Samstag, 16. Juni 2012

Kindheit, Trauma und die Stasi


600.000 Menschen wurden vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS oder auch Stasi) im Laufe der Jahre als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) angeworben, um ihr Umfeld zu bespitzeln. 20 von ihnen wurden für eine umfassende psychoanalytische Untersuchung befragt: Kerz-Rühling, Ingrid / Plänkers, Thomas 2004: Verräter oder Verführte. Eine psychoanalytische Untersuchung Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Christoph Links Verlag, Berlin. 

Die Ergebnisse sind also alles andere als repräsentativ. Aber sie gehen bzgl. dieser 20 Personen sehr in die Tiefe, denn ganze fünf Psychoanalytiker haben eine Gesamtbewertung der untersuchten Personen zusammengestellt. Als explorative Studie und gedankliche Anregung ist dieses Buch sicher erwähnenswert. 

Die Befragten wurden bzgl. ihrer Anwerbung als IM grob in vier Gruppen unterteilt: Die Bestochenen, die Erpressten, die überzeugten Sozialisten und die Getäuschten. Alleine diese Kategorien zeigen, dass der Prozess der Anwerbung sehr unterschiedlich verlaufen konnte und sich insofern auch die inneren Motive unterscheiden. 

Die Autoren leiten dann über zu den „unbewussten und bewussten Motiven für die Zusammenarbeit mit der Stasi“. Die für mich am Interessantesten stelle ich kurz vor: 

Bei 12 der 20 Befragten „waren frühe Trennungserfahrungen, Mangel an Fürsorge und das daraus resultierende starke Bedürfnis nach Sicherheit und Halt gewährenden Beziehungen für die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem MfS ausschlaggeben. In mehreren Fällen handelte es sich um zerbrochene Familien. (…) Die späteren IM vermissten elterliche Fürsorge und Unterstützung, fühlten sich teilweise abgelehnt und allein gelassen. (…) Die Beziehung zu den Führungsoffizieren bot diesen Menschen vorübergehend Sicherheit und Zuwendung. Insbesondere den IM, die als Kinder Liebe vermisst hatten, gab das Angesprochenwerden durch die Stasi das Gefühl, gebraucht und geschätzt zu werden. (…) An die Stelle des geflüchteten, verhafteten oder ablehnenden Vater trat in der Person des Führungsoffiziers ein scheinbar einfühlsamer, hilfsbereiter, auf die Bedürfnisse eingehender Ersatzvater.“ (S. 128 + 129) Auch ein weiteres Motiv wird sicherlich auch im Zusammenhang mit mangelnder elterlicher Fürsorge stehen: „Ausgleich narzisstischer Defizite“. 8 der 20 Befragten ließen sich anwerben, „um auf diese Weise ihr geringes Selbstwertgefühl zu verbessern. Sie fühlten sich durch die Mitarbeit in der Stasi wichtig genommen.“ (S.129)
7 der 20 Befragten bot die Mitarbeit außerdem die Möglichkeit, „auf diese Weise ihre Rivalität und Neidgefühle gegenüber Kollegen und Nachbarn auszuleben und Rache an Ehepartnern, Eltern oder Bekannten zu nehmen.“ (S. 130) Weitere Motive wurden wie folgt unterschieden: „Wiedergutmachung eigener oder elterlicher Verfehlungen“, „Partizipationan der Macht und Lust am Doppelleben, „Angst vor Strafmaßnahmen“ und „Erwartung von Belohnung für die Zusammenarbeit“

Bzgl. der Beurteilung von den Persönlichkeitsstrukturen kommen die Autoren zu dem Schluss, dass das „psychische Niveau, auf dem die von uns untersuchten IM Beziehungen zu ihren Mitmenschen und im Gespräch zum Interviewer eingehen“ in nur vier Fällen als „reif“ bzw. “erwachsen“ beurteilt werden kann. (S.137) Bei der Hälfte der Befragten fanden die Analytiker außerdem deutliche psychische Traumatisierungen, bei drei weiteren Befragten wurde diese Diagnose vermutet, es fehlten aber weiterführende Informationen. (S.138) Bzgl. der hier relevanten Folgen von Traumatisierungen schreiben sie u.a.: „ Die Fähigkeit, selbstbewusst und kritisch nachdenkend sich der Außenwelt gegenüber verhalten zu können, ist dann in der Regel sehr eingeschränkt, da eine erhöhte Abhängigkeit von anderen Menschen infolge des Traumas besteht. Diese psychische Notlage eines Menschen konnte die Stasi wiederum für ihre eigenen Zwecke ausnutzen.“ (S. 138) 

Zwei Befragte und ihre Kindheit werden am Ende des Buches auch ausführlich vorgestellt. „Frau Quindt“ ist mehrfach schwer traumatisiert worden: Sexueller Missbrauch durch den Stiefvater, schwere Misshandlungen, mangelnde Fürsorge, Trennungserfahrungen, Verlust der Eltern, Heimaufenthalte, sieben Jahre Haftanstalten- und Psychiatrieaufenthalte.
„Herr Voss“ hatte eine weitaus weniger belastete Biografie, aber auch bei ihm zeigte sich deutlich der Einfluss von Kindheitserfahrungen. Beide Eltern haben sehr viel gearbeitet und sich wesentlich über ihre Leistung definiert. Seinen Vater beschreibt er als 90 Prozent friedlich, aber in Affektsituationen konnte dieser sich kaum bremsen, „rastete aus“, tolerierte vor allem keine Faulheit und Schwächen. „(…) innerhalb von drei Sekunden konnte der wie eine Rakete hochgehen, und davor hatte ich schon Angst, auf jeden Fall (…)“ (S.208)   Mit zwölf Jahren verließ Herr Voss die Familie und ging auf ein Internat und Sportschule, das ganze ohne Trennungsschwierigkeiten und Heimweh. Auch dort stand er unter enormen Leistungsdruck, musste neben den regulären Schulstunden ca.35 Stunden sportliches Training absolvieren. Nach Ende der Studienzeit hielt er die Belastungen nicht mehr aus, bekam Alkoholprobleme und depressive Verstimmungen (inkl. Selbstmordgedanken).
Es ist nur logisch und nachvollziehbar, dass Menschen mit solchen Vorgeschichten besonders anfällig für eine Anwerbung durch die Stasi waren bzw. wenig Ressourcen mitbrachten, um sich effektiv der Anwerbung zu entziehen. 

In ihrer Besprechung und Zusammenfassung schreiben die Autoren u.a.“Um Eigenständigkeit und Selbstvertrauen zu entwickeln, ist es notwendig, sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft Geborgenheit und Anerkennung zu erleben und zu autonomen Handeln ermutig zu werden.“ (S. 232)
Dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen. 

Interessant wäre es zusätzlich gewesen, 20 oder mehr Personen zu untersuchen, die sich der Stasi Mitarbeit verweigert und zusätzlich ggf. aktiv für Demokratie und Menschenrechte eingetreten sind. Wie sah deren Kindheit und Sozialisation aus?

Kommentare:

borderline44 hat gesagt…

Ja, ein sehr intererssanter und aufschlussreicher Beitrag (wie alle Beiträge - aber ich kann ja nicht zu allen Beiträgen was schreiben :-D )! -und immer wieder wird Alice Miller bestätigt! Würden die Menschen doch die Seiten von Alice-Miller.com lesen, anstelle abwerten:

Gespräch über Kindheit und Politik - Folgen für jede Gesellschaft - Zitat: >>> Viele Menschen sind noch nicht gewohnt, in psychologischen Kategorien zu denken, es sei denn in psychoanalytischen, die die Realität der Kindheit eher verschleiern. Sie sehen weder den privaten Wahn der erzwungenen faschistischen noch den ihrer demokratischen, von ihnen selbst gewählten Herrscher, sondern suchen für deren Leidenschaften wirtschaftlich plausible Erklärungen. Sie sehen z.B. den Ausbruch von Kriegen ausschließlich in den Interessen von Konzernen begründet. Das stimmt zum Teil, es sind ja diese Konzerne, die Wahlkämpfe finanzieren. Ich zweifle aber nicht daran, dass die persönliche treibende Kraft vieler Politiker und Politikerinnen auch in ihrer Familiengeschichte begründet ist.
Starke persönliche Motive für angeblich "notwendige" Feldzüge in der Geschichte kann man am Beispiel der Kriege Friedrichs des Großen erläutern: Er hatte einen Vater, der ihm als Kind wörtlich in die Suppe spuckte, um ihn zu Gehorsam und Demut zu erziehen. Später ließ er seinen besten Freund hinrichten. Friedrich musste es aufgeben, sich seinem sadistischen Vater zu widersetzen. Das war zu gefährlich. Hier bleibt die Frage, wie sich Friedrich als Regent verhalten und entschieden, ob er Eroberungskriege für "notwendig" erachtet hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre, dem Vater die Stirn zu bieten. Eine ähnliche Dynamik könnte man sich auch im Falle gegenwärtiger politischer Führer der westlichen Demokratien vorstellen.
<<< © 2012 Alice Miller http://www.alice-miller.com/interviews_de.php?page=5d

Das ist ja auch der Grund für Zulauf an Sekten etc., das lässt sich ja auf alles übertragen. -aber d Menschen wollen einfach nit zuhören, was sie sich in der Sprache d stummen Kindes gegenseitig erzählen. Sie hören sich selbst genau so wenig zu, wie d Eltern ihn zugehört haben. -so könn sie nur stumm tun, was Ihn angetan wurd. -zumal sie für d Wahrheit (ihre natürliche, biologische kindliche Empörung u Wut auf d Eltern - bzw. über d Empathielogiskeit ihrer Eltern) von ihr empahtielosen Eltern, d es als Trotz u Machtkampf werteten, bestraft wurden. -und sie erzählen es täglich - millionenfach - in der Welt - in indem sie ihre Kindheitsgeschichte re-inzisenieren u hoffen in Ideologien u Gruppen u anderen Menschen d Liebe zu finden, die sie in ihr Kindheit v ihr Eltern vermissten.

Und wenn man auf d Eltern nit wütend sein darf, weil d Wut auf d Eltern weltweit verboten ist, dann bleibt ja nur d Verschiebung d blinden - weil unverarbeiteten u verbotenen Wut - auf andere - unschuldige - Menschen. -irgendwo muss d im Körper gespeicherte Wut ja hin. Und wenn man selber Kontrollverlust erfahren hat, dann kann man durch Kontrolle von anderen d eigene Ohnmacht kompensieren. Aber all diese Abwehrstrategien helfen uns nit weiter, wenn wir d Sprache nit versteh wollen, d sich dahinter verbirgt.

Passend dazu mein Eintrag in Google+: NachDenkSeiten Einigung auf Fiskalpakt - ein politisches Schmierentheater - Von Wolfgang Lieb: https://plus.google.com/110882509048668787407/posts/GkrrWGCSM9N

Für mich ergibt alles ein Sinn, aber was nützt Verständnis, wenn d Menschen selber nicht sehen möchten: NachDenkSeiten Jakob Augstein: Europa ist Weimar https://plus.google.com/110882509048668787407/posts/17JCyqJapLA

Wir könn nur weiter mach u aufzeigen u aufklären u konfrontier. -die Hoffnung, dass d Menschen - d Menschheit erkennt, BEVOR sie sich u die ganz Welt gegenseitig ZERSTÖRT hat, stirbt zuletzt.

Ich jedenfalls, d all dies Zshge erkannt hat u d Sprache d Pferde https://plus.google.com/110882509048668787407/posts/KBUQ4UvWSXS äh´hhh, ich mein, d Sprache d Menschen versteht, werd und kann nit mehr schweigen.

Es ist sehr spät ...

borderline44 hat gesagt…

Ergänzung: -ja, das habe ich gesucht:

Gewalt tötet die Liebe: Schläge, das Vierte Gebot und die Unterdrückung authentischer Gefühle - Zitat:

>>> Was sind die politischen Konsequenzen Ihres Schreibens?

Sie könnten in der Tat förderlich sein, wenn Politiker keine Angst davor hätten, sich mit ihrer Wahrheit zu konfrontieren. Die meisten Politiker sind emotional zwei Jahre alte Kinder geblieben, die niemals geliebt und respektiert wurden als die Persönlichkeiten, die sie waren, ...
<<< © 2012 Alice Miller http://www.alice-miller.com/interviews_de.php?page=7

-das trifft natürlich auch auf Menschen zu, die keine Politiker sind ...