Freitag, 24. Juli 2020

"Too Much and Never Enough": Die Kindheit von Donald Trump

Auf das das Buch „Too Much and Never Enough: how My Family Created the World's Most Dangerous Man“ (2020, Simon + Schuster, Kindle-Edition) der Trump-Nichte Mary L. Trump und erste Auszüge daraus bin ich schon einige Male in meinem Twitter-Account eingegangen. Jetzt habe ich das Buch gelesen und möchte es kurz besprechen. 

Für mich wichtig und von Interesse sind natürlich die Kindheitsbedingungen von Donald Trump und die Familienatmosphäre, die er erlebte. Die Kindheit von Donald Trump habe ich bereits ausführlich besprochen. Mary L. Trump bestätigt sehr viel von dem, was schon bekannt war: Die Beziehungen und der Umgang in der Familie Trump waren ein Alptraum und das vor allem für die Kinder. 

 Donald und sein Bruder Freddy (der Vater von Mary L., der starb, als sie 16 Jahre alt war) hätten von allen Trump-Kindern am meisten unter der Soziopathie des Vaters Fred Trump und der Erkrankung der Mutter Mary Trump gelitten (S. 12). 
    Dass bzgl. Fred Trump die Wörter „Soziopathie“ und im Buchverlauf auch mehrfach „Soziopath“ auftauchen, ist für mich neu, allerdings ganz sicher eine zutreffende Beobachtung. Da Mary L. Trump auch ausgebildete und aktiv arbeitende Psychologin ist, bekommt diese Diagnose besonderes Gewicht. Die nachhaltige Erkrankung (nach der Geburt ihres letzten Kindes) von Mary Trump (der Mutter von Donald) war bereits bekannt (ich habe dies auch in meinem verlinkten Text oben erwähnt). Wie schwer diese Erkrankung die Familie in der Folge belastete, war mir allerdings ebenfalls neu. 

 Nach der Geburt ihres letzten Kindes wurde eine Komplikation übersehen. Neun Monate später fand ihre damals 12 Jahre alte Tochter Maryanne (Donalds ältere Schwester) ihre Mutter blutüberströmt und kaum bei Bewusstsein im Badezimmer. Die Mutter kam sofort in ein Krankenhaus. Fred Trump teilte seiner Tochter Maryanne nüchtern mit, dass ihre Mutter die Nacht wohl nicht überleben werde. Etwas später meinte er zu ihr, sie solle zur Schule gehen, er würde ihr mitteilen, wenn sich etwas ändern würde (sprich die Mutter tot sei). Die Tochter, die die Nacht alleine und weinend in ihrem Zimmer verbrachte, ließ der Vater mit ihren Sorgen alleine (S. 20-22). Einen Soziopathen interessiert es schließlich nicht, wie es anderen Menschen geht. Aber: Die Mutter überlebte. Allerdings kam sie die nächsten 6 Monate immer wieder ins Krankenhaus und die Langzeitfolgen für ihre Gesundheit waren sehr ernst. 

Mary und Fred Trump waren von Anfang an schwierige Eltern, betont die Autorin. Aber nach den Krankenhausaufenthalten von Mary scheint sich die Lage zusätzlich sehr verschlechtert zu haben. Die Soziopathie von Fred wurde bereits besprochen; er war kein Ausgleich für die Mutter und auch keine Stütze für seine Kinder. Sich um die Kinder zu kümmern, sei nicht sein Job gewesen. 

Aber auch seine Frau schien sehr auf sich und ihr Wohlbefinden konzentriert gewesen zu sein. Sie wandte sich ihren Kindern nur zu, wenn es für sie wichtig war, nicht umgekehrt. „(…) she frequently put herself first. Especially when it came to her sons, she acted as if there were nothing she could do for them“ (S. 23). Während und nach ihren Operationen im Krankenhaus habe Mary Trump eine Leere im Leben ihrer Kinder hinterlassen. Sie war körperlich und emotional abwesend. Richtig erholt habe sie sich nie von dieser Zeit. Die älteren Kinder konnten die Situation zumindest verstehen. Donald (damals 2 Jahre alt) und Robert (damals 9 Monate alt) waren dagegen die verletzlichsten Kinder, so die Autorin. Die Großmutter väterlicherseits, die in der Nähe lebte, war ähnlich kalt wie ihr Sohn Fred und war keine Hilfe für die Kinder. Der Housekeeper war überfordert. Die wesentliche Sorge für die jüngeren Kinder fiel der 12-Jährigen Maryanne zu, die naturgemäß überfordert war. Mary L. Trump fasst zusammen: „The five kids were essenttially motherless“ (S. 24)  

Donald sei absolut abhängig von seinem Vater gewesen, der gleichzeitig eine Quelle für Terror war: „Child abuse is, in some sense, the expectation of ‘too much’ or ‘not enough’. Donald directly experienced the ‘not enough’ in the loss of connection to his mother at a crucial development stage, which was deeply traumatic“ (S. 25). Für mindestens ein Jahr war er von seiner Mutter getrennt und sein Vater versagte ihm Zuneigung und Ausgleich. Was Fred Trump von seinen Kindern wollte, war Gehorsam, „that was all“ (S. 26). Dies habe Donald für sein Leben geprägt, so die Autorin. 
    Das Hauptinteresse des Vaters lag bei seinem ältesten Sohn Freddy. Er sollte ein „Killer“ werden und in die Fußstapfen des Vaters treten. Allerdings erfüllte der Sohn nicht die Anforderungen des Vaters, weder charakterlich, noch in seinem Handeln. Dies führte zu väterlichen Demütigungen und die Autorin spricht bzgl. des väterlichen Verhaltens in diesem Zusammenhang von Misshandlung (auf emotionaler Ebene) (S. 41).
    Der deutlich jüngere Donald beobachtete die Beschämungen seines Bruders sehr genau und zog seine Schlüsse daraus. Zusammenfassend schreibt die Autorin, dass das oben erwähnte frühe Verlassenwerden und „witness his fathers`s abuse of Freddy, cut him off from real human connection“ (S. 50).  

Am Ende des Buches fasst die Autorin in ein paar Zeilen zusammen: „Every time you hear Donald talking about how something is the greatest, the best, the biggest, the most tremendous (…), you have to remember that the man speaking is still, in essential ways, the same little boy who is desperately worried that he, like his older brother, is inadequate and that he, too, will be destroyed for his inadequacy. At a very deep level, his bragging and false bravado are not directed at the audience in front of him but at his audience of one: his long-dead father“ (S. 202). 
    Hier wird deutlich, wie politisch Kindheit an sich und im Fall von Donald Trump im Besonderen ist! Seine Kindheit wirft weiterhin ihre Schatten und hat weittragende politische Folgen. 

Weitere Auszüge bzgl. der Kindheit von Donald Trump werde ich nicht besprechen (z.B. seine Unterbringung in einem Militärinternat als 13-Jähriger), weil ich dies schon in meinem oben verlinkten Text getan habe. 

Die Autorin erinnert sich an einer Stelle des Buches zurück an den Tag, als ihr Onkel als Gewinner der Wahl ausgerufen wurde. „Traumatisiert“ von dem Ergebnis wäre sie in ihrem Haus herumgewandert und sie hängt dem an: „It felt as though 62,979,636 voters had chosen to turn this country into a macro version of my malignantly dysfunctional family“ (S. 14). 
Dieser Satz ist ganz zentral! Denn wenn man um das hohe Ausmaß von Gewalt und Demütigungen gegenüber Kindern in den USA (siehe hier und hier) weiß, dann wird deutlich, dass das Wahlvolk und der gewählte politische Führer oft auch emotional verbunden sind. Wie oft habe ich in Interviews von Trump-Fans  gelesen, wie sie schwärmen: „Er ist wie wir, er redet wie wir!“? (siehe ein Beispiel hier: "Because he talks like us", sagte ein Anhänger, als er gefragt wurde, warum er Trump unterstütze) Ein Trump für sich wurde möglich durch seine destruktive Kindheit; aber es ist ganz sicher auch so: Trump auf politischer Ebene wurde möglich, durch die destruktiven Kindheiten seiner Anhängerschaft.  

4 Kommentare:

Michael Thomas Kumpmann hat gesagt…

Also. Erstmal: Es gab auch Linke, die sich pro Trump ausgesprochen haben. Vor Allem Slavoj Zijzek. (Und der hat sogar mehrfach mit der "Gender Päbstin" Judith BUtler, also einem der absoluten Gurus der heutigen progressiven Linken zusammen gearbeitet.)

Ich war damals dafür das entweder Trump oder Sanders gewinnt. Das war aber nicht wegen irgendwelcher Traumata.

1. Trump wollte diesen idiotischen Konflikt mit Russland beenden. Die ach so tollen Demokraten wollten den Konflikt stattdessen noch anheizen. Leider haben sich da am Ende die scheiss Neocons durchgesetzt.

2. Trump wollte Frieden im nahen Osten. Da bin ich leider schon bei Obama drauf reingefallen, der auch zuerst Frieden im nahen Osten wollte, und stattdessen die USA in 4 neue Konflikte rein trieb. Am Ende hat auch Trump sein Versprechen gebrochen, weil er lieber Benjamin Netanyahu hinten reingekrochen ist.

3. Die größten "Arschlöcher" in der US Amerikanischen Politik haben sich am Meisten über Trump aufgeregt. Auf der rechten Seite haben sich die kriegsgeilen Neocons am Meisten über Trump aufgeregt.

Und auf der linken Seite die scheinheiligen "Wir wollen Toleranz und Vielfalt, aber wage es als Weißer Dreadlocks zu tragen und ich lass Dich von der Antifa zusammen schlagen" Soziologinnen. Diese Genderfeministinnen und Anti Diskriminierungs Typen sind leider zum großen Teil das linke Äquivalent zu rechten Skinheads und meinen, durch Geschrei und Terrorisieren des Gegners ihre Forderungen durchsetzen zu können.

Und natürlich sind Rassismus etc. wirklich große Probleme. Aber diese Vollidioten von der linken Seite sind absolut Kontraproduktiv.

Deshalb war es mehr als lustig, wie diese Leute so dermaßen am Zeiger drehten, weil Trump gewonnen hat.

4. Gleichzeitig finde ich bei den Linken ganz ehrlich sowohl die Demokraten in den USA, als auch die Grünen in Deutschland einfach nur furchtbar. Die haben für mich nichts mehr mit links sein zu tun. Die Scheren sich insgesamt einen Dreck um die Armen, sondern sind Büttel der Wall Street. (Die bremsen sogar ihre eigenen Symphatieträger wie Bernie Sanders und Andrew Yang aus, weil sie der Wall Street im Weg sein könnten.)

Die sind komplett das Sprachrohr der Eliten geworden. Und weil diese Parteien die Armen verraten haben, spielen sie sich jetzt stattdessen als Retter der Minderheiten auf. Und am Ende läuft dieser Minderheitenschutz auch nur darauf hinaus, dass die Belange dieser Minderheiten kommerzialisiert werden. Siehe wie viele Firmen plötzlich die Regenbogenflagge ins Logo packen. Die interessieren sich NUll für Schwule, sondern versuchen damit ihre Corporate Identity zu stärken.




Mitlerweile bin ich mehr als enttäuscht von Trump. Mir ist eines klar geworden. Egal ob diese Person nun Obama, Trump, Bush oder sonst wie heißt. Es wird sich in der US Politik nie was zum Positiven ändern. Die USA werden immer imperialistische Kriegstreiber sein. Leider.

Sven Fuchs hat gesagt…

Nur kurz: Die Wahl damals hatte auch eine Besonderheit, weil auf der anderen Seite Hillary Clinton stand (ebenfalls als Kind traumatsiert, ebenfalls sehr destruktive politische Züge + ihren destruktiven Mann im Hintergrund).

Ich sehe aber die Zukunft der USA nicht so pessimistisch wie Du. Ich nehme US-Politiker neuen Stils in den USA war (vor allem gebildete, mutige Frauen, die nicht über 50 Jahre alt sind). Die neue Generation in den USA wurde weniger traumatisiert, das wird sich auch in der Politik widerspiegeln.

Anonym hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Fuchs,

die beleidigende Ausdrucksweise des Herrn Kumpmann deuten für mich auf destruktive Kindheitserfahrungen hin. Teilen Sie ebenfalls diese Aufassung ?

Michael Thomas Kumpmann hat gesagt…

Da stimme Ich voll zu. Viele Leute haben auch zur Wahl gesagt: Der größte Vorteil Trumps ist, er ist nicht Hillary Clinton.

Zum Thema der Frauen in der US Politik: Ich glaube, ich ahne, auf wen Du dich beziehst. Ich krieg die Namen nicht so perfekt zusammen. Mir fallen direkt nur Ilhan Omar, Tulsi Gabbard und Alexandra Orcasio Cortez ein. Und ich weiß, dass diese Gruppe informell "The Squad" genannt wird.

Tulsi Gabbard finde ich sowieso ziemlich cool.

Cool fand ich auch, wie eine von denen Trump wegen des Iran Konflikts so richtig zur Sau machte. Das fand ich echt geil. Mir fällt leider nicht mehr ein, wer das war.

Bei männlichen Politikern ist mir auch insbesondere Andrew Yang aufgefallen. Bei dem finde ich gut, dass der an Dogmen wie "Es wird immer genug Arbeit für alle geben" oder "Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen" rüttelt.