Mittwoch, 7. Dezember 2011

Kindheit von Reinhard Mey

Hinweis: Reinhard Mey ist in der Vergangenheit juristisch gegen Fanseiten vorgegangen, die zu viel über sein Privatleben berichtet haben. Ich berufe mich hier auf das Recht (Urheberrecht § 51), aus Büchern im Rahmen des gesetzlich Erlaubten frei zitieren zu dürfen. Mey berichtet in seiner Biografie frei und für alle zugänglich über seine Kindheit. Insofern kann ich mir kaum vorstellen, dass dieser Beitrag seine Persönlichkeitsrechte verletzt. Sollte der Beitrag für Herrn Mey oder seine Plattenfirma/Anwälte dennoch ein Problem darstellen, bin ich gerne bereit, ihn zu kürzen oder schlimmstenfalls zu löschen.

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Die Lieder von Reinhard Mey habe ich persönlich erst vor ca. zwei Jahren für mich entdeckt und habe bis heute leider immer noch viel zu wenig von diesem Liedermacher gehört (vielleicht 15-20 Lieder). Besonders anrührend und interessant fand ich folgende vier Lieder: Zeugnistag, Keine ruhige Minute, Aller guten Dinge sind drei, Nein, meine Söhne geb' ich nicht!

Um wirklich zu verstehen, was ich in diesem Beitrag meine, sollte man die Songtexte nachlesen oder die Lieder hören. Alle vier Lieder handeln im Kern von der bedingungslosen Liebe von Eltern zu ihren Kindern (trotz aller Höhen und Tiefen). Letzteres Lied ist zudem ein deutliches, sehr gelungenes Antikriegslied, das an den Wurzeln ansetzt. Denn all zu oft in der Geschichte haben Eltern ihre Kinder für den Krieg gebrauchsfähig gemacht und sie mit Stolz in den Tod geschickt. Reinhard Mey singt dagegen von einer Erziehung, die Achtung, Liebe, Erbarmen und Vergebung als höchste Werte ansieht, die Ungehorsam und Eigenständigkeit lehrt und die absolut unvereinbar mit dem Krieg ist. Er singt von dem Wahn des Krieges und davon, dass er um keinen Preis der Welt seine Söhne für den Krieg hergeben, sondern eher mit ihnen fliehen würde.

Als ich diese Lieder hörte fragte ich mich, wie denn wohl die Kindheit von Reinhard Mey ausgesehen hat. Für mich lag sogleich die Vermutung nahe, dass es eine sehr liebevolle und respektvolle Kindheit gewesen sein muss, seine Texte sprechen da eine deutliche Sprache, denn auch geliebte Kinder führen ihre Kindheit auf der gesellschaftlichen Bühne wieder auf. Vor allem bei dem Lied „Zeugnistag“ fragte ich mich, ob der Liedermacher da nicht evtl. von den eigenen Eltern berichtet.
Ich wusste, dass es eine Biografie von Mey gibt, ich ging aber nicht davon aus, dass seine Kindheit einen großen Raum einnehmen würde, da wohl eher der Lebensweg des Musikers von Interesse ist, so dachte ich. Ich überlegte sogar, ob ich Mey nicht anschreiben sollte, falls ich nichts Weiteres finden sollte, um ihn nach einigen kurzen Gegebenheiten zu seiner Kindheit zu befragen. Ein abwegiger, absurder Gedanke, natürlich. Warum sollte dieser Mensch einem wildfremden Menschen etwas über seine Kindheit berichten, nur weil dieser “hobbymäßig“ dazu forscht?

Um so erstaunter und erfreuter war ich, als ich in seiner Biografie „Was ich noch zu sagen hätte“ (2005) mit Bernd Schroeder (erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag) ausführliche Berichte über seine Kindheit fand. Ich hörte mich ein lautes „Jaa“ rufen, als Mey auf die Frage von Bernd Schroeder, ob das Lied „Zeugnistag“ autobiographisch sei und er Eltern hatte, die aus diesem Holz geschnitzt waren, antwortete: „Ja, die waren so.“ Mein Hobbyforscher Herz fühlte sich einfach bestätigt!

Reinhard Mey wurde Ende 1942 in Berlin geboren und erlebte somit das Kriegs- und Nachkriegsdeutschland mit. Armut und Not erlebte er als Kleinkind, ebenso die Abwesenheit des Vaters, der erst 1946 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam. Seine ältere Schwester lernte er ebenfalls erst 1946 kennen, sie war 1943 evakuiert worden und kam bei Verwandten unter. Insofern war er ein Kind wie so viele um diese Zeit. Aber eines war anders, die Art und Weise der Erziehung und Zuwendung. Reinhard wuchs bis zur Rückkehr des Vaters rein unter der liebevollen Obhut dreier Frauen auf: Seiner Mutter, Oma und seiner Tante Illi. Diese wollten ihm trotz aller Not unbedingt eine glückliche Kindheit bieten.
Diese drei Frauen waren ein Dreigestirn, das mich mit Liebe überschütte und mir die Gewissheit gegeben hat, geliebt zu werden, was unermesslich wichtig für eine Kindheit ist. Materiell gab es natürlich nichts, und ich war wie alle kleinen Jungen abgemagert und halb am Verhungern. Die drei hatten die Priorität, wie kriegen wir den Kleinen über die Zeit. Sie haben alles versucht, es mir schön zu machen und mir viel Zuwendung gegeben, haben mich in allem gefördert.“ (S. 13) Die Oma („eine wunderbare, liebevolle Frau“) war seine „heimliche Komplizin“, gab es mal Ärger mit Mutter oder Tante wusste die Rat und bog alles wieder gerade. Tante Illi war „eine begnadete Kinderversteherin, ein Bezugspunkt, den sogar unsere Kinder noch sehr geliebt haben.“ (S. 16) Seine Mutter beschreibt Mey als künstlerisch begabt, intelligent, diplomatisch, liebenswürdig, aufmüpfig und als sehr emanzipiert. (Sie hat zeitlebens mehr Geld verdient, als der Vater)
Über den Vater war ihm während dessen Abwesenheit immer viel erzählt worden, insofern empfand er ihn nicht als so fremd, als dieser heimkehrte. Über die Ehe der beiden Eltern und über seine Kindheit sagt Mey:
Meine Eltern haben mir eine sehr gleichberechtigte Partnerschaft vorgelebt. Mein Vater hat sogar Haushaltsarbeiten übernommen, was damals in anderen Familien noch undenkbar war. Jeder hat bei uns dort angepackt, wo Not am Mann war. In jeder Hinsicht gleichberechtigt, ganz egal wie alt man war, ob Mann oder Frau. Das hat mich ganz sicher sehr geprägt. Die Erziehung durch diese drei Frauen und meinen Vater, der überhaupt kein Macho war, haben positiven Einfluss auf mich gehabt. Ich hatte wirklich eine glückliche Kindheit.“ (S. 17+18) Seiner Mutter widmete Mey das liebevolle Lied „Das Foto vor mir auf dem Tisch“. Schroeder fragt darauf: „War denn an diesen Eltern nie zu zweifeln?“ Antwort: „Nein, nie. Ich sage mir jeden Morgen, dass ich dankbar bin, dass sie mich so frei haben aufwachsen lassen, mit einer unglaublichen Toleranz. Mein Vater war auch völlig damit einverstanden, wie die drei Frauen mich erzogen haben. (…) als er wieder da war, ging meine Erziehung ganz genauso weiter.“ (S. 21f) Über seine Eltern berichtet Mey weiter, dass sie immer zärtlich miteinander umgegangen sind, mit großem Respekt und Liebe, bis zum Tod des Vaters gingen sie Hand in Hand zum Kaufmannsladen.

Über seine eigene Rolle als Vater berichtet Mey:
„Ja, man lernt es. Man lernt es sicher schon durch das Elternhaus. Ich glaube, ich hatte das alles gelernt, ohne es zu wissen, aus dem Vorbild, das meine Eltern gegeben haben. Ich habe eben sehr viel Zuwendung und Geduld geschenkt gekriegt, als ich klein war. Das ist mir alles nicht so klar gewesen, aber im Unterbewusstsein hatte sich dieser Schatz bestimmt angehäuft, deswegen ahnte ich oder wusste ich, wie man es machen muss. Im Grunde genommen musst du alle Fehler machen, aber solange du mit Liebe und mit Zärtlichkeit und Geduld dabei bist, macht das gar nichts. Die Liebe und die Zuwendung wetzen alle diese Scharten wieder aus.“ (S. 158)

Reinhard Mey gab ganz offensichtlich die gleiche Liebe und Fürsorge an seine Kinder weiter, die er selbst erlebt hatte. Auch seine ganzen Texte legen Zeugnis davon ab, das Mey lebensbejahend und liebevoll in die Welt geführt wurde (Trotz aller Schrecklichkeiten und der Not der Kriegs- und Nachkriegsjahre). Menschen wie Reinhard Mey sind automatisch aus einem tiefen inneren Gefühl heraus gegen Krieg und Gewalt, wirken konstruktiv und nicht selbst- oder fremdzerstörerisch, weil sie es selbst so erlebt haben. Wie sagte noch Astrid Lindgren in ihrer Rede „Niemals Gewalt!“? „Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung sein Leben lang.“ Menschen bzw. die Kindheit von Reinhard Mey beweisen, dass diese Welt durch Liebe gegenüber Kindern gesichert werden und sich in eine aussichtsreiche, hoffnungsvolle Zukunft entwickeln kann.

Kommentare:

ShoBeazz hat gesagt…

was mir gerade auffällt: die Biographien hier bestätigen im Grunde den Vorwurf des "Kindheitsdeterminismus". Personen, die durch positive Taten bekannt wurden, wird eine positive Kindheit nachgewiesen und umgekehrt.

Das ist natürlich nicht überraschend, und ich gehe davon aus, daß diese Kombination in der Mehrheit der Fälle auch hinkommt. Trotzdem hielte ich es für wichtig, auch Beispiele für Menschen zu sammeln, die eine miese Kindheit hatten, aber später dann doch positiv in Erscheinung traten UND, vor allem: WIE sie dahin gekommen sind.

Ich bin nach wie vor der Auffassung, daß eine schlechte Kindheit zwar ein schwerer Rucksack ist, aber kein zwangsläufiger Grund, lebenslang zu leiden und dann noch andere drunter leiden zu lassen. Vielleicht finden sich da auch noch Beispiele, idealerweise eben auch mit Beschreibungen der Überwindungsstrategien (ggf. suche ich da selber mal was, wenn ich dazu komme, weil mich das - aus beruflichen Gründen, aber auch privat - interessiert).

(die vierte Möglichkeit - schlimme Taten trotz schöner Kindheit - halte ich für unwahrscheinlich, trotzdem könnte sowas vorkommen, darum erwähne ich das auch noch).

Sven Fuchs hat gesagt…

Ein wichtiger Hinweis, ShoBeazz!
Ich denke dies natürlich immer mit, aber ich kann kaum erwarten, dass die Lesenden wissen, was ich denke.

Vielleicht kann man es so sagen: Die Mörder, Kriegstreiber usw. erlebten nahezu immer eine destruktive Kindheit, Menschen wie Mey, Lindgren, Einstein usw. sehr oft eine sehr gute Kindheit, aber auch Menschen, die schlimmes erlebten, können ihr Leben gestalten, konstruktiv wirken, Glück und Liebe empfinden. Es wäre fatal und auch demütigend zu sagen: "Du hattest eine schlimme Kindheit, Du wirst kein glücklicher Mensch!"

Jeder Mensch hat das Potential, sich zu entfalten und zu entwickeln. Zudem gibt es heute sehr viele Hilfsangebote und Therapiemöglichkeiten. Trotzdem finde ich es wichtig zu zeigen: Menschen wie Mey etc., die einfach diese festen Wurzeln als Kind entwickeln durften, gehen mit einer gewissen Leichtigkeit durchs Leben und vor allem werden sie Anderen nicht mutwillig Gewalt antun können.

Sven Fuchs hat gesagt…

Kürzlich sah ich eine Doku über den Starkoch Tim Raue, der ja offen über seine destruktive Kindheit und Jugend berichtet. Er selbst war früher in einer "Gang" und prügelte sich oft, war kriminell. Jetzt ist er Starkoch und wohl nicht mehr kriminell.
In der Doku sah ich aber seine leuchtenden Augen, als er seine alte Gegend und Freunde besuchte und davon schwärmte, wie er immer andere sehr schnell platt gemacht hatte. Diese Wut, diese Freude an Gewalt ist immer noch da, ist immer noch in ihm, so mein Gefühl. Er lebt diese wohl nicht mehr aus sondern konzentriert seine Energie auf das Kochen und Geldverdienen und wohl auch die Familie.

Für mich ist dieser Mann ein Beispiel für eine konstruktive Entwicklung, aber es bleibt trotzdem ein fader Beigeschmack.

Wer einen solchen Weg hatte, wir kein Gefühlsmensch werden wie Mey, Lindgren, Alice Schwarzer usw. Er wird an Grenzen stoßen. Trotzdem kann er sein Leben bestmöglich gestalten.

Sven Fuchs hat gesagt…

Und noch etwas: Ich habe in meinem Leben Menschen kennengelernt, die äußerst destruktive Eltern hatten, aber später ihren Weg gingen und die vor allem auch ihre Emotionen voll nachentwickelt haben. Bezeichnend war, dass sie als Kind mindestens eine Vertrauenperson (z.B. die Oma) hatten, die für sie quasi eine Ersatzelternfigur war, wo sie sich Trost und Zuwendung holten und zweitens, dass diese Personen realtiv früh Therapie machten und zwar mit einem festen Willen, sich zu entwickeln und die Therapie nicht als eine Art Arzt zu sehen, der einem schon ein Mittel gibt, das dann sofort wirkt, sondern die darum wussten, dass Therapie harte Arbeit an sich selbst ist und der Therapeut nur ein Hilfsmittel.

borderline44 hat gesagt…

... berührt mich sehr, vor allem "Zeugnistag" ... erinnert mich auch an die Kindheit von Rosa Luxemburg ( http://kriegsursachen.blogspot.com/2011/12/kindheit-von-rosa-luxemburg.html ) wo sie die "teure Kerze" anzündete. -auch hier haben die Eltern ähnlich liebe- und verständnisvoll - mit viel Empathie - gehandelt. -es sollte viel mehr Spielfilme geben, die solch einen Umgang zeigen, das würde die Menschen vieleicht berühren und zum NachDenken anregen, über sich und wie sie mit ihren eigenen Kindern umgehen- und wie mit ihnen, in ihrer eigenen Kindheit umgegangen wurde.

-ich finde die Beiträge in diesem Blog wirklich sehr wertvoll. Auch der Umstand, dass jemand arm ist, wird hier, in dieser Biographie wieder bestätigt, ist eben NICHT die Ursache von emotionaler Kälte und Gewalt - ebensowenig von Körperlicher Gewalt. Die Ursache/n von Gewalt = Empathielosigkeit hat ja Alice Miller genau beschrieben (Stichwort Gehirn und wie es sich entwickelt, gerade in den ersten Lebensjahren http://www.alice-miller.com/flugblatter_de.php?page=8 -und die Wissenschaft hat es bestätigt). -aber auch den sogenannten Fachleuten fällt es schwer, aus eigener Betroffenheit / Befangenheit die Dogmen zu brechen und die Wahrheit über all diese Zusammenhänge zu lehren.

Zu Zitatausschnitt ShoBeazz: >>> Trotzdem hielte ich es für wichtig, auch Beispiele für Menschen zu sammeln, die eine miese Kindheit hatten, aber später dann doch positiv in Erscheinung traten UND, vor allem: WIE sie dahin gekommen sind. <<<

... nun, gehe auf meinen Internetauftritt. -da kannst Du einen Menschen sehen, der eine miese Kindheit hatte - mich - und wie er dazu gekommen ist, das alles zu erkennen ohne zum Mörder zu werden (-das Wort "Mörder" sage ich ganz bewusst. -aus Personenrechtschutzgründen kann ich öffentlich dazu keine weiteren Erklärungen abgeben -jedenfalls haben meine Erfahrungen und die familiären Hintergründe mit dazu beigetragen, dass ich mich für GewaltPRÄVENTION einsetze und die Ursachen der Gewalt = Ignoranz = Empathielosigkeit konfrontiere).

https://plus.google.com/110882509048668787407#110882509048668787407/about

http://www.borderline44.homepage.t-online.de/41352/home.html

Alice Miller ihre Seiten ( http://www.alice-miller.com/leserpost_de.php?lang=de&nid=3006&grp=0410 ) zeigen zudem sehr viele Beispiele, also Antworten auf Deine Fragen. -u.a. Stichwort Leserbriefe.

Gerade jetzt, zur Weihnachtszeit wäre es doch schön, wenn die Menschen all diese Zusammenhänge erkennen würden und auf dieser Grundlage Ihre Haltung ändern können, damit wir alle in einer Welt leben könnten, wo die Menschen aufhören den verbotenen Hass und Wut auf die Eltern der Kindheit in Politik und Geselschaft (-sform) abzureagieren, angefangen bei den eigenen Kindern. -mit Ignoranz all der Fakten, wird sich jedenfalls all das, was wir beklagen und worunter wir leiden, nicht ändern.

Mit freundlichen und traurigen Grüßen
borderline44