Donnerstag, 18. Juni 2015

Fall Tugce. Die Mutter von Sanel M.

Nach dem Gerichtsurteil gegen Sanel M., der wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt wurde, bespuckte dessen Mutter draußen ein Foto der toten Tugce Albayrak. Freundinnen und Verwandte von Tugce hatten vor dem Gerichtssaal eine kleine Gedenkstätte errichtet, auch mit Fotos der Toten. Diese Szene wurde in vielen Medien besprochen. Ich verweise an dieser Stelle auf einen Bericht der BILD, weil neben Angehörigen von Tugce auch ein Reporter dieser Zeitung die "Spuckszene" beobachtet hatte.
Neben all der Aufregung um das Verhalten der Mutter fehlt ein weiterer Gedanke: Was ist das für ein Mensch, diese Mutter von Sanel M., und wie erzog sie eigentlich ihren Sohn, als dieser noch klein war?

Es gibt manche destruktive Verhaltensweisen von Menschen, die man entschuldigen kann. Weil sie unüberlegt waren, weil sie aus Schlafmangel/Stress entstanden, im Eifer des Gefechts usw. Nachdem der eigene Sohn den Tod eines anderen Menschen verschuldet hat und abgeurteilt wird auf das Bild der Toten zu spucken gehört für mich zu den Momenten, die nicht entschuldbar sind und die vor allem auch die Grundpersönlichkeit eines Menschen offenbaren. Für mich hat die Mutter des Angeklagten am Ende des Prozesses für alle Welt noch einmal offenbart, warum junge Menschen kriminell und gewalttätig werden: Weil sie in einer kalten Familienatmosphäre aufwachsen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Exakt das waren meine Gedanken, als ich das hörte.

Über den Sohn hatte ich ja genug aus den Medien gehört - dann las ich von der Spuckerei der Mutter und dachte:
"Und da haben wir die Antwort."

Irgendwie erschüttert mich so etwas immer wieder. Es zeigt mir auch, wie ausgeliefert Kinder dem sind, was wir ihnen vorleben und bieten. Vom Wohlwollen, der wenigstens im Mindesten vorhandenen Selbstreflexion und selbstverständlich am meisten der Liebe der Eltern.

Ich lese Ihren Blog schon eine ganze Weile und war wirklich froh, über Umwege auf ihn gestoßen zu sein.
Ihre Theorien gehen in eine Richtung, in der ich lange Zeit ziemlich alleine unterwegs war.
Der Blog ist so gut recherchiert und durchdacht - ich freue mich immer, wenn ich einen neuen Artikel in meinem Posteingang vorfinde :-)

Als Familienpflegerin habe ich sehr viel erlebt, gesehen und auch gespürt, was familiären Umgang und auch Atmosphäre in Elternhäusern betrifft. Letztlich sagen auch Lehrer oft: "Wenn ich beim Elternabend bin und die Eltern sehe, dann kann ich mit meiner Erfahrung inzwischen die Kinder fast blind richtig zuordnen."
Ich weiß dann recht genau, was damit gemeint ist.

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo,

herzlichen Dank für die nette Kritik :-) und danke auch für die Bestätigung meiner Wahrnehmung

Viele Grüße