Mittwoch, 14. September 2016

Ursachen des Zorns junger Männer

Im SWR, 08.09.2016, lief die Dokumentation „Der Zorn junger Männer“ (von Uli Kick) (leider ist nur noch der Trailer online), in der wegen schwerer Körperverletzung angeklagte junge Männer während eines Anti-Aggressions-Trainings begleitet werden. Das Training müssen sie durchziehen, wenn sie nicht ins Gefängnis wollen.
Ein junger Mann berichtet über das Verhältnis zu seinen Eltern. Die Beziehung zu seiner Mutter sei „o.k.“, wie er lapidar sagt.  Sein Stiefvater habe ihn mit der Faust geschlagen. (ca. ab Minute 18 in der Doku) Diese Schläge seien „ein paar Mal“ vorgekommen. Danach stockt er und ergänzt: „Hab aufgehört zu zählen“. Der junge Mann ist dabei gänzlich teilnahmslos, zeigt keine Emotionen.

Das Selbe gilt für den nächsten jungen Mann, der ohne jegliche Regung aussagt, er hätte schon manchmal von seinem Vater „eine bekommen, das ist ja völlig normal“. Auf Nachfrage wird er dann konkreter: „Mal ne Ohrfeige oder mit dem Gürtel, ne Schelle oder ne Faust“. Er hätte zwar Schmerzen gehabt, hätte aber nicht geblutet oder bleibende Spuren gehabt. Er habe halt verstanden, was er falsch gemacht hatte. Auf Nachfrage sagt er bzgl. der Häufigkeit der Schläge pro Situation: „10 bis 15 Schläge“. Mit 11 Jahren, als er beim Rauchen erwischt wurde, habe er so viele Schläge bekommen, dass er ab dem 15. Schlag aufgehört habe zu zählen. 
Der Pädagoge fragt: „Und das ist normal?“.
Antwort: „Ich finde es gut, dass er das gemacht hat.
Frage des Pädagogen: „Warum?“.
Antwort: „Weil mir das gezeigt hat, dass ich einfach manche Sachen nicht mache. Ok ich rauche zwar immer noch, aber bei manchen Sachen hat es was gebracht, bei den meisten“.
Der Pädagoge fragt erneut, ob es ok sei, dass ein Vater seinen Gürtel auszieht und zuschlägt.
Antwort: „Bei uns in Russland ist das halt so, ich würde mein Kind genauso erziehen. Ich würde es gar nicht anders machen.


Diese Aussage hört man oft von als Kind schwer misshandelten Menschen, sie ist jedes Mal erneut schwer zu ertragen. Alle diese jungen Männer in der Doku wirken auf mich emotional erkaltet. Sogar die Gesichtszüge sind bei vielen komplett erstarrt. Lachen tun sie nur, wenn es um blöde Sprüche geht, wenn sie über Gewalt reden oder wenn sie unsicher sind. Klassisch ist also auch, dass – sofern es konkrete Erinnerungen an Misshandlungen gibt, was nicht selbstverständlich ist – eigene Schilderungen über dieses Erleben teilnahmslos daherkommt. Keine Emotion. Keine Traurigkeit. Keine Tränen. Kein Mitgefühl für das Kind, das diese Täter einst selbst waren. Manches Mal sogar Zustimmung zu der Gewalt, wie oben beschrieben. Was alle diese Männer haben ist allerdings ihr Hass und ihr Zorn. 
Laut Doku ist die Rückfallquote nach dem Training relativ gering. Ich habe da meine Zweifel. Zunächst müssten diese jungen Männer emotional "reanimiert"werden und das dauert in Therapie sicher Monate, manchmal Jahre. Sie müssten aus der emotionalen Starre zurückgeholt werden. Dafür müssten sie sich aber auch an das verletzte Kind herantrauen, das sie einst waren. Mit all den schmerzlichen Gefühlen. Und natürlich müssen sie sich auch emotional mit ihrem Tätersein befassen. Ob diese jungen Männer dies schaffen? Ich bin mir nicht sicher....



Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Sven

Ich habe soeben gesehen, dass die Doku auf "youtube" angeschaut werden kann.

Zum Beispiel hier: https://www.youtube.com/watch?v=MiZVfpsS_60

oder hier: https://www.youtube.com/watch?v=XwWAoKTO0Ao

Gruss
Mario

Sven Fuchs hat gesagt…

Danke, Mario!

Anonym hat gesagt…

Der Kommentar von "Marco Beretta" zu dieser Doku (bei "youtube") könnte von mir sein, denn ich sehe es sehr ähnlich. Auch ich habe in der Doku vermisst, dass die "Trainer" nicht wirklich auf die Hintergründe der Gewaltursache eingegangen sind und stattdessen recht unzimperlich mit den jungen Männern umgegangen sind, so, als wären diese an allem, was sie getan haben, selber schuld. Das ist überhaupt eine Frage, die ich mir oft stelle: wann ist ein Mensch verantwortlich für sein Verhalten, für seine Taten? Kann man da einfach irgendein Alter festlegen? Und was heisst in diesem Zusammenhang schon "Erwachsen sein"? Wem oder welcher Sache erwachsen? Können junge Menschen, die eine sehr unglückliche Kindheit hatten mit vielen Schlägen und Demütigungen und die dann "durchdrehen", "Amok laufen" usw., verantwortlich gemacht werden dafür, wo sie doch aufgrund ihrer Erlebnisse und Erfahrungen gar nicht anders können, weil sie so getrieben sind vom Wiederholungszwang und gar nicht wirklich wissen bzw. einschätzen können, was sie eigentlich tun?

Anonym hat gesagt…

Der Anonym bin ich, Mario. :-)

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo Mario,

gerade in der heutigen Zeit, hier in Deutschland, mit all den Hilfsangeboten usw. sind die Männer voll verantwortlich dafür, was sie tun! Wenn solche Männer auf Grund ihrer Erfahrungen unbändige Wut in sich haben, vielleicht sogar an Amok denken, dann kann ich das ursächlich verstehen. Sie MÜSSEN dann aber losgehen und sagen "Ich drehe bald durch", "ich bringe jemanden um", "ich glaube, ich verliere die Kontrolle über mich" und sich notfalls stationär einweisen lassen. Diese Stärke haben einige und einige haben sie nicht. Deswegen bin ich grundsätzlich, wie Du weißt, für Prävention bereits im Kindesalter, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist....

Zur Doku:
Die Bild- und Redebeiträge sind Auszüge und viel ist geschnitten. Wir wissen nicht, was evtl. noch in dem Training stattfand. Allerdings sehe ich die Kritik ähnlich:
Ich habe oben ja Frage und Antwort einer Situation zitiert. Dabei hat mir in der Tat gefehlt, dass der Pädagoge in etwa anschließt:
"Junge, merkst Du eigentlich, was du da gerade sagst? Siehst Du denn nicht den Zusammenhang? Du schlägst auf Menschen ein und das kümmert Dich nicht. Du selbst wurdest ständig geschlagen und hältst das sogar für richtig. Das ist verdreht. Da ist etwas mit Dir passiert. Junge, wenn Du diesen Zusammenhang nicht siehst, nichts fühlst, dann brauchst Du dringend langjährige Hilfe, die Du in einem Training wie hier nicht bekommen kannst."