Samstag, 14. Juli 2012

ACE Studie - Die Folgen der Gewalt sind nicht unbekannt


Die amerikanische Kaiser Permanente Krankenversicherung hat 1995 eine Studie mit Daten von 17.421 Versicherten bzgl. dem Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences, kurz ACEs) und dem Gesundheitszustand durchgeführt. 

Die wesentlichen Ergebnisse wurden durch ein Internetprojekt ins Deutsche übersetzt (die original Präsentation wurde von Freedomain Radio erstellt) und können hier  als Video angeschaut werden. Ergänzend wurde auch ein Interview mit Dr. Vincent Felitti, der die Studie mit geleitet hat,  ins Deutsche übersetzt.   

Die Studie wird auch auf einer extra eingerichteten Homepage in englisch vorgestellt: www.acestudy.org (Ursprünge und Wesen der Studie wurden dabei u.a. auch  in deutsch präsentiert)

Kurz gesagt: Je mehr belastende Kindheitserfahrungen erlebt wurden (also verschiedene Misshandlungsformen) desto deutlicher wurden die Zusammenhänge u.a. zu Übergewicht, Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Rauchen, Depressionen, Konsum von Antidepressiva, Halluzinationen, unerklärliche Symptome, Selbstmord, verringerte Arbeitsfähigkeit, geringere Lebenserwartung usw.

Dabei muss man anmerken, dass die untersuchten Versicherten der amerikanischen Mittel- bzw. höheren Mittelschicht angehörten. Gerade für Menschen, die sich keine Krankenversicherung leisten können, die gesellschaftlich abgerutscht sind, sind wohl noch höhere ACE-Werte zu erwarten und auch weit aus mehr Folgen. Die reale Situation in den USA wird also weit aus schlimmer sein, als die auch schon erschreckenden Daten dieser Studie zeigen.

Man kann die Welt und ihre Probleme nicht verstehen, wenn man nicht die Langzeitfolgen von Kindesmisshandlung auf psychische und körperliche Gesundheit kennt.” sagen die Übersetzer der Internetinitiative „Freiwillig Frei“ am Ende der Präsentation. Ein wahrer Satz, der vielen Menschen leider immer noch nicht bewusst ist. (Merkwürdigerweise haben sie der Präsentation den zweiten Titel „Die wahren Wurzeln menschlicher Gewalt“ gegeben, obwohl die Daten sich gar nicht oder nur kurz nebensächlich mit Kriminalität befassen. Naja…)

Für mich sind die Ergebnisse dieser Studie nichts Neues, da ich hier und da Einzelstudien gelesen habe, die stets zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Was mich auf eine Art etwas umgehauen hat ist, dass es diese wirklich einmalig große Studie der Kaiser Versicherung mit ihren diversen Datenauswertungen und Diagrammen schon seit 1995 gibt und sie derart deutlich die Zusammenhänge aufzeigt, aber diese trotzdem nach meinem Eindruck nicht wirklich in die gesellschaftliche Diskussion und in das Bewusstsein eingeflossen sind. Letztlich geht es hier ja sogar darum, Milliarden an Kosten zu sparen, sofern Kindheitsbelastungen reduziert und aufgefangen werden. Dieses Problem müsste stets ganz oben auf der politischen Tagesordnung stehen, alleine schon wegen der enormen Kosten.

Dass eine solche Studie bisher nicht wirklich angekommen ist (und ich selbst habe mich gewundert, dass ich erst jetzt auf diese gestoßen bin, obwohl ich unzählige Artikel und Bücher über Kindesmisshandlung gelesen habe und in keinem einzigen einen Hinweis darauf gefunden habe) zeigt, dass nicht das fehlende Wissen das Problem ist, - das Wissen über die gesellschaftlichen Folgen der Gewalt gegen Kinder ist da – das Problem ist der fehlende Wille, diesen Dingen ohne Scheuklappen ins Gesicht zu sehen. Da belastende Kindheitserfahrungen derart weit verbreitet sind, liegt es nahe, diese gesellschaftlichen Scheuklappen auch als Folge eben dieser Kindheitserfahrungen zu sehen. Insofern werden diese Erkenntnisse wohl erst durchschlagend in das gesellschaftliche Bewusstsein drängen, wenn ein größerer Anteil der Menschen keine oder wenig belastende Kindheitserfahrungen gemacht hat (und/oder diese therapeutisch aufgearbeitet wurden). Deutschland ist da auf dem Weg und ich bin sicher, dass in weniger als 10 Jahren all die bekannten Folgen der Gewalt gegen Kinder wirklich und dauerhaft in der Öffentlichkeit ankommen werden und Stück für Stück zum Allgemeinwissen werden.

Übrigens habe ich ca. im Jahr 2002 einige große deutsche Krankenkassen einfach mal angeschrieben und ihnen Zahlen über das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder und auch die möglichen Folgen aufgeführt. Ich fragte auch, ob es in den Kassen entsprechende Fragestellungen gab oder ggf. sogar eigene Untersuchungen dazu. Ich wies zudem auf die möglichen Folgekosten der Gewaltbelastung im Kindesalter hin. Ich bekam nur von einer Kasse Antwort und mir wurde für meine Hinweise gedankt. Ob dies auch Folgen für die Arbeit dieser Kasse hatte, ist mir natürlich nicht bekannt. Ich bin heute zeitlich zu sehr gebunden, um Aktionen ins Leben zu rufen. Trotzdem ein Gedanke: Aufmerksamkeitsfördernd wäre vielleicht ein Projekt, in dem von Missbrauch und Misshandlung betroffene Menschen ihre persönlichen Folgeschäden, ggf. Krankheiten, Krankenhausaufenthalte, Therapiezeiten, Arbeitsausfälle usw.  aufschreiben, die sie persönlich mit ihrer Kindheit in Verbindung bringen und diese dann nach Mitteilung an die Medien als offenes Gesamtpaket an alle großen Krankenkassen und das Gesundheitsministerium schicken. Wenn dabei vielleicht 1000 Menschen teilnehmen würden, wäre ein gewisses Medienecho wahrscheinlich. Nur so als Idee in den großen Raum des Internet geworfen.

Kommentare:

ghostwriter hat gesagt…

Wo ist eigentlich der schlaue Fuchs, wenn man ihn braucht? Sie aktuelle Diskussion um Knabenbeschneidung ist Ihnen wohl zu einfach ;-) Sie könnten recht haben. Die Diskussion läuft ziemlich gut, das Meinungsbild scheint deutlich http://www.cicero.de/umfrage/sollte-die-beschneidung-von-jungen-gesetzlich-erlaubt-werden#comment-24571. Der scheinbar momentan vielversprechendste Anlauf zu einer öffentlichen Petition aber noch eher schleppend http://www.avaaz.org/de/petition/Stoppt_die_Beschneidung_von_Kindern_aus_religiosen_Grunden//?tta Sie sitzen wohl an Ihrem Urlaubsort, schweigen und geniessen? Das wünsche ich Ihnen jedenfalls. Alles Gute!

heikophilo hat gesagt…

Hallo, ich bin der Übersetzer der Präsentation über die ACE-Studie, die du erwähnt hast. Erstmal vielen Dank für diesen Blog, er ist ungemein wertvoll. Vielen Dank auch, dass du die ACE-Studie aufgreifst. Als mir der ganze Umfang der ACE-Studie bewusst wurde, arbeitete ich schon seit 10 Jahren in einer Gewalt-Beratungsstelle, die sich um Kinderschutz kümmert. Keine meiner 9 Kolleginnen und Kollegen kannte diese Studie. Mir selbst war bis dato nur ein Artikel zu den Ursachen von Drogenabhängigkeit begegnet, der Teilergebnisse aus der ACE-Studie darstellte.
Ich möchte damit unterstreichen, dass diese Daten allgemein offenbar auf psychischen Widerstand stoßen, so wie Dr. Felitti, der Leiter der Studie das auch im Interview geschildert hat, das die Folge zwei der Präsentationsreihe bildet.
Du hast Recht, die Rede von "menschlicher Gewalt" im Titel der Folge 1 erscheint unmotiviert. Der Grund für diese Titelwahl war, dass der Titeltexter schon die Folge drei der Serie im Kopf hatte, in der genauer auf die Biologie der Gewalt eingegangen wird, die - wer hätte es gedacht - in der Kindheit weitgehend festgelegt wird.
Inzwischen ist auch die vierte Folge übersetzt, die fünfte lasse ich weg.
Übrigens: beim Erwähnen des Internet-Projekts ist dir ein Schreibfehler unterlaufen. Es nicht freiwelligfrei, sondern freiwilligfrei.
Liebe Grüße heikophilo

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo Heikophilo,

ich werde mir noch mal überlegen, ob ich den Beitrag nicht doch in "ausgewählte Beiträge" verschiebe (oder ihn nochmal neu schreibe), weil diese Studie einfach ungemein wichtig ist.

Es ist allerdings schwer, mit Fakten zu argumentieren, wenn viele Menschen emotional noch nicht so weit sind, diese auch zuzulassen, da dies an eigenen schlimmen Erinnerungen rüttelt. Das meine ich gar nicht abwertend, sondern es ist einfach so. Insofern müssen wir, glaube ich, einfach etwas Geduld haben.

Viele Grüße