Freitag, 4. Dezember 2015

Wie Extremismus entsteht - "Ich fühle mich wie ein Stück Dreck" versus "diese dreckigen Ungläubigen"

In der ZDF Sendung „Mona Lisa“ vom 28.11.2015 (Die Radikalisierung verhindern „Ich wollte zum IS“) zeigte sich fast in modellhafter Reinform, warum junge Menschen aus Europa in den Bann von Islamisten gezogen werden. Die Prozesse und Kindheitshintergründe gleichen denen, die in Sekten vorherrschen. Labilen jungen Menschen wird Halt, Anerkennung, Gemeinschaft, ja sogar Zugehörigkeit zu einer Elite versprochen. Gleichzeitig werden Feindbilder und Hassobjekte angeboten. Besonders empfänglich für diese Botschaften sind Menschen, die als Kind Demütigungs- und Gewalterfahrungen ausgesetzt waren und die – so würde es Arno Gruen beschreiben – keine eigene Identität aufbauen konnten.
Cool, endlich tut mal jemand etwas gegen diese dreckigen Ungläubigen“, so hätte sich „Katrin“ (17 Jahre alt) nach eigenen Angaben noch bis vor Kurzem über die Anschläge in Paris gefreut, ist in dem Mona Lisa Beitrag zu hören. 
Über ihre persönliche Biografie sagt sie: „Ich wurde sehr schlecht von meiner Familie behandelt. Regelmäßig wurde ich auch geschlagen. Von meinem Stiefvater so richtig mit blauen Augen, Nase angebrochen und Gehirnerschütterung. Und von meiner Mutter so Watschn ins Gesicht. Ich habe mich sehr erniedrigt gefühlt. Ich habe mich einfach wie ein Stück Dreck gefühlt.“
Erstaunlich. Im selben Beitrag zeigt sich, wie „das Stück Dreck“ (so fühlte sie sich) jetzt die Ungläubigen sind (siehe Zitat oben). Der ganze Hass und Selbsthass wurde von Katrin auf „die Anderen“ projiziert.

Als sie 13 Jahre alt war, wurde sie zudem von der Mutter rausgeworfen. Sie geriet als Jugendliche in eine schwere Krise, fühlte sich allein und fragte nach Sinn. Dann habe sie sich immer mehr mit dem Koran befasst. Ab 2014 habe sie dann übers Internet viele radikale Islamisten kennengelernt, die ihr Gemeinschaft, Anerkennung und eine Familie anboten. Und in der Tat habe sie über den Austausch ein Gefühl von Gemeinschaft verspürt. Eine ihrer besten Freundinnen ging schließlich zum IS nach Syrien, sie Katrin wollte dies Anfang 2015 auch. Dann traf sie aber auf einen Imam, der sie vom Gegenteil überzeugen konnte, sie blieb in Deutschland und brach mit den Radikalen.

Der Islamismus-Experten Ahmad Mansour hat kürzlich der Süddeutschen Zeitung ein Interview unter dem Titel „Radikalisierung ist ein Prozess, der glücklich macht“ (17.11.2015) gegeben. Er selbst hatte sich als junger Mensch radikalisiert und engagiert sich heute gegen Extremismus. Als er sich früher radikalisierte, habe ihn das glücklich gemacht, ihm ein Hochgefühl gegeben.
Ich war ein Mensch, der endlich Freunde gefunden hatte, der endlich eine Aufgabe hatte. Und eine Möglichkeit, sich von seinem Elternhaus abzugrenzen. Ich gehörte auf einmal zu einer Elite.“
Wovor er sich bzgl. seiner Eltern abgrenzen wollte, bleibt Spekulation. Aber die Gefühle, die er beschreibt, sind enorm wichtig, um Extremismus und entsprechende Rekrutierungsprozesse zu verstehen.  „Sie haben zunächst das Gefühl, angekommen zu sein, sich befreit zu haben, neu geboren zu sein.“, sagt Mansour. Auch dies ist ein wichtiger Satz. Das alte Ich wird ausgelöscht, wie neu geboren erhebt sich der Extremist, der nun einer Elite angehört, der endlich eine Identität besitzt.

Diejenigen, die uns monokausale Erklärungen liefern, haben das Problem nicht verstanden.“, sagt er im Verlauf des Interviews, als er nach wiederkehrenden Motiven für die Radikalisierung gefragt wird. Ich selbst vertrete in der Tat eine monokausale Erklärung, aber andersherum gedacht. Ich glaube, dass als Kind durch Elternfiguren geliebte Menschen, die geborgen und gewaltfrei aufwachsen durften, eine reife und menschliche Identität entwickeln, inkl. einer reichhaltige Gefühlswelt. Diese Menschen spüren kein „Loch in ihrer Seele“, keine Zerrissenheit, keine Sinnlosigkeit, keinen Selbsthass, sie suchen keinen Halt, sondern stehen mit beiden Beinen und geradem Rücken im Leben. Sie kommen auch in sozial schwierigen Zeiten oder starken gesellschaftlichen Veränderungsprozessen nicht bedenklich ins Straucheln. Diese Menschen sind gänzlich unempfänglich für Rekrutierungsversuche oder Anwerbungsversuche durch Sekten oder Ideologen.
Die meisten als Kind gedemütigten Menschen werden ebenfalls nicht zu Extremisten (außer in kollektiven Ausnahmesituationen wie z.B. während der NS-Zeit). Es bedarf weiterer Einflussfaktoren, Zufällen und Bewegungen, Zeitgeist, politischen/sozialen Entwicklungen, persönlichen Ressourcen/Charaktereigenschaften etc. damit sie sich radikalisieren. Insofern glaube auch ich nicht an einen monokausalen Faktor (wie Misshandlungserfahrungen), der alleine zum Extremismus führt. Ich glaube aber an einen Faktor , der die Wahrscheinlichkeit zum Extremisten zu werden gegen Null senkt: Eine glückliche Kindheit. Dies bedeutet wiederum, dass alle Extremisten auf einem Fundament stehen, dass sich als „unglückliche Kindheit“ vereinfacht bezeichnen lässt. Ohne dieses Fundament wären grausame Taten und offener Hass nicht möglich.

Kommentare:

Sven Fuchs hat gesagt…

WDR "Die Aussteigerin - Was fasziniert Frauen am Salafismus?"
http://www.ardmediathek.de/tv/Frau-tv/Die-Aussteigerin-Was-fasziniert-Frauen/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=7535528&documentId=36030982

Steffi: "In meiner eigenen Familie gab es quasi keine Grundwerte mehr, keinen Familienzusammenhalt mehr". Zur Mutter habe sie ein schwieriges Verhältnis.
Zudem war sie in der Schule Außenseiterin, wurde über Jahre hinweg gemobbt. Wobei sie im gleichen Satz sagt, sie sei in der Schule UND zu Hause gemobbt worden. "Ich bin Zu Hause auch beleidigt und geschlagen worden, meine Mutter hat sich um nichts gekümmert." Mit 15 Jahren konvertiert sie zum Islam. Die Salafistenszene gab ihr Halt, Struktur, Regeln und Ziele.

Sven Fuchs hat gesagt…

Damit man die o.g. Quelle zukünftig auch zitieren kann. Die Sendung stammt von "Frau TV" im WDR vom 16.06.2016

Michael Kumpmann hat gesagt…

Komische Geschichte. Die hat in der Pause an das Wort Islam gedacht und ist deshalb dem Salafismus beigetreten.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Zum Thema Familienzusammenhalt etc.:

Das ist ja gerade, was Traditionalisten kritisieren. Früher war die Ehe ein Bund fürs Leben. Heute kommen Sprüche wie "Einmal Ficken, Weiterschicken" etc. Es gibt immer mehr Scheidungen. Teilweise für lächerliche Gründe, wie das der Ehepartner mit dem man 20 Jahre lebte, zu langweilig wurde, etc. Man erzählt den Leuten ständig, die eigene Familie sei nur Luxus uns es sei viel wichtiger, sich für ein Unternehmen totzuschuften und irgendeine Statushohe Position zu ergattern. (Es geht nicht mal darum, als Unternehmer irgendeine geile Idee umzusetzen. Es zählt nur die Position in der Hierarchie, selbst, wenn man da absolut nichts im Unternehmen selbst gestalten darf, sondern nur ein paar Zahlen verschiebt.)

Materieller Erfolg in der Gegenwart statt Investition in die Zukunft etc.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Was mir bei dem Video etwas negativ aufgefallen ist, ist dieser gewisse Materialismus von wegen "Die Leute brauchen einen guten Job und gute Ausbildung und gute Karrierere damit die nicht zu Terroristen werden".

Man kann auch ein verkorkstes Leben haben, wenn man eine gute Ausbildung hatte und richtig viel Geld auf dem Konto hat.