Montag, 6. Dezember 2021

Tochter eines Ku-Klux-Klan Mitglieds und Leben in der Hölle: Kindheit von Jvonne Hubbard

 „White Sheets To Brown Babies“ heißt die Autobiografie von Jvonne Hubbard (2018, Sakshi Press). 

Die Lebensgeschichte von Jvonne Hubbard hat mich ursprünglich vor allem auf Grund ihres rassistischen und extremistischen Vaters interessiert, der tief in den Ku-Klux-Klan verstrickt war.

Immer wieder ist mir aufgefallen, dass extremistische Familien auch die eigenen Kinder misshandeln und terrorisieren. Dies ist für mich bedeutsam in der Hinsicht, dass es zum einen logisch ist, dass hasserfüllte Menschen mit ihrem Schwarz-Weiß-Denken natürlich auch in der Familie nicht aus ihrer Haut schlüpfen (entsprechend sollte auch das Jugendamt bei solchen Familien sehr aufmerksam sein!!). Zum anderen ist die Misshandlung und Demütigung der eigenen Kinder für mich immer auch ein Indiz dafür, dass diese Leute selbst eine traumatische Kindheit hatten und weitergeben, was sie selbst erlitten haben. Letzterer Punkt stellt für mich eine gedankliche Ableitung und Möglichkeit dar, etwas über die Kindheit von Extremisten zu erfahren, über die es ansonsten keine konkreten Infos über Kindheitshintergründe gibt (siehe dazu auch meinen Beitrag Die Kinder der NS-Täter und die Kindheit der NS-Täter). 

Die Lebens- und Kindheitsgeschichte von Jvonne Hubbard entpuppte sich im Textverlauf für mich aber als weit mehr. Ihre Geschichte ist derart traumatisch und kaum in Worte zu fassen, dass ein Filmregisseur das Manuskript wahrscheinlich ablehnen würde, weil es zu „unglaublich“ ist. 

Ihre Geschichte ist ein wichtiges Zeugnis für Kinderschutz und Aufklärung über Kindesmisshandlung und geht weit über die Extremismusforschung hinaus. 

Das Ausmaß an Gewalt und Trauma in dieser Familie ist derart komplex, dass ich kaum weiß, wo ich anfangen soll. Der Vater war gewalttätig, rassistisch, launisch, kalt und Alkoholiker. Was das für die Familie bedeutet, kann man sich vorstellen. Dazu kamen viele Alltagsdemütigungen und Verletzungen. So z.B. in der Grundschule. Jvonnes beste Freundin, Yonnie, war schwarz. Als der Vater davon erfuhr, drohte er: „If I ever see or even hear tell of you playing with or associating with any nigger ever again I am going to have to whip your ass and burn a cross in little Yonnie`s yard to make you understand“ (S. 7). Um sich und ihre Freundin zu schützen, ignorierte Jvonne ihre beste Freundin zukünftig, was ihr das Herz brach…

Dass ihr Vater gefährlich war, wurde ihr schon als Siebenjährige klar. Ihre Mutter musste das Auto lenken, Jvonne musste sich im Auto hinlegen. Ihr Vater schoss aus dem fahrenden Auto mit einer Waffe auf das Auto eines Anderen, um ein Zeichen zu setzen. Ein anderes Mal warf der Vater eine Art Molotov-Cocktail aus dem fahrenden Auto in das Fenster einer Familie, in der eine weiße Frau ein schwarzes Baby hatte (S. 9). 

An einer Stelle formuliert Jvonne Hubbard (nachdem sie etliche Schrecklichkeiten ausgebreitet hat, die sie in dieser Familie erlebte): „I can´t really remember all of what I was thinking and feeling save one thing: my dad had finally succeeded in teaching me hate. The first person I ever truly hated in my life was him (S. 14). 

Auch ohne rassistische Motivation verbreitetete dieser Vater Terror, auch gegenüber seiner Frau. Dies gipfelte eines Tages darin, dass er Jvonnes Mutter eine Waffe an den Kopf hielt und drohte, sie zu töten (S. 11). Ihre Mutter hatte in der Folge nichts anders zu tun, als sich bei ihrer Tochter auszuweinen und zu fragen, warum ihr Vater sie nicht mehr lieben würde (Parentifizierung). „I´ll admit (…) this was the beginning of when I started to lose resprect for my mother. In my little mind, with only two horribly dysfunctional examples of how human beings conduct themselves during a crisis, it was my mom who worried me most. Why? Because she accted being a victim“ (S. 11f.). 

Diese Mutter neigte immer wieder zu extrem destruktiven Verhalten. Nicht in der Art, dass sie mit einer Pumpgun neben dem Auto wartete (wie der Vater dies einmal tat; S. 13) und die beiden anderen Familienmitglieder bedrohte. Sondern durch unterlassene Hilfeleistung, durch Verhalten wie ein kleines Kind, Ignorieren der Bedürfnisse ihrer Tochter, durch absolute Hilflosigkeit und gleichzeitige Identifikation mit ihrem aggressiven Mann, dem sie alles unterordnete. 

Überhaupt fällt im Verlauf des Buches auf, dass alle Familienmitglieder - auch aus dem weiteren Verwandtenkreis - zu destruktiven Beziehungen neigten. Wenn der eine schlagende und alkoholkranke Partner verlassen wird, dann war der Nächste garantiert nicht viel besser! Angefangen bei der eigenen Mutter, die nach der Trennung von ihrem Mann erst zu One-Night-Stands überging (teils musste beim Sex die Tochter im Flur eingeschüchtert zuhören, S. 17) und sich dann einen Partner suchte, der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war. Diverse Beziehungsabbrüche und Konflikte folgten. 

Jvonne hatte indes mit weiteren Problemen zu kämpfen: Armut, Wohnortwechseln, fehlende Freunde und fehlender Anschluss in der Schule, Hänseleien usw. 

In dieser Situation bot ein Mann namens Fred eine gewisse Stütze für Jvonne. Er war 44 Jahre alt, Jvonne war 14. Ihre Familie wusste um diese „Freundschaft“, hatte damit aber kein Problem. Als Jvonne 15 Jahre alt war, fuhr ihre Mutter sie zu Freds Haus, um sie dort übernachten zu lassen. Fred hat sie dann offensichtlich vergewaltigt (weitere Übergriffe sollten später folgen). „Pain, disgust, confusion, not knowing what to do or how to feel, followed. When my mom picked me up the next morning I told her what had happend. All she had to say was `Did it hurt? The first time is often painful`. Then the next move was to take me to the health department and put me on birth control!“ (S. 50). Von dieser Mutter war keine Hilfe und kein Schutz zu erwarten, in jeder Hinsicht...

Alle anderen Erlebnisse und Traumatisierungen hier zusammenzufassen, überfordert mich. Fast auf jeder Seite des Buches schildert die Autorin irgendwelche Grausamkeiten und destruktiven Erlebnisse. Dazu gehören z.B. Dinge wie eine Situation, in der eine Frau, die mit ihrem Freund im schweren Streit lag, zum Vater von Jvonne ging und ihn um eine Waffe bat. Sie wolle ihren Freund erschießen. Der Vater übergab die Waffe, die Frau erschoss ihren Freund. Jvonne wunderte sich, warum ihr Vater dafür nicht inhaftiert wurde (S. 82). 

Später wurde ihr Vater selbst zum Opfer. Er hatte eine Alkoholiker-Freundin, die ihn später stalkte. Sie schoss ihm eines Tages mehrere Kugeln in den Körper. Er überlebte und blieb pflegebedürftig. 

All diese Erlebnisse blieben nicht ohne Folgen für Jvonne. „Sometimes it feels like I am a hundred years old, for all the life I`ve lived“ (S. 162). Ihre Gesundheit war schwer beeinträchtigt. „Those ailments were as follows: anxiety, depression, panic attacks, fibromyalgia, TMJ, interstitial cystitis, irritable bowel syndrome, premature ventricular oft he heart, chronic episodes of bronchitis, immun deficiecy and eventually pneumonia. My immune system and even my heart (…) were damaged (…)“ (S. 140). Die meisten Diagnosen waren chronisch. 

Ihr Fall und die Gesundheitsfolgen werden auch durch die Adverse Childhood Experiences Forschung bestätigt: Je mehr Trauma als Kind, desto höher die Wahrscheinlichkeit für diverse Erkrankungen. 

Der Fall Jvonne Hubbard hat mich sehr berührt und teils sprachlos gemacht. Jvonne Hubbard ist fast so alt wie ich. Ihre Geschichte stammt nicht aus dem Mittelalter! Sie ist ganz nah und real. Und viele andere Kinder erleben immer noch ähnliches. Das sollten wir nicht vergessen!


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