Montag, 29. April 2013

Der Fall Josef Fritzl und die psychiatrische Gutachterin

Ich habe kürzlich ein Interview mit Dr. Heidi Kastner - der psychiatrischen Gutachterin im Fall Josef Fritzl, der u.a. seine Tochter 24 Jahre im Keller eingesperrt und unzählige Male vergewaltigt hatte – gelesen.

Auf die Frage: "Ich bin zur Vergewaltigung geboren", soll Josef Fritzl gesagt haben. Frau Dr. Kastner, steckt Abnormität in den Genen oder was macht Menschen zu grausamen Verbrechern?“ antwortete sie u.a.: 
Ich denke, jeder Mensch ist im Wesentlichen das Produkt seiner genetischen Veranlagung, seiner Biografie und seines Umfeldes. (...) In welchem Ausmaß welcher Faktor zum Tragen kommt, kann man bei keinem mit Sicherheit feststellen. (…)

An anderer Stelle sagt sie: „Ich habe nicht die Grundhaltung, dass der Mensch an sich ein nur gutes Wesen ist und dass etwas grob fehlgelaufen sein muss, wenn einer böse handelt. Ich denke vielmehr, dass jeder die Veranlagung zu allem hat. Und dieses „alles“ ist ein breites Spektrum.“

Auf die Kindheit des Täters geht sie in diesem Interview überhaupt nicht ein, sondern belässt es bei diesen wagen Andeutungen.

In einem anderen Interview wurde Kastner noch deutlicher:
Frage:  "Der berühmte FBI-Profiler John Douglas erklärte, dass alle psychiatrisch relevanten Verbrechen auf einer kaputten Kindheit beruhen."
Kastner: "Das stimmt nicht. Alle Erklärungen, die so einfältig daherkommen, sind mir eigentlich ein Gräuel."
Auf die Frage "Wie schwierig war Fritzls Kindheit?" geht Kastner nur auf die Kindheit seiner Mutter ein.

Dies alles verwundert, da sich Frau Kastner vor Gericht anders und deutlicher geäußert hat.

Der Focus berichtet unter Bezug auf Kastner: „Nachdem Fritzls Mutter geschieden war, bekam sie mit einem neuen Mann ein Kind. Fritzl selbst hatte sich als Alibikind bezeichnet, die Gutachterin nannte es Beweiskind: Die Mutter wollte nach der Demütigung der ersten Ehe beweisen, dass sie nicht unfruchtbar war – mehr Interesse hatte sie nicht an einem Kind, sie verabscheute es sogar. Die Mutter blieb Josef Fritzl gegenüber völlig kalt, sie erkannte nicht, wenn es ihm schlecht ging oder er litt. „Die einzigen Emotionen, die der Angeklagte in seiner Kindheit kannte, waren Angst und Ungewissheit“, sagte Kastner. Als Junge von sieben oder acht Jahren ließ ihn die Mutter allein zu Hause, und er wusste nicht, ob sie zurückkehren würde.“

Im Belfast Telegraph (03.05.2008) finden sich weitere Informationen. Brutale Misshandlungen durch seine Mutter erlebte Josef Fritzl beinahe täglich. Die Informationen stammen von einem Interview mit Fritzls Schwester. Sie sagte, dass die Mutter einen explosiven Charakter hatte und ihre Kinder durch Gewalt zu kontrollieren versuchte. Josef wuchs ohne Vater auf, seine Mutter erzog ihn mit ihren Fäusten, so die Schwester, und misshandelte ihn so sehr, dass er grün und blau aussah.

Diese Informationen über seine Kindheit sind wichtig. Sie belegen mal wieder, dass extrem grausame Täter durch ihre Tat an sich bereits Zeugnis darüber ablegen, was ihnen selbst angetan wurde. Es ist nicht vorstellbar, dass jemand wie Fritzl liebevoll oder „nur“ gelegentlich mit Gewalt erzogen wurde.  Fast 365 Tage im Jahr erlebte er Terror und schwere Misshandlungen durch seine Mutter. Damit gehört er zu einer Minderheit von unter 1 % der Bevölkerung. Von diesen 1 % werden natürlich nicht alle zu einem „Fitzl“ oder ähnlichem Täter. Aber Taten wie seine, können nur auf Grund dieses Fundaments geschehen. Dass die Gutachterin dazu keine deutlichen Worte findet, ist nachlässig, um es milde auszudrücken. Mehr noch, sie verdreht sogar die Analyse, indem sie sagt, dass nicht unbedingt etwas "grob fehlgelaufen sein muss", damit ein Mensch "böse" wird. Aber diese Nachlässigkeit ist sehr oft Standard, wenn es um Aussagen von Psychiatern geht, die bzgl. der Tätergenese befragt werden. Die Psychiater tragen durch diese Blindheit oder durch das Vermeiden deutlicher Worte zur Kindheit mit dazu bei, dass die tieferen Ursachen der Gewalt gesellschaftlich nicht gesehen werden.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Was Psychiater sich so denken, verwundert mich immer wieder. Hast du Quarks und Co. zum Thema Verbrechen gesehen? Besonders interessant war der Beitrag zum Thema "Lust an Gewalt", in dem ein Neuropsychologe unterstellte, dass Kindersoldaten im Kongo Menschen aus Lust am Töten umbringen. Ihre Vorgeschichte, die Tatsache, dass viele Kinder aufs Töten abgerichtet werden und irgendwann sicher lernen, nichts mehr zu fühlen, betrachtete er anscheinend nicht als relevant. :-(

Ute

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo Ute,

jetzt habe ich den Beitrag online nachgesehen. Thomas Elbert wird seit einiger Zeit oft in den Medien als experte befragt. Ich selbst habe ihn vor einigen monaten kontaktiert und ihn gefragt, ob er im Kongo die Täter auch nach ihren kindheiten befragt hat (die Frage fand er interessant).

Er wusste darauf keine Antwort und hat sein Team um Antwort gebeten. Trotz erneuter Nachfrage habe ich bis heute keine Antwort bekommen. (ich gehe davon aus, dass die Kindheiten nicht abgefragt wurden)

Er kennt meinen Blog (zumindest den link) und ich habe ihn auch einige andere Hinweise gegeben. Außerdem hat er über Kindersoldaten geforscht und dabei eindeutig Zusammenhänge zwischen dem terror, den diese bei der rekrutierung erlebten und eigenem Gewalthandeln gefunden.

Leider spricht er in den medien nicht über diese ergebnisse und leider scheint er das thema Kindheit "der ganz normalen Mörder" nicht weiter beleuchten zu wollen.