Montag, 24. Juni 2019

Mord an Walter Lübcke. Kindheit und Lebensweg von Stephan Ernst


Hinweis: Am 27.06. aktualisiert um den klaren Nachnamen des Täters

Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) beschäftigt derzeit das Land. Heute Vormittag hörte ich im Deutschlandfunk die Sendung „Kontrovers“ zu diesem Fall und zum Thema Rechtsextremismus allgemein. Ich kam in der Tat auch bei der Hörerhotline durch und man bat an, evtl. zurückzurufen. Ich hatte der Dame dort erzählt, dass bei solchen Diskussionen stets das Thema destruktive Kindheitserfahrungen ausgeklammert bleibt. Und dies, obwohl es mittlerweile so einige Studien dazu gibt, die alle samt nahelegen, dass Rechtsextremisten in einem enorm hohen Ausmaß von elterlicher Gewalt, Vernachlässigung und sonstigen belastenden Kindheitserfahrungen betroffen sind. Ich verwies auch kurz darauf, dass vom BKA selbst die Studie „Die Sicht der Anderen“ veröffentlicht wurde, in der entsprechende Kindheitshintergründe festgestellt wurden und die Experten trotzdem fast nie darüber sprechen. Geladen bei „Kontrovers“ waren u.a. Andreas Grün (Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Hessen) und Prof. Gideon Botsch (Leiter der Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus am Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam). Leider wurde ich nicht zurückgerufen. Ich war allerdings zu meinem Bedauern auch erst ca. 15 Minuten vor Sendeschluss durchgekommen.

Ich hätte die Runde kurz dazu ermahnt, die Kindheitshintergründe bei dem Thema nicht zu vergessen und ich hätte gesagt, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke, Stephan. Ernst , eine sehr destruktive Kindheit hatte.

Am Nachmittag recherchierte ich dann kurz über die Kindheit von Stephan Ernst Normalerweise dauert es oft lange Zeit, bis entsprechende Hintergründe nach solchen Taten bekannt werden. Zu meinem Erstaunen liegen schon jetzt deutliche Informationen vor.

Der Lebensweg von Stephan Ernst entspricht geradezu in lehrbuchartiger Reinform dem klassischen Werdegang solcher Täter. In meinem Buch habe ich entsprechende Studien über Rechtsextremisten besprochen. Stephan Ernst passt 100%ig in das Raster.

Stephan Ernst war in Kindheit und Jugend ein zurückgezogener Einzelgänger. Schon früh wird er auffällig, u.a. durch Delinquenz und als Jugendlicher durch Springerstiefel und rechte Gesinnung. Er schaffte den Hauptschulabschluss, brach später seine Lehre ab und setzte schließlich als 15-Jähriger ein Mehrfamilienhaus in Brand. Mit ca. 18 Jahren stach er mit einem Messer auf einen Menschen mit Migrationshintergund ein. Ca. ein Jahr später verübte er einen Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim, der allerdings misslang.
Später wurde von Gutachtern Fehlentwicklungen, Persönlichkeitsstörungen und selbstverletzende Tendenzen bei Stephan Ernst festgestellt. Nachdem einmal eine Freundschaft mit einem Türken gescheitert war, habe er sich das Wort "Haß" in die Hand geritzt. (Alle vorgenannten Infos und auch nachfolgende Infos zur Kindheit siehe Quelle hier: Stettin,I, Herrnkind, K. & Eißele, I. (2019, 20. Juni): "Hass auf alles und jeden": Auf den Spuren des Mannes, der Walter Lübcke ermordet haben soll. Stern.de)

Stephan Ernst hatte in einem früheren Gerichtsprozess seine Kindheit als wenig glücklich geschildert. „Sein Vater sei Alkoholiker gewesen. Aus Angst vor ihm habe er `mit einem Messer im Bett` geschlafen. Die Mutter habe gearbeitet, so dass er als `Schlüsselkind` viel allein gewesen sei.“ (stern.de)
Die kurzen Schilderungen über seine Kindheit offenbaren bereits ein enorm hohes Ausmaß an Destruktivität in dieser Familie. Wie so oft bei solchen Fällen, gehe ich davon aus, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. Wer aus Angst vor dem eigenen Vater mit einem Messer im Bett schläft, der wird vorher Etliches erlebt und erlitten haben. Sollte Stephan Ernst erneut begutachtet werden, werden wir evtl. noch ein erweitertes Bild über seine Kindheit erhalten.

Ach hätte man mich doch heute in der genannten Sendung zu Wort kommen lassen. Dieser aktuelle Fall darf nicht isoliert betrachtet werden. Er reiht sich bzgl. der Sozialisation solcher Täter ein in eine lange Liste anderer Fälle.

Freitag, 21. Juni 2019

Was die Krise der etablierten Parteien und "Fridays for Future" mit veränderten Kindheiten und Erziehungsstilen zu tun hat


Nachdem es innerhalb der ZDF-Sendung von Markus Lanz am 12.06.2019 um einen rauen Umgang und Machtkampf innerhalb von Parteien (insbesondere innerhalb der SPD, aber auch bei der CDU) ging, äußerte sich der Journalist Robin Alexander folgendermaßen:
Die Leute wollen das heute nicht mehr. Ich glaube, das Publikum hat sich verändert und nicht die Akteure. (…) Wir haben so eine neue Sensibilität, deshalb kommen auch die Grünen so gut, die ja die ganze Zeit darstellen: Habeck und Baerbock, wie mögen sie sich und sie teilen sich das Büro und wie toll. Die Leute wollen heute eine kooperative Führung mindestens dargestellt haben. Und dieses alte Harte, was die SPD macht wie eh und je, kommt nicht mehr gut an.

Ich habe genau auf einen solchen Aufhänger gewartet! SPD und CDU (aber zum Teil sicher auch die LINKE und die FDP) reiben sich verwundert die Augen und staunen, was da in letzter Zeit passiert. Spätestens seit der Europawahl ist klar, dass sich die politische Landschaft radikal ändern wird.
Bei den 18- bis 35-Jährigen waren die GRÜNEN bei der Europawahl 2019 die stärkste Kraft.
Hätten nur die unter 25-Jährigen gewählt, wären die GRÜNEN sogar bei 34% der Stimmen gelandet, einzig die CDU wäre noch mit 12% im zweistelligen Bereich. Und: Der Aufwind der AFD wäre jäh am Ende, denn diese hätte von den unter 25-Jährigen nur 5 % der Stimmen erhalten (ARD, Umfragen Wähler nach Altersgruppen).

Sicherlich spielt bei dieser Entwicklung das Thema „Klimawandel“ eine wichtige Rolle. Die GRÜNEN haben dabei von Haus aus einen Vorteil. Ich glaube aber, dass die oben zitierte Analyse von Robin Alexander eine mindestens ebenso gewichtige Rolle spielt. Robert Harbeck (geboren 1969), Annalena Baerbock (geb. 1980), Katrin Göring-Eckardt (geb. 1966) oder auch Gesine Agena (geb. 1987), Jamila Schäfer (geb. 1993), Michael Kellner (geb. 1977) oder Marc Urbatsch (geb.  1976) verkörpern nicht nur eine neue Politiker-Generation, sondern vor allem eine neue Mentalität. Und das gilt nicht nur bezogen auf die Gegenpole CDU, CSU, FDP & SPD, sondern auch bezogen auf die „alten GRÜNEN“ wie z.B. Joschka Fischer (geb. 1948), Jürgen Trittin (geb. 1954) oder Claudia Roth (geb. 1955). Allen drei Letztgenannten fehlte die emotionale Leichtigkeit, die die „neuen“ GRÜNEN mitbringen.
Die jüngeren Nachwuchspolitiker anderer Parteien sind zwar auch jung (was logisch ist), aber sie treffen nicht so gut die neuen Mentalitäten (kaum ein junger Politiker verkörpert dies im Extrem so gut wie Philipp Amthor von der CDU, der Jahrgang 1992 ist, aber eine derart konservative Ausstrahlung hat, dass man eher an frühere Zeiten erinnert wird). Zumindest nicht so treffsicher, wie die GRÜNEN.

Wer sich mit Kindheiten befasst, mit der historischen Entwicklung von Kindheit und mit sich verändernden Erziehungsstilen (in Familie und Schule), der wundert sich eigentlich nicht über die aktuelle politische Entwicklung. Diese Entwicklung war geradezu überfällig! Das Publikum hat sich verändert, stellte Robin Alexander fest. Aber die politischen Akteure nicht. Starre Parteien wie CDU, CSU und SPD haben offensichtlich nicht viel Raum gelassen, um Menschen mit neuen Mentalitäten nach oben zu lassen. Das rächt sich jetzt.
Man sieht dies alleine schon am Ungleichgewicht der Altersstrukturen in den Parteien. Die GRÜNEN haben von allen Parteien den geringsten Anteil von Mitgliedern, die über 66 Jahre (also Geburtenjahrgänge unter 1953) alt sind (nämlich 13%, im Vergleich dazu z.B. CDU = 42%, CSU = 38 % und SPD = 42 %). Der Anteil der Mitglieder, die 16 bis 35 Jahre alt sind, ist bei den GRÜNEN ungefähr doppelt so groß wie bei CDU/CSU und SPD (23 % bei den GRÜNEN, dagegen 10 % bei CDU/CSU und 13 % bei der SPD). (Zahlen siehe DER SPIEGEL, Nr. 24, 08.06.2019 „Echt jetzt?“, S. 16)

Die Daten über den stetigen Gewaltrückgang gegen Kinder in Deutschland sind bekannt. Parallel nahm stetig der Anteil der Menschen zu, die über ein hohes Maß an elterlicher Zuwendung berichten. Für die Geburtenjahrgänge zwischen den 1930er und 1950er Jahren ist nachgewiesen, dass diese Jahrgänge nur zu ca. 30 % ein hohes Maß an elterlicher Zuwendung erfahren haben, bei den Jahrgängen ab 1990 sind dagegen mittlerweile Raten von über 60 % nachgewiesen. Gesonderte Schülerbefragungen (mit hohen Fallzahlen) in Niedersachen zeigen ergänzend, dass die Geburtenjahrgänge um das Jahr 2000 mittlerweile zu 78,6 % über ein hohes Maß an elterlicher Zuwendung berichten (Pfeiffer, C., Baier, D. & Kliem, S. (2018): Zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland. Schwerpunkte: Jugendliche und Flüchtlinge als Täter und Opfer. Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften, Institut für Delinquenz und Kriminalprävention, S. 37+39.).

Oder man schaut ganz klassisch in die Shell-Jugendstudien. Der Anteil der Jugendlichen, die „bestens“ mit ihren Eltern auskommen, ist seit der Befragung 2002 stetig gestiegen, von 31 % im Jahr 2002 auf 40 % im Jahr 2015. Fasst man die Items „Kommen bestens miteinander aus“ und „Kommen klar, gelegentliche Meinungsverschiedenheiten“ zusammen, dann ergibt sich folgendes Bild: 2002 = 89 %, 2006 = 90 %, 2010 = 91 % und 2015 = 92 %.  (Geburtsjahrgänge für die Befragung 2002 = ca. 1977 – 1990, für 2015 = ca. 1990 – 2003) Insgesamt betrachtet erging es den Generationen ab dem Geburtenjahrgang 1977 (meinem Geburtsjahr!) also recht gut in ihren Familien.
Noch deutlicher sind sie Ergebnisse, wenn es um die Frage geht, ob man die eigenen Kinder „genauso“ oder „ungefähr so“ erziehen würde, wie man selbst von seinen Eltern erzogen wurde. Dabei gibt es eine stetige Steigerung: 1985 = 53 %, 2000 = 72 %, 2002 = 69 %, 2010 = 72 % und 2015 = 74 % (Shell Deutschland Holding (Hrsg.) 2015: Jugend 2015. Eine pragmatische Generation im Aufbruch. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 52-55.)

Diese so aufgewachsenen Menschen können nichts mehr mit der ruppigen Art, Machtspielen und rhetorischen Luftblasen in der Politik anfangen. Sie wurden kooperativ erzogen und verstehen das Gehampel der politischen Akteure nicht mehr. Das hat die Politik bisher nicht verstanden!

Eine pragmatische Generation im Aufbruch“ wurde die Shell-Studie 2015 betitelt. Gerade im Jahr 2019 mit den Fridays for Futures-Demos könnte dieser Titel nicht besser passen. Wer sich diese Demos hierzulande anschaut, der sieht Kinder und Jugendliche mit einer klaren, ungetrübten Sicht und deutlichen, auf Fakten beruhenden Zielen, das Ganze auch noch gänzlich gewaltlos und ohne Hass. (Bei den 1968ern sah das noch anders aus, vor allem was Hass, Feindbilder und Gewaltfreiheit anging.)

Um die Zukunft müssen wir uns (vom Klimawandel abgesehen) hierzulande keine Sorgen machen. Alle vorliegenden Daten und Informationen zu Kindheit und Jugend lassen den Schluss zu, dass sich unsere Gesellschaft nachhaltig und positiv Stück für Stück weiterentwickeln wird. Die starren, konservativen Charaktere der Vergangenheit, die noch mit Zucht und Ordnung erzogen wurden, gehören bald der Geschichte an. (Schlechte Nachrichten vor allem auch für die AFD und ähnlich Gesinnte!) Oder wie es der Kinderarzt Herbert Renz-Polster anlässlich seines Buches „Erziehung prägt Gesinnung“ in einem Interview formulierte: „Wir haben aktuell die liberalste Gesellschaft in Deutschland, die es jemals gab. (…) Wir ernten derzeit die Früchte einer würdigeren und befreienderen Erziehung. Insbesondere in den Familien haben wir heute ein viel sichernderes, emotional wärmeres, zugewandtes und bedürfnisorientiertes Umfeld“ (Schubert, F. (2019, 25. April): „Nur wer sich selbst als wertvoll ansieht, kann auch anderen einen Wert zugestehen“. Frankfurter Rundschau.).

(Und ja, es ist kein Zufall, dass ich diesen Beitrag heute, da der erste internationale Klimastreik in Aachen stattfindet, veröffentliche ;-) )



Dienstag, 18. Juni 2019

Oliner & Oliner: Die Kindheit von JudenretterInnen


In meinem Blog hatte ich bereits 2012 von der Studie von Eva Fogelman berichtet, die bei der Mehrheit der von ihr untersuchten Judenretter und Judenretterinnen eine auffällig positive Kindheit finden konnte. Fogelman sieht diese Kindheitserfahrungen in einem direkten Zusammenhang zum helfenden Verhalten dieser Menschen während der NS-Zeit.

Es gibt eine weitere Studie zu diesem Thema, die ich bisher nur in meinem Buch besprochen habe. Die Ergebnisse halte ich für so bedeutungsvoll, dass ich diese auch im Internet unbedingt kurz vorstellen möchte.

Oliner & Oliner (1992) haben 406 Judenretter und -retterinnen aus verschiedenen europäischen Ländern befragt und die Daten mit 126 Nicht-Rettern (von denen allerdings 52 bekundeten, dass sie gegen die Nazis agiert oder Juden geholfen hätten, was allerdings nicht überprüfbar war), die zur gleichen Zeit in den gleichen Regionen gelebt hatten, verglichen. Die Kindheiten und Familien der Judenretter unterschieden sich signifikant von den Kindheiten und Familien der Nicht-Retter. So wurde z.B. nur in 1,4 % der Familien der Judenretter der Gehorsam betont, bei den Nicht-Rettern waren es 8,5 %. In 70,3 % der Familien der Retter wurden ethische Werte betont, bei den Nicht-Rettern waren es dagegen 55,9 %. 78,4 % der Retter hatten einen starken familiären Zusammenhalt erlebt, dagegen 55,7 % der Nicht-Retter. 32 % der Retter und 40 % der Nicht-Retter berichteten von Körperstrafen in der Familie. Auffällig dabei ist, dass die Körperstrafen in den Familien der Retter eher keine Erziehungsroutine waren, sondern selten oder manchmal vorkamen und häufig den Strafen Belehrungen und Begründungen vorausgingen oder manchmal – den Fallbeispielen folgend - sogar Entschuldigungen folgten. Bei den Nicht-Rettern zeigten sich mehr regelmäßige Strafen und weniger oder keine Begründungen (Oliner & Oliner 1992, S. 2, 3, 162, 179-182 + Tabellen 6.7, 7.1, 7.11 im Anhang).  Ich bin mir sicher, dass die Besonderheiten in den Familien der meisten Retter noch deutlicher zu Tage getreten wären, wenn man als Vergleichsgruppe überzeugte Nazis und Judenhasser gewählt hätte.

Die genannten Ergebnisse sind umso aussagekräftiger, wenn man sich erneut klar macht, dass diese Generation oft mit schwarzer Pädagogik überzogen wurde. Wenn die Mehrheit der Judenretter gerade nicht der Mehrheit was Kindheitshintergründe angeht entsprach, so spricht dies für alles andere als einen Zufall.



Verwendete Quelle:

Oliner, S. P. & Oliner, P. M. (1992): Altruistic Personality: Rescuers Of Jews In Nazi Europe. The Free Press, New York. Kindle E-Book Version.



Siehe ergänzend auch: Die Kindheit von Sophie Scholl

Mittwoch, 12. Juni 2019

„Arabien ist die traurigste Region der Welt“ und die tieferen Ursachen dafür


Immer wieder fallen mir in Berichten Zusammenhänge zu Kindheitserfahrungen auf. Ein aktueller Bericht sticht dabei besonders heraus, insofern muss ich jetzt etwas dazu schreiben.

 Mehrere Studien und Experteneinschätzungen legen einem Bericht der Wirtschaftszeitung brand eins (04/2019, "Trauriges Arabien" von Mareike Enghusen) nahe: „Arabien ist die traurigste Region der Welt.“ Die Raten von Depressionen und anderen psychischen Leiden würde in der arabischen Region deutlich über dem Durchschnitt der Welt liegen. In Ägypten beispielsweise leidet jeder vierte Mensch unter seelischen Problemen, meist Depressionen und Angstzuständen. In Palästina gehen dortige Psychiater von einer Depressionsrate zwischen 30 und 40 Prozent aus. Der Artikel ist deutlich ausführlicher und ich verweise entsprechend darauf. Trotz dieser Ausführlichkeit taucht in dem Artikel nicht ein einziges Mal das Wort „Kindheit“ auf.
Kulturelle und religiöse Normen, Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, auch Kriegs- und Terrorerfahrungen werden u.a. als Ursachen für seelisches Leid genannt. Aber Kindheitserfahrungen? Kein Wort davon!

Der Autorin kann man dabei kaum einen Vorwurf machen. Das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder und von weiteren kindlichen Belastungsfaktoren im arabischen Raum ist im öffentlichen Bewusstsein noch nicht angekommen. Die große UNICEF-Studie aus dem Jahr 2014 wurde zwar in (kleinen) Artikeln hier und da besprochen, aber das reichte nicht aus, um ein bleibendes Bewusstsein für das enorme Ausmaß der Gewalt zu schaffen. Der arabische und auch afrikanische Raum ist weltweit führend, was die Misshandlung von Kindern angeht...

Hier noch einmal die Zahlen für Ägypten und Palästina aus der UNICEF-Studie (Zahlen gelten für Gewalterleben von Kindern im Alter von 2 - 14 Jahren innerhalb eines Monats vor der Befragung, das Gewalterleben für die gesamte Kindheit dürfte entsprechend höher sein):

Ägypten
körperliche und/oder psychische Gewalt: 91 %
körperliche Gewalt:  82 %
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 42 %
psychische Gewalt: 83 %

Staat Palästina
körperliche und/oder psychische Gewalt: 93 %
körperliche Gewalt:  76 %
besonders schwere körperliche Gewalt: ca. 27 %
psychische Gewalt: 90 %

Im Falle von Ägypten kommt eine weitere Besonderheit hinzu: Noch in unserer heutigen Zeit ist die Genitalienverstümmelung in Ägypten sehr weit verbreitet; 91 % aller ägyptischen Frauen zwischen 15 und 49 Jahren wurden genital verstümmelt (UNICEF – United Nations Children´s Fund. (2013): Female Genital Mutilation/Cutting: A statistical overview and exploration of the dynamics of change. New York. , S. 26).

Diese Daten muss man zusammendenken mit den bekannten möglichen Folgen von Kindesmisshandlung und dabei besonders den massiv erhöhten Wahrscheinlichkeiten für Suizid, Depressionen und psychische Krankheiten wie sie in den ACE-Studien (Verknüpfung von belastenden Kindheitserfahrungen mit dem Gesundheitszustand von Erwachsenen) festgehalten wurden.
Befragte mit einem ACE-Wert von vier und mehr (also mehrere erlittene belastende Kindheitserfahrungen) haben beispielsweise ein um 460% erhöhtes Risiko an einer Depression zu erkranken und ein um 1.220 % erhöhte Wahrscheinlichkeit eines Suizidversuches, als jemand mit einem ACE Wert von null (Felitti, V. J. (2002): Belastungen in der Kindheit und Gesundheit im Erwachsenenalter: die Verwandlung von Gold in Blei. In: Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Jg. 48, Nr. 4, S. S. 365+366).
Ab einem ACE Wert von sechs und höher ist die Wahrscheinlichkeit für einen Suizidversuch sogar um 3.000 bis 5.100 % erhöht (Felitti, V. J., Fink, P. J., Fishkin, R. E. & Anda, R. F. (2007): Ergebnisse der Adverse Childhood Experiences (ACE) – Studie zu Kindheitstrauma und Gewalt. In: Trauma & Gewalt. Jahrgang 1, Heft 2. S. 26).

Es braucht viel mehr Aufklärung über Ausmaß und mögliche Folgen von belastenden Kindheitserfahrungen. Nur dann können gesellschaftliche Phänomene richtig und umfassend erklärt werden. Nur dann kann auch eine nachhaltige Prävention stattfinden. Wer wundert sich im Angesicht der aufgezeigten Daten ernsthaft darüber, dass die Menschen vor Ort psychisch krank werden? Und wer wundert sich ernsthaft darüber, dass Demokratisierungsprozesse in der arabischen und afrikanischen Region derart schwierig vorankommen bzw. oft sogar noch Rückschritte gemacht werden?

(Übrigens: Suizid ist im Islam eine große Sünde. Dagegen wird jemand, der als Märtyrer stirbt, oft hoch verehrt. Ich frage mich nicht das erste Mal, ob nicht die selbstdestruktiven Prozesse im arabischen Raum, dabei vor allem auch die Terrorwellen, einfach nur Ausdruck einer kollektiven Suizidalität sind. Da der Suizid religiös ein Tabu ist, werden andere Wege gefunden, damit massenhaft Menschen in den Tod gehen. Ein ehemaliger, ernüchterter Kämpfer des IS sagte beispielsweise in einem ZEIT-Interview: "Der IS ist ein gottloser Geheimdienststaat unter dem Deckmantel der Religion. Die Ideologen haben uns unseren Krieg gestohlen. Sie sind radikal. Sie kommen, um zu sterben. Sie wollen nicht siegen, sie wollen zu Gott.")