Dienstag, 21. November 2023

Kindheit von Richard III. (England, 1452-1485)

Richards Mutter hatte über elf Jahre hinweg fast jedes Jahr ein Kind zur Welt gebracht. „Das elfte Kind der Herzogin von York war klein und kränklich, vielleicht als Folge der Schwangerschaftskomplikation. Lange Zeit schien es, als sollte es, wie vier seiner Geschwister vor ihm, das Kleinkindalter nicht erreichen" (Kalckhoff 1980, S. 14).
Richards frühe Kindheit war geprägt von Gesundheitsproblemen. „Sein Gesundheitszustand war so misslich, dass ein Reimschmied, der die Geschichte der Herzogfamilie in Verse gebracht hatte, nur berichten konnte: ‚Richard liveth yet‘ (Richard lebt noch)“ (Kendall 1980, S. 24). 

Die meisten seiner Brüder und Schwestern kannte Richard kaum. Anna, dreizehn, und Elisabeth, acht Jahre alt, wurden, wie üblich, in anderen Adelshäusern erzogen. Die beiden ältesten Knaben, Eduard und Edmund, lebten weit entfernt in Ludlow Castle. Richards Spielkameraden waren der dreijährige Bruder Georg und die sechsjährige Schwester Margarete. Vater und Mutter sah er selten. (…) In diesen ersten sieben Jahren spielte seine Schwester Margarete die Rolle der Mutter. Ihr Liebling war jedoch Georg. Dem kleinen Richard blieb wohl nichts übrig, als diese ungleiche Liebe als unvermeidlich hinzunehmen, denn er fürchtete sich vor Georg. Georg war nicht nur drei Jahre älter, er war auch alles, was Richard nicht war: stark, groß für sein Alter, schön, anziehend und verwöhnt. Richard konnte niemals ganz von diesem Bild eines strahlenden älteren Bruders loskommen, der sich in den Kopf gesetzt hatte, dass ihm sofort gehorcht werde, und dessen gelegentliches Lächeln eine ihn verwirrende Belohnung war. Am Ende dieser sieben Jahre brach die jenseits des friedlichen Marschlandes liegende Welt plötzlich über das Kind herein, das England von 1459, eine Welt der nackten Gewalttätigkeit“ (Kendall 1980, S. 24f.) 

Der Biograf Andreas Kalckhoff beschreibt allerdings schon vorher das Miterleben von Gewalt:
Noch bevor Richard das siebte Lebensjahr vollendet hatte, war er Gefangener, das einzige Mal in seinem Leben. Die Soldateska der Königin massakrierten die wehrlosen Stadtbewohner und plünderten die Burg, die ohne Verteidigung dalag“ (Kalckhoff 1980, S. 43). Die Mutter und ihre Kinder fielen zunächst in die Hände ihrer Feinde, kamen aber glimpflich davon. 

Wenig später, im Jahr 1460, erfuhr der junge Richard, dass „er im Kampfgewühl eines einzigen Tages den Vater, einen Bruder und einen Oheim verloren hatte“ (Kendall 1980, S. 38).

Als Neunjähriger wurde Richard zur weiteren Erziehung fortgeschickt. „Es war Übung in England, dass Heranwachsende als Pagen in fremde Familien gingen. So kam Richard im Herbst 1461 zu den Nevilles von Warwick auf Burg Middleham, Yorkshire“ (Kalckhoff 1980, S. 64). Dort sollte er die nächsten drei Jahre seiner Erziehung verbringen, die von morgens bis abends strikt reglementiert war. „Hier begann der junge Richard den Kampf, seine heimlichen Vorsätze zu verwirklich. Das kränkliche Kind, aus dem ein hagerer, im Wachstum zurückgebliebener Bursche geworden war, trieb sich selbst dazu an, stark zu werden und die Waffen gewandt zu handhaben. Mit ingrimmiger Leidenschaft arbeitete er am Kriegshandwerk. (…). Er musste sich darauf vorbereiten, seinem herrlichen Bruder Eduard zu dienen. Vielleicht lag es an dieser harten Ausbildung, dass ein rechter Arm und die rechte Schulter etwas stärker wurden als die linke Seite" (Kendall 1980, S. 47). 

Kalckhoff (1980, S. 66-71). beschreibt recht ausführlich die Praxis des „Weggebens“ der Kinder im England des 15. Jahrhunderts, die fast alle Kinder, ob arm oder reich, traf. Diese Kinder mussten im wahrsten Sinne des Wortes dienen und hatten keinerlei Schutz durch ihre natürlichen Eltern. 

König Eduard (der ältere Bruder von Richard!) setzte in seinem „Schwarzen Buch der Hofhaltung“ fest, wie der Erzieher (der Master of Henchmen) mit den Pagen am Hofe umzugehen hatte. Darin ging es um viele Verhaltensnormen, strikte Kontrolle und Regeln. An einer Stelle steht geschrieben:„(…) und diese Kinder täglich und stündlich gehörig anzuhalten, mit Züchtigungen auf ihren Zimmern, wie es bei solchen Herren nötig ist (Kalckhoff 1980, S. 69). Der Erziehungsauftrag beinhaltete also auch eindeutig körperliche Gewalt gegen die Kinder. Gewalt durch Erziehungspersonen traf die Kinder des Mittelalters regelmäßig. Auch Richard wird diesem Schicksal mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht entkommen sein. 

In den oben besprochenen Informationen stecken sehr viele Kindheitsbelastungen, die ganz sicher nicht ohne Folgen blieben:
Schwangerschaftskomplikation, schlechte Gesundheit, Aufwachsen ohne Eltern (betreut von Personal), Trennungen von Geschwistern, ein dominanter älterer Bruder, Miterleben von kriegerischen Entwicklungen seitens des Adels, der sich damals in England gegenseitig schwer bekämpfte ("Rosenkriege"), schließlich gewaltbedingter Tod des Vaters, des älteren Bruders Edmund und eines Onkels und erneuter Umgebungswechsel inkl. harter Ausbildung und Erziehung. 

(Während meiner Recherchen über Richard stieß ich im ZDF zufällig auf die Doku "Heinrich VIII.: Der junge Prinz " (erster Teil von drei Teilen). Seine Kindheit in England verlief recht ähnlich wie die von Richard: er wuchs ohne Eltern betreut von Personal auf; sein Vater war dominant, kontrollierend und  hatte jahrelang kein Interesse am Sohn; einige Geschwister starben; die Mutter starb, als Heinrich elf Jahre alt war.)


Quellen:

Kalckhoff, A. (1980). Richard III. Sein Leben und seine Zeit. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Glasbach. 

Kendall, P. M. (1980). Richard III. Der letzte Plantagenet auf dem englischen Königsthron 1452-1485. Verlag Callwey, München. 


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