Gewissen zu haben, verleiht mir ein Gefühl großer Zufriedenheit."
(Adolf Eichmann zitiert nach Guido Knopp (1998):  Hitlers Helfer. Täter und Vollstrecker. S. 23; Anmerkungen: So handeln und sprechen nur Menschen, die wie "Untote" sind, emotional tot, körperlich am Leben.)


Mit Adolf Eichmann habe ich mich bisher nicht wirklich viel befasst. Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen.“ ist ja ein Klassiker, der mich allerdings bisher wenig zum Lesen reizte, weil die eigentlichen Ursachen des „Bösen“ – so viel ich über das Buch gelesen habe – nicht besprochen werden. 

Manchmal liegen die Erkenntnisse nur zwei, drei Suchbegriffe im Internet entfernt…. So stieß ich zu meiner großen Überraschung zunächst auf ein Worddokument einer auf den ersten Blick nicht seriös wirkenden Homepage mit englischer Webadresse. Eichmanns Memoiren wurden dort veröffentlicht. Als ich den ersten Teil über seine Kindheit und Jugend gelesen hatte, dachte ich zunächst, dass sich da wohl ein Alice Miller oder Arno Gruen Kenner einen Scherz erlaubt und eine Fälschung ins Netz gestellt hatte, um Eichmann selbst von den tieferen Ursachen sprechen zu lassen, die die NS Zeit ermöglichten. Eigentlich eine gute Idee, die bestimmt Aufmerksamkeit erzeugt, dachte ich. 

Ich irrte mich mit meinem ersten Eindruck. Denn der Text ist echt und wurde einst von der „Welt“ ("Ein Leben, bestimmt durch Befehle", 12.08.1999) veröffentlicht. Bereits der Anfangsteil seiner Erinnerungen macht deutlich, warum Eichmann zu dem werden konnte, was er war:

"Irgend etwas aber muß es doch gewesen sein, daß es meinen seligen Vater schon in meiner frühesten Jugend dazu bewogen haben muß, trotz liebevollster Zuneigung und Freude an mir, gerade mich besonders streng zu erziehen, eine Strenge, wie sie meine Geschwister nie in diesem Umfange zu verspüren bekommen hatten. Und dabei soll ich keinesfalls etwa ein schwer erziehbares Kind gewesen sein, sondern das gerade Gegenteil daran; leicht lenkbar und folgsam.
Von der Kinderstube angefangen also, war bei mir der Gehorsam etwas Unumstößliches, etwas nicht "ausderweltzuschaffendes". Als ich dann später, sehr viel später, genau 27 Jahre später, ich meine nach meiner Geburt, zur Truppe kam, fiel mir das Gehorchen nun keinen Deut schwerer als das Gehorchen in der Kinderstube, als das Gehorchen in den zwischen Kinderstube und Truppendienst liegenden Schulausbildungs- und Berufsjahren.
Ich anerkannte meinen Vater als absolute Autorität, ebenso meine leider früh verstorbene Mutter; ich erkannte meine Lehrer und beruflichen Vorgesetzten als Autorität an und ebenso später meine militärischen und dienstlichen Vorgesetzten.
Es wäre denkbar gewesen, daß das berühmte Kamel durch das Nadelöhr geht, aber undenkbar wäre es gewesen, daß ich nicht mir gegebenen Befehlen gehorcht hätte."

Nun ist ja bekannt, dass Eichmann keine Verantwortung für sein Handeln übernehmen wollte und sich als „Opfer“ von Befehlen darstellte. Natürlich war er verantwortlich und ein Täter und natürlich wusste und wollte er, was er tat. Aber, man sollte seine eigenen Erklärungen trotzdem ernst nehmen. Sein Vater war, nachdem was wir hier lesen, eine klassische autoritäre Persönlichkeit, die unbedingten Gehorsam durchsetzte. Anfang des 20. Jahrhunderts bedeutete dies für deutsche Kinder i.d.R. auch Schläge. Eichmann selbst fungierte in seiner Familie wohl als besonderer Blitzableiter, wie er selbst schildert, da seine Geschwister nicht so sehr der Strenge des Vaters ausgesetzt waren, wie er selbst. Seine Mutter verstarb zudem, als er noch ein Kind war. Dies an sich ist bereits traumatisch, kann aber verarbeitet werden, wenn eine Familie zusammenhält und sich gegenseitig Trost spendet. Ein autoritärer Vater wird keine emotionale Stütze für dieses Kind gewesen sein. 

Eichmanns Schilderungen wurden ihm oft als Verteidigungsstrategie ausgelegt. Vieles spricht allerdings dafür, dass er wirklich so fühlte. Er hatte keine Identität, war form- und dehnbar und wäre z.B. in der DDR sicher ein guter Funktionär geworden. Dieser Mann ist geradezu ein Paradebeispiel für einen Menschen, der als Kind keine eigene Identität aufbauen konnte, worüber vor allem Arno Gruen ganze Bücher geschrieben hat (insbesondere „Der Fremde in uns“). Adolf Eichman war „ganz normal“ in dem Sinne, dass die Mehrheit der damaligen Deutschen ebenfalls keine eigene Identität aufbauen konnten, weil ihre Eltern sie schwer angriffen und unterdrückten und dadurch alles Eigene als etwas Fremdes abgespalten werden musste. 

Ich staune immer noch etwas, dass diese Erkenntnisse derart offensichtlich durch Eichmann selbst dargestellt wurden. Und trotzdem bleibt er emotional blind während seiner Ausführungen, betrachtet sich selbst als jemand Fremden, so kommt es mir vor. Was Sinn macht, denn solche Menschen sind im Grunde nie in ihrem Leben und ihrer eigenen Gefühlswelt angekommen. Und der Vater, der einst den Willen des Kindes brach, blieb natürlich idealisiert:  In „liebevollster Zuneigung und Freude an mir“. Keine Wut, keinen Groll, der Vater tat ja alles nur „zum Besten“ des Kindes, das diesen Schmerz nicht fühlen darf und sich unterwirft.

Wie schon gesagt, manchmal liegen die Erkenntnisse nur zwei, drei Googel-Suchbegriffe entfernt.

Samstag, 16. Juni 2012

Kindheit, Trauma und die Stasi


600.000 Menschen wurden vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS oder auch Stasi) im Laufe der Jahre als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) angeworben, um ihr Umfeld zu bespitzeln. 20 von ihnen wurden für eine umfassende psychoanalytische Untersuchung befragt: Kerz-Rühling, Ingrid / Plänkers, Thomas 2004: Verräter oder Verführte. Eine psychoanalytische Untersuchung Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Christoph Links Verlag, Berlin. 

Die Ergebnisse sind also alles andere als repräsentativ. Aber sie gehen bzgl. dieser 20 Personen sehr in die Tiefe, denn ganze fünf Psychoanalytiker haben eine Gesamtbewertung der untersuchten Personen zusammengestellt. Als explorative Studie und gedankliche Anregung ist dieses Buch sicher erwähnenswert. 

Die Befragten wurden bzgl. ihrer Anwerbung als IM grob in vier Gruppen unterteilt: Die Bestochenen, die Erpressten, die überzeugten Sozialisten und die Getäuschten. Alleine diese Kategorien zeigen, dass der Prozess der Anwerbung sehr unterschiedlich verlaufen konnte und sich insofern auch die inneren Motive unterscheiden. 

Die Autoren leiten dann über zu den „unbewussten und bewussten Motiven für die Zusammenarbeit mit der Stasi“. Die für mich am Interessantesten stelle ich kurz vor: 

Bei 12 der 20 Befragten „waren frühe Trennungserfahrungen, Mangel an Fürsorge und das daraus resultierende starke Bedürfnis nach Sicherheit und Halt gewährenden Beziehungen für die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem MfS ausschlaggeben. In mehreren Fällen handelte es sich um zerbrochene Familien. (…) Die späteren IM vermissten elterliche Fürsorge und Unterstützung, fühlten sich teilweise abgelehnt und allein gelassen. (…) Die Beziehung zu den Führungsoffizieren bot diesen Menschen vorübergehend Sicherheit und Zuwendung. Insbesondere den IM, die als Kinder Liebe vermisst hatten, gab das Angesprochenwerden durch die Stasi das Gefühl, gebraucht und geschätzt zu werden. (…) An die Stelle des geflüchteten, verhafteten oder ablehnenden Vater trat in der Person des Führungsoffiziers ein scheinbar einfühlsamer, hilfsbereiter, auf die Bedürfnisse eingehender Ersatzvater.“ (S. 128 + 129) Auch ein weiteres Motiv wird sicherlich auch im Zusammenhang mit mangelnder elterlicher Fürsorge stehen: „Ausgleich narzisstischer Defizite“. 8 der 20 Befragten ließen sich anwerben, „um auf diese Weise ihr geringes Selbstwertgefühl zu verbessern. Sie fühlten sich durch die Mitarbeit in der Stasi wichtig genommen.“ (S.129)
7 der 20 Befragten bot die Mitarbeit außerdem die Möglichkeit, „auf diese Weise ihre Rivalität und Neidgefühle gegenüber Kollegen und Nachbarn auszuleben und Rache an Ehepartnern, Eltern oder Bekannten zu nehmen.“ (S. 130) Weitere Motive wurden wie folgt unterschieden: „Wiedergutmachung eigener oder elterlicher Verfehlungen“, „Partizipationan der Macht und Lust am Doppelleben, „Angst vor Strafmaßnahmen“ und „Erwartung von Belohnung für die Zusammenarbeit“

Bzgl. der Beurteilung von den Persönlichkeitsstrukturen kommen die Autoren zu dem Schluss, dass das „psychische Niveau, auf dem die von uns untersuchten IM Beziehungen zu ihren Mitmenschen und im Gespräch zum Interviewer eingehen“ in nur vier Fällen als „reif“ bzw. “erwachsen“ beurteilt werden kann. (S.137) Bei der Hälfte der Befragten fanden die Analytiker außerdem deutliche psychische Traumatisierungen, bei drei weiteren Befragten wurde diese Diagnose vermutet, es fehlten aber weiterführende Informationen. (S.138) Bzgl. der hier relevanten Folgen von Traumatisierungen schreiben sie u.a.: „ Die Fähigkeit, selbstbewusst und kritisch nachdenkend sich der Außenwelt gegenüber verhalten zu können, ist dann in der Regel sehr eingeschränkt, da eine erhöhte Abhängigkeit von anderen Menschen infolge des Traumas besteht. Diese psychische Notlage eines Menschen konnte die Stasi wiederum für ihre eigenen Zwecke ausnutzen.“ (S. 138) 

Zwei Befragte und ihre Kindheit werden am Ende des Buches auch ausführlich vorgestellt. „Frau Quindt“ ist mehrfach schwer traumatisiert worden: Sexueller Missbrauch durch den Stiefvater, schwere Misshandlungen, mangelnde Fürsorge, Trennungserfahrungen, Verlust der Eltern, Heimaufenthalte, sieben Jahre Haftanstalten- und Psychiatrieaufenthalte.
„Herr Voss“ hatte eine weitaus weniger belastete Biografie, aber auch bei ihm zeigte sich deutlich der Einfluss von Kindheitserfahrungen. Beide Eltern haben sehr viel gearbeitet und sich wesentlich über ihre Leistung definiert. Seinen Vater beschreibt er als 90 Prozent friedlich, aber in Affektsituationen konnte dieser sich kaum bremsen, „rastete aus“, tolerierte vor allem keine Faulheit und Schwächen. „(…) innerhalb von drei Sekunden konnte der wie eine Rakete hochgehen, und davor hatte ich schon Angst, auf jeden Fall (…)“ (S.208)   Mit zwölf Jahren verließ Herr Voss die Familie und ging auf ein Internat und Sportschule, das ganze ohne Trennungsschwierigkeiten und Heimweh. Auch dort stand er unter enormen Leistungsdruck, musste neben den regulären Schulstunden ca.35 Stunden sportliches Training absolvieren. Nach Ende der Studienzeit hielt er die Belastungen nicht mehr aus, bekam Alkoholprobleme und depressive Verstimmungen (inkl. Selbstmordgedanken).
Es ist nur logisch und nachvollziehbar, dass Menschen mit solchen Vorgeschichten besonders anfällig für eine Anwerbung durch die Stasi waren bzw. wenig Ressourcen mitbrachten, um sich effektiv der Anwerbung zu entziehen. 

In ihrer Besprechung und Zusammenfassung schreiben die Autoren u.a.“Um Eigenständigkeit und Selbstvertrauen zu entwickeln, ist es notwendig, sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft Geborgenheit und Anerkennung zu erleben und zu autonomen Handeln ermutig zu werden.“ (S. 232)
Dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen. 

Interessant wäre es zusätzlich gewesen, 20 oder mehr Personen zu untersuchen, die sich der Stasi Mitarbeit verweigert und zusätzlich ggf. aktiv für Demokratie und Menschenrechte eingetreten sind. Wie sah deren Kindheit und Sozialisation aus?

Montag, 11. Juni 2012

Kindesmisshandlung: Mütter als Täterinnen

Einleitend ein Betroffenenbericht von „Mona“:
Das Gesicht meiner Mutter ist ganz nah. ‚Du weinst doch nicht?‘ Sie schlägt meinen Kopf auf den Boden und wiederholt freundlich: ‚Du weinst doch nicht, oder?‘ Es ging ihr nicht darum, mir das Weinen zu verbieten. Sie wollte, dass ich Schmerzen litt und nicht mehr wusste, dass es mir weh tat. Ich sollte lachen, während sie mich quälte. Ich sollte verrückt werden. Das ist ein Stück aus dem Alltag mit meiner grossen Feindin, meiner Mutter. Das ist Teil der sexuellen Ausbeutung. Vor niemandem hatte ich so maßlose Angst wie vor meiner Mutter. Sie kannte mich viel besser. Sie besaß mehr Druckmittel. Sie konnte viel weiter gehen. Sie gab mir zu essen oder verweigerte es mir. Sie wusch mich oder tauchte mir den Kopf ins Wasser. Sie brachte mich ins Bett oder sperrte mich aus der Wohnung. Darüber hinaus war sie den ganzen Tag mit mir allein. Sie konnte mich schlagen, mir Brandwunden zufügen, mich in den Schrank sperren, mich zwingen, stundenlang still zu stehen, und sie konnte mich jederzeit berühren. Sie hatte Zeit. Sie hatte Zeit, zu warten bis meine Kraft nachliess; Zeit ihre Drohungen auszukosten. Ich fühlte mich wie ein Tier auf dem Sprung. Der Tag war eine graue Masse: warten auf den Mittag, warten auf den Abend, warten auf den Morgen, warten bis jemand hereinkam, dann war ich sicher.“ (Bundesverein zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen e.V., 2/2004, S. 9)

Mir fiel in der Vergangenheit immer wieder auf, dass viele Menschen keine realistische Vorstellung davon haben, in wie weit Frauen (bzw. vor allem Mütter/Stiefmütter) an der Misshandlung von Kindern beteiligt sind und auch historisch waren. Erst kürzlich bekam ich nach einer Onlinediskussion die Einschätzung präsentiert, dass das Zahlenverhältnis ca. 10:1 männliche gegenüber weiblichen TäterInnen bei Kindesmisshandlung sei.  Auch im Internet findet man recht wenig zum Thema. Wenn man entsprechende Suchbegriffe eingibt, erhält man i.d.R. Infotexte über weibliche Täterschaft bei sexuellem Missbrauch (was derzeit immer mehr von öffentlichem Interesse zu werden scheint) oder Texte mit stark ideologischem Hintergrund (vor allem aus der radikalen Männerbewegung). Klassisch sind auch sachliche Kommentare wie der vom Schriftsteller Bruno Preisendörfer. Er schrieb einen Artikel über erzieherische Gewalt und kam auch auf das Bürgerliche Gesetzbuch zu sprechen, in dem im Jahr 1896 noch im § 1631 stand: "Kraft Erziehungsrechts darf der Vater angemessene Zuchtmittel gegen das Kind anwenden." Preisendörfer kommentiert: „Der Vater, nicht die Mutter! Der Mutter war es beschieden, die Kinder zur Brust zu nehmen und ihnen ins Gewissen zu reden, den Gürtel von der Hose schnallen konnte und durfte nur der Vater. Zeitlich ziemlich genau in der Mitte zwischen dieser Festschreibung des väterlichen Züchtigungsrechtes 1896 und der Festschreibung des kindlichen Rechts auf gewaltfreie Erziehung im Jahr 2000 hatte das väterliche Züchtigungsrecht wegen der mütterlichen Gleichberechtigung seine Exklusivität eingebüßt. Das Gleichstellungsgesetz vom Juli 1958 drückte auch den Müttern den Stock in die Hand. Doch blieben die meisten von ihnen bei der nachhaltigeren Methode des Liebesentzugs. Erst wenn das nicht fruchtete, behalfen sich die Mütter mit der Androhung der Strafe, die dann der Vater zu vollstrecken hatte. "Warte nur, bis Papa nach Hause kommt" - wer aus meiner Generation kann von sich behaupten, dies nie aus dem Mund der Mutter gehört zu haben.“ (LE MONDE diplomatique, 09.04.2010)
Dass Väter rechtlich und von der patriarchalen Sitte her in der Geschichte die Machthaber in den Familien waren, ist unbestritten. Doch aus diesem Recht und dieser Macht kann man nicht ableiten, dass Frauen bzw. Mütter keine oder sehr viel weniger Gewalt gegen ihre Kinder ausübten oder gar erst damit angefangen haben, nachdem sie rechtlich einigermaßen  gleichgestellt wurden. Der Autor irrt komplett mit seiner Einschätzung.  Die Sozialwissenschaftlerin Claudia Heyne hat ein ganzes Buch zum Thema Täterinnen geschrieben. Nach ihren Recherchen schwanken in der Literatur die Zahlen über den Anteil der Täterinnen bei der körperlichen Kindesmisshandlung zwischen 40 % und 70 %. (vgl. Heyne, 1993, S. 257) Unten im Text werde ich Studien vorstellen, die ich zum Thema gefunden habe. Mütter verfügten stets über Macht gegenüber ihrem Kind, auch wenn der Vater ihnen historisch vorgestellt war, einfach weil das Machtverhältnis hier lautet: Erwachsener-Kind. 

Interessant ist in diesem Kontext auch eine aktuelle UNICEF Kampagne zum Thema Gewalt gegen Kinder. Eine Werbeagentur hat für UNICEF ein 49 Sekunden langes Video gedreht. Zu sehen ist ein Junge in seinem Kinderzimmer, der sich eilig aus Pappe einen "Schutzmantel" bastelt. Nachdem ein Geräusch an der Tür zu hören ist, ist Angst in den Augen des Jungen zu sehen und der Schutzmantel verwandelt sich in eine echt aussehende Kommode. Mit Druck wird die Tür aufgerissen und herein kommt der Vater, der offensichtlich seinen Sohn verprügeln möchte und diesen nicht findet. Man schaue sich das selbe Video an und stelle sich vor, dass an Stelle des Vaters die Mutter hereinkommen würde. Die Wirkung des Videos wäre vermutlich nicht die selbe, weil wir kulturell vermittelt gar nicht auf ihre Täterrolle gegenüber Kindern vorbereitet sind.

Aktueller Auslöser für einen Beitrag in diese Richtung waren bei mir zusätzlich auch zwei Dinge: Erstens das Buch „20 Europäische Diktatoren“ von Johann Benos, in dem der Autor allen untersuchten Diktatoren eine besonders liebevolle Mutter unterstellt, worauf ich bereits in einem Beitrag ingegangen bin. Alleine schon die Zahlen über das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder und das Wissen um den Anteil an weiblichen Täterinnen hätten hier beim Autor Zweifel aufkommen lassen müssen, ob diese seine Einschätzung denn nun gerade auf besonders kaltblütige Männer zutreffen könnte. Zweitens der kürzlich erschienene erschütternde Welt-Artikel "Als Frau in Afghanistan lernst du, dich zu hassen" (05.06.2012), in dem ein Mädchen beschrieben wird, dass vom eigenen Bruder an eine andere Familie verkauft und dort schwer gefoltert wurde, nachdem sie sich geweigert hatte, sich zu prostituieren. Ein Onkel ruft schließlich die Polizei. Während man sie im Rollstuhl ins Krankenhaus bringt, wollen die Polizisten wissen, wer sie so zugerichtet habe. „Sahar antwortet mit schwacher Stimme: "Mein Schwiegervater, meine Schwiegermutter, meine Schwägerin, mein Schwager und mein Ehemann." „ Auch die Schwiegermutter und Schwägerin hatten sich direkt an den Folterungen beteiligt, ohne jegliche Skrupel. Insofern leite ich an dieser Stelle gleich über zur Beleuchtung des Ausmaßes weiblicher Täterschaft bei Kindesmisshandlung: 

Eine Studie, für die 287 Schulkinder aus Kabul (Afghanistan) befragt wurden, ergab, dass 41,6% der Kinder von ihrem Vater geschlagen werden und 59,9% berichteten, von ihrer Mutter geschlagen zu werden. (vgl. Bette, 2006, S. 54)

Eine repräsentative Studie aus Indien (siehe auch ausführliche Besprechung hier) kam zu dem Ergebnis, dass 50.9% der gewaltbetroffenen Kinder körperliche Gewalt durch ihre Mutter erfahren haben, 37,6 % erlebten Gewalt durch den Vater. (Ministry of Women and Child Development. Government of India, 2007, S. 49)

 „Save the Children Sweden“ hat eine vergleichende Studie bzgl. der Gewalterfahrungen von Kindern für den Pazifik und südostasiatischen Raum durchgeführt. In Fidschi wurden Mütter 2 Prozentpunkte öfter als Täterinnen genannt, wie Väter. In Kambodscha wurden die Mütter 6 Prozentpunkte öfter als Täterninnen genannt. Ein sehr hohes Ausmaß an mütterlicher Gewalt wurde in Vietnam festgestellt.  62 % der befragten 298 vietnamesischen Kinder berichteten, dass die Gewalt von der Mutter ausging, 38 % ging vom Vater aus. Die vietnamesischen Mütter benutzten beim Strafen 4 Prozentpunkte öfter einen Stock als die Väter und griffen ihre Kinder zudem doppelt so oft verbal an.. Die Daten aus der Mongolei zeigten, dass 40 % der Ohrfeigen durch Mütter ausgeteilt wurden, 27 % durch Väter; Schläge mit der Faust gingen ebenfalls in 40 % der Fälle von Müttern aus, in 32 % von Vätern; Misshandlungen/Tritte gingen jeweils zu 31 % von den Müttern und zu 25 % von den Vätern aus. (vgl. Save the Children Sweden, 2005, S. 143-146)

Im Rahmen einer repräsentative Studie in Guatemala gaben 28 % der Mütter zu, ihre Kinder körperlich zu züchtigen, Väter räumten dies zu 21,8 % ein. 26,1 % der Mütter gaben außerdem Misshandlungen zu, dagegen 20,3 % der Väter. (vgl. Speizer , Goodwin , Samandari , Kim , Clyde, 2008, S. 254; siehe auch Besprechung der Studie hier

Ein Studie aus Tansania ergab ein ausgeglichenes Bild: 36,9 %  der befragten weiblichen Kinder und Jugendlichen erlebten körperliche Gewalt durch den Vater, 49,3 % durch die Mutter; fast genau umgedreht sieht es bei den männlichen Befragten aus: 50,9 % gaben den Vater als Täter an, 36 % die Mutter. (vgl. United Republic of Tanzania, 2011, S. 21)

Bei einer Befragung von jungen Frauen in Kenia, Uganda und Äthiopien kam bzgl. diverser körperlicher Übergriffe heraus, dass Mütter/Stiefmütter häufig als Täterinnen genannt wurden. Z.B. erlebten Schläge mit einem Gegenstand in Kenia 23,5 % durch die Mutter / 13,3 % durch den Vater; in Uganda 42,9 %  durch die Mutter (+ 14 % durch die Stiefmutter), und in 43,4 % durch den Vater; Äthiopien 45,2 % durch Mutter. 39,1 % durch ihren Vater. (vgl. The African Child Policy Forum, 2006, S. 18)

Eine ähnliche Befragung junger Frauen wurde einige Jahre später für weitere afrikanische Länder durchgeführt. Haupttäterinnen bei der körperlichen Gewalt waren die Mütter: Burkina Faso 85 %, Nigeria 60 %, Cameroon 71 %, DRC 70 %, Senegal 70 %; gefolgt von Vätern: Burkina Faso 61 %, Nigeria 45 %, Cameroon 64 %, DRC 45 %, Senegal 58 %. (vgl. The African Child Policy Forum, 2010, S. 9+10)

Wetzels (1997, S. 37) bespricht die sogenannte Studie „Family Violence Survey“ aus dem Jahr 1975, die repräsentativ in den USA durch geführt wurde. 67,8 % der befragten Mütter und 57,9 % der Väter gaben an, körperliche Gewalt  innerhalb von 12 Monate vor der Befragung gegen ihr Kind /ihre Kinder angewandt zu haben. Schwere Gewalt gaben 4,4 % der Mütter und 2,7 % der Väter zu. 17,7 % der Mütter und 10,1 % der Väter schlugen ihre Kinder mit einem Gegenstand. 

In den USA bestätigt sogar das Hellfeld (vgl. CPS Report 2003 zit. nach Child Welfare Information Gateway, 2006 ), dass Mütter öfter als Täterinnen in Erscheinung treten. Väter waren in 36,8 % der gemeldeten Fälle von Kindesmisshandlung beteiligt, Mütter dagegen zu 64 % (nur beim sexuellen Missbrauch sind die Väter in den meisten Fällen die Täter)
Auch bei der Kindestötung traten Mütter in den USA häufig als Täterinnen in Erscheinung. 78 % aller Kindestötungen in den USA wurden 2003 durch die leiblichen Eltern verübt; dabei 39 % durch Mütter (entweder alleine oder zusammen mit einem nicht-leiblichen Elternteil), 19 % durch Väter (
entweder alleine oder zusammen mit einem nicht-leiblichen Elternteil) und 20 % durch beide Elternteile. (vgl. Finkelhor / Douglas, 2005)

Auch kleiner Studien mit speziellen Fragestellungen ergeben ein deutliches Bild zulasten von Müttern. Für eine qualitative Untersuchung (Mantell, 1978) wurde u.a . die Kindheit und Familienstruktur von 25 Kriegsfreiwilligen (für den Vietnamkrieg) der US-Spezialeinheit Green Berets analysiert.
21 (84 %) berichteten über körperliche Strafen seitens der Väter und 23 (92 %) über Körperstrafen seitens der Mutter. (vgl. S. 400) Diese Oberflächendaten ergeben erst einmal kaum Unterschiede. Schaut man aber in die Tiefe, kristallisieren sich signifikante Unterschiede bzgl. der Häufigkeit des Gewalthandelns heraus. 32 % berichteten, dass sie einmal in der Woche bis zweimal im Monat von ihren Vätern geschlagen wurden. Die Mehrzahl gab hingegen  an, dass ihre Väter sie entweder zwei- bis dreimal im Jahr oder überhaupt nur zwei- bis dreimal geschlagen hatten. (vgl. S. 51) Die Mehrzahl der Väter (72 %) verwendete dabei auch Gegenstände wie Gürtel, Stöcke und Peitschen; fast die Hälfte fuhr mit den Schlägen dort, wenn ihre Söhne anfingen zu weinen, drei Väter verstärkten dann sogar die Schläge. (S. 52)
Die Mütter wandten dagegen weit aus häufiger Gewalt an. Mehr als zwei Drittel schlug ihre Söhne einmal im Monat oder öfter, bis weit in ihre frühe Adoleszenz hinein. (vgl. S. 72) 68 % der Mütter verwendeten (ähnlich viele wie die Väter) dabei Gegenstände wie Gürtel, Stöcke, Peitschen und Riemen. 32 % nahmen, wenn sie wütend waren, irgendwelche Gegenstände, die ihnen in die Hand kam. Die Mehrzahl der Mütter fuhr fort ihre Söhne zu schlagen, wenn diese ihren Schmerz zeigten.


In Deutschland zeigt sich aktuell folgendes Bild. Im „Datenreport zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik Deutschland“ aus dem Jahr 2005 steht: „Die meisten Studien der Familiengewaltforschung kommen zu dem Ergebnis, dass Mütter in gleich hohem oder höherem wie Väter Ausmaß elterliche körperliche Gewalt gegenüber ihren Kindern ausüben. Auch eine geschlechtsspezifische Auswertung von Bussmann (2002) zeigt für Deutschland ein durchweg leicht höheres Sanktionsniveau auf Seiten der Mütter auf; bei schwereren Gewaltformen gleichen sich die Erziehungsstile zwischen den Geschlechtern allerdings an.“  (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2005, S. 656)
Eine Einzelstudie möchte ich dabei vorstellen. Die Daten von 44.610 Jugendlichen wurden im Rahmen eines KFN-Forschungsprojektes ausgewertet. (vgl. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachen, 2009, S. 53) 46,2 % gaben an, körperliche Gewalt durch den Vater erlebt zu haben; 46,3 % durch die Mutter. Die Väter griffen dabei etwas häufiger zu schweren Gewaltformen, was 10,7 % der Befragten berichteten; Mütter dagegen zu 9,6 %. 

Deutlich als Täterinnen traten auch in früheren Zeiten die Mütter hervor. Anfang der 50er Jahre wurden deutsche Jugendliche nach ihren Erziehungserfahrungen in der Familie befragt (siehe ausführliche Besprechung der Studie hier). Bei 46,2 % der Jugendlichen wurden Strafen (und Strafen waren nach Angaben der Befragten vor allem Körperstrafen) durch die Mutter vollzogen, 33,4 % durch den Vater und bei 13,7 % durch beide Elternteile. (vgl. Pipping, Abshagen, Brauneck, 1954, S. 166)
Der Volkskundler Walter Hävernick hat in den 60er Jahren sowohl junge Menschen , als auch Erwachsene nach ihren Kindheitserfahrungen bzgl. Körperstrafen befragt. (siehe ausführliche Besprechung der Studie hier) Je nach befragter Gruppe betrug der Anteil der Mütter an den Körperstrafen zwischen 60 und 69 %. Hävernick selbst zitiert auch Pipping (1954) (siehe oben) und rundet den Anteil der Mütter als Strafende auf ca. 60 % ab. Er erwähnt auch, dass Mütter den Rohrstock genauso oft benutzten, wie die Väter und er keine im Verhältnis zum Vater milderen Straffformen beim weiblichen Geschlecht erkennen konnte. (vgl. Hävernick, 1970, S. 100+101)

Auch der Blick in die Geschichte zeigt, dass Frauen im erheblichen Umfang Kinder als „Giftcontainer“ für ihre Gefühle benutzten. DeMause hat darauf hingewiesen, dass bis zur Moderne vor allem Frauen (als Mütter, Großmütter, Tanten, Ammen, weibliche Dienerschaft, Hebammen usw.) für Kinder verantwortlich waren und Männer beim Heranziehen der Kinder meist gar keine Rolle spielten. Der Psychohistoriker zeigt an Hand einer Fülle von Beispielen auf, wie Frauen in der Geschichte routinemäßig ihre Kinder getötet, vernachlässigt, missbraucht und misshandelt haben. Diese Gewalt gegen die Kinder stand wiederum im engen Verhältnis zu eigenen, erheblichen Gewalterfahrungen der Frauen. (vgl. deMause, 2005, S.212-255)

Abschließend möchte ich noch auf einen Punkt hinweisen, der schon kurz in der Einleitung in einem Zitat von Bruno Preisendörfer angerissen wurde. „ "Warte nur, bis Papa nach Hause kommt" - wer aus meiner Generation kann von sich behaupten, dies nie aus dem Mund der Mutter gehört zu haben.“, schreibt der Autor. Dieser Satz ist nach meinem Empfinden quasi Sprachallgemeingut in Deutschland und jeder weiß auch heute noch, was damit gemeint ist. Bei amazon fand ich sogar ein Kinder-T-Shirt, das mit dem genannten Satz als Aufdruck versehen ist und dort zum Verkauf steht... 
Ingrid Müller-Münch (2012) hat für ihr Buch „Die geprügelte Generation“ ein Interview mit dem Autor Tilmann Röhring über dessen Kindheit geführt (siehe Kapitel 6). An einer Stelle sagte Röhring: „Ich kam aus der Schule. Und die Stiefmutter sagte, heute Abend bekommst du Prügel. Ich hatte gar nichts gemacht. Also fragte  ich, wieso, warum, um Himmelswillen? Damit du nicht über die Stränge schlägst, wurde mir erklärt. Können sie sich ein Kind vorstellen, was den ganzen Nachmittag zittert? Und dann kommt der Vater nach Hause. Man empfängt ihn draußen an der Garage. Er ist fröhlich, lacht und streichelt einen vielleicht sogar, geht ins Haus und eine halbe Stunde später wird man reingerufen, und man kriegt eine Tracht Prügel. Also, das ist furchtbar.“ Tilman Röhring wurde vom Vater mit einer Reitpeitsche durchgeprügelt und übrigens nicht nur auf Anweisung der Stiefmutter geschlagen, sondern zusätzlich auch aus eigenem Antrieb des Vaters. Diese Szene zeigt allerdings überdeutlich das ganze Grauen, dass diese angekündigte, delegierte „Züchtigung“ beim Kind auslöste. Den Schlägen ging die seelische Folter voran, stundenlang musste das Kind in dem Wissen leben, dass es abends Schläge erhalten würde. Diese Stiefmutter wäre in einer quantitativen Studienbefragung ziemlich sicher als „nicht-misshandelnder Elterneteil“ eingestuft worden. Dass sie die Gewalt delegierte und somit der „Auftragsschläger“ war, wäre nicht zur Sprache gekommen. Die Frage ist nur, wie viele Frauen früher (oder auch noch heute) körperliche Gewalt an den Vater delegierten?
Übrigens hat Müller-Münch im Kommentarbereich auf ihrer Homepage eine Umfrage eingerichtet, die die BesucherInnen nach den TäterInnen befragt. 629 BesucherInnen gaben als Täterin die eigene Mutter an, 555 BesucherInnen nannten den Vater als Täter. (Stand 09.06.2012) Auch hier wird das Bild bestätigt, dass ich in diesem Text ausgemalt habe.
 
Die gezeigten Daten und Fakten sind Realität und zeigen ein hohes Ausmaß von körperlicher Gewalt durch Mütter gegenüber ihren Kindern. Oft werden diese Zahlen dahingehend kommentiert, dass Frauen ja auch mehr Erziehungsaufgaben übernehmen würden und daher so häufig als Täterinnen in Erscheinung treten. Im Umkehrschluss wird damit quasi unterstellt, dass Väter weit aus häufiger als Täter auftreten würden, wenn sie in gleichem oder sogar in einem höheren Maß Anteil an der Erziehung nehmen würden. Dieser Hinweis übersieht, dass auch Väter jeden Tag die Gelegenheit haben, ihre Kinder zu schlagen (und sei es nur abends und am Wochenende). Und in noch früheren Zeiten waren sie quasi die „Besitzer“ von Frau und Kindern, konnten schalten und wallten wie es ihnen beliebt. Väter hatten historisch jederzeit die Machtmittel und auch Gelegenheit dazu, ebenso zuzuschlagen, wie die Frauen und häufig machten sie davon auch Gebrauch.  Insofern halte ich diese Einwände nicht für weiterführend. Dazu kommt, dass Gewalt gegen Kinder im Grunde wenig bis gar nichts mit Erziehung zu tun hat. Eltern haben die gesamte Geschichte hindurch behauptet, dass die Gewalt gegen Kinder "Erziehung", "Liebe" und "Fürsorge" wäre und nur "zum Besten" des Kindes geschehen würde. Im Kapitel 7 ihre Buches schrieb Müller-Münch (2012): Ich kann mir nicht vorstellen, "dass wir Kinder der 50er und 60er Jahre aus lauter Liebe und Fürsorge derart geschunden wurden. (...) Denn die mit Hilfe von Handfegern, Kochlöffeln, Teppichklopfern, Reitgerten, Peitschen und Rohrstöcken verabreichten Hiebe fühlten sich meiner Erinnerung nach so gar nicht nach Zuwendung und Zuneigung an." Vielmehr wissen wir heute u.a. dank AutorInnen wie Alice Miller, dass Gewalt gegen Kinder vielmehr eine Wiederaufführung eigener Kindheitserlebnisse darstellt. Die Kinder werden als Blitzableiter, "Giftcontainer" und Sündenböcke missbraucht, um sich kurzfristig erleichter und gut zu fühlen, um eigene Ohnmachtserfahrungen an ihnen auszuagieren. Diesen Zweck erfüllten die Kinder in der Geschichte durchgängig für beide Elternteile.
Auch der Hinweis auf Überforderung in der Erziehung, da Frauen diese zum größten Teil leisten, ist nicht erkenntnisgewinnbringend. Hohe Anforderungen und Stress in der Kindererziehung sind ganz normal. Führt dies zu einer derartigen Überforderung, dass Gewalt Anwendung findet, so ist dies letztlich bereits ein Zeichen mangelnder (emotionaler) Reife der Elternfigur und von fehlenden Fähigkeiten, sich Hilfe zu holen. Kürzlich las ich von einem Fall, in dem die Mutter und der Stiefvater - nach eigenen Angaben - aus "Überforderung" ihren sieben Jahre alten Sohn (oftmals auch nackt) über ein Jahr lang (!) in einen Keller gesperrt haben. Der Junge berichtet: "Mama hat mir Essen in den Keller geworfen und gesagt: Sonst verreckt er uns ja." (vgl. sueddeutsche.de, 06.04.2012) Nein, Eltern misshandeln nicht aus Überforderung, sondern auf Grund eigener emotionaler Defizit und vor allem eigenen Gewalterfahrungen.

 
(Abschließend noch der Hinweis, dass Mütter auch in den Bereichen Vernachlässigung, emotionale Gewalt/emotionaler Missbrauch auch sehr häufig beteiligt sind, vermutlich sogar durchaus öfter als Väter.  Vielleicht finde ich irgendwann die Zeit, auch dazu Zahlen zu recherchieren.)

 

Verwendete Quellen:
Bette, J.-P. L. F. (2006): PTBS, häuslicheGewalt und Kinderarbeit - eine Epidemiologische Untersuchung von Schulkindernin Kabul, Afghanistan. Diplomarbeit im Fachbereich Psychologie der Universität Konstanz.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2005
): Datenreport zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik Deutschland

Bundesverein zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen e.V. (Hrsg.), Fachzeitschrift „prävention", 2/2004: Mädchen und Frauen alsTäterinnen

Child Welfare Information Gateway (2006): The Importance of Fathers in the Healthy Development of Children

deMause, Loyd (2005): Das emotionale Leben der Nationen. Drava Verlag, Klagenfurt/Celovec. (siehe entsprechenden Text auch online in englisch)

Finkelhor, David / Douglas, Emily D. 2005: Child Maltreatment Fatalities Fact Sheet. (veröffentlicht für das "Crime against Children Research Center")

Hävernick, Walter (1970): „Schläge“ als Strafe. Ein Bestandteil der heutigen Familiensitte in volkskundlicher Sicht. Museum für Hamburgische Geschichte. Hamburg.

Heyne, Claudia (1993): Täterinnen: offene und verdeckte Aggressionen von Frauen. Kreuz Verlag, Zürich.

Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachen (2009): Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt. Forschungsbericht Nr. 107. Hannover.

LE MONDE diplomatique, 09.04.2010, „Erzieherische Gewalt“ (von  Bruno Preisendörfer)  

Mantell, D. M. (1978): Familie und Aggression. Zur Einübung von Gewalt und Gewaltlosigkeit. Eine empirische Untersuchung. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.

Ministry of Women and Child Development. Government of India (2007): Study on Child Abuse: India 2007.. New Delhi. 

Müller-Münch, Ingrid (2012): Die geprügelte Generation. Cotta`sche Buchhandlung, Stuttgart.

Pipping, Knut / Abshagen, Rudolf / Brauneck, Anne-Eva (1954): Gespräche mit der Deutschen Jugend. Ein Beitrag zum Autoritätsproblem. Helsingfords.

Save the Children Sweden (2005): What children say: Results of comparative researchon the physical and emotional punishment of children in Southeast Asia and thePacifi

Speizer IS, Goodwin MM, Samandari G, Kim SY, Clyde M. (2008): Dimensions of child punishment in two Central American countries: Guatemala and El Salvador. Rev Panam Salud Publica.

sueddeutsche.de, 06.04.2012, "Mama hat mir Essen in den Keller geworfen"

The African Child Policy Forum (2006): Violence Against Girls in Africa: ARetrospective Survey in Ethiopia, Kenya and Uganda. Ethiopia. (Hauptautorin: Joanna Stavropoulos)

The African Child Policy Forum (2010): Childhood scars in Africa: a retrospective study on Violence against girls in Burkina Faso, Cameroon, Democratic Republic of Congo, Nigeria and Senegal.
 
United Republic of Tanzania, (2011): Violence Against Children in Tanzania. Findings from aNational Survey 2009. (Durchgeführt unter der Mithilfe von United Nations Children’s Fund, U.S. Centers for Disease Control and Prevention, Muhimbili University of Health and Allied Sciences)

Welt-Online, 05.06.2012, "Als Frau in Afghanistan lernst du, dich zuhassen"

Wetzels, Peter (1997): Gewalterfahrungen in der Kindheit - Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung und deren langfristige Konsequenzen. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden.

Samstag, 2. Juni 2012

Stephan Harbort: Das Serien-Mörder-Prinzip.


Ich habe kürzlich das Buch „Das Serien-Mörder-Prinzip“ von dem Kriminologen Stephan Harbort (siehe viele Texte zum Thema und Buchbeschreibung auf der Homepage des Autors) gelesen. Der Autor hat intensive Gespräche mit über 50 Serienmördern geführt und daraus 7 Phasen (siehe auch hier und hier) herausgearbeitet, die die Täter durchlaufen, wovon für mich die wichtigste die erste Phase ist: Die Genese. 

Entsprechend habe ich das Buch sehr an meinen Thesen orientiert durchgearbeitet. Auch die emotionale Lage der Täter und ihre Gefühle während der Taten kommen immer wieder zur Sprache. Die Bedeutung von beidem hat Harbort eindeutig erkannt. Allerdings geraten diese beiden Beobachtungen im Gesamtumfang des Buches etwas in den Hintergrund, da der Autor sein 7-Phasen-Serienmörderprinzip darlegen wollte. Ich möchte in diesem Beitrag beides hervorheben: Die Kindheit (Genese) und die emotionale Lage der Täter. Zudem bietet das Buch auch viele mögliche gedankliche Anregungen und Überleitungen bzgl. politischer Massenmörder und Krieg, worauf ich auch eingehen werde. 

Harbort beschreibt an vielen Stellen die Kindheit der Täter. Am ausführlichsten geht er gleich zu Beginn u.a. auf die Kindheit eines Mannes  ein, der mehrere Frauen brutal vergewaltigt und getötet hat. Dieser Mann ist als Kind mehrfach von seinem Onkel brutal vergewaltigt und dabei wohl fast umgebracht worden, da der Onkel ihm  ein Kopfkissen auf das Gesicht drückte, damit niemand etwas hört. Auch der Vater schlug ihn oft, meist auch grundlos, einmal sogar so hart, dass der Sohn bewusstlos wurde und eine Woche ins Krankenhaus musste.  Auch verbal teilte der Vater ordentlich aus. Er missbrauchte zudem sowohl die Mutter als auch die Schwester sexuell, außerdem war er auch nach außen hin brutal, zerstörte z.B. die Windschutzschübe von Autofahrern, die ihn im Verkehr geschnitten hatten mit einer Eisenstange.-O-Ton über den Vater: „Aber wenn er in Rage gerät, wird er unberechenbar und Menschenleben scheinen ihm egal zu sein, auch sein eigenes.“ (S. 48) Die Mutter des Täters scheint ihn – so meine Vermutung - zudem eher als Partnerersatz missbraucht zu haben (sie war „immer ganz nah bei mir“ und der erwachsene Mann sagt immer noch, dass er immer „ihr kleiner Junge“ sein werde.) An einer Stelle sagt der Mann eine zunächst verwirrenden und widersprüchliche Satz bzgl. dem gewalttätigen Vater: „Meine ältere Schwester und meinen jüngeren Bruder behelligte er kaum, weil meine Mutter mich nach meiner Geburt stärker liebte als ihn.“ (S. 47) Wenn man sich diesen Satz durch den Kopf gehen lässt, wird er verständlich. Die Mutter liebte diesen Sohn mehr als ihren eigenen Ehemann, darum wurde gerade dieser Sohn besonders gezielt das Opfer des Vaters. Zudem ist der Satz ein weiteres Indiz dafür, dass die Mutter diesen Sohn besonders eng an sich bannt und – so meine Vermutung – als Partnerersatz missbrauchte. Klassisch ist auch die Widersprüchlichkeit an anderer Stelle gegenüber der Mutter. Er berichtet zunächst über eine enge und gute Beziehung zu ihr und wie toll und stark sie ist usw. Dann sagt er: „Niemand hat sich jemals um meinen seelischen Schmerz gekümmert oder sich die Zeit genommen, um mir zuzuhören. Meine Mutter (…) ist zu subjektiv, um eine wirklich objektive Antwort geben zu können. Mir wurde immer beigebracht, ich solle ein Mann sein, und Männer zeigen keine Gefühle.“ (S. 50+51)
Als junger Mann ging er dann zur US-Armee und wurde dort erneut seelisch gebrochen, zum Hass erzogen und erlebte später auch den Krieg mit. „In der Army wirst du darauf gedrillt, eine perfekte Kampfmaschine zu sein, aber niemand erklärt dir, wie du den Schalter wieder herumwerfen kannst: von „Hölle“ zu „normales Leben“. „(S. 27) Für mich ist dies erneut ein Beleg dafür, dass der Weg zum Berufssoldat viel mit der gewaltvollen Sozialisation in der Kindheit zu tun hat, was ich u.a. hier ausgeführt habe. Auch der „Wahnsinn“ ist in diesem Sinne ganz nah an der Normalität, was ich u.a. bereits hier kurz ausgeführt habe. Denn als Soldat hätte dieser Serientäter ohne große Schwierigkeiten etliche Menschen töten können, auch Vergewaltigungen in einem fernen Land wären wohl straffrei geblieben. Er hätte zu Hause weiterhin „ganz normal“ unter seinen Mitmenschen weiterleben können…

Was fühlte dieser Mann auf Grund seiner Erfahrungen? Er sagte dazu einiges in Gesprächen mit Harbort: „Ich fühlte mich innerlich leer als Kind“; „Ich kam mir vor wie ein komplettes Nichts. ABFALL! Schwach! Hilflos. Scheiße! Beschissen! Nix!“; „Das Bedürfnis, jemandem meinen eigenen Schmerz fühlen zu lassen, war übermächtig. Und es war nie mit einem Schlag erledigt. Ich wollte meinen Schmerz irgendwo „sehen“.; „Ich bin kein Psychologe, aber ich bin überzeugt, wenn ein Mensch permanent gedemütigt, auf ihm herumgehackt, er beleidigt und verbal niedergemacht wird, hat er kaum mehr Empfindungen – für sich und andere! Vergewaltigung ist ein Gewaltverbrechen, der Sexualakt ist lediglich eine berauschende Form der Erniedrigung. Ich wollte dominieren, kontrollieren und erniedrigen. Für die Opfer habe ich nichts empfunden. Einfach NICHTS!“ 

Der Serientäter war innerlich leer, voller Minderwertigkeits- und Versagensängste, orientierungslos, ohne Selbstkonzept, (innerlich) vereinsamt usw. Harbort kommentiert: „Diese Menschen hadern ständig mit ihrem Schicksal, fühlen sich zurückgesetzt, manövrieren sich in eine emotionale Sackgasse. Nur gelegentlich werden sie tatsächlich ausgegrenzt. Subjektive Außenseiterpositionen sind wesentlich häufiger zu beobachten.“ (S. 44) Der genannte Täter suchte sich zudem eine Frau, die ihn auch in seiner Beziehung dominierte, demütigte, kontrollierte, Macht über ihn hatte und ausübte. Er beschreibt diese Beziehung als „Hölle“. All dies ist im Grunde klassisch für Menschen, die als Kind schwere Gewalterfahrungen und Lieblosigkeit erlebten. Ständig werden Entscheidungen (die als „Schicksal“ erlebt werden) getroffen, die Glück unmöglich machen, die das Leben ins Abseits manövrieren. Dieser Mann ging ja freiwillig zur US-Armee und wurde dort „freiwillig“ gedemütigt und zum Hass erzogen. Er suchte sich seine Partnerin. Er machte sich das Leben zur Hölle. Die weitere Sozialisation dieses Mannes und seine Lebenserfahrungen und Probleme müssen sicherlich in der Analyse berücksichtigt werden, so wie Harbort dies tat. Aber, am Anfang war Erziehung. Der destruktive, selbstzerstörerische Lebensweg dieses Mannes ist nur auf Grund seiner Kindheit möglich geworden. Nicht ohne Grund beschreibt Harbort diesen Mann in seiner Einleitung zum Buch bzw. im Teil „Genese“. Und er verallgemeinert auch an einer Stelle: „Überwiegend ist das Verhältnis zu beiden Erziehungsberechtigten erheblich belastet, ein weites Konfliktfeld tut sich auf. Emotionale Zurückweisung, allgemeine Vernachlässigung des Kindes und Prügelpädagogik sind die häufigsten Erziehungsformen. Die späteren Täter werden so schon früh in eine Außenseiterposition gedrängt, ihre Existenz wird geprägt von Misstrauen und Misserfolgen, das Vertrauen in Menschen und Beziehungen geht weitestgehend verloren. Dafür jedoch müssen sie hautnah erfahren, dass sich ein Mittel besonders eignet, um Probleme zu lösen und sich durchzusetzen: Gewalt.“ (S. 429)

Auch bzgl. der anderen Serienmörder, über deren Kindheit im Buch berichtet wird, fällt folgendes besonders auf: 1. Sie erlitten besonders schwere Formen der (elterlichen) Gewalt. 2. Sie erlitten nicht nur eine Form von Gewalt, sondern z.B. neben körperlicher Gewalt auch seelische Grausamkeiten, Vernachlässigung und Demütigungen, manchmal auch zusätzlich sexuellen Missbrauch 3. Die Gewalt wurde nicht selten, sondern häufig erlebt. 4. Die Gewalt, Demütigungen und Destruktivität ging nicht nur von einer Person aus, sondern immer von beiden Elternteilen und ergänzend Stiefeltern, Heimpersonal usw. , so dass es keine Lichtblicke und Orte des Trostes gab (nur ein einziger Mann berichtet von einer Oma, die ihm Trost bot) 5. Häufig tauchten im Buch auch weitere Problemlagen auf, vor allem in Form von Heimunterbringungen und damit verbunden erneute Verletzungen.
Alle diese fünf genannten Punkte bedingen besonders schwere psychische Folgen für die Betroffenen, was auch wissenschaftlich belegt ist. Im „Lehrbuch der Psychotraumatologie“ (Fischer / Riedesser 1999: 264) wurden bzgl. der Folgen von sexuellem Missbrauch Bewertungsdimensionen aufgestellt. Ich meine, dass diese auch für andere Gewaltformen gültig sind. Insofern tausche ich hier das Wort „Missbrauch“ gegen „Gewalt“ aus. Auswirkungen auf die Schwere der Folgen haben demnach die Art und Weise und der Schweregrad der Gewalt (besonders zerstörerisch wirkt sich – so die Autoren - die Verbindung verschiedener Gewaltformen aus), die Häufigkeit bzw. Chronizität des Gewalterlebens, das Alter des Kindes (je jünger das Kind beim Gewalterleben, desto schwerer die Folgen), der Entwicklungskontext des Kindes (lebt es z.B. im Heim oder einer Familie) und die Person des Täters /der Täterin (die übelsten Folgen ergeben sich bei Gewalt durch die engsten erwachsenen Bezugspersonen wie Vater, Mutter oder Stiefeltern.). Es verwundert in diesem Zusammenhang nicht, dass bei den durch Harbort untersuchten Serienmördern bei 9 von 10 eine Persönlichkeitsstörung nachweisbar war. (vgl. S. 53; siehe auch online)

Harbort berichtet über die Kindheit eines weiteren Serienmörders (ab S. 84): Die Eltern trennten sich, daraufhin war der Junge oft den ganzen Tag alleine in der Wohnung. Der Sohn ging dann mit zum Vater, der bald eine neue Lebensgefährtin fand, die der Sohn nicht mochte und akzeptierte. Auch seine Mutter fand einen neuen Mann. „Ich wollte immer zu meiner Mutter, aber die hatte auch einen neuen Freund, und der wollte nicht, dass ich da in die Wohnung komme. Da ist was kaputtgegangen, es war halt nicht mehr so wie ich es gewohnt war.“ (S. 86) Die Mutter zog dann auch noch in eine andere Stadt, der Vater arbeitete den ganzen Tag und war nicht da. Er fühlte sich immer mehr der Lebensgefährtin seines Vaters ausgeliefert, die ihn psychisch und körperlich misshandelte: „Schläge gab`s eigentlich jeden Tag, mal mehr, mal weniger. Ich habe sie dafür gehasst. Ich hatte damals schon den Gedanken, dass es besser wäre, wenn meine Stiefmutter tot wäre.“ (S. 88) Er hasst aber auch den eigenen Vater, weil er ihm nicht half und vor der Stiefmutter schützte, und wohl auch weil es keine richtigen Gespräche mit ihm gab und er sich nicht für den Sohn interessierte. Der Sohn lief dann immer wieder von Zuhause weg und wurde schließlich mit 15 Jahren in ein Heim abgeschoben. Obwohl er sich dort einigermaßen wohl fühlte, lief er auch hier immer wieder weg, klaute usw. Daraufhin kam er in eine geschlossene Jugendpsychiatrie und machte dort sehr beängstigende Erfahrungen mit Mitpatienten. Erneut floh er aus dieser Einrichtung. Parallel zu diesen Entwicklungen entwickelte sich der junge Mann immer mehr zum Serientäter und nahm auch Drogen. 

Einen dritten Mörder möchte ich beschreiben (ab S. 122), dessen Kindheit ebenfalls ein reiner Albtraum war. Seine Familie kennt er nach eigenen Angaben gar nicht richtig. „(…) ich war viel im Heim, dann war ich übergangslos im Knast, ich war doch fast immer nur eingesperrt.“ (S.122) Die Eltern trennten sich einst. Der Vater trank oft Alkohol. Die Mutter hatte den Sohn nie Zuneigung entgegenbringen können und ihn umarmt, ganz im Gegenteil teilte sie Schläge aus. Zudem gab es wohl auch seelische Grausamkeiten, der Mann berichtet z.B., dass die Mutter seinen Hund gegen seinen Willen weggegeben hatte. Er wurde zudem auch Zeuge der väterlichen Gewalt gegen die Mutter und sah mit eigenen Augen wie seine Mutter von diesem vergewaltigt wurde. Gefragt nach dem Verhältnis zu seinem Vater war seine prompte Antwort: „Ich wollte meinen Vater umbringen.“ (S. 138) Auch der Vater war körperlich gewalttätig gegenüber seinen Kindern. Der Mann berichtet, dass er u.a. mit einem Teppichklopfer verprügelt wurde und zwar so stark, dass dieser irgendwann auf ihm kaputt ging. „Danach hab ich`s mit einem Stocheisen gekriegt; also so ein Schürhaken, mit dem man den Ofen heizt, damit hab ich`s gekriegt.“ (S. 139) Er lief dann so oft er konnte von Zuhause weg, vor allem wenn der Vater nach Hause kam. Später, in einem Heim, das von Nonnen betrieben wurde, wurde er auch Opfer sexuellen Missbrauchs durch die Nonnen. Aber auch Schläge waren in dieser Einrichtung üblich: „Ja, und dann bin ich immer geschlagen worden. Aber ich hab nie geweint. Wenn ich geschlagen wurde, ich hab nie geweint. (…) Ich wollte nicht, dass die sehen, dass ich weinen kann. Und hinterher konnte ich nicht mehr weinen.“ (S. 137) Hier zeigt sich bereits an Hand dieser Aussage, wie der Junge sein Schmerzempfinden abspalten musste, um zu überleben. 

Die Kindheiten dieser drei Männer sind die am ausführlichsten dargestellten in dem Buch. Aber auch bei anderen vorgestellten Tätern tauchen immer wieder extrem destruktive Familienverhältnisse auf, die Harbort z.B. einmal bzgl. eines Täter so in Kurzform zusammenfasst: „Von den leiblichen Eltern abgelehnt, von seinen Stiefvätern oft geschlagen und eingesperrt, als kleinwüchsiges Kind in der Schule gehänselt, bereits  mit 15 dem Alkohol verfallen.“ (S. 184) Vor allem letztere Entwicklungen fallen auch sehr in dem Buch ins Auge. Die katastrophalen Familienverhältnisse führen zu den nächsten Katastrophen und Demütigungen: In Schule, Beruf und Partnerschaften. Fortwährende Zurückweisungen und vielfache Versagenserlebnisse kennzeichnen die Kindheit und Jugend vieler Serientäter. (vgl. u.a. S. 240) 

Kann sich jemand nach diesen Schilderungen ernsthaft vorstellen, dass diese extrem destruktiven Kindheiten in keinem ursächlichen Zusammenhang zu den späteren Gewaltkarrieren standen? Oder genauer: Kann sich jemand ernsthaft vorstellen, dass ein wirklich geliebtes Kind zu einem eiskalten Serienmörder werden könnte? Ich kann mir beides nicht vorstellen und halte es sogar für unmöglich. Insofern ist die für mich wesentliche aus dem Buch abzuleitende Formel ganz klar: Ohne schwere kindliche Gewalterfahrungen wird Mensch nicht zum  Serienmörder.  Aber, das muss an dieser Stelle auch immer gesagt werden, natürlich werden nicht alle, die ähnliches erlebten, automatisch zu Mördern. Wenn man Menschen befragen würde, die wirklich ähnliches erlebten, wie die genannten Mörder, aber die selbst nicht zu Mördern wurden, wird man auch in ihren Lebensläufen schwere Einschnitte und Belastungen feststellen, vielleicht Suchterkrankungen, Selbstmordgedanken, psychische Erkrankungen, Ängste, Gefühle der Leere und des Unglücks usw.; der ein oder andere wird vielleicht auch zu Hause seine Kinder misshandeln oder – je nach Machtmöglichkeiten – über andere Menschen Macht ausüben und sie demütigen. Mancher wird vielleicht ganz im Gegenteil eher eine Opferrolle einnehmen und diverse Verletzungen in Beruf und Partnerschaft erleben. Andere – vor allem die, die Hilfe, Unterstützung und Therapie bekommen haben – werden vielleicht auch ein geregeltes und glückliches Leben führen. 
Der Serienmörder, und damit meine ich an dieser Stelle vor allem dessen emotionale Lage - seine Leere, sein Unglück, seine Ohnmacht, seine Wut, seinen Hass, seine Fühllosigkeit – ist im Grunde nicht so weit weg von der Normalität, wie wir uns das gerne wünschen. Die wenigen Menschen, die real die Lust am Töten für sich (oft ausgelöst durch bestimmte „Schlüsselerlebnisse“, wie Harbort es nennt) entdecken, sind im Grunde nur die Spitze des Eisberges. Sie sind gefährlich und mordlustig, ja. Aber hinter ihnen schlummern tausendfach Mord- und Hassfantasien ganz „normaler„ Menschen, die diese Fantasien aus Verantwortung oder einfach aus diversen unterschiedlichen Beschränkungen und Lebensgegebenheiten heraus oder weil sie den Hass gegen sich und ihr Leben selbst lenken usw. nicht in die Tat gegen andere Menschen umsetzten. Die deutsche Geschichte und NS-Zeit zeugte allerdings auch davon, dass Millionen bereit waren, das Opfer in sich und damit auch den potentiellen Täter in sich offen nach außen zu tragen, sofern diese Anteile gezielt geweckt werden und das entsprechende Agieren von Oben und ideologisch erwünscht ist.  
An dieser Stelle möchte ich eine Textstelle zitieren, die die Emotionen der Deutschen zu Beginn des 1. Weltkriegs auf den Punkt bringt: "Hitler begrüßt den Weltkrieg mit großer Begeisterung. In „Mein Kampf“ schreibt er: „Mir selber kamen die damaligen Stunden wie eine Erlösung aus den ärgerlichen Empfindungen der Jugend vor. Ich schäme mich auch heute nicht, es zu sagen, dass ich, überwältigt von stürmischer Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, dass er mir das Glück geschenkt, in dieser Zeit leben zu dürfen.“ Hitlers Kriegsbegeisterung teilten damals in Deutschland viele. So wie er dachten damals z.B. die meisten prominenten Dichter und Wissenschaftler. Thomas Mann schreibt: „Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte? Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden und eine ungeheure Hoffnung.“ Max Weber, der geniale Stammvater der Soziologie, äußert am Kriegsbeginn: „Dieser Krieg ist bei aller Scheußlichkeit doch groß und wunderbar, es lohnt sich ihn zu erleben.“  (Text von Gerhard Vinnai)
Diese Freude, Erleichterung und Glücksgefühle im Angesicht des nahenden Todes anderer Menschen (aber auch des möglichen eigenen Todes) empfanden Millionen ganz "normaler" Menschen (und ganz "normal" war damals auch die Prügelpädagogik gegen Kinder). Sie alle holten den Täter in sich hervor. Auch wenn wir in die weitere Menschheitsgeschichte schauen – ich erinnere z.B. an Steven Pinkers „Eine neue Geschichte der Menschheit“, in der er die historischen Menschen als Sadisten, Krieger und Vergewaltiger beschreibt – dann fällt auf, dass die heutigen Serienmörder früher nicht nur nicht selten, sondern eher die Regel waren. Mehr noch, ihre Taten waren gesellschaftlich gewollt und erwünscht, wenn man eine Stadt einnahm, dann galt es, möglichst viele Menschen abzuschlachten und die Frauen zu rauben und zu vergewaltigen. Die heutigen Serienmörder sind letztlich nichts anderes als rudimentäre Überbleibsel unserer Gesichte und dabei vor allem auch der Geschichte der Kindheit.

Abschließend noch etwas zur emotionalen Lage der von Harbort befragten Serientäter. Allen war vor allem eines gemeinsam:  Sie kannten kein Mitleid mit dem Opfer, keine Empathie. Opfer waren für sie nur „Objekte“, Mittel zum Zweck. Und der Zweck war alles andere als rational. Menschen wurden brutal umgebracht, weil sich die Täter mächtig fühlen wollten, weil sie absolute Macht und Kontrolle wollten, weil es ihnen Spaß machte, ein gutes Gefühl erzeugte, weil es sie psychisch entlastete. Auch Rache spielte wohl eine Rolle wie ein Täter sagte: „Es war einfach nur Rache an der Gesellschaft und allen, die mir Leid angetan hatten. Ich duldete keinen Widerspruch im Moment der Rache.“ (S. 23) Ein Täter berichtet, wie er sich nach dem Mord gefühlt hatte: „Ich hatte etwas Besonderes vollbracht. Ich fühlte mich besser. Mir ging es irgendwie gut.“ (S. 79) oder ein anderer „Der wusste nicht, dass ich ihn gleich kille würde – aber ich. Das war so ein Machtspielchen. Das hab ich genossen, das war klasse. Das ist auch körperlich, ich spür das, so ein Kribbeln im Magen.“ (S. 93) und der selbe Täter nochmal: „Ich hab`s einfach getan. Und ich hab mich gut gefühlt dabei. Vor allem danach, da hab ich mich richtig leicht gefühlt, besser.“ (S. 95) oder ein weiterer: „Ich hab die Straftaten nie für Geld gemacht, sondern immer nur für den Kick. Das war aufregend, da kam das Adrenalin durch meinen ganzen Körper. Wenn man mich verfolgt hat oder so, das war unbeschreiblich.“ (S. 121) oder ein anderer Mörder (allerdings nicht selbst interviewt)„Ich hatte weder einen anderen Nervenkitzel, noch eine andere Art von Glück.“ (S. 283)
Harbort fast die emotionale Lage der Täter nachdem sie bereits getötet haben wie folgt sehr gut und auf den Punkt gebracht zusammen: „Die Existenz des Mörder „(…) ist gekoppelt an den sich fortwährend wiedeholendem Akt der Selbstwahl: Entweder ich leide – oder jemand anders. Und die sich daraus ergebende Konsequenz ist immer mörderisch: Dein Leben für meins. Ich töte dich, damit ich leben kann.“ (S. 283) In einem Interview anläßlich des besprochenen Buches für die TV-Sendung "10vor11" (05.02.2007) beschreibt Harbort, wie die Tat oder genauer das Selbstkonzept als "Mörder" identitätsstiftend ist, da vorher keine eigene Identität entwickelt und erlebt wurde. "Der Versager ist tot, es lebe der Mörder!" kommentiert Harbort diese Empfindung der Täter.

Serienmörder kann man manchmal befragen, manche sind schon seit Jahren im Gefängnis und konnten viel nachdenken. An Hand ihrer Aussagen wird deutlich, wie sich ihre extrem destruktive Kindheit ausgewirkt hat. Grundsätzlich sind sie abgespalten von jeglichem Mitgefühl, was dem misshandelten Kind einst das Überleben sicherte. Sie haben ab irgendeinem Punkt in ihrem Leben die Erfahrung gemacht, dass sich Gewalt gegen andere Menschen auszahlt und zwar emotional. Plötzlich fühlen sie etwas, Glück, Identität und Macht, wenn sie einen anderen Menschen verletzen und töten. Ist diese Grenze einmal übertreten, gibt es kein Zurück, das Gefühl soll wieder erlebt werden. 
 Selten bis gar nicht werden politische Massenmörder derart offen in Gesprächen über ihre Taten und Gefühle berichten. Aber diese „einfachen“ Serienmörder aus Harborts Berichten lassen den Schluss zu, dass auch die „Großen“ ähnlich fühlten. Die politischen Massenmörder, die ihre Armeen losschickten, um tausende, manchmal gar  Millionen von Menschen umzubringen, auch sie werden diesen „Kick“ gespürt haben, wenn sie den Befehl zum Töten gaben. (Manchmal lässt sich auch dies an Hand ihrer Reden belegen: Am 19. März2003 verkündete z.B. George W. Bush der Nation, dass der Krieg begonnen hat. Vorher hatte er die Faust geballt und gesagt: „feels good!“ ) Auch sie konnten oft nicht damit aufhören, wollten immer weiter machen und Krieg führen. Auch ihre Beweggründe sind alles andere als rational,  sondern vor allem emotionaler Natur. Auch sie waren eiskalt und agierten ohne jedes Mitgefühl. Auch ihre Kindheit war ein reiner Albtraum, wie ich in diesem Blog immer wieder aufzeigen konnte. 


- Ergänzend: "Gedanken zum Amoklauf" (Eine als Kind schwer gefolterte Frau berichtet über ihre Kindheit und Tötungsfantasien, die sie aber nicht in die Tat umgesetzt hat. Einer der aufschlussreichsten Texte zum Thema, den ich je gelesen habe.)

- Siehe ergänzend zum Thema „Glücksgefühle durch Krieg und Gewalt“ auch „Krieg der Kindergangs“ 

P.S. 
 Übrigens sind Serienmörder rein statistisch weit aus weniger eine Bedrohung, als z.B. Eltern. Zwischen den Jahren 1996 und 2005 wurden über 180 Menschen Opfer von Serienmördern, also ca. 18 pro Jahr. Statistisch sterben pro Woche ca. 3 Kinder in Deutschland qualvoll auf Grund elterlicher Gewalt und/oder Vernachlässigung, das sind über 140 Kinder pro Jahr.