Donnerstag, 29. Dezember 2011

"Handbuch Kriegstheorien". Ein Kommentar

Ende 2011 erschien das wissenschaftliche Grundlagenbuch „Handbuch Kriegstheorien“ herausgegeben von Thomas Jäger und Rasmus Beckmann. „Dieses Handbuch bietet erstmals einen umfassenden und systematischen Zugang zu den Theorien des Krieges.“, heißt es u.a. in der Buchbeschreibung. Entsprechend werden im ersten Teil des Buches diverse Kriegstheorien vorgestellt. Im zweiten Teil erfährt man etwas über die „Klassiker der Kriegstheorien“ und im dritten Teil geht es um „Empirische Fallstudien zu Kriegstheorien“. (Das Inhaltsverzeichnis und Buchauszüge kann man bei googel books einsehen.)

Ich habe mir das Buch gleich gekauft, da es eine grundlegende Übersicht über die Forschungsbereiche und gängigen Denkansätze zum Thema Krieg bietet, was mir persönlich sehr hilfreich ist. Das vorweg als positive Kritik.

War ich nun erstaunt oder nicht, dass ich nicht einen einzigen Ansatz in dem Buch gefunden habe, der sich in dem Kontext von Krieg mit den Folgen von Kindesmisshandlung und – vernachlässigung bzw. mit psychohistorischen Thesen befasst? Ich war im Grunde nicht wirklich erstaunt oder vielleicht doch ein wenig. Denn ich hätte zumindest in den beiden kriegstheoretischen Texten „Psychologische Kriegstheorien: Psychoanalytische Konstruktionen zum Thema Krieg“ von Gerhard Vinnai und/oder in dem Text „Sozialpsychologie des Krieges: Der Krieg als Massenpsychose und die Rolle der militärisch-männlichen Kampfbereitschaft“ von Rolf Pohl und Marco Roock innerhalb der Texte ein oder zweit Absätze zu dem Thema erwartet. Aber Fehlanzeige, das Thema wird in diesem Grundlagenwerk komplett ausgeklammert.

Aber schauen wir uns die beiden o.g. Texte doch einmal genauer an. Glücklicherweise ist der gesamte Text von Gerhard Vinnai auch online zu lesen, was eine Besprechung noch mal erleichtert. Vinnai schreibt: „Die besondere kulturelle Bedeutung des Tötungstabus verweist auf die ungeheure Macht der Aggressivität, die es bannen soll und die im Krieg offen zum Ausdruck kommt.“ (S. 37) Danach geht er kurz auf Freud und den Aggressionstrieb ein, der sich im Krieg Bahn brechen würde. „Die Annahme einer allgemein vorhandenen aggressiven Triebausstattung, die sich im Krieg Geltung verschafft, hat einiges für sich.“, schreibt der Autor weiter, hängt aber noch an „Sie verführt aber leicht dazu, dass die vielfältigen Formen, die Aggressivität im Krieg annehmen kann, zu wenig beachtet werden.“ Danach leitet er dann dazu ein, die Aggressivität von Zivilisten und Soldaten zu unterscheiden, da letztere durch das soldatische Training eine spezifische Gestalt erhält. U.a. hat Joachim Bauer in seinem Buch "Schmerzgrenze" dargelegt, dass die Grundannahme, der Mensch verfüge über einen natürlichen „Aggressionstrieb“ (einer natürlichen „Lust an der Gewalt“), ein durch heutige Forschungen belegtes unhaltbares Konzept darstellt. Forschende, die bei der Erklärung von Gewalt auf einen „natürlichen Aggressionstrieb“ zurückgreifen, machen sich außerdem zwangsläufig blind gegenüber anderen Erklärungsmöglichkeiten.

Das Militär leistet durch Ausbildung und technische Entwicklungen, so Vinnai, einen Beitrag dazu, Aggressivität freizusetzen bzw. Aggressionshemmungen abzubauen. (vgl. S 37f) Der Autor geht hier erneut von einer latenten, natürlichen Aggression aus, die entweder durch äußere Einflüsse gedeckelt oder befördert wird. Für mich ist das ganz alte Schule vor allem auch geprägt durch (in meinen Augen veraltete) Ansätze der Psychoanalyse. In diesem Zusammenhang verknüpft er auch Männlichkeit mit Krieg, beschreibt, wie Männlichkeitsvorstellungen und –Konstruktionen die Kriegsbereitschaft fördern. Er schreibt u.a.: „Die militärische Ausbildung verbindet Männlichkeit mit Gewaltbereitschaft. Die starken sexuellen Regungen junger Männer können während der militärischen Ausbildung mit der Bereitschaft zu destruktiven Handlungen verknüpft werden. Junge Männer können mit Hilfe der soldatischen Ausbildung dazu gebracht werden, ihre sexuelle Potenz mit militärischer Kampfbereitschaft zu verschweißen.“ Wieder wird hier etwas natürliches (sexuelle Regungen) ursächlich mit Aggression und nachfolgend Gewalt verknüpft.
Geradezu als haarsträubend empfand ich folgende Textstelle: „Da kein Lebendiger bisher seinen Tod überlebt hat und ihn deshalb aus eigenem Erleben nicht kennt, bleibt der Tod immer eine Art schwarzes Loch, auf das vielerlei projiziert werden kann. (…) Das Unbewusste glaubt nicht an den Tod, was das Bewusstsein dazu drängt, ihn zu verleugnen. Die Unfähigkeit, den eigenen Tod wirklich zu akzeptieren, begünstigt die Zustimmung zu Kriegen und das Heldentum im Kriege. Es fördert eine Einstellung, die insgeheim darauf setzt, dass einem im Krieg - trotz aller Gefahren – nichts passieren kann, dass allenfalls andere ihm zum Opfer fallen.“ (S. 38)
Menschen ziehen also mit Freude in den Krieg, weil sie nicht bewusst wissen und fühlen, dass sie sterben werden? Dem kann ich nur vehement widersprechen. Jedes Kind und jeder Erwachsener weiß, dass im Krieg Menschen sterben. Der bereitwillige Gang in den Krieg ist somit vielmehr Ausdruck eines Opferrituals, ein Ausdruck immer auch von Selbstzerstörung und eines kollektiven Selbstmordens. Aus dem Unterbewussten - das sich zentral aus unerträglichen Erfahrungen und vor allem kindlichen, abgespaltenen Gewalterfahrungen speist – entstammt diese Destruktivität. Das Fühlen ist ausgeschaltet und der Tod wird billigend in Kauf genommen, da die eigene seelische Lage derart unerträglich ist, dass man gerne in den Tod geht und sich dort ein Paradies oder eine Heldenverehrung der noch Lebenden herbeisehnt.
Weitestgehend nachvollziehbar und positiv fand ich schließlich den letzten Teil der Ausführungen im Text, den Vinnai „Krieg ohne Ende“ nennt. Hier geht es um die Fortwirkungen von Kriegstraumatisierungen und die Notwendigkeit von Trauer, damit sich die destruktiven Folgen abmildern. Leider verharrt der Autor auch hier wieder in einseitigen Verknüpfungen, was folgender Satz deutlich macht: „Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust sind nur vor dem Hintergrund des Ersten wirklich zu verstehen.“ (S. 43) Ja und vor welchem Hintergrund ist dann der erste Weltkrieg zu verstehen?
Insgesamt bringt der Text von Vinnai keine neuen Erkenntnisse. Er vertritt mit seinen Denkansätzen die „Psychologische Kriegstheorie“ in diesem Buch und ist dabei weit davon entfernt, auf die Auswirkungen der historisch routinemäßigen Misshandlung von Kindern einzugehen. Zudem vertritt er veraltete Ansätze zum Aggressionstrieb.

Sehr viel aufschlussreicher ist dagegen der sozialpsychologische Text von Pohl und Roock in dem Band. Sie machen nachvollziehbar klar, wie im Militär eine Sozialisation zum Töten stattfindet und eine paranoide Kampfhaltung generiert wird. Sie schreiben von durch militärischen Drill erzeugten Abspaltungen von Gefühlen wie Hass, Wut und Angst, die dann auf den Feind projiziert werden. Die Autoren gehen auf die Irrationalität des Krieges ein und analysieren diesen als Massenpsychose. Allerdings klammern auch sie kindliche Gewalterfahrungen komplett aus, obwohl die psychischen Prozesse genau die Selben sind, wie in der militärischen Ausbildung. Vielmehr deutet sich im Text an, dass die Autoren eine „psychotische Reaktionsbereitschaft“ auch als etwas quasi „natürliches“ begreifen. Sie schreiben: „Elemente psychotischer Reaktionsbereitschaften gehören zum Kernbestand auch halbwegs normaler Persönlichkeiten, ihrer Wahrnehmungsorganisation und ihres Affekthaushaltes. In Zeiten ausweglos erscheinender Konflikte und zugespitzter innerer und äußerer Krisen kann auf diese Spaltungs- und Projektionsmechanismen zurückgegriffen werden und die Menschen bedienen sich regressiv einer „primitiven“ Weltsicht, die anscheinend nur unzureichend überwunden worden ist.“ (s. 47) Meine These ist dagegen, dass Menschen unter bestimmten Bedingungen auf Spaltungs- und Projektionsmechanismen zurückgreifen, die ihnen als Kind in Anbetracht vor allem elterlicher Gewalt das Überleben sicherten.

Fazit

Dieses Handbuch bietet erstmals einen umfassenden und systematischen Zugang zu den Theorien des Krieges.“, steht wie schon gesagt in der Buchbeschreibung. Das „Handbuch Kriegstheorien“ wird mich sicher noch eine Zeit beschäftigen, da mich viele Texte gedanklich anregen. Allerdings trifft die o.g. Beschreibung nicht zu. Das Ausklammern von kindlichen Gewalterfahrungen bzw. psychohistorischen Thesen in einem solchen Grundlagenwerk aus dem Jahr 2011 ist bezeichnend. Fast alle Kriegsursachenforscher, aber auch die Öffentlichkeit an sich sind weiterhin nicht bereit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Um so klarer wird mir, trotz manchmal einer gewissen Müdigkeit, dass mein Blog hier weiterhin wichtig ist, um Anstöße zu leisten. Die Psychohistorie kann nicht alles erklären. Die Welt ist komplex. Die Psychohistorie verdient es aber, genannt und besprochen zu werden. Meine Hoffnung ist, dass in einem Zeitraum von vielleicht 5-10 Jahren kriegstheoretische Handbücher aber auch Medienberichte über Krieg mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auf diesen Forschungsbereich eingehen werden.
Nebenbei bemerkt habe ich die Herausgeber des Buches angeschrieben und gefragt, ob sie den Bereich Psychohistorie einfach nicht kennen oder ob sie ihn ablehnen. Für letzteren Fall habe ich um entsprechende Argumentation gebeten. Ersterer Fall wird zumindest nach meinem Anschreiben nicht mehr zutreffen.

Nachtrag: Siehe Ergebnis meines Anschreibens hier

Kommentare:

Pressebüro Nord hat gesagt…

War ich nun erstaunt oder nicht, dass ich nicht einen einzigen Ansatz in dem Buch gefunden habe, der sich in dem Kontext von Krieg mit den Folgen von Kindesmisshandlung und – vernachlässigung bzw. mit psychohistorischen Thesen befasst?

Hätten Sie das erwartet? Ich nicht!

Sven Fuchs hat gesagt…

Falls Sie wirklich vom "Pressebüro Nord" sind hätten sie ja evtl. Möglichkeiten, das Thema auch mehr in die Medien zu bringen.