Mittwoch, 25. Januar 2012

Steven Pinker: "Eine neue Geschichte der Menschheit" und die alte Blindheit

Der Evolutionspsychologe Steven Pinker hat kürzlich umfassend in seinem Buch „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“ (erschienen 2011) dargelegt, dass diverse Formen von Gewalt (inkl. Krieg) und die Opferraten pro 100.000 Einwohner seit Menschengedenken stetig abnahmen und wir uns derzeit in der friedlichsten Epoche der Menschheit befinden. Dieses Buch spricht mir in dieser Hinsicht voll aus dem Herzen, denn auch ich fühle mich mit dem Blick auf die Geschichte sehr gut und sicher in der Zeit, in der ich lebe. Wir befinden uns in der Tat in einem evolutionären Prozess, der alle Bereiche der Gesellschaft immer menschlicher und gewaltloser werden lässt und der sich zudem immer mehr zu beschleunigen scheint. Diese belegte Beobachtung straft viele gängige Thesen Lügen, die z.B. in einem kapitalistischen System den Ursprung von ständiger Kriegsbereitschaft und einem vermeintlichen Anstieg der Gewalt sehen oder die darlegen, dass das einfache Leben der Urvölker und Stämme ein friedvolles Ideal war und wir Opfer unserer modernen Zivilisation und Technik wären.

Bzgl. der Erklärung von Gewalt und Gewaltrückgang teile ich die Sicht des Autors allerding weniger. Pinker beschreibt fünf „innere Dämonen“ (wie er es nennt) des Menschen: Räuberische oder ausbeuterische Gewalt (als Mittel zum Zweck), Herrschaftsstreben, Rache, Sadismus und Ideologie. Dagegen stellt er vier „bessere Engel“, die die Gewalt zurückdrängen: Empathie, Selbstbeherrschung, Moralgefühl und Vernunft. Mit seiner Wortwahl von „Dämonen“, die durch „Engel“ bekämpft werden müssten macht der Autor ein ganz schönes bildliches Fass auf. Pinker stellte zudem dem Kapitel „Der Prozess der Zivilisation“ ein Zitat von Sigmund Freud voran: „Es ist unmöglich zu übersehen, in welchem Ausmaß die Kultur auf Triebverzicht aufgebaut ist“ (S. 106) Auch wenn Pinker gleich zu Anfang sagt, dass ein innerer natürlicher Tötungsdrang oder Blutdurst, der sich von Zeit zu Zeit entladen müsse, aus wissenschaftlicher Sicht nicht belegbar ist (S. 17), geht er wohl doch von einer gewissen natürlichen Disposition zur Gewalt aus, die durch äußere Rahmen aber eben auch durch die vier „Engel“ eingedämmt werden kann. Seinem Kapitel über die „inneren Dämonen“ setzt er während der Einleitung voran: „Ich möchte (…) „Sie zunächst davon überzeugen, dass die meisten von uns – auch Sie, verehrter Leser – zur Gewaltausübung verdrahtet sind, auch wenn wir aller Wahrscheinlichkeit nach nie die Gelegenheit haben werden, diese Verdrahtung zu nutzen.“ (S. 714) und er schiebt gleich nach: „Ein typisches Kleinkind tritt, beißt, schlägt und rauft zumindest manchmal, und im weiteren Verlauf der Kindheit geht die Häufigkeit der körperlichen Aggression dann nach und nach zurück. Tremblay merkt dazu an: „Babys bringen sich gegenseitig nicht um, weil wir ihnen keine Messer und Pistolen geben. Die Frage … die wir seit 30 Jahren zu beantworten versuchen, lautet: Wie lernen Kinder, aggressiv zu sein? (Aber) das ist die falsche Frage. Die richtige lautet: Wie lernen sie, nicht aggressiv zu sein?“ “ (S. 714)

Ich glaube, jeder, der schon mal mit Kleinkindern zu tun hatte, weiß darum, dass diese aggressiv auftreten können bzw. auch gezielt Grenzen überschreiten, um sich auszuprobieren. In der Tat lernen sie soziales Verhalten, wenn ihnen dann Grenzen aufgezeigt werden. Das ist ein ganz natürlicher Prozess. Es gibt aber einen Unterschied zwischen Aggression und Gewalt, ja gar gezielter Grausamkeit. (Sehr gut hat diesen Unterschied z.B. Joachim Bauer in seinem Buch „Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt“ herausgearbeitet.) Ich selbst würde einem Kleinkind auch kein Messer in die Hand drücken, weil dieses einfach nicht die Gefahr für sich und andere abschätzen kann. Es ist aber fatal, wenn man einem Kleinkind eine mörderische Aggression unterstellt, so wie sich das in den zitierten Zeilen andeutet. Kleinkinder neigen nicht natürlicherweise zu einer Freude am Leid anderer. Ich habe ganz im Gegenteil oft beobachtet, wie Kleinkinder andere trösten, wenn diese durch ihr verschulden oder das anderer zu Schaden kamen.

Aggression gehört in der Tat zur „menschlichen Verdrahtung“ und ist lebenswichtig, u.a. auch in Situationen, in denen Menschen direkt (existenziell) bedroht werden oder einfach auch, um anderen deutlich zu machen: „Du überschreitest gerade meine Grenze!“ Gewalt, Folter, Mord, Sadismus, Vergewaltigung, Genozid, Krieg, Kindesmisshandlung usw. all die Themen, die Pinker in seinem Buch abhandelt, sind aber etwas Eigenes und stehen auf einer ganz anderen Ebene, als „natürliches Aggressionspotential“. Natürlich bedarf es für Gewalt und Grausamkeit der „Hardware“, den Möglichkeiten, diese überhaupt auszuüben. Aber diese Hardware scheint mir ursächlich weit weniger relevant für Gewalt. Pinker schreibt dagegen: „Das meiste, was Menschen anderen Menschen antun, entspringt Motiven, die jeder normale Mensch in sich trägt. Daraus folgt, dass der Rückgang der Gewalt von Menschen ausgeht, die diese Motive seltener, in geringerem Umfang oder unter weniger Voraussetzungen in die Tat umsetzen. Die besseren Engel, die diese Dämonen unterwerfen, sind Thema des nächsten Kapitels. Aber schon wenn wir diese Dämonen identifizieren, vollziehen wir wahrscheinlich den ersten Schritt, um sie unter Kontrolle zu bringen.“ (S. 844f) Das erinnert wieder etwas an Freud und den eingangs zitierten Satz, nachdem Kultur die Triebe zähmt…

Obwohl sich Pinker mit allen möglichen Fragen und Ursachenmodellen für Gewaltverhalten aber auch Gewaltrückgang befasst, schreibt er letztlich resümierend: „(…) ich bin der Ansicht, dass die vielen Datenbestände, denen zufolge die Gewalt in Wellenlinien nach unten geht, ein bedenkenswertes Rätsel darstellen.“ (ebd.: 1030)
Mit einer wesentlichen Ursache von Gewalt hat er sich aber nicht befasst und man darf dreimal raten, welche das war: Kindliche Gewalterfahrungen. Warum er diesen Erfahrungen wenig Platz einräumt, wird an einer Stelle des Buches deutlich: (…) „Serienmörder kommen nicht durch eine erkennbare Veränderung, eine Schädigung des Gehirns oder Kindheitserlebnisse zu ihrer Nebenbeschäftigung. (Sie sind zwar in ihrer Kindheit häufig Opfer von sexuellem Missbrauch und körperlicher Misshandlung geworden, aber das gilt auch für Millionen andere Menschen, die nicht zu Serienmördern heranwachsen)“ (S. 813) Dieser Einwand ist klassisch und negiert komplett den möglichen Einfluss von kindlichen Gewalterfahrungen. Also braucht man dann auch nicht weiter darüber zu reden… Klassisch ist auch, dass sich Forschende nicht fragen, ob eine geliebtes, nicht-misshandeltes Kind später je zum Serienmörder und ähnlichem wurde.

Pinker selbst beschreibt auf etlichen Seiten den historischen Rückgang von Kindesmord, Prügelstrafen, Misshandlungen und Schikanen gegenüber Kindern, allerdings ohne daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. (614ff) Und das, obwohl er fünf Bücher bzw. Texte von Lloyd deMause verwendet hat, er nach eigenen Angaben auch deMause persönlich kontaktiert hat, um sich Anregungen für sein Buch zu holen, Pinker einmal ein Zitat (ebd.: 816) anbringt, dass in der Quelle gleich vor dem Kapitel „Die historische Evolution der Kindererziehung und die Abnahme menschlicher Gewalt“ (vgl. deMause 2005: 162) steht und er deMause folgend folterähnliche Erziehungspraktiken bei japanischen Kindern beschreibt und dann in Klammern (!) anmerkt: „(DeMause, der nicht nur Psychohistoriker, sondern auch Psychoanalytiker ist, verfügt also über viel Material, mit dem er die Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges erklären konnte.)“ (Pinker 2011, S. 636) Pinker klammert diese Erkenntnisse von deMause ein und dadurch wiederum aus. Für den Forschungsbereich Psychohistorie ist dagegen die sich historisch stetig verbessernde Kindererziehungspraxis der wesentliche Motor der Evolution von Psyche und Gesellschaft, von Fortschritt und Gewaltrückgang. (vgl. deMause 2005: 162ff; 179ff; 278ff) Es ist fast ausgeschlossen, dass Pinker nichts darüber erfahren hat. Nun ist es jedem Forschenden freigestellt, Dinge anders zu sehen und zu interpretieren. Pinker hat die psychohistorischen Thesen aber mit keinem Wort besprochen und kritisiert, so wie er dies mit anderen Ansätzen getan hat. Er hat sie einfach unter den Tisch fallen lassen.

Insofern fasse ich zusammen: Das Buch ist sehr bedeutend bzgl. der umfassenden und anschaulichen Datensammlung zum allgemeinen Rückgang menschlicher Gewalt und sollte in der Tat dazu anregen, die Zukunft optimistisch zu sehen. Das Buch beantwortet trotz seiner 1033 Seiten aber keine wesentlichen Fragen bzgl. der Ursachen von Gewalt und Gewaltrückgang. Letzteres ist für Pinker ein Rätsel und es wird ein Rätsel bleiben, wenn man sich blind macht gegenüber den gesellschaftlichen Auswirkungen, die eine sich stetig verbessernde Kindererziehungspraxis mit sich bringt. Pinker schreibt abschließend: „Der Rückgang der Gewalt dürfte die bedeutsamste und am wenigsten gewürdigte Entwicklung in der Geschichte unserer Spezies sein.“ (S. 1027) Ich würde es so formulieren: „Der stetige (allerdings ungleichzeitige) Rückgang der Gewalt gegen Kinder und der nachfolgende Rückgang anderer Formen von Gewalt und Destruktivität und auch die nachfolgende Evolution von Psyche und Gesellschaft dürften die bedeutsamsten und am wenigsten gewürdigten Entwicklungen in der Geschichte unserer Spezies sein.“

siehe ergänzend auch: Kurzer Email-Austausch mit Steven Pinker

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Bernd Senf - Wilhelm Reich, Teil 6: Massenpsychologie des Faschismus

http://youtu.be/6TvqimgUMQg

ShoBeazz hat gesagt…

Hm. Daß jemand wie Pinker auf so eine simplifizierende "Argumentation" (im Grunde ist es keine, nur ein rhetorischer Trick) wie "Millionen andere, auf die X zutrifft, haben Y auch nicht getan" zurückgreift, als ob er von Mulitkausalität oder Synergieeffekten noch nie etwas gehört hätte, finde ich fast ein bißchen schockierend.

Stefan hat gesagt…

Vielleicht verfolgt Hr.Pinker auch das Ziel, Geld mit Büchern zu verdienen (was mit der Erwähnung von Gewalt in der Kindheit, mit wenigen Ausnahmen in den späten 1970ern, nicht wirklich gelingt). Kann man, da er deMause gelesen hat, auszuschließen, dass er bewusst unangenehme Themen ausspart oder womöglich sogar hofft, dass seine Leser das Bild selbst vervollständigen, das er mit einem möglichst weit breiteten Buch anstösst? Das Einsickern lassen von Wissen funktioniert oft effektiver als das direkte Ansprechen. Über Alice Miller spricht auch niemand, obwohl besonders eines ihrer Werke (mit einem glücklicherweise sehr verführerischen Titel) weite Verbreitung gefunden hat. Und trotz des großen Schweigens hat sich seit dessen Erscheinen sehr viel verändert. Allein durch Filme aus Hollywood sickert auf subtile Weise ständig Wahrheit durch und gelangt so direkt und ohne Abwehr zu emotioneller Reaktion.

Sven Fuchs hat gesagt…

Es gibt sehr viele Stellen in seinem Buch, die sehr deutlich nahelegen, dass er wirklich in ganz anderen Ecken die Ursachen der Gewalt sucht und meint zu finden. Die „Hardware“ ist ihm ganz wichtig, was logisch ist, weil er nun mal Evolutionspsychologe ist. Nein, ich glaube nicht, dass er das Thema bewusst weggelassen hat, um mehr Bücher zu verkaufen oder das Wissen verdeckt „einsickern“ zu lassen. Wenn man dem Buch folgt, wird das Wissen außerdem nicht "einsickern", der Abstand ist da enorm zu dem, was deMause beschreibt. Ich glaube sogar ganz im Gegenteil, dass Pinker (der ja nicht unbekannt ist) sehr viel Interesse ausgelöst hätte, wenn er den allgemeinen Gewaltrückgang mit eben dem Rückgang der Gewalt gegen Kinder ausführlich verknüpft hätte. Sein Buch schreit geradezu danach, um diese Erklärung ergänzt zu werden. Naja… vielleicht schreibe ich ihn an und frage ihn direkt, warum er diese Verknüpfung nicht hergestellt hat.

Ich finde Pinker nicht unsympathisch, wenn ich seinem Buch folge. Ihm ist auch selbsterklärt klar, dass er auf viel Widerstand stoßen wird, weil viele Menschen glauben (glauben wollen), dass die Gewalt zunimmt. Ich finde sein Buch sehr wichtig und unbedingt lesenswert (zumindest bis das mit den Dämonen und Engeln kommt). Man kann dort viel über die unvorstellbar grausame Geschichte der Menschheit lernen, aber auch über unsere Entwicklung hin zum Frieden.

DeutscheBürokratenseele hat gesagt…

Das Agressionspotenzial der Menschheit ist aber genau das, was ihr die Dominanz über diesen Planeten erlaubt.
Das (rohe) Gewalt im Kindesalter die vorgesehene Entwicklung des Geistes und derf Seele verformt ist nur logisch, aber das "Grenzen aufzeigen" wie es in ihrem Artikel so schön hieß, benötigt und impliziert Gewalt(in Form von Macht bzw. Herrschaft).

Daher ist die allgemeine Verteufelung von Agression und Gewalt, genau so töricht wie die barbarische Glorifizerung selbiger.
Ein sog. Anti-Gewalt-Aktivist ist ja auch nur der genaue Gegenpol zum Gewaltverherrlicher. Eine Alternative bietet nur eine ausgeglichene, sachliche und ordnende Weltanschauung, die fernab philosophischer oder ideologischer Emotionalisierung und ganz praktisch, realistisch bis pragmatisch, also als neuer säkulärer Positivismus Fortschritt durch Ordnung(oder geordneten Fortschritt bzw. Evolution der Ordnung) bringt.
So auch im gesellschaftlichen sowie individuellem Umgang mit Agression und Gewalt.

Anonym hat gesagt…

Und was hat eine ausgeglichene Weltanschauung mit Gewalt zu tun? Bzw. in welcher Weise sollten Gewalt und Aggression hier förderlich sein?