Freitag, 18. Juli 2014

Gewalt gegen Kinder in Israel und Palästina. Ein Zusammenhang zur irrationalen politischen Gewalt?

Zu letzt habe ich mich Anfang 2009  mit der psychischen Situation in Israel und auch einigen Daten über Kindesmisshandlung befasst, nachdem die israelische Armee in Gaza einmarschiert war. Aus aktuellem Anlass habe ich erneut etwas recherchiert und erstmalig aussagekräftige neue Zahlen über Kindesmisshandlung in Israel gefunden.

10.513 Kinder und Jugendliche (8.239 als Juden und 2.274 als Araber kategorisierte) im Alter zwischen 12 und 16 Jahren (Geburtsjahrgänge ca. 1995-2001) wurden im Zeitraum zwischen September 2011 und September 2013 in Israel bzgl. Gewalterfahrungen befragt. Die Studie wurde von der „Society at the University of Haifa“ unter der Leitung von Prof. Zvi Eisikovits und Prof. Rachel Lev-Wiesel durchgeführt. Dies ist die erste große und repräsentative (Dunkelfeld-)Studie in Israel, die sich mit Kindesmisshandlung befasst.  Sie liegt mir nicht direkt vor (bisher nur in hebräisch online ), wurde aber in Onlinequellen (siehe unten) in englisch ausführlich besprochen. Das Grundziel der Studie ist wohl (folgt man den Angaben auf der Onlineseite der Forschenden), über 15.000 Kinder zu befragen . Die Studie läuft noch bis ca. 2015, so dass die hier vorgestellten Ergebnisse wohl als erster großer Zwischenbericht verstanden werden müssen. Da ich kein hebräisch verstehe, ist dies zumindest das, was ich den englisch sprachigen Texten entnehme.

Ergebnisse:

48,5 % aller Befragten berichteten über mindestens eine Form von erlittener Misshandlung (also schwerer Gewalt). (Die arabischen Kinder und Jugendlichen waren dabei mit 67,7 % deutlicher häufiger  von Misshandlungen betroffen)

27,8 % wurden emotional misshandelt (40,1 % der arabischen Befragten)

17,6 % sexuell misshandelt (16.9 % der Jungen und18.3% der Mädchen bezogen auf alle Befragten;  22,3 % der arabischen befragten Mädchen und Jungen)

15,2 % emotional vernachlässigt

14,3 % körperlich vernachlässigt (33,4 % der arabischen Befragten)

14,1  % körperlich misshandelt

8,6  % wurden Zeugen körperlicher Misshandlungen in der Familie

Die Studie definierte Misshandlungen als “ongoing, systematic and deliberate cruelty that causes pain and suffering to the victim. Physical abuse is ongoing, systematic and deliberate cruelty that causes pain and suffering to the victim and is related to physical harm. Emotional abuse is parental cruelty that is systematically repetitive and distorts the sense of identity and esteem of the child.” (ynetnews.com, 11.12.2013: Study: Half of Israeli children experienced abuse or neglect; siehe ergänzende Infos zu der Studie auch hier)

Es geht also um häufige, systematische und vorsätzliche schwerere Gewalt gegen Kinder. Leichtere Gewaltformen wurden demnach nicht erfasst. Die o.g. Daten beziehen sich auf die aktuelle Kindergeneration in Israel. Dies ist besonders wichtig zu erwähnen, weil Gewalt gegen Kinder im historischen Rückblick überall auf der Welt ansteigt, vor allem auch bei den schweren Formen. Wichtige politische und militärische Führungspersonen in Israel gehören i.d.R. einer älteren Generation an, die noch mehr Gewalt erlebt haben wird, als die aktuelle Kindergeneration!

Diesen Informationen möchte ich jetzt noch einmal Daten über die besetzen palästinensischen Gebiete anhängen.

Laut UNICEF erleben in den besetzen palästinensischen Gebieten nur 5 % der Kinder keine Gewalt in der Familie (damit ist dieses Land "Spitzenreiter" in diesem vergleichenden UNICEF Report, der 36 Länder erfasst), 70 % erleben psychische und körperliche Gewalt, 23 % erleben nur psychische Gewalt und 2 % nur körperliche Gewalt. (vgl. UNICEF, September 2009: Progress for Children - A Report Card on Child Protection, S. 8) Befragten wurden Mütter/ hauptsächliche Pflegepersonen, die Kinder im Alter zwischen 2 und 14 Jahren haben, zum Strafverhalten in der Familie innerhalb eines Monats vor der Befragung. Die o.g. bereits sehr hohen Zahlen sagen also nichts aus über die Gewalterfahrungen während der gesamten Kindheit! Während für andere Länder des mittleren Ostens und Nordafrika in dieser Studie auch Daten bzgl. besonders schwerer körperlichen Gewalt vorliegen, ist dies für die besetzten palästinensischen Gebiete leider nicht der Fall. Es ist zu vermuten, dass auch für dieses Gebiet der Durchschnittswert für diese Region von 34 % (vgl. ebd., S. 29) schwer körperlich misshandelter Kinder innerhalb eines Monats vor der Befragung ein reeller Richtwert ist. 

Ich habe in meinem oben eingangs verlinkten Text aus dem Jahr 2009 bereits viel über die irrationalen Ursachen des Konfliktes in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten geschrieben. Ich halte hiermit noch einmal fest, dass sowohl auf israelischer als auch auf der palästinensischen Seite hohe Raten von Gewalt gegen Kinder festzustellen sind, dabei auch hohe Raten schwerer Gewalt (sprich Misshandlungen), die besonders schädliche Folgen für die betroffenen Kinder bedeuten. Zudem ist eindeutig festzuhalten, dass auf der palästinensischen Seite (wie auch im sonstigen arabischen Raum) im Verhältnis zu Israel bzw. den jüdischen Kindern deutlich höhere Raten von Kindesmisshandlung festzustellen sind und somit die arabischen Kinder deutlich häufiger im Elternhaus traumatisiert wurden und werden. Die jüdische Seite trägt zudem das kollektive Trauma des Holocaust auf die eine oder andere Art in sich (dazu habe ich bereits ansatzweise etwas hier geschrieben), das sich mit der Gewalt im Elternhaus zu einer sehr belastenden Gesamtmasse vermischt.

In diesen Tagen erleben wir erneut die Irrationalität kriegerischer Gewalt in der Region, die mich mal wieder derart fassungslos macht, dass ich mir weitere Kommentare spare. Allerdings bin ich mir sicher, dass der Konflikt vor Ort langfristig nur gelöst werden kann, wenn in der Region flächendeckende Kinderschutzprogramme ins Leben gerufen werden und zusätzlich bereits traumatisierte Menschen psychologisch betreut werden. Israel hat 2000 sämtliche Formen körperlicher Gewalt gegen Kinder gesetzlich verboten, ein (vor allem symbolischer) Schritt in die richtige Richtung. Die Ergebnisse der aktuellen oben besprochenen Studie aus Israel wurden zudem 12.11.2013 in der Knesset vorgetragen, was hoffen läßt, das entsprechende Maßnahmen erfolgen. Die Region muss vor allem emotional entwaffnet werden und dies geht nur, wenn man – um es mit Astrid Lindgrens Worten zu sagen – von Grund auf beginnt: bei den Kindern.



Dienstag, 10. Juni 2014

Die Welt von Morgen. Was sind die Folgen von Gewaltlosigkeit und Liebe gegenüber Kindern?

Gut 12 Jahre ist es mittlerweile her, dass ich – damals noch als Student - in das Thema Kindesmisshandlung sehr bewusst und mit sehr viel Elan eingestiegen bin. In der Zwischenzeit habe ich sehr viel erlebt und sehr viel gelernt. Und obwohl das Thema so viele Abgründe hat, ist meine Sicht auf die Zukunft immer optimistischer geworden. Vor 12 Jahren sah das noch ganz anders aus, weil mich die damals vorliegenden Zahlen über das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder quasi umgehauen haben. In dem nun 300. Beitrag in diesem Blog möchte ich diesem sich bei mir entwickelten Optimismus treu bleiben und einmal weit über das Jahr 2014 hinaus schauen.

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Über 150 Studien konnten nachweisen, dass körperliche Gewalt gegen Kindern diverse schädliche Folgen für die Kinder, die späteren Erwachsenen und letztlich die Gesellschaft bedeuten. Keine einzige Studie konnte irgendwelche Vorteile von Körperstrafen nachweisen. (Global Initiative to End All Corporal Punishment of Children (2013). Summary of research on the effects of corporal punishment. S. 6+7)

Es gibt sicherlich mittlerweile einige tausend Studien, die sich mit den negativen Folgen von Kindesmisshandlung (sprich körperliche, psychische und sexuelle Gewalt sowie Vernachlässigung) befassen (Ich habe Dutzende davon gelesen). Mir ist allerdings keine große Studie bekannt, die im Grunde einmal die Fragestellung von Beginn an umdreht:
- Was für Folgen hat es eigentlich, wenn Kinder keine (elterliche) Gewalt erfahren und wenn sie nicht vernachlässigt werden?
- Was für Folgen hat es, wenn Kinder  sogar ganz im Gegenteil besonders viel Fürsorge und Liebe erleben und ihre Eltern ihnen Sicherheit, Zusammenhalt, emotionale Verbundenheit, Interesse und Geborgenheit bieten?
Die Antworten auf diese Fragen leiten sich aus den vorhandenen Studien im Grunde dahingehend ab, dass man die beobachteten negativen Folgen von Kindesmisshandlung weitgehend streichen könnte (oder wissenschaftlicher ausgedrückt: Die negativen Folgen würden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich abmildern.)

Schaut man sich beispielsweise die Ergebnisse der großen amerikanischen "ACE Studie" an. kann man ohne Zweifel zusammenfassen, dass eine deutliche Reduzierung von belastenden Kindheitserfahrungen eine enorme Reduzierung von menschlichen Phänomenen und Gesundheitsbelastungen wie Depressionen, Selbstmord(versuchen), Halluzinationen, undeutlichen Kindheitserinnerungen, unerklärlichen (Krankheits-) Symptomen, Rauchen, Alkoholismus, Drogenkonsum, ernsthaften Problemen im Arbeitsleben und mit den eigenen Finanzen, Lebererkrankungen, Lungenerkrankungen, häufig wechselnde Sexualpartner, Übergewicht u.a. zur Folge hätte. (Siehe z.B. „The Relationship of Adverse Childhood Experiences to Adult Medical Disease, Psychiatric Disorders, and Sexual Behavior: Implications for Healthcare.“ In dem Buch: Lanius, R. & Vermetten E. (2009): The Hidden Epidemic: The Impact of Early Life Trauma on Health and Disease. Cambridge University Press.  Oder gesammelte Artikel unter www.acestudy.org)

Beobachtete mögliche Folgen (auf diese wird auch in der oben erwähnten Übersicht über 150 Studien hingewiesen) wie geringere Empathie, erhöhte Aggressivität, antisoziales Verhalten, Gewalthandeln/Kriminalität, geringere kognitive Entwicklung, psychische und körperliche Schäden usw. oder wie in diesem Blog vor allem besprochen Krieg und Terror (verstanden als Folge von vor allem Kindesmisshandlung bzw. fehlender Liebe in der Kindheit) oder auch selbstschädigendes Verhalten wie Prostitution oder Umweltzerstörung usw. usf. all dies muss letztlich zu einem großen Gesamtkomplex gedacht werden. Wenn man sich diesen Gesamtkomplex an möglichen Folgeschäden anschaut, dann sind zukünftig sehr positive Effekte bzgl. der menschlichen Zivilisation zu erwarten, wenn es Kindern Stück für Stück immer besser ergeht und sie immer weniger Gewalt erleiden. (Ich stelle mir bildlich eine Entwicklung in diversen Bereichen vor, wie ich sie hier exemplarisch besprochen habe; nur dass die Kurven mit fortschreitender Zeit und dem damit verbundenen Gewaltrückgang gegen Kinder stets nach Unten zeigen.)

Eine positive, konstruktive, gewaltfreie und liebevolle Elternschaft ist allem Anschein nach eine recht neue „Erfindung“ (letztlich wohl des 20. Jahrhunderts, wenn man dem Psychohistoriker Lloyd deMause folgt) und es werden wohl immer mehr Eltern, die sich diesem Ideal annähern oder es sogar erfüllen. Die so behandelten Kinder werden logischer Weise ihrerseits an ihrer Kinder weitergeben, was sie selbst erlebt haben.

Eine glückliche Kindheit ist natürlich mehr als die Abwesenheit von (elterlicher) Gewalt, aber die Abwesenheit der Gewalt ist der halbe Weg zu einer glücklichen Kindheit. Diese elterliche Gewalt geht nachweisbar in vielen Regionen auf der Welt Stück für Stück zurück. Und auch die Staaten, die jegliche körperliche Gewalt – teils auch seelische - gegen Kinder gesetzlich verbieten, nehmen Stück für Stück zu. In Deutschland ist die körperliche Gewalt gegen Kinder in den letzten Jahrzehnten bahnbrechend rückläufig, in Schweden (siehe z.B. hier) wird sie sogar in absehbarerer Zeit in einem ein-prozentigen Bereich liegen, in Finnland zeichnen sich ähnliche Entwicklungen ab. Es ist parallel und/oder in der Folge dieses Gewaltrückganges damit zu rechnen, dass sich auch die allgemeinen Eltern-Kind-Beziehungen immer positiver gestalten und sich Eltern und Kinder emotional immer weiter annähern.

Erstmalig in der Geschichte der Menschheit erleben wir (beginnend in Nordeuropa), dass die große Mehrheit einzelner Gesellschaften ihre Kinder ohne körperliche Gewalt erzieht. Ebenfalls ist der sexuelle Missbrauch von Kindern in Deutschland stark rückläufig. Auch die Sorge um Kinder nimmt allem Anschein nach immer mehr zu. Da dies ein ganz neuer Gesellschaftszustand ist, wissen wir im Grunde gar nicht, was da eigentlich auf uns zukommt. Was bedeutet es, wenn die große Mehrheit der Kinder eines Landes nicht mehr unter den schädlichen Folgen der (vor allem elterlichen) Gewalt leidet? Anders gedacht und gefragt: Denken wir einmal 50 oder 100 Jahre weiter. Die Entwicklung der Kindererziehungspraxis scheint sich immer mehr zu beschleunigen (im Westen vor allem ab den 1970er Jahren). Eine Frage, die bisher utopisch schien, wird immer dringlicher: Was kommt auf Europa zu, wenn Elterngewalt nahezu ausgestorben sein wird und auch die Kindesvernachlässigung rapide abnimmt? Wir müssen sogar fragen, was auf die Welt zukommt, wenn vielleicht in 200 oder 300 Jahren weltweit nur noch eine Minderheit der Kinder Gewalt durch ihre Eltern erlebt. Was ist in 500 Jahren, wenn sogar eine Mehrheit aller Kinder nicht nur keine Gewalt erlebt, sondern sogar besonders viel Liebe und elterliche Fürsorge?

Der Psychohistoriker Lloyd deMause hat unterschiedliche Kindererziehungspraktiken idealtypisch aufgestellt. Am Ende steht in diesem Modell der „Helfende Modus“, den ich hier verkürzt wiedergebe:
Helfender Modus (Individualisierte Psychoklasse); Zeit: Postmoderne, ab 20. Jh.:
Die hauptsächliche Rolle der Eltern besteht in der Hilfestellung für das Kind in jeder Altersstufe, was viel Aufwand, Zeit und Energie bedeutet; das erste mal sind Kinder für die Eltern keine schwierige Aufgabe mehr, sondern eine Freude; sowohl Mutter als auch Vater sind vom Säuglingsalter an gleichwertig mit dem Kind befasst und helfen diesem, eine autonome, selbstbestimmte Person zu werden; die Kinder werden bedingungslos geliebt und werden nicht geschlagen; wenn Eltern unter Stress Fehler begehen und ihre Kinder z.B. anbrüllen, entschuldigen sie sich danach bei ihnen; diese so behandelten Kinder sind wesentlich empathischer gegenüber anderen Menschen in der Gesellschaft als frühere Generationen.
"Es ist keine Frage, dass, würde die Welt Kinder nach dem helfenden Modus großziehen, Kriege und alle anderen selbstdestruktiven sozialen Bedingungen, unter denen wir im 21.Jahrhundert immer noch leiden, getilgt sein würden, weil die Welt einfach mit individualisierten Persönlichkeiten gefüllt sein würde, die empathisch gegenüber anderen und nicht selbstdestruktiv wären." (deMause, 2005, S. 305)

Als ich zum ersten Mal bei deMause diese Stelle gelesen habe, konnte ich dies sofort nachvollziehen, fand es vor allem mutig und dabei auch irgendwie ungewöhnlich. Aber ein Teil von mir zweifelte immer noch etwas. „Ist dies nicht doch zu vereinfacht gedacht?“ Heute stimme ich deMause in diesem Punkt komplett zu: Ja, es ist so einfach. Wenn man heute diese Vorstellung von der zukünftigen menschlichen  Entwicklung propagiert, wird man oftmals Kopfschütteln ernten. Dabei wird – davon bin ich überzeugt – ganz einfach die Zeit (vor allem auch die kommenden 50 Jahre in Europa, die ich hoffentlich noch miterlebe und mich schon im Jahr 2064 an diesen Text zurückdenken sehe.) zeigen, dass die menschliche Destruktivität auf allen denkbaren Gebieten auf Grund der sich entwickelnden Kindererziehungspraxis extrem rückläufig sein wird. Schon heute fällt es den Forschenden schwer zu verstehen, warum die menschliche Gewalt vor allem über einen längeren Zeitpunkt betrachtetet derart rückläufig ist. (siehe dazu z.B. Steven Pinker)

Der 1905 geborene deutsche Volkskundler Walter Hävernick mahnte noch 1970 in seiner Studie über die „Sitte“ des Schlagens von Kindern in seinem Schlusswort, man solle diese Sitte nicht als autoritär beschimpfen und die Einführung einer „freiheitlichen  Gesinnung“  würde zu einer  „Verwahrlosung und Verelendung des hilflosen Nachwuchses führen“ . “Darum“, so der Forscher weiter – offensichtlich mit Blick auf die aufkommenden Tendenzen der 68er Generation, das Schlagen von Kindern kritisch zu sehen – „ist es reine Theorie, wenn man sich vorzustellen versucht, was geschehen würde, wenn es wirklich zu einem schnellen und gänzlichen Erlöschen der Sitte käme, ohne dass eine ähnliche Kraft an ihre Stelle träte. Ein solcher schrankenloser Individualismus würde für den Menschen (…) eine Katastrophe unbegrenzten Ausmaßes sein: ohne Rückhalt in einer Gemeinschaft seinesgleichen würde er im Kampf aller gegen alle sich gegenseitig ausrotten.“ Hävernick vermutet sogar einen Zusammenhang zwischen dem Rückgang von Körperstrafen gegen Kinder und Jugendlichen und einem gewissen Anstieg der Jugendkriminalität im damaligen Deutschland, was er in seinem Buch bespricht.
Im Kapitel „Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie“ des Buches „Deutschland misshandelt seine Kinder“  (2014 erschienen) beschreiben die beiden Rechtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Guddat folgende Begebenheit:
"Am Institut für Rechtsmedizin der Charité werden häufig ägyptische Gastärzte geschult. Wenn sie unsere Vorträge über Kindesmisshandlung hören, zeigen sich viele von ihnen verwundert, dass Körperstrafen in Deutschland als Mittel der Kindererziehung verboten sind.  «Bei uns darf man seine Kinder ja auch nicht totschlagen», sagte einmal ein ägyptischer junger Arzt zu uns. «Aber wie erzieht ihr eure Kinder denn, wenn ihr sie nicht schlagt?» und ein Kollege von ihm fügt hinzu: «Das ist doch schließlich mein Kind, das ich schlage, nicht das Kind meines Nachbar.» " (In Ägypten ist weiterhin ein extrem hohes Ausmaß an Gewalt gegen Kinder festzustellen.) Die Aussagen von Walter Hävernick machen exemplarisch für seine Generation deutlich, dass die Aussagen der ägyptischen Ärzte so oder so ähnlich auch noch im Deutschland der 50er und 60er Jahre zu finden waren. Was für einen gewaltigen Sprung haben doch die Väter und Mütter seitdem gemacht!
Diesen Sprung sehe ich auch in meiner eigenen Familie, angefangen bei meinen Großeltern über meine Eltern bis hin zu meinen Kindern bzw. mich als Vater. Jede Generation hatte es als Kind besser, als die davor. Ich selbst bin der Erste in meiner Familie, der z.B. nicht geschlagen wurde. Und meine Kinder haben einfach nur Glück mit mir und meiner Frau als Eltern (was nicht heißt, dass wir keine Fehler machen.). Wenn ich noch mal Kind sein dürfte, ich würde mir mich und meine Frau als Eltern wünschen. (Ich hoffe, dass unsere Kinder das dann später auch so sehen :-) .)

Freitag, 23. Mai 2014

Dr. Navid Kermani über Deutschland


"Dies ist ein gutes Deutschland, das beste, das wir kennen, sagte vor kurzem der Bundespräsident. Ich kann dem nicht widersprechen. Welchen Abschnitt der deutschen Geschichte ich mir auch vor Augen halte, in keinem ging es freier, friedlicher, toleranter zu als in unserer Zeit."
(Zitat aus der unten besprochenen Rede von Dr. Navid Kermani)


Eigentlich hatte ich an dieser Stelle (dem Beitrag Nr. 299) einen anderen Beitrag geplant, da der nächste (Nr. 300) für mich symbolische Bedeutung hat. Aber irgendwie gibt es wohl kaum einen besseren Zeitpunkt dafür, mit Beitrag Nr. 299 auf die Festrede zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes (ergänzend als Video hier) des deutschen und iranischen Staatsbürgers Dr. Navid Kermani - gehalten heute im Deutschen Bundestag - hinzuweisen.

Die Rede hat mich sehr berührt. Vor allem aber teile ich seinen Optimismus und sein positives Bild über die Entwicklungen in Deutschland seit 1949. Und natürlich war es trotzdem auch richtig und wichtig auf aktuelle Schwachstellen und Schattenseiten hinzuweisen.

In der ZEIT wurde die Rede u.a. mit folgendem Satz kommentiert: „Er hat keine weichgespülte Rede gehalten, die niemandem wehtut in Deutschland, sondern eine erwachsene Rede für ein erwachsenes Land.“ Besser könnte man es nicht ausdrücken.
Ich sehe ebenfalls, wie unser Land immer erwachsener wird. Und natürlich habe ich da meine spezielle Sichtweise, warum diese Entwicklungen so bahnbrechend möglich waren: Nämlich in der Tiefe, weil sich Kindheit in Deutschland so bahnbrechend entwickelt hat. Eine gewaltfrei und gesunde (oder gesundere und gewaltfreiere) Kindheit produziert tendenziell Erwachsene, die auch wirklich emotional erwachsen (oder erwachsener) sind. Und dies wirkt sich natürlich auf allen gesellschaftlichen Ebenen aus.

Kermani sagte, nachdem er einzelne Artikel des Grundgesetztes besprochen hat: „(…) das waren, als das Grundgesetz vor 65 Jahren verkündet wurde, eher Bekenntnisse, als dass sie die Wirklichkeit in Deutschland beschrieben hätten. Und es sah zunächst keineswegs danach aus, als würde der Appell, der in diesen so schlichten wie eindringlichen Glaubenssätzen lag, von den Deutschen gehört.
Das Interesse der Öffentlichkeit am Grundgesetz war aus heutiger Sicht beschämend gering, die Zustimmung innerhalb der Bevölkerung marginal. Befragt, wann für sie die beste Zeit gewesen sei, entschieden sich noch 1951 in einer repräsentativen Umfrage 45 Prozent der Deutschen für das Kaiserreich, 7 Prozent für die Weimarer Republik, 42 Prozent für die Zeit des Nationalsozialismus und nur 2 Prozent für die Bundesrepublik. 2 Prozent! Wie froh müssen wir sein, dass am Anfang der Bundesrepublik Politiker standen, die ihr Handeln nicht nach Umfragen, sondern nach ihren Überzeugungen ausrichteten.


Dieser Hinweis auf die bahnbrechenden Entwicklungen in Deutschland (und letztlich auch im gesamten Europa) könnte keine bessere Einleitung zu dem Beitrag sein, der in diesem Blog die Nr. 300 haben wird und an dem ich derzeit noch arbeite.

Freitag, 25. April 2014

Die Kinder der NS-Täter und die Kindheit der NS-Täter

(aktualisiert am 28.01.2015)

"Ich frage mich, wen hat er da in Gestalt des Juden eigentlich umgebracht, mit der unterdrückten Wut gegen den Vater erscheint mir die Tat wie ein Ventil
."

(Margit N. über ihren Nazi-Vater - siehe auch unten)


Kürzlich hat der SPIEGEL unter dem Titelthema „Mein Vater, der Mörder“ (Nr. 16, 14.04.2014) - siehe online dazu u.a. hier - die Recherchen des SPIEGEL Journalisten Cordt Schnibben über seine Nazi-Eltern veröffentlicht und dieses Thema auch in der Folge unter "Einestages" schwerpunktmäßig bei SPIEGEL-Online fortgesetzt. Ich selbst habe schon seit einiger Zeit vor, erneut etwas über die Kinder der Täter zu schreiben. In meinem „Grundlagentext“ hatte ich das Thema kurz angerissen („Nazi-Täter und ihre Familien“).  Kein Anderer hat derart deutlich formuliert, um was es mir in diesem Beitrag geht, wie Jürgen Müller-Hohagen (in seinem Beitrag Müller-Hohagen, J. (1996). Tradierung von Gewalterfahrungen: Sexueller Missbrauch im Schnittpunkt des „Politischen“ und „Privaten“. In: Hentschel, G. (Hrsg.): Skandal und Alltag: sexueller Missbrauch und Gegenstrategien. Orlanda Frauenverlag, Berlin.; Hinweis: Er ist auch Leiter des Dachau Instituts und befasst sich dort mit der Thematik)
Er schrieb folgenden zentralen Satz: „Viele Täter und Tatbeteiligte haben nach der `Stunde Null` weitergemacht, haben weiterhin Schwächere und Wehrlose `fertiggemacht`, vorausgesetzt, sie liefen dabei keine Gefahr, entdeckt oder bestraft zu werden. Der Missbrauch der `eigenen` Kinder war die optimale Gelegenheit für solchen Terror, denn wo sonst, außer in der Folter, sind Menschen so schutzlos ausgeliefert? Und wo sonst ist die Gefahr des Entdecktwerdens geringer?“ (Müller-Hohagen, 1996, S. 37)
Das „Fertigmachen“ der eigenen Kinder ist allerdings nicht nur ein Beleg dafür, wie sich menschenverachtendes Denken/mörderische Ideologie und Abgestumpftheit durch Kriegserfahrungen und eigene Täterschaft fortführte. Meine hier im Blog verfolgte Grundthese ist bekanntlich, dass destruktive Kindheitserfahrungen das Fundament für Kriege und erst Recht die Ereignisse in Nazi-Deutschland bilden. Mittlerweile ist es auch kein großes Geheimnis mehr, dass Eltern, die ihre eigenen Kinder misshandeln und/oder vernachlässigen nur das weitergeben, was sie selbst einst als Kind erlitten haben. Wenn also Nazi-Täter oft, vielleicht sogar sehr oft (leider gibt es dazu meines Wissens nach bisher kaum Forschungsarbeiten) ihre eigenen Kinder gequält haben und/oder sonst wie destruktiv agierten (durch Verlassen der Familie, Abwesenheit, emotionale Kälte, Suchtverhalten usw.), dann wäre dies ein deutlicher Hinweis auf ihre eigene Kindheit und eigene leidvolle Erfahrungen, die an den eigenen Kindern auf die eine oder andere Art wiederaufgeführt wurden.
Um mich noch deutlicher auszudrücken: Das Leid oder die Kälte, die die Kinder von NS-TäterInnen in ihrer eigenen Familie erfuhren, wäre (sofern man dies einmal repräsentativ abfragen würde) ein Beleg dafür, dass eben diese NS-Eltern eine destruktive Kindheiten hatten und dies wäre wiederum ein Beleg dafür, dass dies den Weg in die NS-Täterschaft stark begünstigte (denn es gilt für mich der Satz, dass als Kind geliebte Menschen keine Kriege anfangen und erst recht keine Nazis werden). Dass die Kriegsgeneration mehrheitlich Gewalt im Elternhaus erfuhr und autoritär erzogen wurde, ist gut nachweisbar. Meine Vermutung ist allerdings, dass NS-TäterInnnen aus ganz besonders hasserfüllten und emotional kalten Familien stammen (je grausamer ihre Taten und je fanatischer ihr politisches Denken, desto grausamer die eigene Kindheit) und sich somit von dem Durchschnitt unterscheiden.

Aber kommen wir zurück zu dem o.g. SPIEGEL Titelthema. Cordt Schnibben deutet nebenbei an, das seine eigene Kindheit alles andere als glücklich war. Er schreibt z.B. auf Seite 68: „Ich kann nicht genau sagen, ob es die sexuellen Übergriffe im Wikinglager waren oder die Enttäuschung darüber, dass mein Vater schnell nach dem Tod meiner Mutter eine trinkende Stiefmutter ins Haus holte. Ich jedenfalls bin kein Nazi geworden. Aber da ist diese Angst, die aus den Knochen kommt und die mich seit Jahrzehnten um fünf Uhr morgens nicht mehr schlafen lässt.“ Seine Mutter starb, als Cordt 12 Jahre alt war. Sie war wie der Vater von der NS-Ideologie überzeugt. Dass der Vater sich dann eine destruktive, suchtkranke Frau aussuchte, erzählt bereits etwas über seine eigene Persönlichkeit, wie ich finde.  Schnibben schreibt an anderer Stelle auf Seite 72: „Viele der Täterkinder sind zu Erben des Schweigens geworden. Weil über den Krieg nicht geredet wurde, wurde über nichts von Belang mehr geredet zwischen Eltern und Kindern, jedes Treffen war ein ritualisierter Austausch von nichts, bei uns war es so, bei vielen meiner Freunde ist es auch so.“ Der Autor schreibt diese fehlende Kommunikationskultur oder besser gesagt fehlende Emotionalität und echte Begegnung im Gespräch rein den Kriegsereignisse zu. Aber ist es nicht auch so, dass, wenn man sich mit der deutschen Kindheit um 1900 befasst, wo die Eltern häufig mit „Herr Vater“ und „Frau Mutter“ angesprochen wurden, klar wird, dass die Eltern von Cordt Schnibben wahrscheinlich nie eine innige Eltern-Kind-Beziehung und einen emotionalen Austausch in der eigenen Familie erlebt haben? Wie sollten sie also innige Gespräche mit den eigenen Kindern hinbekommen, wo sie doch – vermutlich - gar nie gelernt haben, wie dies geht?
Der SPIEGEL Journalist berichtet auch von den Briefen seiner Eltern, die er durchgearbeitet hat. Er schreibt: „In den Briefen treten mir zwei fremde Menschen entgegen, fremd in doppeltem Sinne: So zärtlich und einfühlsam habe ich sie nie erlebt, so kaltblütig und berechnend auch nicht.“
Alles in allem entsteht bei mir das Bild einer emotional kalten Familie. Worüber der Autor nicht berichtet ist, ob er auch direkt Gewalt und Demütigungen erlebt hat.
An einer Stelle in seinem Text wurde - das noch zur erhellenden Ergänzung im Sinne dieses gesamten Beitrages -  sichtbar, dass der Autor sehr genau sieht, wie grausam NS-Täter gegen ihre eigenen Kinder vorgehen konnten.  Er beschreibt zunächst Selbsthilfebemühungen der Kinder und Kindeskinder von NS-Tätern und fügt dann auf Seite 73 an: „Und wenn dann eine junge Frau – die Enkelin eines hohen SS-Mannes – während des Treffens in Neuengamme aufsteht und erzählt von einem Großvater, der aus dem Krieg nach Hause kam und dort weitermachte, wo er in Polen aufgehört hatte, der seine Tochter und seine Enkelin über Jahre vergewaltigte, spätestens dann wird deutlich, wie groß das Leid von Täterkindern sein kann.

In zwei Einzelberichten auf Einestages, die dem SPIEGEL-Titel folgten, sind mir ebenfalls die oben skizzierten Zusammenhänge aufgefallen: 
Der Bericht („Er hatte auch eine verbrecherische Seite“) von Hans-Jürgen Brennecke (Jahrgang 1944) über seinen NS-Vater enthält eine sehr deutliche Passage:
 „Ich habe meinen Vater acht Jahre lang erlebt, bis er sich 1953 das Leben nahm. In Erinnerung habe ich einen humorvollen, fürsorglichen, "normalen" Vater. Der zwar sehr streng war und hart geschlagen hat, wie das in dieser Zeit üblich war, den ich aber trotzdem liebte.
Strenge und harte Schläge (wahrscheinlich Misshandlungen) zeichneten diesen NS-Vater aus. Der Suizid ist ein überdeutlicher Beleg für eine gescheiterte Persönlichkeit.  Die Idealisierung durch den Sohn um die Schilderungen von Gewalterlebnissen und Suizid herum sind klassisch und machen einmal mehr deutlich, wie schwierig es oftmals ist, destruktive Kindheitserfahrungen aufzudecken, da es für die verletzten Kinder oft unaushaltbar ist, destruktive Eltern als solche auch zu erkennen und zu benennen.

Folke Schimanski (Jahrgang 1936) berichtet auf Einestages unter dem Titel „Keine Reue“ über „einen Mann, den ich nicht besonders liebte, weder als private noch als politische Person.“, seinen Vater.
1945 ging die schwedische Mutter mit Folke und seiner Schwester zurück nach Schweden. Der Vater blieb in Deutschland. Die Eltern ließen sich bald scheiden und Folke sah seinen – ihn ablehnenden - Vater erst 30 Jahre später das erste mal wieder. Über den Umgang des Vaters mit seinem Sohn berichtet Schimanski nichts, wohl aber über den Umgang mit seiner Schwester: „Ganz anders meine Schwester. Sie wurde schon in jungen Jahren fanatische Anhängerin der NS-Bewegung. Während sie zu Hause wenig Liebe erfuhr, besonders von meinem Vater übel behandelt wurde und daraufhin in der Schule immer weiter abfiel, blühte sie als Zehnjährige bei einer Kinderlandverschickung in Schlesien regelrecht auf.“ Bis heute ist die Schwester weiterhin in rechtsextremen Kreisen aktiv.
Was sich alles an Gewalt und Demütigungen hinter den Worten „wenig Liebe“ und „übel behandelt“ verbirgt, lässt sich nur erahnen.  Man ahnt aber nichts Gutes, und ein solcher Vater wird auch mit dem Sohn nicht besonders herzlich umgegangen sein.

Vor einiger Zeit habe ich das Buch „Die Kinder der Täter. Das Dritte Reich und die Generation danach“ (erschienen im Kösel-Verlag, München, 1987) von Dörte von Westernhagen durchgearbeitet. Sie berichtet darin von ihrem Großvater und ihrem Vater und hat diesem Bericht 13 weitere Fallbeispiele von Täterkindern angefügt. Bei den meisten finden sich deutliche Hinweise auf destruktive Familienverhältnisse und psychische Probleme.

Über Viktor P. (Jahrgang 1945) z.B. schreibt die Autorin: „Der Vater betrank sich regelmäßig. Einmal sah Viktor ihn besoffen in einer Pfütze liegen, Leute um ihn herum, die ihn auslachten. Er prügelte die Kinder mit dem Knieriemen. Viktor wehrte sich mit Provokationen, ob er das jetzt so mache, wie er es früher auch immer gemacht habe. Der Vater wurde dadurch noch wilder.“ (von Westernhagen 1987, S. 103) Dieser NS-Vater wird weiterhin als „brüllender, schreiender Vater“ (ebd., S. 107) beschrieben.

Über Inge T. (Jahrgang 1947) wird berichtet: „Inge wuchs in einer Atmosphäre versteckter und offener Gewalttätigkeit auf, in die in chaotischer weise ein Großteil des gesamten Familienclans verstrickt war.“ (ebd., S. 115) Ihr Vater hatte eine Frau, die ihn nach Kriegsende drohte, an die Engländer zu verraten, umgebracht (Er war während der NS-Zeit u.a. an Plünderungen, Brandschatzung und Massenerschießungen beteiligt). Die Leiche wurde von ihm zusammen mit dem Großvater (ebenfalls ein Nazi)  verscharrt. Morddrohungen gab es aber auch zwischen ihrem Vater und dem Großvater, ebenfalls zwischen ihren Eltern. Inges Vater traf sich wohl auch mit anderen Frauen, ihre Mutter drohte sich daraufhin umzubringen. 1963 starb ihre Mutter, Inge war da ca. 16 Jahre alt. Kurz danach nahm sich ihr Vater das Leben.

Auch in den Berichten von Thilo S. (Jahrgang 1949) findet sich viel Destruktivität. Sein Vater hatte als Arzt an Menschenversuchen an KZ-Häftlingen  teilgenommen. Über den Erziehungsstil erfährt man nichts. Es fällt allerdings der Satz: „Mein Vater ist eigentlich kalt.“ (ebd., S. 124) Sein Vater sei in den 50er Jahren zu einer Art „Einsiedler“ geworden, „menschenscheu, keine Freunde, keine Reisen, eine selbstverhängte Haft.“ (ebd., S. 123+124) Thilos Mutter war seit Ende des Krieges mehrmals wegen depressiver oder manischer Zustände in psychiatrischer Behandlung, Thilo selbst erlebte ebenfalls Depressionen und Manie. Sein mittlerer Bruder hat zwei Selbstmordversuche unternommen. Alles in allem klingt dies nach einer sehr pathologischen Familienstruktur.

Erika U. (Jahrgang 1953) berichtet, dass ihr Vater – SS-Mitglied und einst Leiter eines kleineren Vernichtungslagers im Osten – sich sehr um sie gekümmert, sie verwöhnt hätte. Er habe sie nicht geschlagen und sei auch nicht streng gewesen. (ebd., S. 127) Trotzdem ist ihr Bericht von enormer Destruktivität durchzogen. Erikas Bruder hatte sich von seinem Vater – mit dem er schon vorher ein gestörtes Verhältnis hatte – abgewandt, nachdem sich die Mutter 1959 umgebracht hatte. Viele in der Familie glaubten, dass Erikas Vater seine Frau auf dem Gewissen hatte. Den Bruder hielt der Vater für zu weich und schwächlich und konzentrierte sich voll auf seine Tochter Erika, vor allem mit hohen Leistungsansprüchen, die sie zunächst auch erfüllte. 1963 nahm der Vater dann seine Haushälterin zur Frau. Die zu der Zeit ca. 10jährige Erika hasste die neue Frau, bekam Angstzustände, versagte in der Schule, zog sich zurück und wurde prompt vom Vater zu zwei ledigen Schwestern ihrer Mutter gegeben (was nicht gerade auf echte Vaterliebe schließen lässt). Mit der einen Tante kommt sie zurecht, die andere setzt den Leistungsdruck des Vaters fort.  Irgendwann beging Erika schließlich einen Suizid-Versuch.

Der Vater von Margit N. (Jahrgang 1952) hat in der „Reichskristallnacht“ einen Juden erschossen. Margit berichtet auch direkt von der Kindheit des Vaters. Ihr Großvater müsse „ein unglaublich autoritärer Kerl gewesen sein.“ Ihr Vater verehrte ihn, „obwohl er von ihm gequält wurde.“ (ebd., S. 132) Ihr Vater habe als Jugendlicher ein „Nervenfieber“ gehabt und sie erinnert sich, dass er sich damals „gespalten gefühlt“ habe. (ebd., S. 136)
Margit sagt über ihren Vater u.a. folgendes: „(…) und dann der Knebel durch seinen Vater, wodurch er nie eine moralische Instanz in sich selber ausbilden konnte, um zu sagen: da mach ich nicht mehr mit, da ist Schluss. Wahrscheinlich hat er gegen den Menschen, den er umgebrachte, nichts gehabt. Aber in dieser aufgeputschten Stimmung, angefeuert von den anderen, ist er dann dazu fähig gewesen. Und ich frage mich, wen hat er da in Gestalt des Juden eigentlich umgebracht, mit der unterdrückten Wut gegen den Vater erscheint mir die Tat wie ein Ventil.“ (ebd., S. 133)
Margits Mutter sei zu der Zeit, wo sie ihren Vater kennengelernt hat, sehr depressiv gewesen. Auch Margit hatte psychische Probleme. Ihr Verhältnis zum Vater verschlechterte sich zudem, je älter sie wurde. Kurz nach dem Abitur wurde sie magersüchtig. Auch der Rest der Familie scheint schwer belastet. „Alle meine Geschwister haben mit Ex-Fixern zu tun. Ein Schwager hat sich den Goldenen Schuss gesetzt, ein Bruder ist asthmakrank und Frührentner. Aber bei uns zuhause galt als oberste Regel `Harmonie wahren`  und als nächste `Du darfst nicht merken`, und wenn doch, fällst du aus dem Familienhimmel.“ (ebd., S. 135)

Der Vater von Rainer C. (Jahrgang 1943) war als SS-Mann u.a. in dem  KZ  Maidanek stationiert. Auf Rainer wirkte der Vater verlässlich und er wäre viel auf den Nachwuchs eingegangen. Gleichzeitig beschreibt Rainer aber auch, dass er „eine fast neutrale Beziehung“ zu ihm gehabt habe. (ebd., S. 140) Rainer wuchs allerdings auch hauptsächlich bei seiner Großmutter auf, denn seine Mutter war kurz nach dem Krieg gestorben. Er beschreibt seine Großmutter als „beinharte Frau, die härteste, die ich je kennengelernt habe, als Patriarchin, die die Sippe beherrschte, als die Alte, die ganz oben sitzt und die alle in der Hand hat.“ (ebd., S. 140) Es ist insofern sehr wahrscheinlich, dass diese Frau, die Mutter von Rainers Vater,  ihren Sohn nicht gerade liebevoll erzogen hat.

Der Vater von Heidrun L. (Jahrgang 1934) war als Arzt an der Euthanasie, Zwangssterilisierungen und der Vertreibung von Juden aus dem Arztberuf beteiligt. Sie beschreibt ihren Vater als strengen Ordnungsfanatiker. Bei Tisch durfte nicht gesprochen werden; vor dem Schlafengehen ging der Vater durch die Zimmer und kontrollierte, ob alle die Hände auf der Bettdecke hatten. „Er war ein trockener Brocken, lobte nie, immer nur Kritik.“ (ebd., S. 173) Zu Heidruns frühsten Erinnerungen gehören Uniformen und der fanatische Hass des Vater (seine Reden von "Untermenschen" und der Ausrottung von Juden).  Heidrun erfuhr den Hass des Vaters an sich selbst, als sie mit vier Jahren in einem Anfall von Jähzorn die Glasscheibe der Praxistür zertrümmerte. „Das war mein letzter Jähzorn. Den hat er mir jämmerlichst ausgetrieben. Nach dieser Prügelei hab ich im Bett gelegen. Ab da hat sich das Bild verändert. Er hatte diesen hassverzerrten Mund, als er mich schlug, noch schlimmer als bei seinen Judentriaden. Das war kein Vater mehr, der mich aufs Dreirad hob. Das war ein Sadist. Von da an habe ich sehr viel Angst vor ihm gehabt.“ (ebd., S. 174)

Diese von mir ausgewählten Fallbeispiele von insgesamt 13 zeigen am deutlichsten auf, um was es mir hier im Text geht. (die anderen Fallbeispiele im Buch enthalten entweder Andeutungen in die selbe Richtung, die ich hier aber zu weit ausführen müsste oder sparen sich Berichte über die Familienatmosphäre und Erziehungsstile aus.) Ich glaube nicht, dass diese Schilderungen Zufälle oder Einzelfälle sind, wenn es um NS-Täter und ihre Familien geht. Immer wieder ist bzgl. der Analyse von NS-Tätern von den „ganz normalen Deutschen“ zu hören. Eine tiefere Analyse und Berichte der Kinder der Täter zeigt ein anderes Bild. Nach Außen hin wurden sicherlich manches Mal Scheinfassenden aufgebaut, aber innen, in den Familien, herrschte nach den o.g. Schilderungen enorm viel Destruktivität und diese ist alles andere als normal, sondern eher pathologisch. Jürgen Müller-Hohagen schreibt dazu passend: "Ich halte inzwischen die verbreitete Vorstellung von den `bestialischen SS-Männern`, die zu Hause die vorbildlichen Familienväter gewesen wären, zumindest in der Allgemeinheit dieser Aussage für eine Legende. Ich habe viel erfahren über massive Gewaltausübung in solchen Familien, eine Gewalt allerdings, die meist nicht an das Licht der Öffentlichkeit kam. "

Ergänzend erhellend war für mich die Fernseh-Dokumentation „Meine Familie, die Nazis und Ich“ (von Chanoch Ze'evi, produziert 2011), innerhalb der fünf Nachkommen von NS-Verbrechern zu Wort kommen. Bei der Großnichte (Katrin Himmler) von Heinrich Himmler erfährt man nichts von den Erziehungsstilen in der Familien (allerdings berichtete sie an anderer Stelle, dass Himmler ein harter und gefühlskalter Erzieher sein konnte, "der eine klare Vorstellung davon hatte, wie seine Kinder zu funktionieren hatten. War das nicht der Fall, wurden sie auch schon einmal mit Prügel oder Liebesentzug gestraft." - Focus-Online, 28.01.2014, "Himmler verstand sich selbst als allmächtige Vaterfigur", von Lisa Kleine und Lara Schwenner), ebenso bei  der Großnichte (Bettina Göring) von Herman Göring (siehe über letzt genannten die “Kindheit von Herman Göring“). Allerdings geben die anderen drei Nachkommen in der Doku sehr deutliche Hinweise auf destruktive Erziehungsstile und Familienverhältnisse.

Niklas Frank, Sohn von Hans Frank (NS-Generalgouverneur der besetzten polnischen Gebiete):
Unsere Mutter hat sich überhaupt nicht um uns gekümmert (…) Ich habe auch gerade neulich mal mit meinem Bruder gesprochen (…) Kannst Du Dich erinnern an irgendeine liebevolle Umarmung, an einen Kuss von Deinen Eltern, von der Mutti insbesondere. Da sagt er: Nein, das hat es nie gegeben.“ Sein Glück, so sagt er, war während seiner Kindheit eine junge, bayrische Bäuerin, die sich hauptsächlich um ihn gekümmert hat; alles an Menschlichkeit und Humor habe er von dieser Frau. Am 30.04.2014 war Niklas Frank bei Markus Lanz im ZDF zu Gast. Seine „Rettung war wohl“, so antwortete er auf die Frage, wie denn sein Vater zu ihm war, „dass er nicht glaubte, dass ich sein Sohn bin, sondern der Sohn seines besten Freundes.“ Er beschreibt dann den ersten Bruch mit seinem Vater. Er lief als Kind um einen Tisch herum und wollte in die Arme des Vater. Dieser sagte: „Was willst Du denn? Du gehörst doch gar nicht zu uns, Du bist doch ein Fremdi.“. Er sei dann als Kind auf Distanz zu seinem Vater gegangen, was er heute als sein Glück bezeichnet. Zudem berichtet er stolz, dass er seinem Vater die Brille vor dessen Augen zerstört habe (um ihm zu zeigen, dass er ihn nicht mag), woraufhin der Vater ihn schlug. Die Geschwister von Niklas Frank gingen übrigens nicht so aufklärerisch und offen mit den Taten ihres Vaters um. Eine Schwester siedelte sogar bewusst nach Südafrika um, weil ihr die Apartheid so gut gefiel, wie Frank in der o.g. Doku sagt. Er selbst hat ja wie oben bereits beschrieben die Antwort dafür gefunden, warum er anders mit den Taten seines Vaters umging. Niklas Frank hat auch Bücher über seine Familie geschrieben, die bei genauer Durchsicht das destruktive Bild über diese Familie und den Umgang mit Kindern sicherlich noch weiter erhellen würden

Rainer Höß, Enkel des Lagerkommandanten von Auschwitz Rudolf Höß: „Diese Kälte, die hat mein Vater genauso gehabt (…) Da war für uns nie die Diskussion auf dem Schoß zu sitzen wie ich es erlebe bei meinen Kindern, wie die Beziehung zwischen mir und meinen Kindern ist, eine familiäre Beziehung, ne Wärme. Die Wärme zwischen meinem Vater und uns, die gab es nicht, nie.“
Der ganze Tagesablauf des Vaters sei stark ritualisiert gewesen, bis in kleinste Details, die immer gleich ablaufen mussten. Zudem: „Es gab das Gehorchen und das Umsetzen. Er machte die Vorgaben und wir haben sie umzusetzen. Wir sollten also auch nie auf Grund von meinem Vater Schwächen zeigen, Emotionen zeigen.  Er hasste dies bis auf den Tod. Wenn wir weinten, ich denke mal, bekamen wir noch mehr Schläge, nur fürs Weinen, nicht für die Tat, die wir begangen hatten.“ Sein Vater sei außerdem der NS-Ideologie weiter treu geblieben und er, Rainer, habe den Kontakt später zu ihm abgebrochen. Dieser Vater wird sicherlich ähnliches als Kind erlebt haben und führte diese emotionale Kälte an seinem Sohn wieder auf.

Monika Hertwig, die Tochter von Amon Göth (dem sadistischen Lagerkommandanten des Konzentrationslagers Płaszów bei Krakau):  „Er hat doch den Juden nichts getan“, erinnert sich die Tochter, wie sie ihre Mutter über ihren Vater (den sie nie kennengelernt hat) und das Lager ausfragte. Die Mutter antwortete in der Erinnerung ihrer Tochter: „Ja also ein paar hat er dann schon mal umgelegt.“ „Ein paar? Ja hab ich zu ihr gesagt, was meinst Du denn mit ein paar? Zwei oder drei oder vier oder was? Keine Antwort. (…) Und dann sagte ich immer zu ihr: Wie viel sind denn ein paar Ruth? 3, 4, 5, 6, 7, 8 und ich lächelte sie nur so dabei an. Und dann wurde die, ich weiß nicht, die war wie eine Wahnsinnige, die rannte dann in die Kammer und holte immer ein langes Kabel und schlug auf mich ein, immer diesen Stecker auf den Kopf ich hatte immer die Hände am Kopf, ich hatte immer blaue Knöchel am Montag in der Früh (…).“ Diese Misshandlungen scheinen häufig vorgekommen zu sein, wenn man den Schilderungen folgt.
In einem FAZ Artikel (25.03.2005, „Den charmanten Sadisten entlarven“, von Simone Kaiser) wurde ebenfalls die Mutter-Tochter-Beziehung besprochen. Dem schwarzen Pudel und Rhett Butler habe die Mutter -  Irene Göth - mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als ihrer eigenen Tochter. "Ich war für meine Mutter ein permanenter Störfaktor - nicht so sehr, was Männer, sondern vielmehr, was das Leben insgesamt betrifft.", so die Tochter. Mit dreizehn Jahren floh Monika in ein Internat. 1965 ließ die Mutter ihre Tochter nach einem heftigen Streit für drei Monate in eine geschlossen Anstalt wegschließen – unter dem Hinweis eines angeblichen Selbstmordversuches. „Ein Denkzettel“, so die schlichte Antwort der Mutter. Diese Mutter sagte einmal rückblickend über ihre Zeit im KZ und ihren Mann: „Es war eine schöne Zeit. Mein Göth war König. Ich war Königin. Wer würde sich das nicht gefallen lassen?" (sueddeutsche.de, 25.09.2013, „Mein Opa, der Massenmörder“, von Alex Rühle, Seite 2) 1983 nahm sich Irene Göth das Leben, einen Tag, nachdem die BBC sie unerwartet über ihrem Mann ausgefragt hatte. Irene Göth und ihre extrem destruktive Persönlichkeit erzählen uns indirekt auch etwas über die psychische Struktur ihres Mannes. Denn Menschen, gerade auch Paare, finden nicht ohne Grund zueinander. Ihr kaltes und liebloses Verhältnis zu ihrer Tochter spricht Bände, auch – so vermute ich – über ihre eigene Kindheit. Ihr Mann, der ca. 500 Menschen eigenhändig und oft sadistisch umgebracht hat, wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit zu noch mehr Gewalt gegen die Tochter fähig gewesen.

Der Entertainer und Journalist Herbert Feuerstein (Jahrgang 1937) sagte in der Sendung von Markus Lanz vom 04.12.2014 vieles, was hier zu diesem Beitrag passt.
Ich bin vor Neid grün geworden (…) als sie von ihrer behüteten Kindheit gesprochen haben.“, sagte er gerichtet an den Moderator Ulrich Meyer, da dieser zuvor schwärmerisch von seiner Kindheit berichtet hatte.  „Da wird man erst einmal bösartig neidisch. Ich komme eher von der anderen Ecke her. Beide Elternteile waren überzeugte Nazis, Nationalsozialisten und haben vom „guten Zweck“ geschwärmt. (…)“ Lanz geht dazwischen und spricht Feuerstein auf dessen Biografie an, wo der Satz seiner Mutter stünde:  „Mensch, wenn Du bloß nicht wärst!“ Feuersteins Antwort: „Das war, wenn sie nett war. Ich hatte tatsächlich keine intakte Mutterbeziehung. Ich erinnere mich nie an irgendetwas, wo sie mich mal umarmt hätte. Als ich gesehen habe, dass die Nachbarskinder als sie nach Hause kamen von der Mutter umarmt wurden, da dachte ich: Was ist denn da los? (…)“ Feuerstein sagt noch, dass es nach dem Krieg gegen seinen Vater einen Prozess gab, sein Vater interniert wurde und aber „aus Gründen die ich nicht nachvollziehen konnte“ freigesprochen wurde.

Welt-Online (26.01.2015, "Mein Vater war SS-Mann in Dachau") berichtete folgendes:
Der Vater (Jahrgang 1922) von Gertrud B. war einst SS-Mann in Dachau. Zu Hause, nach dem Krieg, tyrannisierte er seine Kinder. Gertrud (Jahrgang 1954) und ihr Bruder wurden eine Treppe immer wieder bis zur Erschöpfung rauf und runter gehetzt, der Vater gab dabei Kommandos oder pfiff auf einer Trillerpfeife. „Das war demütigend. Ich musste es tun, sonst hätte es Schläge gegeben. Es war ein Befehl, den wir auszuführen hatten.", so Gertrud. Sie erinnert sich weiter an die Erziehung durch den Vater: "Da gab es keine Gefühle, da gab es nur Verbote und Befehle." Beide Geschwister lebten in ständiger Angst. Wenn der Vater in Rage war, dann setzte es Schläge bis zur Erschöpfung, „Wohl gemerkt: Bis zu seiner Erschöpfung!“ hängt die Tochter an. Später dachte Gertrud oft an Selbstmord oder hatte Angstattacken.


Zum Schluss noch ein paar Worte in eigener Sache. Ich selbst bin bei diesem Thema kein neutraler Beobachter, aber vielleicht gerade deswegen spüre ich, dass die o.g. Berichte auf viele, wenn nicht gar die meisten NS-Täter Familien auf die eine oder andere Art zutreffen. Drei meiner Großeltern  waren unpolitische Mit- oder Durchläufer, die das taten, was man ihnen vorgab und nicht widersprachen oder sich groß Gedanken machten. „Man konnte ja eh nichts machen“. Ein Großvater war überzeugter Nazi, wenn auch nicht in führender Rolle. Meine Oma sagte einmal, dass er ihr gesagt hätte, er habe „damals nichts gemacht“. Ihr Blick verriet mir, dass sie ihm nicht glaubte. Diesen Großvater erlebte ich als Kind eher neutral, ohne große Gefühlsausbrüche in jegliche Richtungen und sehr in sich gekehrt. Nur kurz vor seinem Tod erlebte ich ihn weicher und auch sehr ängstlich. Sein Sohn, mein Vater und auch seine Tochter hatten es wohl schwer in dieser Familie.  Mein Vater wurde geschlagen und die damalige Familienatmosphäre war wohl alles andere als emotional und herzlich. Ich bin mir sicher, dass mein Großvater seinerseits in einem sehr autoritären, emotionslosen Elternhaus aufgewachsen ist und weitergab, was er selbst erlebte. Und natürlich sehe ich dabei einen Zusammenhang zu seiner Anfälligkeit für die NS-Ideologie. Und natürlich wird dieser Nazi-Großvater auch mein Interesse an der Kriegsursachenforschung auf eine Art mit ausgelöst haben.


- siehe ergänzend einen Beitrag über die Kindheit von SPD-Chef Sigmar Gabriel und dessen gewalttätigen NS-Vater

Donnerstag, 10. April 2014

Ursachen der Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik und wie man daran vorbeisehen kann

Es gibt etwas, das mich meist auf eine Art noch mehr erstaunt, als das Ausblenden von kindlichen Gewalt-/vernachlässigungserfahrungen als gewichtiger Ursache von (politischer) Gewalt: Das haarscharf an den Ursachen Vorbeischauen.

Unter dem Titel „Die Angst herrscht“  (22.03.2014) hat die in der Zentralafrikanischen Republik aufgewachsene Autorin Silvia Kuntz kürzlich für die ZEIT ihre Sicht auf die Ursachen der aktuellen gewaltvollen Konflikte in dem Land beschrieben. Sie stellt aus ihrer Innenansicht heraus zunächst einmal fest, dass die Gewalt nichts mit Religion zu tun hat. Diese oberflächliche Sicht auf die Religion ist eher etwas, das im Westen gerne als Erklärung dient. Die Hauptursachen sieht sie in zwei Dingen begründet: Mit dem gewaltvollen Tod eines Menschen wird – so glaubt man vor Ort – „das Böse“ ausgelöscht, als Wiedergutmachung sozusagen. (Wobei sie nicht sagt, um welche „Wiedergutmachung“ es geht, die ja - so meine ich - auch eher emotional zu fassen ist). Zum Anderen sieht sie die pure Angst als Ursache. Angst würde den Kindern schon von klein auf eingeredet, Angst vor „Monstern“, Fremden, Neuem usw.

Aber auch diese Erklärungen bleiben letztlich oberflächlich, sie beschreiben eher einen Ist-Zustand und klären nicht die Folgen, die sich aus dieser Feststellung ergeben. Dabei sind schon in dem zweiten Ursachenansatz wichtige Informationen enthalten. Kindern wird schon früh und ständig Angst eingeflößt. Das spricht nicht für ein gesundes Aufwachsen, sondern bereits für etliche traumatische Erfahrungen, je nachdem wie diese Angst unter Kindern verbreitet wird.
Gleich zu Beginn des Artikels schreibt die Autorin. „Ich wuchs als Missionarskind in Zentralafrika auf. Als Kinder spielten wir im Busch, aßen heute bei der einen Mutter, morgen bei der anderen. Wir hockten in verrußten Küchen und tunkten Maniok in Soße. Das klingt ganz romantisch, war es aber nicht. Kinder wurden geschlagen, einmal ging ein Ehemann mit einer Machete auf seinen Rivalen los. Meine Eltern machten den Krankentransport.“

Sie beschreibt deutlich die weit verbreitete häusliche Gewalt und deutet auch das an, was ich „afrikanische Vernachlässigung“ nenne; denn Tanten und Onkels gelten in Afrika als Mütter und Väter, so dass die Kinder mal hier mal da aufwachsen, es gibt keine beständige Kernfamilie. Anschließend beschreibt sie noch, wie die älter werdende Mädchen irgendwann an den Haushalt gebunden werden und viele schon früh – auch im Kindesalter – eigene Kinder bekommen. Hier ist das Fundament dafür beschrieben, dass Säuglinge nicht optimal versorgt werden. Wie auch, wenn die Mütter selbst noch Kinder oder fast Kinder sind? Und zu Recht beschreibt sie noch die Armut und Hoffnungslosigkeit in dem Land.

Kommen wir zurück zu meinem Erstaunen. In dem Artikel wird deutlich beschrieben, dass Kindheit in der Zentralafrikanischen Republik wenig mit Glück und Freude zu tun hat, um es einmal vorsichtig auszurücken. Ich vermute, dass die Autorin sich nie wirklich mit den Folgen von Kindesmisshandlung und-vernachlässigung befasst hat. Ansonsten ist es kaum zu erklären, warum sie die Dinge benennt, aber nicht in einen deutlichen Zusammenhang zu gewaltvollen Konflikten sieht.

Übrigens: UNICEF (siehe Tabelle auf Seite 86) hat repräsentativ festgestellt, dass in der Zentralafrikanischen Republik 89 %  aller Kinder (2-14 Jahre alt) psychische und/oder körperliche Gewalt durch Erziehungspersonen erleben. 78 % erleben körperliche Gewalt. 34 % der Kinder erleben dort sogar besonders schwere körperliche Gewalt. (hierunter wurde verstanden: Schläge oder Tritte ins Gesicht, gegen den Kopf oder Ohren und/oder Schläge mit einem Gegenstand, immer und immer wieder und so hart ausgeführt, wie es geht.) .Nur 4 % der Kinder erleben überhaupt keine erzieherischen Sanktionen oder Gewalt! Diese Zahlen gelten für das Gewalterleben vier Wochen vor der Befragung und nicht für die Gewalterfahrungen in der gesamten Kindheit. Zudem wurden nur Mütter oder - falls diese nicht in der Familie anwesend waren - andere Erziehungspersonen zum Erziehungsverhalten und Gewalthandlungen in der entsprechenden Familie befragt. Vermutlich würden also Befragungen von jungen Erwachsenen zu eigenen Gewalterfahrungen in der Kindheit weit aus höhere Raten ergeben, als die hier festgestellten! Allerdings läßt die Studie folgenden deutlichen Schluss zu:
Von den 33 in der UNICEF-Studie ausgewerteten Ländern fanden sich nur im Yemen noch höhere Raten von Gewalt, besonders auch schwerer Art. In der Zentralafrikanischen Republik finden sich also international verglichen die mit höchsten Raten von Kindesmisshandlung (und übrigens auch extrem hohe Raten bei der Kindersterblichkeit)
Auch die Schule scheint ebenfalls ein für Kinder sehr gefährlicher Ort in dem Land zu sein. 52 % der Lehrkräfte in zentralafrikanischen Grundschulen üben jeden Tag Körperstrafen gegen Kinder aus.  (UNICEF, Plan West Africa, Save the Children Sweden West Africa and ActionAid (2010). Too often in Silence. A report on school –based violence in west and Central Africa. S. 19) 42,2 % der männlichen Schüler in Bangui gaben an, sexuelle Gewalt gegen weibliche Schülerinnen in oder um die Schule herum ausgeübt zu haben. Die selbe zitierte Studie ergab, dass männliche Lehrkräfte Haupttäter von sexueller Gewalt gegen Grundschülerinnen waren, was in Anbetracht der vorgenannten Zahl auf enorm viele Übergriffe schließen lässt. (ebd., S. 23) Die Hälfte der Schüler gab außerdem an, dass körperliche Gewalt die häufigste Form von Gewalt von Schülern gegen Schüler in Grundschulen darstellt. (ebd., S. 31) Die Kinder scheinen ihre selbst erlittene Lektion verinnerlicht zu haben und lösen ihre Konflikte wiederum mit Gewalt.

Mittwoch, 9. April 2014

Kindheit von Iwan IV., genannt "der Schreckliche"

(Nachträglicher Hinweis: Deutlich ausführlicher und unter Verwendung anderer Quellen habe ich die Kindheit von Iwan IV.  in meinem Buch besprochen.)


Dank einer Leserin bekam ich den Hinweis auf eine Dokumentation über Iwan IV. (genannt der Schreckliche), Zar von Russland, der zwischen 1530 und 1584 lebte: Titel: „Iwan der Schreckliche“ von Peter Moers, gesendet auf ARTE am 05.04.2014.
Iwan IV. galt als besonders grausamer Herrscher mit einer Neigung zum Sadismus. Diese Dokumentation ist sehr ungewöhnlich (im Vergleich zu anderen Dokus, die sich mit historischen Persönlichkeiten befassen), denn sie zieht eine sehr deutliche Verbindungslinie zwischen Iwans traumatischer Kindheit und seinem späteren politisch-gewaltvollem Handeln und auch seiner gestörten Persönlichkeit mit einer Neigung zu Depressionen und zum Jähzorn (was ihn am Ende seiner Tage auch dazu brachte, seinen Sohn umzubringen).  Der gesamte erste Teil widmet sich der Kindheit und Deutungen durch eine Psychiaterin, einem Profiler und einem Historiker. Mehrmals wird in der Doku die traumatische Kindheit aufgegriffen und in den entsprechenden Kontext gesetzt.
Diese Kindheit ist schnell skizziert: Als Iwan  drei Jahre alt war, starb sein Vater, seine Mutter starb einige Jahre später - vermutlich an Gift -, da ist der Junge gerade einmal acht Jahre alt. Von nun an ist er dem Adel am Hofe – den Bojaren - schutzlos ausgeliefert. Zitat aus der Doku:
Sie machten Iwans Kindheit zur Hölle. Täglich muss der Thronerbe um sein Essen kämpfen, er wird ständig gedemütigt, grundlos eingesperrt, aus Spaß geschlagen. Iwan ist den Bojaren ein Dorn im Auge, sie wollen ihn langsam vernichten. Doch Iwan überlebt. Später wird er diese Zeit immer wieder zur Rechtfertigung von Grausamkeit und Terror anführen. (…) Mit 13  Jahren verwandelt sich Iwans Ohnmacht in blanke Wut. Jetzt ist er sich seiner Macht bewusst und schlägt zurück. Er hetzt ein Rudel scharf gemachter Hunde auf den Anführer der Bojaren-Clique, die Hunde reißen seinen Peiniger in Stücke. Zum ersten Mal gelingt es dem Gedemütigten um sich herum Angst zu verbreiten. Ein Gefühl, das ihn süchtig machen wird. “

Auch in einzelnen Artikeln, die ich online gelesen habe, wird Iwans traumatische Kindheit erwähnt. Ich vermute, dass es leichter fällt, Zusammenhänge zwischen traumatischer Kindheit und gewaltvollem Handeln von solchen Herrschern zu sehen, wenn diese Gewalt gegen das Kind vordergründig nicht von den Eltern ausging, so wie dies im Fall Iwans zutraf (wobei wir nicht wissen, in wie weit seine Eltern Gewalt zu Lebzeiten gegen das Kind ausübten oder anordneten, was für die damalige Zeit sehr wahrscheinlich ist.). Dokus über z.B. Stalin, Hitler und ähnliche Akteure haben - so weit ich dies bisher wahrgenommen habe - nie derart deutlich Zusammenhänge zu den traumatischen Erfahrungen im Elternhaus und dem späteren Handeln ausgemacht.

Montag, 7. April 2014

Martin Luther. Eine Kindheit voller Gewalt.

Unter dem Untertitel „Ein Reformator mit gnadenlosen Parolen“ hat sich die Journalistin Ingrid Müller-Münch (2012) innerhalb ihres Buches „Die geprügelte Generation“ kurz mit Martin Luther befasst. Dieser plädierte, so schreibt sie, stets für eine harte Hand und Prügel im Umgang mit Kindern und zitierte gerne den Spruch Salomons „Wer seine Rute schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn bald.“ (Ergänzene Anmerkung: Der Wissenschaftsjournalist Jörg Zittlau (2010, S.22) zitiert Luther mit den Worten: „Man muss Kinder stäuben und strafen, aber gleichwohl soll man sie auch lieb haben.“ und Dieterich (2013, S. 18) meint, dass Luther für Körperstrafen gegen Kinder war, allerdings zu harte Prügel ablehnte.) Müller-Münch schreibt, dass Luthers Erziehungsanweisungen Gewicht im Umgang mit Kindern hatten und sich über Generationen auswirkten. Ob diese nachfolgenden Elterngenerationen unbedingt Luthers Anweisungen brauchten, um ihre Kinder zu schlagen, bezweifle ich. Die Anweisungen hatten sicher eine stützende Funktion. Aber vornehmlich gab jede neue Elterngeneration nur das weiter, was selbst als Kind erlitten wurde.

Auch Martin Luther wurde als Kind schwer misshandelt.  O-Ton Luther: „Meine Eltern haben mich hart gehalten, dass ich auch darüber gar schüchtern wurde; und ihr ernst und gestreng Leben, das sie mit mir führten, war eine Ursache dafür , dass ich hernach in ein Kloster lief und ein Mönch wurde. Die Mutter stäupte mich einmal um einer geringen Nuss willen, dass das Blut danach floss. Aber sie meinten`s herzlich gut.“  (Aus einer Predigt – die durchzogen ist von der Forderung zum Gehorsam der Kinder und der Pflicht der Eltern, diesen zu erzwingen - von Martin Luther (1973, S. 118) vom 20.08.1535.  Luther sagte u.a. in seiner voran zitierten Predigt: „Man soll die Kinder und Schüler also strafen, dass allewege der Apfel neben der Ruten ist. Es ist ein bös Ding, wenn Kinder und Schüler ihren Eltern und Lehrern gram werden.“  (ebd., S. 118)
Ähnliche Erziehungsmethoden wie die Mutter praktizierte auch sein Vater. "Mein Vater stäupte mich einmal so sehr, dass ich vor ihm floh und dass ihm bange war, bis er mich wieder zu sich gewöhnt hatte." (Dieterich 2013, S. 18) Unter „stäuben“ verstand man damals das festzurren oder festhalten, um dann Körperstrafen in Form von Stock- oder Rutenhieben zu verabreichen. (Zittlau 2010, S 21+22)

Gleichzeitig belegen seine Aussagen die starke Identifikation mit dem Aggressor. Schläge werden mit Liebe gleichgesetzt und die destruktiven Eltern weiterhin geehrt. Dieser ursprüngliche psychische Schutzmechanismus des hilflosen Kindes führte bei Luther später dazu, dass er selbst vom Opfer zum Täter oder Täterunterstützer wurde.
Über Luthers Kindheit erfährt man bei Zittlau ansonsten noch, dass der Vater als Erzieher kaum auftrat und abwesend war. Ab dem Alter von ca. 14 Jahren besuchte Martin die Domschule in Magdeburg und wohnte in einem Schülerheim. Dort wurden ähnliche Erziehungsmethoden praktiziert wie zu Hause. „Einmal bezog er an einem einzigen Vormittag fünfzehn Mal Schläge, weil er nicht richtig konjugieren und deklinieren konnte – dabei hatte man es ihm noch gar nicht beigebracht.“ (Zigglau 2010, S. 23) Manche Lehrer, folgerte Luther später, sind Einpeitscher und "grausam wie die Henker". (Dieterich 2013, S. 18)

Ich muss gestehen, dass ich mich bisher wenig mit Martin Luther befasst habe (und wahrscheinlich auch bis heute noch zu wenig). Mein Wissen über ihn bestand weitgehend aus aufgeschnappten Infohäppchen meist aus Ausführungen im Alltag, Schule oder Fernsehen oder vor allem auch  aus einer filmischen Dokumentation, die ich einst sah. Für mich mit meinem Halbwissen über Luther war er ein Mensch, der für die damalige Zeit ungewöhnlich war, der den Mut hatte, die Kirche und deren Autorität  in ihren Grundfesten zu kritisieren, der ein besseres Menschenbild und ein besseres, menschlicheres Gottesbild wollte und der auch ungewöhnlich emanzipiert mit seiner Frau umging und dieser sehr viele Freiheiten zugestand. Irgendwie hatte ich ein Bild von Luther im Hinterkopf, das sicher auch zum Teil daher rührt, da die evangelische Kirche und auch die Geschichtsschreibung dieses Bild - so mein Eindruck - stets fördert.  Dieses Bild von Luther und das Wissen um seine besonders schwere Kindheit passten bisher nicht für mich zusammen. Ich traue Menschen mit schweren Kindheitserfahrungen natürlich grundsätzlich zu, sich für Menschlichkeit und Emanzipation einzusetzen und Autoritäten zu hinterfragen.  Aber dies vor allem eher in der heutigen Zeit, mit ihren diversen Vorbildern, vermittelten Werten und auch Möglichkeiten der psychischen Gesundung. Aber Anfang des 16. Jahrhunderts? Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich damals ein schwer misshandeltes Kind zu jemandem entwickeln konnte, der meinem Bild von Luther entsprach, das ging nicht zusammen. Es machte sozusagen psychisch keinen Sinn. Ich fragte mich: Wo blieb Luthers (Selbst)Hass? Bei solch schweren Gewalterfahrungen durch beide Elternteile ist es unmöglich, unbeschadet zu bleiben.

Kürzlich las ich dann einen Artikel auf Welt-Online (31.03.2014) mit dem Titel „Neuneinhalb Thesen gegen Martin Luther„, der für mich die Dinge passend machte, die vorher keinen Sinn ergaben. Gleich in der Titelunterschrift ist zu lesen: „Deutschland plant das Lutherjahr 1517 – und übersieht gern die dunkle Seite des Reformators: Fundamentalismus, Judenhass, Hexenwahn, Apokalyptik.“  Ich will den Text gar nicht zu viel zitieren, mensch lese ihn bitte selbst! Zwei  Luther-Zitate übernehme ich allerdings hier, zum einen Luthers „antisemitisches Aktionsprogramm“ und sein Denken vor allem im Angesicht des damaligen Bauernaufstandes:
Erstlich, dass man ihre Synagoga oder Schulen mit Feuer anstecke ... Zum anderen, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre ... Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein ... Zum vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren ... Zum fünften, dass man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe ... Zum sechsten, dass man ... nehme ihnen alle Barschaft und Kleinod an Silber und Gold und lege es beiseite zum Verwahren ... Zum siebten, dass man den jungen starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nasen ... " und
 „Der Esel will Schläge haben, und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein. Das wusste Gott wohl; drum gab er der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand."

Die im Artikel benannten Details sind zum Teil auch auf Wikipedia zu lesen. Ergänzend beschreibt Wikipedia auch, dass Luther sich für die Tötung von Behinderten einsetzte. Ein geistig schwer behindertes Kind beschrieb er als „Fleischmasse“, das keine Seele besitze. In ihm habe der Teufel den Platz der Seele eingenommen.

Luther mag eine große Reformbewegung angestoßen haben. Sein Selbst- und sein Menschenbild war allem Anschein nach durchzogen von Hass und Destruktivität. Als Vorbild für Menschlichkeit dient Martin Luther in meinen Augen nicht. Seine extrem traumatische Kindheit kann - so meine ich - diese persönliche Entwicklung gut erklären.


Quellen:

Dieterich, Veit-Jakobus (2013). Martin Luther. Sein Leben und seine Zeit. (3. Auflage). Deutscher Taschenbuch Verlag, München.

Luther, Martin (1973). Luthers Epistel-Auslegung: Bd. Die Briefe an die Epheser, Philipper und Kolosser. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. (von mir online entnommen hier)

Müller-Münch,  Ingrid  (2012). Die geprügelte Generation. Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen. Klett-Catta Verlag, Stuttgart.

Welt-Online, 31.03.2014, „Neuneinhalb Thesen gegen Martin Luther„ (von Alan Posener)

Zittlau. Jörg (2010).  Sie meinten`s herzlich gut. Berühmte Leute und ihre schrecklichen Eltern. List Verlag, Berlin

Donnerstag, 3. April 2014

Kindheit in Russland

Ich habe vor geraumer Zeit schon einmal versucht, etwas über das Ausmaß von Kindesmisshandlung in Russland herauszufinden. Aktuell bin ich erneut auf die Suche gegangen und habe weiterhin nicht wirklich repräsentative Daten gefunden. Auch UNICEF (Ein Länderbericht aus dem Jahr 2007 z.B. konnte bzgl. Gewalt gegen Kinder nur auf Hellfeldzahlen zurückgreifen und erwähnte keine weiteren Zahlen, vgl. ab S. 72 im Bericht), WHO oder die Initiative „End all Corporal Punishment“ (siehe entsprechenden Länderbericht) verfügen bisher über keine aussagekräftigen Zahlen.

Insofern beginne ich damit, die historische Entwicklung von Kindheit in Russland kurz zu beschreiben, da diese bereits Mittelpunkt psychohistorischer Forschungen war. Unter dem aussagekräftigen Titel
»Der Feind ist das Kind«: Kindheit im zaristischen Russland“ hat Patrick P. Dunn  in dem Buch deMause, L. (1980). Hört ihr die Kinder weinen. Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main. die Kindheit zwischen ca. 1760 und 1860 beschrieben, wobei er anmerkt, dass die von ihm beschriebenen Methoden der Kindererziehung natürlich auch vor 1760 und auch noch lange nach 1860 bestanden. (Dunn 1980, S. 536). Der Autor fasst gleich am Anfang zusammen: „In der Zeit von 1760 bis 1860 in Russland ein Kind zu sein, war eine Qual, ein ungesichertes Dasein voll von Hindernissen für die körperliche wie die seelische Entwicklung. Vielleicht weniger als die Hälfte der Kinder erreichte das Erwachsenenalter. (…) Nur wenige von denen, die trotz allem körperlich überlebten, wurden in unserem heutigen Sinn erwachsen, nämlich autonome eigenverantwortliche Persönlichkeiten.“ (ebd., S. 537)
Eine hohe Säuglingssterblichkeit kam, dem Autor folgend, zwar auch durch Bedingungen wie unzureichende Ernährung und medizinische Versorgung, klimatische Bedingungen etc. zu Stande. Aber: „Wichtig ist meiner Meinung nach die Tatsache, dass russische Eltern Kinder und Kinderaufzucht für unwichtig hielten. Zwar musste man sich um die Kinder kümmern, doch im Grunde genommen vernachlässigten die Eltern ihre Kinder, ja, waren ihnen gegenüber sogar feindlich gesonnen.“ (ebd.,S. 537)
Desweiteren beschreibt Dunn die Methoden des strafen Wickelns, Abhärtungsrituale wie dem Aussetzen von starker Hitze oder Kälte, Fehlen von warmherzigen Eltern-Kind-Beziehungen und die Routine des Schlagens von Kindern. Vor allem sollte das Kind gehorsam sein und sich nicht zu einer selbstbestimmten Person entwickeln. „Die russische Kindheit kann verstanden werden als Versuch der Eltern, die Entwicklung ihrer Kinder zur Selbstständigkeit zu verhindern. (…) Auf individuelle Autonomie wurde in der russischen Gesellschaft üblicherweise kein Wert gelegt, und bereits in der Familie wurde die Selbstständigkeit des einzelnen zukünftigen Staatsbürgers unterdrückt.“ (ebd.,S. 551+552) )
Im letzten Kapitel beschreibt Dunn allerdings auch, wie sich die Vorstellungen von der Kindererziehung bei einer Minderheit (im Adel und bei der Bildungsschicht) im 18. Und 19. Jahrhundert langsam veränderten und Kindern mehr Autonomie zugestanden wurde.

Übrigens trafen Abhärtungsrituale auch  z.B. den 1777 geborenen Zar Alexander I.
Er durfte nicht verhätschelt werden: Seine Matratzen wurden mit Stroh gefüllt; selbst im kalten russischen Winter musste in seinem Zimmer immer ein Fenster offenstehen. Er schlief in einem Flügel des Winterpalais, der neben der Admiralität lag, so dass sein Ohr sich an die Kanonenschüsse gewöhnte.“  (Palmer, Alan (1994). Alexander I. Der rätselhafte Zar. Ulstein Verlag, Frankfurt am Main/Berlin. S. 21+22) Allerdings zeigt sich auch in diesem Beispiel, dass sich beim Adel etwas veränderte. Vor allem seine Großmutter Kaiserin Katharina II.wollte eine modernere Erziehung für ihren Enkel (und scheint dies auch teils durchgesetzt zu haben) und die Entwicklung des Kindes fördern. Allerdings herrschte am Hofe von Alexanders Eltern ein Ton, „der im krassen Widerspruch zu der aufklärerischen Erziehung stand“. (ebd., S. 24)

Lloyd deMause hat in seinem Buch „Was ist Psychohistorie? Eine Grundlegung“ erschienen 2000 im Psychosozial-Verlag, Gießen den Aufsatz „Die sanfte Revolution: Die Wurzeln der russischen und osteuropäischen Demokratiebewegung in der Kindheit“ (der ursprünglich 1990 erschien; online in englisch auch hier) veröffentlicht. DeMause meint mit Blick auf bis ins 20. Jahrhundert praktizierten „Abhärtungsrituale“ von Säuglingen (die es früher auch in Westeuropas gab), dass sich Reformen der Kindererziehung in Russland im Vergleich zu Westeuropa um ca. 200 Jahre verzögerte. (deMause 2000, S. 455) Er formuliert: „Die politischen Alpträume des zaristischen und stalinistischen Russlands waren exakte Abbilder der Alpträume einer gewöhnlichen russischen Kindheit. Weitverbreiteter Kindesmord, heftige Schläge und andere Arten physischer Misshandlung waren Vorbilder für physische Gewalt des Kremls, das KGB und des Gulag. Was Nathan Leites als traditionelle russische Charaktereigenschaften anführt – Furcht vor Unabhängigkeit, Wankelmut und Wunsch nach externer Kontrolle -, all das war Resultat der bis vor kurzem weitverbreiteten Praktiken des langen Wickelns der Kinder (pers. Anmerkung: deMause meint mit Wickeln vor allem Methoden, die im Deutschen eher mit „Einschnüren“ bezeichnet werden), der emotionalen Weglegung und der Gefühlskälte der Eltern gegenüber ihren Kindern.“ (ebd., S. 455+456)
Erst ab den 1930er Jahren begann die Kindheit in Russland jener in der übrigen modernen Welt immer mehr zu ähneln. (ebd., S. 458) Vor allem die Gebildeten wickelten ihre Säuglinge nicht mehr straff, das Auspeitschen wurde inakzeptabel und elterliche Wärme begann sich langsam auszubreiten. (ebd., S. 460) Der Fortschritt der Kindererziehung ist allerdings, so deMause (ebd., S. 462), nicht flächendeckend in den Gebieten der früheren Sowjetunion verlaufen, was seiner Meinung nach auf Dauer den Erfolg von Demokratiebewegungen gefährden könnte. (wir erinnern uns an dieser Stelle, dass sein Text aus dem Jahr 1990 stammt! Gemessen an den unterschiedlichen Säuglingssterblichkeitsraten versprach z.B. die DDR die friedlichsten Entwicklungen – was sich bestätigte – und die Gebiete des früheren Jugoslawien genau das Gegenteil davon – was sich auch im Laufe der 1990er Jahre bestätigte. Rumänien und die Staaten der früheren UDSSR liegen eher in der Mitte dieser beiden Pole.)

So viel zu den historischen Entwicklungen. Wie aber sieht Kindheit heute in Russland aus? Wie war die Kindheit der jungen Generation, die heute 20 bis 30 Jahre alt ist und die zukünftig Russland gestalten werden? Darüber habe ich, wie anfangs schon geschrieben, fast nichts gefunden.

Eine kleinere Studie mit 375 Schülern in einer sibirischen Stadt, wurde öfter zitiert. Misshandlungen erlebten 28,9 % der Befragten, . von diesen 3.8% derart stark, dass sie medizinisch versorgt werden mussten. (Berrien FB, Aprelkov G, Ivanova T, Zhmurov V, Buzhicheeva V. (1995) Child abuse prevalence in Russian urban population: a preliminary report. In: Child Abuse Negl. ;19(2):261-4.)

Ein noch kleinere (250 Schulkinder und182 Eltern), aber aktuellere Studie - Volkova, Olga Alexandrovna & Besschetnova, Oksana Vladimirovna (2013). Child Abuse in Russia as a Cause of Social Orphanhood. In: World Applied Sciences Journal 26 (12): 1588-1594. – fand, dass 50 % der Eltern meinen, das Verhalten ihrer Kinder durch psychische oder körperliche Gewalt kontrollieren zu müssen.  86% der Kinder sagten, dass ältere Familienmitglieder sie bestrafen würden, wobei die meisten Strafen eher psychisch sind. 20,6 % berichteten von leichter körperlichen Gewalt und 12,6 % von schwerer körperlichen Gewalt. Die Eltern berichteten sogar von noch weniger körperlichen Gewalt: Leichte Formen: 15,4 % und schwere Formen 1,7 %. (ebd., S. 1591) Dies sind auf den ersten Blick verhältnismäßig recht fortschrittliche Zahlen. Sie passen nicht ins Bild, wenn man sich vor Augen führt, dass die Autorin in der Einleitung ihres Artikels eine Quelle zitiert (ebd., S. 1588), nach der Gewalt in der Familie in Russland 45-70 mal höher verbreitete sei als in Frankreich und 7 mal höher als in Pakistan. (Diese Zahlen halte übrigens ebenfalls nicht für realistisch und deutlich zu hoch geschätzt)
Interessant ist noch, dass die Autorin das Hellfeld von Misshandlungen erwähnt und dies ist rückläufig.2006 gab es 3.881 Fälle, 2008 3.012 Fälle, 2009 3.211 und 2011 2.495 (ebd., S. 1589) Diese Zahlen legen nahe, dass auch im Dunkelfeld ein rückläufiger Trend zu vermuten ist.

Da es so wenig verlässliche Zahlen aus Russland gibt, muss ich auf andere Zahlen zurückgreifen:  14.301 westdeutsche Jugendliche (Durchschnittsalter 15 Jahre, insofern Geburtsjahrgang ca. 1990) wurden Anfang 2005 befragt, siehe Studie Baier, D. / Pfeiffer, C. 2007: Gewalttätigkeit bei deutschen und nichtdeutschen Jugendlichen – Befunde der Schülerbefragung 2005 und Folgerungen für die Prävention. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V., Hannover.   5,4 % (ca. 772 Schüler) der Befragten waren russischer Herkunft, was insofern eine aussagekräftige Stichprobe für die in Deutschland lebenden russisch-stämmigen Jugendlichen darstellt.
16,4 % der russisch-stämmigen jugendlichen haben leichte körperliche Züchtigungen (sehr eingeschränkt definiert als: selten eine Ohrfeige, hartes Anpacken oder Werfen mit einem Gegenstand) in der Familie erlebt (die deutschen Jugendlichen mit 23,8 % deutlich mehr) Schwerere Gewalt definiert als häufiges Erleben von einer Ohrfeige, hartem Anpacken oder Werfen mit einem Gegenstand bzw. Misshandlung (Verprügeln, mit der Faust schlagen) erlebten die russisch-stämmigen Jugendlichen dagegen deutlich mehr (25,4 %) als die Deutschen (17 %). 40,7 % der russisch-stämmigen jugendlichen berichteten von geringer elterlichen Kontrolle (definiert als elterliche Sorge wie Interesse mit wem sie draußen gespielt hätten oder wo sie sich aufgehalten haben) , bei den Deutschen berichteten dagegen 31,7 % davon. (ebd., S. 28) Ich persönlich vermute, dass Auswanderer aus Russland sogar bzgl. der Kindererziehung etwas fortschrittlicher und modernder orientiert sein könnten, als der Durschnitt in Russland. Egal, ob diese Mutmaßung stimmt, auch so zeigen die Zahlen bereits signifikante Unterschiede bzgl. der Gewalt und der elterlichen Sorge.

Repräsentative Zahlen bzgl. der Gewalt gegen Kinder  gibt es ansonsten nur für Länder, die an Russland grenzen und früher zur Sowjetunion gehörten: UNICEF (2010): Child Disciplinary Practices at Home: Evidence from a Range of Low-and Middle-Income Countries. New York, die u.g. Zahlen stammen aus einer Tabelle auf S. 86
Die verfügbaren Zahlen sind mit Sicherheit nicht eins zu eins auf Russland übertragbar, aber sie lassen zumindest die Vermutung  zu, ähnliche Zahlen auch in Russland zu finden. 
Wichtige Hinweise vorweg: Es wurde nur nach Gewalt innerhalb eines Monats vor der Befragung gefragt. Somit wurden nicht die Gewalterfahrungen in der gesamten Kindheit erfasst! Es ist vermutlich davon auszugehen, dass die Zahlen vor allem den Anteil der Kinder wiedergeben, die eher regelmäßig Gewalt erleben. In der Studie wurde auch gesondert schwere körperliche Gewalt erfasst. Hierunter wurde verstanden: Schläge oder Tritte ins Gesicht, gegen den Kopf oder Ohren und/oder Schläge mit einem Gegenstand, immer und immer wieder und so hart ausgeführt, wie es geht.  Schläge gegen andere Körperteile oder Schläge mit einem Gegenstand, die nicht den erwähnten Zusatzbedingungen entsprachen ("immer und immer wieder" und "so hart es geht"), wurden - um Kategorien zu bilden - nicht als schwere Formen gewertet. Insofern ist – meiner Meinung nach - davon auszugehen, dass weit aus mehr Kinder auch schwere und besonders folgenreiche Gewalt erlebt haben, als die unter „schwere Gewalt“ erfassten Zahlen preis geben.

In Weißrussland wurde repräsentativ nach körperlicher und/oder psychischer gegen Kinder (Alter 2 bis 14 Jahren) innerhalb eines  Monats vor der Befragung  gefragt. 84 % der Kinder erlebten irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 51 % erlebten körperliche Gewalt. 2  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 78 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen.

In Aserbaidschan erlebten 76 % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 48 % erlebten körperliche Gewalt. 17 %besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 73 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen. 

In Georgien erlebten 67  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 50 % erlebten körperliche Gewalt. 20  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 59 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen. 

In Kirgistan erlebten 54  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 37 % erlebten körperliche Gewalt. 3  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 43 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen. 

In Kasachstan erlebten 54  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 24 % erlebten körperliche Gewalt. 1  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 50 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen. 

In Tadschikistan erlebten 78  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 60 % erlebten körperliche Gewalt. 18  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 73 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen

In der Ukraine erlebten 70  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 37 % erlebten körperliche Gewalt. 2  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 66 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen

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Schließlich habe ich noch einige aufschlussreiche Informationen gefunden, die ich nachfolgend zitiere: 

Eine Umfrage aus dem Jahr 2004 hat ergeben, dass sich Eltern in Russland auch heute im Großen und Ganzen bei der Kindererziehung an sogenannten traditionellen Werten orientieren. Dennoch ist ein kontinuierlicher Wandel zu erkennen und »moderne« Werte gewinnen an Bedeutung. Rang 1 bis 4
der Eigenschaften, die man Kindern vermitteln sollte nehmen die folgenden ein: 50 % der Befragten
nennen Arbeitsliebe, 46 % Ehrlichkeit und Anständigkeit, 37 % Ordnung und Reinlichkeit, 34 % Wohlerzogenheit und Höflichkeit. Zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion nahm die Achtung vor den Eltern noch den ersten Platz ein (68,5 % der Befragten). Moderne Werte wie Selbstständigkeit und Unabhängigkeit stehen heute weiter unten auf der Werteskala und werden nur von 24 % der Befragten genannt, Neugier und umfassendes Denken von 19 %, Gehorsam von 14 %, Achtung vor Autoritäten von 9 %, Individualität von 6 % und Phantasie von 4 %
.“
(Kuhr-Korolev, Corinna (2008). Aufwachsen in Moskau. Impressionen aus distanzierter Nähe. In: kultura. Russland-Kulturanalysen. 5/2008.  Generation 21. Jahrhundert: Neue Kindheit in Russland. S. 5)

Nach wie vor wird bei russischen Kindern die Ausbildung einer eigenen Meinung wenig gefördert. Ein gutes Kind ist ein posluschny rebjonok, ein braves Kind, das gehorcht.“ (ebd., S. 8)

Die Zahl der obdachlosen Kinder (besprizornye) wird auf 1 Million geschätzt. Diese Zahl steigt auf statistisch nicht gesicherte 2–4 Millionen, wenn die weitaus größere Gruppe der unbeaufsichtigten Kinder (beznadzornye) hinzugezählt wird. Dabei handelt es sich um Kinder, die wenigstens ein lebendes Elternteil haben, aber sich selbst überlassen sind.

In landesweit 2100 Kinderheimen und 150 Internaten werden 94.000 Kinder betreut. Ihre Zukunftsaussichten sind düster: Nach der Entlassung aus dem Heim werden der Statistik zufolge 40 % der ehemaligen Zöglinge alkohol- oder drogenabhängig, 40 % rutschen ins kriminelle Milieu ab, 10 % verüben Selbstmord und nur 10 % schaffen den Sprung in ein mehr oder weniger normales Leben.“

1,5 Millionen Kinder entziehen sich der Schulpflicht. Jedes Jahr werden 330.000 Straftaten von Jugendlichen verübt, 28.000 Heranwachsende befinden sich in Kolonien für jugendliche Straftäter. 2000  Jugendliche begehen jährlich Selbstmord. Allein in Moskauer Krankenhäusern werden jährlich 1800 Jugendliche wegen versuchten Selbstmords behandelt.“ 

Großen Anlass zur Sorge gibt der Alkohol- und Drogenkonsum unter Kindern und Jugendlichen. Von den 14–18-Jährigen trinken 88 % der Jungen und 93 % der Mädchen regelmäßig Alkohol. Andere Drogen werden von 56 % der Jungen und 20 % der Mädchen konsumiert.“
(Mélat,  Hélène (2008). »Am Strand des weit entfernten Koktebel...«. In: kultura. Russland-Kulturanalysen. 5/2008.  Generation 21. Jahrhundert: Neue Kindheit in Russland. S. 18)

In der selben Quelle findet sich auch ein Beitrag, der deutlich macht, dass sich Kindheit in Russland stetig verändert und modernisiert. Dies gilt vor allem für die neue Mittelschicht. (Gölz, Christine (2008). Kindheit – die Zukunft Russlands. In: kultura. Russland-Kulturanalysen. 5/2008.  Generation 21. Jahrhundert: Neue Kindheit in Russland. S. 2-3)

Zum Schluss möchte ich auf einen SPIEGEL Artikel (DER SPIEGEL, 12.05.1997, 20/1997, „Moskaus böse Buben“ ) hinweisen, den man online lesen kann. Es geht um ca. 1 Millionen obdachloser Kinder Ende der 90erjahre, deren Schicksal und oft auch kriminelle Laufbahn. Im Artikel findet sich auch folgende Info:
Jährlich werden zwei Millionen Kinder Opfer anhaltender Vernachlässigung im Elternhaus, 1995 starben 17 000 von ihnen an den Folgen häuslicher Gewalt.“

Mittwoch, 2. April 2014

Technischer Hinweis / Kommentare

Nachdem blogger.com vor längerer Zeit das "Gadget" "Neuste Kommentare anzeigen" eingestellt hat, habe ich - als Technikdussel - jetzt doch die Möglichkeit gefunden, die 10 neusten Kommentare anzeigen zu lassen. Und zwar rechts unten in der Blogleiste unter dem Bereich "Mitglieder", für alle, die an den neusten Kommentaren der LeserInnen interessiert sind.

Mittwoch, 26. März 2014

Zwischengedanken über die Auswirkungen von Traumatisierungen im Kindesalter

Auf den Seiten des Projektes "DISSOZIATION UND TRAUMA" wurden diverse Folgen von Traumatisierungen in Kindheit und Jugend zusammengefasst. Besonders interessant fand ich, wie folgendes beschrieben wurde:
"Narzißtische Störungen entstehen, wenn Überlebende von schlimmen Lebensbedingungen in der Kindheit gelernt haben, alle seelischen Kräfte in den Aufbau einer „Schutzmauer“ zu investieren, die fast um jeden Preis aufrecht erhalten wird. Dabei können verschiedenste Mechanismen Schutzfunktion bekommen, z.B. perfektionistisches Funktionieren im Arbeitsleben bzw. im Haushalt - oder Verbalattacken und Wutausbrüche oder eine besonders stilisierte Selbstdarstellung (Kleidung, Makeup, Sprache) oder soziale Grenzüberschreitungen und unsoziales/egoistisches Verhalten oder intellektuelle Besserwisserei oder besonders unterdrückerische Formen des sogenannten „Helfer Syndroms“ (auch elterliche Überbehütung) oder körperliche Gewalt oder eine herausragende öffentliche Funktion
."

Diese Art der Definition von Narzißtischer Störung ist schon etwas ungewöhnlich. Sie trifft aber exakt meine Wahrnehmung. Ich persönlich verzweifle manches Mal im Umgang mit schwierigen Menschen (obwohl ich ja im Grunde um die Ursachen weiß). Diese "Schutzmauern" bedingen vor allem auch Unechtheit und damit komme ich persönlich nur schwer klar und werde auch dadurch verunsichert. Um so mehr freue ich mich immer, wenn Gespräche mit Menschen einfach so fließen, weil das Gegenüber echt ist. Naja, dies mal als persönlicher Gedankengang.

Ich gebe zu, dass ich ein etwas unordentlicher Mensch bin. Ordnung hat daher für mich - wohl auf Grund dieser Charaktereigenschaft - immer etwas leicht Abschreckendes :-). "Perfektionistisches Funktionieren im Arbeitsleben bzw. im Haushalt" als Folge von Traumatisierungen zu begreifen, finde ich treffend. Ich werde nie vergessen, wie ich als damaliger Student der (etwas chaotisch strukturierten) Hamburger UNI einmal die Bibliothek der Hamburger Bundeswehr UNI aufsuchen musste. Die Ordnung aller Räume war ein krasser Gegensatz und selbst auf den Toiletten war alles akkurat und es gab nicht eine einzige Schmiererei an den Wänden (Man besuche dagegen mal die Toiletten der Hamburger UNI). Es ist, denke ich, kein Zufall, dass bei der Bundeswehr (wie in allen Armeen) besonderer Wert auf perfektionistische Ordnung gelegt wird. Wie hier im Blog beschrieben gibt es kleinere Studien und Gedanken, die nahelegen, dass vor allem als Kind verletzte Menschen Soldaten werden. (Gerade heute fand ich wieder einen Medienbeitrag über einen Ex-Elitesoldaten, der als Kind in einem Heim aufwuchs, was im Artikel nebenbei erwähnt wurde) Mich persönlich machen vor allem auch perfekte Gärten und Haushalte misstrauisch, wo alles seinen Platz hat und nichts „Unstrukturiertes“ zu finden ist. Um nicht falsch verstanden zu werden: ich finde Ordnung grundsätzlich gut und nützlich (und bemühe mich täglich darum). Es geht aber um diese übertriebene Ordnung, um diese Konzentration auf die schöne Fassade. Meine Lebenserfahrung mit Menschen bestätigt mir leider oft, dass hinter den schönsten Fassaden große Abgründe lauern. Entsprechende Menschen können meist nicht locker sein, verfügen über keinen spontanen Humor, können sich nicht über Glückserfahrungen Anderer freuen, geben nichts von sich preis und zeigen vor allem keine menschlichen Schwächen und Gefühle. Da dies derart verbreitete ist, fühle ich mich manchmal als der „Merkwürdige“. Der o.g. Textauszug tat mir heute einfach mal gut. Man weiß auch nicht ob man lachen oder weinen soll, wenn unter der Traumafolge „Narzißtische Störung“ steht „eine herausragende öffentliche Funktion“.

Montag, 24. März 2014

Kindheit von Wladimir Wladimirowitsch Putin

Der Politologe Dmitri Oreschkin  sagte für eine ARD Dokumentation vom 13.03.2014 mit dem Titel „Psychogramm Putin“ (Autor Udo Lielischkies):
 „Das Phänomen Putin liegt darin, dass seine Minderwertigkeits-Probleme gut zu denen seiner Bevölkerung passen. Auch die leidet noch unter dem Zusammenbruch der Sowjetunion.“
Es macht auf Grund dieses Satzes Sinn, die Kindheit von Putin und auch Kindheit in Russland allgemein (was ich noch gesondert darstellen werde) zusammen zu betrachten, denn Minderwertigkeitsgefühle entstehen vor allem durch destruktive Kindheitserfahrungen.

Über Putins Kindheit ist wenig bekannt. Es gibt Berichte, er sei gar nicht von seiner offiziell benannten Mutter geboren worden, die aktuell vor allem von dem Autor Stanislaw Belkowski (Buch „Wladimir - Die ganze Wahrheit über Putin“, Ende 2013 erschienen) aufgefrischt wurden.  „Schon die offizielle Version, dass Putin am 7. Oktober 1952 im heutigen Sankt Petersburg in die Familie eines Arbeiters geboren wurde, bezweifelt Belkowski. Putin sei vielmehr zwei Jahre früher in der Gegend von Perm auf die Welt gekommen, Vater Säufer und Mutter lieblos. Weil der neue Mann von Mutter Putin das Kind nicht gemocht habe, sei dieses schließlich bei einem Verwandten der Mutter im fernen Leningrad aufgewachsen.“ (Wiener Zeitung, 20.01.2014,  „Der ungeschminkte Putin“ ) Das Hamburger Abendblatt schrieb bereits am 17.08.2008 (unter dem Titel „Nazisymbole und Gerüchte um Putins Kindheitstrauma“) davon, dass sich eine Frau namens Vera Putina (über die sogar ein Wikipedia Artikel besteht) ) als Putins leibliche Mutter ausgibt. Der Stiefvater hätte Putin nicht anerkannt und viel geschlagen, weswegen sie ihn zu Verwandten gab.
Diese Version von Putins Kindheit scheint allerdings nicht eindeutig beweisbar zu sein. Allerdings zeigen auch die nachgewiesenen Details deutlich auf, dass Putin eine traurige Kindheit hatte. Seine offiziellen Leningrader Eltern waren psychisch schwer belastet. „Beide hatten die deutsche Belagerung Leningrads traumatisiert überlebt." (3Sat, 27.02.2012 „Putin ganz nah“)  Sein Vater hatte gegen die Deutschen gekämpft und  war Kriegsinvalide.
Putins Bruder überlebte die Leningrader Hungersnot nicht. (ZEIT-Online, 20.03.2014, „“Der Partisan“ (von Adam Soboczynski) ) Über seine Kindheit und Eltern sagte Putin wörtlich in der Doku „Ich, Putin“ von Hubert Seipel: „Ich kann nicht behaupten dass wir eine sehr emotionale Familie waren. Dass wir uns alle gegenseitig irgendetwas erzählten, uns austauschten. Nein. Jeder lebte irgendwie in sich selbst.“ (zitiert nach " 3Sat, 27.02.2012 „Putin ganz nah“) Das genannte Zitat wie auch weitere Aussagen von Putin für diese Doku sind auch online zu sehen. Putin verbrachte demnach seine Kindheit in armen Verhältnissen meist von Morgens bis Abends, manchmal auch bis in die Nacht im Hofgelände mit anderen Kindern seiner Umgebung, „dann kamen die Eltern nach Hause und riefen uns herein“. (Man fragt sich entsprechend, in wie weit die Eltern tagsüber überhaupt für ihn da waren?) Während dieser Zeit war Putin nach eigenen Worten ein „Schlägertyp“. (Handelsblatt, 02.03.2012, Wladimir Putin, der „starke Führer“, S. 2)
Ein Jugendfreund berichtet in der Doku, dass Putins Vater immer etwas an seinen Sohn auszusetzen hatte. Er sei eben ein echter Proletarier gewesen (dabei ballt der Jugendfreund die Faust). Putins Mutter sei dagegen „die Güte in Person“ gewesen deren Hauptziel war, bloß keine Konflikte zu haben. (der Jugendfreund hat die Hände dabei offen; Anmerkung: allerdings hat Putin in seinen oben zitierten Äußerungen seine Mutter nicht ausgeschlossen, als er von der sehr wenig emotionalen Familie berichtet). „Sein Vater war da schon ganz anders, Arbeiterklasse eben.“ (dabei ballt er wieder die Faust)
Was der Jugendfreund andeutet, beschreibt eine andere Quelle deutlicher. Putins Vater – der als streng und dominant beschrieben wird - schlug seinen Sohn mit einem Gürtel. (Ihanus, Juhani (2011). Putin and Medvedev: Double Leadership in Russia. In: The Journal of Psychohistory, Vol. 38, No. 3, S. 254) Ihanus berichtet zudem, dass Putin als Schüler auf Grund seiner körperlichen Statur gemobbt und verhöhnt wurde. (ebd., S. 255)