Am 04.02.2015 hat sich Papst Franziskus in seiner wöchentlichen Generalaudienz im Prinzip für Körperstrafen gegen Kinder ausgesprochen. Sein entscheidender Satz lautete:
"Einmal habe ich einen Vater bei einem Treffen mit Ehepaaren sagen hören: 'Ich muss manchmal meine Kinder ein bisschen schlagen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu demütigen'." "Wie schön!", erklärte Franziskus. "Er weiß um den Sinn der Würde. Er muss sie bestrafen, aber tut es gerecht und geht dann weiter." (siehe z.B. ZEIT-Online) Seine Äußerungen kann mensch auch als Video auf youtube sehen. Als der Papst mit den Worten „Wie schön!“ beginnt, hebt er belehrend und unterstreichend die rechte Hand (Daumen und Zeigefinger verbindend) und gleitet in ein Lächeln ab, als er auf die „Gerechtigkeit“ der Strafe zu sprechen kommt. Ich fand seine Aussage und Gesten sehr authentisch. Sprich: Er glaubt wirklich, dass Körperstrafen „gerecht“ und „würdevoll“ sein können und Sinn machen, um Kinder väterlich zu „korrigieren“ (Dass Väter ihre Kinder mit „Bestimmtheit korrigieren“ sollen, sagte er vorher in seiner Rede.)
Dazu habe ich (passend zur kirchlichen Tradition) dreifaltige Anmerkungen:
1. Die Reaktionen in den deutschen Medien und auch in Kommentarbereichen entsprechender Artikel über die Papstaussage sind eindeutig kritisch. Gewalt gegen Kinder kann niemals würdevoll sein und ist falsch, das ist die überwiegende Reaktion. Ist das nicht großartig? Noch vor 15-20 Jahren hätte es kaum derart breite kritische Anmerkungen in den Medien bzgl. der Papstaussage gegeben.
2. Viele befürchten, dass der Papst durch seine Äußerungen Gewalt in der Erziehung befördern könnte. Das glaube ich weniger. Er stützt eher die, die sowieso schon schlagen. Eltern brauchen keine päpstlichen Belehrungen, um Schläge auszuteilen. Sie kommen alleine darauf, weil sie nur das weitergeben, was sie selbst als Kind erlitten haben.
Anders wäre es gewesen, wenn er sich eindeutig gegen jegliche Gewalt in der Erziehung gestellt hätte. Da hätte manch gläubiger Katholik vielleicht Denkanstöße mit nach Hause bekommen.
3. Das besonders Erschreckende an seinen Äußerungen ist etwas, dass in den Medien nicht angesprochen wurde. Die o.g. Papstaussage lässt die starke Vermutung zu, dass Franziskus selbst als Kind geschlagen wurde. „Auf Nachfrage verteidigte Vatikan-Vertreter Thomas Rosica die Thesen des Papstes.“, schreibt die ZEIT. „Wer habe nicht schon einmal sein Kind gezüchtigt oder sei von den Eltern gezüchtigt worden, schrieb Rosica in einer E-Mail. Der Papst habe nicht über Gewalt oder Grausamkeit gegenüber Kindern gesprochen, sondern vielmehr darüber, jemandem zu Wachstum und Reife zu verhelfen.“ Der Papst-Sprecher Rosica spricht im Grunde also aus, was ich vermute. Wer sei nicht schon einmal als Kind geschlagen worden?, antwortet er, wohl auch im Namen des heiligen Vaters Franziskus. (Rein statistisch ist es eh extrem wahrscheinlich, dass er als Kind geschlagen wurde. Er ist Jahrgang 1936 und stammt zudem aus Südamerika, wo das Schlagen von Kindern auch heute noch sehr weit verbreitet ist)
Nun möchte ich nicht schreiben, dass es grundsätzlich erschreckend ist, dass ein – vermutlich – als Kind Geschlagener so eine mächtige Position wie die des Papstes inne hat (Natürlich sind die Mächtigen in der Welt eh den gleichen Erziehungspraktiken ausgesetzt gewesen, wie das Volk) Erschreckend ist, dass dieser mächtige Mensch offensichtlich weiterhin mit dem Aggressor identifiziert ist (wobei es da unterschiedlich starke Ausprägungen gibt) Wo elterliches Gewaltverhalten mit einem Lächeln unterstrichen wird und Gewalt mit positiven Begriffen wie „Würde“ und „Gerechtigkeit“ verbunden wird, da stimmt etwas nicht in dem emotionalen Zugang zur Welt, da wurde die eigene Wahrnehmung einst vernebelt und verdreht. Die Frage ist, in wie weit dies politisch-kirchliche Entscheidungen ggf. mit prägt. Und eine andere grundsätzliche Frage ist auch, in wie weit eine Organisation wie die katholische Kirche - mit ihren festen Hierarchien, ihren festen Strukturen und Erklärungen von Welt – in besonderem Maße Menschen anzieht, die durch ihre Kindheitserlebnisse aus der Bahn geworfen wurden und Sinn und Halt suchen. Ohne dass ich dies jetzt zwangsläufig negativ bewerte, denn ein religiöses Auffangen, dass nicht zu Gewalt und Destruktivität führt, kann ja auch nützlich sein.
Übrigens hat einzig die Pädagogin Katharina Saalfrank in einem offenen Brief an den Papst den vorgenannten Gedanken ebenfalls öffentlich gemacht (Danke an Mario für den Hinweis auf den Brief im Gästebuch!) Sie schreibt: "Im Grunde aber strafen die Erwachsenen zumeist, weil sie als Kinder selbst geschlagen wurden und unbewusst etwas selbst Erlebtes wiederholen. Würden wir uns gegenüber sitzen, so würde ich die Frage stellen, wie war es eigentlich bei Ihnen? Vermutlich haben Sie selbst Schläge erlebt und die Programmierung „es geschieht zu Deinem Besten“ hat vortrefflich funktioniert." (siehe hier)
Dass Eltern Kindern nicht immer gerne ins Gesicht schlagen, hat übrigens oft einen ganz anderen Grund, als den, sie – angeblich - nicht „in ihrer Würde zu verletzten“. Schläge ins Gesicht hinterlassen sichtbare Spuren für Nachbarn, Lehrer und Umfeld und das könnte im Zweifel Konflikte hervorrufen.
Anmerkung:
Im Kommentarbereich des o.g. ZEIT-Artikels hat übrigens jemand im Kommentar Nr. 3 folgendes geschrieben:
"Ich bin froh darüber, dass mich mein Vater damals als ich mit 11 Jahren angenfangen habe aus meinen elterlichen Portmonee Geld zu stibitzen mir einpaar gescheurt hat. Oder meine Mutter als ich mehrere 6er hintereinander nach Hause gebracht habe nur wegen Faulheit. Es hatte seine nachhaltige Wirkung.
Alles was ich heute bin oder erreicht habe, habe ich meinen Eltern zu verdanken. Meinen Eltern war ich halt nicht einfach egal wie bei anderen Eltern es so oft der Fall ist.
Es gibt halt einfach schwierige Kinder wo einfache Strafen wie Hausarrest oder einfaches reden nicht wirklich hilft. Bei mir war das auch nicht anders. Und nicht jede Eltern sind irgendwelche pseudo Psychologen."
Solche Kommentare finden sich vereinzelnd fast immer unter solchen Themenartikeln. Erschreckend ist dabei, wie deutlich zu sehen ist, wie das einst geschlagene Kind die Sicht der Eltern übernahm und sich unterwarf. Es ist das eigentlich ver-rückte, dass Erwachsene ihren Eltern rückblickend dankbar für Schläge sind. Ach, was hätte der Papst wohl dazu gesagt?
Dienstag, 17. Februar 2015
Montag, 26. Januar 2015
Studie: Den meisten Kindern in Deutschland geht es wirklich gut
Entgegen aller dunklen Themen in diesem Blog bleibe ich Optimist, was die weitere Entwicklung der Kindheiten angeht. Deutschland scheint da ein richtiges Zugpferd und Vorbild zu sein, das legen viele hier im Blog besprochene Daten nahe, wie auch eine aktuelle Studie.
Für die Zeitschrift Eltern wurden - jeweils in eigenen Studien und Befragungen - Eltern (1.006)und Kinder
(727 Kinder von 6 bis 12 Jahren) in Deutschland repräsentativ befragt. (Eltern, 12.01.2015, „Eltern 2015 – wie geht es uns? Und unseren Kindern?“)
77 % der Kinder meinen, dass sich ihre Eltern sehr gut verstehen und sich lieben.
Über 90 % der Kinder fühlen sich von ihren Eltern so geliebt, wie sie sind; fühlen sich bei ihren Eltern immer sicher und wohl und empfinden ihre Eltern als die besten Eltern, die sie sich vorstellen können.
93 % der Kinder finden es schön auf der Welt zu sein und 83 % meinen, dass es ihnen richtig gut geht.
Die Studie zeigt auch: Die Eltern sind gestresst und haben hohe Ansprüche an sich (höhere, als früher). Doch sind nicht die positiven Rückmeldungen der Kinder auch mal ein Eigenlob wert? Diese Frage steht so sinngemäß am Ende der Studie und dort steht auch: "Großartige Eltern, glückliche Kinder." Dem kann ich nur zustimmen.
Für die Zeitschrift Eltern wurden - jeweils in eigenen Studien und Befragungen - Eltern (1.006)und Kinder
(727 Kinder von 6 bis 12 Jahren) in Deutschland repräsentativ befragt. (Eltern, 12.01.2015, „Eltern 2015 – wie geht es uns? Und unseren Kindern?“)
77 % der Kinder meinen, dass sich ihre Eltern sehr gut verstehen und sich lieben.
Über 90 % der Kinder fühlen sich von ihren Eltern so geliebt, wie sie sind; fühlen sich bei ihren Eltern immer sicher und wohl und empfinden ihre Eltern als die besten Eltern, die sie sich vorstellen können.
93 % der Kinder finden es schön auf der Welt zu sein und 83 % meinen, dass es ihnen richtig gut geht.
Die Studie zeigt auch: Die Eltern sind gestresst und haben hohe Ansprüche an sich (höhere, als früher). Doch sind nicht die positiven Rückmeldungen der Kinder auch mal ein Eigenlob wert? Diese Frage steht so sinngemäß am Ende der Studie und dort steht auch: "Großartige Eltern, glückliche Kinder." Dem kann ich nur zustimmen.
Samstag, 24. Januar 2015
Anschlag auf Charlie Hebdo. Die Kindheit der Täter
Ich hatte kürzlich in einem Beitrag darauf hingewiesen, dass die beiden Brüder Chérif und Saïd Kouachi, die für den Terroranschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" verantwortlich sind, in einem Heim aufgewachsen sind. Den alten Beitrag lösche ich hiermit, da u.a. der SPIEGEL (Nr. 4 / 17.01.2015) mit einem Titelthema zu dem Anschlag etwas ausführlichere Informationen über Kindheit und Jugend recherchiert hat.
Der entsprechende SPIEGEL Artikel trägt den Titel „Das waren gute Kinder“ (S. 77-84; der Artikel ist auch online in englisch hier zu lesen) Eine ehemalige Erzieherin in dem Kinderheim hatte diesen (Titel-)Satz bzgl. ihrer früheren Schützlinge zu Protokoll gegeben.
Ich hatte mich in dem nun gelöschten Beitrag rein auf die Heimunterbringung konzentriert, da es in diversen Medien hieß, beide Brüder wären in sehr früher Kindheit nach dem Tod beider Eltern ins Heim gekommen. Der SPIEGEL zeigt da jetzt ein anderes Bild. Der Vater der Brüder starb 1990 an Krebs. Chérif ist zu dem Zeitpunkt ca. 8, sein Bruder Saïd ca. 10 Jahre alt. „(…) die Mutter bekam noch eine weitere Tochter mit einem anderen Mann. Sie fühlte sich überfordert mit den vielen Kindern, erzählt der Heimleiter. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Schulnoten der Brüder schlechter, sie wirkten verwahrlost. Das Pariser Jugendamt schickt die vier ältesten Geschwister in das Kinderheim nach Treignac, wo sie am 03. Oktober 1994 ankamen.“ (DER SPIEGEL, 17.01.2015, S. 78) Chérif ist 11 Jahre alt bei seiner Heimunterbringung, sein Bruder Saïd ist gerade 14 Jahre alt geworden. Die Mutter telefonierte laut SPIEGEL regelmäßig mit den Kindern, kam aber nie zu Besuch. Ca. drei Monate nach der Heimunterbringung stirbt die Mutter Anfang 1995.
Es gibt Berichte, dass sich die Mutter der Brüder nach dem Tod des Vaters prostituierte, um die Kinder durchbringen zu können. Die Brüder hätten ihre Mutter eines Tages tot in der Wohnung gefunden. Von einer Überdosis Drogen ist die Rede und von Selbstmord. (vgl. The National, 18.01.2015, “From orphans to terrorists: journey of the Kouachi brothers” und The Telegraph, 19.01.2015, “Charlie Hebdo killers 'traumatised by mother's suicide' ”; beide Artikel berufen sich wohl auf den Artikel “L’enfance misérable des frères Kouachi” vom 15.01.2015 auf “reporterre”, den ich leider weitgehend nicht verstehe, da ich kein französisch kann. Durch googel kann man ihn allerdings übersetzen lassen und erhält zumindest einen Eindruck. Der Titel sagt schon vieles (übersetzt): "Die unglückliche Kindheit der Brüder Kouachi")
Im SPIEGEL werden die Abläufe anders dargestellt, die Mutter starb demnach erst nach der Heimunterbringung. Von einem möglichen Selbstmord der Mutter ließt man allerdings auch auf Wikipedia unter Berufung auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 17.01.2015.
Es gibt also noch einige Unklarheiten und Fragezeichen. Es baut sich allerdings ein Bild auf. Egal welcher o.g. Quelle und Darstellung man folgt, so oder so, diese Kindheiten waren ein Alptraum. (Was nichts entschuldigt!)
Ein Titel wie „Das waren gute Kinder“ (wie vom SPIEGEL gewählt) lenkt eher ab. Vielmehr sollten die offenen Fragen beantwortet werden. Die Spitze des Eisberges (die vorgenannten Hintergrundinfos) sind erschreckend genung, doch wie sahen die Kindheiten in der Familie Kouachi genau aus, was passierte alles im Laufe der Jahre? Gab es Gewalt als Mittel der Bestrafung? Andere Übergriffe? Geschwister der Brüder leben noch, man könnte die Fragen klären, wenn man wollte.
Eine aktuelle UNICEF Studie stellte bzgl. des Heimatlandes der Eltern der Attentäter fest, dass 88 % der aktuellen Kindergeneration in Algerien körperliche und/oder psychische Gewalt erleben. 75 % erleben körperliche Gewalt, besonders schwere körperliche Gewalt ca. 25 % und rein psychische Gewalt 84 %. Das Ganze gilt nur für das Gewalterleben innerhalb eines Monats vor der Befragung! Algerien gehört demnach zu einem der gewaltvollsten Ländern der Welt, was den Umgang mit Kindern angeht. Die Vermutung liegt - alleine aus statistischen Gründen - nahe, dass im Hause Kouachi eher ein nicht liberaler Erziehungsgeist herrschte, sondern das genaue Gegenteil davon.
Der entsprechende SPIEGEL Artikel trägt den Titel „Das waren gute Kinder“ (S. 77-84; der Artikel ist auch online in englisch hier zu lesen) Eine ehemalige Erzieherin in dem Kinderheim hatte diesen (Titel-)Satz bzgl. ihrer früheren Schützlinge zu Protokoll gegeben.
Ich hatte mich in dem nun gelöschten Beitrag rein auf die Heimunterbringung konzentriert, da es in diversen Medien hieß, beide Brüder wären in sehr früher Kindheit nach dem Tod beider Eltern ins Heim gekommen. Der SPIEGEL zeigt da jetzt ein anderes Bild. Der Vater der Brüder starb 1990 an Krebs. Chérif ist zu dem Zeitpunkt ca. 8, sein Bruder Saïd ca. 10 Jahre alt. „(…) die Mutter bekam noch eine weitere Tochter mit einem anderen Mann. Sie fühlte sich überfordert mit den vielen Kindern, erzählt der Heimleiter. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Schulnoten der Brüder schlechter, sie wirkten verwahrlost. Das Pariser Jugendamt schickt die vier ältesten Geschwister in das Kinderheim nach Treignac, wo sie am 03. Oktober 1994 ankamen.“ (DER SPIEGEL, 17.01.2015, S. 78) Chérif ist 11 Jahre alt bei seiner Heimunterbringung, sein Bruder Saïd ist gerade 14 Jahre alt geworden. Die Mutter telefonierte laut SPIEGEL regelmäßig mit den Kindern, kam aber nie zu Besuch. Ca. drei Monate nach der Heimunterbringung stirbt die Mutter Anfang 1995.
Es gibt Berichte, dass sich die Mutter der Brüder nach dem Tod des Vaters prostituierte, um die Kinder durchbringen zu können. Die Brüder hätten ihre Mutter eines Tages tot in der Wohnung gefunden. Von einer Überdosis Drogen ist die Rede und von Selbstmord. (vgl. The National, 18.01.2015, “From orphans to terrorists: journey of the Kouachi brothers” und The Telegraph, 19.01.2015, “Charlie Hebdo killers 'traumatised by mother's suicide' ”; beide Artikel berufen sich wohl auf den Artikel “L’enfance misérable des frères Kouachi” vom 15.01.2015 auf “reporterre”, den ich leider weitgehend nicht verstehe, da ich kein französisch kann. Durch googel kann man ihn allerdings übersetzen lassen und erhält zumindest einen Eindruck. Der Titel sagt schon vieles (übersetzt): "Die unglückliche Kindheit der Brüder Kouachi")
Im SPIEGEL werden die Abläufe anders dargestellt, die Mutter starb demnach erst nach der Heimunterbringung. Von einem möglichen Selbstmord der Mutter ließt man allerdings auch auf Wikipedia unter Berufung auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 17.01.2015.
Es gibt also noch einige Unklarheiten und Fragezeichen. Es baut sich allerdings ein Bild auf. Egal welcher o.g. Quelle und Darstellung man folgt, so oder so, diese Kindheiten waren ein Alptraum. (Was nichts entschuldigt!)
Ein Titel wie „Das waren gute Kinder“ (wie vom SPIEGEL gewählt) lenkt eher ab. Vielmehr sollten die offenen Fragen beantwortet werden. Die Spitze des Eisberges (die vorgenannten Hintergrundinfos) sind erschreckend genung, doch wie sahen die Kindheiten in der Familie Kouachi genau aus, was passierte alles im Laufe der Jahre? Gab es Gewalt als Mittel der Bestrafung? Andere Übergriffe? Geschwister der Brüder leben noch, man könnte die Fragen klären, wenn man wollte.
Eine aktuelle UNICEF Studie stellte bzgl. des Heimatlandes der Eltern der Attentäter fest, dass 88 % der aktuellen Kindergeneration in Algerien körperliche und/oder psychische Gewalt erleben. 75 % erleben körperliche Gewalt, besonders schwere körperliche Gewalt ca. 25 % und rein psychische Gewalt 84 %. Das Ganze gilt nur für das Gewalterleben innerhalb eines Monats vor der Befragung! Algerien gehört demnach zu einem der gewaltvollsten Ländern der Welt, was den Umgang mit Kindern angeht. Die Vermutung liegt - alleine aus statistischen Gründen - nahe, dass im Hause Kouachi eher ein nicht liberaler Erziehungsgeist herrschte, sondern das genaue Gegenteil davon.
Montag, 5. Januar 2015
Kindheiten von RAF-Terroristen
Nachträglicher Hinweis: Die Kindheiten von Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Inge Viett, Horst Mahler, Stefan Wisniewski, Peter-Jürgen Boock, Lutz Taufer und Astrid Proll habe ich in meinem Buch besprochen und dabei Infos und Quellen eingebracht, die ich zum Zeitpunkt dieses Blogbeitrages noch nicht vorliegen hatte. Irgendwann werde ich auch den Blog bzw. diesen Beitrag hier dahingehend aktualisieren.
-----------------------------------------
Gleich Anfang des Jahres 2015 hatte ich ein „Aha-Erlebnis“. Ich googelte etwas über die Kindheit von RAF Terroristen. U.a. auch über Peter-Jürgen Boock. Ich fand die Information, dass Boock im Alter von 16 Jahren von seinen Eltern in ein Kinderheim (zur damaligen Zeit sehr strenge und gewaltvolle Orte für Kinder, wie wir heute wissen) gesperrt wurde. Das Schicksal wollte es, dass Boock gerade dort die RAF-Gründer Andreas Baader und Gudrun Ensslin kennenlernte (diese engagierten sich damals für Heimkinder) bzw. diese ihn quasi aus dem Heim heraus rekrutierten. Er habe Baader geliebt, gestand Boock in einem Interview. „Da gab es einen Grad von Verlässlichkeit, wie er mir vorher in meinem Leben nicht begegnet war.“ (Kölner Stadtanzeiger, 23.04.2007, „ Boock hat nicht den besten Leumund“)
Während ich nach weiteren Informationen über Boocks Kindheit suchte (und keine fand) stieß ich - zu meinem eigenen Erstaunen - auf meinen Blog. Und zwar auf mein Nachwort zum „Grundlagentext“, in dem ich 2008 folgendes geschrieben hatte:
„Am 18.10.07 gab es auf dem Sender N-TV eine Dokumentation über den „Terror der RAF“, in der auch der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock interviewt wurde. Er sagte dort aus, dass der Moment der Schleyer Entführung (damals kamen während der Entführung auch Begleiter von Schleyer ums Leben; Schleyer selbst wurde später umgebracht) und nachdem alles so „glatt gelaufen“ wäre, er sich so lebendig gefühlt habe, wie nie zuvor in seinem Leben. Wenn sich ein Mensch nur mit Hilfe von Terror „lebendig“ fühlen kann, dann sagt das viel über tiefere, emotionale Ursachen seiner Taten aus, die im Kern nichts mit politischen Zielen oder der Zeit usw. zu tun haben, wie ich meine.“
Ich hatte diese Textstelle glatt vergessen...
Nachträglich geben mir die o.g. Informationen über die Heimunterbringung von Boock Recht bzgl. meiner Gedanken aus dem Jahr 2008. Über Boocks Eltern habe ich noch nichts gefunden. Aber: Welche Eltern geben ihr Kind in ein Heim? Es muss eine Menge Destruktivität im Hause Boock geherrscht haben. So viel Destruktivität, dass sich der später Erwachsene lebendig fühlte, als ein anderer Mensch litt.
Der RAF Terrorist Stefan Wisniewski wurde ebenfalls von seinen Eltern als Jugendlicher in ein Heim gegeben. Siebenmal flüchtete er innerhalb eines Jahres, wurde aber immer wieder von der Polizei zurückgebracht. (SPIEGEL-Online, 23.04.2007, „Stefan Wisniewski: Wie aus einem Provinzler die Furie der RAF wurde“)
Ich habe mich bisher nur häppchenweise mit den Kindheiten von RAF-Terroristen befasst. In meinem Blog gibt es bisher nur einen Beitrag über die Kindheit von Inge Viett, die ebenfalls in einem Kinderheim und zwischenzeitlich auch bei Pflegeeltern lebte.
Bzgl. Ulrike Meinhof ist mir bisher nur die wichtige Info bekannt, dass ihr Vater starb, als sie fünf Jahre alt war. Sie ist vierzehn, da stirbt ihre Mutter an Krebs. Dies an sich spricht für eine sehr traumatische Kindheit. (Zudem war sie - Jahrgang 1934 - ein Kriegskind) Ich bin aber davon überzeugt, dass es noch mehr braucht, um zum Terroristen zu werden. Wie war der Umgang der Eltern (zu deren Lebzeiten) mit ihr? Gab es Vernachlässigungs- und Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit?
Über Andreas Baader fand ich im Internet in diversen Quellen bisher nur die Info, dass er seinen Vater nie kennengelernt hat, da dieser verstarb. Er wuchs in einem Haushalt mit Mutter, Tante und Großmutter auf und soll verwöhnt worden sein. Ich zitiere nicht gerne Diplomarbeiten, aber in folgender fand ich die Info, dass er auch längere Zeit von seiner Mutter getrennt war. Die Mutter ließ Andreas nach Kriegsende bei seiner Großmutter in Thüringen und versuchte in München Geld für die Familie zu verdienen. Erst 1949 - Andreas war sechs Jahre alt - zog die Familie gemeinsam nach München und Mutter und Sohn lebten - nach Jahren der Trennung - wieder zusammen. (vgl. Hofböck, Carina (2010): Die Berichterstattung über die RAF-TerroristInnen in den österreichischen Printmedien. Uni Wien, Diplomarbeit, S. 36) Seine Großmutter muss irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts geboren worden sein. Was für einen Erziehungsstil hat sie wohl gegenüber dem Kleinkind Andreas gelebt, als sie mit diesem alleine war? Viele Fragen bleiben offen.
Es gibt mittlerweile etliche Bücher, vor allem auch Autobiografien der Terroristen selbst, über die RAF. Mir scheint, dass man in den Kindheiten dieser Leute viele Brüche finden kann. Außerdem sprechen alleine ihre Geburtsjahrgänge rein statistisch dafür, dass sie elterliche Gewalt erlebt haben.
Sofern es meine Zeit zukünftig zuläßt, werde ich ausführlich über einzelne Terroristen recherchieren und dies hier im Blog zusammentragen. Sofern die Leserschaft hier schon ergänzende Hinweise hat, bitte, ich freue mich auf Kommentare.
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Gleich Anfang des Jahres 2015 hatte ich ein „Aha-Erlebnis“. Ich googelte etwas über die Kindheit von RAF Terroristen. U.a. auch über Peter-Jürgen Boock. Ich fand die Information, dass Boock im Alter von 16 Jahren von seinen Eltern in ein Kinderheim (zur damaligen Zeit sehr strenge und gewaltvolle Orte für Kinder, wie wir heute wissen) gesperrt wurde. Das Schicksal wollte es, dass Boock gerade dort die RAF-Gründer Andreas Baader und Gudrun Ensslin kennenlernte (diese engagierten sich damals für Heimkinder) bzw. diese ihn quasi aus dem Heim heraus rekrutierten. Er habe Baader geliebt, gestand Boock in einem Interview. „Da gab es einen Grad von Verlässlichkeit, wie er mir vorher in meinem Leben nicht begegnet war.“ (Kölner Stadtanzeiger, 23.04.2007, „ Boock hat nicht den besten Leumund“)
Während ich nach weiteren Informationen über Boocks Kindheit suchte (und keine fand) stieß ich - zu meinem eigenen Erstaunen - auf meinen Blog. Und zwar auf mein Nachwort zum „Grundlagentext“, in dem ich 2008 folgendes geschrieben hatte:
„Am 18.10.07 gab es auf dem Sender N-TV eine Dokumentation über den „Terror der RAF“, in der auch der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock interviewt wurde. Er sagte dort aus, dass der Moment der Schleyer Entführung (damals kamen während der Entführung auch Begleiter von Schleyer ums Leben; Schleyer selbst wurde später umgebracht) und nachdem alles so „glatt gelaufen“ wäre, er sich so lebendig gefühlt habe, wie nie zuvor in seinem Leben. Wenn sich ein Mensch nur mit Hilfe von Terror „lebendig“ fühlen kann, dann sagt das viel über tiefere, emotionale Ursachen seiner Taten aus, die im Kern nichts mit politischen Zielen oder der Zeit usw. zu tun haben, wie ich meine.“
Ich hatte diese Textstelle glatt vergessen...
Nachträglich geben mir die o.g. Informationen über die Heimunterbringung von Boock Recht bzgl. meiner Gedanken aus dem Jahr 2008. Über Boocks Eltern habe ich noch nichts gefunden. Aber: Welche Eltern geben ihr Kind in ein Heim? Es muss eine Menge Destruktivität im Hause Boock geherrscht haben. So viel Destruktivität, dass sich der später Erwachsene lebendig fühlte, als ein anderer Mensch litt.
Der RAF Terrorist Stefan Wisniewski wurde ebenfalls von seinen Eltern als Jugendlicher in ein Heim gegeben. Siebenmal flüchtete er innerhalb eines Jahres, wurde aber immer wieder von der Polizei zurückgebracht. (SPIEGEL-Online, 23.04.2007, „Stefan Wisniewski: Wie aus einem Provinzler die Furie der RAF wurde“)
Ich habe mich bisher nur häppchenweise mit den Kindheiten von RAF-Terroristen befasst. In meinem Blog gibt es bisher nur einen Beitrag über die Kindheit von Inge Viett, die ebenfalls in einem Kinderheim und zwischenzeitlich auch bei Pflegeeltern lebte.
Bzgl. Ulrike Meinhof ist mir bisher nur die wichtige Info bekannt, dass ihr Vater starb, als sie fünf Jahre alt war. Sie ist vierzehn, da stirbt ihre Mutter an Krebs. Dies an sich spricht für eine sehr traumatische Kindheit. (Zudem war sie - Jahrgang 1934 - ein Kriegskind) Ich bin aber davon überzeugt, dass es noch mehr braucht, um zum Terroristen zu werden. Wie war der Umgang der Eltern (zu deren Lebzeiten) mit ihr? Gab es Vernachlässigungs- und Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit?
Über Andreas Baader fand ich im Internet in diversen Quellen bisher nur die Info, dass er seinen Vater nie kennengelernt hat, da dieser verstarb. Er wuchs in einem Haushalt mit Mutter, Tante und Großmutter auf und soll verwöhnt worden sein. Ich zitiere nicht gerne Diplomarbeiten, aber in folgender fand ich die Info, dass er auch längere Zeit von seiner Mutter getrennt war. Die Mutter ließ Andreas nach Kriegsende bei seiner Großmutter in Thüringen und versuchte in München Geld für die Familie zu verdienen. Erst 1949 - Andreas war sechs Jahre alt - zog die Familie gemeinsam nach München und Mutter und Sohn lebten - nach Jahren der Trennung - wieder zusammen. (vgl. Hofböck, Carina (2010): Die Berichterstattung über die RAF-TerroristInnen in den österreichischen Printmedien. Uni Wien, Diplomarbeit, S. 36) Seine Großmutter muss irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts geboren worden sein. Was für einen Erziehungsstil hat sie wohl gegenüber dem Kleinkind Andreas gelebt, als sie mit diesem alleine war? Viele Fragen bleiben offen.
Es gibt mittlerweile etliche Bücher, vor allem auch Autobiografien der Terroristen selbst, über die RAF. Mir scheint, dass man in den Kindheiten dieser Leute viele Brüche finden kann. Außerdem sprechen alleine ihre Geburtsjahrgänge rein statistisch dafür, dass sie elterliche Gewalt erlebt haben.
Sofern es meine Zeit zukünftig zuläßt, werde ich ausführlich über einzelne Terroristen recherchieren und dies hier im Blog zusammentragen. Sofern die Leserschaft hier schon ergänzende Hinweise hat, bitte, ich freue mich auf Kommentare.
Montag, 22. Dezember 2014
IS-Terroristen: "Biografien der Vorhölle"
DER SPIEGEL hat in seiner Ausgabe Nr 49/2014 (vom 01.12.2014) unter dem Titel „Biografien der Vorhölle“ ein Interview mit dem Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Andreas Krüger veröffentlicht. Das Interview war äußerst erstaunlich. Erstaunlich gut. Ich kann mich im Grunde nicht wirklich erinnern, wann ich zuletzt ein so klares Statement bzgl. den Ursachen von Gewalt in einem großen deutschen Blatt gelesen habe. Noch dazu bzgl. „politischer Gewalt“, denn Krüger bezieht sich im Interview auf den Terror durch IS-Kämpfer.
Er sagte u.a. folgenden für mich bedeutsamen Satz: "Die dauerhafte Erfahrung von traumatischer Ohnmacht ist letztlich die Essenz, aus der heraus es einem Menschen erst möglich wird, sadistisch gewalttätig zu werden." Der Psychiater spricht davon, dass Kinder von Natur aus die Anlage haben, Empathie und Mitleid zu entwickeln. Dieses "natürliche Programm" käme aber zum Erliegen, wenn das Leben von Kindern (und deren wichtige Beziehungen) unerträglich ist und schwer beschädigt wird. Bzgl. den IS-Kämpfern und deren Gewaltverhalten meint er, dass i.d.R. dahinter eine "frühe, hochkomplexe Traumatisierung" stecke: "Misshandlungen, Vernachlässigung, Demütigungen, Ausgrenzung - in der Familie, der Schule, der Peergroup, einem ganzen Land." Die Erfahrungen, Konflikte friedlich zu lösen, würden schlicht fehlen.
Und jetzt mein Weihnachtswunsch für dieses und die kommenden Jahr(e): Große Medien wie der SPIEGEL sollten solche Ansätze wie genannt einmal mit ausführlichen Recherchen ergänzen. Zahlen zum Ausmaß der Gewalt gegen Kinder in Kriegsgebieten und gescheiterten Staaten, Interview mit Arno Gruen, Studien bzgl. der Kindheiten von Terroristen und Gewalttätern, bis hin zu den Kindheiten der NS-Generation. Daraus ließe sich ein mehrseitiges Titelthema gestalten und ich bin sicher: Dann wäre aber was los hier im Land!
Er sagte u.a. folgenden für mich bedeutsamen Satz: "Die dauerhafte Erfahrung von traumatischer Ohnmacht ist letztlich die Essenz, aus der heraus es einem Menschen erst möglich wird, sadistisch gewalttätig zu werden." Der Psychiater spricht davon, dass Kinder von Natur aus die Anlage haben, Empathie und Mitleid zu entwickeln. Dieses "natürliche Programm" käme aber zum Erliegen, wenn das Leben von Kindern (und deren wichtige Beziehungen) unerträglich ist und schwer beschädigt wird. Bzgl. den IS-Kämpfern und deren Gewaltverhalten meint er, dass i.d.R. dahinter eine "frühe, hochkomplexe Traumatisierung" stecke: "Misshandlungen, Vernachlässigung, Demütigungen, Ausgrenzung - in der Familie, der Schule, der Peergroup, einem ganzen Land." Die Erfahrungen, Konflikte friedlich zu lösen, würden schlicht fehlen.
Und jetzt mein Weihnachtswunsch für dieses und die kommenden Jahr(e): Große Medien wie der SPIEGEL sollten solche Ansätze wie genannt einmal mit ausführlichen Recherchen ergänzen. Zahlen zum Ausmaß der Gewalt gegen Kinder in Kriegsgebieten und gescheiterten Staaten, Interview mit Arno Gruen, Studien bzgl. der Kindheiten von Terroristen und Gewalttätern, bis hin zu den Kindheiten der NS-Generation. Daraus ließe sich ein mehrseitiges Titelthema gestalten und ich bin sicher: Dann wäre aber was los hier im Land!
Montag, 1. Dezember 2014
Forschungsprojekt im Libanon: Islamistische Terroristen hatten furchtbare Kindheiten
Die beiden Schwestern Nancy und Maya Yamout haben im Roumieh-Gefängnis von Beirut 20 verurteilte Terroristen (darunter auch Mitglieder der IS, Nusra-Front und der syrischen Qaida) innerhalb von zwei Jahren interviewt, um herauszubekommen, warum sie sich radikalisierten.
Auffällige Gemeinsamkeiten der Terroristen waren:
- Keiner kannte sich mit Religion aus. Sie hatten oberflächliche Kenntnisse über den Islam.
- „Große Ähnlichkeit gab es bei den Kindheitsgeschichten. Keiner der 20 Terroristen kam aus einem normalen Elternhaus. Ihre Väter prügelten, demütigten und instrumentalisierten sie. Der Vater eines Terroristen drückte Zigaretten auf seinem Sohn aus. Die kreisrunden Narben auf dem Arm des Häftlings zeugen immer noch davon. Ein anderer Vater war Kämpfer im libanesischen Bürgerkrieg. Für seine Kinder war er nicht da. Die mussten schon als Achtjährige mithelfen - Waffen reinigen und Leichenteile einsammeln. (…) In Terrorgruppen fanden die verstörten Jugendlichen und jungen Männer ein neues Zuhause.“ (Spiegel-Online, 01.12.2014, "Interviewreihe mit Dschihadisten: Besuch im Terroristenknast" (von Raniah Salloum) )
(Die Ergebnisse von diesem Projekt gleichen denen der BKA-Studie "Die Sicht der Anderen".)
Auffällige Gemeinsamkeiten der Terroristen waren:
- Keiner kannte sich mit Religion aus. Sie hatten oberflächliche Kenntnisse über den Islam.
- „Große Ähnlichkeit gab es bei den Kindheitsgeschichten. Keiner der 20 Terroristen kam aus einem normalen Elternhaus. Ihre Väter prügelten, demütigten und instrumentalisierten sie. Der Vater eines Terroristen drückte Zigaretten auf seinem Sohn aus. Die kreisrunden Narben auf dem Arm des Häftlings zeugen immer noch davon. Ein anderer Vater war Kämpfer im libanesischen Bürgerkrieg. Für seine Kinder war er nicht da. Die mussten schon als Achtjährige mithelfen - Waffen reinigen und Leichenteile einsammeln. (…) In Terrorgruppen fanden die verstörten Jugendlichen und jungen Männer ein neues Zuhause.“ (Spiegel-Online, 01.12.2014, "Interviewreihe mit Dschihadisten: Besuch im Terroristenknast" (von Raniah Salloum) )
(Die Ergebnisse von diesem Projekt gleichen denen der BKA-Studie "Die Sicht der Anderen".)
Samstag, 29. November 2014
Kindheit von André Stern. Oder: Der fehlende Schulbesuch war nicht der bedeutendste Faktor
Ich bin schon mal auf André Stern und dessen Kindheit durch Blogleser aufmerksam gemacht worden. Zudem tauchen Hinweise auf ihn und seine Kindheit auch hin und wieder in Onlinediskussionen bzw. Kommentaren von Medienartikeln auf, die ich hier und da verfolgt habe.
Ich habe mir dann Vorträge von André Stern - er spricht auch deutsch - online (u.a. auch auf seiner Homepage) angeschaut, um ein genaueres Bild zu bekommen. Und jetzt habe ich auch das Buch „Mein Vater mein Freund“ (Meine Ausgabe 2014, veröffentlicht im Verlag Zabert Sandmann), das André zusammen mit seinem Vater Arno Stern geschrieben hat, durchgesehen.
André Stern scheint für viele Menschen und auch Medien vor allem interessant zu sein, weil er als Kind nie zur Schule ging und offensichtlich trotzdem ein sehr intelligenter, kreativer, selbstbewusster, konstruktiver und vielseitiger Mensch geworden ist. (In Frankreich gibt es keine Schulpflicht und André blieb zu Hause bei den Eltern und empfindet dies als reines Glück.) Wobei Viele, die ihn interviewen oder gar von ihm schwärmen Tendenzen in die Richtung zeigen, dass André sich gerade weil er nicht zur Schule ging besonders gut entwickeln konnte.
Für mich persönlich ist die Tatsache, dass André nie zur Schule gegangen ist (und durch die er öffentlich bekannt wurde), nicht der wesentliche Punkt, warum ich mich für seine Biografie interessiere. Noch neugieriger war ich auf den Umgang der Eltern mit ihm. Denn André wirkt auf mich derart lebensbejahend, ungefährlich und wach, dass rein die Tatsache, dass er nie zur Schule ging, da meiner Auffassung nach nicht der entscheidende Punkt war. Liesst man das o.g. Buch, bestätigt sich schnell, dass André in keiner gewöhnlichen Familie aufgewachsen ist.
Der Vater, Arno Stern, ist Forscher, Künstler und Pädagoge und die ganze Familie scheint in einem sehr kreativen, intellektuellen Milieu gelebt zu haben. Zudem scheinen die finanziellen Mittel derart aufgestellt gewesen zu sein, dass die Eltern im Prinzip Leben und Arbeit verbinden konnten und somit für ihre Kinder beständig zu Hause da sein konnten. Leben, Arbeit und Freizeit waren eins, so ähnlich hat André das auch einmal bzgl. seines jetzigen Lebens ausgedrückt.
Insofern halte ich André Stern nicht für ein gutes Beispiel dafür, wie gut es Kindern tun könnte, nicht zur Schule zu gehen. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland wie auch in Frankreich hat alleine schon was die berufliche und finanzielle Situation angeht überhaupt nicht die Voraussetzungen, Kindern die Aufmerksamkeit, Zeit und Unterstützung zukommen zu lassen, die sie bräuchten, wenn sie nicht zur Schule gehen würden. Zudem scheinen die Eltern von André auch von ihrer Persönlichkeit (Intellekt, Empathie, Kreativität) her über Ressourcen zu verfügen, die nicht dem Schnitt entsprechen. Und sie verfügten über ein kreatives, zugewandtes Umfeld. Ein Auszug aus dem Buch: „Wir waren sehr viel unterwegs, oft mit Papa und/oder Maman, oft mit Freunden oder Familienmitgliedern, die vorbeikamen und sagten: Ich geh zu einer Ausstellung oder ins Theater oder ins Kino oder zu einer Lesung, soll ich die Kinder oder eines der Kinder mitnehmen? Und schon sehr früh haben wir angefangen, Kurse zu besuchen, die natürlich weder mit den Eltern noch zu Hause stattfanden.“ (S. 133) André bechrieb in einem Interview, was für Kurse er im Alter von 12 Jahren innerhalb einer typischen Woche besuchte. „im Malort malen, Kurse in den verschiedensten Bereichen; 2 x 3 Stunden Metalltreiben, 4 Stunden Fotografie (Technik, Labor), 2 x 2 Stunden Tanz, 2 Stunden Kampfsport (Kalarripayat), weitere Kurse in Textilkunst, Töpferei, Algebra; Lesungen im Collège de France über Ägyptologie, Mittelalter und Soziologie – und vieles mehr.“ Das ganze ohne jeden Leistungsdrang oder Stress, sondern vor allem auch auf Grund eigener Begeisterung. Ein solches Programm muss sich eine Familie erst einmal leisten können.
Ich glaube André aufs Wort, dass er eine glückliche Kindheit hatte und in einem enorm anregenden Umfeld aufgewachsen ist. Aber es wird für mich ganz klar deutlich, dass die Abwesenheit von Schule nicht DIE Voraussetzung für die gute und besonders kreative Entwicklung eines Menschen ist, weil die Sterns nun einem außergewöhnlich waren. Ich persönlich glaube eher daran, dass sich in Zukunft die Schule immer mehr verändern und den Bedürfnissen von Kindern anpassen wird. Schon heute erlebe ich durch den Schulbesuch meines Sohnes, dass Schule ganz anders und viel besser ist, als ich sie bei meinem Schuleintritt Anfang der 80er Jahre erlebt habe. Aber das nur nebenbei.
Ich möchte jetzt noch einiges aus dem o.g. Buch zusammenfassen:
André betont, dass es zu Hause bei ihm Regeln gab und diese nicht im Widerspruch zu einem Leben in Freiheit standen. „Das Gefühl der Sicherheit wurzelte in diesem Gerüst und in dem totalen Vertrauen, das wir in unsere Eltern hatten. Sie versuchten nie, uns zu überlisten oder uns etwas vorzumachen. Sie feilschten nicht. Wenn einer Nein sagte, wussten wir, dass es einen guten Grund dafür gab, selbst wenn er für uns vielleicht nicht auf Anhieb deutlich war. Ein Nein bewirkte keine Tränen und kein Toben, und unser Gehorsam war kein Akt der Unterwerfung, sondern eine natürliche Folge unseres großen, gegenseitigen Vertrauens.“ (S. 133)
Er spricht bzgl. seines Sohnes von einem Familiengefühl bestehend aus „Verbindung, Geborgenheit, Sicherheit und Freiheit“ (S. 138) und bringt damit offensichtlich das zum Ausdruck, was er selbst als Kind erlebt hat. An anderer Stelle schreibt er, dass er mit seinem Vater in "Liebe, Vertrauen und Aufmerksamkeit" (S. 119) zusammenlebe, bis heute. Und: "Vertrauen, Offenheit, Respekt, Kreativität, Miteinanderleben, Bereicherung durch Verschiedenartigkeit; das sind Dinge, die mein Vater mir vorgelebt hat." (S. 120) André schreibt auch, dass er - wenn er nicht mit seinem Vater zusammen ist - fast immer täglich mit ihm telefoniere. (S. 130) Bis heute lebt der Vater total mit seinem Sohn und interessiert sich für dessen Erlebnisse und Gedanken. .
Interessant ist auch, das bei den Sterns klassische Geschlechterrollen nicht existierten oder anders besetzt waren: „Und auch die übliche Unterteilung zwischen „männlich“ und „weiblich“ gehörte nicht zu den Paradigmen, unter denen ich aufgewachsen bin. Mein Vater war keine Versorgungsstelle für männliche Verhaltensmuster, Virilität oder Autorität, er war kein Bestrafer, kein Konfliktpartner und kein Gegenpol zu meiner Mutter, sondern genau wie sie ein unentbehrlicher Teil unserer Konstellation: Ich kann mir bis heute meinen Vater nicht ohne meine Mutter vorstellen.“ (S. 143)
Wichtig finde ich auch die Info, dass Arno Stern "ein glücklicher Sohn" (S. 113) war und seinen Vater (Andrés Großvater) offensichtlich sehr positiv erlebt hat. Hier zeigt sich die starke Wirkung der Evolution von Kindheit und wie positive Erfahrungen weitergegeben und natürlich auch weiter entwickelt und verbessert werden.
Ich möchte mich jetzt nicht in weitere Details verlieren. Es dürfte, denke ich, deutlich geworden sein, dass André Stern in einem liebevollen, sehr bindungsstarken Elternhaus aufgewachsen ist und alles darauf angelegt war, dass er sich so entwickeln konnte, wie er es wollte und wie es seiner Persönlichkeit entsprach. Und ich denke, dass dieser Mensch und seine Kindheit sehr gut in meine Reihe von Beispielen für positive Kindheiten passt.
Wie würde die Welt nur aussehen, wenn die Mehrheit der Kinder auf der Welt ähnlich engagierte und positive Eltern hätten; ähnlich auch wie die von Astrid Lindgren, die von den Geschwister Scholl oder von Reinhard Mey? Dabei sollen alle Eltern in ihrer Einzigartigkeit und ihrer Verschiedenartigkeit stehen, natürlich. Aber dieses Grundgerüst: Echte Geborgenheit, bedingungslose Liebe, starke Bindung, Freiheit und niemals Gewalt, wenn dies die Mehrheit der Eltern erfüllte (und eines Tages wird dies so weit sein) wird die Menscheit Sprünge in ihrer Entwicklung erleben, die heute noch kaum vorstellbar sind.
Ich habe mir dann Vorträge von André Stern - er spricht auch deutsch - online (u.a. auch auf seiner Homepage) angeschaut, um ein genaueres Bild zu bekommen. Und jetzt habe ich auch das Buch „Mein Vater mein Freund“ (Meine Ausgabe 2014, veröffentlicht im Verlag Zabert Sandmann), das André zusammen mit seinem Vater Arno Stern geschrieben hat, durchgesehen.
André Stern scheint für viele Menschen und auch Medien vor allem interessant zu sein, weil er als Kind nie zur Schule ging und offensichtlich trotzdem ein sehr intelligenter, kreativer, selbstbewusster, konstruktiver und vielseitiger Mensch geworden ist. (In Frankreich gibt es keine Schulpflicht und André blieb zu Hause bei den Eltern und empfindet dies als reines Glück.) Wobei Viele, die ihn interviewen oder gar von ihm schwärmen Tendenzen in die Richtung zeigen, dass André sich gerade weil er nicht zur Schule ging besonders gut entwickeln konnte.
Für mich persönlich ist die Tatsache, dass André nie zur Schule gegangen ist (und durch die er öffentlich bekannt wurde), nicht der wesentliche Punkt, warum ich mich für seine Biografie interessiere. Noch neugieriger war ich auf den Umgang der Eltern mit ihm. Denn André wirkt auf mich derart lebensbejahend, ungefährlich und wach, dass rein die Tatsache, dass er nie zur Schule ging, da meiner Auffassung nach nicht der entscheidende Punkt war. Liesst man das o.g. Buch, bestätigt sich schnell, dass André in keiner gewöhnlichen Familie aufgewachsen ist.
Der Vater, Arno Stern, ist Forscher, Künstler und Pädagoge und die ganze Familie scheint in einem sehr kreativen, intellektuellen Milieu gelebt zu haben. Zudem scheinen die finanziellen Mittel derart aufgestellt gewesen zu sein, dass die Eltern im Prinzip Leben und Arbeit verbinden konnten und somit für ihre Kinder beständig zu Hause da sein konnten. Leben, Arbeit und Freizeit waren eins, so ähnlich hat André das auch einmal bzgl. seines jetzigen Lebens ausgedrückt.
Insofern halte ich André Stern nicht für ein gutes Beispiel dafür, wie gut es Kindern tun könnte, nicht zur Schule zu gehen. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland wie auch in Frankreich hat alleine schon was die berufliche und finanzielle Situation angeht überhaupt nicht die Voraussetzungen, Kindern die Aufmerksamkeit, Zeit und Unterstützung zukommen zu lassen, die sie bräuchten, wenn sie nicht zur Schule gehen würden. Zudem scheinen die Eltern von André auch von ihrer Persönlichkeit (Intellekt, Empathie, Kreativität) her über Ressourcen zu verfügen, die nicht dem Schnitt entsprechen. Und sie verfügten über ein kreatives, zugewandtes Umfeld. Ein Auszug aus dem Buch: „Wir waren sehr viel unterwegs, oft mit Papa und/oder Maman, oft mit Freunden oder Familienmitgliedern, die vorbeikamen und sagten: Ich geh zu einer Ausstellung oder ins Theater oder ins Kino oder zu einer Lesung, soll ich die Kinder oder eines der Kinder mitnehmen? Und schon sehr früh haben wir angefangen, Kurse zu besuchen, die natürlich weder mit den Eltern noch zu Hause stattfanden.“ (S. 133) André bechrieb in einem Interview, was für Kurse er im Alter von 12 Jahren innerhalb einer typischen Woche besuchte. „im Malort malen, Kurse in den verschiedensten Bereichen; 2 x 3 Stunden Metalltreiben, 4 Stunden Fotografie (Technik, Labor), 2 x 2 Stunden Tanz, 2 Stunden Kampfsport (Kalarripayat), weitere Kurse in Textilkunst, Töpferei, Algebra; Lesungen im Collège de France über Ägyptologie, Mittelalter und Soziologie – und vieles mehr.“ Das ganze ohne jeden Leistungsdrang oder Stress, sondern vor allem auch auf Grund eigener Begeisterung. Ein solches Programm muss sich eine Familie erst einmal leisten können.
Ich glaube André aufs Wort, dass er eine glückliche Kindheit hatte und in einem enorm anregenden Umfeld aufgewachsen ist. Aber es wird für mich ganz klar deutlich, dass die Abwesenheit von Schule nicht DIE Voraussetzung für die gute und besonders kreative Entwicklung eines Menschen ist, weil die Sterns nun einem außergewöhnlich waren. Ich persönlich glaube eher daran, dass sich in Zukunft die Schule immer mehr verändern und den Bedürfnissen von Kindern anpassen wird. Schon heute erlebe ich durch den Schulbesuch meines Sohnes, dass Schule ganz anders und viel besser ist, als ich sie bei meinem Schuleintritt Anfang der 80er Jahre erlebt habe. Aber das nur nebenbei.
Ich möchte jetzt noch einiges aus dem o.g. Buch zusammenfassen:
André betont, dass es zu Hause bei ihm Regeln gab und diese nicht im Widerspruch zu einem Leben in Freiheit standen. „Das Gefühl der Sicherheit wurzelte in diesem Gerüst und in dem totalen Vertrauen, das wir in unsere Eltern hatten. Sie versuchten nie, uns zu überlisten oder uns etwas vorzumachen. Sie feilschten nicht. Wenn einer Nein sagte, wussten wir, dass es einen guten Grund dafür gab, selbst wenn er für uns vielleicht nicht auf Anhieb deutlich war. Ein Nein bewirkte keine Tränen und kein Toben, und unser Gehorsam war kein Akt der Unterwerfung, sondern eine natürliche Folge unseres großen, gegenseitigen Vertrauens.“ (S. 133)
Er spricht bzgl. seines Sohnes von einem Familiengefühl bestehend aus „Verbindung, Geborgenheit, Sicherheit und Freiheit“ (S. 138) und bringt damit offensichtlich das zum Ausdruck, was er selbst als Kind erlebt hat. An anderer Stelle schreibt er, dass er mit seinem Vater in "Liebe, Vertrauen und Aufmerksamkeit" (S. 119) zusammenlebe, bis heute. Und: "Vertrauen, Offenheit, Respekt, Kreativität, Miteinanderleben, Bereicherung durch Verschiedenartigkeit; das sind Dinge, die mein Vater mir vorgelebt hat." (S. 120) André schreibt auch, dass er - wenn er nicht mit seinem Vater zusammen ist - fast immer täglich mit ihm telefoniere. (S. 130) Bis heute lebt der Vater total mit seinem Sohn und interessiert sich für dessen Erlebnisse und Gedanken. .
Interessant ist auch, das bei den Sterns klassische Geschlechterrollen nicht existierten oder anders besetzt waren: „Und auch die übliche Unterteilung zwischen „männlich“ und „weiblich“ gehörte nicht zu den Paradigmen, unter denen ich aufgewachsen bin. Mein Vater war keine Versorgungsstelle für männliche Verhaltensmuster, Virilität oder Autorität, er war kein Bestrafer, kein Konfliktpartner und kein Gegenpol zu meiner Mutter, sondern genau wie sie ein unentbehrlicher Teil unserer Konstellation: Ich kann mir bis heute meinen Vater nicht ohne meine Mutter vorstellen.“ (S. 143)
Wichtig finde ich auch die Info, dass Arno Stern "ein glücklicher Sohn" (S. 113) war und seinen Vater (Andrés Großvater) offensichtlich sehr positiv erlebt hat. Hier zeigt sich die starke Wirkung der Evolution von Kindheit und wie positive Erfahrungen weitergegeben und natürlich auch weiter entwickelt und verbessert werden.
Ich möchte mich jetzt nicht in weitere Details verlieren. Es dürfte, denke ich, deutlich geworden sein, dass André Stern in einem liebevollen, sehr bindungsstarken Elternhaus aufgewachsen ist und alles darauf angelegt war, dass er sich so entwickeln konnte, wie er es wollte und wie es seiner Persönlichkeit entsprach. Und ich denke, dass dieser Mensch und seine Kindheit sehr gut in meine Reihe von Beispielen für positive Kindheiten passt.
Wie würde die Welt nur aussehen, wenn die Mehrheit der Kinder auf der Welt ähnlich engagierte und positive Eltern hätten; ähnlich auch wie die von Astrid Lindgren, die von den Geschwister Scholl oder von Reinhard Mey? Dabei sollen alle Eltern in ihrer Einzigartigkeit und ihrer Verschiedenartigkeit stehen, natürlich. Aber dieses Grundgerüst: Echte Geborgenheit, bedingungslose Liebe, starke Bindung, Freiheit und niemals Gewalt, wenn dies die Mehrheit der Eltern erfüllte (und eines Tages wird dies so weit sein) wird die Menscheit Sprünge in ihrer Entwicklung erleben, die heute noch kaum vorstellbar sind.
Donnerstag, 27. November 2014
Je grausamer die Taten, desto deutlicher werden ihre Ursachen
Ich habe momentan etwas wenig Zeit, um „Zwischengedanken“ in Textbeiträge umzusetzen. Für diesen Zwischengedanken nehme ich mir jetzt aber doch die Zeit.
Gestern hörte ich auf NDR Info einen Sendebeitrag anlässlich der Verleihung des Sacharow-Preises an den Arzt Denis Mukwege, der sich seit Jahren um Opfer von Vergewaltigungen im Kongo kümmert.
In dem Beitrag berichtete eine Frau aus dem Kongo von einer erlebten Vergewaltigung (wobei diesen Wort nicht ausreicht, um das zu beschreiben, was ihr angetan worden ist.). Die Frau wurde an ein Kreuz auf einem Platz gefesselt, die Beine gespreizt. Eine Menge von Menschen (wohl auch Frauen) tanzte um dieses Kreuz herum, jubelte, schrie. Währenddessen wurde sie immer wieder von diversen Männern, die gerade wollten, vergewaltigt…
Ich habe schon bei dem Thema Kindesmisshandlung lernen müssen, dass es im Grunde keine Grenze der Gewalt gibt. Immer wieder stieß ich in der Vergangenheit auf Berichte, die mich absolut fassungslos machten, weil sie alles übertrafen, was ich zuvor über Kindesmisshandlung gehört und gelesen hatte. Die o.g. Gewaltszene zwischen Erwachsenen gehört für mich zu einer Kategorie von extremer Gewalt, die im Grunde unvorstellbar ist. Unvorstellbar für Menschen, die etwas fühlen.
Trotzdem mich solche Berichte sehr erschüttern, gleichzeitig lassen sie mich nicht ohne ein Verstehen zurück (Verstehen heißt niemals entschuldigen). Und mein Verstehen steigt im Grunde mit der Steigerung von Taten und Grausamkeiten an, auch wenn es vielleicht für manchen ungewöhnlich klingt, so etwas zu lesen, weil die routinemäßige Reaktion stets ein großes Fragezeichen ist. Je grausamer menschliche Taten sind, desto deutlicher wird für mich, warum sie stattfinden können.
Nur Menschen, die innerlich absolut tot sind, können so handeln, wie die Täter in der o.g. Vergewaltigungsszene. Und jede weitere Tat mehr, entfernt sie mehr von dem, was wir „Leben“ nennen. Sie werden durch ihre weiteren Taten letztlich zu innerlichen „Superzombies“, die erst im körperlichen Tod Erlösung finden. Das bedeutet nicht, dass diese Täter nicht wie Menschen wirken können, am Imbiss etwas essen gehen, sich unterhalten, Karten spielen, einem Kind über den Kopf streicheln, über einen Witz lachen usw. Aber eines ist klar: Solche Täter fühlen gar nichts mehr, auch in ihrem privaten Leben, in Gesprächen, letztlich in jeder Sekunde ihres Lebens. Sie sind innerlich absolut kalt und erleben somit bereits die Hölle auf Erden.
In dem o.g. Bericht war die Rede von Vergewaltigungen als Kriegswaffe und dem Zugang zu Rohstoffen im Kongo. Ich glaube mittlerweile, dass eines der Grundprobleme bzgl. des Verstehens/ dem Erklären von grausamer Gewalt ist, dass viele Menschen wirklich glauben, grausame Gewalt gehöre zum angeborenen Verhaltensrepertoire von Menschen und nur die äußeren Umstände müssten entsprechend eingestellt sein, um solche Gewaltexzesse möglich zu machen...
Solchen Berichten wie o.g. gehört dagegen meiner Ansicht nach routinemäßig angehängt: Solche Täter fühlen nichts mehr, sie sind innerlich gestorben, sonst wären ihre Taten nicht möglich. Und wenn dies einmal verstanden würde, müsste die nächste Frage lauten: Ja und wie kam es denn, dass diese Menschen innerlich verstorben sind, was hat sie „getötet“? Und erst wenn diese Frage umfassend beantwortet ist, stößt man auf die eigentlichen Ursachen der Gewaltexzesse.
Warum befragen Forscher und Journalisten nicht Täter wie die aus der o.g. Szene konkreter? Die gesamte Kindheit müsste abgefragt werden; kümmerte sich jemand um das Kind, welche Gewalterfahrungen gab es, wie oft kam Gewalt vor und in welcher Form, durch welche TäterInnen? Gab es ergänzend traumatische Kriegserfahrungen, existenzielle, extreme Erfahrungen von Hunger und Elend? Wurden Menschen, vielleicht Angehörige vor den Augen des Kindes getötet? Wurde evtl. das Kind/der Jugendliche gezwungen, Anderen Gewalt anzutun usw. ? Würden diese Fragen umfassend beantwortet werden können (sofern sich die Täter konkret erinnern), würde sich auch das „Verstehen“ einstellen. Den LeserInnen dieses Blogs dürfte klar sein, von welcher Art Antwort ich ausgehe: Dem genauen Gegenteil von einem geborgenen, glücklichen Aufwachsen, sondern eher von Grausamkeiten, die jenen ähnlich sind, welche die erwachsenen Täter selbst verübten.
Kürzlich las ich aus Interesse den Wikipediabeitrag über den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace. In dem Beitrag wird auch die Hinrichtung (am 23.08.1305) wegen Verrats am König besprochen. Ich zitiere wie folgt. „An ein Pferd angebunden musste er mehrere Stunden lang nackt durch die Straßen Londons laufen, während die Bewohner ihn mit Steinen bewarfen. Anschließend wurde Wallace zuerst fast bis zum Tode gehängt, dann noch lebend kastriert und ausgeweidet – die entfernten Körperteile und Innereien wurden vor den Augen des Verurteilten und der Zuschauer verbrannt (…).“
Vor noch längerer Zeit las ich, wie es u.a. „römische Art“ war, Gefangene hinzurichten. Der Kopf des Gefangenen wurde zwischen zwei Balken gesperrt, der Körper dann so lange ausgepeitscht, bis der Gefangene tot war. Dies tat man u.a. gerne vor den Augen von Führern unterworfener Völker.
Gewaltexzesse wie heute im Kongo waren in historischen Zeiten „normal“. Steven Pinker hat darüber ausführlich in seinem Buch „Eine neue Geschichte der Menschheit“ berichtet. Ein Beispiel aus Pinkers Buch blieb mir in Erinnerung. Ein historischer Fund von einem Folterwerkzeug zeugte von der möglichen Grausamkeit. Ein metallener Ochse wurde gefunden, in dem Menschen lebendig verbrannt worden waren. Zur Belustigung der Anwesenden kamen die Schreie dann aus dem Mund des Ochsen.
Diese drei Beispiele geben - in unserer heutigen Wortwahl -die Möglichkeiten institutioneller Gewalt wieder. Von den Regierenden gewünscht und verordnet, als normale Praxis gewollt, zur Belustigung und Erheiterung, zur Abschreckung, sicher, aber letztlich immer auch um kurz etwas zu fühlen. Denn nur „innerliche Zombies“ fühlen kurz etwas, wenn andere Menschen gequält werden. Und nur Menschen die innerlich tot sind, können solche Taten - wie schon gesagt - vollbringen. Wie innerlich tot waren denn nun also unsere Vorfahren?
Wenn man sich die Erkenntnisse der Psychohistorie anschaut, dann müssen breite Schichten der Bevölkerung in historischen Zeiten innerlich tot gewesen sein; einfach, weil sie von Geburt an ständig Gewalt und Ablehnung ausgesetzt waren. So etwas überleben die meisten Menschen nicht, zumindest nicht in ihrem Inneren. (Heute gibt es da schon andere Möglichkeiten und andere Hilfsangebote für Menschen, die grausames als Kind durchmachen mussten. Aber früher?)
Um diesen Zwischengedanken zum Thema ein Schlusswort zu geben. Wer grausame Taten verstehen will, muss sich mit den Ursachen des innerlichen, emotionalen Absterbens von Tätern befassen. Dann kann auch präventiv besser gehandelt werden. Wer sich nicht mit dem Fühlen und Nicht-Fühlen befasst, muss zwangsläufig blind bzgl. den eigentlichen Ursachen bleiben und wird stets mit einem großen Fragezeichen vor den Dingen stehen.
Gestern hörte ich auf NDR Info einen Sendebeitrag anlässlich der Verleihung des Sacharow-Preises an den Arzt Denis Mukwege, der sich seit Jahren um Opfer von Vergewaltigungen im Kongo kümmert.
In dem Beitrag berichtete eine Frau aus dem Kongo von einer erlebten Vergewaltigung (wobei diesen Wort nicht ausreicht, um das zu beschreiben, was ihr angetan worden ist.). Die Frau wurde an ein Kreuz auf einem Platz gefesselt, die Beine gespreizt. Eine Menge von Menschen (wohl auch Frauen) tanzte um dieses Kreuz herum, jubelte, schrie. Währenddessen wurde sie immer wieder von diversen Männern, die gerade wollten, vergewaltigt…
Ich habe schon bei dem Thema Kindesmisshandlung lernen müssen, dass es im Grunde keine Grenze der Gewalt gibt. Immer wieder stieß ich in der Vergangenheit auf Berichte, die mich absolut fassungslos machten, weil sie alles übertrafen, was ich zuvor über Kindesmisshandlung gehört und gelesen hatte. Die o.g. Gewaltszene zwischen Erwachsenen gehört für mich zu einer Kategorie von extremer Gewalt, die im Grunde unvorstellbar ist. Unvorstellbar für Menschen, die etwas fühlen.
Trotzdem mich solche Berichte sehr erschüttern, gleichzeitig lassen sie mich nicht ohne ein Verstehen zurück (Verstehen heißt niemals entschuldigen). Und mein Verstehen steigt im Grunde mit der Steigerung von Taten und Grausamkeiten an, auch wenn es vielleicht für manchen ungewöhnlich klingt, so etwas zu lesen, weil die routinemäßige Reaktion stets ein großes Fragezeichen ist. Je grausamer menschliche Taten sind, desto deutlicher wird für mich, warum sie stattfinden können.
Nur Menschen, die innerlich absolut tot sind, können so handeln, wie die Täter in der o.g. Vergewaltigungsszene. Und jede weitere Tat mehr, entfernt sie mehr von dem, was wir „Leben“ nennen. Sie werden durch ihre weiteren Taten letztlich zu innerlichen „Superzombies“, die erst im körperlichen Tod Erlösung finden. Das bedeutet nicht, dass diese Täter nicht wie Menschen wirken können, am Imbiss etwas essen gehen, sich unterhalten, Karten spielen, einem Kind über den Kopf streicheln, über einen Witz lachen usw. Aber eines ist klar: Solche Täter fühlen gar nichts mehr, auch in ihrem privaten Leben, in Gesprächen, letztlich in jeder Sekunde ihres Lebens. Sie sind innerlich absolut kalt und erleben somit bereits die Hölle auf Erden.
In dem o.g. Bericht war die Rede von Vergewaltigungen als Kriegswaffe und dem Zugang zu Rohstoffen im Kongo. Ich glaube mittlerweile, dass eines der Grundprobleme bzgl. des Verstehens/ dem Erklären von grausamer Gewalt ist, dass viele Menschen wirklich glauben, grausame Gewalt gehöre zum angeborenen Verhaltensrepertoire von Menschen und nur die äußeren Umstände müssten entsprechend eingestellt sein, um solche Gewaltexzesse möglich zu machen...
Solchen Berichten wie o.g. gehört dagegen meiner Ansicht nach routinemäßig angehängt: Solche Täter fühlen nichts mehr, sie sind innerlich gestorben, sonst wären ihre Taten nicht möglich. Und wenn dies einmal verstanden würde, müsste die nächste Frage lauten: Ja und wie kam es denn, dass diese Menschen innerlich verstorben sind, was hat sie „getötet“? Und erst wenn diese Frage umfassend beantwortet ist, stößt man auf die eigentlichen Ursachen der Gewaltexzesse.
Warum befragen Forscher und Journalisten nicht Täter wie die aus der o.g. Szene konkreter? Die gesamte Kindheit müsste abgefragt werden; kümmerte sich jemand um das Kind, welche Gewalterfahrungen gab es, wie oft kam Gewalt vor und in welcher Form, durch welche TäterInnen? Gab es ergänzend traumatische Kriegserfahrungen, existenzielle, extreme Erfahrungen von Hunger und Elend? Wurden Menschen, vielleicht Angehörige vor den Augen des Kindes getötet? Wurde evtl. das Kind/der Jugendliche gezwungen, Anderen Gewalt anzutun usw. ? Würden diese Fragen umfassend beantwortet werden können (sofern sich die Täter konkret erinnern), würde sich auch das „Verstehen“ einstellen. Den LeserInnen dieses Blogs dürfte klar sein, von welcher Art Antwort ich ausgehe: Dem genauen Gegenteil von einem geborgenen, glücklichen Aufwachsen, sondern eher von Grausamkeiten, die jenen ähnlich sind, welche die erwachsenen Täter selbst verübten.
Kürzlich las ich aus Interesse den Wikipediabeitrag über den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace. In dem Beitrag wird auch die Hinrichtung (am 23.08.1305) wegen Verrats am König besprochen. Ich zitiere wie folgt. „An ein Pferd angebunden musste er mehrere Stunden lang nackt durch die Straßen Londons laufen, während die Bewohner ihn mit Steinen bewarfen. Anschließend wurde Wallace zuerst fast bis zum Tode gehängt, dann noch lebend kastriert und ausgeweidet – die entfernten Körperteile und Innereien wurden vor den Augen des Verurteilten und der Zuschauer verbrannt (…).“
Vor noch längerer Zeit las ich, wie es u.a. „römische Art“ war, Gefangene hinzurichten. Der Kopf des Gefangenen wurde zwischen zwei Balken gesperrt, der Körper dann so lange ausgepeitscht, bis der Gefangene tot war. Dies tat man u.a. gerne vor den Augen von Führern unterworfener Völker.
Gewaltexzesse wie heute im Kongo waren in historischen Zeiten „normal“. Steven Pinker hat darüber ausführlich in seinem Buch „Eine neue Geschichte der Menschheit“ berichtet. Ein Beispiel aus Pinkers Buch blieb mir in Erinnerung. Ein historischer Fund von einem Folterwerkzeug zeugte von der möglichen Grausamkeit. Ein metallener Ochse wurde gefunden, in dem Menschen lebendig verbrannt worden waren. Zur Belustigung der Anwesenden kamen die Schreie dann aus dem Mund des Ochsen.
Diese drei Beispiele geben - in unserer heutigen Wortwahl -die Möglichkeiten institutioneller Gewalt wieder. Von den Regierenden gewünscht und verordnet, als normale Praxis gewollt, zur Belustigung und Erheiterung, zur Abschreckung, sicher, aber letztlich immer auch um kurz etwas zu fühlen. Denn nur „innerliche Zombies“ fühlen kurz etwas, wenn andere Menschen gequält werden. Und nur Menschen die innerlich tot sind, können solche Taten - wie schon gesagt - vollbringen. Wie innerlich tot waren denn nun also unsere Vorfahren?
Wenn man sich die Erkenntnisse der Psychohistorie anschaut, dann müssen breite Schichten der Bevölkerung in historischen Zeiten innerlich tot gewesen sein; einfach, weil sie von Geburt an ständig Gewalt und Ablehnung ausgesetzt waren. So etwas überleben die meisten Menschen nicht, zumindest nicht in ihrem Inneren. (Heute gibt es da schon andere Möglichkeiten und andere Hilfsangebote für Menschen, die grausames als Kind durchmachen mussten. Aber früher?)
Um diesen Zwischengedanken zum Thema ein Schlusswort zu geben. Wer grausame Taten verstehen will, muss sich mit den Ursachen des innerlichen, emotionalen Absterbens von Tätern befassen. Dann kann auch präventiv besser gehandelt werden. Wer sich nicht mit dem Fühlen und Nicht-Fühlen befasst, muss zwangsläufig blind bzgl. den eigentlichen Ursachen bleiben und wird stets mit einem großen Fragezeichen vor den Dingen stehen.
Mittwoch, 22. Oktober 2014
Vater von Malala Yousafzai: "Ich habe ihre Flügel nicht abgeschnitten."
Gestern sah ich online die Sendung von Markus Lanz vom 08.10.2014. In der Sendung wurde ein aufgezeichnetes Gespräch mit Malala Yousafzai und ihren Vater gezeigt. Lanz hat sich leider in dem Gespräch weitgehend mehr für das Attentat auf Malala interessiert, als für andere wichtige Dinge... Die Sendung ergab allerding trotzdem einen wichtigen Höhepunkt!
Nachdem (um die 20. Minute herum) in dem Gespräch kurz auf die extrem schwierige Situation von Frauen und Mädchen in Pakistan eingegangen wurde, sagte der Vater von Malala folgende zentralen Sätze:
„Viele Menschen fragen mich, wie hast Du Deine Tochter erzogen? Was Besonderes hast Du mit Deiner Tochter gemacht? Und dann sage ich immer, die sollten mich fragen, was ich nicht getan habe. Ich habe gar nichts Besonderes gemacht. Das Einzige, was ich nicht getan habe, ist, dass ich sie nicht gestutzt habe, nicht eingesperrt habe. Ich habe ihre Flügel nicht abgeschnitten. Der Himmel ist die Grenze und sie darf fliegen, sie soll fliegen, bis zu den Sternen, wenn sie möchte. Aber nur sie darf das und soll das entscheiden.„ Diese Worte bekommen ihr Gewicht ergänzend auch, wenn mann darum weiß, wie Väter und Männer in Pakistan im Allgemeinen mit Frauen und Mädchen umgehen.
Ergänzend bietet die Biografie (Yousafzai, M. / Lamb, C. (2013). Ich bin Malala: Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft. München: Droemer Verlag.) von Malala Einblicke in diese außergewöhnliche Familie. Ihr Vater war bei ihrer Geburt – entgegen der Tradition in seinem Umfeld - glücklich über die Geburt seiner Tochter. (Yousafzai / Lamb 2013, S. 19+20) Ihre Eltern bekamen insgesamt drei Kinder, auch dies war ungewöhnlich, wie Malala berichtet. In ihrem Umfeld bekamen die meisten Familien zwischen 7 und 8 Kinder. (ebd., S. 28) (Entsprechend waren vermutlich wohl auch mehr Kapazitäten da, um diese Kinder zu versorgen und ihnen Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.)
Auch das Verhältnis zwischen Vater und Mutter war außergewöhnlich. Der Vater besprach alles mit seiner Frau, auch Probleme. „Die meisten Paschtunen tun so etwas nie, denn es gilt als Schwäche, Probleme mit seiner Frau zu besprechen.“ (ebd., S. 30)
Und Malala ergänzt: „(…) ich sehe, dass meine Eltern glücklich sind und viel lachen. Die Menschen, die uns kennen, meinen, wir seien eine nette Familie.“ (ebd.)
Der Vater hat offensichtlich ein sehr modernes Frauenbild, dass komplett entgegen den Traditionen steht. Malala hat nach eigenen Aussagen im Buch schon sehr früh beschlossen, nicht den traditionellen Weg für Mädchen/Frauen zu gehen, der ihre Bindung an Haus, männliche Verwandte und Kinder vorsieht und nur Jungen/Männern alle Freiheiten lässt. Dazu zitiert sie ihren Vater: „Malala wird frei wie ein Vogel sein.“ (ebd., S. 34)
Allerdings war auch in Malalas Familie hauptsächlich die Mutter für die Kindererziehung zuständig, während der Vater oft abwesend war. (ebd., S. 31)
Insgesamt betrachtet ist der politische, freiheitliche Weg von Malala kein Zufall. Er begründet sich aus den liberalen Erziehungsansichten und Menschenbildern in ihrer Familie.
Malala Yousafzai wird oft mit einem Satz aus ihrer Rede vor der UN zitiert: „Ein Kind, eine Lehrkraft, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern.“ Der Satz ist richtig und wichtig. Nachdem ich die Sendung von Lanz gesehen habe, muss man die Dinge zusammenfügen. Ihr berühmter Satz müsste – gerade auf Grund ihres eigenen familiären Hintergrundes – ergänzt werden um den Satz: „Eltern, die ihren Kindern nicht die Flügel stutzen, können die Welt verändern.“
(In Pakistan ist es übrigens legal, Kinder in den Familien und auch in der Schule zu schlagen. Einzelne Studien zeigen, dass die große Mehrheit der Kinder vor Ort von Gewalt betroffen ist. Siehe dazu u.a. hier)
Nachdem (um die 20. Minute herum) in dem Gespräch kurz auf die extrem schwierige Situation von Frauen und Mädchen in Pakistan eingegangen wurde, sagte der Vater von Malala folgende zentralen Sätze:
„Viele Menschen fragen mich, wie hast Du Deine Tochter erzogen? Was Besonderes hast Du mit Deiner Tochter gemacht? Und dann sage ich immer, die sollten mich fragen, was ich nicht getan habe. Ich habe gar nichts Besonderes gemacht. Das Einzige, was ich nicht getan habe, ist, dass ich sie nicht gestutzt habe, nicht eingesperrt habe. Ich habe ihre Flügel nicht abgeschnitten. Der Himmel ist die Grenze und sie darf fliegen, sie soll fliegen, bis zu den Sternen, wenn sie möchte. Aber nur sie darf das und soll das entscheiden.„ Diese Worte bekommen ihr Gewicht ergänzend auch, wenn mann darum weiß, wie Väter und Männer in Pakistan im Allgemeinen mit Frauen und Mädchen umgehen.
Ergänzend bietet die Biografie (Yousafzai, M. / Lamb, C. (2013). Ich bin Malala: Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft. München: Droemer Verlag.) von Malala Einblicke in diese außergewöhnliche Familie. Ihr Vater war bei ihrer Geburt – entgegen der Tradition in seinem Umfeld - glücklich über die Geburt seiner Tochter. (Yousafzai / Lamb 2013, S. 19+20) Ihre Eltern bekamen insgesamt drei Kinder, auch dies war ungewöhnlich, wie Malala berichtet. In ihrem Umfeld bekamen die meisten Familien zwischen 7 und 8 Kinder. (ebd., S. 28) (Entsprechend waren vermutlich wohl auch mehr Kapazitäten da, um diese Kinder zu versorgen und ihnen Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.)
Auch das Verhältnis zwischen Vater und Mutter war außergewöhnlich. Der Vater besprach alles mit seiner Frau, auch Probleme. „Die meisten Paschtunen tun so etwas nie, denn es gilt als Schwäche, Probleme mit seiner Frau zu besprechen.“ (ebd., S. 30)
Und Malala ergänzt: „(…) ich sehe, dass meine Eltern glücklich sind und viel lachen. Die Menschen, die uns kennen, meinen, wir seien eine nette Familie.“ (ebd.)
Der Vater hat offensichtlich ein sehr modernes Frauenbild, dass komplett entgegen den Traditionen steht. Malala hat nach eigenen Aussagen im Buch schon sehr früh beschlossen, nicht den traditionellen Weg für Mädchen/Frauen zu gehen, der ihre Bindung an Haus, männliche Verwandte und Kinder vorsieht und nur Jungen/Männern alle Freiheiten lässt. Dazu zitiert sie ihren Vater: „Malala wird frei wie ein Vogel sein.“ (ebd., S. 34)
Allerdings war auch in Malalas Familie hauptsächlich die Mutter für die Kindererziehung zuständig, während der Vater oft abwesend war. (ebd., S. 31)
Insgesamt betrachtet ist der politische, freiheitliche Weg von Malala kein Zufall. Er begründet sich aus den liberalen Erziehungsansichten und Menschenbildern in ihrer Familie.
Malala Yousafzai wird oft mit einem Satz aus ihrer Rede vor der UN zitiert: „Ein Kind, eine Lehrkraft, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern.“ Der Satz ist richtig und wichtig. Nachdem ich die Sendung von Lanz gesehen habe, muss man die Dinge zusammenfügen. Ihr berühmter Satz müsste – gerade auf Grund ihres eigenen familiären Hintergrundes – ergänzt werden um den Satz: „Eltern, die ihren Kindern nicht die Flügel stutzen, können die Welt verändern.“
(In Pakistan ist es übrigens legal, Kinder in den Familien und auch in der Schule zu schlagen. Einzelne Studien zeigen, dass die große Mehrheit der Kinder vor Ort von Gewalt betroffen ist. Siehe dazu u.a. hier)
Samstag, 27. September 2014
Das Märchen von der schlechten Kindheit in Deutschland
Heute habe ich mit Freude einen Artikel entdeckt, der mir aus dem Herzen spricht: "Wir sind keine Sorgenkinder!", ZEIT-Online, 26.09.2014. Wider der öffentlichen Wahrnehmung wird endlich mal umfassend auf die sehr positiven Entwicklungen von Kindheit in Deutschland hingewiesen. Das Buch "Die Modernisierung der Seele", das diesem Artikel u.a. zu Grunde liegt, ist ganz oben auf meiner Wunschliste von zu lesenden Büchern. Ich will aus dem Artikel gar nicht zitieren. Mensch lese ihn einfach selbst. Nur soviel: Alle Pessimisten und Kritiker von Kindheit in Deutschland stehen auf sehr dünnem Eis, denn nie zuvor war Kindheit besser, glücklicher und gewaltloser als heute.
Freitag, 19. September 2014
Breiviks Vater veröffentlicht ein Buch
Breiviks Vater hat ein Buch veröffentlicht (übersetzter Titel "Meine Schuld? Die Geschichte eines Vaters") und seine Sicht auf die Dinge geschildert. In den (Online-)Medien wurde das Buch hier und da erwähnt. Am ausführlichsten war wohl ein Bericht bei Welt-Online ("Breiviks Vater bricht sein Schweigen").
An Hand des Berichtes zeichnet sich ab, dass Breiviks Vater bestätigt, was Aage Borchgrevink in seinem Buch ausgeführt hat. "Das war ganz neu für mich. Ich konnte nicht glauben, was da stand.", wird der Vater zitiert, als er von dem psychiatrischen Gutachten erfuhr (siehe Hintergründe in dem vorgenannten Link) Der 79-jährige Ex-Diplomat berichtet, laut Welt-Online, in dem Buch "vor allem aus einem dysfunktionalen Familienleben, das seinen Sohn prägte."
Ich habe heute auch ein Interview mit Aage Borchgrevink gefunden, in dem er in etwas mehr als 5 Minuten die Dinge klar und rational (und dabei auch emotional anwesend und klar) auf den Punkt bringt. Ich finde die Art und Weise wie der Autor die Dinge so klar und kurz beschreibt sehr eindrucksvoll. Letztlich ist es eben ein ganz logischer und rationaler Prozess, die Ursachen von Terror von Anfang an zu denken. Und am Anfang war nun einmal Erziehung/Kindheit. Das Interview steht bereits seit Ende 2013 online und ist bisher keine 900 mal angeklickt worden. Dass diese Kindheits-Hintergründe so wenig Beachtung finden, ist tragisch und fahrlässig zu gleich...
An Hand des Berichtes zeichnet sich ab, dass Breiviks Vater bestätigt, was Aage Borchgrevink in seinem Buch ausgeführt hat. "Das war ganz neu für mich. Ich konnte nicht glauben, was da stand.", wird der Vater zitiert, als er von dem psychiatrischen Gutachten erfuhr (siehe Hintergründe in dem vorgenannten Link) Der 79-jährige Ex-Diplomat berichtet, laut Welt-Online, in dem Buch "vor allem aus einem dysfunktionalen Familienleben, das seinen Sohn prägte."
Ich habe heute auch ein Interview mit Aage Borchgrevink gefunden, in dem er in etwas mehr als 5 Minuten die Dinge klar und rational (und dabei auch emotional anwesend und klar) auf den Punkt bringt. Ich finde die Art und Weise wie der Autor die Dinge so klar und kurz beschreibt sehr eindrucksvoll. Letztlich ist es eben ein ganz logischer und rationaler Prozess, die Ursachen von Terror von Anfang an zu denken. Und am Anfang war nun einmal Erziehung/Kindheit. Das Interview steht bereits seit Ende 2013 online und ist bisher keine 900 mal angeklickt worden. Dass diese Kindheits-Hintergründe so wenig Beachtung finden, ist tragisch und fahrlässig zu gleich...
Donnerstag, 11. September 2014
Krieg als kurzfristige Transformation der Gewalt, die eh schon da ist?
Bereits 2012 habe ich einen Beitrag (Elterliche Gewalt als Gradmesser für den seelischen Entwicklungsstand einer Gesellschaft) geschrieben, den ich heute wieder aufgreife und gedanklich etwas ergänze.
Mir scheint es so zu sein, dass Kriege letztlich nur eine Art kurzfristige Transformation von Gewalt sind, ein öffentlich und in Gruppen Ausleben dessen, was eh schon da ist. Wenn kein Krieg herrscht, bedeutet dies nicht, dass im Privaten Frieden ist.
Für mich gibt es zwei große Anhaltspunkte dafür, in wie weit innerhalb von Gesellschaften große Gewalt- und Destruktionspotentiale vorhanden sind (oder auch nicht), die sich bei Gelegenheit und unter Umständen in Kriege transformieren können: Vergewaltigungsraten und Gewaltraten gegen Kinder. Zu Letzteren habe ich in dem eingangs verlinkten Beitrag bereits ausführlich etwas in diesem Zusammenhang geschrieben.
Kürzlich habe ich eine große UN Studie über Vergewaltiger in Asien besprochen. Zwischen einem von fünf (ca. 20 %) und einem von acht Männern(ca. 12,5 %) hat in den befragten asiatischen Ländern jemals eine Vergewaltigung begangen. Innerhalb dieser Studie wurde zudem auch auf Daten aus Südafrika hingewiesen, wo 37 % der Männer bereits eine Frau vergewaltigt haben.
In diversen afrikanischen Staaten erleben nach aktuellen Studien (hier und hier) bereits ca. 30 % der unter 18 Jahr alten Mädchen, dass sie zum Geschlechtsverkehr gezwungen werden. Gedanklich hinzu kommen noch die (sexuellen) Gewalterfahrungen ab dem Alter von 18. In dieser Region finden sich weitergedacht natürlich entsprechend auch sehr hohe Täterraten.
Zahlen über Vergewaltiger in Europa sind mir nicht bekannt. Die bislang größte Studie zum Gewalterleben von Frauen (über 42.000 Befragte) in Europa ergab, dass in Europa 1 von 20 Frauen (5 %) mindestens eine Vergewaltigung erlebt haben. (European Union Agency for Fundamental Rights (2014): Violence against women: an EU-wide survey. Wien. S. 3) Da Vergewaltigungen oft durch Mehrfachtäter ausgeübt werden, stehen diesen 5 % der Frauen wohl eher nicht 5 % der Männer gegenüber. Die Rate von Vergewaltigern in Europa liegt demnach unter 5 %.
In den USA sieht es wiederum schon etwas anders aus, als in Europa. 18,3 % der US-Frauen (über 9.000 Befragte) wurden bezogen auf lebenslange Erfahrungen nach aktuellen Daten vergewaltigt. (National Center for Injury Prevention & Control of the Centers for Disease Control and Prevention (2011): National Intimate Partner and Sexual Violence Survey. 2010 Summary Report. Atlanta, S. 18) Entsprechend ist auch der Anteil von Vergewaltigern an der männlichen Bevölkerung höher, als in Europa.
Alleine auf Grund dieser Zahlen lassen sich Gesellschaften in sehr destruktive, destruktive und weniger destruktive einteilen. Europa ist ohne Zweifel der friedlichste Kontinent und der am meisten sozial, kulturell und ökonomisch entwickelte. In Europa finden sich auch die niedrigsten Raten von Vergewaltigern/Vergewaltigungen und Kindesmisshandlung. D.h. auch im Kleinen und Privaten ist Europa weniger destruktiv, als der Rest der Welt. Das Weniger an Destruktivität im Privaten/Kleinen findet seinen Wiederhall im Großen, in Politik und sozialen Prozessen. Eine kurzfristige Transformation in einen großen Krieg wird schwer möglich, weil das tiefergehende Destruktionspotential nicht dafür ausreicht. Noch reicht das Destruktionspotential allerdings auch in Europa für „kleinere“ militärische Aktionen und Konflikte oder verdeckte Beteiligungen durch Waffenlieferungen usw.
Wenn ich mir jetzt noch einmal die Zahlen und Daten vor Augen führe, die die kürzlich veröffentlichte, bisher größte Studie zum Ausmaß der Gewalt gegen Kinder erfasst hat, wird mir klar, dass in vielen Teilen der Welt die Mehrheit der erwachsenen Menschen "Täter im Verborgenen" sind (an Kindern) und in sofern auch zu anderen destruktiven Aktionen (u.a. auf der politischen Bühne) grundsätzlich fähig sind. Die Länder mit den höchsten Gewaltraten gegen Kinder müssen besonders beäugt werden. Naja, im Grunde sind diese Länder bereits DIE Sorgenkinder der Welt: Zu ihnen zählen u.a. Syrien, Irak, Afghanistan, beide Kongos, Ägypten und Palästina. In diesen Ländern scheint Krieg und gewaltvolle politische Prozesse fast mehr zu sein als eine reine Transformation der Gewalt. Gewaltlose Konfliktlösungen und politische Prozesse auf Augenhöhe können gar nicht wirklich gedacht werden, weil bereits das Private überall von Gewalt durchzogen ist. (Und auch Kriegsverbrechen wie Vergewaltigungen durch Soldaten oder Folter und Mord an Kindern sind dann letztlich nur eine Fortführung der "Taten im Verborgenen" auf der öffentlichen Bühne.) Solchen Ländern kann man keine Demokratie geben, indem man ihnen einen aufgezwungenen demokratischen Überbau überstülpt. Die gewaltvollen Beziehungen des Alltags müssen bearbeitet werden. Und dies vor allem gegenüber Kindern. Ohne weit verbreitete Alltagsdestruktivität im Privaten/Verborgenen fehlt auch der politischen Destruktivität der Nährboden.
Um es noch einmal anders auszudrücken: Kriege sind also keine Zufälle, durch einzelne Ereignisse (Sturz eines Diktators, Attentat auf einen Thronfolger) herbeigeführte oder durch Armut und Gier erzeugte Taten. Sie sind einfach eine andere Ausdrucksweise von Destruktivität und Hass; von Destruktivität und Hass, die eh schon da sind. Diese Ausdrucksweise wird allerdings sicherlich durch Zufälle, einzelne Ereignisse und soziale Umstände mit geformt, das ist nicht der Punkt.
Dieses „Huch, die Deutschen waren mit für zwei Weltkriege verantwortlich, obwohl sie das Volk der Dichter und Denker sind.“ lasse ich längst nicht mehr gelten. Dieses „Huch“ gilt genauso für viele andere Nationen. Es gibt bei großen Kriegen kein „Huch“. Es gibt mehr ein „Natürlich sind diese Nationen zu allen erdenklichen Grausamkeiten und extremer Destruktivität fähig, haben Sie sich denn nicht mal den Alltag, die Gewalt im Verborgenen dort angeschaut? Wie unzählige Kinder von ihren Eltern misshandelt werden? Wie Frauen vergewaltigt werden? Wie sehr im Alltag Machtmissbrauch stattfindet? Usw. Natürlich können solche Nationen Kriege führen, jederzeit, wenn sie es denn wollen, wenn sie gereizt werden und/oder wenn die Umstände es ermöglichen.“
Mir scheint es so zu sein, dass Kriege letztlich nur eine Art kurzfristige Transformation von Gewalt sind, ein öffentlich und in Gruppen Ausleben dessen, was eh schon da ist. Wenn kein Krieg herrscht, bedeutet dies nicht, dass im Privaten Frieden ist.
Für mich gibt es zwei große Anhaltspunkte dafür, in wie weit innerhalb von Gesellschaften große Gewalt- und Destruktionspotentiale vorhanden sind (oder auch nicht), die sich bei Gelegenheit und unter Umständen in Kriege transformieren können: Vergewaltigungsraten und Gewaltraten gegen Kinder. Zu Letzteren habe ich in dem eingangs verlinkten Beitrag bereits ausführlich etwas in diesem Zusammenhang geschrieben.
Kürzlich habe ich eine große UN Studie über Vergewaltiger in Asien besprochen. Zwischen einem von fünf (ca. 20 %) und einem von acht Männern(ca. 12,5 %) hat in den befragten asiatischen Ländern jemals eine Vergewaltigung begangen. Innerhalb dieser Studie wurde zudem auch auf Daten aus Südafrika hingewiesen, wo 37 % der Männer bereits eine Frau vergewaltigt haben.
In diversen afrikanischen Staaten erleben nach aktuellen Studien (hier und hier) bereits ca. 30 % der unter 18 Jahr alten Mädchen, dass sie zum Geschlechtsverkehr gezwungen werden. Gedanklich hinzu kommen noch die (sexuellen) Gewalterfahrungen ab dem Alter von 18. In dieser Region finden sich weitergedacht natürlich entsprechend auch sehr hohe Täterraten.
Zahlen über Vergewaltiger in Europa sind mir nicht bekannt. Die bislang größte Studie zum Gewalterleben von Frauen (über 42.000 Befragte) in Europa ergab, dass in Europa 1 von 20 Frauen (5 %) mindestens eine Vergewaltigung erlebt haben. (European Union Agency for Fundamental Rights (2014): Violence against women: an EU-wide survey. Wien. S. 3) Da Vergewaltigungen oft durch Mehrfachtäter ausgeübt werden, stehen diesen 5 % der Frauen wohl eher nicht 5 % der Männer gegenüber. Die Rate von Vergewaltigern in Europa liegt demnach unter 5 %.
In den USA sieht es wiederum schon etwas anders aus, als in Europa. 18,3 % der US-Frauen (über 9.000 Befragte) wurden bezogen auf lebenslange Erfahrungen nach aktuellen Daten vergewaltigt. (National Center for Injury Prevention & Control of the Centers for Disease Control and Prevention (2011): National Intimate Partner and Sexual Violence Survey. 2010 Summary Report. Atlanta, S. 18) Entsprechend ist auch der Anteil von Vergewaltigern an der männlichen Bevölkerung höher, als in Europa.
Alleine auf Grund dieser Zahlen lassen sich Gesellschaften in sehr destruktive, destruktive und weniger destruktive einteilen. Europa ist ohne Zweifel der friedlichste Kontinent und der am meisten sozial, kulturell und ökonomisch entwickelte. In Europa finden sich auch die niedrigsten Raten von Vergewaltigern/Vergewaltigungen und Kindesmisshandlung. D.h. auch im Kleinen und Privaten ist Europa weniger destruktiv, als der Rest der Welt. Das Weniger an Destruktivität im Privaten/Kleinen findet seinen Wiederhall im Großen, in Politik und sozialen Prozessen. Eine kurzfristige Transformation in einen großen Krieg wird schwer möglich, weil das tiefergehende Destruktionspotential nicht dafür ausreicht. Noch reicht das Destruktionspotential allerdings auch in Europa für „kleinere“ militärische Aktionen und Konflikte oder verdeckte Beteiligungen durch Waffenlieferungen usw.
Wenn ich mir jetzt noch einmal die Zahlen und Daten vor Augen führe, die die kürzlich veröffentlichte, bisher größte Studie zum Ausmaß der Gewalt gegen Kinder erfasst hat, wird mir klar, dass in vielen Teilen der Welt die Mehrheit der erwachsenen Menschen "Täter im Verborgenen" sind (an Kindern) und in sofern auch zu anderen destruktiven Aktionen (u.a. auf der politischen Bühne) grundsätzlich fähig sind. Die Länder mit den höchsten Gewaltraten gegen Kinder müssen besonders beäugt werden. Naja, im Grunde sind diese Länder bereits DIE Sorgenkinder der Welt: Zu ihnen zählen u.a. Syrien, Irak, Afghanistan, beide Kongos, Ägypten und Palästina. In diesen Ländern scheint Krieg und gewaltvolle politische Prozesse fast mehr zu sein als eine reine Transformation der Gewalt. Gewaltlose Konfliktlösungen und politische Prozesse auf Augenhöhe können gar nicht wirklich gedacht werden, weil bereits das Private überall von Gewalt durchzogen ist. (Und auch Kriegsverbrechen wie Vergewaltigungen durch Soldaten oder Folter und Mord an Kindern sind dann letztlich nur eine Fortführung der "Taten im Verborgenen" auf der öffentlichen Bühne.) Solchen Ländern kann man keine Demokratie geben, indem man ihnen einen aufgezwungenen demokratischen Überbau überstülpt. Die gewaltvollen Beziehungen des Alltags müssen bearbeitet werden. Und dies vor allem gegenüber Kindern. Ohne weit verbreitete Alltagsdestruktivität im Privaten/Verborgenen fehlt auch der politischen Destruktivität der Nährboden.
Um es noch einmal anders auszudrücken: Kriege sind also keine Zufälle, durch einzelne Ereignisse (Sturz eines Diktators, Attentat auf einen Thronfolger) herbeigeführte oder durch Armut und Gier erzeugte Taten. Sie sind einfach eine andere Ausdrucksweise von Destruktivität und Hass; von Destruktivität und Hass, die eh schon da sind. Diese Ausdrucksweise wird allerdings sicherlich durch Zufälle, einzelne Ereignisse und soziale Umstände mit geformt, das ist nicht der Punkt.
Dieses „Huch, die Deutschen waren mit für zwei Weltkriege verantwortlich, obwohl sie das Volk der Dichter und Denker sind.“ lasse ich längst nicht mehr gelten. Dieses „Huch“ gilt genauso für viele andere Nationen. Es gibt bei großen Kriegen kein „Huch“. Es gibt mehr ein „Natürlich sind diese Nationen zu allen erdenklichen Grausamkeiten und extremer Destruktivität fähig, haben Sie sich denn nicht mal den Alltag, die Gewalt im Verborgenen dort angeschaut? Wie unzählige Kinder von ihren Eltern misshandelt werden? Wie Frauen vergewaltigt werden? Wie sehr im Alltag Machtmissbrauch stattfindet? Usw. Natürlich können solche Nationen Kriege führen, jederzeit, wenn sie es denn wollen, wenn sie gereizt werden und/oder wenn die Umstände es ermöglichen.“
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