Freitag, 24. Juni 2016

Brexit - "Warum nicht auch mal im Kollektiv Amok laufen?" Oder: Die Identitätskrisen von Nationen

Unter dem Titel "Wenn Länder Amok laufen" hat der ZEIT-Kolumnist Michael Thuman einige Sätze geschrieben, die die Sache auf den Punkt bringen:
"Warum nicht auch mal im Kollektiv Amok laufen? Die Briten machen es vor. (...) Die schreiende Irrationalität hat gesiegt. (...) Es ist die Identitätsfrage. (...) "Wer sind wir?" und "Was wird aus uns?" Es sind dieselben Fragen, die die Pegida-Demonstranten auf die Straßen treiben. Daraus sprechen Unsicherheit, Angst – und ein rabiater Nationalismus. Im Umkehrschluss wächst die Forderung nach Abschottung, Erlösung in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten und Gleichgeborenen. Die ganze britische Kampagne ist wie Trumps Propaganda von der Identitätsfrage vergiftet."

Es geht um Identität bzw. um die Krise der eigenen Identität, um Erlösungswünsche, um Vergiftung, um Emotionen, um Irrationalität. Ja.

Die psychohistorische Theorie kann die aktuellen Prozesse gut in der Tiefe erklären, wie ich meine. Die ungefestigten, unsicheren Identitäten (auf Grund destruktiver Erziehungspraktiken und Ohnmachtserfahrungen) sind es, die derzeit emotional aufbegehren. Das liegt vor allem an der enormen Entwicklung in der Welt, am Fortschritt, Wachstum, Veränderungen, Flexibilisierung der Lebenswelten, Digitalisierung, am Abschütteln von alten Traditionen (dabei vor allem auch die Geschlechtsrollen), um Flüchtlinge, die Gesellschaften verändern usw. Menschen, die nicht frei, liberal, liebevoll und geborgen aufwachsen durften, werden dadurch besonders erschüttert. Der feste Halt und Rahmen fehlt, die eigene Identität droht gefühlt zu zerfallen (innerlich gefestigte Identitäten sind dagegen nicht so leicht durch äußere Einflüsse umzuhauen), man muss sich wehren und verteidigen, man muss „etwas“ tun. Vor 100 Jahren wäre es jetzt Zeit für einen Weltkrieg, da die gesellschaftlichen Prozesse (und lange Friedenszeiten + mehr an Freiheiten) enormen Druck aufgebaut haben, der sich entladen muss in "Rückschrittsprozssen", Selbstzerstörung und dem Kampf gegen Wachstum und Veränderung, sowie in der Suche nach Feinden und Sündenböcken.

Der Weltkrieg wird aber ausbleiben! Dafür hat sich die Kindererziehungspraxis bei einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung bereits zu sehr modernisiert. Entsprechend entlädt sich der Druck gedämpft und symptomartig in Einzeltaten wie auch der Verrohung von Sprache und Reden usw. Eben all die Dinge, die wir seit Monaten in den Medien verfolgen. Oder eben jetzt im Brexit, was schon eine größere Sache ist (aber immerhin hat fast jeder zweite Brite für den Verbleib in der EU gestimmt!). In den Regionen (Syrien, Afghanistan, Irak, Elfenbeinküste, Jemen usw.) , in denen immer noch die große Mehrheit der Menschen als Kind (vor allem durch Elternfiguren) routinemäßig geschlagen und gedemütigt wurde und wird, entlädt sich der gesellschaftliche Wachstums- und Veränderungsdruck weiterhin in Bürgerkriegen und Terror. Bei uns sind die Symptome Pegida, AFD, rechtsextreme Angriffe & Co., was im Vergleich eine deutlich mildere Reaktion ist, wenn auch trotzdem enorm destruktiv wirkend.

Große Konzerne wie Googel bzw. Alphabet, Apple & Co. haben angekündigt, die Welt in den nächsten 20 Jahren stark zu verändern. Im Westen werden die Menschen diese Revolution emotional aushalten (Einzeltaten, diverse Irrationalitäten und Krisen werden dabei nicht ausbleiben, aber es wird nicht zu vernichtenden Krisen oder gar Kriegen kommen), denn in 20 Jahren bestimmen weitgehend die Menschen das Leben, die relativ modern und liberal erzogen wurden. Um andere Regionen mache ich mir da mehr Sorgen, vor allem Indien, Afrika und den Nahen Osten, evtl. auch China. Wir werden sehen. 

Um nicht missverstanden zu werden. Es gibt diverse Einflüsse, die Krisen und Irrationalität hervorbringen. Das versteht sich für mich von selbst und ich merke dies i.d.R. nicht an. Aber Kindheitseinflüsse werden in den Analysen im Grunde immer ausgeblendet. Deswegen muss ich jetzt etwas dazu schreiben. Dabei ließe sich das Ganze sogar sozialwissenschaftlich nachweisen. Man müsste repräsentativ Brexit-Befürworter und Gegner nach ihren Kindheiten befragen, (Oder die Kindheit von z.B. Pegida-Anhängern mit der der Durchschnittsbevölkerung vergleichen.) Ich bin sicher, dass man signifikante Ergebnisse erhalten würde. Schon jetzt steht fest, dass der Brexit nicht ohne die Generation 50+ (noch deutlicher bei der Generation 65+) stattgefunden hätte ("Brexit-Referendum: Wer hat eigentlich wie gewählt"). Je jünger die Briten, desto mehrheitlicher waren sie für einen Verbleib in der EU. Und fest steht auch: Je jünger die Menschen in der EU, desto weniger elterliche Gewalt und Demütigungen und desto mehr Fürsorge und Liebe haben sie erlebt. Die Alten haben den Jungen die EU-Gemeinschaft geklaut. Zeit für einen Generationswechsel!

Kommentare:

Michael Kumpmann hat gesagt…

na ja. man muss nicht geisteskrank sein, um der eu zu misstrauen. allein schon, wie man mit griechenland in den letzten 5 jahren umging, reicht aus, um der eu zu misstrauen. und nigel farage wirkt auch nicht wie der oberpsychopath.

und du sprachst in deinem text von liberalismus. kerntugend des liberalismus ist das misstrauen gegen machtkonzentrrationen von zentralverwaltungen. ein liberaler muss eigentlich dafür streiten, dass die leute vor ort, die von regelungen betroffen sind, mehr zu entscheiden haben, als leute in belgien. deshalb sind liberalismus und eu skepsis keine gegensätze.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Und es gibt durchaus sehr viele vollkommen rationale Gründe für EU Skepsis.

- Momentan wendet Mario Draghi wörtlich Strategien an, die man hier in Geschichtsbüchern aus dem Kapitel Weimarer Republik kennt. Und gerade als Deutscher muss man Finanzstrategien misstrauen, die am Ende dazu führten, dass man 3 Millionen Reichsmark für eine Scheibe Brot ausgeben musste.

- Die EU hat die Neigung, dubiose Verträge mit anderen Staaten in Hinterzimmern zu verhandeln und weil das Volk diese kritisieren könnte, Informationssperren zu verhängen. Das war nicht nur bei TTIP so, sondern auch bei Dingen wie ACTA etc.

- Die EU hat die Neigungen, Abstimmungen mit unpassendem Ergebnis einfach so lange wiederholen zu lassen, bis das Ergebnis der EU passt.

- Die EU hat ständig versucht, Verfassungswidrige oder zumindest "den Verfassungsrahmen sehr ausreizende" Gesetze in Landesparlamente zu zwingen. Bestes Beispiel ist hier Cäcilia Malmströms Kampagne für die Vorratsdatenspeicherung.

- Mit Dingen wie SWIFT Abkommen hat die EU sehr deutlich gemacht, dass man sehr schnell bereit ist, private Informationen von EU Bürgern an ausländische Geheimdienste zu übergeben.

- Die EU hat ein seltsames Verständnis von freiem Binnenmarkt. (Anstatt nur Staaten an Eingriffen in die Wirtschaft zu hindern (was sowas wie die Dassonville Formel sicherstellen sollen), geht die EU auch soweit, in manchen Stellen aktiv extrem in den Markt einzugreifen, um "freie Märkte" zu erlauben. Ich rede hier vor Allem von gewissen Regeln, wo man erst mal einige Monate bei der Auftragsvergabe warten muss, damit auch der Kleinbetrieb im hinteren Andalusien von der Ausschreibung was mitbekommen hat. )

- Die EU hat ein massives Lobbyismusproblem, wo sich leider auch gerade deutsche Konzerne negativ hervor taten und sogar aktiv Gesetze bestellten.

- Die Pläne zur Aufstellung einer EU Armee können einem schon gruseln.

- Gewisse Regulierungen sind sogar Gesundheitsschädlich. (Wenn Dir eine Energiesparlampe zerbricht, kann das bleibende Vergiftungserscheinungen hervorrufen.)

- Der Umgang mit Griechenland ist ein mehr als abschreckendes Beispiel. (Man hetzt einmal gegen angeblich faule Griechen und gleichzeitig ziehen dort Doktoren mitlerweile Amputationen Antibiotikatherapien vor, weil dank der Sparpakete die Antibiotikatherapien nicht mehr finanzierbar sind. Das ist schon eindeutig Krank. )

Das sind nur ein paar der Gründe, die man aufzählen könnte. Und die Mehrheit davon sind nun nicht wirklich Irrational oder "Geisteskrank".

Michael Kumpmann hat gesagt…

Und zum Thema Flüchtlingskrise: Merkels Verhalten momentan ist auch noch ein Faktor, der den Kessel zum Überlaufen bringt. Merkel bricht ständig normale Vorgehensweisen wie das Dublin Verfahren, macht ständig alleingänge, verhindert Vereinbarungen der anderen EU Länder, und schließt im Namen der gesamten EU irgendwelche persönlichen Vereinbarungen mit Erdogan etc. ohne dass die anderen Staaten vorher gefragt werden. Und die anderen EU Staatschefs schaffen es nicht, Angela Merkel zur Ordnung zu rufen. Und das ist momentan ein Faktor, der in anderen EU Ländern für Wut sorgt. (Stellenweise lieben es die Deutschen dann auch, die Länder, die sich an bestehende Vereinbarungen halten, dann dafür auch noch an den Pranger zu stellen. )

Michael Kumpmann hat gesagt…

Und zu deinen Aussagen von wegen, was Firmen doch alle für ein schönes Wachstum produzieren würden. Ich weiß zum Glück, wie Du das gemeint hast. Wer de Mause aber nicht kennt, und den Artikel zufällig findet, wird das mit dem Wachstum aber wahrscheinlich sehr schnell missverstehen. Ich muss nämlich sagen, das hört sich auf den ersten Blick nämlich eher an, wie eine Aussage von einem FDP Vorsitzenden. (Sorry, ich will jetzt nicht unfein klingen, aber das hört sich wirklich extrem nach FDP an. Und Ich kenne von denen einige Leute von denen und hatte schon Kontakt mit einem Vorstandsmitglied von denen. Deshalb weiß ich, wie die klingen. )

(Ich bin ehrlichgesagt auch überrascht, weil Ich Dich erhlichgesagt bisher für einen Sozialdemokraten hielt und Du mal auf Margaret Thatcher geschimpft hast und Du jetzt so eine Wachstumsargumentation fährst, die auf den ersten Blick nicht recht zu Dir zu passen scheint.)

Sven Fuchs hat gesagt…

Michael,

Deine Kritikpunkte kann ich alle samt nachvollziehen. Es wäre naiv und entspricht nicht meinem Bild vom mündigen Bürger/Bürgerin, wenn wir blind Regierungen vertrauen würden. Die EU hat diverse Schwächen, ebenso unsere deutsche Regierung.

Aber: Schau Dir die Stimmung der normalen Leute in der UK an: "Wir wollen unser Land zurück", "Wir wollen keine Fremden", "Wir wollen wieder Briten sein" usw.
Die Leute argumentieren nicht sachlich wie Du, sie entscheiden zu einem nicht unerheblichen Teil (meine Wahrnehmung) aus einem Gefühl heraus. Darum geht es.

zum Thema "Wachstum". Damit meine nicht nicht nur Geld und Rendite. "Wachstum" kann im privaten z.B. auch eine anfänglich glückliche Beziehung sein, die dann systematisch zerstört wird, weil Individuen es nicht aushalten, wenn es glücklich läuft (Das Täterintrojekt meldet sich dann). Mit "Wachstum" meine ich auch Fortschritte in der Gleichstellung von Homosexuellen, Behinderten, Frauen und natürlich ein mehr an Rechten für Kinder. Und ja, mit Wachstum meine ich auch, dass es den Leuten besser geht, materiell, vom Lebensgefühl her, Sicherheit, Freiheiten, Freizeitmöglichkeiten usw. (und wie Du weißt gehe ich davon aus, dass es stetig in allen erdenklichen Bereich gesellschaftlich in der EU aufwärts geht. Oder willst Du vor 40 Jahren in der EU gelebt haben, vor 50 oder 70 Jahren?) Neulich sah ich einen Bericht über Cornwall, eine ärmere Region, die sehr viel von EU Sonder-Zuwendungen profitiert hat, aber in der mehrheitlich die Leute gegen die EU sind. Sagt das nicht viel aus?

Sven Fuchs hat gesagt…

Und noch was:

Ich bin kein Finanzexperte, aber alle Daten und Nachrichten zeigen doch nur in eine Richtung: Der Brexit wird für die UK ein reines Verlustgeschäft, schlimmstenfalls spaltet sich auch noch das wirtschaftlich starke Schottland ab und bleibt in der EU....
Die Zeiten, wo Länder für sich ihr Ding machen können, sind vorbei. Alle sind enger zusammengerückt und vernetzt. Diejenigen, die so gewählt haben, leben noch 20-30 Jahre mit ihrer Entscheidung. Die Jungen, die in der EU bleiben wollten, haben ihr Leben noch vor sich. Das ganze ist ein wenig zukunftsfähiger Weg.

Wenn die UK in 10-20 Jahren hervorragend da steht und der Austritt ein großer Gewinn für sie war, nehme ich diesen Artikel zurück und erkläre den Brexit zu einer rationalen Entscheidung. Ich glaube aber nicht an einen Gewinn durch diese Aktion.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Das Problem mit dem Nationalismus sehe Ich auch. In England ist das zwar weniger offensichtlich, als mit Le Pens Front National, aber trotzdem stimmt es, dass man das wirklich mit Sorge betrachten kann. Und das hat dann wenig mit Ratio zu tun.

Und zu den Überfremdungsängsten. Nahm England momentan nicht sowieso in der EU die wenigsten Flüchtlinge überhaupt auf? Das zeigt auch, dass diese Ängste nicht wirklich begründet sind.

Und Ich persönlich hätte es ehrlichgesagt auch lieber gehabt, wenn England in der EU geblieben wäre und dafür versucht hätte, die Deutschen und Südländer stärker zurecht zu pfeiffen, wenn die übers Ziel hinausschießen. Viele meiner Kritikpunkte werden jetzt nämlich für die verbleibenden EU Länder schlimmer, weil das Gegengewicht in Form der Briten fehlt.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Zu dem "Wir wollen unser Land zurück": Da gibt es leider noch einen kleinen wahren Kern dabei, obwohl das natürlich von Populisten übertrieben wird. Es gibt ein paar Investment Banker wie George Soros, die tatsächlich versuchen, massiv Einfluss auf die internationale Politik zu nehmen und scheinbar auch gewisse Entscheidungen der US Regierung in der Aussenpolitik mit beeinflusst haben.

Wie gesagt, die Populisten übertreiben das, aber es existiert da schon eine gefährliche Richtung.