Auf die Studie "Lützinger, S., Kraus, B., Mathes, C. & Schweer, T.
(2010): Die Sicht der Anderen. Eine qualitative Studie zu Biographien von Extremisten und Terroristen (Polizei + Forschung Bd. 40). BKA – Bundeskriminalamt, Kriminalistisches Institut (Hrsg.). Köln: Luchterhand Fachverlag." hatte ich ja bereits im Zusammenhang mit dem Attentäter Breivik kurz hingewiesen. Jetzt möchte ich darauf noch mal etwas näher eingehen. Für die Studie wurden die Biographien von insgesamt 39 Personen verglichen, die dem Links- oder Rechtsextremismus sowie Islamismus zugeordnet werden können.
Einige zentrale Ergebnisse möchte ich kurz vorstellen:
Innerhalb der Familien der Befragten herrschte allgemein viel Stress, „familiäres Chaos“ und es gab kaum oder keine Bewältigungsstrategien bzgl. Konflikten und Problemen. Allen Familien war gemeinsam, dass problematische Sachverhalte nicht konstruktiv miteinander kommuniziert und bearbeitet, sondern allenfalls in Form von Vorwürfen oder Schuldzuweisungen thematisiert wurden. Die Befragten waren vornehmlich auf sich selbst gestellt, wenn sie Probleme lösen mussten und konnten kaum Hilfe in ihrer Familie erwarten bzw. fühlten sich von dieser allein gelassen. Schon früh waren die Befragten mit zahlreichen Entwicklungsbelastungen wie z.B. Wechsel von Bezugspersonen oder Verlust eines Familienangehörigen konfrontiert. In einigen Fällen entzogen sich Familienmitglieder jedoch auch, indem sie beispielsweise „über Nacht“ die Familie verließen oder es vorzogen, sich auf andere soziale Umfelder (z.B. den Freundeskreis, die Arbeit) zu konzentrieren.
„In allen Familien standen deutliche familiäre Belastungen im Hintergrund, die sich in Suchterkrankungen der Eltern, Verlusterlebnissen und schwerster häuslicher Gewalt ausdrückten. In keinem Fall kann von einem intakten Elternhaus gesprochen werden.“ (S. 28)
„In den meisten Biographien spielten Gewalt und Unterdrückung schon im Kindesalter eine Rolle. Etwa die Hälfte aller Befragten berichtete von gewalttätigen Elternhäusern, in denen sie mit zum Teil erheblichen gewalttätigen Ausschreitungen und Misshandlungen konfrontiert waren. Die rechtsorientierten Befragten berichteten das heftigste Ausmaß. Gewalt richtete sich nicht ausschließlich gegen die Kinder, sondern spielte sich auch zwischen den Eltern ab. So erzählte beispielsweise ein Befragter, die eigene Mutter bewusstlos, in einer Blutlache liegend aufgefunden zu haben. Andere berichteten über schwerste Misshandlungen, die vom mutwilligen Zufügen von Brandwunden bis hin zu Tötungsversuchen reichten.“ (S. 31)
„Resümierend kann festgehalten werden, dass die hier untersuchten Biographien grundlegend entwicklungsbelastete Personen charakterisieren, die mangels eines funktionierenden und eine gesunde und gelingende psychosoziale Entwicklung garantierenden Elternhauses äußerst prekäre soziale Kontakte eingegangen sind. Das jeweilige extremistisch-terroristische Milieu bzw. Gruppenangebot fungierte als Ersatz für ein funktional und strukturell gestörtes Elternhaus." (S. 75f)
Diese qualitative Studie ist sehr interessant und zeigt vor allem eines: Kinder, die in intakten Elternhäusern aufwachsen dürfen, werden nicht zu Extremisten! Die Studie zeigt auch auf, dass bzgl. der Prävention von Gewalt und Extremismus beim Jugend- und Kinderschutz bzw. bei der Jugendarbeit angesetzt werden muss. Auffallend bei den Befragten war, dass sie sich eine „Ersatzfamilie“ bei destruktiven Peergroups oder extremistischen Gruppen suchten und diese eher zufällig je nach vorhandenem Angebot und Milieuzugang auswählten. Hier kann und muss regionale Jugendarbeit ansetzen und konstruktive „Familienersatzangebote“ machen. Interessant für diesen Blog ist auch, dass einige der Befragten zur Bundeswehr gehen wollten, aber oft abgelehnt wurden und andere Wege gingen.
Samstag, 6. August 2011
Freitag, 5. August 2011
Nachdenkliches zur aktuellen Medienentwicklung
Einige hundert Medienmeldungen befassen sich derzeit mit der „Panik an den Börsen“, wie ich auf nachrichten.de unter „Wirtschaft“ lesen konnte. (Dabei fiel mir als erstes ein, dass im Grunde der Irak- und auch der Afghanistankrieg die Hauptursachen für die aktuelle Schuldenlast der USA darstellen und somit beide Kriege – wie wohl alle Kriege - sehr viel mit Selbstzerstörung zu tun hatten.)
Was mir merkwürdig dabei ins Auge fiel ist, dass sich parallel in den Medien Berichte über Kindesmissbrauch, Kindesentführung, Kindermord und verhungernden Kindern in Somalia häuften. Alle vier Medienthemen sind nicht einfach vom Himmel gefallen, sondern entstammen der Realität aktueller Gerichtsurteile und einer realen, katastrophalen Hungersnot. Trotzdem finde ich dieses zeitgleiche Aufeinandertreffen von solchen Themen und den massiven Einbrüchen an den Börsen (und entsprechenden Untergangsängsten) bemerkenswert (dazu kommen noch aktuelle Titelthemen im SPIEGEL, Stern und Focus - siehe unten).
Um für mich gedanklich die aktuellen Medienentwicklungen festzuhalten, fasse ich einfach mal meine Beobachtungen zusammen:
161 Medienmeldungen verzeichnet das Netzwerk nachrichten.de am 05.08.2011 zur Verurteilung des US-Sektenführers Warren Jeffs wegen Kindesmissbrauches.
Beispielhafte Titel lauten „Kindes-Missbrauch: US-Sekten-Chef verurteilt“ 05.08.11, bz-berlin.de, „US-Polygamie-Verfechter des Missbrauchs schuldig“, 05.08.11, suedkurier.de oder „Sektenführer wegen Sex mit Kindern verurteilt“, 05.08.11, morgenpost.de
131 Meldungen befassen sich mit der Verurteilung des wegen Kindesentführung eines vierjährigen Mädchens angeklagten von Kleinmachnow, der heute zu neun Jahren Haft verurteilt wurde.
(http://www.nachrichten.de/panorama/Urteil-Potsdam-Prozess-Staatsanwaltschaft-Angeklagt-cid_6950357/)
103 Medienberichte beschäftigen sich heute mit der Hungersnot in Somalia. (http://www.nachrichten.de/politik/Somalia-Koeln-ARD-Tagesthemen-Bundesdeutsch-Hungerkatastrophe-cid_6948642/meldungen/) Viele Berichte zeigen ausgehungerte Kinder und Babys auf Fotos, z.B. die Berliner Morgenpost oder beziffern die Anzahl toter Kinder.
Ganze 1.640 Meldungen befassten sich innerhalb der letzten Woche mit dem Kindermörder Magnus Gäfgen, der 3.000 € Entschädigung auf Grund von Drohungen eines Polizeibeamten zugesprochen bekommen hat.
(http://www.nachrichten.de/thema/Magnus-Gaefgen/)
Dazu kommt das aktuelle Titelthema des Stern Nr. 32, 4.8.2011
„Verletzte Seele. Wie traumatische Erlebnisse unser Leben beeinträchtigen - und welche Hilfe es gibt.“ Auf dem Titelbild ist eine junge Frau zu sehen, die verschiedene Sätze auf ihr Gesicht geschrieben bekommen hat wie z.B. „Immer wieder kommt diese Angst“ oder „Ich kann nicht vergessen“
Oder der SPIEGEl Nr. 31/2011, der im Titelthema „Die Spur des Bösen“ verfolgt und den Attentäter Breivik in verschwommenen höllenrot dargestellt hat.
Oder der Focus Nr. 31 vom 1. August 2011, der mit „Die Über-Väter“ titelte, „Helmut Kohl, Willy Brandt und Millionen andere Männer: Wie Söhne Macht erleben“.
Ich finde dieses Gemisch an Titeln, Themen und realen Ereignissen äußert bemerkenswert. Realität schafft Berichterstattung, sicher. Aber Berichterstattung erschafft auch Realität. Und (Gruppen)-Fantasien und unbewusste Vorgänge haben wiederum Einfluss auf die Berichterstattung. Gerade auch in Anbetracht der hier in den letzten Wochen gemachten Beobachtungen bzgl. der Suche nach Feinden, Vergiftungsängsten usw. ist die aktuelle Medienlage äußert ... tja…mir fehlt da im Grunde das richtige Wort…irritierend und aufschlussreich zugleich wäre vielleicht das passende. Wir werden sehen, wie die Entwicklungen weitergehen.
Ich glaube, mensch muss sich einmal vorstellen, dass „die Medien“ die Psyche eines einzigen Menschen wäre, um ein wirkliches Erstaunen zu erzeugen und um emotionale Prozesse sichtbar zu machen.
Was mir merkwürdig dabei ins Auge fiel ist, dass sich parallel in den Medien Berichte über Kindesmissbrauch, Kindesentführung, Kindermord und verhungernden Kindern in Somalia häuften. Alle vier Medienthemen sind nicht einfach vom Himmel gefallen, sondern entstammen der Realität aktueller Gerichtsurteile und einer realen, katastrophalen Hungersnot. Trotzdem finde ich dieses zeitgleiche Aufeinandertreffen von solchen Themen und den massiven Einbrüchen an den Börsen (und entsprechenden Untergangsängsten) bemerkenswert (dazu kommen noch aktuelle Titelthemen im SPIEGEL, Stern und Focus - siehe unten).
Um für mich gedanklich die aktuellen Medienentwicklungen festzuhalten, fasse ich einfach mal meine Beobachtungen zusammen:
161 Medienmeldungen verzeichnet das Netzwerk nachrichten.de am 05.08.2011 zur Verurteilung des US-Sektenführers Warren Jeffs wegen Kindesmissbrauches.
Beispielhafte Titel lauten „Kindes-Missbrauch: US-Sekten-Chef verurteilt“ 05.08.11, bz-berlin.de, „US-Polygamie-Verfechter des Missbrauchs schuldig“, 05.08.11, suedkurier.de oder „Sektenführer wegen Sex mit Kindern verurteilt“, 05.08.11, morgenpost.de
131 Meldungen befassen sich mit der Verurteilung des wegen Kindesentführung eines vierjährigen Mädchens angeklagten von Kleinmachnow, der heute zu neun Jahren Haft verurteilt wurde.
(http://www.nachrichten.de/panorama/Urteil-Potsdam-Prozess-Staatsanwaltschaft-Angeklagt-cid_6950357/)
103 Medienberichte beschäftigen sich heute mit der Hungersnot in Somalia. (http://www.nachrichten.de/politik/Somalia-Koeln-ARD-Tagesthemen-Bundesdeutsch-Hungerkatastrophe-cid_6948642/meldungen/) Viele Berichte zeigen ausgehungerte Kinder und Babys auf Fotos, z.B. die Berliner Morgenpost oder beziffern die Anzahl toter Kinder.
Ganze 1.640 Meldungen befassten sich innerhalb der letzten Woche mit dem Kindermörder Magnus Gäfgen, der 3.000 € Entschädigung auf Grund von Drohungen eines Polizeibeamten zugesprochen bekommen hat.
(http://www.nachrichten.de/thema/Magnus-Gaefgen/)
Dazu kommt das aktuelle Titelthema des Stern Nr. 32, 4.8.2011
„Verletzte Seele. Wie traumatische Erlebnisse unser Leben beeinträchtigen - und welche Hilfe es gibt.“ Auf dem Titelbild ist eine junge Frau zu sehen, die verschiedene Sätze auf ihr Gesicht geschrieben bekommen hat wie z.B. „Immer wieder kommt diese Angst“ oder „Ich kann nicht vergessen“
Oder der SPIEGEl Nr. 31/2011, der im Titelthema „Die Spur des Bösen“ verfolgt und den Attentäter Breivik in verschwommenen höllenrot dargestellt hat.
Oder der Focus Nr. 31 vom 1. August 2011, der mit „Die Über-Väter“ titelte, „Helmut Kohl, Willy Brandt und Millionen andere Männer: Wie Söhne Macht erleben“.
Ich finde dieses Gemisch an Titeln, Themen und realen Ereignissen äußert bemerkenswert. Realität schafft Berichterstattung, sicher. Aber Berichterstattung erschafft auch Realität. Und (Gruppen)-Fantasien und unbewusste Vorgänge haben wiederum Einfluss auf die Berichterstattung. Gerade auch in Anbetracht der hier in den letzten Wochen gemachten Beobachtungen bzgl. der Suche nach Feinden, Vergiftungsängsten usw. ist die aktuelle Medienlage äußert ... tja…mir fehlt da im Grunde das richtige Wort…irritierend und aufschlussreich zugleich wäre vielleicht das passende. Wir werden sehen, wie die Entwicklungen weitergehen.
Ich glaube, mensch muss sich einmal vorstellen, dass „die Medien“ die Psyche eines einzigen Menschen wäre, um ein wirkliches Erstaunen zu erzeugen und um emotionale Prozesse sichtbar zu machen.
Samstag, 30. Juli 2011
Die Lust am Bösen
Eugen Sorgs Buch: "Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist" zieht derzeit Kreise in Buchbesprechungen. Der Autor – selbst Psychotherapeut und früher für das Rote Kreuz in diversen Krisen- und Kriegsgebieten im Einsatz - meint, dass gängige Analyse- und Erklärungsmodelle für Gewalt offensichtlich an der Realität scheitern. Was er entdeckt, sind emotionale Hochgefühle der Täter und Täterinnen, eben die „Lust am Bösen“. Das drum herum, Ideologie und alles andere wird zur Nebensache erklärt. Eugen Sorg schrieb kürzlich für derstandard.at über „die Lust am Bösen“: „Die meisten Menschen berauschen sich nicht an Ideen, sondern sie benutzen Ideen, um ihren Rausch zu legitimieren.“ Ein Satz, den ich nur unterschreiben kann. Aber dann kommt der nächste Satz des Autors: „Wir tragen in uns ein mächtiges Reservoir an aggressiven Impulsen, ein evolutionsgeschichtliches Erbe animalischer Reflexe.“ und am Ende des Textes „Das Böse begleitet die Humangeschichte. Es ist nicht heilbar, nicht umerziehbar, nicht wegfinanzierbar. Es ist die tragische Bedingung der menschlichen Freiheit, man kann es nur abschaffen, wenn man den Menschen abschafft.“ Und das sehe ich nun wieder ganz anders.
Im aktuellen Amnesty Journal 08/09 2011 wird sein Buch kurz besprochen. Der Kritiker beginnt seine Besprechung so: „Was wär, wenn alle Erklärungen, nach denen wir suchen, wenn wir über individuelle und kollektive Gewalt sprechen, die Menschen Menschen antun, gar keine Erklärungen wären? Wenn also Armut, Verzweiflung, Fanatismus, traditionelle Rollenbilder, politische und religiöse Verblendung usw. nur „äußere Umstände“ wären, die zwar einen Rahmen bilden, „der dem Einzelnen den Reaktionsspielraum offen lässt“, aber eben nicht die Ursache der gewaltsamen Handlungen?“
Ein Satz, den ich auch so oder so ähnlich hätte schreiben können. Welche Antworten Eugen Sorgs allerdings darauf hat, wurde oben kurz beschrieben. Er scheint sich dabei nicht die Frage zu stellen, WARUM Menschen diesen Rausch, dieses Hochgefühl durch das Quälen und Töten anderer Menschen suchen, ja geradezu brauchen. Ich teile seine Beobachtungen und finde sie sehr interessant bzw. mich bestätigend. TäterInnen empfinden oftmals Freude und Lust an ihren Taten. Dies lässt allerdings nicht auf eine „menschliche Natur zum Bösen“ schließen, sondern darauf, dass emotional eine Menge schief gelaufen sein muss bei diesen Leuten. Eigentlich sollte gerade ein Psychotherapeut darum wissen. Mich erinnert diese Sichtweise an Goldhagens Analyse "Schlimmer als Krieg", die ich hier kommentiert habe. Auch er stellte eine Leidenschaft und Freude bei den TäterInnen fest, zog aber – meiner Meinung nach – falsche Rückschlüsse.
Menschen holen das Opfer in sich hervor, wenn sie zu TäterInnen werden. Sie opfern andere Menschen und fühlen sich dadurch innerlich „befreit“, „geläutert“, „entgiftet“, „gereinigt“, „glücklich“, „mächtig“. Sie verschaffen sich Erleichterung von dem unerträglichen Druck, Schmerz und dem unsäglichen Rachebedürfnis, den das Opfer, das sie einst als Kind waren, in ihnen erzeugt. Wer Kinder schützt, wer Kindern hilft, wer Kindern psychosoziale Betreuung und jegliche Hilfe zukommen lässt, die sie brauchen, der kann etwas gegen „das Böse“ tun. „Das Böse“ wird die Humangeschichte nicht weiter begleiten, wenn Kinder Liebe und Geborgenheit, statt Schläge, Missbrauch und Demütigungen erfahren.
Im aktuellen Amnesty Journal 08/09 2011 wird sein Buch kurz besprochen. Der Kritiker beginnt seine Besprechung so: „Was wär, wenn alle Erklärungen, nach denen wir suchen, wenn wir über individuelle und kollektive Gewalt sprechen, die Menschen Menschen antun, gar keine Erklärungen wären? Wenn also Armut, Verzweiflung, Fanatismus, traditionelle Rollenbilder, politische und religiöse Verblendung usw. nur „äußere Umstände“ wären, die zwar einen Rahmen bilden, „der dem Einzelnen den Reaktionsspielraum offen lässt“, aber eben nicht die Ursache der gewaltsamen Handlungen?“
Ein Satz, den ich auch so oder so ähnlich hätte schreiben können. Welche Antworten Eugen Sorgs allerdings darauf hat, wurde oben kurz beschrieben. Er scheint sich dabei nicht die Frage zu stellen, WARUM Menschen diesen Rausch, dieses Hochgefühl durch das Quälen und Töten anderer Menschen suchen, ja geradezu brauchen. Ich teile seine Beobachtungen und finde sie sehr interessant bzw. mich bestätigend. TäterInnen empfinden oftmals Freude und Lust an ihren Taten. Dies lässt allerdings nicht auf eine „menschliche Natur zum Bösen“ schließen, sondern darauf, dass emotional eine Menge schief gelaufen sein muss bei diesen Leuten. Eigentlich sollte gerade ein Psychotherapeut darum wissen. Mich erinnert diese Sichtweise an Goldhagens Analyse "Schlimmer als Krieg", die ich hier kommentiert habe. Auch er stellte eine Leidenschaft und Freude bei den TäterInnen fest, zog aber – meiner Meinung nach – falsche Rückschlüsse.
Menschen holen das Opfer in sich hervor, wenn sie zu TäterInnen werden. Sie opfern andere Menschen und fühlen sich dadurch innerlich „befreit“, „geläutert“, „entgiftet“, „gereinigt“, „glücklich“, „mächtig“. Sie verschaffen sich Erleichterung von dem unerträglichen Druck, Schmerz und dem unsäglichen Rachebedürfnis, den das Opfer, das sie einst als Kind waren, in ihnen erzeugt. Wer Kinder schützt, wer Kindern hilft, wer Kindern psychosoziale Betreuung und jegliche Hilfe zukommen lässt, die sie brauchen, der kann etwas gegen „das Böse“ tun. „Das Böse“ wird die Humangeschichte nicht weiter begleiten, wenn Kinder Liebe und Geborgenheit, statt Schläge, Missbrauch und Demütigungen erfahren.
Ergänzung: Kindheit von Ludwig XIII.
Das aktuelle Massaker in Norwegen (siehe vorherigen Beitrag) hat mich noch einmal dazu bewegt, die Kindheit von Ludwig XIII. um einen ausführlicheren Bericht über die von ihm erlittenen sexuellen Übergriffe zu ergänzen (was ich schon länger vorhatte).
König Ludwig war eindeutig ein Massenmörder. Ich finde es besonders wichtig, ausführlich auf Gewalterfahrungen von solchen Menschen einzugehen. Denn Gewalt erleben viele Menschen, aber nicht alle werden zu Massenmördern. Ich möchte deutlich machen, dass es einen Unterschied macht, ob jemand manchmal von seinen Eltern geschlagen wurde oder ob jemand tagtäglich misshandelt und missbraucht wird. Letzteres trifft auf Ludwig zu.
Mein ergänzter Text unter "3.1. Ein kurzer Abriss über Diktatoren und destruktive Politiker":
----------------------------------------------
Die ersten Lebensjahre von Ludwig XIII. waren zusätzlich von einer Fülle sexueller Übergriffe und Grenzüberschreitungen begleitet. Er ist noch kein Jahr alt, dokumentiert Philippe Aries, als seine Kinderfrau ihn masturbiert. (vgl. Aries, 1975, S.175) Als er ein Jahr alt ist, wird sein Penis von allen möglichen Leuten „geküsst“. „Während der ersten drei Jahre seine Lebens findet niemand etwas dabei, zum Scherz das Geschlechtsteil dieses Kindes zu berühren.“ (ebd., S. 176) Seine Amme fasst ihn – so Aries - ebenso an, wie die Dienerschaft, „einfältige Jugendliche“, „leichtlebige Frauen“, die eigene Mutter und auch der Vater. Dazu kommen perverse Drohungen (zum „Scherz“). „Seine Amme hatte ihm eingeschärft: Monsieur, lassen Sie nur niemanden Ihre Hoden anrühren, auch ihren Piephahn nicht, sonst wird er Ihnen abgeschnitten.“ (ebd.) Der kleine Ludwig wurde auch zusammen mit seiner Schwester nackt zum König – seinem Vater – ins Bett gelegt, „wo sie sich küssen, miteinander flüstern und dem König großes Vergnügen bereiten.“ Als er vier Jahre alt ist, ist – in Worten von Aries - „seine sexuelle Aufklärung so gut wie abgeschlossen.“ Ab dem Alter von fünf oder sechs Jahren nahmen diese Übergriffe dann ab. Seine eigentliche Erziehung begann kaum vor dem siebten Lebensjahr. Davor – so scheint es – war er freigegeben für alle erdenklichen „sexuellen Scherze“ und Übergriffe, jeder konnte mit ihm tun, was er oder sie wollte. Ab dem Alter von sieben Jahren galt er als kleiner Mann und man ließ von ihm ab. Ludwig selbst entwickelte in dieser Zeit bereits sadistische Züge. So z.B. bzgl. dem Umgang mit seiner Amme. „Er treibt seine Späße mit ihr, lässt sie die Zehen bewegen, die Beine hochheben, sagt seiner Amme, sie solle Ruten holen, um sie durchzuhauen, lässt diesen Auftrag ausführen (…)“ (ebd., S. 177) Ludwig ist etwas über vierzehn Jahre alt, da drängte man ihn nahezu gewaltsam ins Bett seiner ihm versprochenen Frau. Nach der Trauungzeremonie musste er in Gegenwart der eigenen Mutter mit seiner Frau schlafen. Ludwig XIII. wurde als Kind ganz eindeutig schwer sexuell missbraucht und traumatisiert.
König Ludwig war eindeutig ein Massenmörder. Ich finde es besonders wichtig, ausführlich auf Gewalterfahrungen von solchen Menschen einzugehen. Denn Gewalt erleben viele Menschen, aber nicht alle werden zu Massenmördern. Ich möchte deutlich machen, dass es einen Unterschied macht, ob jemand manchmal von seinen Eltern geschlagen wurde oder ob jemand tagtäglich misshandelt und missbraucht wird. Letzteres trifft auf Ludwig zu.
Mein ergänzter Text unter "3.1. Ein kurzer Abriss über Diktatoren und destruktive Politiker":
----------------------------------------------
Die ersten Lebensjahre von Ludwig XIII. waren zusätzlich von einer Fülle sexueller Übergriffe und Grenzüberschreitungen begleitet. Er ist noch kein Jahr alt, dokumentiert Philippe Aries, als seine Kinderfrau ihn masturbiert. (vgl. Aries, 1975, S.175) Als er ein Jahr alt ist, wird sein Penis von allen möglichen Leuten „geküsst“. „Während der ersten drei Jahre seine Lebens findet niemand etwas dabei, zum Scherz das Geschlechtsteil dieses Kindes zu berühren.“ (ebd., S. 176) Seine Amme fasst ihn – so Aries - ebenso an, wie die Dienerschaft, „einfältige Jugendliche“, „leichtlebige Frauen“, die eigene Mutter und auch der Vater. Dazu kommen perverse Drohungen (zum „Scherz“). „Seine Amme hatte ihm eingeschärft: Monsieur, lassen Sie nur niemanden Ihre Hoden anrühren, auch ihren Piephahn nicht, sonst wird er Ihnen abgeschnitten.“ (ebd.) Der kleine Ludwig wurde auch zusammen mit seiner Schwester nackt zum König – seinem Vater – ins Bett gelegt, „wo sie sich küssen, miteinander flüstern und dem König großes Vergnügen bereiten.“ Als er vier Jahre alt ist, ist – in Worten von Aries - „seine sexuelle Aufklärung so gut wie abgeschlossen.“ Ab dem Alter von fünf oder sechs Jahren nahmen diese Übergriffe dann ab. Seine eigentliche Erziehung begann kaum vor dem siebten Lebensjahr. Davor – so scheint es – war er freigegeben für alle erdenklichen „sexuellen Scherze“ und Übergriffe, jeder konnte mit ihm tun, was er oder sie wollte. Ab dem Alter von sieben Jahren galt er als kleiner Mann und man ließ von ihm ab. Ludwig selbst entwickelte in dieser Zeit bereits sadistische Züge. So z.B. bzgl. dem Umgang mit seiner Amme. „Er treibt seine Späße mit ihr, lässt sie die Zehen bewegen, die Beine hochheben, sagt seiner Amme, sie solle Ruten holen, um sie durchzuhauen, lässt diesen Auftrag ausführen (…)“ (ebd., S. 177) Ludwig ist etwas über vierzehn Jahre alt, da drängte man ihn nahezu gewaltsam ins Bett seiner ihm versprochenen Frau. Nach der Trauungzeremonie musste er in Gegenwart der eigenen Mutter mit seiner Frau schlafen. Ludwig XIII. wurde als Kind ganz eindeutig schwer sexuell missbraucht und traumatisiert.
Donnerstag, 28. Juli 2011
Attentäter Breivik: Natural born Killer?
“I haven´t really had any negative experiences in my childhood in any way.”, schrieb der norwegische Attentäter Anders in einem mit sich selbst geführten Interview (innerhalb seines kranken „Manifestes“ auf Seite ca. 1387, dass ich glücklicherweise dank Suchfunktion nur sehr kurz lesen musste… ) im vollen Bewusstsein dessen, dass diese Zeilen nach seiner Tat gelesen würden, um nach den Ursachen zu suchen. (Nachtrag vom 20.04.2012: Und er blieb auch später diesem Satz treu. Bei einer Befragung durch die Staatsanwältin sagte er wörtlich: "Ich hatte eine gute Kindheit. Sie ist nicht der Grund dafür, dass ich ein militanter Nationalist bin."; vgl. SPIEGEL-Online, 17.04.2012)
Kann das stimmen? Kann ein Mensch, der zu solch brutalem, kaltblütigem Massenmord und Terror fähig ist, „keine negativen Erfahrungen“ in seiner Kindheit bzw. demnach also positive, liebevolle Erfahrungen gemacht haben? Dann wäre der Massenmörder Anders Behring Breivik sozusagen ein „natural born Killer“, einer, der „einfach so“ zum Killer wurde, quasi biologisch determiniert wohl auf Grund eines angeborenen kranken Geistes, dem später womöglich die falschen Bücher in die Hände fielen...
Wichtiger Nachtrag/Hinweis: An dieser Stelle sei auf meinen späteren Beitrag Aage Borchgrevink: "A Norwegian Tragedy". Ein Lehrstück über die tieferen Ursachen von Terror. verwiesen, in dem viele Details von Breiviks traumatischer Kindheit ausgeführt sind. Ich lasse diesen älteren Beitrag hier trotzdem bestehen, weil er meine gedankliche Entwicklung in diesem Fall deutlich macht!
Der Psychologe Christian Lüdke sagte in einem aktuellen Interview mit WELT-Online zu diesem Terrorakt u.a.:
„Die Ursachen gehen oft weit bis in die die frühe Jugend und Kindheit zurück“ um dann mit einem Komma anzuhängen „,etwa die Unfähigkeit, mit Enttäuschungen umzugehen.“ Mit einem solchen Nebensatz nimmt der Psychologe gleich wieder die Luft raus. Kein Wort von möglichem elterlichen Terror, Missbrauch, Demütigungen und Gewalt. Breivik lernte also womöglich als Kind nicht, mit Enttäuschungen umzugehen. Und das macht einen Menschen dann zum potentiellen Killer? Ich habe schon so oft Interviews von Psychologen zu Amokläufern und Kriegsverbrechern gelesen. Wenn überhaupt Andeutungen bzgl. der Kindheit auftauchen, dann bleibt es bei diesen leichten Andeutungen oder es folgen Ablenkungen, die das ganze wieder in eine ganz andere Richtung drehen, wie oben aufgeführt. Dabei sagt Lüdke auch: „Der Attentäter muss voller Wut und Hass sein.“ Wo aber kommt dieser abgrundtiefe Hass her? Keine Antwort vom Psychologen.
Ein anderer Psychologe wird von SPIEGEL-Online zitiert. Das ganze sei „ein biologisches Programm“, Experten nennen es kalte Aggression. "Der Täter befindet sich in einem Jagdmodus", erklärt Psychologe und Forscher Jens Hoffmann. „Er handelt kalkulierend und planend, die Emotionen sind komplett ausgeschaltet." Prinzipiell sei dieser Jagdmodus in jedem Menschen biologisch verankert, erklärt der Psychologe. „Einst benötigten ihn die Menschen für die Jagd nach Fleisch. Breivik aktivierte ihn, um Menschen zu jagen.“, schreibt SPIEGEL-Online. Auch hier wird wieder das Bild vom „Natural born Killer“ aufgemacht.
Der Gerichtspsychiater Reinhard Haller geht in seinem Interview erst gar nicht auf Ursachen ein, sondern beschreibt rein die gestörte Persönlichkeit.
Auf WELT-Online schreibt der Autor Henryk M. Broder: „Wer Lebensmittel im Supermarkt klaut, der hat Hunger, wer nachts Autos abfackelt, der hat was gegen Reiche, wer ein Kind missbraucht, der hatte selbst eine schwere Kindheit. Was aber hat einer, der als Polizist verkleidet Kinder und Jugendliche wie herumfliegende Tonscheiben abknallt? Wie wäre es damit: Spaß am Töten?“ Warum wird auch hier nicht ein Schritt zurückgedacht, wo doch das Thema Kindheit schon im Raum war?
(Nachtrag 23.08.11) „Wie ist es möglich, so ganz ohne Mitleid zu sein?“, fragt sich für Die Presse.com Thomas Kramar, um am Schluss zu schreiben: "Dass Grausamkeit nicht, wie noch vor 20Jahren viele glaubten – allen voran die Psychologin Alice Miller („Im Anfang war Erziehung“) –, nur eine (durch Erziehung und Kultur) erworbene Eigenschaft ist, darauf können sich heute die meisten einigen. Auf viel mehr nicht. Die Psychologie steht, so scheint es, weiterhin hilflos vor dem grausamen Bruder."
Nun, die Beispiele ließen sich sicher noch fortführen. Ich finde es immer wieder erstaunlich, warum sich die Gesellschaft so sehr davor sträubt, einfachste psychische Wahrheiten direkt auszusprechen und zu akzeptieren.
Ein oder zwei Tage vor dem Attentat in Norwegen fügte ich meiner Blogleiste folgendes Zitat von Prof. Dr. med. Peter Riedesser (der verstorbene ehemalige Inhaber des Lehrstuhls für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und Direktor der Klinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) hinzu:
Die Biographie von Selbstmordattentätern "(...) muss geprägt sein von hohem destruktivem Potential, sonst wäre eine so rücksichtslose, zielgerichtete mörderische Planung nicht möglich. Wer eine wirklich gute Kindheit hatte, ist immun gegen die Verführung zum ideologisch motivierten Selbstmordattentat."
Das ist die simple Wahrheit. Wer eine wirklich gute Kindheit hatte, ist zu solchen und ähnlichen Taten nicht in der Lage. UND: Es gehört ein „hohem destruktivem Potential“ vor allem innerhalb der frühen Erfahrungen dazu, damit ein Mensch zu solchen Taten fähig wird. Ich habe in diesem Blog etliche Diktatoren und ähnliche Personen bzgl. ihrer Kindheit analysiert. (siehe hier) Ich bin von Anfang an davon ausgegangen, dass ich Gewalterfahrungen finden würde. Was ich fand übertraf all meine Vorstellungen, es waren nicht nur einfach Gewalterfahrungen. Es waren häufige, manchmal tägliche Bedrohungen und Demütigungen, Hohn, Missbrauch, schwere Vernachlässigung, schwere Schläge, überall Ausgrenzung, sich schlagend, streitende Eltern, tote Geschwister usw. usf.
Man wird nicht zum Massenmörder, wenn man ein paar mal von seinen Eltern geschlagen wurde oder ein Trennungskind ist. Die Menschen, die zu Massenmördern wurden und werden, erlebten schweren Terror, Hass und die reine Hölle bereits in ihrer Kindheit. Diese Geschichte führen sie auf die eine oder andere Art wieder auf. Hass und Gewalt ist die einzige Sprache, die sie von Geburt an lernten.
Diktatoren wurden aber auch über Jahre und Jahrzehnte analysiert und von Biografen skizziert. Entsprechend ließen sich hier einige nützliche Infoformationen finden. Bzgl. Anders Behring Breivik wird das schon schwieriger.
Seine Eltern trennten sich in England als er 1 Jahr alt war, schrieb er in sein "Manifest". Seine Mutter zog darauf mit ihren Kindern zurück nach Norwegen und leierte sich bald mit einem neuen Mann, einem Major in der norwegischen Armee. Anders beschreibt diesen Mann – seinen Stiefvater - als „primitives sexuelles Biest“, der viel Zeit „mit Prostituierten in Thailand“ verbracht hätte. Sein Stiefvater hätte mehr als 500 Sexualpartnerinnen gehabt, seine Mutter wusste darum und litt darunter, so Breivik. Sie fing sich dadurch auch eine folgenreiche Geschlechtskrankheit ein, aus der eine fatale Gehirnentzündung wurde, die den Verstand der Mutter auf das Niveau „einer Zehnjährigen“ reduzierte. („Auch eine seiner Halbschwestern habe sich mit einer solchen Krankheit angesteckt“, schreibt Caroline Fetscher, die für den Tagesspiegel das „Manifest“ durchgearbeitet hat. )
Zu seinem biologischen Vater hielt er losen Kontakt mit ca. einmal jährlichen Besuchen, so weit ich es verstanden habe. Ab seinem 15. Lebensjahr hätte er den Vater dann nicht mehr gesprochen und getroffen.
(Nachtrag:) Die Welt berichtet über die wohl bedeutsamsten Details aus Breiviks Kindheit:
„Als Anders Behring Breivik vier Jahre alt ist, soll die Mutter die Kinderschutzbehörde um Entlastung gebeten haben, und ein Psychologe wurde benannt, um den Bedarf zu beurteilen. Aber Entlastung war dem Psychologen zufolge nicht genug. Er beurteilte die Situation als so ernst, dass er empfahl, den Jungen unverzüglich und dauerhaft in ein Kinderheim zu bringen. Der Psychologe war der Auffassung, dass die Mutter ein gefühlsmäßig instabiles Verhältnis zum Sohn hatte. Er fürchtete, dass das Kind psychischen Schaden nehmen könnte. Der Junge kam nicht ins Kinderheim. Aber der Vierjährige wohnte eine Zeit lang bei einer Pflegefamilie. Auch die Pflegeeltern sollen besorgte Meldungen abgegeben haben.“
Ich denke, dass hier der Schlüssel liegt. Leider sind bisher keine konkreteren Details bzgl. der Mutter-Sohn-Beziehung öffentlich geworden, was sich zukünftig vielleicht noch ändert. Ein abwesender, desinteressierter Vater, ein destruktiver Stiefvater und ein derart destruktive Mutter, dass ursprünglich sogleich eine Heimunterbringung im Raum stand. Bis heute (Stand 20.04.2012) ist vor allem letzteres Detail von den deutschen Medien – außer von der „Welt“ – ignoriert worden. Breivik titelte in seinem Manifest zu Beginn des Abschnittes „Planning the operation" - in dem er ausführte, wie einzelne Menschen Attentate vorbereiten sollen - mit den Worten „Violence is the mother of change“. Ein Satz, der in die Tiefe blicken lässt. (Nachtrag Ende 2012): Mittlerweile gibt es wieder neue Details. Belegt ist, dass Breivik als Kleinkind von seiner Mutter geschlagen wurde und sie vielfach ihm gegenüber geäußert hat, dass sie seinen Tod wünsche. Siehe mehr dazu hier.
Aufschlussreich fand ich auch folgenden Satz von ihm: „The Illusion about love in a relationship between a man and a woman is the sum of irrational feelings based on desire.“ Für Breivik gibt es keine Liebe, Mann und Frau kommen einzig dazu zusammen, Kinder zu bekommen, schreibt er an anderer Stelle. Diese Passagen erzählen uns etwas über die Atmosphäre in der Familie. Für Liebe war hier wohl kein Platz.
Sehr wichtig finde ich weitere Informationen, die Caroline Fetscher im Tagesspiegel (siehe Link oben) herausgearbeitet hat: Breivik gibt an, noch nie eine feste Beziehung zu einem weiblichen Wesen gehabt zu haben(, was psychologisch aufschlussreich ist und auf eine tiefe Bindungsstörung hinweist). Am wichtigsten finde ich allerdings die Info, dass der Attentäter schreibt, die körperliche Züchtigung von Kindern – in allen skandinavischen Ländern gesetzlich verboten – müsse wieder rechtens werden, damit die „traditionelle Familie“ sich neu etabliert. Hier findet sich DIE Andeutung dafür, dass er selbst körperliche Gewalt erlebt hat. Ein nicht geschlagenes Kind kommt später nicht auf Idee zu sagen: "Mir und anderen Kindern fehlten Schläge." Nur einst geschlagene Kinder idealisieren später die schwarze Pädagogik. Fetscher schreibt: „Von Adornos analytischen Studien zur autoritären Persönlichkeit, deren Erträge sich inzwischen im „Erziehungskartell“ ausgebreitet hätten, fühlt sich Behring Breivik merklich narzisstisch gekränkt, angegriffen, beleidigt und bedroht. Auf „servile“, beflissene Weise würden wegen solcher Thesen „Sensibilisierungstraining“ und „Sprachcodes“ in der Erziehung verwendet, die auf „Massenpsychologie“ basieren. Kinder würden daher nicht mehr „gemäß ihrer Geschlechterrollen und biologischen Unterschiede“ erzogen. Ja, ganz Europa sei auf dem Weg der „Feminisierung“.“
Kinder, vor allem Jungen, müssen wieder härter in der Erziehung angepackt werden, könnte man hier auch zusammenfassen. Diese Sicht auf Erziehung verrät viel über das, was Breivik wohl selbst als Kind erlebt haben dürfte. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, dass der 32jährige immer noch bei seiner Mutter lebte und seinen Stiefvater, nachdem er ihn als "sexuelles Biest" bezeichnet und ihm Vorwürfe gemacht hat, gleichzeitig einen "guten, liebenswerten Menschen" nennt. Wenn Anders Breivik von beiden Gewalt auf die ein oder andere Art erfuhr, was ich für sehr sehr wahrscheinlich halte, dann hat er seinen Schmerz und seinen Hass ihnen gegenüber oder kurz gesagt das Opfer in sich abgespalten.
Wenn die Gesellschaft wirklich wissen wollte, was in der Familie des Attentäters alles vor sich ging, könnte sie es erfahren. Dafür müsste die Gesellschaft aber auch hinsehen wollen, sie müsste die richtigen Fragen stellen und umfassende Nachforschungen betreiben. Die obigen zitierten Medienberichte zeigen leider, dass dieses Hinsehen nicht immer gewollt ist.
Allerdings spricht bereits die grauenvolle, kaltblütige Tat als solche eine deutliche Sprache. Hervorheben möchte ich dabei, dass Breivik die eigentlichen erklärten politischen Feinde und Symbole „nur“ mit einer anonymen Bombe treffen wollte, während er den Kindern und Jugendlichen Auge in Auge gegenüber stand, während er sie tötete. Mehr noch, der Attentäter hatte sich als Polizist verkleidet und nach Augenzeugenaussagen Hilfe und Schutz angeboten, um die zu ihm kommenden jungen Menschen dann zu erschießen. Ein Polizist, der Freund und Helfer in Uniform, jemand, dem man sonst vertraut, er ist der Mörder. Ähnlich erleben es schwer misshandelte und missbrauchte Kinder. Ihre Eltern stehen für und sprechen von Liebe und Schutz, dann schlagen sie zu, missbrauchen, demütigen, im Namen der Liebe. Breivik hat seinem Manifest übrigens einige Fotos von sich angehängt. Mal sich mit Waffe, mal er in Uniform usw. Das letzte Bild zeigt ihn, wohl eine seiner Schwestern und seine Mutter in trauter Dreisamkeit. Für mich ist das sehr symbolisch, dass er ein Familienfoto an letzte Stelle stellt und dadurch besonders hervorhebt.
Mir fiel nach dieser Tat der Film „Natural born Killers“ von Oliver Stone ein, den ich als Jugendlicher einmal gesehen habe. Ich fand den Film damals ziemlich irritierend, schwer auszuhalten und merkwürdig. Ein junges Paar entdeckt den Spaß am Töten und zieht mordend – und von den Medien teils gefeiert - durch die USA. In Zwischenszenen, Flashbacks und Zeitsprüngen tauchen Erinnerungsblitze an die Kindheit der Akteure auf. Mallory wurde häufig von ihrem Vater sexuell missbraucht, ihre Mutter unternahm nichts dagegen. Gemeinsam mit ihrem Freund Mickey tötete sie ihre Eltern. Im Rausch erschießt Mickey in einer Wüste einen Indianer und erinnert sich dann an Misshandlungen durch seine Eltern und den Selbstmord seines Vaters. Der Film bekam damals viel Kritik. Dabei hatte er eine deutliche Message. Beide Massenmörder waren keine „Natural born Killers“, nicht von Natur aus böse. Der Titel legte dies nahe, im Film erfuhr man allerdings die wirklichen, tieferen Hintergründe. Die lustvollen Mörder wurden einst dazu geformt, durch Gewalt, Missbrauch und Terror in ihrer Kindheit. Der Film und sein Titel zeigten der Gesellschaft, was die tieferen Ursachen der Gewalt sind. Auch damals wurde das nicht richtig verstanden.
Eine interessante Studie, zitiert am 23.07.11 vom Tagesspiegel möchte hier noch erwähnen: „In einer Studie des Bundeskriminalamts und der Universität Duisburg/Essen – „Die Sicht der Anderen“ – wurden 24 Rechtsextremisten, neun Linksextremisten und sechs Islamisten, alle mit Gewalterfahrungen, eingehend befragt. Ihnen allen war gemeinsam, dass die Wurzel ihres Hasses in der Kindheit und der gestörten Beziehung zu den Eltern liegt. Gewalt gehörte schon früh zum Alltag. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass es bei den meisten Befragten Zufall war, welcher Ideologie sie sich anschlossen. Es hing davon ab, welche extremistische Gruppe ein soziales Kontaktangebot schuf.“
Das ist genau das, was ich schon oft geschrieben habe, Zufälle, äußere Rahmenbedingungen und Möglichkeiten entscheiden über die Farbe der Gewalt, die Ursachen liegen immer in der Kindheit.
Kann das stimmen? Kann ein Mensch, der zu solch brutalem, kaltblütigem Massenmord und Terror fähig ist, „keine negativen Erfahrungen“ in seiner Kindheit bzw. demnach also positive, liebevolle Erfahrungen gemacht haben? Dann wäre der Massenmörder Anders Behring Breivik sozusagen ein „natural born Killer“, einer, der „einfach so“ zum Killer wurde, quasi biologisch determiniert wohl auf Grund eines angeborenen kranken Geistes, dem später womöglich die falschen Bücher in die Hände fielen...
Wichtiger Nachtrag/Hinweis: An dieser Stelle sei auf meinen späteren Beitrag Aage Borchgrevink: "A Norwegian Tragedy". Ein Lehrstück über die tieferen Ursachen von Terror. verwiesen, in dem viele Details von Breiviks traumatischer Kindheit ausgeführt sind. Ich lasse diesen älteren Beitrag hier trotzdem bestehen, weil er meine gedankliche Entwicklung in diesem Fall deutlich macht!
Der Psychologe Christian Lüdke sagte in einem aktuellen Interview mit WELT-Online zu diesem Terrorakt u.a.:
„Die Ursachen gehen oft weit bis in die die frühe Jugend und Kindheit zurück“ um dann mit einem Komma anzuhängen „,etwa die Unfähigkeit, mit Enttäuschungen umzugehen.“ Mit einem solchen Nebensatz nimmt der Psychologe gleich wieder die Luft raus. Kein Wort von möglichem elterlichen Terror, Missbrauch, Demütigungen und Gewalt. Breivik lernte also womöglich als Kind nicht, mit Enttäuschungen umzugehen. Und das macht einen Menschen dann zum potentiellen Killer? Ich habe schon so oft Interviews von Psychologen zu Amokläufern und Kriegsverbrechern gelesen. Wenn überhaupt Andeutungen bzgl. der Kindheit auftauchen, dann bleibt es bei diesen leichten Andeutungen oder es folgen Ablenkungen, die das ganze wieder in eine ganz andere Richtung drehen, wie oben aufgeführt. Dabei sagt Lüdke auch: „Der Attentäter muss voller Wut und Hass sein.“ Wo aber kommt dieser abgrundtiefe Hass her? Keine Antwort vom Psychologen.
Ein anderer Psychologe wird von SPIEGEL-Online zitiert. Das ganze sei „ein biologisches Programm“, Experten nennen es kalte Aggression. "Der Täter befindet sich in einem Jagdmodus", erklärt Psychologe und Forscher Jens Hoffmann. „Er handelt kalkulierend und planend, die Emotionen sind komplett ausgeschaltet." Prinzipiell sei dieser Jagdmodus in jedem Menschen biologisch verankert, erklärt der Psychologe. „Einst benötigten ihn die Menschen für die Jagd nach Fleisch. Breivik aktivierte ihn, um Menschen zu jagen.“, schreibt SPIEGEL-Online. Auch hier wird wieder das Bild vom „Natural born Killer“ aufgemacht.
Der Gerichtspsychiater Reinhard Haller geht in seinem Interview erst gar nicht auf Ursachen ein, sondern beschreibt rein die gestörte Persönlichkeit.
Auf WELT-Online schreibt der Autor Henryk M. Broder: „Wer Lebensmittel im Supermarkt klaut, der hat Hunger, wer nachts Autos abfackelt, der hat was gegen Reiche, wer ein Kind missbraucht, der hatte selbst eine schwere Kindheit. Was aber hat einer, der als Polizist verkleidet Kinder und Jugendliche wie herumfliegende Tonscheiben abknallt? Wie wäre es damit: Spaß am Töten?“ Warum wird auch hier nicht ein Schritt zurückgedacht, wo doch das Thema Kindheit schon im Raum war?
(Nachtrag 23.08.11) „Wie ist es möglich, so ganz ohne Mitleid zu sein?“, fragt sich für Die Presse.com Thomas Kramar, um am Schluss zu schreiben: "Dass Grausamkeit nicht, wie noch vor 20Jahren viele glaubten – allen voran die Psychologin Alice Miller („Im Anfang war Erziehung“) –, nur eine (durch Erziehung und Kultur) erworbene Eigenschaft ist, darauf können sich heute die meisten einigen. Auf viel mehr nicht. Die Psychologie steht, so scheint es, weiterhin hilflos vor dem grausamen Bruder."
Nun, die Beispiele ließen sich sicher noch fortführen. Ich finde es immer wieder erstaunlich, warum sich die Gesellschaft so sehr davor sträubt, einfachste psychische Wahrheiten direkt auszusprechen und zu akzeptieren.
Ein oder zwei Tage vor dem Attentat in Norwegen fügte ich meiner Blogleiste folgendes Zitat von Prof. Dr. med. Peter Riedesser (der verstorbene ehemalige Inhaber des Lehrstuhls für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und Direktor der Klinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) hinzu:
Die Biographie von Selbstmordattentätern "(...) muss geprägt sein von hohem destruktivem Potential, sonst wäre eine so rücksichtslose, zielgerichtete mörderische Planung nicht möglich. Wer eine wirklich gute Kindheit hatte, ist immun gegen die Verführung zum ideologisch motivierten Selbstmordattentat."
Das ist die simple Wahrheit. Wer eine wirklich gute Kindheit hatte, ist zu solchen und ähnlichen Taten nicht in der Lage. UND: Es gehört ein „hohem destruktivem Potential“ vor allem innerhalb der frühen Erfahrungen dazu, damit ein Mensch zu solchen Taten fähig wird. Ich habe in diesem Blog etliche Diktatoren und ähnliche Personen bzgl. ihrer Kindheit analysiert. (siehe hier) Ich bin von Anfang an davon ausgegangen, dass ich Gewalterfahrungen finden würde. Was ich fand übertraf all meine Vorstellungen, es waren nicht nur einfach Gewalterfahrungen. Es waren häufige, manchmal tägliche Bedrohungen und Demütigungen, Hohn, Missbrauch, schwere Vernachlässigung, schwere Schläge, überall Ausgrenzung, sich schlagend, streitende Eltern, tote Geschwister usw. usf.
Man wird nicht zum Massenmörder, wenn man ein paar mal von seinen Eltern geschlagen wurde oder ein Trennungskind ist. Die Menschen, die zu Massenmördern wurden und werden, erlebten schweren Terror, Hass und die reine Hölle bereits in ihrer Kindheit. Diese Geschichte führen sie auf die eine oder andere Art wieder auf. Hass und Gewalt ist die einzige Sprache, die sie von Geburt an lernten.
Diktatoren wurden aber auch über Jahre und Jahrzehnte analysiert und von Biografen skizziert. Entsprechend ließen sich hier einige nützliche Infoformationen finden. Bzgl. Anders Behring Breivik wird das schon schwieriger.
Seine Eltern trennten sich in England als er 1 Jahr alt war, schrieb er in sein "Manifest". Seine Mutter zog darauf mit ihren Kindern zurück nach Norwegen und leierte sich bald mit einem neuen Mann, einem Major in der norwegischen Armee. Anders beschreibt diesen Mann – seinen Stiefvater - als „primitives sexuelles Biest“, der viel Zeit „mit Prostituierten in Thailand“ verbracht hätte. Sein Stiefvater hätte mehr als 500 Sexualpartnerinnen gehabt, seine Mutter wusste darum und litt darunter, so Breivik. Sie fing sich dadurch auch eine folgenreiche Geschlechtskrankheit ein, aus der eine fatale Gehirnentzündung wurde, die den Verstand der Mutter auf das Niveau „einer Zehnjährigen“ reduzierte. („Auch eine seiner Halbschwestern habe sich mit einer solchen Krankheit angesteckt“, schreibt Caroline Fetscher, die für den Tagesspiegel das „Manifest“ durchgearbeitet hat. )
Zu seinem biologischen Vater hielt er losen Kontakt mit ca. einmal jährlichen Besuchen, so weit ich es verstanden habe. Ab seinem 15. Lebensjahr hätte er den Vater dann nicht mehr gesprochen und getroffen.
(Nachtrag:) Die Welt berichtet über die wohl bedeutsamsten Details aus Breiviks Kindheit:
„Als Anders Behring Breivik vier Jahre alt ist, soll die Mutter die Kinderschutzbehörde um Entlastung gebeten haben, und ein Psychologe wurde benannt, um den Bedarf zu beurteilen. Aber Entlastung war dem Psychologen zufolge nicht genug. Er beurteilte die Situation als so ernst, dass er empfahl, den Jungen unverzüglich und dauerhaft in ein Kinderheim zu bringen. Der Psychologe war der Auffassung, dass die Mutter ein gefühlsmäßig instabiles Verhältnis zum Sohn hatte. Er fürchtete, dass das Kind psychischen Schaden nehmen könnte. Der Junge kam nicht ins Kinderheim. Aber der Vierjährige wohnte eine Zeit lang bei einer Pflegefamilie. Auch die Pflegeeltern sollen besorgte Meldungen abgegeben haben.“
Ich denke, dass hier der Schlüssel liegt. Leider sind bisher keine konkreteren Details bzgl. der Mutter-Sohn-Beziehung öffentlich geworden, was sich zukünftig vielleicht noch ändert. Ein abwesender, desinteressierter Vater, ein destruktiver Stiefvater und ein derart destruktive Mutter, dass ursprünglich sogleich eine Heimunterbringung im Raum stand. Bis heute (Stand 20.04.2012) ist vor allem letzteres Detail von den deutschen Medien – außer von der „Welt“ – ignoriert worden. Breivik titelte in seinem Manifest zu Beginn des Abschnittes „Planning the operation" - in dem er ausführte, wie einzelne Menschen Attentate vorbereiten sollen - mit den Worten „Violence is the mother of change“. Ein Satz, der in die Tiefe blicken lässt. (Nachtrag Ende 2012): Mittlerweile gibt es wieder neue Details. Belegt ist, dass Breivik als Kleinkind von seiner Mutter geschlagen wurde und sie vielfach ihm gegenüber geäußert hat, dass sie seinen Tod wünsche. Siehe mehr dazu hier.
Aufschlussreich fand ich auch folgenden Satz von ihm: „The Illusion about love in a relationship between a man and a woman is the sum of irrational feelings based on desire.“ Für Breivik gibt es keine Liebe, Mann und Frau kommen einzig dazu zusammen, Kinder zu bekommen, schreibt er an anderer Stelle. Diese Passagen erzählen uns etwas über die Atmosphäre in der Familie. Für Liebe war hier wohl kein Platz.
Sehr wichtig finde ich weitere Informationen, die Caroline Fetscher im Tagesspiegel (siehe Link oben) herausgearbeitet hat: Breivik gibt an, noch nie eine feste Beziehung zu einem weiblichen Wesen gehabt zu haben(, was psychologisch aufschlussreich ist und auf eine tiefe Bindungsstörung hinweist). Am wichtigsten finde ich allerdings die Info, dass der Attentäter schreibt, die körperliche Züchtigung von Kindern – in allen skandinavischen Ländern gesetzlich verboten – müsse wieder rechtens werden, damit die „traditionelle Familie“ sich neu etabliert. Hier findet sich DIE Andeutung dafür, dass er selbst körperliche Gewalt erlebt hat. Ein nicht geschlagenes Kind kommt später nicht auf Idee zu sagen: "Mir und anderen Kindern fehlten Schläge." Nur einst geschlagene Kinder idealisieren später die schwarze Pädagogik. Fetscher schreibt: „Von Adornos analytischen Studien zur autoritären Persönlichkeit, deren Erträge sich inzwischen im „Erziehungskartell“ ausgebreitet hätten, fühlt sich Behring Breivik merklich narzisstisch gekränkt, angegriffen, beleidigt und bedroht. Auf „servile“, beflissene Weise würden wegen solcher Thesen „Sensibilisierungstraining“ und „Sprachcodes“ in der Erziehung verwendet, die auf „Massenpsychologie“ basieren. Kinder würden daher nicht mehr „gemäß ihrer Geschlechterrollen und biologischen Unterschiede“ erzogen. Ja, ganz Europa sei auf dem Weg der „Feminisierung“.“
Kinder, vor allem Jungen, müssen wieder härter in der Erziehung angepackt werden, könnte man hier auch zusammenfassen. Diese Sicht auf Erziehung verrät viel über das, was Breivik wohl selbst als Kind erlebt haben dürfte. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, dass der 32jährige immer noch bei seiner Mutter lebte und seinen Stiefvater, nachdem er ihn als "sexuelles Biest" bezeichnet und ihm Vorwürfe gemacht hat, gleichzeitig einen "guten, liebenswerten Menschen" nennt. Wenn Anders Breivik von beiden Gewalt auf die ein oder andere Art erfuhr, was ich für sehr sehr wahrscheinlich halte, dann hat er seinen Schmerz und seinen Hass ihnen gegenüber oder kurz gesagt das Opfer in sich abgespalten.
Wenn die Gesellschaft wirklich wissen wollte, was in der Familie des Attentäters alles vor sich ging, könnte sie es erfahren. Dafür müsste die Gesellschaft aber auch hinsehen wollen, sie müsste die richtigen Fragen stellen und umfassende Nachforschungen betreiben. Die obigen zitierten Medienberichte zeigen leider, dass dieses Hinsehen nicht immer gewollt ist.
Allerdings spricht bereits die grauenvolle, kaltblütige Tat als solche eine deutliche Sprache. Hervorheben möchte ich dabei, dass Breivik die eigentlichen erklärten politischen Feinde und Symbole „nur“ mit einer anonymen Bombe treffen wollte, während er den Kindern und Jugendlichen Auge in Auge gegenüber stand, während er sie tötete. Mehr noch, der Attentäter hatte sich als Polizist verkleidet und nach Augenzeugenaussagen Hilfe und Schutz angeboten, um die zu ihm kommenden jungen Menschen dann zu erschießen. Ein Polizist, der Freund und Helfer in Uniform, jemand, dem man sonst vertraut, er ist der Mörder. Ähnlich erleben es schwer misshandelte und missbrauchte Kinder. Ihre Eltern stehen für und sprechen von Liebe und Schutz, dann schlagen sie zu, missbrauchen, demütigen, im Namen der Liebe. Breivik hat seinem Manifest übrigens einige Fotos von sich angehängt. Mal sich mit Waffe, mal er in Uniform usw. Das letzte Bild zeigt ihn, wohl eine seiner Schwestern und seine Mutter in trauter Dreisamkeit. Für mich ist das sehr symbolisch, dass er ein Familienfoto an letzte Stelle stellt und dadurch besonders hervorhebt.
Mir fiel nach dieser Tat der Film „Natural born Killers“ von Oliver Stone ein, den ich als Jugendlicher einmal gesehen habe. Ich fand den Film damals ziemlich irritierend, schwer auszuhalten und merkwürdig. Ein junges Paar entdeckt den Spaß am Töten und zieht mordend – und von den Medien teils gefeiert - durch die USA. In Zwischenszenen, Flashbacks und Zeitsprüngen tauchen Erinnerungsblitze an die Kindheit der Akteure auf. Mallory wurde häufig von ihrem Vater sexuell missbraucht, ihre Mutter unternahm nichts dagegen. Gemeinsam mit ihrem Freund Mickey tötete sie ihre Eltern. Im Rausch erschießt Mickey in einer Wüste einen Indianer und erinnert sich dann an Misshandlungen durch seine Eltern und den Selbstmord seines Vaters. Der Film bekam damals viel Kritik. Dabei hatte er eine deutliche Message. Beide Massenmörder waren keine „Natural born Killers“, nicht von Natur aus böse. Der Titel legte dies nahe, im Film erfuhr man allerdings die wirklichen, tieferen Hintergründe. Die lustvollen Mörder wurden einst dazu geformt, durch Gewalt, Missbrauch und Terror in ihrer Kindheit. Der Film und sein Titel zeigten der Gesellschaft, was die tieferen Ursachen der Gewalt sind. Auch damals wurde das nicht richtig verstanden.
Eine interessante Studie, zitiert am 23.07.11 vom Tagesspiegel möchte hier noch erwähnen: „In einer Studie des Bundeskriminalamts und der Universität Duisburg/Essen – „Die Sicht der Anderen“ – wurden 24 Rechtsextremisten, neun Linksextremisten und sechs Islamisten, alle mit Gewalterfahrungen, eingehend befragt. Ihnen allen war gemeinsam, dass die Wurzel ihres Hasses in der Kindheit und der gestörten Beziehung zu den Eltern liegt. Gewalt gehörte schon früh zum Alltag. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass es bei den meisten Befragten Zufall war, welcher Ideologie sie sich anschlossen. Es hing davon ab, welche extremistische Gruppe ein soziales Kontaktangebot schuf.“
Das ist genau das, was ich schon oft geschrieben habe, Zufälle, äußere Rahmenbedingungen und Möglichkeiten entscheiden über die Farbe der Gewalt, die Ursachen liegen immer in der Kindheit.
Donnerstag, 14. Juli 2011
Zwischenmeldung: Die Angst vor "Vergiftung" kommt wieder zurück
Nach einer kurzen Angst und „Virus“-Pause (seit meinem Beitrag „Von EHEC zu Griechenland. Von Angstherd zu Angstherd„) mehren sich jetzt wieder die Ängste in den Medien. Stark emotionale Titel durchziehen aktuelle Berichte, Untergangsfantasien und Ängste vor Vergiftung drängen wieder nach oben.
Einige Beispiele:
Schuldenkrise: "Die Unsicherheit ist Gift"
(ZEIT-Online)
Schuldenkrisen in Europa und den USA: Die Welt geht unter - aber nur bei euch
(sueddeutsche-online)
Wie die Eurogruppe gegen den Pleitevirus kämpfen will
(sueddeutsche-online)
Italien wappnet sich gegen das Griechen-Virus
(SPIEGEL-Online)
Europa fürchtet sich vor dem griechischen Virus
(Welt-Online)
"Währungsabwertung ist ein süßes Gift"
(wiwo.de)
Einige Beispiele:
Schuldenkrise: "Die Unsicherheit ist Gift"
(ZEIT-Online)
Schuldenkrisen in Europa und den USA: Die Welt geht unter - aber nur bei euch
(sueddeutsche-online)
Wie die Eurogruppe gegen den Pleitevirus kämpfen will
(sueddeutsche-online)
Italien wappnet sich gegen das Griechen-Virus
(SPIEGEL-Online)
Europa fürchtet sich vor dem griechischen Virus
(Welt-Online)
"Währungsabwertung ist ein süßes Gift"
(wiwo.de)
Abonnieren
Posts (Atom)