Freitag, 29. April 2016

Neues Buch über Anders Breivik mit ausführlichen Infos über seine Kindheit


Ganz aktuell erschien das Buch "Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders" von Åsne Seierstad (von mir als eBook Kindle Version gelesen, Kein & Aber Verlag)

Das Buch enthält bzgl. der Kindheit von Anders Breivik für mich nicht viel Neues. Etwas ausführlicher als mir bereits bekannt wird in dem Buch auf die Vernachlässigung von Anders und seiner Schwester eingegangen, ebenso auf den oft offen geistig verwirrten Zustand der Mutter (Wenche). Eine Information schlug mir besonders ins Auge. Während des Aufenthaltes zusammen mit ihrem Sohn Anders zur Begutachtung in einer psychiatrischen Klinik (ich hatte bereits darüber berichtet) hörten die Ärzte Wenche ihren Sohn anschreien: „Ich wünschte, du wärst tot!“ (Position 386) Dass sie ihrem Sohn gegenüber solche Sätze gesagt hatte und ihn zweitweise auch abschieben bzw. zur Adoption freigeben wollte, war mir bereits bekannt. Dass sie diesen Satz auch innerhalb der Klink hörbar für Andere geschrien hatte, ist mir allerdings neu. Dadurch wird noch einmal deutlich, wie selbstverständlich ihre Ablehnung gegenüber ihrem Sohn war. Man mag sich gar nicht vorstellen, was alles zu Hause - in ihrem unbeobachteten Rahmen - passierte, wenn Wenche sich bereits so krass in dem Umfeld der Psychiatrie verhielt…

Die Autorin Seierstad geht sehr ausführlich auf die Mutter von Anders ein, was für mich neue Information bedeutet. Dass Wenche als Kind schwer belastet war, hatte ich bereits an anderer Stelle (siehe Link oben) kurz erwähnt. Das Bild wird durch „Einer von uns“ nun komplexer:

Wenche wurde gleich nach der Geburt in ein Kinderheim gegeben und blieb dort 5 Jahre. Dann schloss das Heim und sie kam zurück zu ihrer Familie, innerhalb der sie sich selbst überlassen blieb. Der Vater war oft abwesend, die Mutter ließ ihren Frust an der Tochter aus, schrie sie an, sie tauge zu nichts. Ein Bruder quälte und misshandelte sie ständig so sehr, dass Wenche es oft vorzog, außerhalb des Hauses zu bleiben oder sich versteckte. Auch die Kinder ihrer Umgebung grenzten Wenche aus, sie hatte keine Freunde. Mit 12 Jahren hatte sie ernste Suizidabsichten, nahm aber von dem Plan Abstand. Mit 17 Jahren verließ sie die Familie fluchtartig. Erst Jahre später besuchte sie erstmals wieder ihre Mutter, die mittlerweile ernsthaft psychisch krank geworden war und unter paranoiden Wahnvorstellungen und Halluzinationen litt. Das Pflegeheim sollte die Mutter nicht mehr verlassen, als sie starb, besuchte ihre Tochter die Beerdigung nicht. (Position 172-200)

Hier zeigt sich für mich noch einmal deutlich, dass der Fall Breivik viel mehr Kapitel aufschlägt, als nur die Geschichte eines misshandelten Jungen, der zum Massenmörder wurde. Auch seine Mutter hatte eine extrem schwere Kindheit. Die Verhaltensweisen und psychischen Zustände der Eltern von Wenche – die Großeltern von Anders – lassen wiederum die Vermutung zu, dass auch diese als Kind schwer belastet waren. Insofern kann man den Fall Breivik nicht isoliert betrachten. Der Fall ist auch ein Lehrstück über die Geschichte der Kindheit; über Eltern, die als Kind geschädigt wurden und wiederum ihre eigenen Kinder schädigen. Eines dieser schwer geschädigten Kinder wurde zum Massenmörder.
Ich habe das Buch „Einer von uns“ nicht durchgelesen, sondern nur gezielt nach Informationen gesucht. Mein Eindruck ist aber, dass die Autorin Wert darauf lag, die Ereignisse ohne eine Bewertung oder eigene Kommentare chronologisch in einer gut lesbaren Form wiederzugeben. Aage Borchgrevink (Link oben) ging da in seinem Buch anders vor und hat überdeutlich darauf hingewiesen, dass der Fall Breivik für ihn ein Lehrstück über Kindesmisshandlung und Prävention in Form von Kinderschutz ist.
Das Buch von Åsne Seierstad ist eine Chance. Erstmals wurde in deutscher Sprache ausführlich über die Kindheit von Anders Breivik geschrieben (bzw. das Buch wurde übersetzt). In der aktuellen Ausgabe der EMMA (Nr. 3, Mai/Juni 2016, S. 60+61) wurde das Buch ausführlich besprochen, ebenfalls die Kindheit von Breivik. Wer weiß, vielleicht führt das Buch endlich dazu, dass hierzulande der Kindheitsalptraum dieses Massenmörders bekannt wird, was 1. hilft, seine Taten zu erklären (nicht zu entschuldigen) und 2. die richtigen Ansätze für nachhaltige Terrorprävention aufzeigt: Mehr Kinderschutz.

Kommentare:

Sven Fuchs hat gesagt…

"Allerdings ist die Welt voll von schwierigen Kindheiten – einige gehen unter, andere schaffen es, niemand tötet deshalb eigenhändig neunundsechzig Menschen nacheinander. Die Welt ist voller Menschen mit narzisstischen Zügen – ich selbst bin einer von ihnen –, und sie ist voller Menschen, die keinerlei Empathie mit anderen empfinden. Und die Welt ist voller Menschen, die Breiviks extreme politische Ansichten teilen, ohne dass sie aus diesem Grund Kinder und Jugendliche umbringen. Breiviks Kindheit erklärt nichts, sein Charakter erklärt nichts, seine politischen Standpunkte erklären nichts."
http://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article144162915/Im-Kopf-des-Massenmoerders.html

Ein Autor, der nicht verstanden hat, dass die Tat Breiviks 1. unmöglich für jemanden ist, der als Kind geliebt wurde und 2. auf Grund einer besonders schweren Kindheit möglich wurde, eine so schwere Kindheit, wie man sie in Norwegen wahrscheinlich bei unter 1 % der Kinder findet.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Bei dem Welt Artikel fällt mir was ganz Anderes auf. Dieser Satz, dass Breivik "etwas tut, was seinen Vater stolz machen würde"

Du hast ja Alice Miller gelesen. Ich meine mich erinnern zu können, dass Yukio Mishima laut Alice Miller fast das selbe dachte, bevor er einen faschistoiden Militärputsch versuchte und sich nach dessen Scheitern umbrachte.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Der Welt Artikel ist aber unfreiwillig irgendwie sau komisch. Allein schon: "Aua. Ich habe mich in den Finger geschnitten als ich jemandem die Hirnschale wegschoss. Ich muss dringend ins Krankenhaus."

Dieser ganze Teil ist so komplett absurd, dass er eher aus South Park, als aus der Realität stammen könnte.

Sven Fuchs hat gesagt…

Über die Stelle mit dem Finger bin ich auch gestolpert....So was könnte glatt auch von einem Islamisten kommen. Krank.

Anonym hat gesagt…

Beim Lesen des „Welt-Artikels“ sind mir noch andere Sätze ganz besonders aufgefallen, nämlich diese:

„Einen anderen Menschen zu töten erfordert eine enorme Distanz,“

„Die allerstärksten Kräfte des Menschlichen finden sich in der Beziehung zwischen dem Gesicht und dem Blick. Nur dort existieren wir wirklich füreinander. Im Blick der anderen entstehen wir, und in unserem eigenen Blick entsteht der andere. Dort können wir auch vernichtet werden. Nicht gesehen zu werden ist vernichtend, genauso wie nicht zu sehen.“

„Und genau das ging in Breiviks Leben schief. Er wurde nicht gesehen, es vernichtete ihn. Er blickte nach unten, verbarg sein Gesicht und seinen Blick, das vernichtete die anderen in ihm. DIES IST WÖRTLICH ZU VERSTEHEN!“

„Zwei Jahre vor der Tat isolierte er sich in einem Zimmer im Haus seiner Mutter, hatte mit so gut wie keinem Menschen Kontakt, lehnte Besuche ab, ging nahezu nie aus, sondern blieb in seinem Zimmer und spielte Computerspiele, meist "World of Warcraft". Stunde um Stunde, Tag für Tag, Woche um Woche, Monat für Monat.“
(...)
„Und es gab niemanden, der ihn korrigieren konnte, er hatte den Blick niedergeschlagen.“

Distanz..., zu sich und zu anderen, als eine der bitteren Folgen einer traurigen Kindheit, in der es für liebevolle Nähe keinen Platz gab. Und diese Distanz ist mitunter eine der wesentlichsten Voraussetzungen für destruktive Taten aller Art.

Deshalb ruft auch André Stern in seinen Vorträgen dazu auf, die Kinder nicht zu erziehen, sondern eine Beziehung mit ihnen einzugehen, also Beziehung statt Erziehung, Nähe statt Distanz.

Beste Grüsse
Mario

Anonym hat gesagt…

Auf "srf.ch" erschien in diesen Tagen ein Artikel, in welchem die Terrorismusexpertin (?) Anne Speckhard auch nicht wirklich verstanden hat, dass es eine Kindheit ist voller Gewalt und Demütigung, die den Boden dafür bereitet, dass mit Menschen mit solchen Kindheitserfahrungen später leicht in die Fänge von Radikalen geraten, von denen sie eine Legitimation dafür erhalten, ihre aufgestaute Wut destruktiv auszuagieren.

Speckhard meint zwar "Niemand werde als Terrorist geboren, sondern später dazu gemacht", geht aber nicht wirklich näher darauf ein.

Sie nennt dafür vier Zutaten, die zum mörderischen Cocktail führen: Der Gruppendruck, das Gefühl ausgegrenzt oder benachteiligt zu sein und eine hohe Verletzlichkeit. (Anmerkung von mir: alles Auswirkungen einer traurigen Kindheit als eigentliche Ursache) Und dann als Rahmen eine Ideologie. In Konfliktgebieten wie Syrien oder Jemen selber kämen ausserdem materielle Beweggründe hinzu. Für Menschen in Not seien die Saläre der Terrormiliz Islamischer Staat IS schlicht attraktiv.

http://www.srf.ch/news/international/was-aus-menschen-terroristen-macht

Grüsse
Mario