Freitag, 3. Juni 2016

Serienmörder Frank Gust und wie Fachmensch an dessen Kindheitsalptraum vorbeisehen kann

In der Sendung „Markus Lanz“ vom 26.05.2016  habe ich aufmerksam und mit Interesse die Redebeiträge des geladenen Experten und Polizeipsychologen Adolf Gallwitz verfolgt. Ich empfand Herrn Gallwitz als sehr informierten und fundierten Fachmann bzgl. des Themas Mord bzw. Serienmord. An einer Stelle allerdings fragte Herr Lanz, wann der Wunsch in einem Menschen entstehen würde, andere zu quälen und umzubringen und er fügte an: „Woher kommt das, dieser Wille jemand anderen zu vernichten?

Der Experte antwortete an Hand des Fallbeispiels „Frank Gust“, der inhaftiert ist und diverse grausame Morde begangen und auch Tiere gequält hat (der Fall war mir persönlich vor dieser Sendung gar nicht bekannt). Er berichtete von Schlüsselerlebnissen in der Kindheit des Täters. Gust habe Tiere grausam getötet und dabei quasi sein Interesse und (sexuelle) Lust am Töten gefunden. Bzgl. der Frage des „Warum?“ sagte Gallwitz, es ginge oft auch um Geborgenheit. Die Sadisten hätten die Liebe der Mutter, wie sie sich es gewünscht hätten, nie bekommen und würden sie erzwingen wollen. Er ergänzte: „Sie wollten die Mutter daran hindern, dass sie aufhören kann, ihn lieb zu haben, weil er sich vielleicht subjektiv nie lieb gehabt gefühlt (kurze Pause) und deswegen dominieren sie Menschen, manchmal vielleicht bevorzugt Frauen.“ Nun, der Satz an sich ist etwas durcheinandergeraten und in sich verwirrend. In so einer Sendung kann das passieren, aber der Gehalt dessen, was Gallwitz bzgl. des Falls „Frank Gust“ rüberbringen wollte, kam durchaus an und ließ letztlich Fragezeichen im Raum. Braucht es also nicht viel, damit ein Mensch zum Mörder gar Serienmörder wird?

Ich muss gestehen, dass ich richtig ärgerlich wurde, als ich nach der Sendung kurz bei Googel „Frank Gust Kindheit“ eingab und gleich durch den ersten Treffer (http://www.peta.de/frankgust#.V1AH5Ltf3VI ) ein erstes erschütterndes Bild bekam.  Die Pädagogin und Kriminologin Petra Klages schrieb dem vorgenannten Link folgendes: „Gust erlebte in seiner Kindheit das, was viele Mörder und Serienmörder erleiden – er wuchs in einer lieblosen, kalten Familie auf und wurde außerhalb der Familie sexuell missbraucht, gefoltert, immer wieder vergewaltigt. Er veränderte sich, wurde zum notorischen Lügner, isolierte sich von seiner Umgebung und begann Tiere zu quälen und zu töten.“ Den Text kann man auch auf der Homepage von Petra Klages nachlesen: http://www.petra-klages.de/frank-gust.html

In dem Text schreibt die Fachfrau auch allgemein: „Mit ihren grausamen Taten reinszenieren sie häufig selbst erlittene Verletzungen ihrer kindlichen Psyche. Serienmörder und auch Mörder wachsen überproportional häufig innerhalb einer zerstörerisch wirkenden Familie auf. Häufig ist der Vater gewalttätig, es werden Drogen konsumiert, die Kinder werden vernachlässigt, körperlich und teilweise sexuell missbraucht. Aus Gewalttätigkeit entsteht verständlicherweise nur selten Positives, sondern produziert wiederum Gewalt.“

Auf der Seite hat Frau Klages auch einen Link zu einem Interview mit ihr und Frank Gust gesetzt. In dem Auszug fasst sie am Anfang zusammen, dass Frank Gust als Kind sexuell missbraucht wurde, in diversen, oft gewalttätigen Formen. Herr Gust gehe davon aus, dass seine Mutter und sein Stiefvater von dem Missbrauch wussten und davon profitierten. Fast täglich wurde Frank als Kind sexuell missbraucht, sein Hintern war aufgerissen und blutete oft „wie Sau“, sagte Gust. O-Ton Gust zu dem Missbrauch: „Das war für mich genauso normal, wie für andere Gleichaltrige Fußballspielen“.

Herr Gallwitz ist Experte (u.a. auch für Kindesmissbrauch), Gutachter, Psychologe, Profiler, Buchautor. Er arbeitet für die Polizei. Er war Dozent an der Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg usw. Und er war bei Markus Lanz vor einem großen Publikum und wurden nach dem „Warum?“ bzgl. grausamer Taten gefragt. Dabei hat er sich bewusst für seine Antwort den Fall Gust gewählt und ist mit keinem Wort auf seine unglaublich schlimme Kindheit eingegangen. Etwas von zu wenig mütterlicher Liebe hat er erwähnt, aber „keine Liebe“ reicht nicht, um einen Menschen in einen Serienmörder zu verwandeln. Ich habe in den letzten Jahren unzählige andere Experten wahrgenommen, die in der Öffentlichkeit um das Thema Kindheit herum oder öfter noch ganz daran vorbeireden, wenn es um das „Warum?“ geht. Dieses Agieren von Expertenseite ist mit ein Grund dafür, warum die im Grunde längst erforschten Fundamente, aus denen heraus Mörder und Gewalttäter erwachsen können, nicht in der Gesellschaft zum Allgemeinwissen gehören.

Die Aussagen von Hern Gallwitz haben mich besonders geärgert, weil die Kindheitshintergründe des erwähnten Falles längst aufgedeckt wurden. Es sei denn, man glaubt den Angaben von Gust nicht, so wie offensichtlich der Psychiater Michael Osterheider, der mit Gust etliche Gespräche geführt hat. „`Gust hat alle möglichen Angaben gemacht, um darstellen zu können, wie schwer seine Kindheit gewesen ist. Nirgendwo konnten diese Hinweise objektiviert werden`´, sagt Osterheider. `Er hat einen Bruder, der in der gleichen Umgebung groß geworden ist, und der ist nicht straffällig geworden.` “ (faz.net, 11.07.2011, „Der böse Wolf“)

Die Mutter von Frank Gust ist nach eigenen Angaben als Kind selbst „ständig sexuell missbraucht“ worden. Sie sei gerade deswegen total fertig gewesen, als vor Gericht Berichte über den sexuellen Missbrauch an ihren Sohn in dessen Kindheit auftauchten. Sie habe ihren Sohn dann angeschrieben und ihr Sohn habe in seiner Antwort den Missbrauchsvorwurf widerrufen. (ZDF, „Mein Sohn, der Mörder“, ab ca. 20. Minute  ). Dies sei für sie als Mutter sehr wichtig gewesen, „dass das so nicht stehen bleibt.“.
Puh, als ich diese Aussage der Mutter gehört habe, musste ich erst einmal durchatmen. Der gesamte Bericht der Mutter ist sehr interessant, nicht so sehr bzgl. der Inhalte, sondern eher wie sie auf mich wirkt, vor allem in Situationen, wo sie emotional wirken möchte. Bei mir persönlich kommt nichts an Emotionen an, wenn diese Frau etwas sagt. Es ist mein persönlicher Eindruck. Sie wirkt auf mich sehr kalt. Dass sie selbst als Kind ständig sexuell missbraucht wurde, macht für mich die Aussagen ihres Sohnes noch einmal glaubhafter. Es ist fast schon klassisch, dass Mütter, die selbst sexuell missbraucht worden sind, oftmals keine Warnsignale wahrnehmen, wenn dies ihrem eigenen Kind passiert, gerade weil ihre eigenen Grenzen einst eingetreten wurden. Und natürlich neigen Menschen mit so einer Geschichte leider auch manches mal dazu, sich Partner zu suchen, die eine dunkle Seite haben, was wiederum die Aussagen von Frank bzgl. seines von ihm als kalt und streng erlebten Stiefvaters stützen würde. Deutlich gemacht hat die Mutter in ihrer oben zitierten Aussage, dass sie ihren Sohn unter Druck gesetzt hat. Ich knüpfe dies jetzt gedanklich weiter: Einen sexuellen Missbrauch darf es nicht geben, das ist nicht passiert, alles ist gut. Sind das nicht genau die Sätze, die man in der Fachliteratur über sexuellen Missbrauch immer wieder findet, wenn es um das familiäre Umfeld geht, das das Kind nicht schützen konnte oder wollte? Und wie oft kommt es vor, dass (auch erwachsene) Kinder ihre Vorwürfe zurückziehen, wenn sie Druck aus der Familie bekommen?

Ich verweise allerdings noch mal auf den oben zitierten Audioauszug, in dem Frank Gust über den Missbrauch eindeutig berichtet. Das klingt für mich sehr authentisch. Und es macht vor allem auch Sinn, denn er ist nun mal ein Serienmörder geworden und kein Ladendieb! Petra Klages schreibt an anderer Stelle: „Je stärker das Trauma, dem ein Täter in seiner Kindheit ausgesetzt war, desto fürchterlicher können seine Wut und seine eigenen Taten werden. Das hört sich fürchterlich banal an. Ist es aber nicht, denn es gibt sehr viele Arten, ein Kind zu zerstören. Manche wurden leider erst in der Neuzeit verstanden.“ (Klages, Petra (Hrsg.) (2011). Serienmord und Kannibalismus in Deutschland. Graz: Sammler Verlag. Kindle E-Book Edition, Position 190)
Die Taten deuten also an sich bereits auf Kindheitshintergründe hin, je nachdem wie grausam und in welchem Rahmen die Taten ausgeführt wurden. Dazu gibt es in der Kriminalpsychologie auch bereits explorative Forschungsansätze.

Ich habe noch etwas weiter recherchiert. Petra Klages hat in dem Buch "Brieffreundschaft“ mit einem Serienmörder (http://www.petra-klages.de/serienmord.html) Axel F. (Pseudonym, das sie für viele Mörder in ihren Arbeiten nutzt) ausführlich zu Wort kommen lassen. Hinter „Axel F.“ verbirgt sich sehr wahrscheinlich Frank Gust. Das Buch habe ich nicht gelesen, aber alle Berichte über das Buch stellen klar, dass die Kindheit des Serienmörders ein Alptraum war.
Als Buchbeschreibung steht unter vorgenannten Link: „Am Anfang ist da ein kleiner Junge, offensichtlich weich, liebebedürftig, meist  ausgeschlossen aus dem Kreis der Spielkameraden seines Bruders. Als der neue Stiefvater aber der Mutter Zärtlichkeit zu dem Sohn untersagt und ihm nur mit Härte begegnet, wird das Kind zum geeigneten Zielobjekt eines pädophilen Nachbarn. Auf perverse Weise nutzt dieser die Sehnsucht des Jungen aus,  groß und stark zu werden und all den Kränkungen seiner Umgebung zu entgehen. Was dann folgt,  ist die Hölle, ist Inferno. Es sind derart unglaubliche Geschichten, dass man immer wieder an ihnen zweifeln möchte - und doch zu dem Schluss kommt: Wenn auch nur die Hälfte stimmen mag, ist es des  Bösen immer noch zu viel.“
Es gibt auch eine private Rezension zu dem Buch, die es in sich hat: http://thanatischemanifestationen.blogspot.de/2014/04/review-brieffreundschaft-mit-einem.html

Demnach waren beide Eltern grausam zu „Axel. F“, später wurde er neben den Missbrauch durch einen Nachbarn auch an andere „Pädophile“ verkauft.

Nachdem, was ich oben dargestellt habe, hätten Herr Gallwitz bei Lanz antworten müssen:
Wissen Sie, nehmen wir den Fall Frank Gust. Frank erlebte als Kind nach eigenen Angaben einen Alptraum aus Gewalt, Kälte, Vernachlässigung und fast täglichem, schwerem sexuellen Missbrauch. Es gab keine Hilfe, keinen Trost. Das entschuldigt natürlich nichts und natürlich werden nicht alle missbrauchten Kinder später Serienmörder, aber es beantwortet vielleicht dennoch ihre Frage, lieber Herr Lanz.

(Einen Hinweis auf diesen Text habe ich Herrn Gallwitz zukommen lassen.)


Mehr zum Thema hier im Blog:

- James Gilligan: Gewalt 

- Jonathan H. Pincus: Was Menschen zu Mördern macht
 
- Stephen Harbort: Das Serien-Mörder-Prinzip.

- Basiswissen für die Kriminologie direkt aus dem Gefängnis: Das Kindheitsleid der Täter 

+ rechts in der Leiste diverse Massenmörder, deren Kindheit ich analysiert habe.




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