Samstag, 6. August 2011

Studie "Die Sicht der Anderen". Wie Extremismus entsteht.

Auf die Studie "Lützinger, S., Kraus, B., Mathes, C. & Schweer, T.
(2010): Die Sicht der Anderen. Eine qualitative Studie zu Biographien von Extremisten und Terroristen (Polizei + Forschung Bd. 40). BKA – Bundeskriminalamt, Kriminalistisches Institut (Hrsg.). Köln: Luchterhand Fachverlag."  hatte ich ja bereits im Zusammenhang mit dem Attentäter Breivik kurz hingewiesen. Jetzt möchte ich darauf noch mal etwas näher eingehen. Für die Studie wurden die Biographien von insgesamt 39 Personen verglichen, die dem Links- oder Rechtsextremismus sowie Islamismus zugeordnet werden können.

Einige zentrale Ergebnisse möchte ich kurz vorstellen:

Innerhalb der Familien der Befragten herrschte allgemein viel Stress, „familiäres Chaos“ und es gab kaum oder keine Bewältigungsstrategien bzgl. Konflikten und Problemen. Allen Familien war gemeinsam, dass problematische Sachverhalte nicht konstruktiv miteinander kommuniziert und bearbeitet, sondern allenfalls in Form von Vorwürfen oder Schuldzuweisungen thematisiert wurden. Die Befragten waren vornehmlich auf sich selbst gestellt, wenn sie Probleme lösen mussten und konnten kaum Hilfe in ihrer Familie erwarten bzw. fühlten sich von dieser allein gelassen. Schon früh waren die Befragten mit zahlreichen Entwicklungsbelastungen wie z.B. Wechsel von Bezugspersonen oder Verlust eines Familienangehörigen konfrontiert. In einigen Fällen entzogen sich Familienmitglieder jedoch auch, indem sie beispielsweise „über Nacht“ die Familie verließen oder es vorzogen, sich auf andere soziale Umfelder (z.B. den Freundeskreis, die Arbeit) zu konzentrieren.

In allen Familien standen deutliche familiäre Belastungen im Hintergrund, die sich in Suchterkrankungen der Eltern, Verlusterlebnissen und schwerster häuslicher Gewalt ausdrückten. In keinem Fall kann von einem intakten Elternhaus gesprochen werden.“ (S. 28)

In den meisten Biographien spielten Gewalt und Unterdrückung schon im Kindesalter eine Rolle. Etwa die Hälfte aller Befragten berichtete von gewalttätigen Elternhäusern, in denen sie mit zum Teil erheblichen gewalttätigen Ausschreitungen und Misshandlungen konfrontiert waren. Die rechtsorientierten Befragten berichteten das heftigste Ausmaß. Gewalt richtete sich nicht ausschließlich gegen die Kinder, sondern spielte sich auch zwischen den Eltern ab. So erzählte beispielsweise ein Befragter, die eigene Mutter bewusstlos, in einer Blutlache liegend aufgefunden zu haben. Andere berichteten über schwerste Misshandlungen, die vom mutwilligen Zufügen von Brandwunden bis hin zu Tötungsversuchen reichten.“ (S. 31)

Resümierend kann festgehalten werden, dass die hier untersuchten Biographien grundlegend entwicklungsbelastete Personen charakterisieren, die mangels eines funktionierenden und eine gesunde und gelingende psychosoziale Entwicklung garantierenden Elternhauses äußerst prekäre soziale Kontakte eingegangen sind. Das jeweilige extremistisch-terroristische Milieu bzw. Gruppenangebot fungierte als Ersatz für ein funktional und strukturell gestörtes Elternhaus." (S. 75f)

Diese qualitative Studie ist sehr interessant und zeigt vor allem eines: Kinder, die in intakten Elternhäusern aufwachsen dürfen, werden nicht zu Extremisten! Die Studie zeigt auch auf, dass bzgl. der Prävention von Gewalt und Extremismus beim Jugend- und Kinderschutz bzw. bei der Jugendarbeit angesetzt werden muss. Auffallend bei den Befragten war, dass sie sich eine „Ersatzfamilie“ bei destruktiven Peergroups oder extremistischen Gruppen suchten und diese eher zufällig je nach vorhandenem Angebot und Milieuzugang auswählten. Hier kann und muss regionale Jugendarbeit ansetzen und konstruktive „Familienersatzangebote“ machen. Interessant für diesen Blog ist auch, dass einige der Befragten zur Bundeswehr gehen wollten, aber oft abgelehnt wurden und andere Wege gingen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich würde gerne mal eine Studie über die Kindheit gewalttätiger Polizisten lesen. Da wird genau das gleich bei rauskommen. Autoritäre Erziehung, ! gerade sitzen !, mit dem Essen spielt man nicht !.
Der Extremismus aus der Mitte, die Sanktionen gegen Erwerbsblose, die kriegsbefürwortendenden und ausführenden Politiker,der Leistungszwang, die Spitzeltätigekeiten des BKA, der ständige Eingriff in die Autonomität und Selbstbestimmung der Bürger kann nur von Menschen kommen die nie gelernt haben was Respekt und Empathie ausmachen.
Die grausame Normalität untersucht sich nicht gerne selber, sie projekzieren ihre eigenen Probleme in die Randgruppen die sie mit Spitzeln von dem VS besonders bei den Rechtsradikalen parallel unterstützen um sie dann als Opfer ihrer Eltern darzustellen was sie genau und kein bisschen mehr oder weniger selber auch sind.
lG von einem gewaltverachtenden Linksextremen mit empathielosen Eltern.

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo,

wenn Du ein "Linksextremer" "mit empathielosen Eltern" bist, bestätigst Du die Studie ja einmal mehr :-)

Natürlich kann auch jemand mit empathielosen Eltern später Gewalt verachten bzw. diese nicht anwenden. Sicher wirst Du in Deinem Leben allerdings bestimmte destruktive Folgen zu spüren bekommen haben. Empathielosen Eltern gehen an keinem Kind spurlos vorbei. Trotzdem werden nicht alle Kinder, die empathielose Eltern hatten zu Terroristen oder Gewalttätern.

Anonym hat gesagt…

Musik als Waffe (zur Folter)

http://youtu.be/25pvejaYa3Y

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo,

ich weiß nicht wirklich, worauf Du mit dem Link zu diesen Foltermethoden hinaus willst bzw. was das mit meinem Beitrag zu tun hat? Trotzdem danke, denn der Bericht war interessant.

Ein Link zum Thema Folter:
http://kriegsursachen.blogspot.com/2008/11/parallelen-zwischen-folter-und.html