Montag, 7. November 2011

RAF-Terror und Kindheit

Am 29.10.11 kam auf NDR Info der Beitrag „Zwischen "Wir hier" und "Ihr dort" - wie sahen sich die RAF-Aktivisten und Mitglieder der Revolutionären Zellen selbst? Studie des Instituts für Kulturanthropologie der Universität Göttingen“ Autor: Michael Kurth.

Inge Viett (ehemaliges RAF Mitglied) wurde in dem Beitrag aus ihrer Autobiographie „Nie war ich furchtloser“ wie folgt zitiert: „Nie in meinem Leben war ich sicherer und furchtloser als in dieser Zeit im Untergrund. Dem Ort, der ein neues anderes Sein außerhalb der hässlichen Welt gestattete. Nie war ich freier, nie war ich gebundener an meine eigene Verantwortung als in dem Zustand völliger Abnabelung von der staatlichen Autorität und von gesellschaftlichen Vorgabe. Kein Gesetz, keine äußere Gewalt bestimmte mehr mein Verhältnis zur Welt, zu meinen Mitmenschen, zum Leben, zum Tod.
So empfand sie die erste Zeit in der Gruppe. Im NDR Info Bericht wird nachfolgend über die Realität innerhalb der Gruppe berichtet. Dort herrschte massiver Gruppendruck, jede Kritik wurde als Verrat empfunden und sanktioniert, niemandem konnte man sich anvertrauen und starke Spannungen bauten sich immer mehr auf. Inge Viett wird dann erneut zitiert, wie sie sich an diesen Abschnitt in der RAF erinnert: „Es waren die miesesten und unfähigsten Jahre in meinem Guerilladasein. Zurückgefallen in totale Unfreiheit, Entscheidungslosigkeit, unwürdigen Anpassungsdrang, Will- und Orientierungslosigkeit, in Krankheit, Vereinsamung und Lebensunlust. Zurückgefallen in die Kindheit. Wie hatte das geschehen können?

Diese beiden Zitate bringen das gequälte Kind und die emotionalen Beweggründe der Terroristin zum Vorschein. Inge Viett spricht emotional sehr berührt und glücklich von „einem Zustand völliger Abnabelung von der staatlichen Autorität“ durch ihren Gang in den Untergrund. „Nie war ich furchtloser“ heißt auch ihre Autobiographie, was zeigt, wie wichtig ihr dieser Zustand, dieses Gefühl von Freiheit und Furchtlosigkeit war. Das Wort „Abnabelung“ macht überdeutlich die Verbindung zu ihrer Kindheit klar. Doch was sie später in der Gruppe fand, war erneut ein Zurückgefallensein in die Kindheit, in Abhängigkeit, Willenlosigkeit und Unterdrückung. Das, was sie nie wieder wollte, vor dem sie floh, es hatte sie wieder eingeholt.

Gewalttäter sprechen oftmals verdeckt über das, was ihnen als Kind angetan wurde. Man muss nur hinsehen, sich ihre Worte genau anschauen. Dann erfährt man, worum es eigentlich geht.

Ich ändere auch einfach mal einige Wörter in ihrem Zitat wie folgt: „Nie war ich freier, nie war ich gebundener an meine eigene Verantwortung als in dem Zustand völliger Abnabelung von der elterlichen und vormundschaftlichen Autorität und von erzieherischen Vorgaben. Kein Gesetz, keine familiäre Gewalt bestimmte mehr mein Verhältnis zur Welt.“

Wie ihre Kindheit aussah, beschreibt sie letztlich selbst: Totale Unfreiheit, Entscheidungslosigkeit, unwürdigen Anpassungsdrang, Will- und Orientierungslosigkeit, in Krankheit, Vereinsamung und Lebensunlust.

Über Inge Viett habe ich bisher nicht viel gelesen. Auf wikipedia erfährt man über ihre Kindheit, dass das Jugendamt ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen hatte und sie dann in einem Kinderheim, später in einer Pflegefamilie unterkam, aus der sie allerdings nach neun Jahren floh. Das sagt doch schon alles, oder?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Unglaublich, dass die Betroffenen das nicht selbst merken!

Aber es merkt ja auch fast keiner das überall Pentagramme sind! ;-)

Sven Fuchs hat gesagt…

Würden die Betroffenen merken, sprich fühlen und bewusst erinnern, was ihnen wiederfuhr, würden sie bewusst und fühlend die TäterInnen direkt oder in der Fantasie anklagen können, sie würden wohl keine Terroristen werden. Das ist der Punkt. Meist enden nur Menschen, die vor ihrer Kindheitsgeschichte fliehen, in totaler (Selbst)Zerstörung.