Donnerstag, 4. Mai 2017

Fallbeispiel Beate Zschäpe: Opfer vom Opfer = kein Täter?

SPIEGEL-Online hat aktuell in einen Artikel (03.05.2017, "NSU-Prozess.Das zweite Gesicht der Beate Zschäpe", von Beate Lakotta) über Beate Zschäpe die Frage ihrer Schuldfähigkeit und ein neues Gutachten von dem Psychiater Joachim Bauer besprochen. Der Artikel an sich ist bereits ungewöhnlich, wenn man sich die ansonsten verbreitete Berichterstattung über TäterInnen anschaut.
Der Artikel beginnt so: „Es gibt Situationen in frühester Kindheit, die so zerstörerisch sein können, dass sie einen Menschen immer wieder einholen im Leben. Dauerhafte Vernachlässigung zum Beispiel. Der Mensch kann sich dann später im Leben womöglich nicht wehren, wenn die alte Verlassenheitspanik in ihm hochsteigt, die er als Säugling erlebte oder als Kleinkind. Schon die Vorstellung, allein zu sein, bringt Todesangst hervor.“ Es geht um die Kindheit von Beate Zschäpe, so die SPIEGEL-Autorin.
Im Artikel wird auch über die Vernachlässigung und häufige Wechsel von Erziehungspersonen in Zschäpes Kindheit berichtet. Ebenso wird auf den Alkoholismus von Zschäpes Mutter eingegangen. Zschäpes Mutter „habe oft volltrunken auf dem Fußboden in der Wohnung gelegen, manchmal im eigenen Erbrochenen. Sie habe sich geschämt und Angst gehabt, Freundinnen mit nach Hause zu bringen.“ (In Bauers Gutachten kam ergänzend  auch krasse häusliche Gewalt durch Böhnhardt gegen Zschäpe zur Sprache.) Eine solche direkte Berichterstattung über destruktive Kindheitshintergründe und Opfererfahrungen von TäterInnen finde ich natürlich vom Grundsatz her erfreulich und fortschrittlich.
Joachim Bauer diagnostiziert nun in seinem Gutachten nach vorherigen 14 Gesprächsstunden mit Zschäpe eine „abhängige Persönlichkeitsstörung“. Sie sei entsprechend „vermindert schuldfähig“.

Ich nutzte diesen Bericht heute einmal, um mich nochmal deutlich zu positionieren. Beate Zschäpe ist eindeutig ein Opfer. Als Kind Opfer von destruktiven Erwachsenen, die Macht über sie hatten. Als Frau Opfer von (schwerer) häuslicher Gewalt durch Böhnhardt. Aber bedeutet dies jetzt, dass die Opfer des NSU-Trios einem Opfer gegenüberstehen? Nein, das bedeutet es nicht! Die Opfer der NSU und deren Hinterbliebenen sind Opfer von Tätern geworden! Und Beate Zschäpe war Teil dieses Tätertrios. Punkt.
Die Opfererfahrungen dieser Täter sind nur bzgl. der Erklärungen nützlich, wie es zu den Taten kommen konnte. Die Opfererfahrungen der Täter und das Reden darüber sind desweiteren nützlich, weil so zukünftig Taten präventiv verhindert werden können; weil wir heute wissen, wie bedeutsam Kindheitserfahrungen bei der Genese von Gewalt und Hass sind. Die Opfererfahrungen der Täter wären für diese „Täter-Opfer“ ansonsten noch eine eigene Anklage an ihre Täter (vor allem die Eltern) wert oder ein wichtiger Teil in einer Therapie. Dies wäre aber persönliche Sache von Zschäpe und hat die Opfer des NSU-Trios herzlich wenig zu interessieren.

Opfer eines Opfers zu werden bedeutet immer, dass es eine Tat und einen Täter / eine Täterin gibt. Opfer eines Opfers zu werden, entlässt das Opfer, das zum Täter/Mittäter wurde, nicht aus seiner Verantwortung und befreit nicht von Schuld.

Ich persönlich hoffe sehr auf ein ausgewogenes, gerechtes Urteil der zuständigen Strafkammer.

Kommentare:

Anita Wedell hat gesagt…

Lieber Sven,

GENAU SO iST ES! Als Erwachsene haben wir nämlich
die Möglichkeit unser Opfer gewesen sein,
zu erkennen, siehe dazu:

ich habe eine PDF gemacht, weil meine Antwort
mal wieder zu lang ausgefallen ist
& füge sie an dieser
Stelle

ein: http://anita-wedell.com/wp-content/uploads/2017/05/Kommentar-in-Sven-Fuchs-Fallbeispiel-Beate-Zschaepe-Opfer-vom-Opfer-kein-Taeter.pdf
& schreibe meinen Kommentar, an dieser
Stelle nur verkürzt weiter:

Beate Zschäpe hätte diesen Mut auch
entwickeln können & aufklären
helfen, anstelle sich
Destruktiven

Tätigkeiten, auf Basis ihrer
Selbstverleugnung zu
widmen, auf

ihrer Flucht vor sich selbst ...
http://www.alice-miller.com/de/denkblockaden/

wie alle Menschen, welche den Mut nicht
haben, das Wissen, das uns zur Verfügung steht
mit Hilfe ☛ alice-miller.com ♥ anzuwenden
auf dem Weg zu sich selbst
zum Frieden mit
sich

selbst & damit zum Weltfrieden ♥
& dem Ende von HartzIV &
sonstiger

struktureller Gewalt, ich beende es an
dieser Stelle, weil ich jedesmal
selber ein Buch schreiben
könnte ...

Die Website von ☛ alice-miller.com ♥ ist eine
der wichtigsten Websiten auf der Welt
weil sie uns auch & gerade
jetzt, als

Erwachsene ermöglicht (in Ermangelung
kompetenter Ärzte & Therapeuten
als Wissende Zeugen)

unser Trauma zu erkennen & zu überwinden
http://www.alice-miller.com/de/der-langste-weg/
http://www.alice-miller.com/de/abbruch-der-schweigemauer-2/

Menschen, die all das nicht erkennen dürfen
sind immer tickende Zeitbomben &
bedingt schuldfähig
weil sie

können Recht von Unrecht nicht unterscheiden
https://dejure.org/gesetze/StGB/20.html

handeln fremdgefährdend & gehören auf
keinen Fall an Machtpositionen, als
Jurist, Mediziner, Arbeitnehmer
oder Politiker, die Liste
ist unvollständig

Wir alle leiden darunter ... das Leid
des Einzelnen wird zu unserem
kollektivem Leid

gem. Abs. I http://www.alice-miller.com/de/manifest/
1. Einleitung Nr. 6.b http://www.alice-miller.com/de/gesprach-uber-kindheit-und-politik/

**Rechtsbankrott http://www.rechtsbankrott.info/
überwinden wir nicht mit Selbstverleugnung
sondern nur mit Wahrhaftigkeit
= Empathie mit uns
selbst ♥

Danke ♥ lieber Sven Fuchs !

Anonym hat gesagt…

Hallo :-),
ich war jetzt schon so einige Male hier auf der Seite "kriegsursachen.blogspot" und es tut gut, die hier veröffentlichten Texte lesen zu können....
DANKE !!! :-)) für diese tiefgründige Auseinandersetzung mit der - so komplexen - Thematik der Kriegsursachen.
Was mich diesbezüglich auch immer wieder beschäftigt,ist die Frage.:
"Wie kann es gesamtgesellschaftlich gelingen, dass ehemalige Opfer sich nicht, bzw. immer weniger, mit den Täter-Introjekten - unbewusst oder bewusst - identifizieren und dann folgerichtig nicht mehr zum Täter werden ?
...
Ich vertrete die Auffassung, dass Therapien nur dann die Identifikation mit den Täterintrojekten, und so auch die Weitergabe der Täterintrojekte, verhindern können, wenn die Täter-Opfer-Spaltung überwunden wird. Und genau das, diese Überwindung der Täter-Opfer-Spaltung, müsste in Trauma-Therapien eine entscheidende Rolle spielen, um dann dadurch das ursächliche Leid zu überwinden.
Um eben aus der Gewaltspirale, die doch immer nur neues Leid erzeugt, aussteigen zu können.
...
Was denken andere darüber ?
...
Nochmals, DANKE !...

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo "Anonym",

danke für die positive Kritik :-)

Die Täter-Opfer-Spaltung kann in Therapien nur aufgelöst werden, wenn 1. die Therapeuten darum wissen bzw. gut ausgebildet und auch menschlich in der Lage sind, die Dinge zu erkennen und 2. Die Menschen, die in Therapie gehen, auch einen echten Willen mitbringen, Dinge anzugehen und auch ein Ziel haben, wo sie emotional hin wollen. Bei letzteren denke ich, helfen ungemein Bücher von Alice Miller oder Arno Gruen, weil sie die emotionalen Prozesse verständlich machen. Wer dies rational verstanden hat, weiß dann evtl. wo er hin will. Die emotionale Arbeit in Therapie ist allerdings unersetzlich und Bücher alleine helfen nicht. Meine Meinung.

Anonym hat gesagt…

Guten Abend Sven Fuchs :-),
danke für die Antwort auf meinen Kommentar vom 29.Mai um 23.10 Uhr.
So sehe ich es auch und bin deshalb schon seit langem für ein konsequentes Umdenken was die gängigen Psychotherapien anbetrifft. Was dann aber fast immer, wenn ich es anspreche, auf großen Widerstand stösst.
...
Am besten dargestellt, was diese not-wendige Veränderung, dieses Umdenken -und danach dann auch Handeln - anbetrifft, fand ich es, durch meine Suche nach neuen Wegen, in diesem Ausschnitt eines Vortrags von Prof.Dr. Franz Ruppert. https://www.youtube.com/watch?v=JE0zb5O54jE ( Crazywise, 2 dec 2014 Rotterdam, Franz Ruppert ) , leider nur in englischer Sprache. Beim screenshot 5 min 32 sec ist eine Zusammenfassung von dem zu sehen, was ich persönlich auch sehr!! begrüßen würde....
...
Und auch Michaela Huber beachtet die Täter-Opfer-Spaltung.: " Der Feind im Innern: Psychotherapie mit Täterintrojekten. Wie finden wir den Weg aus Ohnmacht und Gewalt? 2 23. April 2013 von Michaela Huber
Und ich denke, wer an dieser Thematik interessiert ist, hat bestimmt auch Interesse an diesem Vortrag " Krieg, Gewalt und Zerstörung" von Franz Ruppert, leider auch nur in englischer Sprache..
https://www.youtube.com/watch?v=hl7_MQgHHns ( Franz Ruppert Foredrag: War, Violence and Destruction ) in dem es um Kriegsursachen geht.
...
Ich persönlich habe meine Diplomarbeit zum Thema "Kriegsgründe und Friedensbedingungen in den Werken von Bertolt Brecht" geschrieben und bin so dann vor ca 1O Jahren folgerichtig, auch aus der eigenen Biographie heraus, bei der TRAUMA - Problematik angekommen....

Für mich war es dann auch eine Entdeckung :-) als ich während meiner Suche im Internet "kriegsursachen.blogspot" fand.
...
Vielleicht mag der ein oder andere die Anregungen zur Traumata-Integration von Franz Ruppert oder Michaela Huber aufnehmen. Deshalb habe ich sie hiermit weiter gegeben.
...
Und :
Bücher allein, also nur das Intellektualisieren, das allein hilft nicht. - Das ist auch meine Auffassung und auch meine sehr persönliche Erfahrung.
...
Also, ich werde auch weiterhin immer wieder auf dieser Seite "kriegsursachen,blogspot" Texte lesen. Es wäre so wünschenswert , dass im Bewusstsein der Menschen diese Täter-Opfer-Spaltung endlich mehr Raum erhält.