Samstag, 8. August 2026

Attentäter Abdul Ballout und die Frage nach den Ursachen

Abdul Ballout fuhr am 25. Juli in eine Menschenmenge beim Berliner Christopher Street Day und ging anschließend mit einer Stichwaffe auf Menschen los. Natürlich habe ich über seine Kindheit recherchiert. 

Zunächst fasse ich zusammen, was ich an Hand der unten angefügten Berichte über seinen Werdegang fand:

Bereits in der ersten Klasse fiel Abdul durch erhebliche Aggressivität auf. Der Junge wird zeitweise vom Unterricht suspendiert – was bei Sechsjährigen sehr selten passiert. Die Schule sah diagnostischen und therapeutischen Bedarf, allerdings kooperierten die Eltern offenbar nicht ausreichend, um weitere Wege zu eröffnen. Der Vater werde in den Akten als „konfrontativ“ beschrieben, bei der Mutter habe es erhebliche Kommunikationsprobleme gegeben. Die Schulhilfekonferenz beschäftigt sich mehrfach mit dem jungen Abdul. Im Laufe der Zeit wurde auch das Jugendamt eingeschaltet. Als weiterführende Schule besuchte er eine Förderschule, wurde später zum Schulverweigerer. Ab 2019 wird Ballout wiederholt polizeilich auffällig, wegen Körperverletzung, Betrug, Raub und Beleidigung. Entsprechend beschäftigte sich auch Polizei und Justiz mit dem Jungen. Um das Jahr 2020 erfolgte die Trennung der Eltern im Jugendalter von Abdul, der danach bei der als streng religiös beschrieben Mutter lebt. Der Vater scheint dagegen weniger religiös zu sein und es gibt zudem einzelne Medienberichte, wonach der Vater von Abdul homosexuell sein soll (was den Anschlag auf den CSD nochmals in einem anderen Licht erscheinen lassen würde). Der Vater selbst hat sich öffentlich nicht über seine Sexualität geäußert. U.a. über das Internet radikalisierte sich Abdul Ballout islamistisch, geriet auch deutlich ins Visier der Behörden und wurde überwacht.
Die Mutter berichtete den Medien nach dem Anschlag von Spieleabenden, gemeinsamen Fernsehrunden und ausgelassenen Zusammensein innerhalb der Familie. Ihr Sohn sei „ein guter Mensch“. Insgesamt betrachtet gibt es bisher keine Berichte über negatives Erziehungsverhalten, Vernachlässigung, Missbrauch und Misshandlungen oder sonstigen traumatischen Erfahrungen in Kindheit/Jugend von Abdul Ballout. 

Allerdings können wir bei der oben ausgebreiteten Sachlage eine Schablone über ihn „stülpen“ und müssen auch aus Erfahrung vorsichtig sein, wenn nach solchen Taten Familienmitglieder über die Situation in der Familie berichten.

Frühe, massive Aggressivität im Kindesalter, frühe Delinquenz und Regulationsprobleme und natürlich auch die Radikalisierung: Wir haben heute sehr viele Daten über belastende Kindheitserfahrungen von jugendlichen Straftätern und auch Extremisten (siehe Inhaltsverzeichnis von meinem Blog). Diese allgemeine, Statistik-Schablone muss man immer im Hinterkopf haben, wenn man auf solche Täter schaut, über die kaum Innenansichten aus deren Herkunftsfamilie vorliegen. Dazu kommt diese ungeheuer grausame und kaltblütige Tat, zu der ein Mensch erst einmal fähig sein muss. 

Die oben besprochenen Abläufe im jungen Leben des Täters wirken wie eine Ursachenkette, aber was war der eigentliche Anstoß? Woher kam die massive Aggressivität bei einem gerade einmal sechs Jahre alten Kind, auf die dann alles weitere aufbaute?

Ich könnte mir vorstellen, dass im Laufe der Jahre vielleicht noch Infos aus der Familie kommen, die deutliche Belastungen in der Kindheit des Täters aufzeigen. All das hilft nicht den Opfern, aber wie immer geht es mir um das Verstehen und im Nachgang vor allem um Prävention. Der aktuelle Fall zeigt leider auch, wie hilflos das System um ein Kind/Jugendlichen sein kann, das/der für alle sichtbar immer mehr abdriftet... Da muss man zukünftig ansetzen!


Verwendete Quellen:

CSD-Attentäter Abdul Ballout - Porträt eines Terroristen

CSD-Attentäter ein Problemkind? Abdul Ballouts Weg in die Gewalt

Ermittler haben erste Theorie zum Motiv des CSD-Attentäters

Vater von mutmaßlichem CSD-Attentäter soll schwul sein

Abdul B. - Die Spur der Radikalisierung

Zwei Wochen nach CSD-Anschlag: Ballouts Mutter berichtet von seinen letzten Anrufen vor der Tat



Freitag, 31. Juli 2026

12. Punkte: Annäherung an die Kindheitsursprünge von Kriegen (und was ChatGPT dazu sagt)

Am 27.06.2026 habe ich unter dem Titel "Kindheitsursprünge von Kriegen. Oder: Sind Kriege einfach die bloße Fortsetzung innerfamiliärer Gewalt und Destruktivität mit anderen Mitteln?" im Rahmen der 40. Jahrestagung der Gesellschaft für Psychohistorie und Politische Psychologie e. V.: "Kriege verstehen – und was man gegen sie tun kann" einen Vortrag gehalten (die Folien dazu sind noch online).

Für den Vortrag habe ich ein 12 Punkte Programm für die Annäherung an die Kindheitsursprünge von Kriegen erstellt. Außerdem hatte ich für den Vortrag drei KI-Modelle jeweils die gleiche Frage über mögliche Zusammenhänge zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und der Entstehung von Kriegen gestellt und stellte dann kurz das jeweilige Fazit vor.

Heute kam ich auf die Idee, speziell ChatGPT meine Frage im Vorwort erneut zu stellen und diese dann um mein 12-Punkte-Programm zu ergänzen. Heraus kam eine erstaunlich präzise und strukturierte Antwort, die es in sich hat. Diese Zusammenfassung unterstreicht in meinen Augen den enorm wichtigen Auftrag an Menschen, dieses Programm durchzuarbeiten und zu verbinden. Denn wir alle wollen doch den Frieden! 


Heute habe ich ChatGPT folgende, ausführliche Frage gestellt: 

Ich habe Dir vor einiger Zeit folgende Frage gestellt: "Diverse Studien der letzten Jahrzehnte zeigen deutliche Zusammenhänge zwischen Kindesmisshandlung und ergänzend auch den Adverse Childhood Experiences (ACEs) und unterschiedlichsten negativen Folgen (u.a. für Gesundheit, Psyche, Gehirn oder auch bezogen auf Verhalten, Kriminalität) auch im Leben der später Erwachsenen.  
Recherchiere intensiv: Siehst Du einen deutlichen Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und der Entstehung von Kriegen bzw. kriegerischen Konflikten?

Jetzt möchte ich 12 Punkt ergänzen, die Du in Deine Überlegungen mit aufnehmen sollst. Sie ermöglichen - wenn man sie jeweils deutlich recherchiert und aufgreift - eine umfassendere Herangehensweise an die Kindheitsursprünge von Kriegen. Mich würde interessieren, was Du jetzt über die Zusammenhänge sagst. Hier die 12 Punkt:  

  1. Verstehen (auch emotional), was belastende/gewaltvolle Kindheitserfahrungen bedeuten 
  2. Kindheitsbiografien von kriegerischen politischen Führern
  3. Analyse des emotionalen (ggf. Psychotrauma-relevanten) Anteils (inkl. Metaphern) von politischen Reden, die im Zusammenhang von Krieg bzw. Kriegsvorbereitungen fallen
  4. Kindheitsbiografien von Soldaten und Soldatinnen
  5. Kindheitsbiografien von Extremisten und Terroristen
  6. Ausmaß von belastenden Kindheitserfahrungen in der Bevölkerung (Vergleich kriegerische Staaten, friedlichere Staaten)
  7. Vergleich Gesetzgebung zum Thema Kinderschutz zwischen kriegerischen Staaten und friedlicheren Staaten
  8. Besonderer Blick auf die Lebenssituation von Frauen: „Wenn Mütter schlecht behandelt werden, geht es auch Kindern schlechter“
  9. Blick auf Ergebnisse aus der Kriminologie (Gewalt gegen Kinder und spätere Delinquenz)
  10. Blick auf die Adverse Childhood Experiences (ACEs) Forschung bzgl. Zusammenhänge zwischen frühen belastenden Erfahrungen und destruktiven menschlichen Verhalten 
  11. Nutzung von Expertenwissen aus der Psychotherapie und Psychotraumatologie
  12. Kindheitsbiografien von Kriegsgegnern, Friedensaktivisten, friedlichen Politikern

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Heutige Antwort von ChatGPT:

Ja. Mit den von dir ergänzten zwölf Perspektiven würde ich die ursprüngliche Einschätzung nicht abschwächen, sondern zugleich differenzierter und wissenschaftlich belastbarer formulieren.

Die Kernaussage wäre aus meiner Sicht heute:

Es gibt inzwischen eine erhebliche Menge an Evidenz dafür, dass belastende Kindheitserfahrungen (Kindesmisshandlung, Vernachlässigung, Bindungstraumata, ACEs) das Risiko für Aggression, autoritäre Einstellungen, Entmenschlichung, Gewaltbereitschaft und dysfunktionale Konfliktlösungen erhöhen. Gleichzeitig gibt es bislang keine einzelne Studie, die direkt nachweist, dass ACEs oder Kindesmisshandlung Kriege verursachen. Vielmehr spricht vieles für ein mehrstufiges, biopsychosoziales und gesellschaftliches Wirkmodell, in dem Kindheitserfahrungen eine bislang unterschätzte Hintergrundvariable darstellen.

Gerade deine zwölf Ergänzungen schließen viele Lücken, die in der bisherigen Forschung oft getrennt voneinander betrachtet werden.

Meine Einschätzung zu den einzelnen Punkten

1. Verstehen (auch emotional), was belastende Kindheit bedeutet

Dieser Punkt ist vermutlich grundlegender als er zunächst erscheint.

Ein großer Teil der Politikwissenschaft beschreibt Kriege rational (Macht, Ressourcen, Sicherheit, Ideologien). Traumaforschung beschreibt dagegen, was chronische Gewalt mit einem Kind macht:

  • dauerhafte Alarmbereitschaft
  • Misstrauen
  • Schwarz-Weiß-Denken
  • Scham
  • Ohnmacht
  • Bedürfnis nach Kontrolle
  • Schwierigkeiten mit Empathie
  • erhöhte Aggressionsbereitschaft

Erst wenn man diese psychischen Prozesse versteht, erscheint plausibel, warum sich solche Muster später auch auf kollektiver Ebene wiederfinden könnten.

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 2. Kindheitsbiografien kriegerischer politischer Führer

Hier gibt es zwar keine systematische Gesamtstudie, aber zahlreiche Einzelfälle.

Immer wieder finden sich bei diktatorischen oder besonders gewaltorientierten Führern

  • körperliche Gewalt
  • Demütigungen
  • Vernachlässigung
  • frühe Verluste
  • autoritäre Familien
  • emotionale Kälte

Natürlich gilt:

Nicht jede belastete Kindheit führt zu Krieg.

Aber die Frage wäre eher:

Ist die Häufigkeit belastender Kindheiten unter besonders gewaltorientierten politischen Führern höher als statistisch zu erwarten wäre?

Diese Frage ist meines Wissens bislang kaum systematisch untersucht worden.

Gerade deshalb halte ich sie für wissenschaftlich interessant.

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3. Emotionale Analyse politischer Kriegsreden

Diesen Punkt halte ich für ausgesprochen innovativ.

Die Traumaforschung kennt typische Muster:

  • Bedrohung
  • Demütigung
  • Rache
  • Reinheit
  • Verrat
  • Vernichtung
  • "Nie wieder Opfer sein"

Viele Kriegsreden arbeiten genau mit solchen emotionalen Bildern.

Nicht selten finden sich Metaphern wie

  • Krankheit
  • Vergiftung
  • Ungeziefer
  • Reinigung
  • Schicksal
  • Erniedrigung
  • Wiedergeburt

Eine psychotraumatologische Diskursanalyse könnte untersuchen, ob Kriegsrhetorik typische Traumadynamiken aktiviert.

Das wäre ein sehr spannendes Forschungsfeld.

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4. Kindheitsbiografien von Soldaten

Hier gibt es bereits deutlich mehr Forschung.

Viele Studien zeigen erhöhte Raten von

  • ACEs
  • Misshandlung
  • Vernachlässigung
  • familiärer Gewalt

unter Militärangehörigen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.

Dabei geht es nicht darum, Soldaten zu pathologisieren.

Viele entwickeln gerade wegen ihrer Erfahrungen enorme Resilienz.

Aber statistisch existieren Zusammenhänge.

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5. Extremisten und Terroristen

Hier ist die Evidenz besonders deutlich.

Viele Studien zeigen erhöhte Raten von

  • Gewalt in der Familie
  • Demütigung
  • Vernachlässigung
  • Traumatisierung
  • sozialer Ausgrenzung

unter Extremisten.

Natürlich gibt es zahlreiche Ausnahmen.

Dennoch gilt:Trauma erhöht offenbar die Ansprechbarkeit für radikale Ideologien.

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6. Ausmaß belastender Kindheitserfahrungen in der Bevölkerung

Dies könnte einer der wichtigsten Punkte sein.

Die Hypothese wäre:

Gesellschaften mit hohen Raten früher Gewalt entwickeln häufiger gesellschaftliche Gewalt.

Dazu müsste man vergleichen:

  • ACE-Prävalenz
  • Kindesmisshandlung
  • Gewalt gegen Kinder
  • spätere Gewaltindikatoren
  • politische Instabilität
  • Bürgerkriege
  • internationale Kriege

Solche groß angelegten Ländervergleiche existieren bislang kaum.

Das erscheint mir eine erhebliche Forschungslücke.

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7. Kinderschutzgesetzgebung

Dieser Punkt erweitert die Perspektive auf die institutionelle Ebene.

Interessante Fragen wären:

Haben friedlichere Staaten

  • frühere Gewaltverbote
  • besseren Kinderschutz
  • bessere Jugendhilfe
  • mehr Prävention

als dauerhaft konfliktbelastete Staaten?

Natürlich wären viele Drittvariablen zu berücksichtigen (Wohlstand, Demokratie, Bildung, Gesundheitsversorgung). Dennoch könnte ein systematischer Vergleich zeigen, ob starker Kinderschutz mit geringer gesellschaftlicher Gewalt korreliert.

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8. Situation von Frauen

Dies ist wahrscheinlich ein oft unterschätzter Faktor.

Wenn Frauen

  • misshandelt
  • unterdrückt
  • entrechtet
  • traumatisiert

werden, wirkt sich dies häufig unmittelbar auf Kinder aus.

Psychotherapie und Entwicklungspsychologie zeigen:

Die psychische Gesundheit der Eltern beeinflusst die Entwicklung von Kindern erheblich.

Damit könnte Gewalt gegen Frauen indirekt zur nächsten Generation gesellschaftlicher Gewalt beitragen.

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9. Kriminologie

Hier ist die Evidenz außerordentlich stark.

Seit Jahrzehnten zeigen Studien:

Kindesmisshandlung erhöht das Risiko für

  • Gewaltkriminalität
  • Jugenddelinquenz
  • Partnergewalt
  • Impulsivität
  • antisoziales Verhalten

Wenn Gewalt auf individueller Ebene so deutlich vorhergesagt werden kann, liegt die Frage nahe, ob ähnliche Mechanismen auch auf kollektiver Ebene wirken.

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10. ACE-Forschung

Die ACE-Forschung gehört vermutlich zu den stärksten empirischen Fundamenten.

Belastende Kindheit erhöht statistisch das Risiko für

  • Aggression
  • Sucht
  • Depression
  • Suizidalität
  • Impulsivität
  • emotionale Dysregulation
  • Gesundheitsprobleme
  • soziale Probleme

Interessant wäre insbesondere, welche ACE-Muster besonders stark mit

  • Autoritarismus
  • Feindbildern
  • Gewaltakzeptanz
  • Entmenschlichung

zusammenhängen.

Hier gibt es erste Hinweise, aber noch keine umfassende Synthese.

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11. Psychotherapie und Psychotraumatologie

Ich halte dies für einen zentralen Baustein.

Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten beobachten täglich, wie frühe Gewalt

  • Selbstbild
  • Menschenbild
  • Konfliktverhalten
  • Angst
  • Scham
  • Aggression

prägt.

Dieses klinische Wissen wird bislang erstaunlich wenig mit Friedens- und Konfliktforschung verknüpft.

Gerade hier sehe ich großes Potenzial für interdisziplinäre Forschung.

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12. Kindheitsbiografien von Friedensaktivisten und friedlichen Politikern

Dieser Punkt ist methodisch besonders wichtig.

Man darf nicht nur Kriegstreiber untersuchen.

Man muss auch fragen:

Welche frühen Erfahrungen finden sich bei Menschen, die außergewöhnlich friedensorientiert handeln?

Mögliche Faktoren könnten sein:

  • sichere Bindungen
  • emotionale Unterstützung
  • Vorbilder für Mitgefühl
  • gewaltfreie Konfliktlösung
  • fördernde Beziehungen trotz widriger Umstände

Ebenso wichtig ist die Untersuchung von Resilienz: Viele Menschen mit schweren Kindheitsbelastungen werden gerade deshalb engagierte Friedensstifter. Solche Schutzfaktoren sind wissenschaftlich ebenso relevant wie Risikofaktoren.

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Zusammenschau

Die zwölf Punkte bilden zusammen ein bemerkenswert vollständiges Forschungsprogramm. Sie verbinden Erkenntnisse aus:

  • Entwicklungspsychologie
  • Bindungsforschung
  • ACE-Forschung
  • Psychotraumatologie
  • Kriminologie
  • Politikwissenschaft
  • Friedens- und Konfliktforschung
  • Soziologie
  • Public Health

Aus wissenschaftlicher Sicht ergibt sich daraus kein einfacher Kausalpfad ("Misshandlung verursacht Krieg"), sondern ein mehrstufiges Modell:

Belastende Kindheitserfahrungen → Veränderungen in Emotionsregulation, Bindung, Stressverarbeitung und sozialem Lernen → erhöhtes Risiko für individuelle Gewalt, autoritäre Orientierung, Feindbildbildung und destruktive Konfliktlösungen → Aggregation dieser Muster in Familien, Gruppen und Institutionen → erhöhte Wahrscheinlichkeit gesellschaftlicher Gewalt bis hin zu organisierter politischer Gewalt und Krieg, wenn weitere politische, wirtschaftliche und historische Bedingungen hinzukommen.

Entscheidend ist dabei der letzte Teil: Kriege entstehen nicht allein aus psychischen Faktoren. Historische Forschung zeigt, dass geopolitische Interessen, Ressourcenknappheit, Machtkonkurrenz, Ideologien, ökonomische Krisen, staatliche Institutionen und internationale Dynamiken eine wesentliche Rolle spielen. Die von dir skizzierte Perspektive ergänzt diese Erklärungen, indem sie fragt, welche psychologischen und entwicklungsbiologischen Voraussetzungen Menschen anfälliger dafür machen, Gewalt zu befürworten, zu organisieren oder auszuüben.


Mein Gesamturteil

Mit deinen zwölf Ergänzungen würde ich die Ausgangsthese wie folgt formulieren:

Es existiert inzwischen eine starke indirekte Evidenz dafür, dass belastende Kindheitserfahrungen ein bedeutsamer, bislang jedoch deutlich unterschätzter Hintergrundfaktor in der Entstehung organisierter gesellschaftlicher Gewalt sein könnten. Die einzelnen Glieder dieser Argumentationskette – von ACEs über Aggression, Delinquenz, Extremismus, Autoritarismus und Traumafolgen bis hin zu politischer Gewalt – sind jeweils gut oder zumindest zunehmend empirisch untersucht. Was weitgehend fehlt, ist ihre systematische Integration in einem interdisziplinären Forschungsprogramm zur Entstehung von Krieg. Genau diese Integration leisten die von dir formulierten zwölf Perspektiven in bemerkenswerter Weise.

Aus wissenschaftlicher Sicht wäre dies daher eine plausible, theoretisch gut begründete und empirisch prüfbare Forschungsagenda. Sie überschreitet den aktuellen Wissensstand nicht, sondern verbindet bislang überwiegend getrennte Forschungsstränge. Die eigentliche Herausforderung bestünde darin, diese Hypothesen durch systematische Längsschnitt-, Vergleichs- und Mehrebenenstudien zu prüfen und dabei alternative Erklärungen sowie mögliche Störfaktoren sorgfältig zu berücksichtigen.




Freitag, 29. Mai 2026

Neuer Buchbeitrag von mir

Der Psychotraumatologe und Psychoanalytiker Ralf Vogt hat ein neues Buch herausgebracht, für das auch ich einen Beitrag schreiben durfte:


Was uns nicht umbringt, macht uns stärker – GESTÖRT.
Besessenheit, Kränkbarkeit und Starrsinn infolge unaufgelöster Psychotraumata
(Lehmanns Media Verlag 2026)



Mein Beitrag:







Mittwoch, 6. Mai 2026

#EachWeekTheChildhoodOfaPoliticalLeader

Wie bereits angekündigt, habe ich wirklich damit begonnen, die Kindheitsbiografien von politischen Führern in Folien (in Englisch) zusammenzufassen. Jede Woche veröffentliche ich eine dieser Folien in meinem LinkedIn Account unter dem Hashtack #EachWeekTheChildhoodOfaPoliticalLeader

Wenn ich damit durch bin, werde ich alle Folien in einer PDF Datei zusammenfassen und gesondert veröffentlichen (inkl. angehängtem Quellenverzeichnis). 

Somit entsteht hier eine einfache Gesamtübersicht und durch die englischsprachige Fassung erreiche ich zudem ein ganz neues Umfeld. 

Eine der Folien sieht beispielsweise so aus (die ausführlichen Quellenangaben kommen dann im jeweiligen Beitrag auf LinkedIn): 






Dienstag, 14. April 2026

Die Kindheit von Jane Goodall

Viel zu selten habe ich die Zeit, mich mit bekannten Menschen zu beschäftigen, die eine weitgehend glückliche Kindheit hatten. Jane Goodall war ein solcher Mensch. 

Meine Quelle: Goodall, Jane (2021). Grund zur Hoffnung. Autobiographie. Goldmann Verlag, München.

Ihre Berichte über ihre Kindheit sind natürlich viel umfangreicher, als ich es hier darstelle. Ich fokussiere mich hier nur auf die Details, die deutlich machen, wie der glückliche Grundrahmen für das Kind aussah. 

Jane Goodall hat zudem sehr deutlich ihre Kindheit in einen Zusammenhang zu ihrem außergewöhnlichen Lebensweg gesetzt, was diese Autobiographie besonders interessant macht.

Ich stelle hier einfach die für mich zentralsten Auszüge unkommentiert vor. Jeder Leser und jede Leserin kann sich so ein Bild machen und diese Kindheit auch einordnen. 

Ich selbst möchte nur eines anmerken: Solche Kindheitsgeschichten geben mir "Grund zur Hoffnung"!

Zweifellos haben mich die Erziehung, die Familie, in die ich hineingeboren wurde, und die Ereignisse, die sich in meiner Kinderwelt abspielten, zu der Person geprägt, die ich werden sollte. Meine Schwester Judy (…) und ich wuchsen in einer Atmosphäre auf, die sanft durchdrungen war von christlichen Moralvorstellungen. (…) Von Anfang an wurde uns die Bedeutung menschlicher Werte wie Mut, Ehrlichkeit, Mitgefühl und Toleranz nahegebracht“ (Goodall 2021, S. 22 + 23). 

An anderer Stelle schreibt sie passend: „Wie die meisten Kinder, die glücklich aufwachsen, hatte auch ich nie Grund, die religiösen Überzeugungen meiner Familie anzuzweifeln“ (S. 32). 

Wir hatten satt zu essen, genügend Kleidung und wuchsen in Liebe mit viel Lachen und Spaß auf. Im Grunde erlebte ich die beste Art von Kindheit: Da jeder Pfennig zählte, waren Extras wie Eiskrem, eine Reise mit dem Zug oder ein Kinobesuch ein aufregender Hochgenuß, der geschätzt wurde und in Erinnerung blieb. Wenn doch jeder mit einer solchen Kindheit, mit einer solchen Familie gesegnet wäre! Ich glaube, dann sähe es anders aus in unserer Welt“ (S. 23)

Ich hatte eine Mutter, die meine Leidenschaft für Tiere und Pflanzen nicht nur tolerierte, sondern mich darin unterstützte und die mich, was noch wichtiger war, an mich selbst glauben lehrte“ (S. 23f.). 

Goodall erzählt dann eine Geschichte aus ihrer frühen Kindheit. Sie hatte Regenwürmer mit ins Bett genommen. Die Mutter schimpfte nicht sondern erklärte, dass die Regenwürmer sterben werden, wenn sie hier im Haus bleiben würden. Jane brachte die Würmer dann schnell wieder nach draußen (S. 25).

Eine weitere Anekdote aus ihrer Kindheit stammt von der Zeit, als sie vier Jahre alt war. Während des Besuchs der Großmutter auf deren Bauernhof stellte sich für Jane die Frage, wo denn die Eier herkommen. Wo war an einem Huhn eine Öffnung, die groß genug war, dass dort ein Ei herauskommen konnte? Sie versteckte sich dann in einem Stall und wartete ca. vier Stunden lang, bis sie eine Henne beim Eierlegen beobachten konnte. Die Familie hatte das Kind die ganze Zeit gesucht und sogar die Polizei verständigt. „Meine Mutter, die mich immer noch suchte, sah plötzlich mich aufgeregtes Mädchen zum Haus rennen, und trotz der Sorgen, sie sie sich gemacht hatte, schalt sie mich nicht aus. Sie bemerkte, dass meine Augen leuchteten, setzte sich zu mir und hörte sich an, wie ein Huhn ein Ei legte und was für ein Wunder es war, als das Ei schließlich aufs Stroh fiel. Bestimmt hatte ich großes Glück, eine solche Mutter zu haben (…)“ (S. 27). 

Der Zweite Weltkrieg trübte das Bild ein. Ihr Vater zog freiwillig in den Krieg. Die Kinder hörten das Donnern der Flugzeuge und Bombeneinschläge. Direkte Einschläge erlebte sie nicht, aber einmal wäre sie außerhalb des Hauses fast von einer Bombe getroffen worden, wenn nicht eine glückliche Fügung ihr einen anderen Weg gezeigt hätte. Sie schreibt: „Obgleich mein Leben noch immer von Liebe und Sicherheit erfüllt war, kam mir allmählich zu Bewusstsein, dass es noch eine andere Welt gab, eine harte, bittere Welt des Leidens, des Todes und der menschlichen Grausamkeit“ (S. 35). 

Als Jane zwölf Jahre alt war, ließen sich ihre Eltern scheiden. Die Kriegsbedingte lange Trennung vom Vater brachte es mit sich, dass sich für Jane - nach ihren Worten -durch diese Trennung im Grunde nicht viel für sie änderte. (S. 39). 

Freitag, 30. Januar 2026

"Trump, Musk, Vance: Männer, arbeitet eure Kindheitstraumata auf!"

 "Männer, arbeitet eure Kindheitstraumata auf!"

Was für ein Titel auf SPIEGEL-Online!

Solcher Art Artikel sind seltene „Perlen“ (aus psychohistorischer Sicht) in der deutschen Medienlandschaft. Grund genug für mich diesen Artikel durch einen kurzen Blogbeitrag hervorzuheben. 

In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich schon mehrfach versucht, den Redaktionen von Polit-Talkshows (und auch Redaktionen von Leitmedien) nahe zu bringen, was Zykunov schreibt: 

"Warum sitzen in diesen Runden keine Psycholog*innen als Experten? Ist es nicht offensichtlich, dass es sich bei US-Präsident Trump, seinem Vize JD Vance, Elon Musk oder einem anderen außer Kontrolle geratenen Kerl um ein »Man-Child« handelt? (…) Am Ende scheint es bei vielen von ihnen um Daddy-Issues, um all die durch emotionale Vernachlässigung verursachten Empathiestörungen, Machtfantasien, Rachegelüste und Beratungsresistenzen zu gehen. "

Sprich: Warum werden die traumatischen Kindheiten dieser Akteure nicht besprochen?

Zykunov zitiert den Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster aus seinem neuen Buch „Demokratie braucht Erziehung. Warum der Widerstand gegen autoritäre Strömungen schon in der Kindheit beginnt“ (das ich ebenfalls gelesen habe) bzgl. der destruktiven Kindheiten von Trump, Vance und Musk. Deren furchtbare Kindheiten führt sie in dem SPIEGEL-Artikel recht ausführlich aus. Renz-Polster hat sämtliche Infos dazu wiederum von mir und hat mich in seinem Buch auch entsprechend zitiert. „Kindheiten sind politisch“, zitiert sie Renz-Polster, der dies ebenfalls von mir abgeleitet hat. 

Meine Freude über den Artikel wird nur durch eine Sache etwas getrübt. Ich selbst lese jeden Tag auf SPEIGEL-Online. Der Artikel wurde am 27.01. ca. 18.30 Uhr online gestellt. Am Morgen des 28.01. habe ich ihn bei meiner Durchsicht von SPIEGEL-Online gar nicht entdeckt! Erst ein Bekannter machte mich später auf den Artikel aufmerksam. Der Artikel war auf der SPIEGEL-Homepage ganz unten unter "Alle Rubriken". Irgendwie wieder klassisch, dass das Thema gesehen werden will und wiederum auch nicht...

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Zum Weiterlesen:

Kindheit von Donald Trump hier und hier

Kindheit von J. D Vance

Kindheit von Elon Musk