Montag, 19. Oktober 2015

Studie: Familie und Rechtsextremismus

Nachfolgend stelle ich kurz die Studie „Hopf, Christel; Rieker, Peter; Sanden-Marcus, Martina und Schmidt, Christian (1995): Familie und Rechtsextremismus. Familiale Sozialisation und rechtsextreme Orientierung junger Männer. Weinheim und München: Juventa Verlag.“ vor.

Sehr ausführlich befragt wurden 25 junge Männer  (17 bis 25 Jahre alt)  in der Zeit um das Jahr 1992. Die Männer arbeiteten als Facharbeiter, Handwerker oder waren in Ausbildung (schwerpunktmäßig aus der Metallindustrie). Gezielt wollten die Forschenden keine arbeitslosen Männer interviewen, ebenso keine Männer, die bereits straffällig geworden waren oder in Heimen aufgewachsen sind.

An Hand der Interviews wurden die 25 Befragten bzgl. rechtsextremer Orientierung wie folgt eingeteilt (S. 52):
rechtsextrem = 6
eher rechtsextrem = 8
eher nicht rechtsextrem = 4
nicht rechtsextrem = 6
unklar = 1

Die Studie ist schwer umfassend zu besprechen, da sie sehr ausführlich auf die Aussagen der Personen eingeht. Grundsätzlich fand die Studie einen Zusammenhang zwischen Erfahrungen in der Familie, deren individuelle Verarbeitung und rechtsextremer Orientierung, was folgender Auszug deutlich macht:
In unserer Untersuchung haben wir einen engen Zusammenhang zwischen unsicher/nicht-autonomen Typen der Bindungsrepräsentation und rechtsextremen sowie autoritären Orientierungen gefunden. Bei der Klassifizierung von Repräsentationsmustern haben wir in Anlehnung an die Attachment-Forschung nicht einfach Kindheitserfahrungen, sondern vor allem deren subjektive Verarbeitung zu erfassen versucht. (…) Es sind nicht einfach negative, familiale Erfahrungen in der Kindheit, die bei der Herausbildung rechtsextremer  und autoritärer Orientierungen bedeutsam sind, sondern die subjektiven Umgangsweisen mit den Beziehungserfahrungen.“ (S. 153)

Der Einfachheit halber habe ich nachfolgend einzelne Ergebnisse nur für die deutlich rechtsextremen und die deutlich nicht rechtsextremen Befragten zusammengefasst und die Zwischenformen weggelassen . Diese Ergebnisse sprechen für sich und stützen meine Grundthese, dass eine gewaltfreie Erziehung grundsätzlich bei „Tätertypen“ wie Rechtsextremisten nicht zu finden ist. Ebenfalls zeigte kein einziger Rechtsextremist sichere Bindungsmuster. Mensch lese selbst:

Ausgesuchte Ergebnisse (S. 194-199)

Als deutlich rechtsextrem eingestufte Befragte (6 Männer):

Autoritarismusindex bzw. autoritäre Persönlichkeit
Bei allen Befragten wurden starke Merkmale der „autoritären Persönlichkeit“ festgestellt.
autoritär/aggressiv = 3
autoritär/klassisch = 3

Körperliche Gewalt
5 Befragte berichteten von mittel bis starken körperliche Bestrafungen in der Familie
1 Befragter konnte nicht eingeordnet werden

Bindung/Einstellungen zu familiären Bindungserfahrungen
kein einziger Befragter aus dieser Gruppe zeigte sichere Bindungsmuster (Kategorie „sicher-autonom“). Sie waren entweder „abwehrend-bagatellisierend“ oder „verstrickt“.

Empathie
Die Fähigkeit/Bereitschaft zu Empathie war bei 4 Befragten „deutlich nicht gegeben“, bei einem „eher gegeben“ und bei einem anderen „nicht einzuordnen“.

Längerfristige Beziehungen zu Freundin
5 Befragte = nicht vorhanden
1 Befragter vorhanden

Erfahrung von liebevoller Zuwendung seitens der Mutter
wenig = 2 Befragte
mittel = 2 Befragten
viel = 1 Befragter
nicht einzuordnen = 1 Befragter

Persönliche Anmerkung: Interessant ist, dass der Befragte ("Hans"), der hier als einziger in der Kategorie "viel liebevolle Zuwendung" kam auch der einzige Rechtsextremist ist, der bzgl. Empathie auch als einziger in die Kategorie "eher gegeben" eingestuft wurde. Hans erlebte aber auch mittel bis starke elterliche Gewalt, was nichts mit liebevoller Erziehung zu tun hat. Vielleicht deuten seine Angabe aber darauf hin, dass seine Mutter ambivalent war und eine situative Zuneigung u.a. auch Auswirkungen auf die Entwicklung von leichter Empathie hatte. Dies ist natürlich nur eine Vermutung. .

Erfahrung von liebevoller Zuwendung seitens des Vaters
wenig = 2 Befragten
mittel = 3 Befragte
viel= 0
nicht einzuordnen = 1


deutlich keine rechtsexreme Orientierung (6 Männer).

Autoritarismusindex bzw. autoritäre Persönlichkeit
Bei allen Befragten wurden keine deutlichen Merkmale der „autoritären Persönlichkeit“ festgestellt, sondern entweder gar keine oder eine Zwischenvariante oder in einem Fall nicht einzuordnen

Körperliche Gewalt
1 Befragter berichteten von mittel bis starken körperliche Bestrafungen in der Familie
5 Befragter erlebten keine oder sehr leichte Strafen

Bindung/Einstellungen zu familiären Bindungserfahrungen
3 Befragte wurden  als „sicher-autonom“ einkategorisiert.
1 Befragter  „abwehrend-bagatellisierend“
2 Befragte konnten nicht eingeordnet werden

Empathie
1 deutlich gegeben
3 eher gegeben
1 teils teils
1 deutlich nicht gegeben

Längerfristige Beziehungen zu Freundin
2 Befragte = nicht vorhanden
4 Befragte = vorhanden

Erfahrung von liebevoller Zuwendung seitens der Mutter
wenig = 2 Befragte
mittel = 2 Befragten
viel = 2 Befragter

Erfahrung von liebevoller Zuwendung seitens des Vaters
wenig = 2 Befragten
mittel = 4 Befragte
viel= 0


Zwei Fallbeispiele: "Thomas" und "Xaver"


"Thomas" (als deutlich rechtsextrem eingeordnet)

Seine Eltern unterstützten ihn wenig, hatten wenig Zeit für ihn, waren wenig einfühlsam und aggressiv/gewalttätig gegenüber ihrem Sohn. (S. 101+114) Die Mutter schlug ihn mit einem Kochlöffel oder dem Teppichklopfer, der Vater mit der Hand. Thomas erzählt im Interview von einer Begebenheit im Kindergarten. Ein Kind hatte ihm mit einer Schaufel das Nasenbein gebrochen. Er kam ins Krankenhaus und bekam einen Gipsverband. Als die Mutter ihn dort besuchte, habe sie sich "halbtot gelacht", er sähe ja "so witzig aus". (S. 101) Thomas selbst bestreitet, dass das Verhalten seiner Eltern Einfluss auf sein späteres Leben gehabt hätte. (S. 115)

"Xaver"  (als deutlich rechtsextrem eingeordnet)

Xaver beschreibt viele Konflikte mit seinem Vater und auch seine Wut/Hass gegen ihn. Der Vater zwang ihn jeden Tag (auch Sonntags oder im Urlaub) für die Schule zu üben.  Xaver betont, mit seinem Vater nichts mehr zu tun haben zu wollen. Als der Vater einmal sein Zimmer durchsuchte, weil er vermutete, der Sohn habe ihm ein Buch gestohlen (was nicht stimmte), wurde er von Xaver mit einem Baseballschläger bedroht und aus dem Zimmer getrieben. Seit dem habe er nie wieder mit seinem Vater gesprochen. (S. 120+121) An einer Stelle beschreibt er seine Beziehung zu seinen Eltern. "So wie ich derzeit mit meinen Eltern auskomme und so, will ich mal ganz grundsätzlich sagen, würd`s mir wohl nichts ausmachen, wenn se sterben. (...) mir wär`s eigentlich egal, ich meine, weil dann habe ich mein eigenes Leben und dann bin ich frei und dann kann ich alle machen, was ich will und so (...)" (S. 123)
Xaver erlebte - wie die anderen rechtsextremen Befragten - auch mittel bis starke körperliche Gewalt in der Familie. (S. 199) Bzgl. erfahrener liebevoller Zuwendung seitens Mutter und Vater wurde er in die Kategorie "mittel" eingestuft, was vor diesen vorgenannten Aussagen verwundert. Vermutlich hat er rückblickend die Beziehung zu den Eltern teils beschönigt, was nicht ungewöhnlich für einst gedemütigte Kinder ist.
Xaver betont, sein Hass gegen "Kanaken" oder "Linke" sei "maximal, der geht schon nicht mehr höher" (...) also das ist dieser Hass gegen diese Leute und so. Ich glaube, man muss mich (...) eher umbringen, bevor ich das irgendwie raus habe aus meinem Hirn oder so. Das kann man mir auch nicht rausschlagen (...)." (S. 149) Von den Forschenden wird dieser Hass und Tötungsfantasien im Zusammenhang mit dem verstrickten familialen Repräsentationsmuster gesehen.




Kommentare:

Sven Fuchs hat gesagt…

Ich habe heute den Beitrag noch um zwei Fallbeispiele (unten im Text) ergänzt!

Jörg.B hat gesagt…

Hallo Sven. Toller Artikel. Dieses Buch kostet bei Amazon ca 20 Euro. Ich finde genau solche Studien könnten die mal in unseren Schulen durchgehen, damit die Schüler mal verstehen warum manche Kinder anders denken als andere. Ich persönlich habe das Buch bzw die Studie nicht gelesen, aber es ist mit Sicherheit ein interessanter Ansatz solche Studien darüber zu machen. LG Jörg

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo Jörg,

danke für die positive Kritik. Das hier dürfte Dich auch interessieren. http://www.kriegsursachen.blogspot.de/2015/07/studie-kindheiten-von.html (falls noch nicht gelesen.)

Viele Grüße

Sven

Anonym hat gesagt…

Was mir aufgefallen ist: Die beiden von Ihnen ausgewählten Gruppen (einmal als „deutlich rechtsextrem eingestuft“ sowie zum anderen als „deutlich keine rechtsextreme Orientierung“) lassen sich ja durch ihre Größe (jeweils 6 Beteiligte) gut vergleichen. Obwohl sie sich praktisch diametral gegenüber stehen unterscheiden sie sich ganz offensichtlich hinsichtlich der „Erfahrung von liebevoller Zuwendung durch die Mutter“ nicht oder nur minimal. Sowohl diejenigen, die deutlich rechtsextrem sind, als auch diejenigen, die genau das Gegenteil sind, haben demnach gleichhäufig „wenig“, bzw. „mittel“ viel liebevolle Zuwendung durch die Mutter erfahren; bei der Kategorie „viel“ liebevolle Zuwendung durch die Mutter ist eine eindeutige Beurteilung aufgrund der Unbestimmtheit einer Aussage nicht möglich, aber auch da gibt es eher Übereinstimmung. Ähnlich verhält es sich mit dem Faktor „liebevolle Zuwendung durch den Vater“. Auch hier finden sich eher große Ähnlichkeiten in der Verteilung bei beiden sich eigentlich entgegenstehenden Gruppen. In der Konsequenz führt mich das zu dem Schluss, dass der Faktor „Erfahrung von liebevoller Zuwendung durch die Mutter bzw. den Vater“ für den Rechtsextremismus der Kinder offenbar keine Rolle spielt; es scheint (zumindest in dieser Studie) so, dass sowohl „wenig“, „mittel“ oder „viel“ liebevolle Zuwendung durch die Eltern sowohl zum Rechtsextremismus wie zu seinem Gegenteil führen kann. Oder es zeigt sich ganz einfach, dass diese Studie mit wenig geeigneten Kategorien gearbeitet hat und daher ihre Qualität bzw. Aussagekraft zu hinterfragen ist. Problematisch jedenfalls finde ich (ich kenne allerdings die Originalarbeit nicht, sondern nur das hier von Ihnen veröffentlichte), dass es sich einerseits um Selbstauskünfte der Befragten (hinsichtlich der erwähnten Zuwendung durch die Eltern), andererseits offensichtlich (?) um Bewertungen bzw. Kategorisierungen von außen („wurde festgestellt“, „eingeordnet“, „eingestuft“, „war nicht gegeben“, usw.) handelt. Problematisch insofern, dass es sowohl bei der Selbsteinschätzung von Kindheitserfahrungen als auch bei der Beobachtung von außen zu Verzerrungen kommen kann. Ein Beobachter beeinflusst das Beobachtete beim Beobachten. Gerade beim Thema Kindheit spielen eingefleischte gesellschaftliche Tabus, Wahrnehmungsverzerrungen und „erwünschte“ Ergebnisse (in die eine oder andere Richtung) eine nicht zu unterschätzende Rolle. Insofern kann ich also nur feststellen, dass diese Studie mich insgesamt eher zweifelnd als schlauer zurücklässt.

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo Anonym,

danke für diesen wichtigen Kommentar.

Vorweg ein Zitat aus der Studie:
"Bemerkenswert ist gemäß unseren Ergebnissen die Bedeutung, die die Qualität der mütterlichen Zuwendung für die Entwicklung autoritärer Dispositionen hat. Diejenigen, die über ein hohes Maß mütterlicher Zuwendung berichten, argumentieren in moralischen Konfliktsituationen fast ausschließlich normbezogen und zeigen überwiegend keine Neigung zur autoritären Aggressivität. Befragte, ohne entsprechende Zuwendungserfahrungen neigen eher zur moralischen Heteronomie sowie zu Aggressionen und Strafwut gegen Schwächere." (S. 177)

Grundsätzlich zeigt die Studie in der Tat einige Schwächen bzgl. vertiefenden Beschreibungen, obwohl sie ja qualitativ war. Ich habe ja oben im Artikel den Fall "Xaver" beschrieben, der bzgl. liebevoller Zuwendung "mittel" eingestuft wurde, obwohl seine konkreten Aussagen, die ich oben zitierte wie auch die Gewalterfahrungen ein ganz anderes Bild zeigen. Insofern gehe ich davon aus, dass man den studienteil "Zuwendung" nur bedingt in die Bewertung mit einfließen lassen kann. Entweder auf Grund von subjektiver fehleranfälliger Kategorisierung durch die Forschenden oder - was ich eher glaube - dadurch bedingt, dass einst gedemütigte Kinder erfahrungsgemäß oft dazu neigen, ihre Eltern als wie auch immer liebevoll zu sehen, einfach weil es schwer zu ertragen ist, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen.

Viel deutlicher sind die festgehaltene Ergebnisse bzgl. mittel bis zu starker körperlicher Gewalterfahrungen (die gegen liebevolle Zuwendung sprechen) der Extremisten. Und natürlich die Symptome (als folge von destruktiver Kindheit): Tendenz Empathieunfähigkeit und autoritäre Persönlichkeit und Beziehungsstörungen bzgl. Frauen.

Sven Fuchs hat gesagt…

Ergänzung:

Was mich grundsätzlich bei dieser (wie auch ähnlichen) Studie stört ist, dass nicht die Häufigkeit von Gewalterleben aufgezeigt wurde. Ebenfalls erstaunlich ist, dass in den Berichten von den Extremisten Thomas und Xavar (siehe oben) Vernachlässigung wie auch psychische Gewalt seitens der Eltern anklang, auch dies hätte man weiter beschreiben können und sollen (bezogen auch auf die anderen befragten). Wie auch immer. Trotz aller Kritik bleibt die Studie in ihren Ergebnissen deutlich bzgl. des Einflusses von Kindheitserfahrungen.

Anonym hat gesagt…

Hallo Herr Fuchs,

danke für Ihre reflektierte Rückmeldung zu meinen Anmerkungen. Wie gesagt, ich kenne die Originalarbeit nicht, daher halte ich es für wenig sinnvoll, darüber weiter zu diskutieren. Mein allgemeiner Eindruck bleibt jedoch: Es gibt möglicherweise bessere Studien zum Thema bzw. Themenkomplex. Das ist aber keine Kritik an Ihnen bzw. Ihrer Seite, denn Ihre Beiträge lese ich regelmäßig mit großem Gewinn und sehe die Ursachen von (späterer) Gewalt ähnlich wie Sie.

Schöne Grüße!

Sven Fuchs hat gesagt…

Hallo nochmal,

danke für die nette Kritik :-)

Ja, die Studie hat in der Tat Schwächen, heute würde man diese wohl etwas anders aufziehen und gestalten.