Donnerstag, 23. Juli 2015

Die Farben der Gewalt: Ideologie ist niemals selbst Motivation für das Morden.

Ebrahim B. ist der erste deutsche IS-Rückkehrer, der offen über seine Erlebnisse in Syrien und im Irak berichtet und sich vom IS deutlich distanziert. Das in der ARD veröffentlichte Interview  ist sehr sehenswert und offenbart viel über die massive Gewalt, die auch in der Gruppe IS untereinander herrscht. 

In der ZEIT (17.07.2015, "Du bist entweder tot oder tot") wurde noch eine weitere Aussage von Ebrahim zitiert. Er habe eine schwierige Schulzeit hinter sich, kleinere Vorstrafen, eine geplatzte Hochzeit und sei in Orientierungslosigkeit verfallen. Dann wurde er angeworben von IS-Rekrutierern und fand eine scheinbare Berufung und einen Sinn.  Ebrahim wörtlich (und das ist der Satz, der mich besonders aufhorchen ließ!):  "Würde ich von einer Rocker-Bande aufgenommen in Jamaika oder in Amerika von Hells Angels oder so was, wäre ich mitgegangen. Ich bin gestolpert und wurde von den falschen Händen aufgenommen." Dazu passt auch, dass Ebrahim vorher nicht sonderlich religiös war.
Mich erinnert diese Aussage an den ehemaligen Terroristenunterstützer Willi Voss, über den ich hier im Blog bereits kurz geschrieben habe. In einem SPIEGEL-Interview (31.12.2012. "Ein Mann, drei Leben") sagte er folgendes: "Ich war ein verlorener Hund. Einer, der so oft getreten worden war, dass er zurückbeißen wollte, egal wie (…). Hätte ich damals Andreas Baader getroffen, wäre ich vermutlich bei der Roten Armee Fraktion gelandet.“ Seine Kindheit sei von Gewalt, sexuellem Missbrauch und anderen Demütigungen geprägt gewesen, schreibt der SPIEGEL weiter. „Ich habe als Kind immer wieder Zustände absoluter Ohnmacht kennengelernt. Etwas, dass blanke Mordlust in mir ausgelöst hat, tiefste Scham und ein Gefühl, als sei ich das Wertloseste, dass es auf dieser Welt gibt.“, sagte Voss.

Beide Akteure haben letztlich deutlich gemacht, dass ihnen die „Farbe“ ihrer gelebten Ideologie oder ihres Gruppenkultes letztlich mehr oder weniger egal war und sich einfach ergab. (Viele wundern sich, wenn z.B. Linksextremisten nach einiger Zeit plötzlich Rechtsextremisten werden, dabei erklärt dieses „egal welche Farbe“ genau das.) Ein Willi Voss wäre vielleicht, hätte er einen muslimischen Hintergrund, heute als junger Mann auch unterwegs in Richtung Syrien. Oder er wäre damals, wie er selbst für sich feststellte, einfach zur RAF gekommen, so Begegnungen und Zufälle dies möglich gemacht hätten. Ein Ebrahim B., der als Weißer  in den Südstaaten der 50er Jahre in den USA aufgewachsen wäre, hätte sich vielleicht – so es Zufälle und Begegnungen ergeben – dem rassistischen Ku-Klux-Klan angeschlossen. 

Egal wie die jeweilige „Farbe“ aussieht, der Weg MUSS destruktiv sein, wenn im Hintergrund eine entsprechend destruktive Kindheit therapeutisch unbearbeitet schlummert und das Opfer, das mensch als Kind war, weiterhin alles steuert. Die „Unauffälligeren“ wählen vielleicht einen selbstdestruktiven Weg, Drogensucht, lebensgefährlichen Extremsport, Unglück und Scherbenhaufen im Leben, zerschossene Beziehungen, Kindesmisshandlung, mir fällt da viel ein. Die „Unauffälligeren“ wählen vielleicht auch einen Weg, der zwar destruktiv ist, aber der Kultur angepasst ist, so dass das Verhalten nicht als abweichend oder kriminell gilt.  Z.B. das Soldatentum oder machtvolle Positionen, in denen extrem vernichtende Entscheidungen getroffen werden können, die dann als ökonomisch-politisch zweckrational gelten, obwohl sie im Grunde Terror sind, mit dem einzigen Ziel der Zerstörung.

Es ist eines der größten Irrtümer der klassischen Gewaltforschung, dass diese sich auf die politische, zweckrationale Dimension fokussiert und dies als Ursache benennt, obwohl dieser Überbau den Akteuren nur dazu dient, sich selbst zu belügen, damit gewissenlos zerstört werden kann, um der Zerstörung willen. Der „rational-politische Überbau“ dient – um es gleich noch mal zu wiederholen - nur als Mittel zum Zweck. Der eigentliche Zweck ist die Zerstörung an sich (gespeist durch Selbsthass auf Grund kindlicher Opfererfahrungen): Zerstörung von Menschen und Umwelt und natürlich vor allem die Selbstzerstörung.
Menschen brauchen aber i.d.R. etwas, um diesen eigentlichen Zweck vor sich selbst zu verschleiern. Einige wenige besonders krasse Täter wie Serienmörder etc. sind da große Ausnahmen. Sie sagen oftmals ganz offen: Ich wollte einfach zerstören,  jemanden abschlachten, jemanden leiden sehen,  wer und wo ist im Grunde egal und eher Zufall. Die meisten anderen destruktiven Menschen, die z.B. für den IS in den Krieg ziehen, brauchen zunächst einen politischen oder religiösen Überbau, irgendetwas, das dazu dient, die Lüge vor sich selbst zu verbergen. (Selbst der Straßenschläger, der jemanden „einfach so“ zusammenschlägt und vielleicht sogar tötet, braucht oftmals eine kleine Rechtfertigung für den Anlass der Gewalt: Er wurde schief angeschaut oder beleidigt oder er wurde darauf hingewiesen, sich zu benehmen. Der Hass und die Wut schlummerten schon vor der Tat in ihm.) Ist der Damm dann erst einmal gebrochen, wird dem Hass freien Lauf gelassen.

Jede neue Tat traumatisiert die Täter wiederum zusätzlich. Fataler Weise fühlen sie sich kurzzeitig durch das Morden lebendig, sterben aber real immer weiter ab. Falls noch leichte Gefühle da waren und eine winzige Verbindung zur Menschheit bestand, wird auch dieses letzte Licht gelöscht. Ich spreche dann immer davon, dass eine Art „Superzombie“ entsteht. Diejenigen, die heute in Syrien Menschen massenhaft und oft grausam umbringen, waren bereits voller Hass und toter Emotionen, als sie loszogen. So man will fühlten sich viele wahrscheinlich bereits innerlich nicht-lebendig, einem Zombie nahe. Der „Superzombie“ entsteht dann durch ihre realen grausamen Taten. Danach gibt es im Grunde kein Zurück mehr zu einem innerlich lebendigen und gefühltem Leben. Der körperliche Tot wird irgendwann zum Ziel und verspricht Erlösung, das Innere ist eh schon tot.

Arno Gruen hat in seinem Buch „Wider den Terrorismus“ (2015) auf Seite 18  - auch mit aktuellem Bezug zum IS - formuliert: „Die tödliche Motivation kommt (…) vor der Ideologie. Diese soll nur die wahren Antriebskräfte verschleiern; die Ideologie ist niemals selbst Motivation.“ Dieser Satz bringt es auf den Punkt, wird aber oftmals immer noch nicht verstanden. In der gesamten Gewaltforschung müsste ein Umdenken in dieser Hinsicht stattfinden, ebenso bei politischen Entscheidungsträgern.

Siehe ergänzend: 

- IS-Terroristen: "Biografien der Vorhölle"

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das klingt alles so plausibel mit der wichtigsten Erklärung der Kindheitsursachen. Es nervt mich, wenn ich mit meinen Erklärungen bei vielen Menschen nicht weiterkomme, ich möchte nicht, dass man mir einseitiges Denken vorwirft. Und können Menschen nicht auch im Erwachsenenalter noch traumatisiert werden und dadurch selbst noch zu grausamen Taten imstande sein? Liegt die Wurzel allen Übels immer nur in der Kindheit?
Je mehr ich mich damit beschäftige (seit 4 Jahren, angefangen hat alles mit Büchern von Alice Miller, die ja auch wenig Beachtung oder viel Ablehnung in Fachkreisen fand), desto logischer erscheint mir unsere gesamte Menschheitsgeschichte.
In mittlerweile 45 Ländern sind Körperstrafen bereits verboten. Aber Gesetze können jahrhundertelange Gewalttraditionen nicht vollständig unschädlich machen.
Das wird noch ein langer Prozess sein. Und Gesetze stehen für manche Menschen eben doch nur auf dem Papier. Ohrfeigen sind immer noch keine Seltenheit. Dazu kommt, dass viele Kinder ihre Rechte zu wenig kennen.
Solche Prozesse können vielleicht durch mehr und mehr Aufklärungsarbeit innerhalb der Familien gestaltet werden. Viele Familien brauchen mehr Unterstützung. Deshalb bin ich froh, dass es in Deutschland schon Familienhilfen gibt.

Ich bin 22, und ich suche oftmals einen Sinn darin, weshalb das Leben so durch Leid geprägt wird. Vor allem - wie hat alles angefangen?
Waren damals vor Tausenden Jahren nicht auch die harten klimatischen Umstände es, der mangelnde Wohlstand, die Notwendigkeit des Überlebens, die auch dazu geführt haben, dass Eltern ihren Kinder so geschadet haben? Auch heute noch gibt es z. B. Naturkatastrophen, die Menschen ebenfalls verändern können.
Dieses Feld der Traumatologie finde ich sehr wichtig. Umso trauriger ist es, dass Traumatologie noch nicht richtig ernst genommen wird. Wenn Europa Flüchtlingen nicht dabei hilft, schreckliche Dinge zu verarbeiten, wird das wieder auf die gesamte Gesellschaft zurückfallen.
Manche Erlebnisse, über die gesprochen wird, verlieren nach und nach an Schrecken. Sprache hat etwas Heilendes.

"Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht." (Abraham Lincoln)
Eigentlich sieht man immer nur ein Schema: Macht und Ohnmacht. Es geht viel darum. Die Wörter "Macht" und "Geld" und "Ruhm" sind mittlerweile sehr negativ belastet. Viele gehen grundsätzlich davon aus, dass Macht, Geld und Ruhm Menschen grundsätzlich destruktiv deformiert und verändert, verblendet und zerstört.
Und besonders Macht und Ohnmacht haben so viele Gesichter, gerade die Macht, die Erziehungsberechtigte über Kinder haben.
Aber es gibt auch mächtige Menschen, die Gutes bewirken.
Deswegen glaube ich, dass Macht nicht grundsätzlich etwas Schlechtes ist. Es geht nur darum, wie mit ihr umgegangen wird.

Bianca Wessely

Michael Kumpmann hat gesagt…

Na ja. Auf der anderen Seite ist es nicht zu leugnen, dass kommunistische Ideologien so gut wie immer militante Extremisten magisch anziehen. Deshalb kann man nicht sagen, dass Lenin, Stalin, Mao, Pol Pots, die RAF etc. die eigentlich "gute Ideologie" missbraucht hätten. (Maximillian de Robespierre kann hier auch eingereiht werden, da der ja einer Art Proto Kommunismus / Frühsozialismus anhing.) Der Missbrauch ist leider in solchen Ideologien schon angelegt. Sonst würden Extremisten nicht davon angezogen werden können, wenn es nicht einen gewissen "Fit" geben würde.

Lilly hat gesagt…

Lieber Sven
Einfach mal ein herzliches Danke für deine guten Artikel und die damit verbundene Mühe und Arbeit!!
Liebe Grüsse
Lilly

Sven Fuchs hat gesagt…

3 Kommentare an einem Tag, das ist ja fast Rekord :-)Herzlichen Dank für Eure Anmerkungen.

Politisch-religiöse Ideologie zieht Menschen sicher auch an, weil sie das Sein vorgibt. Weil sie erklärt, wer man ist und wer die "Anderen", die Feinde sind. menschen, die eine eigene inner Identität aufbauen konnten, werden sich durch Ideologie eher eingeengt fühlen.

@Bianca

Ich glaube, dass Traumatisierungen im Erwachsenenalter keine grausamen Menschen hervorbringt, sofern die Kindheit liebevoll gewesen ist. Allerdings besteht eine andere Gefahr: Wenn Erwachsene schwer traumatisiert werden und dann eigene Kinder aufziehen, könnte sich ein dunkler Schatten auch auf das Leben der Kinder auswirken.
Man selbst war als Kind glücklich, kann aber den eigenen Kindern nicht mehr Glück und Geborgenheit vermitteln, weil das Trauma alles überfrachtet. Dadurch würde die Evolution der Kindheit wieder zurückfallen.

Ich denke auch, dass die Natur und Evolution des Menschen ja eigentlich nur "unser Bestes" wollte. Wir sind eine Art, die unbeschreiblich viel aushalten kann, eben weil die Psyche Schmerz und Leid abspaltet. Dies erhielt uns am Leben, zumindest körperlich, um die Art zu erhalten. Das wir uns heute selbst helfen können - z.B. durch Traumatherapie - ist ein großer Fortschritt.
Dass in vielen Teilen der Welt der Kinderschutz vorangetrieben wird, wird die Menschheit weiter voranbringen.

Anonym hat gesagt…

Der Mann ist gut:
http://www.sueddeutsche.de/panorama/aussenansicht-welche-strafe-muss-sein-1.2602181-2

Ute

Anonym hat gesagt…

Hallo Sven, bin durch Zufall mal auf die bio von Roland Freisler gestoßen. Interessant, dass dieser üble Nazirichter unter anderem einmal Lageraufseher unter den Bolschewiki war. Hier scheint also die Ideologie auch zweitranging zu sein.
https://www.dhm.de/lemo/biografie/roland-freisler

Bei Freisler ist mir aufgefallen, dass er ja nicht nur durch seine Urteile unmenschlich handelte, sondern auch ein Choleriker war, der Angeklagte regelmäßig anschrie und erniedriegte. Besonders in Erinnerung ist mir wie er zu einem Angeklagten sagt 'mit Ihnen werden wir fertig'. Klingt wie ein fieser Vater zum aufmüpfigen Kind. Leider konnte ich nichts zu seiner Kindheit im Detail finden.
Gruss

Sven Fuchs hat gesagt…

Ja interessant. Ein klassisches Beispiel ist ja auch die DDR, die zwar anfänglich durch Russland aufgezwungen wurde, aber es fanden sich reichlich "Genossen", die ihren braunen Mantel einfach gegen einen roten eintauschten.

Michael Kumpmann hat gesagt…

http://www.history.com/news/9-things-you-may-not-know-about-mussolini

Selbst Benito Mussolini war bevor er Faschist wurde ein Kommunist.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Richtig extrem in der Hinsicht war auch Marinettis Gruppe des Futurismus, die Kontakte mit Faschisten, Kommunisten und Anarchisten pflegte und selbst sagte, es sei ihnen egal, wer, so lange diese "Ideologen" nur gewalttätig genug waren.

Denn Krieg sei laut den Futuristen ja der große Reinigungsprozess der Welt.

Was dann darin resultierte, dass sehr viele Futuristen im ersten Weltkrieg getötet wurden.