Montag, 7. Dezember 2015

Terror, Aufstand der Gedemütigten und die Sehnsucht nach dem eigenen Tod

Momentan komme ich kaum dazu, alle Medienberichte zu verarbeiten, die für diesen Blog von Interesse sind. Ich fasse also hiermit einige Details zusammen.

Der Anschlag von San Bernardino (USA) wurde von einem Pärchen verübt, das danach auf der Flucht erschossen wurde. Über den Mann, Seyd F., ist bereits einiges bzgl. seiner Kindheit bekannt geworden.

"Etwas mehr wissen die Behörden über Seyd F. Der 28-Jährige hat ebenfalls pakistanische Eltern, wurde aber in den USA geboren. Er hatte eine schwierige Kindheit, sein Vater war Alkoholiker und quälte die Familie. In den Scheidungspapieren gab seine Mutter an, von ihrem Mann einmal vor ein Auto gestoßen worden zu sein." (Spiegel-Online, 05.12.2015, Anschlag von San Bernardino: Das mysteriöse Terrorpärchen - von Veit Medick)
In diesen kurzen Informationen stecken bereits die Erklärungen dafür, warum Menschen überhaupt zu Massenmördern werden können. Seyd erlebte offensichtlich schwere Gewalt und ergänzend alle Konflikte, die Kinder von Suchtkranken erleiden. Sein Vater ging so weit, dass er die Mutter umbringen oder schwer verletzen wollte, in dem er sie vor ein Auto stieß. Man mag sich entsprechend gar nicht vorstellen, was hinter den Worten „er quälte die Familie“ alles steckte.

Auf die Kindheit einer weiteren Person möchte ich an dieser Stelle eingehen. Hasna Ait Boulahcen kam nach den Terroranschlägen von Paris in ihrem Versteck um. Vorher hatte sie noch mit einer Kalaschnikow auf Spezialkräfte der französischen Polizei geschossen. Sie ist die Cousine von Abdelhamid Abaaoud, dem Drahtzieher der Pariser Terrorserie.
Als Sie noch ein Kleinkind war, trennten sich die Eltern und sie blieb bei der Mutter. „Aber die Mutter war überfordert, sie schlug die Kleine, vernachlässigte sie, wie französische Medien berichteten. Hasna war acht Jahre alt, als sie in eine Pflegefamilie kam.“ (faz.net, 20.11.2015, „Die Terroristin mit den vielen Gesichtern“ - von Michaela Wiegel)
Sie war ca. 14 Jahre alt und klatsche Beifall, als sie am 11. September 2001 vor dem Fernseher saß, erinnert sich ihre Pflegemutter. Das Verhältnis zwischen Pflegemutter und Hasna verschlechterte sich danach Zusehens. „Hasna haute immer häufiger aus der Pflegefamilie ab, verbrachte ihre Nächte woanders.“ (ebd.)

Ulrich Ladurner hat eine interessante Kolumne in der ZEIT geschrieben. Titel: „Die Internationale der Beleidigten“ (07.12.2015). Darin geht es kurz gesagt um das beobachtbare Phänomen, dass sich Staatschefs (von Putin über Holland bis Erdoğan) gedemütigt fühlen und kriegerisch reagieren. Er schreibt zugespitzt: „Unter den selbst ernannten Gedemütigten dieser Welt sind die Terroristen des "Islamischen Staates" jene, die sich am schlimmsten von allen behandelt fühlen. Ihr pubertäres Ego ist so groß, dass ihnen die bestehende Welt wie eine Zwangsweste erscheint. Daraus leiten Sie das Recht zur besonderen Grausamkeit ab.“
Seine Analyse finde ich treffend. Leider hat er nicht die Verknüpfung zu Kindheitserlebnissen gemacht. Dies würde die Analyse rund machen. Die IS-Terroristen fühlen sich in der Tat (pathologisch) schwer gedemütigt. Dies spricht sehr dafür, dass sie auch extreme und häufige Demütigungen in der Kindheit erlebt haben.

Ergänzend erschien ebenfalls in der ZEIT ein interessanter Artikel unter dem Titel „Aus Sicht der Täter“ (03.12.2015).  Zwei ehemalige IS-Kämpfer kamen in dem Artikel direkt zu Wort. Einer sagt wörtlich: „Der IS ist ein gottloser Geheimdienststaat unter dem Deckmantel der Religion. Die Ideologen haben uns unseren Krieg gestohlen. Sie sind radikal. Sie kommen, um zu sterben. Sie wollen nicht siegen, sie wollen zu Gott.“
Dieser Satz sollte uns allen zu denken geben! Denn die Aktionen des IS wirken insgesamt betrachtet wie ein einziger angekündigter, kollektiver Suizid, vor dem man noch einmal so viel Gräueltaten anrichten möchte, wie nur irgend möglich. Auch diese Beobachtung macht klar, dass die Ursachen für dieses Verhalten unter Zuhilfenahme der Psychotraumatologie betrachtet werden müssen.

Kommentare:

Michael Kumpmann hat gesagt…

Erstmal, ich finde es Gut, dass Sie auch auf das Thema Konflikte der Eltern untereinander eingehen. Sowas entzieht nämlich einem Kind schnell das Urvertrauen und verstärkt die "Existenzängste". Ich kann das leider aus eigener Erfahrung bestätigen. (Ich weiß, man soll hier nichts Persönliches erzählen, aber das muss jetzt auch mal gesagt werden, weil das sehr gut verdeutlicht, auf was Ich hinaus will: Mit 10-12 hatte Ich während jeder Klassenfahrt eine höllische Angst, dass wenn Ich wiederkomme, meine Eltern sich was gegenseitig angetan hätten und ich keine Familie mehr hätte. )

So etwas kann ein Kind genau so zermürben wie direkte Gewalt. Natürlich, am Schlimmsten ist es, wenn beides zusammen kommt.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Zum Thema Demütigungen und Putin. Wenn Sie gelesen hätten, was Alexander Dugin schreibt, wäre das für Sie sogar noch offensichtlicher, dass Russlands Verhalten auf Demütigungserfahrungen beruht. Der spricht das erstmal ständig fast schon wörtlich an und selbst wenn der das nicht wörtlich anspricht, merkt man dem in gefühlt jedem 2. Satz eine extreme Angst vor Kontrollverlust an.

Das extremste Beispiel ist wohl das Zitat: "Russland war wie ein Alkoholkranker, der wegen seiner Sucht sein ganzes Hab und Gut verspielte."

Was assoziiert man mit Alkoholsucht? Kontrollverlust, Dummheit, peinliches Verhalten in der Öffentlichkeit (Wir kennen alle diese Bilder von Säufern, die sich in die Hose machen, weil sie im Vollrausch die Kontrolle verlieren), machtlos gegenüber der eigenen Selbstvernichtung sein etc.

Der sagt damit sinngemäß also aus, Russland war schwach und wurde deshalb gedemütigt und jetzt sei die Zeit, wieder stark zu werden, um der Beschämung zu entfliehen.

(Interessanterweise/Ironischerweise hatte Dugin, der Russland in den 90er Jahren mit einem Säufer vergleicht, laut der Seite Recentr selbst ein Problem mit Alkoholsucht. Und das scheinbar ironischerweise fast exakt zu der Zeit, von der er jetzt meint, dass sich Russland da "wie ein Säufer" verhielt. Dugin ist dann zu einem extremen Christen geworden und meint jetzt, Russland vor den Folgen dieser "Sucht" retten zu müssen. Es stellt sich die Frage, ob diese Parallelen zwischen Dugins eigenem Leben und seiner Meinung über Russland wirklich nur zufälle sind, oder ob der quasi sich selbst auf Russland projiziert und in Wahrheit meint, seine eigene Haut retten zu müssen.)

Was die meisten hier in Deutschland nicht wissen, dieser eine Ölmogul, den Putin ins Gefängnis warf und enteignete, der war de Facto auch ein Sündenbock. Dem hat man vorgeworfen, sich vom Westen über den Tisch gezogen worden zu sein, weshalb dieser einige dumme Verträge gemacht hatte und damit westlichen Konzernen die Kontrolle über früheres Staatseigentum gegeben hätte.

(Kann man auch wieder als Demütigungserfahrung sehen. )

Michael Kumpmann hat gesagt…

Japan kann man auch dank der neuen Regierung von Shinzo Abe zum Club der gedemütigten zählen. Da ist zum Einen der Sicherheitsvertrag zwischen USA und Japan, der im Kern zwar vergleichbar mit der Wiederbewaffnung der Bundeswehr ist, aber die USA haben Japan da ziemlich "an der kurzen Leine gehalten". Mehr als Deutschland, da bei uns Adenauer und Erhardt oft mit Frankreich gegen die USA intrigierten.

Deshalb wird dieser Vertrag nicht nur von Linken bekämpft, er wird auch von Rechten als Symbol nationaler Schande gesehen. (Schau Dir nur ein paar japanische Filme an. Da sieht man das relativ schnell. z.B. in Ghost in the Shell Stand Alone Complex will das böse Imperium Americana den "armen Japanern" einen neuen Sicherheitsvertrag aufzwingen um das Land zu annektieren. In Angel Cop wird den USA sogar unterstellt, am liebsten aus Japan ein Endlager für Atomabfälle machen zu wollen. )

Die Studentenrevolten in den 60ern haben teilweise auch zum Erstarken des rechten Sektors geführt, weshalb z.B. Mamoru Oshii die japanischen Studentenproteste als gescheitert ansieht.

Dann kam Anfang der 90er das Ende der Bubble Economy und die Wirtschaftskrise, von der sich Japan nie wieder erholte. Im Zuge dieser Wirtschaftskrise gab es erstmals nach Kriegsende eine hohe Arbeitslosenzahl in Japan. Vorher war in Japan fast Vollbeschäftigung.

Durch die Wirtschaftskrise kam zwar mit den Sozialdemokraten erstmals eine andere Partei als die LDP an die Macht,die Japan vorher de Facto allein regierte, diese neue Regierung hat aber in Japan das Äquivalent zu Schröders Agenda 2010 abgezogen und eigentlich alles nur noch verschlimmert.

Gleichzeitig wird durch Deng Xhiao Pings Marktöffnung China zum Konkurrenten, der Japan de Facto überholt, was nochmal eine Demütigung ist.

Weil man das lösen wollte, hatte man so gegen 2009/2010 wieder die Sozialdemokraten an die Macht gewählt. Zu deren Amtszeit kam dann aber Fukushima und die wurden deshalb mit Karacho aus dem Parlament verjagt und es kam die LDP wieder an die Macht, welche ich sehr stark revanchistisch sehe. (Und ehrlich gesagt, als Fukushima passierte, habe Ich sowas in der Art schon vermutet, dass das politisch passieren würde.)

Der Künstler Murakami meinte übrigens, Japan wäre zwischen 2000 und 2010 quasi in kollektiver Realitätsflucht gewesen und z.B. der Moe Trend in Medien sei eine Flucht in die Fantasie einer glücklichen Kindheit gewesen. Vor Moe hätte man sich quasi existenzialistisch mit der Idee der Apokalypse auseinandergesetzt, mit der Message, man müsse in Angesichts des Zusammenbruchs der Welt über sich hinaus wachsen und Frei und unabhängig werden, aber dies sei dann von dem "schwachsinnigen Moe Trend" abgelöst worden, weil man diese Gedanken nicht mehr ertragen hätte und stattdessen vor der Realität geflohen sei.

(Hab über diese Aussagen Murakamis vor 6 Monaten eine Hausarbeit geschrieben. Deshalb weiß Ich das. Hab dort diesen Hang zur Apokalypse mit dem Einfluss des Gründers der philosophischen Fakultät von Kyoto, Keiji Nishitani, in Verbindung gebracht, der Heideggers Ideen vom "Sein zum Tode" fortführte, aber das kann ebenfalls auch eine Thematisierung kollektiver Traumata sein, wie mir jetzt einfällt.)

Michael Kumpmann hat gesagt…

Und hier in Deutschland grassiert sowohl bei vielen Linken, als auch bei den meisten der Neurechten auch dieses chronische "Beleidigt sein". Besonders bei den USA. Natürlich haben die USA auch schon seit mehreren Jahren nach Strich und Faden komplett verarscht. Siehe NSA.

Allerdings, wenn man solche Dinge wie die Idee der BRD GMBH sieht (Deutschland sei angeblich noch ein Reich, da nur die Wehrmacht kapituliert hätte und Deutschland würde nun in Wahrheit von den Alliierten heimlich in Form einer Firma widerrechtlich verwaltet), hat das mehr Krankhafte Züge und schlägt über maßvolle Kritik weit hinaus.

Das ist genau so eine Idee von gegenüber dunklen Mächten Ausgeliefert sein, Demütigung etc. wie man sie bei Putin, dem IS etc. sieht. Und ich sage es mal so, wenn unsere Politiker keine Rückgratlosen Lackaffen der USA wären, welche die USA für ein Land in dem Milch und Honig fließen halten, würde die Stimmung im Land wahrscheinlich außenpolitisch sehr viel Schaden anrichten.

(Tut mir leid, aber obwohl ich diese BRD GMBH Theorie für Schwachsinn halte, muss Ich leider auch zugeben, unsere EU Politiker sind Rückgratlose Speichellecker der USA. Wäre dem nicht so, dann hätte Snowden schon längst Asyl gekriegt und man hätte sich gegen die NSA Spitzeleien gestellt, anstatt Schulterzuckend zu sagen "Das sind halteben die USA. Die dürfen das halteben". )

Michael Kumpmann hat gesagt…

Zu Frankreich: Ehrlichgesagt hat mich Hollandes Reaktion auch überrascht, weil Ich Hollande für einen Linken hielt und das eher zu einem Konservativen wie Sarkozy passte. Allerdings haben Linke sobald die an die Macht kamen, so gut wie immer als Erstes ihren Pazifismus über Board geworfen. Siehe Grüne und Kosovo.

Auf der anderen Seite ist so eine Reaktion auf Terroranschläge normal und es gibt das Phänomen der "Sanction by the Victim", was von Ayn Rand beschrieben wurde, und meint, wenn man sich nicht wehrt, gibt man direkt das Signal, der Agressor kann mit einem tun und lassen, was man will. Deshalb muss Hollande da auch irgendwie reagieren und kann den Terroranschlag leider nicht einfach aussitzen. (Psychophaten missverstehen "ich will nicht kämpfen" immer mit "ich bin ein leichtes Opfer") Und Bush wollte nach dem 11. September am Liebsten Afghanistan Nuklear bombardieren.

(Dazu muss man aber auch fragen, ob Atombomben weniger schwere Folgen gehabt hätten, als die Uranmunition, die man tatsächlich verwendete. Die Spuren von Hiroshima und Nagasaki sind beseitigt und es leben dort problemlos wieder Menschen. DIe Spuren der Nuklearmunition im Golf Krieg hat man da bis heute nicht in Griff und es werden immer noch massig Kinder mit Missbildungen auf Grund der Strahlung geboren. Vielleicht wären Atombomben im begrenzten Ausmaß die humanere Alternative zur Uranmunition gewesen. Ich weiß, der gedanke ist furchtbar, aber der drängt sich leider auf. )

Erdogan sehe Ich als macchiavellianistische, "böse Vernunft", die versucht, den Westen gegen die Kurden zu instrumentalisieren, heimlich ISIS unterstützt und versucht, das Beste aus der Situation zu machen, dass sowohl Russland als auch der Westen Erdogan eigentlich bräuchten. Gleichzeitig steht Erdogan im eigenen Land auf tönernen Füßen, und das nicht nur dank der Demokraten, die den zu Recht weg haben wollen, sondern auch wegen dem Militär, den Islamisten und auch noch Russland und beim russischen Einfluss ma wieder insbesondere Alexander Dugin. (Erdogan ist für Dugin ein Dorn im Auge, weshalb der dort, wie schon bekannt ist, Anti Erdogan Kräfte wie die Gülen Bewegung unterstützt und mit seinen Leuten da fleissig intrigiert.)

Weil Erdogan somit von allen Seiten unter Beschuss steht, muss der den starken Mann markieren um die Opposition einzuschüchtern.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Zum Thema Al Qaida und Todessehnsucht. Es gab in den letzten 10 Jahren viele Psychologen die wegen Al Qaida forderten, die Idee des Todestriebs von Sigmund Freud wieder in die Psychologie einzuführen:

https://books.google.de/books?id=5BHgVzlHGYUC&pg=PA232&lpg=PA232&dq=Al+Qaida+%22death+drive%22+Freud&source=bl&ots=dxWUhGMg2M&sig=uSTRcqjGIwFwd0bsvfZ-Q9iloFg&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiG3eCKm8rJAhWBBywKHdotCG0Q6AEIHzAA#v=onepage&q=Al%20Qaida%20%22death%20drive%22%20Freud&f=false

https://books.google.de/books?id=K023KtpdStIC&pg=PA32&lpg=PA32&dq=Al+Qaida+%22death+drive%22+Freud&source=bl&ots=0zoHnPQnSu&sig=d9vZy77yKkbmORFIMwDH_tgI_gU&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiG3eCKm8rJAhWBBywKHdotCG0Q6AEIJDAB#v=onepage&q=Al%20Qaida%20%22death%20drive%22%20Freud&f=false

https://books.google.de/books?id=kHHVHSPzmcgC&pg=PA71&lpg=PA71&dq=Al+Qaida+Todestrieb&source=bl&ots=bOQyK8IjWS&sig=DQhOpxY7zSvYDe-DAi6e_hHAi1w&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwj8nsr2m8rJAhWJ3CwKHcImAlMQ6AEIMzAD#v=onepage&q=Al%20Qaida%20Todestrieb&f=false

Michael Kumpmann hat gesagt…

Sorry, dass Ich gerade viele Kommentare poste, aber Ihr Post war zu mehreren Themen und da reicht eine Nachricht dank der Zeichenbeschränkung des Blogs nicht aus.

Sven Fuchs hat gesagt…

"Mit 10-12 hatte Ich während jeder Klassenfahrt eine höllische Angst, dass wenn Ich wiederkomme, meine Eltern sich was gegenseitig angetan hätten und ich keine Familie mehr hätte. ) So etwas kann ein Kind genau so zermürben wie direkte Gewalt."

hallo Michael,

eine solche Situation ist furchtbar, wirklich! Es gibt leider sehr sehr viele verdeckte Formen von Gewalt oder Destruktivität, die Kinder erleiden. Das Themenfeld ist komplex.

Deine weiteren Anmerkungen lasse ich jetzt einfach mal so stehen. Ergänzend weise ich auf einen interessanten Artikel hin: http://www.zeit.de/2015/46/margaret-macmillan-versailler-vertrag-woodrow-wilson
Darin geht es um die These, dass der Friedensvertrag von Versailles letztlich real nicht so demütigend war, wie er von den Deutschen empfunden wurde und dass er auch nicht ausschlaggebend war für den weg zum 2. Weltkrieg bzw. NS-Staat.
Auch hier liegt das sich "pathologisch gedemütigt fühlen" in der Luft, wie ich finde, und damit wären die Ursachen wiederum emotional.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Danke. Das mit meinen Eltern war wirklich heftig. (Ich verstehe auch nicht, warum ausgerechnet DIE beiden sich verliebt haben. Meine Mutter war eine Linke Studentin und mein Vater war von der Persönlichkeit her die reale Variante von Stan Smith aus American Dad. Ich weiß, das klingt immens komisch, aber zu großen Teilen stimmt der Vergleich. Viele Streitereien die Ich in der Realität hatte, kamen seltsamerweise sehr ähnlich in der Serie vor.)

Meine Mutter war auch einmal, nachdem ich die Streitereien meiner Eltern nicht mehr ertragen hatte und aus dem Zimmer gelaufen war, mir hinterher gerannt, hat meinen Arm gepackt, diesen nach Hinten und Oben gezogen, sodass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte und es höllisch weh tat.

Und dann sagte sie mir, sie würde sich nur mit meinem Vater streiten, um mir weh zu tun. Mein Vater sei ihr dabei eigentlich egal, sie würde es aber lieben, zu sehen, wie Ich leide.

Dieser Spruch von ihr hat mein Vertrauen in sie endgültig ruiniert.

Zum Thema Versailles: Interessanter Artikel und Zustimmung. Das war wohl wirkich eher psychisch als echt. Streng genommen war das Gerede unter Wilhelm dem 2., das arme, schwache Deutschland wird von allen Seiten von bösen Feinden bedroht, die Deutschland alle Chancen und Ziele wegnehmen, eigentlich auch nichts Anderes als eine psychische Demütigungsphantasie. Deshalb kann man eigentlich annehmen, das Fundament für die Dolchstoßlegende wurde schon lange vor dem ersten Weltkrieg gelegt.

Das Klischee der "deutschen Großmannssucht" könnte auch eine Überspielung gewisser Minderwertigkeitskomplexe und Demütigungsfantasien gewesen sein.

Interessanterweise habe Ich auch vor Jahren mal einen Text von Wissenschaftlern gelesen, wo behauptet wurde, der Ausdruck "kleiner Mann" wäre etwas spezifisch Deutsches und würde so in anderen Ländern keine Entsprechung haben. (Da gibt es mitlerweile eine Ausnahme, aber dieser spezifische Philosoph im Ausland, der auch vom kleinen Mann spricht, tut dies, weil der deutsche Bücher im deutschen Original gelesen hat und Deutsch als Fremdsprache spricht. )