Donnerstag, 10. April 2014

Ursachen der Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik und wie man daran vorbeisehen kann

Es gibt etwas, das mich meist auf eine Art noch mehr erstaunt, als das Ausblenden von kindlichen Gewalt-/vernachlässigungserfahrungen als gewichtiger Ursache von (politischer) Gewalt: Das haarscharf an den Ursachen Vorbeischauen.

Unter dem Titel „Die Angst herrscht“  (22.03.2014) hat die in der Zentralafrikanischen Republik aufgewachsene Autorin Silvia Kuntz kürzlich für die ZEIT ihre Sicht auf die Ursachen der aktuellen gewaltvollen Konflikte in dem Land beschrieben. Sie stellt aus ihrer Innenansicht heraus zunächst einmal fest, dass die Gewalt nichts mit Religion zu tun hat. Diese oberflächliche Sicht auf die Religion ist eher etwas, das im Westen gerne als Erklärung dient. Die Hauptursachen sieht sie in zwei Dingen begründet: Mit dem gewaltvollen Tod eines Menschen wird – so glaubt man vor Ort – „das Böse“ ausgelöscht, als Wiedergutmachung sozusagen. (Wobei sie nicht sagt, um welche „Wiedergutmachung“ es geht, die ja - so meine ich - auch eher emotional zu fassen ist). Zum Anderen sieht sie die pure Angst als Ursache. Angst würde den Kindern schon von klein auf eingeredet, Angst vor „Monstern“, Fremden, Neuem usw.

Aber auch diese Erklärungen bleiben letztlich oberflächlich, sie beschreiben eher einen Ist-Zustand und klären nicht die Folgen, die sich aus dieser Feststellung ergeben. Dabei sind schon in dem zweiten Ursachenansatz wichtige Informationen enthalten. Kindern wird schon früh und ständig Angst eingeflößt. Das spricht nicht für ein gesundes Aufwachsen, sondern bereits für etliche traumatische Erfahrungen, je nachdem wie diese Angst unter Kindern verbreitet wird.
Gleich zu Beginn des Artikels schreibt die Autorin. „Ich wuchs als Missionarskind in Zentralafrika auf. Als Kinder spielten wir im Busch, aßen heute bei der einen Mutter, morgen bei der anderen. Wir hockten in verrußten Küchen und tunkten Maniok in Soße. Das klingt ganz romantisch, war es aber nicht. Kinder wurden geschlagen, einmal ging ein Ehemann mit einer Machete auf seinen Rivalen los. Meine Eltern machten den Krankentransport.“

Sie beschreibt deutlich die weit verbreitete häusliche Gewalt und deutet auch das an, was ich „afrikanische Vernachlässigung“ nenne; denn Tanten und Onkels gelten in Afrika als Mütter und Väter, so dass die Kinder mal hier mal da aufwachsen, es gibt keine beständige Kernfamilie. Anschließend beschreibt sie noch, wie die älter werdende Mädchen irgendwann an den Haushalt gebunden werden und viele schon früh – auch im Kindesalter – eigene Kinder bekommen. Hier ist das Fundament dafür beschrieben, dass Säuglinge nicht optimal versorgt werden. Wie auch, wenn die Mütter selbst noch Kinder oder fast Kinder sind? Und zu Recht beschreibt sie noch die Armut und Hoffnungslosigkeit in dem Land.

Kommen wir zurück zu meinem Erstaunen. In dem Artikel wird deutlich beschrieben, dass Kindheit in der Zentralafrikanischen Republik wenig mit Glück und Freude zu tun hat, um es einmal vorsichtig auszurücken. Ich vermute, dass die Autorin sich nie wirklich mit den Folgen von Kindesmisshandlung und-vernachlässigung befasst hat. Ansonsten ist es kaum zu erklären, warum sie die Dinge benennt, aber nicht in einen deutlichen Zusammenhang zu gewaltvollen Konflikten sieht.

Übrigens: UNICEF (siehe Tabelle auf Seite 86) hat repräsentativ festgestellt, dass in der Zentralafrikanischen Republik 89 %  aller Kinder (2-14 Jahre alt) psychische und/oder körperliche Gewalt durch Erziehungspersonen erleben. 78 % erleben körperliche Gewalt. 34 % der Kinder erleben dort sogar besonders schwere körperliche Gewalt. (hierunter wurde verstanden: Schläge oder Tritte ins Gesicht, gegen den Kopf oder Ohren und/oder Schläge mit einem Gegenstand, immer und immer wieder und so hart ausgeführt, wie es geht.) .Nur 4 % der Kinder erleben überhaupt keine erzieherischen Sanktionen oder Gewalt! Diese Zahlen gelten für das Gewalterleben vier Wochen vor der Befragung und nicht für die Gewalterfahrungen in der gesamten Kindheit. Zudem wurden nur Mütter oder - falls diese nicht in der Familie anwesend waren - andere Erziehungspersonen zum Erziehungsverhalten und Gewalthandlungen in der entsprechenden Familie befragt. Vermutlich würden also Befragungen von jungen Erwachsenen zu eigenen Gewalterfahrungen in der Kindheit weit aus höhere Raten ergeben, als die hier festgestellten! Allerdings läßt die Studie folgenden deutlichen Schluss zu:
Von den 33 in der UNICEF-Studie ausgewerteten Ländern fanden sich nur im Yemen noch höhere Raten von Gewalt, besonders auch schwerer Art. In der Zentralafrikanischen Republik finden sich also international verglichen die mit höchsten Raten von Kindesmisshandlung (und übrigens auch extrem hohe Raten bei der Kindersterblichkeit)
Auch die Schule scheint ebenfalls ein für Kinder sehr gefährlicher Ort in dem Land zu sein. 52 % der Lehrkräfte in zentralafrikanischen Grundschulen üben jeden Tag Körperstrafen gegen Kinder aus.  (UNICEF, Plan West Africa, Save the Children Sweden West Africa and ActionAid (2010). Too often in Silence. A report on school –based violence in west and Central Africa. S. 19) 42,2 % der männlichen Schüler in Bangui gaben an, sexuelle Gewalt gegen weibliche Schülerinnen in oder um die Schule herum ausgeübt zu haben. Die selbe zitierte Studie ergab, dass männliche Lehrkräfte Haupttäter von sexueller Gewalt gegen Grundschülerinnen waren, was in Anbetracht der vorgenannten Zahl auf enorm viele Übergriffe schließen lässt. (ebd., S. 23) Die Hälfte der Schüler gab außerdem an, dass körperliche Gewalt die häufigste Form von Gewalt von Schülern gegen Schüler in Grundschulen darstellt. (ebd., S. 31) Die Kinder scheinen ihre selbst erlittene Lektion verinnerlicht zu haben und lösen ihre Konflikte wiederum mit Gewalt.

Kommentare:

Euliz hat gesagt…

- eine Mutter lebt mit 6 ihrer 7 Kinder und mehreren anderen Verwandten zusammen, ihr Mann starb vor einigen Jahren. Von der weitläufigen Verwandtschaft mag niemand für das Schulgeld der mittleren, sehr intelligenten Tochter aufkommen. Schließlich legen die Lehrkräfte der Schule zusammen, damit die die Abschlussprüfungen ablegen kann. Ein Nachbar, nicht verwandt, kümmert sich im weiteren Verlauf um ein Stipendium für das Mädchen.

Ich habe Jugendliche kennengelernt, die von Menschen aufgezogen werden, die überhaupt nicht mit ihnen verwandt sind. Manche von ihnen wurden anscheinend schlecht behandelt, andere gut. Genauso verhält es sich bei denen, die von Verwandten erzogen wurden. Manche Kleinkinder , die ich beobachtet habe, wurden von den Erwachsenen im Umkreis liebkost und bespaßt, andere permanent mit der Brust zum Schweigen gebracht und ansonsten wenig beachtet. Grundschulkinder, die um 4 aufstehen und arbeiten mussten, waren natürlich in der Schule oft unaufmerksamer, als welche, die später geweckt wurden. Manche Eltern beschwerten sich über zu harte Schläge durch die Lehrkräfte, andere verlangten mehr Prügel in der Schule.

Wenn Sie wollen, kann ich noch mehr von meinen subjektiven Wahrnehmungen aus der Umgebung berichten. Doch ich denke, was ich beschreibe, reicht aus, um zu verstehen, dass es nicht leicht ist, solche pauschalen Aussagen zu treffen, da die Alltagswelt der Menschen in einer Kleinstadt in Ghana genauso komplex ist wie die aller anderen Menschen auf der Welt.

Letztendlich glaube ich, dass der Schluss: "Geschwister der Eltern gelten in Afrika als Eltern -> Kinder werden in den Familien hin- und hergeschoben und verachlässigt" ein falscher ist. Die Tatsache, dass Erwachsene ihnen anbefohlene Kinder vernachlässigen, ist kein afrikanisches Phänomen und keines, das allein auf Verwandtschaftsgrade zurückzuführen ist.

Übrigens reagierten Bekannte von mir in Ghana sehr bestürzt darauf, dass Kinder hier in Deutschland meist nur bei zwei, sehr häufig sogar nur bei einem Erwachsenen aufwachsen. Einige Male hörte ich die Vermutung, dass die "soziale Kälte" und der "Egoismus in der westlichen Welt" darauf zurückzuführen seien.

Vorurteile und vorschnelle Urteile werden überall auf der Welt gefällt.

Viele mögen es anstrengend finden, wenn man es immer so genau nimmt und sich, wie ich hier, an Nebensätzen aufhängt. Da jedoch, wie Sie ja auch schon schreiben, beliebige Unterschiede zwischen Menschen - wie die Religionszugehörigkeit - in dieser Welt als valide Gründe für Krieg gelten, werde ich oft aufmerksam, wenn Stereotype reproduziert werden.

Damit möchte ich Sie jetzt nicht als bösen Menschen hinstellen, sondern lediglich mehr Aufmerksamkeit dafür schaffen, dass ein respektvoller, empathischer, gewaltfreier Umgang miteinander auch vorschnelle Kategorisierungen unbedingt ausschließt. "Stereotype berauben Menschen ihrer Würde", sagt die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie in ihrer berühmten Rede "The Danger Of A Single Story". Diesen Satz finde ich sehr treffend.

Ich hoffe, in meinem Beitrag ist deutlich geworden, dass ich die Gewalt gegen und die Vernachlässigung der Kinder, die ich in Ghana erlebt habe, keinesfalls herunterspielen oder kulturrelativistisch verklären möchte.

Passend dazu ein Beitrag aus einem nigerianischen Blog, der eine "innere"/"afrikanische" Sichtweise vermittelt: http://battabox.com/discipline-unruly-teenager-without-koboko/

Und: Auch wenn ich gerne kritisiere, bin ich ein großer Fan ihres Blogs! :)

Euliz hat gesagt…

Ich zitiere aus Ihrem Text: "„afrikanische Vernachlässigung“ (...); denn Tanten und Onkels gelten in Afrika als Mütter und Väter, so dass die Kinder mal hier mal da aufwachsen, es gibt keine beständige Kernfamilie."

Afrika ist ein Kontinent mit 53 Ländern. Wie Verwandtschaftszugehörigkeit geregelt wird und wem Kinder zugesprochen werden, kann von Region zu Region innerhalb eines Landes variieren. Vielleicht würden viele Menschen in Afrika ihre These, dass Onkel und Tanten als Väter und Mütter gelten, unterschreiben - wenn auch nicht einhellig, denn dafür gibt es einfach zu viele verschiedene Gesellschaftsformen in Afrika. Doch wenn wir einmal annehmen, dass diese Behauptung wahr ist, könnte man daraus auch ganz andere Schlüsse ziehen. Nämlich zum Beispiel, dass sich pro Kind mehr Erwachsene verantwortlich fühlen, und dass ein Kind im Durchschnitt mehr Bezugspersonen hat, verglichen z.B. mit einem Kind in Deutschland.

Tatsächlich bewegen wir uns hier aber im Bereich der Spekulation. Niemand wird sagen können, wie das Verhältnis zwischen Kindern und deren Onkels und Tanten "in Afrika" ist, denn dazu ist die Vielfalt des Kontinents und des menschlichen Lebens im Allgemeinen viel zu groß. Vielleicht könnte man sich jedoch auf Forschungsarbeiten afrikanischer oder auch nichtafrikanischer Wissenschaftler/innen stützen, um zumindest Aussagen über einzelne Regionen zu machen.

Ich selbst habe ein Jahr lang in Ghana bei einer Gastfamilie gelebt. Keinesfalls würde ich mir anmaßen, aus der reinen Alltagserfahrung als Ausländerin Schlüsse über das Erleben ghanaischer Kinder in deren Familien zu ziehen. Aber ich kann Ihnen eine Auswahl an Eindrücken aufzählen, die die große Bandbreite des Alltags im Ansatz widerspiegeln:

- meine Gastfamilie: Mutter, Vater und zwei kleine Kinder leben bei der 75-jährigen Mutter des Vaters, die im Haus das Sagen hat; im gleichen Haus wohnen außerdem noch drei Nichten und ein Neffe der Großmutter und 4-5 entfernt verwandte Kinder, deren auf dem Dorf lebende Eltern sie für eine bessere Schulbildung zu meiner Gastfamilie geschickt haben. Im Haus nebenan wohnt der andere Sohn der Großmutter mit seiner Frau, die beiden haben fünf Kinder. Im Umgang mit den eigenen bzw. entfernt verwandten Kindern bemerke ich große Unterschiede. Letztere müssen mehr im Haushalt arbeiten, erstere haben mehr Freizeit und erfahren liebevollere Zuwendung. Und: das Haus ist seltenst leer. Wenn die Kinder aus der Schule/Kinderkrippe kommen und beide Eltern noch arbeiten, ist immer jemand da, der sich um die Kleinen kümmert. In erster Linie ist dafür aber doch die eigene Mutter zuständig. Onkel und Tanten werden von den Kindern "uncle" und "auntie" genannt, ebenso wie nicht-verwandte Erwachsene. (Was natürlich nicht viel über die Beziehung zu diesen aussagt).

Euliz hat gesagt…

Entschuldigung, habe die beiden Teile des Kommentars in der falschen Reigenfolge gepostet...

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo Euliz,

erst einmal danke für die interessanten Anmerkungen.

Zunächst ein Hinweis auf folgenden Beitrag: http://www.kriegsursachen.blogspot.de/2014/09/weltweit-grote-studie-zum-ausma-der.html (falls noch nicht bekannt)

Afrika (Ob nun der Norden oder Westen, Osten, Zentral) ist mit dem Nahen Osten zusammen die - international verglichen - nachweisbar gewaltvollste Region was den Umgang mit Kindern angeht. Ich neige daher dazu, auch andere Beobachtungen und Eindrücke etwas negativer zu bewerten, als vielleicht unter andern Umständen/vorliegenen Daten zur Kindesmisshandlung.

Sie haben sicher Recht mit dem Hinweis auf die vielen kulturellen und individuellen Unterschiede in diesem Kontinent. Danke insofern für die wichtige Kritik.

Was sicher interessant wäre ist, wenn einmal eine Studie nachweisen würde, wie oft Kinder in afrikanischen Ländern einen Wechsel ihrer Bezugs-/Pflegeperson erleben und in wie weit dies evtl. Auswirkungen auf die psychosoziale Entwicklung nimmt. Dann könnten wir da noch mal anders drüber reden.