Freitag, 19. August 2011

Zwei alte Männer und die Revolution

Kürzlich bekam ich das Gespräch zwischen zwei älteren Männern mit (ca. Mitte 60 und Anfang/Mitte 70). Beide unterhielten sich darüber, dass heutzutage den jungen Leuten in der Ausbildung mehr ihre Rechte als ihre Pflichten aufgezeigt würden. Die Jungen würden zu viel Widerspruch zeigen, aber dabei gleichzeitig ihre Pflichten vernachlässigen. Früher war das anders. Da gab es schon mal von dem Lehrer ordentlich mit dem Rohrstock was auf die Finger. Beide lachten. „Und der Lehrer war auch noch ein Freund meines Vaters.“, sagte der eine. „Wenn ich meinem Vater davon erzählt hätte, hätte ich zu Hause auch noch gleich was hinten drauf bekommen“. Beide lachten wieder.

Hier zeigt sich, wie fatal die Misshandlung von Kindern wirkt. Beide Männer haben offensichtlich keinen emotionalen Zugang zu dem Kind, das sie damals waren. Wenn sie einen Zugang zu ihrer Geschichte hätten, würden sie nicht über das lachen, was sie berichteten. Sie wären ernst und würden sagen: „Das war schlimm und gut das es heute anders ist.“ Ein Vater, der ein Kind schlagen würde, wenn es berichtet, dass es vom Lehrer geschlagen wurde, ist ein Albtraum!

Mir wurde durch diese Beobachtung mal wieder sehr deutlich, was für eine tiefe Umwälzung ja Revolution sich in unserem Land bzgl. des Umgangs mit Kindern vollzogen hat. Eine Revolution (vielleicht die größte Revolution, die unser Land je erlebt hat), die langsam und leise stattfand und über deren enormen Auswirkungen kaum jemand wirklich nachdenkt oder gar wissenschaftlich forscht. Dieser Entwicklungsprozess ist noch im vollen Gange und ist gleichzeitig ein Prozess, der vom öffentlichen Bewusstsein ausgeklammert bleibt. Schade eigentlich.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wenn ich Freunden von genau dieser positiven Entwicklung erzähle bekomme ich eigentlich kaum Widerspruch. Der Prozess,- der Zusammenhang zwischen Gewalt und Erziehung ist so offensichtlich und gut belegt dass er auch von Leuten die nicht Alice Miller gelesen haben mittlerweile, auch dank einer Aufklärungswelle über Missbrauch in den letzten drei Jahren, relativ gut verstanden wird. Wobei ich mich in einem sehr open-minded Umfeld bewege, würde es aber auf jeden Fall nicht so pessimistisch betrachten, der globale Aufstand gegen Autoritätsmissbrauch ist ein Indiz für den Wandel.

Sven Fuchs hat gesagt…

"Der globale Aufstand gegen Autoritätsmissbrauch ist ein Indiz für den Wandel."
Sehr schöner Satz!

Nun ich will nicht sagen, dass wir es mit einer "Schweigemauer" zu tun haben. Es hat sich sehr viel getan, keine Frage.
Erfahrungsgemäß erntet man allerdings mehrheitlich Schweigen, vielleicht auch bejahendes Schweigen?, Ausschweifungen/Ablenkungen oder Widerspruch. Das ist zumindest meine Erfahrung bei Kommentaren von Medienartikeln, in Foren oder auch bei Vorlesungen u.ä.

Zudem entspricht die Berichterstattung in den Medien nur ganz selten dem, was ich wirkliche Aufklärung und direkte Bennung der Zusammenhänge nennen würde.

Ich glaube, die Leute sind heute sofort bereit, die Zusammenhänge zu sehen, wenn es um Einzelpersonen geht. Bzgl. den Auswirkungen auf die Gesellschaft oder auch Einzelbereichen wie der Ökonomie wird das schon schwieriger. Mein Eindruck.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Zu großen Teilen Zustimmung. Allerdings habe Ich das Gefühl, Familien haben in der Entwicklung der Moderne auch etwas an "Wärme" Verloren.

Ich hab über Weihnachten mal Evolas "Revolte gegen die Moderne Welt" gelesen und ich weiß, Evola ist sehr kontrovers, aber das, was der über die Entwicklung des Familenbilds schrieb, hat mich doch schon zum Nachdenken gebracht.

Früher waren Familien quasi heilige Verbindungen und bei einer Hochzeit wurden die Familien der Partner quasi vereint.

In der öffentlichen Meinung heutzutage wird Familie fast nur als ökonomische Hilfe angesehen und als Menschen, mit denen man außer der DNS keine große Verbindung teilt, da jeder für sich selbst verantwortlich sei. (Und Erziehung sei bloß, dem Kind ethische Werte beizubringen, dem Kind aber nicht wirklich beim Leben zu helfen. Das Kind sei ja für sich selbst verantwortlich und es sei nicht die Sache der Eltern, wenn das Kind als alleinstehender Hartz IV Empfänger endet. Das sei einzig und allein die Schuld des Kindes.)

(Von Marxistischen Autoren mal hier nicht zu sprechen, die Familiengründung ja oft nur darin sehen, dass so der Patriarch eine kostenlose "Putze" hat, und die Familie als "Reproduktionsarbeit" definieren. Ich kann mir nicht helfen, aber das ist irgendwie einfach nur eklig. )

Nicht nur Marxisten haben da abartige Definitionen gehabt. Unser "Nationalheiliger" Immanuel Kant hat ja Ehe als "Vertrag zur Nutzung der Geschlechtsorgane" definiert. Das muss man sich auch mal vorstellen. Ehe ist von der Heiligen Verbindung zum Vertrag über Geschlechtsorgane hinunterdefiniert wurden.

Solche Dinge, wie das Leute ihre Familien verlassen, weil die Abenteuer bei einem jüngeren Partner suchten, gab es damals nicht. Auch keine Sprüche wie "Einmal Ficken, weiterschicken"

Deshalb neige ich dazu, die Entwicklung von Familien mitlerweile etwas ambivalent zu sehen. Es hat sich vieles verbessert, aber manches hat sich auch deutlich zum Negativen gewandelt.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Auch, das, was Du mal in einem Artikel über Leute aus dem islamischen Kulturkreis beschrieben hattest, von einer Person, die sich das Bein brach und direkt von über 20 Personen besucht wurde, die sich dann um ihn kümmerten.

Du hattest das zwas als "Fortschritt" beschrieben, aber Ich weiß, so ein Verhalten ist für Westler komplett unnormal. Kann das vielleicht mit daran liegen, dass diese Leute aus islamischen Kulturkreisen genau dieses traditionelle Familienbild, was Evola beschrieb, noch leben, anstatt ins westliche moderne "jeder ist sich selbst der Nächste" zu verfallen?