Freitag, 9. Dezember 2011

Kindheit von Sophie Scholl

Sophie Scholl wuchs die ersten Lebensjahre in Forchtenberg (Württemberg) auf. Ihr Vater, Robert Scholl, war dort Bürgermeister und hatte den Ehrgeiz, den Ort weiterzuentwickeln und zu verändern. Er hatte dabei sehr liberale und fortschrittliche Vorstellungen, was den Bewohnern (vor allem den Bauern und Handwerkern) nicht immer Recht war und ihm teils Feinde machte, später im Jahr 1930 sollte u.a. dies zu seiner Abwahl führen. Leisner (2000) berichtet, dass der Vater die Haushaltsführung und Kindererziehung ganz und gar seiner tüchtigen Frau überließ. (S. 18) Er steckte seine ganze Kraft in sein Amt. Die Familie wohnte allerdings gleich neben den Amtsräumen des Vaters. Insofern war er wohl auf eine Art auch greifbar, auch wenn berichtet wird, dass er manches mal unwirsch war, wenn seine Kinder zu laut in der Wohnung oder im Treppenhaus herumtobten und er Ruhe für seine Arbeit brauchte. (ebd., S. 25) Während dieser Zeit als Bürgermeister war der Vater selten aufgeschlossen und fröhlich. Die Sorgen um den Ort und die Arbeit nahmen ihn voll in Anspruch.

Vinke (1997) gibt die Gespräche mit der Schwester Inge Aicher-Scholl wieder. Über den Vater heißt es: „Er war eine beeindruckende Erscheinung (…), eine natürliche Autorität, die von den Kindern geachtet wurde. Auch wenn es gelegentlich wie in jeder Familie Tränen gab, war er alles andere als ein Tyrann. Die Kinder durften ihre eigenen Wege gehen. Zusammen mit seiner Frau (..) verstand er es, ihnen in einer von Arbeitslosigkeit, Inflation und politischer Gewalt gekennzeichneten Zeit eine Insel der Geborgenheit zu schaffen.“ (Vinke, 1997, S. 16) Im ersten Weltkrieg gehörte der Vater zu den wenigen Pazifisten, die die allgemeine Kriegsbegeisterung im kaiserlichen Deutschland nicht mitmachten. Da er den Kriegsdienst mit der Waffe ablehnte, musste er für das Rote Kreuz verwundete Soldaten betreuen. In dieser Zeit lernte er auch seine spätere Frau Magdalene kennen, die Krankenschwester war und sich mit Leib und Seele um Kranke und Schwache kümmerte. Sophies Mutter übertrug diese Leidenschaft auch in die Zeit als Frau des Bürgermeisters und kümmerte sich wiederum um Kranke und sozial Schwache in ihrem Ort. Inge über die Mutter: „Was uns Kinder angeht, so interessierte sie sich für alles, was uns berührte und was wir erlebten. Sie lebte total mit uns.“ (ebd., S. 18)
Im Januar 1926 erlebte die Familie einen Schicksalsschlag. Thilde, die im März 1925 geboren worden war und vor allem von ihren Schwestern sehr geliebt wurde, verstarb auf Grund einer Erkrankung. (vgl. Leisner, 2000, S. 20) Wie die Familie mit dieser Tragödie umging, erfährt man in den Quellen nicht.

Die Familie zog nach der Abwahl des Vaters für zwei Jahre nach Ludwigsburg, danach weiter nach Ulm, der Vater betätigte sich fortan als Steuer- und Wirtschafsberater, reich wurde er aber nicht, sondern hatte ein einfaches Auskommen.
Inge über den Freiraum der Kinder: „Freundinnen oder Nachbarskinder zum Geburtstag einzuladen oder einfach mitzubringen , war kein Problem. Nie sagte meine Mutter: „Aber heute möchte ich hier niemanden sehen, ich habe gerade geputzt.“ Die anderen Mädchen kamen einfach mit. Meistens gab es auch für sie etwas zu essen, und manchmal durften sie sogar über Nacht bleiben.“ (Vinke, 1997, S. 21) Bücher spielten in der Familie Scholl eine große Rolle und zwar seit frühster Kindheit an. Im Elternhaus lernten die Kinder auch zu widersprechen, wenn sie anderer Meinung waren.
Alle Kinder der Scholls werden zudem als sensibel und phantasievoll beschrieben. (vgl. Leisner, 2000, S. 21) Doch vor allem Sophie zeigte sehr früh Mitgefühl und Gerechtigkeitsliebe, was an einigen Beispielen in den Quellen veranschaulicht wird.
Auch politische Diskussionen zwischen dem Vater und vor allem seinem älteren Sohn Hans gehörten zum Familienalltag. (ebd. S. 41f) Der Vater vertrat weiterhin seine liberalen Ansichten und den Parlamentarismus und warnte davor, dass es Krieg geben würde, wenn Adolf Hitler an die Macht käme. Hans verteidigte dagegen immer öfter die Nationalsozialisten, für die er entgegen seiner späteren Entwicklung vorerst sehr schwärmte, gegen seinen Vater. Alle Scholl Kinder, besonders aber die beiden älteren Inge und Hans, waren von der Nazi-Bewegung zunächst begeistert. Sie wollten in die Hitlerjugend, was der Vater strikt ablehnte. Beide Scholl- Eltern hatten entgegen den üblichen Erziehungsmethoden der Zeit Schläge gegen ihre Kinder abgelehnt. Doch gegenüber Inge hatte sich der Vater diesmal so sehr erregt, dass er sie ohrfeigte. Er verbot ihr, in die Hitlerjugend einzutreten. (ebd., S. 52f) Die Mutter sorgte schließlich für Ausgleich und überredete ihren Mann, den beiden ihren Willen und sie ihren Weg gehen zu lassen. Der Vater gab nach. Zum 01.05.1933 traten Inge und Hans in die Hitlerjugend ein, Hans engagierte sich stark und stieg später innerhalb der Organisation stetig auf. Im Januar 1934 trat auch die knapp dreizehnjährige Sophie in die „Jungmädelschaft“ ein und fühlte sich dort ebenfalls sehr wohl. Die Geschwister Scholl waren zunächst „ganz normale Deutsche“ und verehrten die Nazis.

Der große Parteitag in Nürnberg 1936, an dem Hans teilnahm, war wohl der Beginn eines Wandels. Hans kam völlig verändert, müde, deprimiert und verschlossen zurück. (vgl. Vinke, 1997, S. 46) „Er sagte nichts, aber jeder spürte, dass irgendetwas passiert sein musste zwischen ihm und der Hitlerjugend. Nach und nach erfuhren wir auch was. Der unsinnige Drill, die vormilitärischen Aufmärsche, das dumme Geschwätz, die ordinären Witze – das alles hatte ihn vollkommen fertig gemacht. Von morgens bis abends antreten, immer wieder reden, und dann diese aufgesetzte, künstliche Begeisterung. (…) Was in Nürnberg passiert war, irritierte Sophie wie uns alle. Nürnberg – das war noch nicht der Bruch, wohl aber der erste Riss, der uns von dieser Welt der Hitlerjugend und des BDM trennte.“ (ebd.) Nach Nürnberg legte sich auch der Streit zwischen Hans und seinem Vater. Für Hans gewann eine andere Jugendorganisation immer mehr an Bedeutung: die „Deutsche Jugendschaft vom 1.11“. Anfang 1933 wurde diese Organisation verboten. Gerade nach diesem Verbot entwickelte sich in Ulm um Hans Scholl eine „d.j.1.11“ Gruppe. Im Herbst 1937 wurden auf Grund dieser Aktivitäten die Geschwister Inge, Sophie, Hans und Werner von der Gestapo verhaftet und für kurze Zeit inhaftiert. Spätestens seit der Verhaftung gehörte der Streit zwischen Sohn und Vater endgültig der Vergangenheit an. Die weiteren Entwicklungen zu beschreiben, die zum Widerstand führten, würden hier den Rahmen sprengen.

Für mich steht fest, dass die vorangegangene nicht autoritäre, freiheitliche Erziehung und der liberale Geist der Eltern und dabei besonders der des Vaters das Fundament für den Bruch mit den Nazis legten. Es ist kein Zufall, dass gerade die Geschwister Scholl den uns bekannten, eindrucksvollen Widerstand gegen das NS-Regime mit organisiert hatten. Sie durften im Gegensatz zu den meisten anderen deutschen Kindern von klein auf frei denken, ihre Meinung sagen, erlebten Geborgenheit und keine Schläge (außer ausnahmsweise innerhalb des o.g. Konfliktes). Die Geschichte der Geschwister Scholl ist auch ein Lehrstück dafür, dass Fürsorge und Gewaltlosigkeit in der Erziehung Empathie und eigenständiges Denken grundsätzlich fördert.
Der Geschwister Scholl Preis wurde übrigens 2001 an Arno Gruen für sein Buch „Der Fremde in uns“ verliehen, in dem er vor allem die destruktive Erziehung von Kindern für die Entstehung von Gewalt und Fremdenhass ausmacht. In seiner Dankesrede sagte Gruen u.a.: „Für mich waren Sophie und Hans Scholl und ihr Freundeskreis immer außergewöhnliche Beispiele für Menschen, die aus ihrem Herzen heraus das Menschsein zum Kern ihres Seins machten. Ihr grundsätzliches Vertrauen zum Menschsein entsprang nicht ideologischen Ursachen, sondern kam aus tieferen Quellen ihres Mitgefühls sowie ihres Gefühls für Gerechtigkeit und Würde.“


Verwendete Quellen:

Leisner, B. 2000: „Ich würde es genauso wieder mach.„ Sophie Scholl. List Taschenbuch Verlag, München.

Vinke, H. 1997: Das kurze Leben der Sophie Scholl. Ravensburger Taschenbuchverlag,

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich finde das aber trotzdem etwas merkwürdig, dass sich Sophie Scholl und ihre Freunde freiwillig geopfert haben...

Es war natürlich heldenfenhaft und mutig! Aber doch irgendwie verschwenderisch...

Sven Fuchs hat gesagt…

Ich glaube, dass solche Menschen einfach machen, zwar mit dem Bewusstsein über das Risiko, aber trotzdem in der Hoffnung, etwas zu verändern und der Verhaftung zu entgehen. Ich glaube absolut nicht, dass sie den (Helden)Tod suchen, sondern das die emotionale Entrüstung über das Unrechtsregime DIE treibende Kraft ist, so dass man einfach gar nicht anders kann.
In dem Moment, wo sie verhaftet waren und ihre Situation ausweglos war, fanden sie - das ist in den Quellen nachweisbar - trotzdem innere Ruhe. Das Fühlen von Würde überwiegte alles andere in den letzten Stunden vor ihrer Hinrichtung. Diese Würde erstaunte auch ihre Ankläger und sogar den Henker. Echte Identitäten, Menschen, die fühlen können und ihre Würde nach außen tragen und verteidigen, sind für Menschen, die keine eigene Identität aufbauen konnten logischerweise ein Fragezeichen.

Anonym hat gesagt…

Ich finde schon, dass ich eine eigene Identität besitze...

...aber ich würde mich nicht mit innerer Ruhe hinrichten lassen...

Anonym hat gesagt…

Ich finde die Biografien, die Sie in Ihrem Blog untersuchen, sehr interessant und stimme Ihnen bei Ihren Interpretationen voll und ganz zu. Was mich sehr interessiert - wozu ich aber wenig Informationen finde -, ist, warum Amy Winehouse sich zu Tode getrunken hat.
Die Hintergründe ihres Lebens würde ich gern kennen.

Sven Fuchs hat gesagt…

"Ich finde schon, dass ich eine eigene Identität besitze..."

Ich bezog mich hier auf die NS-Ankläger und den Henker!

Zu Amy Winehouse: Ich weiß nichts über ihr Leben und will auch nicht spekulieren.

Sven Fuchs hat gesagt…

Hmmm tja habe jetzt Deinen Beitrag vom 14:53 wohl richtig verstanden.

Letztlich waren wir alle nicht dabei. Laut den Berichten war es aber so, dass die Scholls einfach fühlten, es war für sie richtig, Widerstand zu leisten, auch wenn es vielleicht ausweglos war. Für sie war ein Leben in diesem Regime nicht denkbar. Sie erkannten die Lügen und die Verbrechen; darunter zu leben, ohne etwas zu tun, ist für solche Menschen unerträglich. Sie mussten es einfach aus einem tiefen inneren Gefühl heraus tun, so zumindest stellt es sich in den Berichten dar.

Anonym hat gesagt…

Gibt es eine Quelle in der der Widerstand von Sophie Scholl auf religiöser Basis näher erläutert wird?

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo Anonym:

Hähh??

Anonym hat gesagt…

Anonym hatte gesagt:
"Ich finde das aber trotzdem etwas merkwürdig, dass sich Sophie Scholl und ihre Freunde freiwillig geopfert haben...

Es war natürlich heldenfenhaft und mutig! Aber doch irgendwie verschwenderisch..."


Ich finde es mutig dass sie das gemacht haben, hätten sie das machen sollen, was alle gemacht haben? Wegsehen, mitlaufen oder sogar mitmachen? Nein, allein dass sie versucht haben den Rest der Bevölkerung darauf aufmerksam zumachen und sie zum Hinsehen und Handeln zu bewegen,immer in dem Bewusstsein jeden Moment verhaftet und getötet zu werden, allein für diesen Mut gebührt ihnen großen Respekt.

Michael Kumpmann hat gesagt…

Na ja. Ich bin bekanntlich ein Fan von Martin Heidegger (und Kierkegaard etc.) und denke, ein freies Dasein ist ein Sein zum Tode und es reicht nicht, einfach nur irgendwie durchzukommen und zu überleben. (Das ist für mich auch ein Teil der Bedeutung des biblischen Zitats "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", dass es nicht reicht, einfach nur zu überleben.) Ein kurzes Leben, wo man sich durch seine Taten seine geistige Freiheit maximalstmöglich wiederholt ist besser als ein langes Leben in Knechtschaft und Selbstverleugnung.

Deshalb finde Ich einen Heldentod nicht "verschwenderisch".

Michael Kumpmann hat gesagt…

Und das finde ich an heutigen Helikoptereltern, die jedes Risiko für ihre Kinder vermeiden wollen und denen deshalb auch verbieten, auf Bäume zu klettern, so furchtbar. Die bringen den Kindern bei, dass es am Besten sei, möglichst lange zu überleben, egal, wie, anstatt ein Leben zu führen, was sich lohnt, zu leben.

Und sehr häufig haben diese Eltern gar kein Problem, selbst ihren Kindern weh zu tun, nur um sie vor äußeren Gefahren zu schützen und werden damit zur größten Gefahr für ihre Kinder.