Die öffentlich sehr bekannte Psychologin Stefanie Stahl hat in einem Interview mit dem Stern (Ausgabe 17.09.2026. S. 58f.) folgendes gesagt: „Vieles, was im Großen wie im Kleinen passiert, hat zu tun mit unseren Ängsten, den ungelösten Erfahrungen. Menschen können aus Ohnmachtsgefühlen heraus ein enormes Machtstreben entwickeln. Mir fällt kein Diktator ein, der eine heile Kindheit hatte.“
Der letzte Satz wurde von der Stern-Redaktion als Titel für das Interview gewählt, was ich sehr bemerkenswert finde:
Ich selbst arbeite seit über 25 Jahren daran, dass diese simple und logische Feststellung aus dem Stern Titel mehr ins öffentliche Bewusstsein dringt. Beginnend vor über 45 Jahren war es vor allem Alice Miller, die immer wieder auf diese Zusammenhänge hingewiesen hat. In den USA ab den 1970er Jahren vor allem die Psychohistorie vor allem unter Lloyd deMause und im Jahr 2000 ergänzend ein Stück weit auch durch Arno Gruen mit seinem Buch „Der Fremde in uns“. Wirklich durchdrungen hat die Erkenntnis, dass massiv destruktive politische Führung etwas mit destruktiver Kindheit zu tun hat, das gesellschaftliche Bewusstsein immer noch nicht.
Aber: Es fällt schon auf, wie dies Stück für Stück weiter ins Bewusstsein drängt (siehe z.B. auch hier).
Es ist nicht das erste Mal, dass Stefanie Stahl die o.g. Zusammenhänge zieht. In der NDR-Talkshow aus dem Jahr 2023 sagte sie: "Keine Angst spüren, keine Leere spüren, keine Trauer spüren - stattdessen schnell mal handeln", laute die Devise autoritärer Herrscher. „Gerade Diktatoren haben sehr, sehr viel Macht. Und warum? Sie haben sehr viel Ohnmacht in der Kindheit gehabt." Aus dieser Prägung heraus habe ein Diktator "kein Vertrauen, der muss kontrollieren, und zwar von morgens bis abends". (Psychologin in TV-Talk über Putin: "Das ist ein schwerst traumatisierter Mensch")
Ich selbst habe bisher keine Arbeiten von Stahl gelesen, in denen Sie quellenbasiert Kindheiten von Diktatoren analysiert. Insofern liegt die Vermutung nah, dass Sie einiges von mir gelesen haben könnte 😎.
Für mich ist es so, dass ich den o.g. Stern Titel immer auch gleich weiter denke: Der Satz ist so auch auf Gewaltstraftäter, Extremisten/Terroristen und auch allgemein stark destruktive Politiker, die keine Diktatoren sind (z.B. Trump, Milei) übertragbar.
Die Normalisierung dieser Informationen und Zusammenhänge ist eine Sache, die andere Sache ist die, was daraus folgt. Wenn die Gesellschaft wirklich bewusst und auch emotional erfassen würde, was dies bedeutet, müsste Politik und Gesellschaft ihren gesamten Aufbau hinterfragen. Die Basispolitik müsste alles darauf ausrichten, dass Kinder sicher und versorgt aufwachsen. Da sind wir noch lange nicht.
Ich selbst sehe im Alltag und auch in Medienberichten ständig die Zusammenhänge und Auswirkungen von destruktiver Kindheit. „Früher“ habe ich dann oft gleich einen Blogbeitrag daraus gemacht oder in sozialen Netzwerken darüber geschrieben. Heute bin ich da etwas „leiser“ geworden, aus Zeitgründen, vermutlich zusätzlich auch, weil ich einfach älter geworden bin, aber vor allem auch, weil ich mich innerlich etwas mehr ausruhe. Ich habe schon enorm viel Texte produziert und viel verbreitet/recheriert. Dazu kommen Stück für Stück immer wieder solche öffentlichen Bewusstseinssprünge, wie im Stern Titel gezeigt. Das Thema braucht halt einfach Zeit.
Wobei mir natürlich auch hier eine Sache gleich aufgefallen ist. Der starke Stern-Titel aus der Printausgabe wurde bei der Onlinevariante des Interviews nicht gewählt. Dort heißt der Titel einfach „Nichts macht uns so egozentrisch wie die eigene Unsicherheit“. Da sind wir dann wieder bei der Erkenntnis, dass die Kindheitszusammenhänge auf der einen Seite gesehen werden wollen, aber auch wieder nicht. Es ist immer ein Schwanken zwischen den inneren gesellschaftlichen Kräften, der gesellschaftlichen Psyche und den unterschiedlichen Menschen und ihren individuellen Verdrängungsmechanismen.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen